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Full text of "Deutsche Geschichtsblätter"

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^RA^y^" 


Deutsche  Geschlchtsblätter 

Monatsschrift 

zur 

f  öpderung  ißt  laodesgesehiohliliohen  foesebung 

unter  Mitwirkung  von 

Pror.  Bkchnuuui-Frag,  Prof.  Brejnig-Berlin,  Prof.  Kriar-Känigiberg, 

Prof.  Finke-Freibnrg  i.   B.,  Archivdirektor  Prof.  Hanaen-Köln,  Prof.  v.  Haigel-MU[icli«n, 

Prof.  Henner-WUribarK,  Scclionschef  T.'Inama-8temeKK-W''°t  ^">{.  Kolde-ErUngen, 

Prof.   KÖtcbuui-Berliii,  Archivr«!  Krieger- Karlsruhe,   Prof.  L-Amprecht-Lcipiig, 

Arcbiirat  W.  I4ppert-Dresden,  Archivar  Men-OsaabrUck,  Prof.  HOhlbacbcc-Wien, 

Prof.  V.  Ottenthai- Iniubnick,  Prof.  Oaw.  Redllch-Wien,  Prof.  v.  d.  Ropp-Maibnrg, 

Prof.  A.  Schulte-BreiUn,  Archiiral  SelloOldeoburg,  Geh.  Arcbivrat  Stttlin-Slnttearl, 

Archiirat  WlBChke-Zerbst,  Prof.  Weber-Prag,  Prof.  Wenck-Marbnrg, 

Archivrat  Wlnter-OtnabrUck,  Archivar  Witte-Schwerin, 

Prof.  T.  Zwiedineck-Sadcnhoret-Gru 

herausgegebcD  von 

Dr.  Armin  Tille 


Gotha 

Friedrich   Andreas  Perthes 
1902 


I 
.MS 


v/3-^ 


o9^0ll-l^^ 


Aufsätze :  sdte 

Albert»  Peter  P.  (Freibnrg  i.  B.):  Ortsgeschichte 193 — 208 

Gero,  Qeorg  (Zftrich):  Zur  Grundbesitzverteilung  in  der  Karolingerzeit   .  6$ — 76 

Hoemes,  MorU  (Wien):  Deutschlands  neolithische  Altertümer     .     .     .     .      145 — 152 
Kaaer,  Ktut  (Wien) :  Zur  politischen  und  sozialen  Bewegung  im  deutschen 

Bürgertum  des  XV,  und  X VI.  Jahrhunderts  i — 18  und  49 — 60 

KStsschke,  Rudolf  (Leipzig) :  Ortsflur ^  politischer  Gemeindebezirk  und'Xirch- 

spiel 273—295 

Lippeit,  VIToIdemar  (Dresden) :  Die  Oberlausitzische  Gesellschaft  der  Wissen» 

Schäften  und  ihr  Neues  Lausitzisches  Magazin 18 — 22 

MBsebeck«  Smst  (Metz) :  Zur  Geschichte  der  landesgeschichtlichen  Forschung 

in  Lothringen 121 — 129  und  192 

Polacsek,    Bmat   (Strafsburg) :   Der  Fortgang  der   deutschen   Denkmäler- 

inventarisation 137 — 144 

Schnapper- Arndt ,  O.  (Frankfurt  a.  M.):  Aus  dem  Budget  zweier  Schuh- 
machergesellen des  XVIL  Jahrhunderts 77—85 

SellOv  Q.  (Oldenburg) :  Nachträgliches  und  Nettes  zur  Literatur  der  Roland- 
Bildsäulen       33 — 48 

Tille,  Armin  (Leipzig):  Das  Germanische  Museum 261  —  271 

VälncsAv  lies  (Wien):  Historische  Topographie  mit  besonderer  Berück- 
sichtigung Niederösterreichs 97 — 109  and  129 — 137 

Weber«    Ottocer   (Prag):    Der    Verein  für    Geschichte  der  Deutschen   in 

Böhmen 167 — 172 

WehrmanOt  Martin  (Stettin):  Landesgeschichtliche  Lehr-  und  Lesebücher  .  225—235 
Winter»  Georg  (Osnabrück):  Aus  pommerschen  Stadtarchiven  249 — 261  and  295— 306 
Witte,  Hans  (Schwerin):   Ortsnamenforschung  und  Wirtschaftsgeschichte ,      153 — 166 

and  209—217 

Mittellimgeii: 

Archive :  Inventare  des  Grofsherzoglich  Badischen  Landesarchivs  23 ;  Urkunden 
des  Heiliggeistspitals  in  Freibarg  i.  B.  23 — 25;  Stadtarchiv 
Wien  -91—94;  Vereeniging  van  archivarissen  in  Nederland 
109— 112;  Archiv  der  Stadt  Hermannstadt  und  der  sächsischen 
Nation  112 — 113  und  172—173;  Stadtarchive  in  der  Provinz 
Posen  173 — 174;  Archiv  des  fürstlichen  Hauses  Castell  174; 
Inventare  Kölner  Pfarrarchive  217 — 2 20;  Stadtarchiv  Alten- 
burg 220 — 221;  Stadtarchiv  Borna  221;  Archivpflege  in  der 
Pfalz  235—237;  Dritter  Archivtag  307—308. 

Berichtigungen 192,  223—224,  248,  320 


Seite 
Denkmalpflege:  Zweiter  Tag  für  D.  in  Freibarg  1901  61 — 63;   Dritter  in 

Düsseldorf  1902 308 

Deutsch  als  Urkundensprache  (Max  Vancsa) 117 — 120 

Eingegangene  Bücher    31—32,  64,  95—96,  120,  144,  191— 192,  223, 

246 — 248,  271—272,  320 

Familienforschung  (Armin  Tille) 182—185 

Fransosenkrankheit  (Armin  Tille) 314 — 320 

Fundseichen  (Anthes) 91,  237—242 

Qesamtverein  der  deutschen  Oeschichts-  und  Altertumsvereine:  Ver- 
sammlung in  Freibarg  1901,  85— 91;  in  Düsseldorf  1902.  .  306 — 307 
Historische  Kommissionen:  Daisbarg  25;  Heidelberg  26 — 27;  WOrttem* 
berg  185  —  186;  Bayern  186;  Baden  186  —  187;  Königreich 
Sachsen  187;  Westfalen  221  —  223;  Lothringen  242;  Gesell- 
schaft fUr  Rheinische  Geschieh tskan de  243 ;  Sachsen  •  Anhalt 
312 — 313;  Hessen  und  Waldeck  313;  Thüringen  313 — 314. 

Landesgeschichte  im  Unterrichte 113 — 117 

Landesgeschichtliche  Bibliographie  (Armin  Tille) 178  —  182 

Merian 223 — 224 

Nekrologe:  Ludwig  Leiner  (Konrad  Beyerlc)  27 — 30;  Gustav  Veesenmeyer 
94;  Josef  Edmund  Jörg  95  und  192;  Heinrich  Gengier  (Th. 
Kolde)  187—188;  Karl  von  Hegel  (Th.  Kolde)  188—189; 
Alfred  Köberlin  243—246. 

Personalien 30—31»  1S9— 191 

Vereine:    Verein  fiir  die  Geschichte  Leipzigs    174-  175;   Verein   für  Roch- 
litzer  Geschichte  175—178;  Verein  für  Thüringische  Geschichte 
und  Altertumskunde  308 — 3 1 1 ;  Deutsch-Amerikanische  Historische 
Gesellschaft  von  Illinois  311 — 312. 
Versammlung  deutscher  Philologen  und  SchulmSnner  1901     ....  63 — 64 

Zeiller 224,  320 


r  ■v^  ■^  x^  v.X'x-  ■^•■N»  "^ 


Deutsche  Ceschichtsblätter 

Monatsschrift 


cur 


Forderung  der  landesgeschiclitlichen  Forsclmng 

ni.  Band  Oktober  xgox  i.  Heft 


Zur  politischen  und  sozialen  fievtregung 
im  deutsehen  Bürgertum  des  XV.  und  XVl. 

Jahrhunderts 

Von 
Kurt  Käser  (Wien) 

Vorliegende  Abhandlung'  soll  ein  Nachwort  sein  zu  meinem  1899 
erschienenen  Buche:  Politische  und  soziale  Bewegungen  im  deut- 
schen Bürgertum  zu  Beginn  des  XVL  Jahrhunderts,  (Stuttgart, 
W.  Kohlhammer.)  Ich  verbinde  damit  den  dreifachen  Zweck,  erstens 
den  im  Buche  gebotenen  Stoff  nach  manchen  Richtungen  hin  zu  er* 
ganzen,  zweitens  die  allerdings  nur  sehr  wenigen  neueren  Arbeiten 
über  denselben  Gegenstand  in  Kürze  zu  besprechen  und  endlich  — 
dies  ist  für  mich  das  Wichtigste  —  die  Forschung  und  zwar  namentlich 
die  orts-  und  landesgeschichtliche  Forschung  hinzuweisen  auf  das,  was 
noch  zu  thun  bleibt. 

In  der  Einleitung  meines  Buches  habe  ich  auch  die  städtischen 
Bewegungen  des  XV.  Jahrhunderts  gestreift  und  in  politische  und 
soziale  geschieden.  Über  erstere  Gruppe  seien  mir  noch  zwei 
Bemerkungen  gestattet.  Die  zünftig -demokratische  Bewegung,  die 
schon  in  der  zweiten  Hälfte  des  XIV.  Jahrhunderts  auch  den  deutschen 
Norden  berührt  *),  regt  sich  dort  mit  erneuter  Energie  zu  Beginn  des 
XV.  Jahrhunderts.  Dauernde  Erfolge  bleiben  ihr  indes  ebenso  ver- 
sagt, wie  später  zur  Zeit  Jürgen  Wullenwevers.  Der  Boden  der  Hansa 
erweist  sich  einer  demokratischen  Stadtherrschaft  weit  weniger  zu- 
gänglich als  der  deutsche  Süden  und  Westen.  Manche  der  politischen 
Bewegungen  des  XV.  Jahrhunderts  bilden  eine  direkte  Fortsetzung 
früherer:    sie    zielen    ab    auf  die  Vernichtung   der  noch  bestehenden 


1)  K.  W.  Nitrsch,  Geschichte  des  deutschen   Volkes,  III.  298. 


—     2     — 

Rechte  patrizischer  Herrschaft,  auf  die  Vollendung  der  Demokratie, 
z.  B.  in  Braunschweig,  Mainz  und  Halle  *). 

Eine  genauere  Betrachtung  dieser  politischen  Kämpfe  *)  gehört 
jedoch  in  einen  anderen  Zusammenhang.  Wichtiger  ist  es  für  die 
künftige  Forschung,  den  sozialen  Bewegungen  des  XV.  Jahrhunderts 
weiter  nachzugehen,  die  ich  einstweUen  nur  fiir  Magdeburg,  Braun- 
schweig, Rostock  und  Hamburg  feststellen  konnte.  Es  lieise  sich 
vielleicht  auch  der  Streik  der  Hallenser  Salzwirker  von  1474  heran- 
ziehen, eine  Episode  in  dem  mehrjährigen  Kampfe  der  Handwerker 
und  der  Gemeinde  gegen  die  Trümmer  des  pfannerschaftlichen  Regi- 
ments ').  Lohnstreitigkeiten  mit  den  Bommeistem  und  den  Schöffen 
im  „Thal**  veranlafsten  die  Wirker  und  Jahrknechte  zur  Einstellung 
der  Arbeit.  Markus  Spittendorf,  der  uns  diese  Dinge  erzählt,  giebt 
unverhohlen  der  Meinung  Ausdruck,  der  Streik  sei  von  der  demo- 
kratischen Partei  zur  Schwächung  der  Pfanner  angezettelt  worden. 

Auch  der  Konflikt  zwischen  Augsburger  Webern  und  Kaufleuten 
von  1491 ,  der  uns  nur  durch  eine  kurze  Notiz  Stettens  überliefert 
ist,  gehört  in  die  Reihe  der  Sozialrevolutionären  Erscheinungen  des 
XV.  Jahrhunderts  und  verdiente  eine  gründliche  Untersuchung  *). 

Vielleicht  viel  mehr  noch  als  für  das  XV.  Jahrhundert  bleibt  zu 
thun  für  die  städtischen  Unruhen  innerhalb  der  zwei  ersten  Dezennien 
des  XVI.  Jahrhunderts.  Peter  Albinus  und  nach  ihm  der  Zwickauer 
Chronist  Schmidt  erzählen  von  einem  gefährlichen  Aufruhr  des 
Zwickauer  Pöbels,  den  der  gelehrte  Jurist  Dr.  Kilian  König,  von 
1498 — 1505  Mitglied  des  Stadtrats,  durch  seine  Beredsamkeit  gedämpft 
habe.  Sonst  soll  nichts  darüber  bekannt  sein;  vielleicht  liefsen  sich  aber 
doch  noch  archivalische  Nachrichten  über  dieses  Ereignis  ermitteln  ^). 

Nicht  erwähnt  habe  ich  den  Konflikt  zwischen  Rat  und  Bürger- 
schaft,   besonders    den  Handwerkern  in  Kamenz  ^).     In  den  Städten 

i)  Städtecbroniken  i6,  332—335;  LU— LIV,  86,  87.  Mein  Buch  S.  19.  Hertzberg,. 
Geschichte  von  Halle  I,  314.  327.  468. 

2)  Über  Reibungen  zwischen  Rat  and  Gemeinde  zu  Torgan  (1456  nnd  1481),  offenbar  der 
Finanzgebamng  des  ersteren  wegen  s.  Knabe,  Urkunden  der  Stadt  T.  bis  zur  Reformation,  S.  52  ff. 

3)  Denkwürdigkeiten  des  Ratsmeisters  Markus  Spittendorf  in  „  Geschichtsquellen  der 
Provinz  Sachsen'',  Bd.  11  (1880),  S.  26 — 29.  Über  Biirgemnrnhen  in  Naumburg  1450 ff. 
vgl.  Ernst  Hoffmann,  Naumburg  a.  S.,  im  Zeitalter  der  Reformaüon,  ein  Beitrag  zur  Geschichte 
der  Stadt  u.  des  Bistums.  [=  Leipziger  Studien  aus  dem  Gebiet  der  Geschichte  VII.  i.} 
Leipzig,  L.  G.  Teubner,  1901.    Die  Arbeit  ist  mir  leider  im  Augenblick  nicht  zugänglich» 

4)  V.  Stetten,  Geschichte  Augsburgs  I,  232.  233. 

5)  Archiv  f.  sächs.  Gesch.  Bd.   il.  (1873),  S.  206. 

6)  Knothe,  Geschichte  des  Tuchmacherhandwerks  in  der  Oberlausitz,  Niederlau* 
sitzisches  Magazin,  58.  Bd.  (1882),  S.  331.  332. 


—     3     — 

der  Oberiausitz  waren  die  Unterschiede  des  Besitzes  scharf  ausgeprägt, 
auch  hier  streben  die  Handwerker,  in  erster  Linie  die  Tuchmacher, 
trotz  ihres  geringeren  Wohlstandes  im  Vertrauen  auf  ihre  Zahl  und 
Bedeutung  schon  seit  dem  XIV.  Jahrhundert  nach  einem  gesicherten 
Anteil  am  Stadtregiment  ^).  Diese  Bestrebungen  dauern  zum  Teil  bis 
ins  XVI.  Jahrhundert  fort.  In  Kamenz  erhob  sich  am  i8.  Dezember 
1508  ein  heftiger  Aufstand  der  Handwerker  gegen  den  Rat,  der  sich 
durch  inkorrekte  Finanzwirtschaft,  durch  Willkür  und  Parteilichkeit 
verbalst  gemacht  hatte.  Nach  einer  Zeit  völliger  Anarchie  kam  es 
zur  Aufrichtung  eines  unfähigen,  sich  rein  auf  den  Pöbel  stützenden 
demokratischen  Regiments,  das  15 11  auf  Betreiben  der  gestürzten 
Partei  von  König  Wladislaw  wieder  beseitigt  wurde. 

Von  den  Aufständen  der  Jahre  1509  bis  15 14,  die  ich  in  meine 
Darstellung  einbezogen  habe,  sollten  einige  noch  zum  Gegenstand 
einer  tiefer  eindringenden  Forschung  gemacht  werden.  So  der  Auf- 
stand zu  Göttingen  (15 13),  von  dem  wir  bis  jetzt  nur  durch  einen 
einzigen,  noch  dazu  unvollständigen  Bericht  Kunde  erhalten,  dann  die 
bürgerlichen  Zwistigkeiten  in  Höxter,  von  denen  uns  einstweUen  nur 
das  Ergebnis,  nämlich  der  durch  den  Abt  Franz  von  Corvey  zwischen 
Rat  und  Gemeinde  aufgerichtete  Vertrag  überliefert  ist.  Sehr  dankens* 
wert  wäre  auch  eine  gründlichere  Erforschung  der  interessanten  Vor- 
gänge in  Lüttich  um  die  W*ende  der  Jahre  15 12  und  15 13,  die  wir 
vor  der  Hand  nur  aus  chronikalischen  Berichten  kennen.  Auch  für  den 
Schweinfurter  Aufstand  (15 13)  liefse  sich  das  Material  vielleicht  noch 
vervollständigen,  das  einstweUen  nur  aus  zwei  Volksliedern  bei  Liliencron 
und  dürftigen  urkundlichen  Nachweisen  in  den  Monumenta  Suiiu 
furtensta  besteht.  Endlich  liefse  sich  der  Hinweis  Müllers  *)  auf  die 
in  jenen  Jahren  zwischen  Rat  und  Gemeinde  von  Nördlingen  statt- 
findenden Reibungen  vielleicht  noch  weiter  verfolgen.  Vor  allem  aber 
möchte  ich  die  Aufmerksamkeit  der  Forschung  lenken  auf  den 
Regensburger  Aufstand  von  1 5 1 2  und  1 5 1 3 ,  in  dessen  Verlauf  sich, 
wie  es  scheint,  eine  sozialistische  Partei  der  Führung  bemächtigt  hat. 
Wir  kennen  die  Bewegung  nur  aus  dem  verschwommenen,  abgerissenen 
Bericht  des  Regensburger  Chronisten  Leonhard  Widmann  und  aus 
der  zwar  aktenmäfsigen ,  aber  gleichfalls  wirren  und  ungeordneten 
Darstellung  Gemeiners.  Eine  Untersuchung  auf  Grund  der  Akten  selbst 
wäre  hier  dringend  notwendig  '). 

l)  Knothe  a.  a.  O.  S.  310—312. 

a)  Zeitschrift  des  Vereins  f.  Gesch.  v.  Schwaben  n.  Neabnrg,  Bd.  XVII,  S.  12. 

3)  Die  genaaeren  Quellennachweise  s.  in  meinem  Bache  S.  157— 163. 165. 1 75-^178« 


—     4     — 

Ganz  unaufgeklärt  sind  auch  noch  die  Ereignisse  in  Nordhausen, 
die  nach  einer  Notiz  des  VigneuUes  zu  blutigem  Ausgang  geführt 
haben  ^).  Aufiser  den  von  mir  behandelten  Aufständen  berichtet 
Trithemius  *)  für  die  Jahre  1512  und  1513  von  Unruhen  in  Deventer, 
Andernach,  Lübeck.  Hier  bieten  sich  also  der  Forschung  noch  ganz 
unberührte  Aufgaben,  denn  vor  allem  wäre  die  Richtigkeit  der  An- 
gaben zu  untersuchen. 

Der  Andernacher  Aufstand  hat  durch  den  Herausgeber  dieser 
Zeitschrift  auf  Grund  des  archivalischen  Materials  eine  erschöpfende 
Behandlung  erfahren  ^).  Die  Datierung  des  Trithemius  erweist  sich  als 
falsch,  denn  in  Wahrheit  ist  der  Aufstand  ohne  Zweifel  in  den  Sommer 
15 II  zu  setzen,  wiewohl  Spuren  aufrührerischer  Gesinnung  sich  noch 
weiter  zurückverfolgen  lassen.  Schon  im  Mai  1496  findet  eine  un- 
gesetzliche Versammlung  der  Gemeinde  statt,  doch  wissen  wir  nicht, 
welche  Ereignisse  und  Klagen  die  Bürger  zu  diesem  hochverräterischen 
Schritte  getrieben  haben.  Eine  erneute  Versammlung  der  Gemeinde 
ohne  Erlaubnis  des  Rats  erfolgt  1506,  wobei  ein  gewisser  „Grofs- 
Johann**  als  Rädelsführer  bezeichnet  wird.  Erst  am  5.  November  15 10 
werden  die  Beschwerden  der  Bürger  laut.  „Sie  berühren  das  Stadt- 
regiment in  finanzieller  Hinsicht  und  zielen  darauf  ab,  der  Gemeinde 
eine  Kontrolle  über  die  Finanzgebahrung  des  Rates  zu  verschaffen/' 
Ähnliche  Klagen  und  Forderungen  werden  auch  bei  den  früheren, 
rechtswidrig  abgehaltenen  Versammlungen  zur  Sprache  gebracht  worden 
sein.  Im  folgenden  Jahre  gestaltete  sich  die  Lage  wieder  kritisch, 
doch  wurde  auch  jetzt  das  Schlimmste,  ein  blutiger  Aufruhr,  ver- 
mieden, denn  am  7.  November  15 11  wurde  durch  den  Kölner  Erz- 
bischof Philipp  ein  Ausgleich  getroffen,  der  indes  die  Bürger  nicht 
befriedigen  konnte.  Die  Versammlung  der  Bürger  blieb  verboten, 
nur  ein  Beschwerderecht  beim  Landesherm  wurde  den  Bürgern  ein- 
geräumt, der  wichtigste  Punkt  aber,  das  städtische  Finanzwesen,  blieb 
unberührt.  Erst  1522  kommt  es  zu  neuen  Unruhen.  Die  Gemeinde 
fuhrt  jetzt  Klage  über  die  Verkümmerung  des  Beschwerderechts,  über 
das  Fehlen  eines  Organs,  das  die  Gemeinde  dem  Rat  gegenüber  ver- 
trete, und  über  den  Mangel  einer  Finanzkontrolle  seitens  der  Bürger. 
Erzbischof  Philipp  greift  wieder  als  Schiedsrichter  ein  und  befriedigt 


i)  Tagebach  des  VignenUes  S.  231. 

2)  Annale«  Hirsaugienses  II,  689. 

3)  Armin  Tille,  Bürgerunruhen  in  Andernach  am  Ende  des  XV,  und  Anfang 
des  XVI,  Jahrhunderts^  in  den  Annalen  des  historischen  Vereins  fUr  den  Niederrhein, 
70.  Heft  (1900),  S.  31—42. 


—     5     — 

die  Wünsche  der  Bürger  durch  Einsetzung  eines  Achterkollegiums, 
das  die  Interessen  der  Gemeinde  gegenüber  dem  Rate  wahren,  ins- 
besondere der  jährlichen  Rechnungslegung  beiwohnen  sollte. 

Diese  Bürgemnruhen  zu  Andernach  zeigen  den  typischen  Charakter 
der  städtischen  Bewegungen  am  Anfang  des  XVI.  Jahrhunderts.  Sie 
sind  hervoi^erufen  durch  die  Unzufriedenheit  der  Gemeinde  mit  der 
Finanzverwaltung  des  Rates  und  fuhren  —  in  Andernach  etwas  später 
als  an  manchen  anderen  Orten  —  zur  Schaffung  einer  eigenen  Ge- 
meindevertretung,  eines  Organs  der  Kontrolle  über  die  städtischen 
Finanzen.  „Den  wesentlichsten  VorteU  aus  den  Veränderungen  hatte 
aber  der  Landesherr  gezogen,  der  jetzt  auf  die  Verwaltung  seiner 
Landstadt  einen  ganz  anderen  Einflufs  üben  konnte,  als  ehedem." 

Ein  Antrieb  zu  weiterer  Forschung  liegt  auch  in  der  Bemerkung 
Trithems,  es  habe  sich  aufser  den  von  ihm  namhafl  gemachten 
Städten  die  Bewegung  auch  noch  auf  andere  Orte  erstreckt,  quarum 
vocabula  memoriae  non  occurrunt.  Eine  ähnliche  Äufserung  knüpft 
das  Chronicon  Brunwilrense  an  die  Schilderung  des  Kölner  Auf- 
standes von  15 13:  Circa  tdem  tempus  in  muUis  regionibtts  et 
civitaiibiis  dissentio  facta  fuit  et  volgiis  se  contra  consulatum  erexit 
et  alias  ordinationes  exacta  prius  computatione  canstituit.  *) 

Diese  Angaben  klingen  sehr  wahrscheinlich.  Wir  besitzen  An- 
haltspunkte dafür,  dafs  der  unruhige  Geist  in  den  deutschen  Bürger- 
schaften damals  weiter  verbreitet  war,  als  man  bisher  annehmen  konnte. 
Einen  Beleg  dafür  bringt  G6ny  in  seinen  Untersuchungen  über  Schlett- 
stadt  *).  Dort  kamen  im  Frühjahr  15 10  Ruhestörungen  vor.  Etliche 
Bürger  wurden  „wegen  unziemlicher  Handlung"  ins  Gefängnis  gelegt. 
Da  trat  einer  Namens  Konrad  Rosenmeyer  auf  öffentlichem  Markte 
vor  vielen  Menschen  auf  und  rief  unter  Flüchen  und  Verwünschungen 
aus :  Es  thut  nymer  gut,  wir  schlagen  dann  einest  die  Riehen  zu 
Tode,  und  halt  ich  meine  Gesellen,  die  ich  vor  Jaren  gewisset  habe, 
so  wollen  wir  die  Gefangnen  wider  ufs  dem  Thurn  nehmen. 
Und  dann  gegen  Himmel  blickend:  O  wo  ist  der  Schuhmacher, 
der  den  Bundschuh  gemacht  hat,  und  ich  dürfte  wol  für  Rat 
gehen  und  dem  Rat  dise  Worte  selbs  sagen.  Er  wurde  mitten  im 
Volksauflauf  festgenommen  und  vor  Gericht  gestellt.     Auf  die  Bitten 


1)  Niederrheio.  Annal.  Bd.  XIX.  (1S68),  S.  258. 

2)  Joseph  G6ny,  Die  Reichsstadt  SchUttstadt  und  ihr  Anteil  an  den  sotial- 
poUtischen  und  religiSsen  Bewegungen  der  Jahre  1490—153^  (Erläuteningcn  und  Er- 
gänzangen  zu  Janssen«  Geschichte  des  deutschen  Volkes,  heraosg.  v.  Ludwig  Fastor, 
I.  Band,  5.  u.  6.  Heft).     Vgl.  S.  85. 


Deutsche  GescMchtsblätter 

Monatsschrift 

zur 

f  öpdepung  den  landesgesohichtliGhen  f  opsebung 

unter  Mitwirkung  von 

Prof.  Bachmuin-Pr>|;,  Prof.  BreyBig-Berliu,  Prof.  Brler-Königiberg, 

Ptof.  Finke-Ficibarg  i    B.,  Archivdirektar  Prof.  Hansen-Köla,  Prof.  v.  Holgel-Milachen, 

Prof.  HcDner-WUribiirg,  Sedionichef  v.  laam&-atemeg{[-Wien,  Prof.  Kolde-Erlangen, 

Prof.   KÖBBlnna-Berlin,  Archivr*t  Krieger- Ksrlsnihe,  Prof.  Lamprecht-Leipzig, 

ArchiTrat  W,   Lippert-Dreaden,  Archirmr  Men-Osoabrück,  Prof.  MUhltwchet-Wien, 

Prof.  V.  Ottentbäl-Iniubnick,  Prof.  Osw.  Redlich- Wies,  Prof.  v.  d.  Ropp- Marburg, 

Prof.  A.  Scfaulle-BreiUa,  Archivrat  S eil □- Oldenburg,  Geh.  Archivrat  StBlin-SlqtIgarl, 

Archirrat  WSschke-Zerbst,  Prof,  Weber-Prag,  Prof.  Wenck-Marbarg, 

Archivrat  Winter-Osnabrück,  Archivar  Witte-Schwerin, 

Prof.  V.  Zwiedineck-SUdenhorat-Grai 

herausgegeben  von 

Dr.  Armin  TUle 


Gotha 

Friedrich   Andreas  Perthes 
1902 


—     8     — 

mann  angewiesen  sind,  auf  Grundlage  der  im  Stuttgarter  Staatsarchiv 
verwahrten  Bundesakten  einer  speziellen  Behandlung  unterzogen  würde. 
Gerade  in  Heilbronn  sind  ja  die  revolutionären  Tendenzen  mit  grösse- 
rer Heftigkeit  aufgetreten  als  vielleicht  in  irgend  einer  anderen  Stadt 
jener  Gegend:  es  wäre  besonders  die  interessante  Vorgeschichte 
des  Auistandes,  das  Walten  des  revolutionären  Klubs,  die  Propaganda 
einzelner  Heilbronner  auf  dem  platten  Lande,  dann  auch  die  Fühlung- 
nahme des  Proletariats,  besonders  der  Weingärtner  mit  den  Bauern 
eingehend  zu  beleuchten. 

Für  die  wichtigeren  Städte  der  dem  Herzogtum  Württemberg  be- 
nachbarten Gebiete,  namentlich  im  Ries  — Nördlingen,  Dinkels- 
bühl, Bop  fingen,  El  Iwangen  —  ist  das  vorhandene  gedruckte  und 
ungedruckte  Material  wohl  schon  von  Müller  erschöpfend  ausgenützt  ^). 
Erwähnt  sei  hier  noch,  dafs  Oettingen  von  seinen  Herren  abfiel,  mit 
Hilfe  des  Markgrafen  Kasimir  von  Brandenburg  aber  wieder  zum  Ge- 
horsam gebracht  wurde,  ein  Ereig^s,  das  auch  auf  die  Zerstreuung  des 
Deininger  Haufens  einen  gewissen  Einflufs  geübt  haben  mag  *). 

Die  Unruhen  in  den  Städten  der  brandenburgischen  Markgraf- 
schaft hat  Jäger  bereits  behandelt ').  Die  Gemeinde  von  Wasser- 
trüdingen  trug  lebhaftes  Verlangen,  den  Bauern  bei  der  Plünderung 
der  nahen  Klöster  Heidenheim  und  Auhausen  zuvorzukommen.  Sogar 
die  kommunistischen  Ideen  der  Zeit  hatten  in  dem  Städtchen  Boden 
gefafst  *). 

Auch  für  die  Bewegungen  in  den  gröfseren  Städten  Ostfrankens 
bleibt  dem  Forscher  wohl  wenig  mehr  zu  thun,  da  das  Material  in 
stattlicher  Fülle  gedruckt  und  zum  Teil  schon  verarbeitet  vorliegt. 
Gerade  für  diese  Gegenden  steht  uns  ja  eine  reiche  chronikalische 
Überlieferung  zu  Gebote.  Die  Vorgänge  in  Nürnberg,  wo  der  Rat 
durch  gewandte  Diplomatie  die  Bauern  hinzuhalten  imd  einem  Aus- 
bruch des  Volksunwillens  in  seinen  eigenen  Mauern  durch  rechtzeitige 
Zugeständnisse  zu  begegnen  wufste,  hat  Kam  an  n  in  einer  eigenen 
Monographie  dargestellt  ^).  Über  die  Bewegungen  in  Würzburg  werden 
wir  unterrichtet  durch  die  Aufzeichnungen  des  Stadtschreibers  Martin 
Cronthal  und  des  bischöflichen  Sekretärs  Lorenz  Fries,   über  die  in 


i)  Zeitschrift  des  Vereins  f.  Geschichte  von  Schwaben  n.  Nenbarg,  Bd.  XVI  n.  XVII, 
1889  n.  1890.     Vgl.  besonders  Bd.  XVI,  S.  76.  94—95.  96  ff. 

2)  Jäger,  Markgraf  Kasimir  o.  der  Bauernkrieg  im  südlichen  Ries  S.  17. 

3)  ^S^'  jÄger   a.   a.    O.   über  Crailsheim  n.  Wassertrüdingen ,  z.  B.  S.  33.  34.  77. 

4)  Jäger  a.  a.  O.  S.  46. 

5)  .Kamann,  Nürnberg  im  Bauernkrieg,  1889. 


—     9     — 

Rothenburg  a.  T.  durch  die  Chroniken  des  Stadtschreibers  Thomas 
Zweifels  und  des  Mönches  Eysenhardt.  Doch  könnte  eine  Nachlese  in 
den  Archiven  dieser  Städte  vielleicht  noch  manche  Ergänzung  liefern. 
Sehr  wünschenswert  wäre  eine  Darstellung  der  Revolution  in  Stadt  und 
Hochstift  Bamberg.  Das  Material  dazu  hat  W.  Stolze  1898  gesammelt, 
doch  ist  die  Veröffentlichung,  wie  es  scheint,  bisher  noch  unterblieben. 
Endlich  hat  Schweinfurt  ein  Bündnis  mit  den  Bauern  abgeschlossen, 
dessen  Entstehungsgeschichte  noch  aufzuklären  wäre.  ^). 

In  der  Landgrafschaft  Hessen  sind  städtische  Bewegungen  von 
grölserer  Bedeutung,  wie  es  scheint,  unterblieben.  Die  rebellischen 
Bauern  der  Rhöngegend  suchten  zwar  von  Hersfeld  aus  die  hessischen 
Städte  Kassel,  Alsfeld,  Homburg  u.  a.  brieflich  zum  Abfall  zu  be- 
wegen.   Doch  hatten  ihre  Schreiben  keine  Wirkung  *). 

In  den  grö&eren  Städten  Thüringens  harren  noch  wichtige  Auf- 
gaben der  Lösung.  Vor  allem  wäre  erwünscht,  dafs  die  von  Merx 
begonnene  Biographie  Münzers  und  Pfeifers  zum  Abschlufs  geführt 
würde.  Erst  nach  Vollendung  dieser  Arbeit  würden  wir  wohl  auch 
von  den  revolutionären  Ereignissen  in  Mühlhausen  ein  vollständiges 
und  richtiges  BUd  erhalten  ^).  Auch  die  Bewegungen  in  Nordhausen, 
für  die  wir  bis  jetzt  nur  die  ältere  Arbeit  Förstemanns  besitzen,  wären 
einer  neuen  Untersuchung  wert  ^). 

1}  VgL  mein  Bach  S.  246. 

2)  Falkenhainer ,  Philipp  d.  Grofsmütige  im  Bauerokrieg.     Marburg  1887. 

3)  O.  Merx,  Thomas  Münzer  und  Heinrich  Pfeifer,  Göttingen  1889.  Über  die 
SteUung  Herzog  Georgs,  der  Emestiner  u.  Philipps  v.  Hessen  zu  den  revolutionären  Er- 
eignissen in  M.  vgl.  W.  Karstens,  Sächsisch-hessische  Beziehungen  in  den  Jahren  1524, 
1525  n.  1526.  (Zeitechr.  d.  Vcr.  L  thttring.  Gesch.,  N.  F.,  Bd.  Vm,  1893,  S.  338—45). 
Ans  den  Verhandlungen  zu  Naumburg  u.  Trefiurt  zwischen  den  Räten  der  oben  genannten 
Fürsten  im  Februar  u.  April  1525  ergiebt  sich  insbesondere  die  Interessengemeinschaft 
Herzog  Georgs  mit  dem  vertriebenen  Rat  von  M.,  eine  Haltung,  die  nach  der  Einnahme 
der  Stadt  dieser  lebhaft  zu  gute  kam. 

4)  Föntemann,  Kleine  Schriften  S.  86,  In  Frankenhaasen  liefsen  sich  auch  wohl- 
habende Bürger,  wie  Pfanner  u.  Grundbesitzer,  zur  Teilnahme  am  Aufruhr  verleiten,  vgl. 
Zeitschr.  d.  Ver.  f.  thür.  Gesch.,  N.  F.,  Bd.  VIII,  1893,  S*  H-  Auch  die  kleineren 
thfiringischen  Städte  wurden  von  der  Bewegung  fortgerissen.  In  Sonderthausen  und 
Arnstadt  beteiligte  sich  der  Pöbel  an  den  Ausschreitungen  der  eingedrungenen  Bauern 
(a.  a.  O.  S.  14.  15).  In  Dm  kam  es  zu  einem  Aufruhr,  dessen  Wiederholung  nur  die 
Beredsamkeit  des  vom  Bürgermeister  berufenen  Eberlin  v.  Günzburg  verhüten  konnte. 
Vgl.  Radlkofer,  Jakob  Wehe  n.  Eberlin  v.  Günzburg  S.  521.  Biaenach  gehörte  dem 
von  Th.  Münzer  gestifteten  Bunde  an,  vgL  Münzers  Schreiben  vom  7.  Mai  1425,  Zeitschr. 
f.  hessische  Geschichte  Bd.  IX,  Urkunde  XII.  Auch  wurden,  wie  es  scheint,  Mönche  und 
Priester  von  dort  vertrieben,  vgL  Holzwart  in  Baumanns  „Quellen  z.  Gesch.  d.  Bauern- 
kriegs in  Oberschwaben*'  S.  712. 


—     10     — 

In  Erfurt  verfolgt  die  Bewegung  in  der  Stadt  wie  im  Landgebiete 
übereinstimmend  ein  politisches  Ziel.  Die  städtischen  Unruhen  hatten 
mit  dem  „Pfaffenstürmen"  von  1522  begonnen.  Zugleich  aber  wurde 
durch  die  Wiederaufhebung  der  von  der  demokratischen  Partei  in  der 
Stadt  durchgesetzten  Regimentsverbesserung  der  Kampf  um  die 
politische  Gleichberechtigung  aufs  neue  heraufbeschworen.  Ebenso 
ist  die  Empörung  der  Erfurter  Bauern  nicht  aus  wirtschaftlichen,  sondern 
aus  politischen  Ursachen  hervorgegangen.  Die  Bauern  waren  empört 
über  die  jährlich  wachsenden  direkten  und  indirekten  Steuern,  über 
den  Mangel  an  staatlichem  Schutz  und  über  ihre  politische  Recht- 
losigkeit. Die  in  den  Artikeln  vom  10.  Mai  1525  geforderte  Unter- 
stellung der  Besteuerung  unter  den  Willen  der  ganzen  Gemeine  und 
Landschaft,  die  nach  anderen  Akten  erweisliche  gleichzeitige  Er- 
hebung eines  „ewigen  Rates**  durch  die  „Verordneten  der  ganzen  Ge- 
meine und  ganzen  Landschaft**  und  dessen  zukünftige  Kontrolle  durch 
Vormünder  der  „Gemeine  und  des  ganzen  Landvolks**  zeigen  deutlich 
genug,  da(s  der  Bauernaufstand  im  Gebiet  von  Erfurt  mehr  den 
Charakter  einer  politischen  als  einer  sozialen  Revolution  trug  ^). 
W.  Schum  hat  versprochen ,  in  einer  besonderen  Abhandlung  Zu- 
sammenhang und  Zusammenflufs  des  städtischen  Verfassungskampfes  mit 
der  Bewegung  der  ländlichen  Bevölkerung  zu  erweisen,  ist  uns  aber, 
soweit  ich  sehe,  die  Erfüllung  dieses  Versprechens  einstweilen  schuldig 
geblieben. 

Auch  in  Gotha  gewannen  die  Verhältnisse  dank  den  im  geist- 
lichen und  weltlichen  Regimente  herrschenden  Ubelständen  eine  äuiserst 
bedrohliche  Gestalt.  Wirtschaftliche  Beschwerden  über  die  Insassen 
des  Stifts  und  der  Groll  der  Bürger  über  das  unsittliche  Treiben  der 
Kanoniker  führten  auch  in  dieser  Stadt  um  Pfingsten  1524  zu  einem 
heftigen,  von  der  Obrigkeit  geduldeten  „Pfaflfenstürmen**.  Die  Häuser 
der  Domherren  wurden  verwüstet,  ihre  Dirnen  davongejagt.  Kurfürst 
Johann  Friederich  verurteilte  die  Bürger  für  diese  Ausschreitungen  zu 
einem  Schadenersatz  von  300  Gulden  *). 

Auch  die  weltliche  Obrigkeit  hatte,  wenigstens  nach  den  Angaben 
des  Myconius  *) ,  schwere  Verschuldungen  auf  sich  geladen.  Der  Rat 
habe  sich  selbst  ergänzt,  der  Gemeinde  jeden  Einblick  in  seine  Finanz- 


i)  W.  Scham,  Über  bänerliche  Verhältnisse  u.  Verfassung  der  Landgemeinden  im 
Erfurter  Gebiet  zur  Zeit  der  Reformation,  Zeitschr.  des  Ver.  f.  thttr.  Gesch.,  N.  F  l, 
1879,  S.  101—102. 

2)  Beck,  Geschichte  des  Gothaischen  Landes,  Bd.  II,  305. 

3)  Myconius  bei  Beck  S.  112.  113.  114.   117. 


—    11    — 

g^bahrung'  verweigert,  gegen  jede  Kontrolle  gesichert  am  Stadtgut 
gröbliche  Veruntreuung  geübt,  die  Mauern  verfallen,  das  Wasser  aus 
den  Stadtgräben  austreten  und  die  Keller  überschwemmen  lassen,  den 
Frechheiten  der  städtischen  „jeunesse  doree"  ruhig  zugesehen ,  jeden 
Einspruch  gegen  diese  Mifsverhältnisse  gewaltsam  unterdrückt.  Auch 
das  wiederholte  landesherrliche  Eingreifen  habe  nur  wenig  geholfen. 

Trotzdem  ist  1525  eine  Bewegung  in  Gotha  unterblieben.  Es 
bUeb  diese  Stadt  und  Amt  sitzen.  Denn  es  war  das  neulich  ge- 
stäupte Kind  witzig  wurden,  IVu  aber  Gottes  Wort  und  das  täg- 
liche Vermahnen  nicht  auch  da  gewest,  und  der  Rat  nicht  die 
Bürger  flei/sig  verwarnt,  hätte  es  doch' nicht  geholfen,  man  hätte 
sich  der  Aufruhr  teilhaftig  gemacht  Die  unmittelbare  Folge  des 
„P&ffenstürmens"  war  die  Berufung  des  Myconius  und  die  Durchfuhrung 
der  Reformation.  Es  wäre  gut,  wenn  diese  uns  vor  der  Hand  nur 
durch  Myconius  überlieferten  Verhältnisse  noch  eine  tiefere,  akten- 
mä&ige  Begründung  erhielten. 

An  den  beiden  Hauptstädten  des  Herzogtums  Sachsen,  Dresden 
und  Leipzig,  ist  der  Sturm  ohne  gröfiseres  Unheil  vorübergezogen. 
Wenn  der  Stadtklerus  in  Dresden  im  Jahre  1525  einem  Bürgeraufstande 
entging,  so  hatte  er  dies  wohl  nur  seiner  etliche  Jahre  zuvor  geübten 
Nachgiebigkeit  zu  verdanken.  Unter  Herzog  Georg  war  das  Verhältnis 
der  Bürger  zum  Klerus  immer  schlechter  geworden,  ja  1520  fand  die 
allgemeine  Unzufriedenheit  Ausdruck  in  einer  von  Rat  und  Gemeinde 
an  den  Herzog  gerichteten  Beschwerdeschrifl.  Es  wurde  darin  Klage 
erhoben  über  die  drückenden  Unschlittzinsen,  welche  die  Fleischhauer 
alljährlich  an  einzelne  Kirchen  zu  entrichten  hatten,  besonders  aber 
über  den  Wucher,  den  die  Bruderschaften  ^)  mit  ihren  aufgehäuften 
Kapitalien  zum  Verderben  der  Bürger  und  Landsassen  trieben,  endlich 
über  die  Weigerung  der  Geistlichen,  die  Ablösung  der  auf  liegenden 
Gütern  ruhenden  Zinsen  zu  gestatten.  Der  Grund  dieser  Weigerung  lag 
darin,  dais  die  Geistlichen  solche  Güter  als  ihr  volles  Eigentum  be- 
handelten und  dem  weltlichen  Gerichtszwang  entzogen.  Die  Beschwerden 
der  Bürger  müssen  berechtigt  gewesen  sein,  da  durch  einen  gemein- 
samen Schiedsspruch  des  Herzogs  Georg  und  des  Bischofs  von  Meifsen 
den  meisten  Forderungen  Genüge  geleistet  wurde  *). 

In  Leipzig  gingen  1525  etliche  Bürger,  angeblich  auf  Anstiften 
Thomas  Münzers,  mit  dem  Plane  um,  den  Rat,  die  Priesterschafl  und 

1)  Man  bezeichnete  die  Bruderschaflen  geradezu  als  ein  verborgen  ewige  Schatzunge 
des  lands  und  der  leuthe^  und  ist  ««  sehwert,  das  seinen  ursacher  verletzt  u,  schneidet, 

2)  Richter,  Verfassnngs-  o.  Verwaltangsgeschichte  von  Dresden  Bd.  III,  S.  324  ff. 


—     12     — 

die  „Führneh rasten  auf  der  Universität"  umzubringen  und  den  auf- 
rührerischen Bauern  die  Thore  zu  öffnen.  Als  diese  Konspiration  dem  aus 
dem  Bauernkrieg  zurückgekehrten  Herzog  Georg  berichtet  wurde,  liefs  er 
nach  eingehender  Untersuchung  am  15.  Juni  acht  Bürger  mit  dem 
Schwerte  richten,  fünfzehn  stäupen  und  des  Landes  verweisen.  Am 
nächsten  Tage  wurde  die  Bürgerschaft  aufs  Schlols  geladen  und  ihr 
mitgeteilt,  dafis  aufser  denen,  die  zur  gebührenden  Strafe  gezogen 
worden,  noch  300  im  Verzeichnis  ständen,  so  es  mit  der  aufrürischen 
rotte  gehalten.  Auf  Bitten  der  Bürger  wurde  diesen  auch  das  Ge- 
fängnis geschenkt.  Auch  ein  Geistlicher  und  ein  magister  artium  be- 
fanden sich  unter  den  Aufruhrern;  diese  wurden  dem  Bischof  von 
Merseburg  zur  Bestrafung  ausgeliefert  *). 

In  Chemnitz  kam  es  1524  zu  einer  Bewegung,  deren  äufseren 
Anlafs  die  von  den  Bürgern  vermutete  Einfuhr  fremden  Bieres  durch 
die  Geistlichkeit  bildete.  Das  einmütige,  energische  Auftreten  der 
Gemeinde  aber  und  die  Schwere  der  von  Herzog  Georg  verhängten 
Strafe  legen  uns  die  Vermutung  nahe,  dafs  die  Bewegung  mehr  ge- 
wesen sei,  als  ein  blofser  Bierkrawall,  dafs  ihr  eine  bedeutendere  Ur- 
sache, der  allgemeine  Hafs  gegen  den  Klerus,  zu  Grunde  gelegen 
habe  % 

Auch  die  sächsischen  Bergstädte  wurden  von  der  Bewegung  in 
Mitleidenschaft  gezogen.  Zwar  blieb  Freiberg  unberührt  *) ,  aber  in 
den  erzgebirgischen  Orten  zeigten  sich  allerlei  revolutionäre  Er- 
scheinungen. 

In  Axmaberg  besonders,  dem  Mittelpunkte  des  Bergwerkverkehrs, 
herrschte  eine  starke  Gärung  unter  einem  Teil  der  Knappschaften 
und  im  Proletariat.  Eine  Anzahl  ungesessener  lediger  Gesellen,  ver- 
schiedene Fremde  und  solche,  die  wahrscheinlich  nichts  zu  verlieren 
hatten,  flöfsten  dem  Rate  Besorgnis  ein.  Fünfzig  Gesellen,  die  dem 
Herzog  Georg  Kriegsdienste  gegen  die  Bauern  zugesagt  hatten,  zogen 
ihre  Meldung  am  nächsten  Tage  wieder  zurück.  Gegen  einzelne 
Beamte  fielen  schwere  Drohungen.  Die  Sympathieen  für  die  revolu- 
tionären Bewegungen  in  der  Nachbarschaft  waren  unter  dem  gemeinen 
Manne  stark  verbreitet.  Jeden  Augenblick  befürchtete  man  den  Aus- 
bruch  einer  Empörung.     Aber  dennoch   sind  keine  Nachrichten  von 


1}  Johann   Jakob  Vogel,   Leipzigisches   Geschichtsbuch  oder  Annales  (Leipzig 
1714),  fol.  S.   III.   112  zam  Jahre  1525. 

2)  Mitteilungen  des  Vereins  f.  Gesch.  ▼.  ChemniU  U  (1876—78),  S.  13—15. 

3)  Ermisch,  Archivalische  Beiträge  zur  Reformationsgesch,  der  Stadt  F,  (1525 
bis  1528),  im  Neuen  Archiv  f.  sächs.  Gesch.  Bd.  VIU  (1887),  S.  129. 


—     13     — 

einer  Erhebung-  in  der  Stadt  oder  von  einem  Anschluß  der  unruhigen 
Elemente  an  die  Auürührer  der  Umgegend  zu  uns  gelangt.  Bürger 
und  Bergleute  begnügten  sich,  die  Bedrängnis  des  Rates  auszunützen 
und  von  ihm  die  Erfüllung  längst  gehegter  Wünsche  zu  verlangen. 
Die  Forderungen  der  ersteren  zielten  auf  eine  Reform  der  Stadtver- 
waltung. Auch  in  Annaberg  hatte  die  Gemeinde  gegen  den  Rat 
allerlei  Klagen  und  verlangte  ein  besonderes  Organ  zur  Vertretung 
ihrer  Interessen.  Sie  wollte  das  Recht  haben,  aus  jedem  Viertel  vier 
Personen  zu  erwählen,  die  neben  den  Viertelmeistern  die  Gebrechen 
und  Bedürfhisse  der  Gemeinde  ohne  alle  Scheu  vortragen  könnten. 
Die  wichtigste  Forderung  aber  lautete:  „Rat,  Bürgermeister  und  alle 
Rats  verwandten,  sollten  sich  aufs  Freundlichste  gegen  die  Bürger 
gemeiner  Stadt  halten,  auch  mit  Knechten  und  Mägden  so  viel  ver- 
schaflfen,  dafs  über  sie  keine  fernere  Klage  sei.^  ^)  Die  Forderungen 
der  Bergleute  berührten  zum  Teil  d^  Gebiet  des  Arbeiterschutzes. 
Vor  allem  aber  kam  es  ihnen  auf  die  Befriedigung  ihrer  religiösen 
Bedürfiaisse  an.  Einhellig  erklärten  die  Knappschaften  ^  sie  wollten 
keinen  Pfaffen  mehr  haben,  der  ihnen  nicht  das  Wort  Gottes  auch 
Nachmittags  an  Sonn-  und  Feiertagen  predige. 

Die  gefahrliche  Bewegung  in  Joachirasthal ,  welche  das  ganze 
Erzgebirge  in  Aufruhr  zu  versetzen  drohte,  wurde  von  Annaberg  aus 
gestillt  *).  In  Schneeberg  wurde  die  Gemeinde  durch  die  schwarm- 
geistigen Predigten  des  Georgius  Amandus  in  lebhafte  Aufregung  ge- 
gebracht. Dieser  Prädikant  äufserte  im  März  1524  auf  der  Kanzel, 
es  solle  nicht  der  Rat  die  Gemeinde,  sondern  die  Gemeinde  den  Rat 
regieren.  Deshalb  zur  Rede  gestellt  verbesserte  er  am  Abend  darauf, 
statt  seinem  Versprechen  gemäfs  „ bescheiden tlich  davon  zu  sagen", 
es  müsse  nicht  ein  Fürst  das  Land,  sondern  das  Land  den  Fürsten 
r^eren.  Vier  Gewerbe  sollen  sich  mit  den  Bergleuten  vereinigt 
haben,  um  den  Prediger,  dem  der  Magistrat  die  Besoldung  gekündigt 
hatte,  aus  eigenen  Mitteln  zu  besolden  —  so  grofs  war  die  Begeisterung 
für  ihn.  Auch  hier  fürchteten  die  Regenten  des  Herzogs  jede  Stunde 
Aufruhr  und  Empörung.  Die  Absetzung  des  Predigers  genügte  indes, 
wie  es  scheint ,  um  die  Ruhe  wiederherzustellen  •). 


1)  B.  Wolf,  Obcrerzgebirgische  Bauembewegung  im  Jahre  1525  im  „Glückauf", 
OrgaD  des  Engebirgrereins ,  Jg.  1887,  S.  66 — ^68. 

2)  Wolf  a.  a.  O.  S.  68. 

3)  S.  Karstens  a.  a.  O.  S.  324.  327—328.  330.  334.  Auch  in  den  kleineren  Städten 
des  Erzgebirges  gab  es  Unruhen.  Etliche  hundert  Leute  aus  Marienberg  nahmen  teil  an 
der  Flünderaog  der  Pfarre  MUdenau.     In  ZÖblitz  hatten  die  BUrger,  aufgestachelt  durch 


—     14     — 

Noch  früher  als  im  Erzgebirge  hatte  sich  der  Aufruhr  im  Vogt- 
lande erhoben,  und  es  wäre  zu  untersuchen,  welchen  Anteil  daran 
die  dortigen  Städte,  z.  B.  Reichenbach  und  Plauen,  gehabt 
haben  ^). 

Noch  weiter,  als  ich  bisher  angenommen,  hat  die  Bewegung  auch 
in  den  norddeutschen  Städten  um  sich  gegriffen.  Nur  kommt  sie 
dort  an  manchen  Orten  erst  dann  zum  Ausbruch,  als  sie  in  Süd- 
deutschland schon  erloschen  war.  Mancherorts  sehen  wir  eine  Ver- 
bindung des  religiösen  mit  dem  politischen  Moment,  wozu  sich  hier 
und  dort  auch  sozialistische  Tendenzen  gesellen.  Die  demokratischen 
Ideen,  die  in  der  eigentlichen  Periode  städtischer  Verfassungskonfiikte 
nur  schwer  im  Norden  Eingang  gefunden  haben,  erfahren  jetzt  eine 
Wiederbelebung.  Man  könnte  diese  städtischen  Bewegungen  in  Nord- 
deutschland ein  Nachspiel  zu  den  süd-  und  westdeutschen  Zunftkämpfen 
des  XIV.  imd  XV.  Jahrhunderts  nennen. 

Das  Zusammentreffen  religiöser  und  politischer  Motive  finden  wir 
schon  in  dem  auf  der  Grenze  zwischen  Mittel-  und  Norddeutschland 
gelegenen  Halle  *).  Im  G^ensatz  zum  Rate  war  die  Mehrheit  der 
Bürger  der  lutherischen  Lehre  geneigt  Au&erdem  herrschte  in  der 
Gemeinde  eine  starke  Verstimmung  gegen  eine  Gruppe  von  Ratsherren, 
die  der  allgemeinen  Ansicht  nach  ein  unberechtigtes  Übergewicht  im 
Stadtregimente  besafs  und  dieses  zu  eigenem  Vorteil  mifsbrauchte. 
Dazu  kam  noch  der  Unmut  der  Bürger  über  die  ausgiebigen  finanziellen 
Forderungen  des  Erzbischofs  Albrecht,  welche  der  Rat  wahrscheinlich 
nur  durch  eine  Vermehrung  der  wachsenden  städtischen  Schtüdenlast 
zu  befriedigen  vermochte.  Albrecht,  dem  die  Mifistimmung  der 
Hallenser  nicht  entging,  übertrug  seinem  Kanzler,  Dr.  Goch,  die  Ver- 
mittlung. Bei  letzterem  brachten  Innungen  und  Gemeinde  ihre  For- 
derungen an,  die  das  Stadtregiment  und  die  religiöse  Frage  betrafen. 
Die  Bürger  verlangten  die  Entfernung  jener  vier  besonders  verhafsten 
Ratsherren  aus  dem  Stadtregiment,  was  Albrecht  sofort  bewilligte. 
Die  zweite  Forderung  lautete  knapp  und  klar,  „dafs  uns  unser  gnädiger 
Herr  das  Wort  Gottes  lauter  und  klar  predigen  lasse  und  uns  das 
hochwürdigste  Sakrament  nach  Einsetzung  Jesu  Christi  reichen  und 
geben  lassen  wolle".     Auch   dieser  Artikel  wurde  von  Albrecht  ge- 


zwei  Häaer  in  Marienber;^,  die  Absicht,  die  Pfarre  zu  plündern.  Aach  in  Geyer  wollte 
man  die  Pfarre  stürmen  und  setzte  man  die  deutsche  Kindertaufe  durch,  vgl.  Wolf  a.  a.  O. 
S.  69.  80.  81. 

1)  Wolf  S.  55. 

2)  Hertzberg  a.  a.  O.  II,  53.  57.  150. 


—     15     — 

nehmigt.  Die  Gemeinde,  damit  zufriedengestellt,  trat  jetzt  eifrig  unter 
die  Waffen  und  handhabte  nachdrücklich  den  Schutz  der  Stadt. 
Albrecht  hat  sein  Zugeständnis  in  der  kirchlichen  Frage  übrigens  rasch 
vergessen.  Erst  1541  ertrotzte  die  Gemeinde  die  Durchfuhrung  der 
Reformation  vom  Rate. 

Ein  halb  politisches,  halb  religiös-sozialistisches  Gepräge  trugen 
die  Unruhen  in  Magdeburg^).  Schon  1524  verübte  dort  das  niedere 
Volk  —  besonders  die  Handwerksburschen  —  aufgereizt  durch  den 
sozialistischen  Prediger  Johann  Grauert,  Ausschreitungen  gegen  Kirchen 
und  Klöster.  Im  Jahre  1525  zeigte  sich  unter  den  Bürgern  eine 
lebhafte  Erregung  gegen  den  Rat  und  die  vornehme  Klasse,  eine  Er- 
scheinung, die  wieder  auf  die  Wühlereien  Münzerisch  gesinnter  Prä- 
dikanten  zurückzuführen  ist.  Am  24.  Februar  kam  es  zu  einer  Em- 
pörung der  „Gemeinheit"  *)  gegen  den  Rat.  Sie  verlangte,  dafs  ihre 
beiden  Vertreter  im  Rat  künftig  von  ihr  selbst  und  aus  ihrer  Mitte 
gewählt  werden  sollten,  nicht  mehr  von  den  Ratsmitgliedem  aus  den 
Innungen.  Die  „Gemeinheit"  beruhigte  sich  nicht  eher,  als  bis  ihr 
Wunsch  wenigstens  teilweise  erfüllt  worden  war.  Dieses  Ergebnis  bildet 
eine  Ergänzung  der  demokratischen  Errungenschaften  von  1330. 

Neben  diesen  auf  Änderung  des  Stadtregiments  gerichteten  Be- 
strebungen finden  wir  auch  Spuren  der  damals  in  Mittel-  und  Süd- 
deutschland verbreiteten  radikalen  Lehren.  Auch  in  Magdeburg  wurden 
Stimmen  laut,  die  Gütergemeinschaft  und  politische  Gleichheit  forderten. 
Führer  dieser  Partei  war  jener  Theologe  Grauert  oder  Grauhart, 
der  schon  längst  das  Volk  zu  Mord  und  Gewaltthat  gereizt  hatte, 
neben  ihm  wirkten  manche  Fremde,  die  sich  zu  jener  Zeit  in  Magde- 
burg zusammengefunden  hatten.  Eben  damals  hörte  man,  da(s  Hand- 
werker sich  zum  Predigtstuhl  drängten  oder  auf  der  Gasse  die  Menge 
um  sich  versammelten,  um  das  Wort  Gottes  zu  verkündigen.  Der 
Pöbel  aus  der  Alt-  und  Neustadt  drang  ohne  Scheu  in  den  zwischen 
beiden  Eiben  gelegenen  Werder  des  Agnetenklosters  und  des  Dom- 
propstes Busch  bei  Rothensee  imd  stahl  dort  Holz  nach  Lust  und 
Belieben.  Sie  beriefen  sich  darauf,  dafs  den  Christen  alles  gemeinsam 
sei.  Bewohner  der  Neustadt  und  des  ihr  inkorporierten  Dorfes  Frose 
verweigerten  auch  dem  Dompropst  das  ihm  zu  zahlende  Weidegeld 
und  den  Rauhpfennig.     Trotzdem  weckte  der  Bauernkrieg,  der  bis  an 


1)  Hoffmann,  Geschichte  der  Stadt  Magdeburg,  neu  bearbeitet  von  Hertel  n.  Hülfse, 

1885,  n,  385.  387.  389.  390.  421. 

2)  d.  h.  der  nicht  rn  den  Innongsverbänden  gehörigen  Bürgerschaft. 


—     16     — 

die  Grenzen  des  Erzstifts  drang,  keine  bedeutenderen  Unruhen.  Nur 
das  Kloster  Berge,  dessen  Schutz  der  Rat  einer  Abteilung  von  Büigem 
anvertraut  hatte,  wurde  von  der  beutegierigen  Menge  geplündert. 
Nach  der  Niederlage  der  Bauern  trat  in  Magdeburg  wieder  Ruhe  ein. 
Die  Führer  des  erregten  Volkes  verliefsen  die  Stadt.  —  Noch  einmal 
erschien  der  Friede  bedroht,  als  1529  wiedertäuferische  Sendlinge  in 
Magdeburg  und  an  anderen  Orten  des  Erzstifts  eine  überaus  r^e 
Agitation  entfalteten.  Man  befürchtete  eine  Wiederholung  der  Auf- 
stände von  1525,  und  der  Kardinalerzbischof  Albrecht  liefe  Vorsichts- 
mafsregeln  treffen.  In  der  That  bekannten  einige  Wiedertäufer  in 
Erfurt  vor  ihrer  Hinrichtung,  dafs  sie  mit  Gesinnungsgenossen  in 
Magdeburg  einverstanden  gewesen  seien,  sich  durch  einen  Aufstand 
der  Stadt  zu  bemächtigen  und  die  Gütergemeinschaft  einzuführen. 

In  Stralsund  kamen  schon  1522  Bewegungen  zum  Ausbruch,  die 
gleichfalls  politischen  und  religiösen  Charakter  trugen.  Ein  gewisser 
Roloff  Moller,  ein  noch  junger  Mann,  wufste  bei  der  Bürgerschaft  den 
Rat  wegen  seiner  Finanzwirtschaft  zu  verdächtigen.  Es  bildete  sich 
ein  Ausschufe  von  48  Bürgern,  denen  der  Rat  durch  einen  beschworenen 
und  besiegelten  Rezefs  Unterwerfung  geloben  mufste,  und  die  sich 
jetzt  aller  Gewalt  bemächtigten:  Des  rades  rat  musie  nicht  gelden; 
ere  donnt  und  regetnent  wa/s  baven  de/s  rades;  wat  se  reden,  deden, 
beschloten,  dat  wa/s  gedan.  In  der  Folgezeit  traten  die  religiösen 
Motive  immer  stärker  hervor.  Der  Prädikant  Karsten  Ketelhodt,  dem 
der  Rat  auf  Verlangen  der  Klerisei  das  Predigen  untersag^  hatte, 
wurde  von  den  neuen  Regenten  und  der  ganzen  Bürgerschaft  nach 
Stralsund  zurückgeführt  und  ihm  die  Kanzel  zu  St.  Nikolaus  einge- 
räumt. In  der  Karwoche  des  Jahres  1523  kam  es  durch  einen  un- 
glücklichen Zufall  zu  einem  Bildersturm,  bei  dem  fremde  Handwerks- 
burschen  und  anderes  loses  Gesindel  Kirchen  und  Klöster  verheerten 
und  die  Insassen  der  letzteren  zu  eüiger  Flucht  nötigten.  Der  Rat 
mufste  diese  Ausschreitungen  ungeahndet  lassen,  wollte  er  nicht  von 
der  evangelisch  gesinnten  Mehrheit  der  Bürger  das  Schlimmste  ge- 
wärtigen. Das  Verlangen  der  Bürgerschaft  nach  dem  Fortgang  der 
Reformation,  dem  sich  der  Rat  schon  aus  Rücksicht  auf  die  beiden 
katholischen  Landesherren  widersetzte,  liefs  die  demokratische  Be- 
wegung noch  stärker  anschwellen.  Im  Sommer  1524  setzte  Roloff 
Moller  durch,  dafs  er  selbst  und  sein  Gesinnungsgenosse  Christ  Lorber 
zu  Bürgermeistern  erhoben  und  acht  aus  der  Bürgerschaft  in  den  Rat 
gewählt  wurden.  Der  Bürgermeister  Nikolaus  Smiterlow,  der  die  un- 
dankbare Rolle  des  Vermittlers  gespielt  hatte,  entwich  nach  Greifswald. 


—     17     — 

Die  beiden  jungen  Herzöge  Barnim  und  Jörg  von  Pommern  sahen 
dem  unruhigen  Treiben  in  Stralsund  thatlos  zu  in  der  Hoffnung,  wenn 
beide  Parteien  sich  genügend  abgemüdet  hätten,  „würden  sie  in  der 
Stadt  besser  nach  ihrem  Willen  thun  können".  Sie  wagten  um  so 
weniger  einzuschreiten,  als  wiedertäuferische  Agitatoren  im  Lande  er- 
schienen, ihre  Hörer  zum  BUdersturm  aufreizten  und  von  der  Kanzel 
herab  lehrten,  dafs  man  die  Fürsten  mit  Lumpen  werfen  und  aus  dem 
Lande  jagen  solle.  Die  Herzöge,  welche  Wiedertäufer  und  Evangelische 
zusammenwarfen,  fürchteten,  durch  ein  Vorgehen  gegen  die  letzteren 
einen  allgemeinen  Sturm  gegen  sich  heraufzubeschwören.  Das  demo- 
kratische Regiment  in  Stralsund  kam  erst  1537  wieder  zu  Fall,  während 
die  Reformation  schliefslich  im  Einverständnis  mit  dem  Rat  durch- 
geführt wurde.  Die  Kenntnis  dieser  Dinge  verdanken  wir  einstweilen 
nur  nicht  ganz  sicheren  chronikalischen  Berichten,  deren  Zuverlässigkeit 
erst  an  etwa  noch  vorhandenem  archivalischcm  Material  zu  prüfen 
wäre  *). 

Auch  die  Persönlichkeiten,  denen  in  diesen  Bewegungen  eine 
leitende  Rolle  zufiel,  verdienten  wohl  eine  sorgsamere  Beleuchtung. 
Den  Fähigkeiten  RolofT  Mollers,  des  Führers  der  evangelisch-demo- 
kratischen Partei,  können  selbst  die  ihm  feindlich  gesinnten  Chronisten 
ihre  Achtung  nicht  versagen.  Sie  schildern  ihn  als  wohlgestaltet, 
klug  und  beredt,  wie  geschaffen  zum  Amt  des  Bürgermeisters,  aber 
leider  überstürzt  in  seinem  Handeln.  JSr  war  zu  prächtig  und  ho/- 
/artig,  meint  Sastrow,  und  verführte  ihn  auch  nicht  wenig,  dafs  er 
im  Werk  spürte ,  dafs  der  gemeine  Pöbel,  Herr  Omnes  deswegen 
ihm  anhieng,  da/s  er  dem  Rat  ohne  einige  Scheu  so  weldiglich  ins 
Maul  greifen  durfte.  Wollte  also  ßiegen,  ehe  ihm  die  rechten 
Flügel  gewachsen  waren,  und  stürzte  sich,  auch  andere,  ja  gemeine 
Stadt  in  gro/se  Verlegenheit,  Schaden  und  Nachteil,  so  sie  bei 
Menschengedenken  nicht  verwinden  wird. 

Dem  hitzigen  RolofT  Moller  suchte  Bürgermeister  Claus  Smiterlow 
vermittelnd  zu  begegnen.  Er  hatte  in  Nürnberg  und  anderen  Städten 
die  neue  Lehre  kennen  gelernt,  in  Wittenberg  Luther  selbst  predigen 
hören  und  wurde  so  im  Rate  zu  Stralsund  der  erste  Bekenner  des 
Evangeliums.  Er  warnte  den  Rat,  den  gerechten  Wünschen  der 
Bürger  nicht  aUzuschroff  zu  begegnen,  und  suchte  andererseits  das 
Ungestüm   Mollers  und    seiner  Rotte,    die  gar  zu  geschwind  und 


i)  B«rckmann,  Stralsnndische  Chronik  S.  33 ff.;  Selbstbiographie  des  Bartholomäus 
Sastrow,  hcransg.  v.  Mohnike,  Bd.  I,  S.  30 ff. 

2 


—     18     — 

eifrig  evangelisch  oder  eigenwillig  waren,  nur  mit  dem  Kopf  hin-- 
durch  wollten,  zu  mäCsigen.  Er  richtete  aber  bei  dem  einen  so 
wenig  aus,  als  bei  den  andern.  Herr  Omnes  drang  durch,  und  der 
Rat,  so  vormals  des  rechten  Vaters,  ihres  alten  Bürgermeisters 
getreuen  Vermahnungen  nicht  folgen  wollten,  mufsten  den  Stief- 
vater, Herrn  Omnes  hören  .  .  .  Vielleicht  versucht  die  Lokal- 
forschung eine  genauere  Charakteristik  dieser  Männer. 

Politisch-religiöser  Natur  war  auch,  wie  längst  bekannt,  die  Be- 
wegung, die  1529  in  Lübeck  ausbrach  und  sich  einige  Jahre  später 
ebenso  wie  in  den  anderen  wendischen  Städten  mit  den  grofsen  Fragen 
der  hansischen  Ostseepolitik  verknüpfte. 

(Schlafs  folgt.) 


Die  Oberlausitzisehe  Gesellsehaf t  der 
Wissenschaften  und  ihr  ]4eues  Ijausitzisches 

ISAagazin 

Von 
Woldemar  Lippert  (Dresden) 

Eine  der  ältesten  wissenschaftlichen  Vereinigungen  Deutschlands 
überhaupt,  die  älteste  wohl  mit  vorwiegend  historischem  Charakter^ 
ist  die  Oberlausitzisehe  Gesellschaft  der  Wissenschaften 
zu  Görlitz.  Mit  universalen  Zielen,  wie  die  gelehrten  Gesellschaften 
und  Akademien  an  den  Universitäten,  doch  ohne  Zusammenhang  mit 
einer  solchen,  ohne  staatliche  Unterstützung  erwuchs  sie  aus  dem 
patriotischen  Eifer  hochgebildeter  Landeseingesessener  zur  Hebung 
des  geistigen  Lebens  der  Heimatprovinz.  Mit  berechtigtem  Stolz 
durfte  bei  dem  hundertjährigen  Jubiläum  1879  der  Sprecher  der  Fest- 
rede es  betonen:  „Die  Lausitz  hat  nie  ein  einheimisches  Fürsten- 
geschlecht gehabt,  welches  dem  Bildungsdrange  des  Volkes  zu  Hilfe 
gekommen  wäre;  keine  Universität,  keine  Kunstakademie  haben  den 
Sinn  für  Wissenschaft  und  Kunst  gepflegt  .  .  .  Ein  freier  Provinzial- 
verein  von  wissenschaftlich  gebUdeten  Männern  .  .  .  trat  1779  zu- 
sammen.*' Ohne  jede  stoffliche  oder  lokale  Beschränkung,  nicht  blois 
für  die  Geschichtswissenschaft,  nicht  blofs  für  die  engere  Heimat 
sollte  der  neue  Verein  wirken,  sondern  allen  Disziplinen  des  geistigen 
Lebens  sollte  er  dienen,  und  so  sehen  wir  denn  unter  den  Gebieten,. 


—    1»   — 

die  die  Gesellschaft  in  den  Kreis  ihrer  Interessen  zog  und  die  sie 
durch  ihre  Zeitschriften,  die  LausttztscAe  M(matsschrift  und  das 
Nette  Lausüzische  Magazin  (s.  darüber  im  Folgenden),  förderte, 
neben  der  Geschichte  auch  die  Prähistorie,  die  Litteratur- 
geschichte,  Sprachwissenschaft,  Pädagogik,  Theologie, 
Philosophie,  die  Naturwissenschaften,  Medizin  u.  s.  w. 
vertreten.  Zwar  wurden  in  allen  diesen  Gebieten  selbstredend  Lusatica 
besonders  betont,  doch  zahheich  sind  im  Vereinsoigan  Stoffe  von 
dem  allerveischiedensten  Charakter.  Wir  hören  da  von  Metrik  und 
Musik  im  Alten  Testament  wie  von  mittelhochdeutschen  Minnesängern, 
von  Muhammed  und  seinem  Koran  wie  von  Lucrez  und  Epikur,  von 
Dantes  göttlicher  Komödie  wie  von  Galileis  Jubiläum,  von  der  Münz- 
geschichte des  Bistums  Konstanz  wie  von  dem  Atmen  der  Erde, 
von  dem  deutschen  und  dem  italienischen  Werther  wie  von  der  voll- 
kommensten Art  des  Schachspiels,  von  Schutzpockenimpfung  und 
Milzbrand  wie  von  der  ästhetischen  Analyse  der  Epistola  ad  Pisones, 
von  Leibniz'  ägyptischem  Projekt  wie  von  den  ältesten  Druckereien 
der  Pyrenäischen  Halbinsel.  Nicht  einmal  der  rein  wissenschaftliche 
Charakter  der  Zeitschrift  wurde  streng  durchgeführt,  sondern  sie  fand 
zugleich  Verwendung  für  die  praktischen  Bedürfnisse  der  G^enwart, 
brachte  Mitteilungen  über  Personalveränderungen  besonders  litterarischer 
Kreise  (der  Geistlichkeit,  des  Lehrerstandes  und  der  Beamtenschaft 
der  Lausitzen). 

Allmählich  bahnte  sich  eine  Wandlung  an,  ohne  dafs  eine  grund- 
legende Änderung  in  der  Gesellschaftsverfassung  vorgenommen  ward, 
denn  noch  die  1864  revidierten  Statuten  bezeichnen  als  Zweck  im  all- 
gemeinen :  vereinigte  Pflege  des  gesamten  Gebietes  der  Wissenschaften 
sowie  Anregung  und  Förderung  wissenschaftlichen  Lebens  und  Strebens; 
im  besonderen  aber:  Erforschung  und  Bearbeitung  der  Ge- 
schichte, Altertümer  und  Landeskunde  der  Ober-  und 
Niederlausitz.  Dieser  letztere  TeU  der  Angabe  trat  mehr  und 
mehr  in  den  Vordergrund.  Zweierlei  Umstände  wirkten  hierbei  mit, 
sachliche  und  persönliche.  Erstens  sachliche  Umstände:  die  Ver- 
tiefiang  der  historischen  Studien,  für  die  die  Monumenta  Grermaniae 
den  Ausgangspunkt  bildeten,  und  die  dafür  und  dadurch  erworbene 
Ausbildung  wissenschaftlicher  Kritik  besonders  auf  dem  Gebiete  der 
Quellenbearbeitung  und  des  Urkundenwesens;  femer  die  ungeahnte 
Ausbreitung  des  historischen  Interesses  auf  weiteste  Schichten  des 
Volkes ,  das  in  jedem  Lande ,  jedem  Landesteil ,  ja  fast  jeder  Stadt 
mit  halbwegs   beachtenswerter  Vergangenheit  historische  Vereine  er- 

2» 


—     20     — 

stehen  lieis.  Die  Lausitzen  besaisen  keinen  besonderen  Geschichts- 
verein, auch  keine  Lokal  vereine ;  das  Verlangen  danach  trat  nicht  zu 
Tag-e,  weil  die  historischen  Wünsche  und  Bedürfhisse  von  Anbeginn 
an  in  der  Gesellschaft  der  Wissenschaften  und  im  Magazin  stets  be- 
reitwilligste Förderung  gefunden  hatten.  Je  stärker  aber  der  historische 
Sinn  erwuchs,  um  so  gebieterischer  machte  sich  die  Landes- 
geschichte  neben  und  schlieislich  vor  und  über  den  anderen 
Disziplinen  geltend.  Das  Arbeitsgebiet  der  Geschichte  hatte  sich  in- 
zwischen auch  wesentlich  ausgedehnt;  sie  wurde  einerseits  immer  um- 
fassender und  bezog  weitere  neue  Aufgaben  herein,  andererseits  wurde 
sie  immer  spezieller,  schuf  sich  eigene  kritische  Grundsätze  u.  s.  w. 
Infolgedessen  verlangte  auch  die  territoriale  Geschichtsforschung  — 
wenn  sie  ersprielslich  gepflegt  werden  sollte  —  mehr  als  bisher  als 
Selbstzweck  getrieben  zu  werden  und  beanspruchte  deshalb  auch  eine 
eigene  Vertretung  ihrer  Interessen.  Der  andere  Umstand  war  persön- 
licher Natur.  Früher  waren  es  vom  besten  Willen  beseelte  Männer 
mit  allgemeiner,  litterarischer  Bildung,  die  als  „wissenschaftliche  Ge- 
schäftsführer der  Gesellschaft '*  (so  in  den  Statuten)  und  Herausgeber 
des  Magazins  fungierten;  fast  alle  waren  keine  fachmännisch  aus- 
gebildeten Historiker,  sondern  Theologen,  klassische  Philologen  u.  a., 
also  Dilettanten  der  Geschichte,  wenn  auch  im  guten,  lusprünglichen 
Sinne  dieses  Wortes.  Seit  aber  in  dem  jetzigen  Sekretär  R.  Jecht 
ein  fachwissenschaftlich  gebildeter,  selbst  auf  dem  Gebiete  der  Landes- 
geschichte eifrig  und  verdienstlich  thätiger  Historiker  Herausgeber  des 
Magazins  ist,  ist  dessen  Charakter  als  der  einer  Zeitschrift  für 
lausitzische  (d.  h.  besonders  oberlausitzische)  Landes- 
geschichte noch  schärfer  betont  worden,  und,  dank  Jecht's  Be- 
streben ,  Arbeiten  dilettantischer  Art  fernzuhalten ,  darf  sich  dasselbe 
heute  den  besten  provinzialgeschichtlichen  Organen  Deutschlands  bei- 
zählen. Ich  sagte  zuletzt  „oberlausitzische**  Geschichte.  Auch  in 
dieser  Hinsicht  ist  eine  gewisse  Verschiebung  eingetreten.  Früher 
besafs  die  Niederlausitz  kein  eigenes  Organ  für  ihre  Landes- 
geschichte ^) ,  sondern  dafür  diente  das  Magazin  auch  mit ,  das  in 
seinen  Bänden  viel  wertvolles  Material  zur  niederlausitzischen  Ge- 
schichte in  gröfseren  und  kleineren  Aufsätzen,  Urkundenveröflfent- 
lichungen  u.  s.  w.  enthält.  Seit  15  Jahren  aber  ist  ihr  eine  eigene 
Pfleg-  und  Heimstätte  in  der  Niederlausitzischen  Gesellschaft 

i)  Vgl.  hierüber  die  einleitenden  Bemerkungen  S.  III  and  IV  meines  1894  er- 
schienenen Baches  „Wettiner  and  Witteisbacher  sowie  die  Niederiaasitz  im  XIV.  Jahr- 
handert". 


—     21     — 

für  Anthropologie  und  Altertumskunde  und  deren  Organ, 
den  Ntederlatisiher  Mitteilungen  (herausgegeben  von  Professor 
Hugo  Jentsch  in  Guben)  erstanden,  und  dadurch  ist  das  Neue 
Lausitzische  Magazin  von  seinen  niederlausitzer  Verpflichtungen  zum 
Teil  entlastet  worden ,  ohne  indes  für  künftig  die  Aufnahme  auch 
niederlausitzischer  Gegenstände  auszuschliefsen;  jedenfalls  aber  ist  da- 
durch der  Charakter  des  Magazins  als  des  Organs  oberlausitzischer 
Geschichtsforschung  noch  stärker  hervorgetreten,  nur  zu  deren  Vor- 
teil selbst,  denn  dadurch  ist  ihr  eine  viel  intensivere  Bethätigung 
ermöglicht. 

Das  älteste  Organ  der  Gesellschaft  waren  die  von  den  Stiftern 
K.  G.  von  Anton  und  A.  T.  von  Gersdorf  1782  in  sechs  Stücken 
herausgegebenen  Provimialblätter  und  dann  seit  1793  die 
Lausitzische  Monatsschrift  (die  1790—92  Dr.  Peso  heck  als  eigenes 
Unternehmen  veröffentlicht  hatte  und  jetzt  vertragsweise  an  die  Ge- 
sellschaft abtrat),  bis  1799  unter  dem  alten  Titel,  1800 — 1808  als 
Neue  Lausitzische  Monatsschrift.  Als  diese  1808  einging,  blieb 
nicht  nur  die  Gesellschaft  der  Wissenschaften  ohne  eigenes  Organ, 
sondern  die  Lausitzen  überhaupt  ohne  eine  regelmäßige  Publikations- 
stätte. Zunächst  war  es  wieder  privates  wissenschaftliches  Interesse, 
das  nach  langer  Pause  J.  G.  Neumann,  einen  Görlitzer  Geistlichen, 
bewog,  der  Heimat  eine  entsprechende  Zeitschrift  zu  schenken :  er  gab 
1821  den  ersten  Band  seines  Neuen  Lausitzischen  Magazins  ^)  her- 
aus. Bis  an  seinen  Tod  1831  leitete  er  dieses  Unternehmen,  von 
dem  damals  neun  Bände  vorlagen;  dem  drohenden  Eingehen  der 
allgemein  als  nützlich  anerkannten  Zeitschrift  beugte  die  Gesellschaft 
vor,  indem  sie  deren  Fortführung  als  ihres  Organs  unter  Übertragung 
der  Redaktion  an  Gh.  A.  Pescheck  übernahm.  Auf  letzteren  folgten 
im  Laufe  von  fast  sieben  Jahrzehnten  J.  L.  Haupt,  E.  Tillich, 
O.  Janke,  C.  G.  Th.  Neumann,  G.  Köhler,  G.  T.  L.  Hirche, 
T.Wilde,  E.  E.  Struve,  K.  F.  Schönwälder,  R.  Jecht.  Seit- 
dem gehören  die  Namen  des  Neuen  Lausitzischen  Magazins  und  der 
Oberlausitzischen  Gesellschaft  der  Wissenschaften  als  zwei  untrennbare 
Begriffe  zusammen. 

Eine    lange    Reihe    von    75    Bänden   des   Magazins  lag  vor,  als. 


i)  Neues  Magazin  nannte  er  es  in  änfserer  Anlehnung  an  die  im  XVIII.  Jahrhondert 
Ton  dem  Lanbaner  Geistlichen  G.  Dietmann  herausgegebene  Zeitschrift,  das  „Laa- 
sitiische  Magazin  oder  Sammlang  verschiedener  Abhandlungen  and  Nachrichten  zum 
Behaf  der  Nator-,  Kanst-,  Welt-  nnd  Vaterlandsgeschichte,  der  Sitten  nnd  der  schönen 
Wissenschaften"  in  4®,  das  1768—1792  in  Görlitz  erschienen  war. 


—     22     — 

einem  längst  und  vielfach  empfundenen  Bedürfnis  entgegenkommend, 
die  Gesellschaft  in  Dr.  W.  von  Bötticher,  der  ihr  in  den  letzten 
Jahren  schon  manchen  Beitrag  zur  oberlausitzischen  Geschichte  ge- 
liefert hat,  den  geeigneten  Bearbeiter  eines  Generalregisters  über 
den  Inhalt  aller  bisherigen  Bände  fand.  Dasselbe  wurde  uns  im 
76.  Bande  (1900)  beschert.  Erst  diese  mühevolle,  höchst  verdienstliche 
Arbeit  erschliefst  die  Fülle  des  in  den  75  Bänden  aufgehäuften 
Materials  und  macht  dadurch  das  Neue  Lausitzische  Magazin  richtig 
brauchbar,  macht  also  aus  einem  blo&en  Magazin,  aus  einem  grofsen 
historischen  StofTspeicher ,  in  welchem  in  zufalliger  Schichtung  eines 
neben  dem  andern,  das  Wichtige  neben  dem  Unbedeutenden,  auf- 
gestapelt liegt,  eine  überhaupt  erst  benutzbare  und  dadurch  nutz- 
bringende Fundstätte  und  Hilfsquelle  historischer  Forschung. 


•■ -V  X   ^rv -s.  ■*  ••^•^      W* 


Mitteilungen 

ArchiTe*  —  Wiederholt  ist  im  Laufe  des  letzten  Jahrzehnts  seitens 
der  Historiker  die  Forderang  aufgestellt  worden,  die  Archive  sollten 
ihre  Inventare  veröffentlichen.  Aber  nur  wenige  von  denen,  die 
derartiges  verlangten,  werden  sich  die  Schwierigkeiten  einer  solchen  Ver- 
öffentlichung voll  vorgestellt  haben;  denn  darüber  kann  für  den  Sachkenner 
kein  Zweifel  sein,  dafs  die  vorhandenen  Repertorien,  die  dem  täglichen  Ge- 
brauche der  Archivbeamten  dienen,  unmöglich  so,  wie  sie  sind,  gedruckt 
werden  köimen.  Bei  einer  Drucklegung  gewisser  Teile  aus  den  Repertorien 
kann  es  sich  um  zweierlei  handeln:  erstens  kann  die  ganze  Einteilung 
eines  Archivs  zum  Gebrauche  für  die  Benutzer  knapp  und  übersichtlich  dar- 
gestellt werden,  wie  es  bei  vielen  Archiven  geschehen  ist  ^)  und  zuletzt  in 
mustergiltiger  Weise  bei  den  preufsischen  Staatsarchiven  Hannover  und 
Schleswig*),  oder  es  köimen  zweitens  gewisse  Teile  eines  Archivs  einer 
Quellenedition  ähnlich  für  den  Druck  bearbeitet  werden.  Diese  letztere 
Thätigkeit,  an  welche  man  in  den  Kreisen  der  Historiker  wohl  meist  ge- 
dacht hat,  erfordert  aber  eine  ganz  gewaltige  Arbeitsleistung,  weim  anders  in 
knappster  Form  das  Wichtigste  geboten  werden  soll.  Zuerst  hat  derartiges 
Höhlbaum  in  den  Mitteilungen  atts  denn  Stadtardiiv  von  Köln  verwirklicht  ^), 

1)  E^  wurde  schon  über  eine  Reihe  derartiger  Übersichtsinventare  in  dieser  Zeit- 
schrift berichtet,  nämlich  Lüneburg  I,  S.  108;  Frankfurt  a.  M.  I,  S.  293/94; 
Zürich  I,  S.  296;  Eger  I,  S.  297.  Eine  systematische  Übersicht  der  Bestände  des 
Kreisarchivs  Würzburg  enthält  das  „Archiv  des  historischen  Vereins  von  Unterfranken 
und  Aschaffenburg"  XXIV,  Heft  2/3,  S.  329 ff.  Die  Übersicht  über  das  Dortmunder 
Archiv  von  Rubel  ist  enthalten  im  VIII.  Bande  der  „Beiträge  zur  Geschichte  Dortmunds 
und  der  Grafschaft  Mark".  Von  demselben  erschien  1897  bei  Koppen  in  Dortmund  als 
selbständij^e  Schrift:  Kurzes  Inventar  des  Dortmunder  historischen  Stadtarchivs, 

2)  Vgl.  diese  Zeitschrift  U.  Bd.,  S.   185-186. 

3)  Vgl.  diese  Zeitechriftl.  Bd.,  S.  172  — 175.  Ähnlich  in  Frankfurt.   Ebenda  S.  293—295. 


—     23     — 

als  erstes  unter  den  staatlichen  Archiven  ist  aber  das  Grofsherzoglich 
Badische  Generallandesarchiv  ^)  zu  einer  derartigen  Veröffentlichung  geschritten. 
Der  Titel  der  Publikation  lautet:  Inoentare  des  Oroftherxoglich  Badischen 
General-Landesarchws,  Herauageffeben  von  der  OrofiherxogliehenArehwdirektion, 
Erster  Band,  Karlsruhe,  Chr.  Fr.  Müller,  1901  (320  S.  8<>).  Die  kurze 
Einleitung  unterrichtet  über  die  drei  Archive  (Grofsh.  Familienarchiv,  Haus- 
und Staatsarchiv,  Landesarchiv),  aus  denen  das  Generallandesarchiv  besteht, 
und  beschreibt  deren  Einteilung  mit  jeweiliger  Angabe  der  Bände,  Akten- 
faszikel u.  s.  w.,  die  sich  unter  einer  Rubrik  vorfinden.  Dann  folgen  im 
Hauptteile  des  Bandes  die  ältesten  Urkunden  (bis  1200)  und  zwar  von 
Kaisem  und  Königen,  Päpsten  und  Privaten,  femer  Kaiser-  imd  Königs- 
urkunden 1200 — 15 18  und  Papsturkunden  1198  — 1302.  Dann  werden 
die  Kopialbücher,  Anniversarien  und  Nekrologien  sowie  die  Handschriften 
vozeichnet.  Einige  Nachträge  finden  sich  zu  den  Urkunden  S.  74,  zu  den 
Kopialbüchem  S.  291 — 292.  Den  Schlufs  bildet  das  alphabetische  Register, 
durch  welches  der  Band  erst  das  wird,  was  er  ist,  eine  nie  versiegende 
Quelle  für  die  oberrheinische  Geschichte.  Die  Urkunden  sind 
nicht  etwa  in  richtigen  Regesten  ihrem  Inhalte  nach  mitgeteilt,  sondem  nur 
ganz  kurz  ist  Datum,  Aussteller  und  Betreff  angegeben,  vielfach  mit  Litteratur- 
verweis.  Dadurch  wird  besonders  für  die  Königsurkunden  eine  Übersicht 
gegeben,  wie  wir  sie  so  gedrängt  sonst  nicht  besitzen,  denn  wir  werden  so 
auch  für  das  spätere  Mittelalter  darüber  belehrt,  welche  Königsurkunden  in 
Karlsruhe  zu  finden  sind.  Umgekehrt  ergiebt  das  Register  dann  wiederum 
z.  B.  unter  dem  Stichworte  „Kloster  Reichenau'^  welche  Archivalien  mit 
Bezug  auf  dasselbe  in  Karlsruhe  vorhanden  sind.  Die  Kopialbücher  sind 
nach  den  Orten  und  Anstalten,  auf  die  sie  sich  beziehen,  verzeichnet,  und 
ebenso  ist  es  bei  den  Handschriften,  bei  denen  am  Schlufs  der  Einzelhand- 
schriften auch  einige  Sachbetreffe  als  Stichworte  gewählt  sind,  wie  Hexen- 
prozesse, Postwesen  u.  s.  w.  Bei  der  Art  der  Angaben  ist  es  natürlich, 
dals  sachliche  Hinweise  verhältnismäfsig  selten  sind.  Die  Kenntnis  der  Topo- 
graphie des  Oberrheins  und  besonders  Badens  ist  deshalb  die  Vorbedingung 
für  jeden  Benutzer,  wem  aber  ein  Ortsname  —  vielfach  gilt  dasselbe  auch 
für  Personennamen  —  mehr  ist  als  eine  Mehrheit  von  Buchstaben,  für  den 
ist  das  Inventar  das  Mittel,  um  das  scheinbar  entlegenste  auf  einen  Gegen- 
stand bezügliche  Material  zusammenzubringen.  Wenn  erst  das  versprochene 
Register  zu  den  50  Bänden  der  Zeitschrift  für  die  Geschichte  des  Ober- 
rheins und  noch  einige  Bände  derartiger  Inventare,  wie  der  eben  besprochene 
Band  emer  ist,  vorliegen  werden,  dann  dürfte  in  der  That  in  keiner  deutschen 
Landschaft  das  historische  Quellenmaterial  so  leicht  zugänglich  sein  wie  in  Baden, 
wo  ja  bekanntlich  auch  die  kleinen  Archive  bereits  vollständig  durchmustert  sind. 


Ganz  anderen  Charakter  besitzt  eine  andere  Badische  Archiweröffent- 
lichung,  nämlich  Die  Urkunden  des  HeüiggeisUtpüals  vu  Freiburg  im  Breisgau. 
I.  Band:  1255 — 1400  (Freiburg  i.  B.,  Fr,  Wagner  1890.  372  S.  8®); 
IL  Band:    1401 — 1662    (Ebenda  1900.     640  S.  8^.     M.  6).     Die  beiden 


I)  Vgl.  diese  ZeiUchrift  II.  Bd.,  S.  90-91. 


—     24     — 

Bände  bilden  Teil  I  und  UI  der  Veröffentlichungen  au^  dem  Archiv  der 
Stadt  Freiburg  im  Breisgau  *) ,  der  erste  ist  mit  Vorwort  und  Register  von 
Ad.  Poinsignon,  der  zweite  von  Leonard  Korth  und  Peter  P. 
Albert  bearbeitet «  während  Eduard  Intlekofer  einen  umfangreichen 
Anhang  und  ein  Register  dem  zweiten  Bande  angefügt  hat  Sachlich  haben 
wir  es  hier  nicht  mehr  mit  einem  Archivinventar,  sondern  mit  einer  Quellen- 
veröffentlichung grofsen  Stils  zu  thim,  da  sorgfältig  gearbeitete,  teilweise 
recht  ausführlich  gestaltete  Regesten  im  wesentlichen  eine  Veröffentlichung 
der  Urkunden  im  vollen  Wordaute  —  nur  einzelne  sind  ganz  abgedruckt  — 
ersetzen  und  somit  für  die  Masse  der  Benutzer  dasselbe  bieten,  was  ein 
dickleibiges  Urkundenbuch  enthalten  würde.  Der  Leser  ist  vor  allem  da- 
durch entlastet,  dafs  er  das  Formelhafte  in  den  Urkunden  nicht  mitzulesen 
braucht  imd  den  wesentlichen  Inhalt  herausgearbeitet  vorfindet.  Über  die  Be- 
deutung eines  solchen  Regestenwerkes  für  die  Freiburgische  Geschichtsforschung 
braucht  bei  der  grofsen  Soigfalt,  mit  der  die  Register  bearbeitet  sind,  kein 
Wort  gesagt  zu  werden,  aber  auch  ganz  davon  abgesehen,  wohnt  ihm  ein 
allgemeiner  Wert  inne,  auf  den  hier  besonders  hingewiesen  werden  soll.  Da 
schliefst  schon  die  Einleitung  zum  ersten  Bande  mit  einer  höchst  dankens- 
werten Zusammenstellung  über  die  „Schwankungen  des  Zinsfufses  im  XIV.  Jahr- 
hundert". Die  für  andere  Gegenden  angestellten  Untersuchungen  ^)  werden 
dadurch  in  höchst  wiUkonunener  Weise  ergänzt,  und  wer  es  noch  immer  nicht 
glaubte,  wird  jetzt  zugeben  müssen,  dafs  von  einem  festen  Zinsfufs  im 
XIV.  Jahrhimdert  nicht  die  Rede  sein  kann.  Lediglich  die  mehrmals  vor- 
konmiende  untere  Grenze  von  5<>/o  steht  fest,  während  bis  zu  lo^jo  alle 
denkbaren  Werte  vorkonunen,  einzelne  sich  auch  darüber  erheben  bis  zu 
i4^lo  (1374)-  In  dieser  Weise  liefsen  sich  diese  Urkundenregesten  noch 
mannigfach  statistisch  bearbeiten.  Sachregister  zu  den  Namenregistern  würden 
entschieden  zu  weit  geführt  haben,  aber  man  vermifst  sie  dennoch,  wenn 
z.  B.  1360  (I,  S.  184,  auch  1467  II ,  S.  234)  von  der  Männerbadstube 
und  der  Frauenbadstube,  die  Zinslehen  des  Spitals  sind,  die  Rede  ist,  oder 
wenn  1343  (I,  S.  128,  auch  I,  S.  64  und  I,  S.  236)  „edler  weifser  Wein" 
neben  „hunnischem  Wein"  genannt  wird:  die  Begriffsbestimmung  des  letzteren 
hat  ja  bekanntlich  schon  vielen  Forschem  Schwierigkeiten  bereitet  Freiburg 
hatte  1305  den  Jahresanfiang  mit  Weihnachten  (I,  S.  23);  die  im  Alpen- 
handel als  Einheit  bekannte  Saumlast  ist  in  Freiburg  zu  einem  Hohlmais 
für  Wein  geworden,  welches  einen  Inhalt  von  1 1 5  ^/s  Liter  besitzt  (I,  S.  XX) ; 
1337  kommt  eine  Walkmühle  vor  (I,  S.  iio,  auch  13 17  schon  II,  S.  482}; 
1382  giebt  es  eine  Pergamentmachergasse  (I,  S.  235);  die  Fahrhabe  des  im 


i)  Vgl.  darüber  diese  Zeitschria  II.  Bd.,  S.  63.  Ahnlich  ist  die  Veröffentlichung 
ans  dem  Archiv  zn  Pforsheim.     Ebenda  I,  S.  297. 

2)  Lamp  recht,  Deutsches  Wirtschaftsleben  im  Mittelaller  II,  S.  608 ff.  G.  W i n  t e r , 
Zur  Geschichte  des  Zinsfufses  im  Mittelalter  in  „Zeitschrift  für  Sozial-  und  Wirtschafts- 
geschichte", IV.  Bd.  (1896),  S.  161 — 175.  Justinian  Ladurner  im  „Archiv  für 
Geschichte  und  Altertumskunde  Tirols'^  V.  Bd.  (1869),  S.  85.  H.  v.  Eicken,  Zur  Ge- 
schichte des  Zinsfufses  in  den  niederrheinisch-westfälischen  Territorien  in  der  „West* 
deutschen  ZeiUchrift  für  Geschichte  und  Kunst",  II.  Bd.  (1883),  S.  52—56.  Über  den  Zins- 
fufs und  namentlich  das  Sinken  desselben  in  der  zweiten  HälAe  des  XV.  Jahrhunderts  vgl. 
Felix  Priebatsch:  Der  märkische  Handel  am  Ausgange  des  Mittelalters  [hb  Schriften 
des  Vereins  für  die  Geschichte  Berlins,  36.  Heft  (1899),  S.  52]. 


—     25     — 

Spital  Verstorbenen  veiiallt  dem  Spital  (1451,  II,  S.  176);  1434  ist  ein 
Safianacker  bezeugt  (II,  S.  96);  Safran  ist  1456  zehntpfiichtiges  Gewächs 
(n,  S.  206);  Safran  wird  an  Stelle  des  Weins  angebaut  1469  (II,  S.  246); 
1476  wird  ein  Spitalschreiber  angestellt  und  sein  Pensionsverhältnis  geregelt 
(II,  S.  283);  1478  steht  der  Guldenkurs  auf  11  ^/a  Schilling,  der  Goldgulden 
gut  i2i/s  Schilling  (II,  S.  299);  1466  (II,  S.  231)  ist  ein  Paulus  Lam- 
parter y  1479  (H»  S.  307)  ein  Cofirai  Lamparier  bezeugt.  Dies  sind  nur 
eitnge  Beispiele  dafür,  wieviel  namentlich  wirtschaftsgeschichtliche  Einzelheiten 
sich  in  jeder  solcher  Urkundensammlung  finden  lassen.  Von  ganz  allgemeiner 
Bedeutung  ist  die  Spitalsordnung  von  13 18,  die  zwar  schon  im  Urkunden- 
bach der  Stadt  Freiburg  gedruckt  ist,  aber  dennoch  mit  Recht  hier  (I,  S.  5  7 — 62) 
nochmals  eine  Stelle  findet.  Dasselbe  gilt  von  der  vom  Rate  1480  erlassenen 
Ordnung  für  das  Haus  der  Sondersiechen  d.  i.  Aussätzigen  (II,  S.  535 — 539)» 
Für  jeden,  der  sich  mit  ähnlichen  Dingen  in  anderer  Gegend  beschäftigt, 
liegt  in  solchen  verwandten  Stücken  ein  Schatz  vergraben,  der,  einmal  ge- 
hoben, das  Verständnis  des  eigenen  Materials  in  höchstem  Mafse  fordern 
häft  —  Diese  allgemeine  Bedeutung  örtlicher  Urkundensammlungen  als  vor- 
nehmlich kulturgeschichtlicher  Quellen  darf  nie  vergessen  werden,  aber  frei- 
lich ist  es  immer  gut,  wenn  der  dargebotene  Stoff  auch  zu  Darstellungen 
verarbeitet  wird,  und  für  solche  sind  ja  in  den  Organen  der  deutschen  Ge- 
schichtsvereine stets  liebevolle  Abnehmer  vorhanden! 

KominlBSlOlieil.  —  Die  historischen  Kommissionen,  meist  aus  staat- 
lichen oder  in  Preufsen  provinziellen  Mitteln  unterstützt,  haben  gröfsere  Ge- 
biete, Länder  und  Provinzen,  zum  Felde  der  Thätigkeit  erkoren  und  widmen 
sich  vorwiegend  der  Quellenveröffentlichung,  während  die  kleine  Thätigkeit, 
namentlich  die  Herausgabe  orts-  und  landesgeschichtlicher  Zeitschriften  in  der 
Regel  den  Vereinen  überlassen  bleibt.  Aber  wo  eine  Stadt  gemeinde  sich 
entschliefst,  gröfsere  Mittel  für  geschichtliche  Forschungen  aufzuwenden  und 
nicht,  wie  es  meist  der  Fall  ist,  ein  unterstützimgsbedürftiger  Verein  — 
jeder  Verein  hat  diese  Eigenschaft  —  sich  beizeiten  um  die  städtischen 
Mittel  bewirbt,  da  ist  wohl  Platz  auch  für  städtische  historische 
Kommissionen.  Ein  Versuch  zur  Gründung  einer  solchen  ist  einmal  in 
Duisburg  gemacht  worden:  Zufolge  eines  Vortrages  des  Gerichtsrats 
Stiefel  im  WissenschafHichen  Verein  über  Duisburgs  Nachbarschaften  wurde 
ein  Fonds  zur  Herausgabe  Duisburger  Geschichtsquellen  gesammelt  und  eine 
Konmiission  zur  Verwaltung  desselben  eingesetzt.  Als  Mitglied  dieser  Kom- 
mission gab  L.  Stiefel  die  Duisburger  Stadtrechntmg  von  141 7  (Duisburg 
1883,  Druck  und  Kommissionsverlag  von  Job.  Ewich)  heraus  und  bezeichnete 
sie  als  Beiträge  zur  Qesdiickte  der  Stadt  Duisburg  y  veröffentlicht  durch  die 
historische  Kommission  der  Stadt.  Heft  2,  Ein  erstes  Heft  ist  nicht  er- 
schienen, als  solches  dachte  sich  Stiefel  wohl  das  1881  erschienene  Gym- 
nasialprogramm Duisburger  AUertJiüm^r  von  Gent  he.  Bei  diesen  Anfangen 
ist  es  geblieben.  Als  1896  der  Ingenieur  A.  Bonnet  die  Stadt  Duisburg 
▼erlassen  wollte,  bot  er  auf  Veranlassung  von  Prof.  Averdunk  seine  be- 
deutende Umensammlung,  die  aus  Duisburger  keltischen  und  germanischen 
Grabem  stammte,  der  Stadt  an,  welche  das  Geschenk  mit  dem  Versprechen 
annahm,   den   Gegenständen   demnächst  eine    würdige   Aufstellung    zu    ver- 


—     26     — 

schaffen.  Bald  darauf  wurde  auch  der  von  Averdunk  gestellte  Antrag  an- 
genommen, eine  „Städtische  Kommission  zur  Sammlung  Duisburger  Alter- 
tümer" zu  bilden.  Das  gesammelte  Material  hat  bereits  in  einem  Teile  des 
neuen  Rathauses  Unterkunft  gefunden,  dessen  förmliche  Einweihung  im  Mai 
1902  stattfinden  soll. 

Mit  grofsem  Erfolge  ist  hingegen  die  zur  Pflege  der  Ortsgeschichte  in 
Heidelberg  seit  1876  bestehende  „Kommission  für  Geschichte  der 
Stadt  Heidelberg*'  thätig,  die  zunächst  die  Aufgabe  hat,  die  „Städtische 
Kunst-  und  Altertümersanmüung**  zu  verwalten.  Neben  dem  durch  seinen  Namen 
genügend  charakterisierten  „Heidelberger  Schlofsverein"  sucht  die  Kommission 
die  Stelle  eines  Geschichtsvereins  flir  Heidelberg  und  Umgebung  zu  ersetzen, 
und  ihr  Beginnen  hat  die  besten  Früchte  getragen.  Seit  ihrer  Gründung 
stand  sie  unter  Leitung  von  Albert  Mays  (f  1893),  und  nach  dessen 
Tode  haben  der  Oberbürgermeister  der  Stadt  Dr.  Wilckens,  als  Vorsitzender, 
imd  als  dessen  Stellvertreter  Schuldirektor  Thorbecke  die  Führung  der 
Geschäfte  übemonmien.  Besondere  Aufgaben  erwuchsen  der  Kommission, 
als  1879  ^^  Stadt  auf  Anregung  von  Albert  Mays,  der  ihr  auch  seine 
wertvolle  Pfälzische  Sammlung  von  Münzen,  Gemälden,  Stöcken  u.  s.  w.  ver- 
machte, die  Graimbergische  Sammlung,  welche  sich  auf  die  ganze  Pfalz  er- 
streckt, auf  dem  Schlosse  erwarb.  Deren  Leitung  imd  Vermehnmg  ist  ihre 
vornehmste  Aufgabe,  aber  auch  ilir  die  Erhaltung  geschichtlicher  Reste  an 
Baulichkeiten  sorgt  die  Konmiission,  wie  sie  auch  das  leider  nur  bis  in  den 
Anfang  des  XVIIL  Jahrhunderts  zurückreichende  Stadtarchiv  und  eine  Bibliothek 
verwaltet  und  aufser  dem  regelmäfsigen  Erscheinen  einer  „Chronik  der  Stadt** 
(von  1865 — 75  handschrifllich  bearbeitet  von  Dekan  Wirth,  1885  — 1892 
von  Professor  Gom,  1893 — 1896  herausgegeben  von  Prof.  Waag,  seitdem 
von  Thorbecke)  auch  Studien  zur  pfalzischen  Geschichte  veranlafst  In  letzterer 
Hinsicht  griff  Mays  den  bereits  x868  bis  1870  von  Dekan  Wirth  (Eppingen) 
verwirklichten  Plan  einer  Zeitschrift  für  Heidelberg  und  die  Pfalz  wieder  auf 
tmd  begann,  besonders  unterstützt  von  Karl  Christ,  1890  die  Heraus- 
gäbe  des  Neuen  ArcJiivs  für  die  Geschickte  der  Stadt  Heidelberg  und  der 
rheinischen  Pfalz,  wovon  1892  der  erste,  1894  der  zweite  und  1898  der 
dritte  Band  erschienen  sind  (Kommissionsverlag  von  Gustav  Koester  in  Heidel- 
berg). Eben  wird  der  vierte  Band  (1901)  abgeschlossen,  aber  es  steht  zu 
hoffen,  dafs  allmählig  jedes  Jahr  ein  Band  erscheinen  kann.  Dieses  „Neue 
Archiv**  kann  den  besten  ortsgeschichtlichen  Zeitschriften  zur  Seite  treten: 
es  bietet  gleich  im  ersten  Bande  (durch  Mays  und  Christ)  eine  ortsgeschicht- 
liche Quelle  ersten  Ranges,  das  Verzeichnis  der  Heidelberger  Einwohner- 
schaft von  1588,  im  zweiten  Bande  tritt  ein  Bruchstück  eiaer  ähnlichen  Liste 
von  1600  hinzu.  Aus  dem  dritten  Bande,  der  mehrere  kleinere  Aufsätze 
bringt,  sei  nur  auf  den  von  Karl  Christ  Das  Sleuerwesen  von  Kurpfalz 
im  Mittelalter  (S.  200 — 264)  hingewiesen,  im  vierten  Bande  veröffentlicht 
Sil  Hb  Urkunden  und  Akten  zur  Geschichte  des  Heidelberger  Augustiner- 
klosters (1279 ff.).  Die  Stadt  Heidelberg  wendet  für  ihre  Sammltmg  und 
die  verschiedenen  Arbeiten  der  Kommission  im  ganzen  jährlich  gegen 
13 000  Mk.  auf,  wovon  über  5000  Mk.  die  Eintrittsgelder,  die  in  der 
auf  dem  Schlosse  aufgestellten  Sammlung  erhoben  werden,  decken.  Aus- 
grabungen vorgeschichtlicher,    römischer  und  germanischer  Ansiedlungen  auf 


—     27     — 

beiden  Ufern  des  Neckar  hat  die  Stadtverwaltung  unter  Leitung  von 
Profi  Karl  Pf  äff  mit  sehr  bedeutenden  Ergebnissen  vornehmen  lassen, 
für  die  Zukunft  ist  die  Herausgabe  eines  städtischen  Urkundenbuches  und 
einer  darstellenden  Stadtgeschichte  beschlossen,  die  wissenschaftliche 
Bearbeitung  der  Pfälzischen  Münzentwicklung  (durch  Carl  Joseph  in 
Ftankfiirt)  ist  bereits  in  bestem  Gange  —  kurz,  es  wird  in  Heidelberg 
mit  stadtischen  Mitteln  dasselbe  erreicht,  wie  anderwärts  durch  einen  Verein, 
aber  eine  grölsere  Konzentrierung  der  Arbeit  wird  durch  diese  Organi- 
sation ermöglicht,  und  auch  besonders  kostspielige  Untemehmtmgen  werden 
sich  in  diesem  Falle,  wo  die  Bürgerschaft  die  verlangten  Mittel  gern  be- 
willigt, jederzeit  leichter  ausftihren  lassen  als  dort,  wo  ein  Verein  erst  jahre- 
lang sparen  mufs  und  wo  die  verschiedensten  Interessen  gleichzeitig  berück- 
sichtigt werden  müssen. 

Personalien.  —  Am  2.  April  1901  entschlief  zu  Konstanz  a.  B. 
ein  Mann,  dessen  ganzes  Leben  der  Geschichte  seiner  Vaterstadt  gewidmet 
war:  Jjadwig  Lteiner,  der  Schöpfer  des  Konstanzer  Rosgaitenmuseums. 
Von  Hause  aus  Apotheker  und  Stadtrat,  trat  der  schlichte  Forscher  auf 
historischem  Gebiet  weniger  an  die  Öffentlichkeit,  wenn  auch  die  Westdeutsche 
Zeitschrift  (zuletzt  Bd.  XIX,  S.  364)  sowie  anthropologische  Organe  regel- 
mafsige  museographische  Berichte  aus  seiner  Feder  enthielten.  Wer  aber 
einmal  das  Rosgartenmuseum  in  Konstanz  durchwandert  hat,  der  wurde  von 
Bewunderung  erfüllt  über  den  Bienenfleifs  des  Sammlers,  wie  über  die  künst- 
lerische Hand  des  Ordners.  Den  breitrandigen  schwarzen  Hut  auf  dem 
silberumlockten  Kopfe,  zwei  mild  leuchtende  dunkle  Augen  hinter  einer  gol- 
denen Brille,  stets  im  schwarzen  Rocke,  ein  kleines  Kistchen  voll  neu  ein- 
zureihender Funde  in  der  Hand,  so  schritt  bis  zuletzt  der  rüstige  Greis 
von  seiner  Wohnung,  dem  Malhaus  in  Konstanz,  nach  dem  unweit  gelegenen 
Rosgartenmuseum.  Wer  ihn  aber  zu  Hause  aufsuchte,  fand  ihn  am  Schreib- 
tische, wie  er  mit  einer  ftir  unsere  nervöse  Zeit  bewundernswerten  Schön- 
schrift seine  Museumssachen  etikettierte. 

Als  Sohn  einer  alten  Konstanzer  Familie,  die  seit  Jahrhunderten  der 
Vaterstadt  im  Rate  ihre  besten  Söhne  lieh,  wurde  L.  Leiner  am  22.  Februar 
1830  geboren.  Sein  Geburtshaus,  die  Stätte  seines  segensreichens  Wirkens, 
der  Ort  seines  Hinscheidens,  fallen  zusammen.  Am  Obermarkt  zu  Konstanz, 
jenem  denkwürdigen  Platze,  wo  141 7  der  Burggraf  von  Nürnberg  mit  der 
Markgra&chaft  Brandenburg  beliehen  wurde,  ragt  das  Patrizierhaus,  die 
Leinersche  Apotheke  zum  Malhaus,  seit  dem  Mittelalter  empor.  L.  Leiner 
war  es  bestimmt,  die  äufseren  Lebensschicksale  seines  Vaters,  des  Apothekers 
und  Stadtrates  Fr.  Xav.  Leiner,  zu  teilen.  Nach  fünfjährigem  Besuch  des 
Konstanzer  Lycetuns  trat  der  Vierzehnjährige  als  Lehrling  in  die  väterliche 
Apotheke.  Nach  Umlauf  der  Lehrzeit  versah  der  junge  Mann  mehrfach  Ge- 
hilfenstellen in  auswärtigen  Apotheken  und  besuchte  sodann  1851 — 1852 
die  Universität  in  München,  wo  er  seine  pharmazeutischen  Studien  am  19.  Mai 
1852  mit  der  Note  „Vorzüglich"  zum  Abschlufs  brachte.  Noch  im  gleichen 
Jahre  übernahm  L.  Leiner  nach  dem  Tode  seines  Vaters  das  elterliche  Ge- 
schäft. Die  Stunden  seiner  Mufse  widmete  er  zunächst  der  Botanik,  besonders 
der  Kryptogamie,  und  war  hier  auch  litterarisch  thätig.    Seit  Ende  der  sech- 


—     28     — 

ziger  Jahre  wandte  er  sich,  von  den  Naturwissenschaften  herkommend,  prä- 
historischen Sammlungen  zu.  Bald  aber  zog  er  die  gesamten  Altertümer  in 
den  Kreis  seines  Interesses.  Äufsere  Impulse  dazu  boten  ihm  die  immer 
häufiger  werdenden  Pfahlbautenfunde  der  Bodenseestationen.  Auch  die  För- 
derung der  heimatlichen  lokalen  Geschichtsstudien,  die  der  1868  gegründete 
Verein  für  Geschichte  des  Bodensees  und  seiner  Umgebung  sich  zur  Aufgabe 
stellte  —  Leiner  war  seit  der  Gründung  eifriges  Mitglied  des  Vereins  — 
blieb  auf  seine  Sammelthätigkeit  nicht  ohne  Einflufs.  So  gelang  es  ihm,  im 
Jahre  1870  durch  Übernahme  einzelner  kleinerer  vorher  in  Konstanz  be- 
stehender Sammlungen,  unter  finanzieller  Mitwirkung  der  Stadtbehörde,  ein 
der  gothischen  2^it  entstammendes  Zunfthaus  „Zum  Rosgarten*'  zu  einer 
städtischen  Altertümersammlung  umzuwandeln.  Kein  Opfer  scheute  Leiner, 
um  diese  seine  Lieblingsschöpfung  zu  einem  würdigen  Denkmale  der  reichen 
Geschichte  seiner  Vaterstadt  auszugestalten.  Von  vornherein  lag  der  Samm- 
lung die  Doppelteilung  einer  naturwissenschaftiichen  und  prähistorischen, 
sowie  einer  historischen  Gruppe  zu  Grunde.  Seitdem  Leiner  1881  die  Apo- 
theke zum  Malhaus  seinem  einzigen  Sohne  übergeben  konnte,  widmete  er 
seine  volle  Zeit  der  Konservatorthätigkeit.  Der  wirtschafUiche  Aufschwung 
der  Stadt  Konstanz  machte  es  möglich,  im  letzten  Jahrzehnt  die  Geldmittel 
zu  zwei  Erweiterungsbauten  des  Sammlungsgebäudes  flüssig  zu  machen.  Da- 
durch war  es  Leiner  beschieden,  die  Erfüllung  seines  alten  Lieblingsgedankens 
noch  zu  erleben,  nach  dem  Vorbilde  der  grofsen  Staatssammlungen  kultur- 
geschichtliche Einzelgemächer  einzurichten  und  so  die  Sammlung,  die  vorher 
in  den  beschränkten  Räumen  an  erheblicher  Überladtmg  gelitten  hatte,  sach- 
gemäfs  zu  verteilen. 

Ein  Tag  höchster  Anerkennung  war  für  Leiner  der  Besuch  der  General- 
versammlung der  deutschen  Geschichts-  imd  Altertumsvereine,  denen  er  im 
September  1895  die  Früchte  seines  arbeitsreichen  Lebens  vor  Augen  führte. 

Leiner  war  ein  Antiquar  im  besten  Sinne  des  Wortes.  In  nimmer  müder 
Sanmielthätigkeit  erschöpfte  er  sich.  Ein  feines  kunstsinniges  Gefühl  gewährte 
ihm  die  Möglichkeit,  sich  auch  in  der  Anordnung  der  Sammlung  als  Kon- 
servator zu  bewähren. 

Dagegen  ist  er  litterarisch  auf  historischem  Gebiete  nie  sehr  hervor- 
getreten ;  aufser  einigen  Aufsätzen  in  den  genannten  Zeitschriften  sowie  namentlich 
in  den  Schriften  des  Vereins  für  Geschichte  des  Bodensees,  hat  er  nach 
dieser  Richtung  gröfsere  Arbeiten  nicht  hinterlassen.  Um  die  Erforschung 
der  eigentlichen  Stad^eschichte  und  namentlich  um  die  Ordnung  und  Aus- 
beutung des  Stadtarchives  Konstanz  hat  sich  sein  Zeitgenosse,  der  verstorbene 
praktische  Arzt  Marmor  weit  gröfsere  Verdienste  als  Leiner  erworben,  wenn  auch 
die  stille  Thätigkeit  des  Archivars  in  ihren  Repertorien  und  Regestenbänden 
nur  dem  wissenschaftlichen  Benutzer  des  Archives  in  ihrem  vollen  Werte  vor 
die  Augen  treten,  während  Leiners  Lebenswerk  jedermann  erfreut  und  be- 
lehrt. Trotzdem  hatten  jene  Zeitungsstimmen  ganz  recht,  welche  Leiner  in 
ihren  Nachrufen  als  das  „historische  Gewissen**  in  Konstanz  bezeichneten. 
Denn  was  er  an  Veränderungen  und  Zerstörung  des  alten  Stadtbildes  nicht 
verhindern  konnte,  das  schützte  er  wenigstens  vor  dem  Untergange,  indem 
er  ihm  im  Rosgartenmuseum  eine  zweite  gastlichere  Heimat  bot.  Überall,  wo 
bei  StrafsenveränderuDgcn  oder  Neubauten  Ausgrabungen  stattfanden,  war  er 


—     29     — 

alsbald  zur  Stelle,  um  die  historischen  Zeugen,  die  der  Boden  barg,  für 
sein  Museum  zu  sammeln. 

Freilich  gehörte  Leiner  auch  als  Konservator  der  älteren  Schule  an, 
die  mehr  sammelte  als  das  Gesammelte  beschrieb.  Man  mufste  Leiner  mit 
vollem  Rechte  als  den  gründlichsten  Kenner  der  Pfahlbautenfunde  des  Boden- 
sees bezeichnen.  Auf  die  geologische  Bestinmiung  vieler  Tausende  von 
Steinwerkzeugen  verwandte  Leiner  die  gröfste  Mühe.  Gleichwohl  besitzen  wir 
von  ihm  keine  umfassende  Darstellung  der  Pfahlbautenkultur  des  Bodensees. 
Aber  hochwichtige  Fragen,  wie  die  ethnologische  Bestimmung  der  Stein- 
idtmenschen ,  wie  namentlich  genaue  Vermessungen  von  Umfang,  Art  imd 
Technik  der  Anlage  der  Pfahlbauten,  fanden  in  Leiner  keine  nennenswerte 
Fördenmg.  Es  war  etwas  seiner  Eigenart  Fremdes,  wenn  im  Frühjahr  1898 
bei  dem  damaligen  niederen  Wasserstande  des  Bodensees  auf  Veranlassung 
des  Veibssers  Professor  Dr.  Schumacher  an  den  Bodensee  entsandt  wurde, 
um  derartige  topographische  Aufnahmen  zu  machen,  wobei  sich  dann  heraus- 
stellte» dafs  in  den  Pfahlbaustationen  durch  jahrzehntelanges  planloses  Auf- 
wühlen nach  Pfahlbaufunden  seitens  einzelner  Seeanwohner,  die  daraus  einen 
Handel  betrieben,  die  wissenschaftliche  Untersuchung  der  Pfahlbaustationen 
überall  erschwert  wurde.  Es  liegt  uns  völlig  fem,  für  diese  Dinge  Leiner 
verantwortlich  zu  machen.  Sein  unvergängliches  Verdienst  besteht  darin,  den 
besten  Teil  der  gemachten  Ausbeute  für  das  Konstanzer  Museum  und  damit 
fiir  die  Heimat  gerettet  zu  haben,  der  sonst  in  alle  Welt  verschleudert  worden 
wäre.  Für  jene  tieferen  Fragen  fehlte  es  bis  vor  kurzem  eben  überhaupt 
an  der  richtigen  Fragestellung.  Leiner  vermochte  es  nicht,  eine  Ausgrabung 
ledi^ch  um  ihrer  selbst  willen,  etwa  zur  Feststellung  der  topographischen 
Situation  zu  unternehmen;  sie  erschien  ihm  vielmehr  immer  unter  dem  Ge- 
sichtspunkte des  Erträgnisses,  das  sie  für  den  Sammlungsbestand  des  Ros- 
gaitens  abwarf.  Freilich  ist  auch  hier  daran  zu  eriimern,  dafs  Leiner  nur 
überaas  beschränkte  städtische  Mittel  für  derartige  Untersuchungen  zur  Ver- 
fugung hatte  und  dafs  er  vieles  in  Ermangelung  derselben  aus  der  eigenen 
Tasche  bestreiten  mufste. 

Die  Geschichte  der  Stadt  Konstanz  wird  die  Verdienste  eines  ihrer 
besten  Bürger  dahin  zusammenfassen  müssen,  dafs  er  zu  einer  Zeit,  wo  noch 
viel  zu  retten  war  und  es  anderwärts  vielfach  an  dem  erforderlichen  anti- 
quarischen Interesse  fehlte,  durch  nimmer  müden  Sammelfleifs  seiner  Vaterstadt 
im  Rosgartenmuseum  ein  getreues,  bis  ins  Kleinste  vollständiges  Bild  ihrer 
Vergangenheit  geschaffen  hat  Die  deutsche  Altertumswissenschaft  verehrt 
in  ihm  einen  der  bedeutendsten  Erforscher  und  Kenner  der  Prähistorie. 

Noch  ist  zum  Schlüsse  der  Verdienste  des  Heimgegangenen  zu  ge- 
denken, die  dieser  sich  auf  anderem  Gebiete  des  öffentlichen  Wohles  erworben 
hat  Seit  1864  gehörte  Leiner  dem  Konstanzer  Stadtrat  an,  in  welcher 
Stellung  er  sich  namendich  der  Verschönerung  der  Stadt  durch  Anlagen, 
der  öffenüichen  Armenpflege  und  des  Schulwesens  in  erfolgreicher  Thätigkeit 
annahm.  Neben  vielem  Segensreichen,  das  ihm  auf  diesen  Gebieten  seine 
Entstehmig  verdankt,  ist  ihm  allerdings  auch  der  eine  oder  andere  Mifsgriff 
unterlaufen,  so  bietet  es  namentlich  in  der  Lebensgeschichte  dieses  so  hervor- 
ragend antiquarisch  veranlagten  Mannes  einen  Mifston,  dafs  er  in  den  sieb- 
ziger Jahren  des  XIX.  Jahrhunderts  seine  Hand  zu  einer  Neubenennung  der 


—     30     — 

Konstanzer  Strafsen  bieten  konnte,  welche  einen  guten  Teil  altehrwürdiger 
Strafsennamen  aus  der  Welt  schaffte  und  farblose  Gottheiten  wie  „  Boden  *^ 
oder  eine  übertriebene  Verherrlichung  der  tschechischen  Reformatoren  Johannes 
Hus  und  Hieronymus  von  Prag  an  Stelle  alter,  wurzelständiger  Namen  setzte. 
Die  ganze  Sache  findet  nur  einigermafsen  ihre  Erklärung  in  dem  politisch- 
religiösen Kampfe  der  siebziger  Jahre,  in  welchem  sich  Leiner  mit  den 
führenden  Persönlichkeiten  der  Konstanzer  Stadtverwaltung  auf  die  Seite  der  alt- 
katholischen Bewegung  gestellt  hatte.  Viele  der  verhängnisvollen  Strafsen- 
„umtaufungen''  gingen  auf  das  Bestreben  zurück,  die  Erinnerung  an  die 
kirchliche  und  klösterliche  Vergangenheit  der  Stadt  Konstanz  aus  der  Gegen- 
wart zu  tilgen. 

Ludwig  Leiner  war  das  Glück  in  vollem  Mafse  beschieden,  für  sein 
selbstloses  Schaffen  die  reichste  Anerkennung  von  allen  Seiten  zu  finden. 
Der  Verein  für  Geschichte  des  Bodensees  und  seiner  Umgebung  zählte  Leiner 
zu  seinen  Veteranen,  verehrte  in  ihm  den  langjährigen  steUvertretenden  Sekretär 
imd  ernannte  ihn  im  Jahre  1893  zu  seinem  Ehrenmi^lied.  Weiter  war 
Leiner  Ehrenmitglied  des  Münchener  Anthropologischen  Vereins  (seit  1890), 
der  anthropologischen  Gesellschaft  für  Württemberg  (seit  1897),  des  historischen 
Vereins  des  Kantons  St.  Gallen. 

Badens  Grofsherzog  verlieh  ihm  1873  das  Ritterkreuz  des  Zähringer 
Löwenordens  II.  Klasse;  1887  ^^^  gleichen  Orden  I.  Klasse;  1888  das 
Eichenlaub  zu  letzterem;  1893  die  goldene  Medaille  für  Kxmst  und  Wissen- 
schaft und  ernannte  ihn  am  Weihnachtsabend  1899,  wenige  Wochen  vor  Leiners 
70.  Geburtstage,  zum  Hofrat.  Die  Stadt  Konstanz  ehrte  Leiners  selbstlose 
Heimatliebe  durch  steigende  materielle  Unterstützungen  seiner  Bestrebungen; 
sie  feierte  seinen  70.  Geburtstag  in  aufsergewöhnlicher  Ehrung  und  erwies 
ihm  nach  dem  Tode  ein  öffentliches  I^eichenbegängnis  auf  städtische  Kosten, 
das  sich  zu  einer  gewaltigen  Trauerkimdgebung  aller  seiner  Mitbürger  ge- 
staltete. 

Möge  ihm  die  heimatliche  Erde,  die  er  so  sehr  geliebt,  leicht  sein! 

Konrad  Beyerle  (Freiburg  i.  B.). 


Der  ordentliche  Professor  der  Geschichte  in  Leipzig,  Erich  Marcks, 
wurde  in  gleicher  Eigenschaft  an  die  Universität  Heidelberg  berufen ;  Fried- 
rich v.  Bezold  in  Bonn  hat  den  an  ihn  ergangenen  Ruf  nach  Leipzig  ab- 
gelehnt Als  Nachfolger  v.  Heinemanns  in  Tübingen  wurde  Georg  v.  Below 
aus  Marburg  berufen.  An  seine  Stelle  tritt  Konrad  Varren trapp,  bisher 
in  Strafsburg.  An  der  Universität  Czemowitz  wurde  Raimund  Kaindl 
zum  a.  o.  Prof.  für  österreichische  Geschichte  ernannt,  in  Leipzig  Felix 
Salomon  zum  a.  o.  Prof. 

In  Wien  habilitierte  sich  der  Konservator  am  k.  u.  k.  Heeresmuseum 
Wilhelm  Erben  für  österreichische  Geschichte  an  der  Universität;  in  Stutt- 
gart an  der  Technischen  Hochschule  E.  Marx  aus  Mannheim  für  neuere 
Geschichte;  in  Berlin  an  der  Universität  Arthur  Haseloff  für  Geschichte ; 
in  Bern  an  der  Universität  der  kantonale  Staatsarchivar  Heinrich  Turler 
für  historische  Hilfswissenschaften;  in  Wien  an  der  Universität  Wilhelm 
Hein  für  allgemeine  Ethnographie. 


—     31     — 

Es  starben  am  5.  April  der  a.  o.  Prof.  der  Geschichte  in  Strafsburg 
Ernst  Sacktir  38  Jahre  alt ;  am  9.  April  in  Düsseldorf  Archivrat  Wilhelm 
Sauer  58  Jahre  alt;  am  6.  Mai  der  Bayerische  Reichsarchivrat  Georg 
Hansen  in  München  49  Jahre  alt;  am  15.  Mai  in  Leipzig  der  frühere 
Oberbtbliothekar  an  der  Universitätsbibliothek  L u d o  1  f  K r e h  1  76  Jahre  alt; 
am  17.  Mai  in  Marburg  der  a.  o.  Prof.  der  germanischen  Philologie  Eugen 
Joseph  46  Jahre  alt;  am  ?  Mai  der  Bibliothekar  an  der  Landesbibliothek 
in  Wiesbaden  Henneberg  38  Jahre  alt;  am  31.  Mai  der  pensionierte 
Universitätsbibliothekar  in  Graz  Alois  Müller  65  Jahre  alt;  am  9.  Juni 
m  Danzig  der  Provinzialkonservator  Adolf  Bötticher  59  Jahre  alt;  am 
16.  Juoi  der  Prof.  der  Kunstgeschichte  in  Berlin  Hermann  Grimm  73  Jahre 
ak;  am  17.  Juli  in  Bern  der  frühere  Prof.  der  Geschichte  Hidler  83  Jahre 
ah;  am  20.  Juli  in  Posen  der  Vorsteher  des  Provinzialmuseums  und  der 
Landesbibliothek  und  zugleich  Konservator  der  Kunstdenkmäler  für  die  Provinz 
Posen  Franz  Schwarz  37  Jahre  alt 

Im  Bereiche  der  Kgl.  Preufsischen  Staatsarchive  wurde  ernannt  der 
bisherige  erste  Sekretär  am  Kgl.  Preufs.  historischen  Institut  in  Rom  Prof. 
Walter  Friedensburg  zum  Direktor  des  Staatsarchivs  in  Stettin;  der 
bisherige  Leiter  des  Staatsarchivs  in  Osnabrück  Max  Bär  wurde  in  gleicher 
Eigenschaft  nach  Danzig  versetzt;  in  Düsseldorf  wurde  der  Archivassistent 
Richard  Knipping  zum  Archivar  ernannt;  Georg  Kupke,  bisher 
Assistent  am  historischen  Institut  in  Rom,  wurde  als  Archivar  an  das  Staats- 
archiv in  Posen  berufen.  In  Bayern  wurde  der  Kreisarchivar  in  Neuburg 
a.  D.  Franz  Schneiderwirth  zum  Assessor  am  k.  allgemeinen  Reichs- 
archiv in  München,  der  Kreisarchivsekretär  Franz  Joseph  Riedler  in 
Bamberg  zum  Kreisarchivar  in  Neuburg  a.  D.  und  der  geprüfte  Reichsarchiv- 
praktikant Alfred  Altmann  zum  Kreisarchivsekretär  in  Bamberg   ernannt» 

Der  Direktor  der  Universitätsbibliothek  in  Berlin  Wilhelm  Ermann 
wurde  in  gleicher  Eigensctiafl  nach  Breslau  versetzt  an  Stelle  von  Joseph 
Staender,  der  die  Direktion  der  Bonner  Universitätsbibliothek  übernimmt. 
Der  seitherige  Direktor  der  letzteren,  Karl  Max  Wilhelm  Schaar  Schmidt, 
ist  in  den  Ruhestand  getreten. 

Am  Germanischen  Museum  in  Nürnberg  trat  der  Archivar  Rudolf 
Seh  ei  dt  in  den  Ruhestand,  zum  Assistenten  daselbst  wurde  FritzTrau- 
gott  aus  Dahlhausen  in  Westfalen  ernannt  Als  Direktor  des  neu  errichteten 
Museums  fiir  Völkerkunde  in  Köln  wurde  Dr.  Foy  berufen. 

Etaigegangene  Bfleher. 

Rechenschafbbericht  der  Gesellschaft  für  Geschichte  und  Altertumskunde  der 
Ostseeprovinzen  Rufslands,  Abteilung  für  den  Dombau  zu  Riga  1898» 
1899  und  1900.     Riga,  W.  F.  Hacker,  1901.     76  S.  8^. 

Reuter,  Fr.:  Drei  Wanderjahre  Platens  in  Italien  1826  — 1829  mit  zehn 
ungedruckten  Briefen  Platens  an  Kopisch.  [47.  Jahresbericht  des 
Historischen  Vereins  für  Mittelfranken.    Ansbach  1900.    S.  i — 65.]    4^. 

Richter,  E.:  Neue  Erörterungen  zmn  Historischen  Atlas  der  österreichischen 
Alpenländer.  [Sonderabdruck  aus  den  „Mitteilungen  des  Instituts  für 
österreichische  Geschichtsforschung ''.   Ergänzungsband  VI.   S.  858 — 870.] 


—     32     — 

Riemann,  Fr.  W.:  Das  frühere  Werdumer  Archiv  [=  Jahrbuch  der  Ge- 
sellschaft für  bildende  Kunst  und  vaterländische  Altertümer  zu  Emden. 
Bd.  XIII  (1899),  S.  70 — 91.] 

Roth,  F.:  Leonhard  Kaiser,  ein  evangelischer  Märtyrer  aus  dem  Innviertel. 
[Schriften  des  Vereins  für  Reformationsgeschichte  Nr.  66.]  Halle,  Max 
Niemeyer,   1900.     51  S.  8®.     M.   1.20. 

Schoop,  Aug.:  Geschichte  der  Stadt  Düren  bis  zum  Jahre  1544.  Erste 
Lieferung.    Düren,  Kommissionsverlag  von  W.  Solinus,   1901.    95  S.  8^. 

Schulte,  Aloys:  Über  Staatenbildung  in  der  Alpenwelt.  [s=  Historisches 
Jahrbuch,  22.  Bd.,  S.   1—22.] 

Spangenberg,  Hans:  Beiträge  zur  älteren  Ver£aissungs-  und  Vemraltungs- 
geschichte  des  Fürstentums  Osnabrück.  [Sonderabdruck  aus  Band  XXV 
der  Mitteilungen  des  Vereins  für  Geschichte  imd  Landeskunde  zu  Osnabrück, 
1900.]      143  S.  8^ 

Stein:  Das  markgräfliche  Haus  von  Schweinfurt.  [=  Archiv  des  Historischen 
Vereins  von  Unterfranken  imd  Aschaffenburg,  42.  Bd.  (1900).    S.  1 1 — 56]. 

Therstappen,  Paul:  Köln  und  die  niederrheinischen  Städte  in  ihrem 
Verhältnis  zur  Hansa  in  der  2.  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts.  Marburger 
Dissert.   1901.      120  S.  8^ 

Tille,  Armin:  Getreide  als  Geld.  [=  Jahrbücher  für  Nationalökonomie 
und  Statistik.     3.  Folge,  Bd.  20  (1900).     S.  721 — 754.] 

Vancsa,  Max:  Politische  Geschichte  der  Stadt  Wien  von  1283  bis  1522. 
[Sonderabdruck  aus  „Geschichte  der  Stadt  Wien",  herausgegeben  vom 
Altertumsverein  in  Wien,  IL  Bd.  2.  Hälfte.]     Wien  1901.     93  S.  4®. 

Vancsa,  Max:  Bibliographische  Beiträge  zur  Landeskunde  von  Nieder- 
österreich im  Jahre  1900.  [Blätter  des  Vereins  für  Landeskunde  von 
Niederösterreich  1 90 1 .] 

Derselbe :  Die  ältesten  Steuerbekenntnisse  der  Stände  in  Österreich  unter  der 
Enns.  [=  Mitteilungen  des  Instituts  für  österreichische  Geschichtsforschung. 
Ergänzungsband  VI,  S.  459 — 472.] 

Derselbe:  Die  älteste  Erwähnung  von  Melk  und  nochmals  der  Grunzwitigau. 
[=  Blätter  des  Vereines  für  Landeskunde  von  Niederösterreich,  1900.] 
19  S.  8^ 

Voretzsch,  Max :  Regesten  der  Originalurkunden  des  Altenburger  Rats- 
archivs vom  Jahre  1256  bis  zum  Schlüsse  des  14.  Jahrhunderts. 
[Sonderabdruck  aus  der  Festschrift  zur  25  jährigen  Jubelfeier  des  Herzogl. 
Ernst-Realgymnasiums  zu  Altenburg  am  21.  April   1898].     36  S.  8®. 

Wchrmann,  Martin:  Der  Streit  der  Pommemherzoge  mit  den  Witteis- 
bachern um  die  Lehnsabhängigkeit  ihres  Landes.  [==  Baltische  Studien. 
Neue  Folge.     Bd.  IV,   1900.     S.   17 — 64.] 

Zeller-Werdmüller,  H.:  Die  Züricher  Stadtbücher  des  XIV.  und 
XV.  Jahrhunderts,  IL  Band.  Leipzig,  S.  Hirzel,  1901.  422  S.  8®. 
M.   12. 

Zimmermann,  Franz:  Zur  siebenbürgisch  -  deutschen  Geschichtschreibung, 
besonders  über  die  Besiedlungsfrage.  [=  Mitteilungen  des  Instituts  für 
österreichische  Geschichtsforschung.    Ergänzungsband  VI.    S.  705 — 738.] 


{feniusgeher  Dr.  Annia  Tille  in  Leipzig.  —   Druck  und  Verlag  von  Friedrich  Aadreas  Perthes  in  Gotha. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatssclirift 


sur 


Forderung  der  landesgescMchtlicheii  Forschung 

m.  Band  November  zgoz  2.  Heft 

Tlaehträgliehes  und  fleues  zur  Iiitteratur 

der  t^oland^'Bildsäulen 

Von 

G.  Sello  (Oldenburg) 

Auf  Veranlassung*  des  Herausgebers  soll  hier  eine  Nachlese  zu 
meiner  vor  Jahresfrist  veröffentlichten  Studie  ^)  über  die  Litteratur  der 
Roland -Bildsäulen  gegeben  werden.  Diese  kritische  Rundschau  hat 
mir  teils  direkt,  teils  durch  gefällige  Vermittelung  der  Redaktion  manche 
Zuschrift  eingetragen,  die,  als  Beweise  freundlichen  Interesses  an  der 
Sache,  ich  dankbar  entgegengenommen  habe.  Und  wo  ich,  unter 
Berufung  auf  sie  anpochend,  um  ergänzende  Auskünfte  bat,  hat  man 
mir  überall  bereitwillig  Rede  und  Antwort  gestanden ;  nur  wenige,  um 
der   Sache   willen    zu   bedauernde   Ausnahmen    sind   zu   verzeichnen 


gewesen. 


Eine  vollständige  Bibliographie,  und  damit  ein  erschöpfendes 
Repertorium  aller  unter  dem  Namen  Roland  in  der  Litteratur  auf- 
getauchten Bildwerke,  war  damals  nicht  von  mir  beabsichtigt,  und  ist 
es  auch  jetzt  nicht.  Eine  solche  Arbeit  würde  schon  ihres  Umfanges 
wegen  sich  nicht  in  den  Rahmen  der  Deutschen  Geschichtsblätter 
fügen ') ;    auch    ist   das   Material    noch    längst   nicht   in    erwünschter 


1)  Vgl.  Deatsche  GeschichUbläUer,  IL  Bd.,  Heft  1—3. 

2)  Um  einen  Begriff  von  dem  Umfange  ra  geben,  welchen  eine  solclie  Bibliographie 
beanspruchen  würde,  stelle  ich  hier  die  Tor-Zöpflsche  Litteratnr  des  Magdeburger  Roland, 
soweit  sie  mir  bekannt  ist,  zusammen,  zngleich  anf  das  verweisend,  was  weiter  nnten  bei 
4en  Rolanden  von  Berlin  and  Brandenburg  verzeichnet  ist  MagdeburgerSchöffen- 
cbronik,  hrsg.  v.  K.  Janicke  (Chfoniken  d.  deatschen  Städte  Vn,  1869),  S.  168,  13; 
347,  10  nnd  Lesarten  dazo;  404,  10.  —  Hartmann  Schede  1,  Chronicon  mondi,  Nüm- 
^rg  1493 >  ^ol-  180.  —  Volkslied  ans  der  Zeit  der  Belagenmg  Bifagdebmgs  155 1, 
bei  Uhland,  Volkslieder  I,  S.  556,  v.  Liliencron,  D.   histor.  Volkslieder  IV,  S.  516.   518; 

3 


—     34     — 

Vollständigkeit  beisammen,  und  wichtige  Vorfragen  sind  vorerst  zu 
erledigen.  Ich  erinnere  z.  B.  nur  daran,  dafs  für  das  plötzliche  Er- 
scheinen der  Lausitzer  Rolande  in  der  Litteratur  bis  jetzt  jeder 
sachliche  Erklärungsgrund  fehlt,  abgesehen  von  dem  zu  Ruhland, 
welcher  ein  dem  Ortsnamen  entstiegenes  Phantom  ist.  Auch  über 
die  „Brunswick-Säule*'  zu  Prag,  welche  im  Rolands-Katalog  figuriert» 
mangelt  m.  W.  jede  nähere  Nachricht.  In  dieser  Richtung  hat  der 
an  die  Lokalforscher  gerichtete  Appell  in  den  Deutschen  Geschichts- 
blättern II,  89  noch  keine  Früchte  getragen. 

Zu  einem  Urteil  freilich  über  die  von  je  in  erster  Linie  und  auch  jetzt 
wieder  so  lebhaft  erörterte  Hauptfrage  nach  der  Entstehung  und 
ursprünglichen  Bedeutung  der  Standbilder  reicht  der  vorhandene 
historische  und  archäologische  Stoff  vollkommen  aus;  denn  hierfür 
ist  es  gleichgültig,  ob  wir  einen  Roland  oder  ein  Paar  mehr  oder 
weniger  kennen,  die  eigener  Geschichte  entbehren. 

Damit  ist  die  Roland  frage  aber  nicht  erledigt.  Seit  dem 
Anfange  des  XV.  Jahrhunderts  gewinnen  die  Standbüder  für  das 
städtische  Leben  Norddeutschlands  eine  so  völlig  neue,  umfassende, 
auf-  und  absteigende  Bedeutung,  dafs  es  wünschenswert  ist,  das  ganze 
Material  zu  beherrschen,  um  den  kulturhistorischen  Gemein- 
wert  der  monumental- symbolistischen  Strömung,  welche  durch  ver- 
borgene Kanäle  bis  weit  über  die  Grenzen  Sachsenlands  hinausdrang,, 
richtig  einschätzen  zu  können. 


vgl.  „Die  Magdeb.  Presse  z.  Z.  der  Reichsacht  o.  s.  w.<',  Montagsbeibl.  d.  Magdeb.  Zeit.. 
1876,  nr.  22,  S.  173.  ^-  G.  Torquatas,  Annal.  Magdeb.  et  Halberstad.  1574  (bei. 
Boysen,  Monum.  ined.  S.  164 fiL).  —  Joh.  Fomarius,  Summar.  Begrifif  d.  Magdeburgs 
Stadtchron.  1587,  Sign.  Sii^TiijaXi^.  —  Ders.,  Chronica  der  Sachsen,  1588,. 
S.  457.  —  Karl  V.  Zierotins  Reisebericht  1588,  s.  Magdeb.  Gesch.-Bl.  II,  242,  — 
Nath.  Chytraeas  (f  1598),  Varioram  in  Europa  itineram  deliciae  et  inscriptionnm 
monamenta  (3.  Ansg.  1606,  S.  352,  s.  Magdeb.  Gesch.-BI.  III,  215).  —  Joh.  Gry- 
phiander.  De  weichbildis  Saxonicis  etc.  1625,  S.  245 — 247.  —  M.  Zeiller,  Itinera- 
rium  Germaniae  1632  (1674,  S.  127;  Reisebericht  von  1612);  Continaatio  I,  1639,  S.  72,  — 
P.  Bertius,  Commentar.  res.  German.  1632,  S.  601.  —  Benj.  Leuber,  Disquisitio 
plenaria  stapnlae  Saxonicae  1658,  \  1256 ff.  —  Gottfr.  Gengenbach,  Die  Stadt 
Magdeburg,  d.  i.  Kurtze  Beschreibung  der  Stadt  M.  1678,  S.  4.  —  Joh.  Vulpius^ 
Magnificentia  Parthenopolitana  1702,  S.  IH.  251.  —  Calvisins,  Das  zerstörte  und 
wiederaufgerichtete  Magdeburg  1727,  S.  107.  —  Joach.  Christ.  Westphal,  De 
insignibus  Magdeburgi  1729,  S.  21.  —  (J.  H.  Dielhelm)  Antiquarius  des  Eibstroms 
1741,  Vorrede,  Bl.  2.  —  W.  Heinzelmann,  Ober  die  Rolandssäulen  etc.,  in  (Kruses) 
Deutsche  Altertümer  u.  s.  w.  III,  1829,  3./4.  Heft,  S.  125.  —  v.  Quast,  Die  Statue 
Kaiser  Ottos  d.  Gr.  zu  Magdeburg,  in  Ztschr.  f.  christl.  Bauk.  d.  MA.  I,  1858,  wieder- 
holt Magdeb.  Gesch.-Bl.  VII,  202. 


—     35     — 

Aus  diesem  Grunde  wäre  es  vielleicht  richtig  gewesen,  schon 
in  jener  Rundschau  des  verflossenen  Jahres  die  Rolande  des  Deutsch- 
ordensgebietes an  der  Ostsee  zu  erwähnen,  obwohl  dieselben 
keine  eigentliche  Litteratur  besitzen.  Denn  den  von  £lbing  (1404) 
erwähnt  nur  Zöpfl,  den  von  Königsberg  (o.  J.)  Götze,  und  über 
den  von  Riga  (14 12/13,  1473/74)  liegt  allem  ein  kurzer  Vortrag  von 
H.  Hildebrand  vor*). 

Das  kulturhistorische  Gesamtbild  läfst  sich  leicht  in  eine  Anzahl 
inhaltlich  anziehender  Einzelgruppen  zerlegen,  deren  gesonderte  Be- 
trachtung wohl  der  Mühe  lohnt. 

Da  wäre  zunächst  etwa  zu  beobachten,  wie  der  Doyen  aller  Ro- 
lande,  der  Bremer ^  im  Verfassungs-  und  Volksleben  der  Stadt  eine 
ganz  einzige  Rolle  spielte,  ja  zum  Teil  noch  heute  spielt,  und  darum 
in  der  Dichtung  (Rückert,  Hauff,  Fitger  u.  a.  m.)  seinen  gebührenden 
Platz  erhalten  hat. 

Der  Berliner  Roland  versucht  mit  dem  Bremer  in  dieser  Hin- 
sicht zu  rivalisieren.  Einiges  aus  diesem  Kapitel  hat  Richard  George 
zusammengestellt  (Willibald  Alexis,  Joseph  LaufT,  Ruggiero  Leon- 
cavallo)  ^).  Doch  wäre  zunächst  die  Geschichte  der  Statue  festzulegen. 
So  kurz  und  fragmentarisch  dieselbe,  so  lehrreich  ist  sie  doch,  be- 
sonders für  die  Geschichte  der  Rolande  überhaupt.  Auf  ihre  Ent- 
stehung und  die  daraus  zu  ziehenden  Folgerungen  einzugehen,  mufs 
ich  mir  hier  versagen  *) ;  rücksichtlich  ihrer  weiteren  Schicksale  hat 
die  Kritik  vornehmlich  die  unerfreuliche  Aufgabe,  üppige  Wucherungen 
lokaler  Geschichtsklitterung  zurückzuschneiden. 

Die  Kunde  von  der  früheren  Existenz  eines  Roland  in  Berlin  war 
völlig  geschwunden;   sie  wurde  erst   wiedererweckt,   als  E.  Fi  die  in 


1)  „Die  Rolandssäulen  und  der  Ruland  von  Riga'',  Sitzungsberichte  d.  Gesellsch.  f. 
Gesch.-  u.  Altert.-K.  d.  Ostseeprovinzen  Rufslands,  Riga  1875,  ^^  ^9 — 77«  ^^^  ^^  seinem 
allgemeinen  Teil  lediglich  auf  Zöpfl,  der  mehrfach  mifsverstanden  wird.  Über  den  höl- 
zernen Roland  zu  Riga  bringt  der  Verfasser  S.  76  zwei  kurze  Notizen  aus  dem  städtischen 
Ajugabebuche  filr  1405/74,  und  meint,  die  Stadt  habe  schon  in  viel  früherer  Zeit  vor 
141 2  infolge  des  stets  regen  hamburgisch  •  bremischen  Einflusses  einen  hölzernen  Roland 
besessen. 

2)  „Hie  gut  Brandenburg  allewegl''  Geschichts-  und  Kulturbilder  aus  der  Vergangen- 
heit der  Mark  und  aus  Alt-Berlin  bis  zum  Tode  d.  Gr.  «KurfUrsten.  Berlin  1900,  S.  265  ff.  — 
Vgl.  auch  O.  Tschirch,  Wilibald  Alexis  als  vaterländischer  Dichter  und  Patriot,  Forsch, 
z.  Brandenb.  vl  Preafs.  Gesch.  XII,  1899,  S.  5099.;  insbes.  über  den  Roman  „Der 
Roland  von  Berlin  <<  S.  5290. 

3}  Ich  beziehe  mich  deswegen  auf  meine  unten  zu  erwähnende  Monographie  über 
den  Bremer  Roland,  welche  sich  z.  Z.  im  Druck  befindet 

3* 


—     36     — 

i837  ^^  Berliner  Stadtbuch  (dessen  Manuskript  im  Jahre  vorher 
durch  Schenkung  des  Bremer  Senats  in  den  Besitz  der  Stadt  Berlin 
zurückgekehrt  war)  veröffentlichte*).  Es  giebt  keine  ältere  „Sage" 
von  dem  Standplatze  des  Roland  vor  dem  Hause  „Zur  Rippe"  am 
Molkenmarkt ;  Fidicin  *)  hat  die  von  A.  Cos  mar*)  mitgeteilte  ätio- 
logische Sage  von  dem  Riesen ,  dem  Eroberer  Berlins  und  Bewohner 
dieses  Hauses,  an  welchem,  nachdem  er  von  einigen  Bürgern  erschlagen, 
des  Getöteten  Rippe  und  Schulterblatt  ^)  zum  Wahrzeichen  befestigt 
wurden,  euhemeristisch  auf  den  von  ihm  wiederentdeckten  Roland 
übertragen;  das  brachte  Oskar  Schwebel*)  auf  die  groteske  Ver- 
mutung, die  beiden  Knochen  seien  ein  spöttisches  Erinnerungszeichen 
an  die  Zerstörung  des  Roland.  Es  giebt  keine  „dunkle,  sagenhafte 
Kunde",  dafe  diese  Zerstörung  infolge  der  Unterwerfung  Berlins  durch 
Kurfürst  Friedrich  IL  im  Jahre  1448  erfolgt*),  und  keine  „Sage", 
daCs  das  Standbild  im  Berliner  Schlosse  vergraben  wieder  aufgefunden 
worden  sei  ^).  Jenes  ist  historische  Hypothese,  und  dieses  willkürliche 
Umformung  der  Sage  von  dem  schwertbewaffneten,  automatisch  rich- 
tenden, steinernen  Jungfrauenbilde  im  Schlosse  ^). 

Einige   allgemeine  Roland -Notizen   giebt  Fidicin    auiserdem  ^). 
K.  F.  v.  Kl  öden  läfst  die  Errichtung  der  Bildsäule  unmittelbare  Folge 


i)  Histor.  diplomat.  Beiträge  z.  Gesch.  d.  Stadt  Berlin  I,  1837. 

2)  1.  c.  n,  555. 

3)  Sagen  und  Miscelleo  aus  Berlins  Vorzeit  183 1,  S!  114.  Einfacher  bei  A.  Kuhn 
und  W.  Schwartz,  Nordd.  Sagen  n.  s.  w.  1848,  nr.  80  (mttndl.;  vgl.  Anm.  dazn  S.  479); 
danach  in  den  verschiedenen  Ausgaben  von  W.  Schwartz,  Sagen  u.  alte  Geschichten 
aus  der  Mark  Brandenburg  (i.  Ausg.  187 1,  S.  57). 

4)  Sie  sind  von  Holz  und  mögen  als  Wirtsl^uszeichen  gedient  haben ;  verwandt  ist 
die  Bezeichnung  des  Hauses  „Zum  blutigen  Knochen"  in  Brandenburg. 

5)  Knlturhistor.  Bilder  aus  der  deutschen  Reichshauptstadt  1882,  S.  188. 

6)  O.  Schwebel,  Aus  Alt-Berlin  1891,  S.  17. 

7)  L.  Schneider,  Der  Roland  von  Berlin  1875,  S.  2.  O.  Schwebel, 
L  c.  S.  18. 

8)  A.  Kuhn,  Mark.  Sagen  und  Märchen  1843,  ^r.  122  (mUndl.).  Diese  „ steinerne*' 
Jungfrau  ist  wieder  eine  wunderliche  Metastase  des  berufenen  Folter-  und  Richtinstruments 
der  „eisernen"  Jungfrau,  deren  Vorhandensein  im  Berliner  Schlosse  W.  Schwartz, 
Sagen  u.  alte  Gesch.,  I.  Ausg.,  S.  57,  erzählt  VgL  M.  F.  Rabe,  Die  eiserne  Jungfrau 
und  das  heimliche  Gericht  im  Kgl.  Schlosse  zu  Berlin  1847;  K.F.  v.  Klöden,  Andreas 
Schlüter  1861,  S.  56.  57. 

9)  L  c.  I,  31;  n,  555;  vgl.  auch  Sello,  Die  Gerichtsverfassung  n.  d.  Schöffenreoht 
Berlins  bis  z.  Mitte  des  15.  Jh.,  in  Mark.  Forsch.  XVI,  1880,  S.  il.  Die  Jubiläums- 
ausgabe des  Berliner  Stadtbuchea  1883,  besorgt  vom  Stadtarchivar  Dr.  Clauswitz, 
hat  den  Roland  gar  nicht  in  ihr  Register  aufgenommen. 


—     Ö7     — 

der  Verleihung  des  Blutbannes  an  die  Stadt  i.  J.  1391  sein  ^).  Eine 
phantastische  Abbildung'  vom  „Molkenmarkt  vor  500  Jahren*'  mit 
dem  Roland  findet  sich  in  dem  Prachtwerke  M.  Rings,  Die  deutsche 
Kaisexstadt  Berlin  (1883,  S.  i).  Wundersame  Dinge  hat  Schwebel 
über  das  Aussehen  der  Berliner  Statue  verbreitet.  Er  beschreibt  *) 
„des  Rates  gehamischten  Mann'*  als  „ein  riesenhaftes  Bildwerk,  auf 
dessen  uraltem  Haupte  dunkelgrünes  Moos  gewachsen  war,  dessen 
scharfes  Schwert  indes  vom  Rate  spiegelblank  und  schartenlos  ge- 
halten ward,  damit  dasselbe  jeden  Friedebrecher  schreckte.  Den  Roland 
zu  Stendal  (von  1525)  verwendet  er  als  Modell  für  den  Berliner 
(XUI./XI V.  Jh.)  *) ;  indem  er  den  wulstigen  Rand  der  federgeschmückten 
Hamischkappe  des  ersteren  miisversteht  und  des  Hauslauch-Käppchens 
des  Brandenbui^er  Roland  sich  erinnert,  verfällt  er  schliefslich  auf 
das  „Laubkränzlein'',  welches  dem  Berliner  Recken  „gar  keck  auf 
dem  lockigen,  lang  herab  wallenden  Haar''  gesessen  habe  *). 

Die  schaurigen  Hinrichtungen  vor  dem  Roland,  welche  Richard 
George  mit  Schwebeis  Worten  schildert  *),  haben  an  dieser  Stelle  n  i  e 
stattgefunden. 

Wie  weit  das  1886  bis  zum  Entwurf  eines  Titelblattes  und  Arbeits- 
planes gediehene  „Verzeichnis  der  geschichtlichen  und  kunstgeschicht- 
lichen Denkmäler  Berlins"  inzwischen  gefördert,  für  welches  E.  Friedel 
die  Bearbeitung  des  „Roland  von  Berlin"  und  die  kurze  Behandlung 
der  „Rolandfrage,  soweit  Berlin  in  Frage  kommt",  übernommen  hat, 
weiis  ich  nicht. 

Archäologischen  Spiritismus  möchte  man  das  Bestreben  nennen, 
dem  längst  verschollenen  Bilde  neues  körperliches  Dasein  zu  verleihen. 
Von  dem  Plane  des  Berliner  Geschichtsvereins,  die  Statue  wieder  auf 
ihrem  alten  Standplatze,  dem  Molkenmarkte,  zu  errichten,  ist  bereits 
früher  die  Rede  gewesen  ®) ;  inzwischen  ist  der  Recke  in  plumper  Nach- 
ahmung seines  Brandenburger  Budes  als  Statist  eines  LaufTschen  Dramas 
auf  der  Hofbühne  zu  Wiesbaden  aufgetreten,  und  gebührendermafsen 
in  der  Woche  abkonterfeit  worden;  demnächst  soll  er  im  Berliner 
Tiergarten,  am  Ende  der  Siegesallee,  auf  einem  Brunnen  sich  erheben, 
nachdem,   wie   es  heifst,   der  Magistrat  die  Aufstellung  dieses  Kunst- 


i)  Erläaternng  einiger  Abschnitte  des  alten  Berlinischen  Stadtbuches  II,  1839,  S.  20. 

2)  Koltorhisior.  Bilder  etc.  S.  187. 

3)  Ans  Alt-Berlin  S.  6. 

4)  1.  c  S^  6.  17. 

5)  1.  c.  S.  464;  ich  vermag  die  Stelle  in  Schwebeis  Schriften  z.  Z.  nicht  aufzufinden. 

6)  Deutsche  GeschichtsbL  II,  44. 


—     38     — 

Werks  vor  dem  Rathause  abg'elehnt  hat.  Ist  das,  was  die  Tageszeitungen 
über  die  Gestaltung  der  in  Höhe  von  3i  m  geplanten  F'igur  zu  be- 
richten wissen,  richtig,  so  wird  dieselbe  zu  mancherlei  erheblichen  Be- 
denken Anlafs  geben.  Und  doch  ist  es  gerade  hier  so  leicht,  das 
historisch-richtige  zu  treffen. 

Harmloser  als  diese  gekünstelten  Berolinismen  mutet  uns  die  Hul- 
digung an,  welche  der  verstorbene  Kreisgerichtssekretär  Seligo  dem 
Brandenburger  Roland  *)  am  400.  Jahrestage  der  Errichtung  seiner 
dort  noch,  wenn  auch  nicht  unverändert,  stehenden  Statue  in  dem 
kleinen  scherzhaften  Epos:  ,,Die  Schwertweihe  des  neuen  steinernen 
Ruland  den  2.  Dezember  1474  n.  Chr.  Geburt",  darbrächte  *).  Gar 
sinnig  aber  war  die  Ehrung,  welche  der  Brandenburger  Geschichts- 
verein einige  Jahre  früher  (1871)  durch  Überreichung  einer  künstlerisch 
in  Ebenholz  und  Silber  ausgeführten  Nachbildung  des  Roland  seinem 
um  die  Geschichte  von  Stadt  und  Mark  Brandenburg  wohlverdienten 
Ehrenpräsidenten,  dem  Professor  Heffter,  zum  achtzigsten  Geburtstage 
erwiesen  hatte '). 

Dafs  die  erste  Erwähnung  der  Bildsäule  im  Brandenburger  Stadt- 
buche und  die  Deutung  der  dort  eteostichich  verzeichneten  Jahreszahl 
(1402),   sowie  die  älteste  Jahreszahl  an  dem  jetzigen  Stützpfeiler  der 


i)  Ich  veneichoe  folgende  ältere  Litterator  über  denselben:  G.  Sabinas,  de  Brande- 
burgo,  1552  n.  öfter,  von  Z.  Garcäas  (f  1585/86)  bis  auf  seine  Zeit  fortgeführt  und 
mit  Anm.  versehen  im  3.  Buche  seiner  Snccessiones  familiamm  etc.,  edit  J.  Gottl.  Krause, 
1729,  2.  Teil,  S.  342  und  Anm.  auf  S.  344.  —  N.  Leuthinger,  Topogr.  prior 
Marchiae  1597  (edit.  Krause  1.  c.  S.  8).  —  Andr.  Angelus,  Annales  Marchiae  Bran- 
denburg. 1598  (S.  26:  Vom  grofsea  Ruland  zu  Brandenburg  j  mit  Holzschn.).  — 
M.  Zeiller,  Itinerarium  Germaniae  1674  (zuerst  1632),  S.  382.  383.  Continuatio  I, 
1639,  S.  205.  —  Joach.  Fromm,  Nomenclatura  rerum,  qnae  Brandebnrgi  sunt  etc. 
1679,  neu  hrsg.  von  Casp.  Gottschling  1727,  S.  40,  Gottschlings  Anm.  S.  158.  (Platz- 
veränderung des  Roland  17 16,  Okt  27;  nach  den  gleichzeitigen  Aufzeichnungen  des  Pastor 
Loesecke  zu  Flaue  dagegen,  XIII. — XVI.  Jahresber.  d.  Brandenb.  Gesch.-Ver.,  S.  II  im 
Jahre  17 19.)  —  P.  L.  Berckenmejer,  Curieuser  Antiquariui  17 12  (i.  Aug.  1709), 
S*  577*  —  Nath.  Reinh.  Schäffer,  Kurzer  Bericht  von  einigen  z.  Kirchen-Historie 
der  Stadt  Brandenburg  u.  s.  w.  dienlichen  Nachrichten  1737,  S.  3.  —  v.  Rochow, 
Geschichtl.  Nachrichten  von  Brandenburg  1821  (lithogr. ;  2.  Ausgabe*  von  M.  W.  Heffter 
1840,  S.  78).  —  W.  Heinzelmann,  Über  die  Rolandssäulen  etc.,  in  (Kruses)  Deutsche 
Altertümer  etc.,  Halle  HI,  1829,  3./4-  Heil,  S.  119. 

2)  Anonym,  doch  mit  dem  Wahlspruch  des  Verfassers:  „Quod  placet  seligo''  be- 
zeichnet, Brandenburg  1874,  bei  J.  Wiesike;  vgl.  Übrigens  VII.— XII.  Jahresber.  d.  histor. 
Vereins  z.  Brandenburg  a.  H.  1881,  S.  5.  —  Die  dem  Epos  beigegebene,  von  C.  St(imming) 
gezeichnete  Doppelansicht  des  Rolands  (von  vom  und  hinten)  ist  nichts  wert. 

3)  IL/m.  Jahresber.  pp.  1872,  S.  XXXL 


—     39     — 

Statue  (1474)  ein  kleines  bellum  diplomaticum  hervorgerufen^),  sowie 
dals  die  vom  Brandenburg^er  Stadtarchivar  ausgeführte  Roland-Escalade 
diesen  bezüglich  des  hypothetischen  Schildes  der  Statue  zu  anderen 
Eigebnissen  geführt,  als  Wernickes  frühere  Untersuchung  ergeben 
hatte  '),  mag  der  Vollständigkeit  halber  erwähnt  werden. 

Auf  dem  Haupte  trägt  der  Brandenburger  Roland  ein  Käppchen 
von  grünendem  Donnerbart  (Hauslauch,  Sempervivum  tectorum),  welche 
Pflanze  dem  Donneigott  heilig  ist  *) ;  sinnige  Verwertung  dieses  Mo- 
ments in  der  Donar-Roland-Theorie  ist  bis  jetzt  zu  vermissen. 

Die  angebliche  Darstellung  unserer  Statue  auf  städtischen  Mün- 
zen, insbesondere  aber  auf  den  Siegeln  der  Neustadt-Brandenburg, 
wie  sie  etwa  seit  der  Mitte  des  XIII.  Jahrhunderts  üblich  sein  soll 
(worüber  viel  Ungereimtes  geschrieben  ist)  *),  führt  in  ein  neues  Ka- 
pitel der  Rolands-Archäologie  ein. 

Es  würde  an  und  für  sich  nicht  Wunder  nehmen,  wenn  die  so 
volkstümlichen  Bildwerke  als  besonders  repräsentative  Stadtwahrzeichen 
auf  Münzen  —  ich  verweise  auf  die  Bremer  Denkmünzen  des  XVII.  Jahr- 
hunderts — ,  Siegeln  und  Wappen  häufiger  Verwendung  gefunden  hätten. 
Dennoch  wird  nur  verhältnismäisig  wenig  darüber  berichtet,  und  dieses 
Wenige  beruht  zum  grolsen  Teile  auf  Einbildung.  Besonders  ist  hier 
das  von  Zöpfl  wieder  ausgegrabene  Gerichtssiegel  Kurfürst  Siegmunds 
für  die  Ukermark  zu  nennen,  auf  welchem  Chr.  Grundtmann*) 
die  Figur  des  Landesherrn  als  die  „eigentliche  Vorstellung  einer  sogen. 
Rolandssäule"  erklärt.     Produkt   modernen  heraldischen  Sports  dürfte 


i)  VgL  E.FriedläDderiTi  Ztschr.  f.  Preofs.  Gesch.  a.  Landesk.  V,  1868,  S.  453; 
G.  Sello,  Brandenbiirgische  StadtrechtsqoeUen)  in  Mark.  Forsch.  XVIII,  1884,  S.  5. 
64.   108. 

2)  XXI.— XXV.  Jahresber.  pp.  1894,  8.  XIV ff.,  nebst  „ Berichtiguogcn "  dazu.  — 
K  Wernicke  bei  R.  Bergan,  Inventar  der  Bau-  und  Kanstdenkmäler  in  der  Prorinz 
Brandenburg  1885,  S.  278.  —  Die  AosfUhnngen  von  Bergan  selbst  (1.  c.  S.  128.  129) 
über  die  Rolande  im  aUgemeinen  und  die  märkischen  im  besonderen  sind  nnerheblich. 

3)  Chr.  Petersen,  Der  Donnerbesen,  Kiel  1862,  8.  19;  A.  v.  Perger,  Deutsche 
Pflanzensagen  1864,  S.  167. 

4)  J.  F.  MTeidhas,  Die  Brandenburger  Denare  1855,  §•  4*  ^l-  -^  ^-  Bahrfeldt, 
Das  Münzwesen  der  Mark  Brandenburg,  1889,  8.  125 ff.  178.  —  Dan.  Fink,  Anszng 
aas  einem  Mannskr.  desselben  bei  A.  Fr.  Bflsching,  Beschreibung  seiner  Reise  von 
Berlin  ...  nach  Rekahn  1775,  8.  258.  —  M.  W.  Heffter,  Gesch.  d.  Kur-  und  Haupt- 
stadt Brandenbwg  1840,  S.  163.  385.  —  R.  Schillmann,  Gesch.  d.  Stadt  Branden« 
borg  a.  H.  1882,  S.  549.  550 ff.  —  Vgl.  dazu  Sello,  Siegel  der  Alt-  u.  Neustadt 
Brandenburg  1886,  8.  16  ff. 

5)  Versuch  einer  Ucker-MSrckischen  Adels-Historie,  Prenzlau  1744»  ^ol.,  S.  134^ 
mit  Abb. 


—     40     — 

der  Roland  im  Stadtwappen  von  Bramstedt,  und  im   „  Wappen '^  des 
Dorfes  Buch  sein  '). 

Infolge  Miisverstehens  seiner  Quelle  behauptet  Zöpfl  (S.  296), 
der  1404  errichtete  hölzerne  Roland  zu  Elbing  habe  die  einzige  Be- 
stimmung gehabt,  als  Schandpfahl  und  Pranger  zu  dienen.  Die  Stadt- 
xechnung  von  diesem  Jahre  bucht  zwar  die  Kosten  für  Halseisen  und 
Krampen  unmittelbar  hinter  denen  für  Roland,  allein  ohne  jede  Be- 
ziehung auf  dieses ;  Schliefszeug  zur  öffentlichen  Ausstellung  von  Delin- 
quenten fand  sich  wohl  hier  und  da  in  der  Nähe  des  Roland,  oder 
am  Gitter  desselben  —  ich  habe  diese  Pietätlosigkeit  blofs  bei  einigen 
jüngeren  Rolanden,  nie  bei  einem  der  alten  gefunden  —  doch  nur, 
weil  der  Platz  ein  recht  in  die  Augen  fallender  war.  Die  gehamischten 
Figuren  aber,  welche  die  reicher  ausgebildeten  Prangerbauten  ver- 
mögender Städte  ^)  krönten,  sind  nicht  nur  öfter  irrig  zu  Rolandbildern 


i)  G.  G.  Winkel,  Die  Wappen  und  Siegel  der  ...  Altmark  und  Priegnitz,  in 
XXIV.  Jahresber.  d.  Altmärk.  Vereins  f.  vaterländ.  Gesch.  u.  Industrie  zu  Salzwedel,  Abt. 
f.  Gesch.,  Heft  i,  1894,  S.  18,  mit  farbiger  Abb.  Taf.  i.  —  Über  den  Roland  zu  Buch 
mögen  hier  noch  zwei  Notizen  folgen,  welche  hoffentlich  den  Rolands-Mythologen  und 
vieUeicht  auch  diesem  oder  jenem  Rechtshistoriker  Freude  machen  werden.  Aus  Be- 
richten, welche  die  Prediger  der  Altmark  der  GeseUsch.  f.  Thttring.-Sächs.  Gesch.  zu  Halle 
über  „wüste  Dörfer,  geschichtliche  und  sonstige  Merkwürdigkeiten"  erstatteten,  teilt 
G.  W.  V.  Raumer  in  v.  Ledeburs  Allgem.  Arch.  f.  d.  Gesch.-K.  d.  Preufs.  Staates  XIV, 
1834,  S.  289  mit,  dafs  die  Statue  zu  Buch  am  Pfingstfeste  von  den  jungen  Leuten  be< 
kränzt  werde.  Von  der  verwitterten  Inschrift  am  Piedestal  sei  nur  noch  der  Name 
Johann  v.  Buch  zu  lesen.  Das  Standbild  hänge  mit  der  Sage  zusammen,  dafs  Buch 
früher  Stadtgerechtigkeit  gehabt  habe,  und  dafs  in  der  noch  jetzt  Komstrafse  genannten 
Gasse  Kommarkt  gehalten  sei.  Verwiesen  wird  auf  Thamms  Vaterlandskunde  S.  5.  Der 
Kupferstich  bei  Beckmann,  Churmark  II,  Taf.  III,  zeigt  freilich  ganz  andere  Namen. 

2)  Über  den  Pranger  zu  Bremen  vgl.  Casp.  Schneider,  Saxonia  vetus,  ed.  J.  C.  Knauth 
1727,  S.  275;  über  den  zu  Magdeburg  Gottfr.  Gengenbach,  Stadt  Magdeburg  1678,  S.  24, 
vgL  G.  Hertel,  Strafsen-  und  Häusernamen  von  Magdeburg,  Magdeb.  Gesch.-BL  XIV,  1879, 
8.  251  ff.  Dafs  auch  Hamburg  ein  solches  Gebäude  besessen,  läfst  die  Miniatur  des 
Hamburger  Stadtrechts  von  1497  vermuten  (Abb.  bei  Fr.  Heinemann,  Richter  und  Rechts- 
pflege in  der  deutschen  Vergangenheit,  zu  S.  56;  desgl.  bei  G.  v.  Below,  Das  ältere 
deutsche  Städtewesen  und  Bürgertum  1898,  Abb.  47  zu  S.  50).  Der  Geharnischte  auf 
der  gothischen  (der  Hamburger  ähnlichen)  „Staupsäule"  von  1492  zu  Breslau  ist  auf  der 
Abb.  bei  v.  Below  1.  c.  S.  83  nicht  zu  erkennen;  ein  süddeutscher  gothischer  Pranger 
(zu  Schwäbisch-Hall)  ist  *iebenda  S.  46  in  sehr  kleinem  Mafsstabe  abgebildet  Wunderlich 
ist  V.  Belows  Bemerkung  (S.  63):  „Häufig  wurde  dem  zum  Prangerstehen  verurteilten 
Delinquenten  zugleich  ein  Halseisen  angelegt.  Daher  wird  Halseisen  gelegent- 
lich auch  im  Sinne  von  Pranger  gebraucht.*'  Das  Halseisen  war  keine  Zugabe,  keine 
Strafschärfung,  sondern  mittels  desselben  wurde  der  Delinquent  überall  da  an  die  Schand- 
säule angeschlossen,  wo  kein  Käfig  (wie  die  Hamburger  Miniatur  zeigt)  vorhanden  war, 
um  ihn  einzusperren. 


—     41     — 

gemacht  worden,  sondern  haben  auch,  wie  wir  II  S.  41  gesehen  haben, 
zu  der  Behauptung  geführt,  dals  Roland  und  Prangerfigur  sachlich  das- 
selbe bedeuten.  Auf  Grund  dieser  Behauptung  hat  man  denn  auch 
in  SchlesiHäg  einen  Roland  gefunden  ^).  Dafs  Rolandstatuen  und 
Prangerbiider  nicht  dasselbe  bedeuten  sollen,  ergiebt  schon  ihr  Typus. 
Letztere  sind  gehamischte  Stadtdiener,  welche  den  Strafvollzug  an- 
drohen. In  Magdeburg  und  Bremen  standen  umfangreiche  Pranger- 
bauten mit  solchen  Bütteln  neben  dem  Roland  auf  dem  Markte. 
Immerhin  wäre  es  wünschenswert,  wenn  die  Spezialforschung  sich  ein- 
mal mit'  der  architektonischen  und  skulpturellen  Gestaltung  dieser  mo- 
numentalen Requisite  mittelalterlicher  Justiz  näher  befassen  wollte. 
Das  direktionslose  Buch  F.  Heine maans,  Richter  und  Rechtspflege 
in  der  deutschen  Vergangenheit,  (Monographieen  z.  deutsch.  Kultur- 
gesch.,  hsg.  von  G.  Steinhausen,  IV.  Bd.,  o.  J.),  welches  Veranlassung 
gehabt  hätte,  darauf  einzugehen,  hat  sich  diese  Mühe  gespart. 

In  neuester  Zeit  hat  S.  Rietschel  (S.  228)  wieder  darauf  hin- 
gewiesen, dafs  „sich  wiederholt  noch  im  MA.  Quellenstellen  finden, 
welche  für  eine  Deutung  der  Rolande  als  Wahrzeichen  der  Blut- 
gerieb tsbarkeit  sprechen":  in  Zerbst  wie  in  Halberstadt  seien  am 
Ende  des  XlV.bezw.  am  Anfange  des  XV.  Jahrhunderts  Hinrichtungen  vor 
dem  Rolande  vollzogen;  dieselbe  Sitte  werde  in  Prenzlau  erwähnt: 
in  Barg,  Stendal,  Halle  sei  das  Halsgericht  vor  dem  Rolande  ab- 
gehalten worden.  Wer  zu  so  erheblichen  Schlufsfolgerungen  solche 
Aigumente  ins  Feld  führt,  thut  gut,  dieselben  vorher  auf  ihre  Stich- 
haltigkeit zu  prüfen  und  sie  nicht  blofs  aus  Zöpfl  zu  entnehmen. 
Für  beide  Thatsachcn  könnte  ich  noch  weit  mehr  Beispiele  nennen, 
und  doch  würde  dadurch  ebenso  wenig  bewiesen,  wie  durch  die  von 
Rietschel  gewählten. 

Auf  den  Marktplätzen  fanden  sich  mehr  oder  weniger  vollständig 
zusammen:  Dingstätte,  Roland,  Kaiserbild,  Pranger  (mit  Büttelfigur), 
Brunnen  (mit  Stadtknechtsfigur),  in  späterer  Zeit  der  Soldatengalgen 
und  andere  Strafwerkzeuge  der  militärischen  Strafrechtspflege,  lediglich 
weil  hier  der  Mittelpunkt  des  öffentlichen  Lebens  war.  Der  gewöhn- 
liche Richtplatz  lag  aufserhalb  der  Stadt;  ausnahmsweise  wurde  in  be- 
sonders sensationellen  Fällen  das  Schaffot  ebenfalls  auf  dem  Markte 
errichtet  So  war  es  1385  in  Zerbst,  wo  ein  vom  Botding  heim- 
kehrender  Schöffe    auf   offener  Straise   in    der  Nähe    des    Rathauses 


i)  A.  Sach,  Gesch.  d.  Stadt  Schleswig  1875,  S.   169.  170;  gefällige  Mitteilung  des 
Hcrm  Geheimeo  Archivrat  Dr.  Hille  in  Schleswig. 


—     42     — 

meuchlings  erstochen  worden  war*),  so  in  Halberstadt,  wo,  wie  es 
heifst,  1423  die  Aufständischen  vier  Ratsherren  beim  Roland  enthaupten 
liefsen.  Dieses  Ereignis  wird  in  keiner  mittelalterlichen  Quelle  be- 
richtet, sondern  in  der  erst  15 12  zusammengestellten,  wenn  auch  zum 
Teil  auf  älteren  Lokalquellen  beruhenden  Historia  sedüionis  Hai- 
berstadensts  *) ;  der  Halberstädter  Roland  könnte  danach  sehr  wohl 
erst  1433  errichtet  sein  (Jahreszahl  am  Gürtelschlofs ;  ältere  Nachrichten 
fehlen),  der  Verfasser  der  „Historia**  aber  die  spätere  Staffage  des 
Marktplatzes  in  eine  frühere  Zeit  hinaufgerückt  haben.  Die  auf 
Prenzlau  bezügliche  Angabe  bei  Bekmann  entbehrt  in  ihrer  Un- 
bestimmtheit der  Beweiskraft.  Was  aber  den  behaupteten  inneren  Zu- 
sammenhang von  Dingstätte  und  Roland  anlangt,  so  wird  der  beste 
Beweis  dafür,  dafs  dem  Mittelalter  ein  solcher  unbekannt  war,  dadurch 
erbracht,  dais  in  Berlin  und  Hamburg  während  des  XIV.  Jahr- 
hunderts beide  mehrere  Straisen  weit  entfernt  von  einander  lagen. 
Dafs  seit  der  Mitte  des  XV.  Jahrhunderts  der  Hallesche  Roland  mit 
der  dortigen  Schöffenbank  „auf  dem  Berge**  in  engere  Beziehung 
gebracht  wird,  ist  nichts  als  eine  Folge  der  neuen,  zuerst  in  Bremen 
offiziell  angenommenen  Auffassung  der  Roland-Standbilder  als  Urkunds- 
zeugen kaiserlicher  Privilegierung,  sei  es  mit  der  Freiheit  vom  Stadt- 
herrn, oder,  wo  von  einer  solchen  nicht  die  Rede  sein  konnte,  mit 
anderen  Grundrechten,  wie  es  fiir  Halle  der  Besitz  des  Kollegiums  der 
Bergschöffen  zweifellos  war. 

Um  diese  merkwürdige  geistige  Strömung  des  XV,  Jahrhunderts 
nach  allen  Richtungen  hin  ganz  ermessen  zu  können,  wäre  es  er- 
wünscht, dafs  die  Entwickelung  der  Sage  von  der  Begnadung 
der  Sachsen  mit  ihrer  „alten  Freiheit**  durch  Karl  d.  Gr. 
und  von  der  Teilnahme  des  Paladins  Roland  daran  bei  den 
populären  norddeutschen  Geschichtschreibem  des  XIV.  bis  XVI.  Jahr- 
hunderts methodisch  untersucht  würde.  Die  Litteratur  über  die  Karl- 
und  die  Roland-Sage,  soweit  sie  mir  bekannt  ist  *),  reicht  nicht  in  so 
späte  Zeit  herunter  oder  befafst  sich  mit  dieser  Spezialfrage  nicht. 


i)  Peter  Beckers  Zerbster  Chronik,  S.  6. 

2)  Bei  H.  Cbr    de  Senckenberg,  Selecta  iuris  et  historiaram  1734  ff.,  VI,  200  ff. 

3)  Ich  nenne :  G.  S  t  o  r  m ,  Sagnkredsene  om  Karl  den  störe  og  Didrik  af  Bern  hos 
de  nordiske  folk;  Kristiania  1874.  —  Th.  Eicke,  Z.  neueren  Litteratargeschichte  der 
Rolandsage  in  Deutschland  und- Frankreich.  Eine  litterarhistorische  Studie,  Leipzig  189 1. 
Nicht  zugänglich  waren  mir  A.  M.  Weifs,  Stadien  tlber  die  Rolandsage,  Hist.  Jahrbnch  I 


—     43     — 

Zur  Klärung  der  Beg^riffe  würde  es  voraussichtlich  beitragen,  wenn 
man  einmal  den  Rolanden,  die  ziemlich  zahlreich  auf  deutschem  Boden, 
vornehmlich  im  Süden,  vereinzelt  aber  auch  in  Sachsen  und  bis  Lübeck 
hinauf  sich  findenden  eigentlichen  Kaiser-  und  Königsbilder  in  mög- 
lichst vollständiger  und  ikonographisch  zuverlässiger  Sammlung  gegen- 
überstellte. Beide  treffen  in  dem  sogen.  Roland  von  Wedel  zu- 
sammen, welcher,  den  Typus  des  neueren  Königsbildes  mit  der  Statur 
der  Rolande  vereinigend,  m.  E.  nur  ein  Beispiel  für  die  Thatsache  ist, 
da(s  man  in  späterer  Zeit,  ohne  Rücksicht  auf  den  historischen  Cha- 
rakter der  Rolandbilder,  den  Rolandnamen  zunächst  wohl  auf 
andere  Bildwerke  kolossaler  Art,  dann  aber  als  Gattungsname  auf 
alles  Übergrofee  in  der  Natur,  Belebtes  und  Unbelebtes,  übertrug.  Von 
dieser  Thatsache  ausgehend  wäre  zu  untersuchen,  wie  die  Sage  von 
der  Riesengröfse  Rolands  entstand  und  sich  weiter  entwickelte. 
Bei  Turpin  und  im  Ruolandes-liet  finden  sich  wohl  ausreichende  Zeug- 
nisse für  seine  riesenmäfsige  Stärke,  aber,  soweit  ich  sehe,  nicht  für 
seine  riesenhafte  Gröfse.  Dafs  der  deutsche  Dichter  sich  nicht  aus 
ästhetischen  Gründen  der  Schilderung  letzterer  enthielt,  zeigt  seine 
Beschreibung  von  Rolands  Stiefvater  Genelün  (v.  165 1): 

er  was  thrter  eilen  breit 
eneben  sSner  ahsel. 
lanc  was  er  gewahsen, 
gröz  sin  gebeine. 

Auch  die  Heidelberger  Bilder  zum  Ruolandes-liet  deuten  keine 
besondere  Körpeigrölse  des  Helden  an.  Einen  Zug  riesenhafter  Un- 
geschlachtheit  finde  ich  erst  bei  Stricker  (hrg.  v.  K.  Bartsch,  v.  3935  ff.)» 
wo  Roland  seinen  Speerschaft  so  hart  auf  den  Felsen  setzt,  dafs  er 
anderthalb  Fufs  in  denselben  eindringt.  Die  beliebten  riesigen  S.  Christo- 
phorus-Wandgemälde  scheint  man  gern  mit  dem  Gattungsnamen  Ro- 
land belegt  zu  haben.  Aus  einem  solchen  mag  der  angebliche  Roland 
zu  Brauaschweig  entstanden  sein.  Der  in  diesem  Punkte  wenig 
zuverlässige  Leuthinger ')  erwähnt  allerdings  eine  Statue  Rolands 
daselbst,  und  Gryphiander  (1625,  S.  246)  folgt  ihm.  Wir  erfahren 
dann  nichts  weiteres,  bis  1847  ^^^  Kreisgerich tsregistrator  Sack  sich 
der  Sache  annahm  ^).     Ihm  zufolge  „  befand  sich  auf  dem  Burghofe 


(1880),  S.  107 — 140  (Mitteilaog  von  Dr.  Armin  Tille);  Fofs,  Zar  Carlssage;  II.  Programm 
der  Victoriaschale  in  Berlin  1869  (Mitteilang  von  Dr.  Ladw.  Fränkel  in  Aschaffenbarg). 

i)  Comment.  d.  March.  Ürandenb.  lib.  XIV  (1593,  edit.  Krause  S.  484). 

2)  „Die  Befestigang  der  Stadt  Brannschweig'*  in  Arch.  d.  bist.  Vereins  f.  Nieder- 
sachsen.  Neue  Folge,  Jahrg.  1847,  S.  224. 


—     44     — 

das  Gerichtsbild,  der  sogen.  Roland,  Ruland  oder  Rugeland,  wie  solches 
in  einer  Beschreibung  des  Planes  der  Stadt,  welche.  1569  am  Hof- 
gericht zu  Speier  produziert  wurde,  genau  enthalten  ist  Dieser  Ro- 
land . . .  kann  wegen  mangelnder  Nachrichten  nicht  näher  beschrieben 
werden.  Nach  den  mir  zur  Hand  gekommenen  Dokumenten  hat  der 
von  Heinrich  d.  L.  u66  errichtete  Löwenstein  jedoch  späterhin  hier 
als  Gerichtsbild  oder  Roland  gedient".  In  einer  Anmerkung  heiist  es: 
„Der  Roland  stand  auf  der  Stelle,  wo  die  v.  Bartenslebensche  Be- 
sitzung lag,  welche  damit  beliehen,  deshalb  auch  ,der  Ruland',  ,am 
Ruland'  oder  , Roland'  genannt  wurde".  In  den  KoUektaneenbänden 
Sacks  ^)  im  Braunschweiger  Stadtarchiv  findet  sich  nun  ein  „Extract" 
der  ,, Beschreibung  etc.",  woraus  sich  ergiebt,  dafs  der  „Stadtplan" 
zunächst  nicht  „von  1569",  sondern  von  „etwa  1569"  (d.  h.  aus  der 
Regierungszeit  Herzogs  Julius  1568 — 1589)  gewesen,  und  dafs  es  hin- 
sichtlich des  angeblichen  Roland  daselbst  hiefs:  in  dem  bezirk  des 
beslossenen  burg-orts  nacher  dem  Sacke  werts  .  .  .  auf  der  .  .  . 
Seiten  des  einen  burgtores  zur  rechten  der  v.  Bartensieben  sitz, 
Ruhlandt  genandt.  1577  wird  dieses  Haus  als  „inderburgk,  des 
Rulandes,  auf  der  freiheit",  d.  h.  der  vom  Stadtrecht  und  der  Juris- 
diktion des  Rates  eximierten  Burgfreiheit,  bezeichnet.  Der  Name,  wel- 
cher vor  der  zweiten  Hälfte  des  XVI.  Jahrhunderts  nicht  vorzukommen 
scheint,  wurde  auch  auf  den  ganzen  Platz  übertragen,  wie  folgende 
Ortsbezeichnungen  bekunden :  auf  dem  Rulande,  15  70;  up  dem  Rut- 
lande,  up  dem  Rollande,  1594;  Haus  an  dem  Ruelande,  1640;  der 
Ruhlandt,  1622;  der  sogenante  Rolandsplatz,  1681 ;  aufm  Rulande, 
1752. 

Trotzdem  werden  die  Donar- Verehrer  unter  den  Rolandforschern 
an  der  Braunschweiger  Statue  festhalten,  denn  abgesehen  von  der 
schon  bei  Platen  (I,  S.  32)  erwähnten  Petrikirche  (nicht  diese,  resp. 
eine  ältere  Petrikapelle,  sondern  die  Marktkirche  wurde  wahrscheinlich 
861  geweiht),  stand  an  Stelle  des  Doms  S.  Blasii,  Chr.  Bothes  Sachsen- 
chronik zufolge  *) ,  also  dicht  bei  dem  „  Rolandsplatz " ,  eine  Peters- 
und Pauls-Kirche,  und  Sack  hat  auf  alle  Fälle  noch  einen  zweiten 
Roland  bei  der  Hand,  eine  bemalte  Königsfigur  mit  kupfernem  Scepter 
an  dem  1460/70  erbauten,  als  Schuldgefängnis  dienenden,  „Gieseler" 
genannten  Mauerturm  der  Altstadt,   welche  „das  Bild   des  Erbauers" 


i)  Das   Folgende   nach   den  liebenswürdigen  ansführlichen   Mitteilungen   des   Herrn 
Stadtarchivar  Professor  Dr.  Hänselmann  in  Braonschweig  aus  dem  Jahre  1894. 
2)  Script,  rer.  Bmnsvic.  III,  348. 


—     45     — 


oder,  der  früheren  Bestimmung  des  Turmes  nach  zu   schliefeen,   ein 
Ruland-  oder  Gerichtsbild  vorstellen  konnte^). 


Eine  wichtige  Quelle  für  Roland-Statistik  und  Roland-Ikonographie 
bilden  die  Reisebeschreibungen.  Aus  den  Schriften  von  Leuthinger, 
ZeÜler,  Berckenmeyer,  die  gewissermafsen  hierher  gehören ,  ist  schon 
früher  manches  entnommen  worden.  Die  Itinerarien  C.  v.  UfTenbachs, 
A.  V.  Hallers  und  andere  aus  dem  XVIII.  und  XIX.  Jahrhundert  haben 
mir  neuerdings  erhebliche  Nachrichten  gespendet.  Eine  methodische 
Bearbeitung  dieser  eigenartigen  Litteratur  wäre  wohl  nicht  unnütz; 
vielleicht  erhielten  wir  durch  sie  eine  authentische  Schilderung  des 
alten  Hallenser  Roland  vor  seiner  Beseitigung  171 8. 


Mancherlei  litterarisches  und  antiquarisches  Material  über  die  im 
vorhergehenden  angeregten  Fragen  wird  die  auf  Veranlassung  der 
Historischen  Gesellschaft  zu  Bremen  von  mir  bearbeitete,  im  Druck 
befindliche  Monographie  über  den  dortigen  Roland  bringen  '). 

An  Novitäten  auf  dem  Gebiete  der  Rolandforschimg,  welche  das 
verflossene  Jahr  gezeit^  hat,  vermag  ich  nur  drei  zu  nennen:  einen 
neuen,  oder  richtiger  neu  au%efundenen  Roland,  eine  neue  Roland- 
Deatung  und  eine  neue  Arbeit  von  P.  Platen. 

Auf  die  neue,  dem  linken  Rheinufer,  also  einem  Gebiete,  welches 
bisher  noch  ganz  Roland -frei  war'),  angehörige  Statue  hat  Herr 
Dr.  Armin  TUle  mich  aufmerksam  zu  machen  die  Liebenswürdigkeit 
gehabt.    W.  Brüll  *)  berichtet:  „Im  Jahre  1000  erkannte  Otto  III.  . . . 


x)  1.  c  s.  246. 

2)  Bremen,  Verlag  von  Max  Nässler. 

3)  Der  Roland  am  Dom  zn  Xanten,  welchen  ein  mir  befreundeter  Architekt  ent- 
deckt haben  will,  seinem  Standplatz  nach  schon  verdächtig,  ist  nach  der  mir  mitgeteilten 
Skizxe  nur  die  BUdsänle  des  gehamischten  Kirchenheiligen  S.  Victor.  —  Roland  hat  es 
anch  den  Norddeutschen  von  heute  noch  angcthan;  immer  wieder  regt  sich  der  Trieb, 
neue  Büder  ron  ihm  zu  entdecken;  ritterliche  Heilige  besonders  sind  von  dieser  Seite 
vnaafhörlichen  Anfechtongen  ausgesetzt  Ein  nenes  Beispiel  dafür  ans  Westfalen.  Dieser 
Teil  des  alten  Sachsenlandes  kennt,  wie  wir  wissen,  zwar  das  Rolandreiten,  aber  keine 
Rolandstataen.  Doch  scheint  man  in  Dortmund  geneigt,  den  Stadtheiligen  S.  Reinoldus, 
weil  sein  ältester  Bildtypus  in  der  Haltung  des  Schwertes  Ähnlichkeiten  mit  dem  Roland- 
typus  zeige,  wefl  die  Sage  ihn  in  Verbindung  mit  der  Eroberung  Sachsens  durch  Karl  d.  Gr. 
bringe,  und  weil  die  Ähnlichkeit  des  Namens  dafUr  spreche,  für  den  Substituten  eines 
älteren  Rolandbildes  anzusehen  (Mitteüung  des  Herrn  Stadtarchivar  Professor  Dr.  Rubel 
in  Dortmund). 

4)  Chronik  der  Stadt  Düren.     2.  Aufl.     Düren  1901  (l.  Aufl.  1895),  S.  16. 


—     46     — 

Düren  als  Reichsstadt  mit  eigenem  SchöfTengericht  an.  Vor  dem 
Rathause  stand  eine  steinerne  Rolandstatue  mit  Schild  und  Schwert 
als  Wahrzeichen  reichsstädtischer  F'reiheit  auf  dem  öffentlichen  Markte.** 
Über  den  Unwert  der  Otto  III.  betreffenden ,  aus  Eudrulat,  Städtesiegel 
der  Rheinprovinz,  entlehnten  Angaben  verweise  ich  auf  A.  Schoop  '); 
die  Rolandnotiz  entstammt  den  Vindiciae  ufitiquitatum  Marcodurt, 
urbis  imperialis  in  Menaptis^)  des  1656  gestorbenen  Franziskaners 
Jacob  Polin s.  Dieser  sagt*):  Karolus  Magnus  .  .  .  Marcoduro 
regratiando  Itbertatem  cum  statua  Rulandica  donasse  praesumitur, 
quae  in  praesentiarum  (?)  lapidea,  stricto  ense  et  clypeo  vestita  . .  . 
visitur.  Die  Statue  stehe  auf  dem  Kornmarkt  vor  dem  Rathause, 
welches,  weil  in  ihm  auch  die  Schöffengerichtssitzungen  abgehalten 
würden,  vulgo  „ensis"  nomine  („zum  Schwert")  indigitatur.  Das 
Bild  ist  heute  nicht  mehr  vorhanden,  und  über  seine  Gestaltung  sind 
keine  Nachrichten  erhalten.  Düren  war  Königspfalz,  erwuchs  zur  Stadt, 
verlor  aber  durch  Verpfändung  an  die  Grafen  von  Jülich  1242  „schritt- 
weise die  alten  reichsstädtischen  Freiheiten"*).  Diese  Thatsache,  und 
die  damals  in  der  Litteratur  verbreitete  Roland-Doktrin,  welche  Polius 
schwerlich  unbekannt  war,  vermochten  den  fleifsigen,  gelehrten,  aber 
leichtgläubigen  Mönch,  eine  auf  dem  Markt  stehende  Pranger-  oder 
Brunnenfigur  fiir  eines  der  so  viel  erörterten  Rolandbilder  zu  erklären. 
Den  Donar-Mythologen  diene  zur  Nachricht,  dafs  die  Stadt  keine 
Peterskirche  hat,  wohl  aber  eine  Martinikirche  (seit  1501  gewöhnlich 
nach  der  heiligen  Anna  benannt). 

Neuhaldensleben,  welches  den  merkwürdigen  reitenden  Roland 
besitzt,  dessen  Vorgeschichte  noch  immer  nicht  genügend  aufgeklärt 
ist,  hat  auch  den  Vorzug,  die  wunderlichste  Roland-Erklärung  hervor- 
gebracht zu  haben.  Meine  Kenntnis  davon  beruht  freilich  nur  auf 
einem  Zeitimgsreferat  *)  aus  zweiter  Hand ,  welches  ich  im  Wortlaut 
folgen  lasse.  „Am  11.  Januar  1901  hielt  in  der  Sitzung  des  Aller- 
Vereins  zu  Neuhaldehsleben  Rentner  Lonitz  einen  Vortrag  über  Rolands- 
bilder.    Er  führte,  dem  ,St.-  u.  L.-B.*  zufolge,  die  Rolande  auf  Stand- 

i)  Geschichte  der  SUdt  Düren  bis  z.  J.  1544  (1901)»  S.  47,  Aam.  3.  Die  folgen- 
den Mitteilungen  verdanke  ich  der  Liebenswürdigkeit  meines  verehrten  Freundes,  Herrn 
Gymnasialdirektor  Dr.  Becker  und  des  Herrn  Stadtarchivar  Oberlehrer  Dr.  Schoop  in 
Düren. 

2)  Manuskript  des  Stadtarchivs  za  Düren. 

3)  1.  c  S.  79. 

4)  Schoop,  1.  c.  S.  51. 

5)  Ich  verdanke  dasselbe  der  Liebenswürdigkeit  des  Herrn  Amtsrichter  Krieg  in 
Schlieben. 


—     47     — 

bilder  des  wendischen  Gottes  Swatowitt  zurück,  vor  denen  auf  der 
Malstatt  (Gerichtsstätte)  alle  Flur-  und  sonstigen  Streitigkeiten  ge- 
schlichtet wurden.  Für  diese  Annahme  spreche  das  Schwert  ohne 
Scheide,  das  Trinkhorn  und  die  merkwürdige  Kopfbedeckung  mancher 
Rolande.  Die  meisten  jetzigen  Rolandssäulen  seien  nichts  anderes  als 
Nachbildungen  der  alten  Swatowittstandbilder,  die  dem  XIII.  oder 
XIV.  Jahrhundert  entstammen.  Auf  ihren  jetzigen  Stand  als  Wahr- 
zeichen der  Markt-  und  Stadtgerechtsamkeit  sind  sie  von  der  Malstätte 
erst  später  versetzt  worden.  Der  Name  Rolandssäule  wird  volks- 
ethymologisch  hergeleitet  von  dem  wendischen  ,Rolio*,  Flur  oder 
Feld,  da  Swatowitt  den  Inbegriff  aller  Flui^erechtsame  bildete.  Die 
Darlegungen  fanden  vielfache  Zustimmung  in  der  Versammlung;  nur 
sprach  die  ethymologische  Erklärung  des  Namens  nicht  so  ganz  an.'* 

Die  archäologische  Beweisführung  ist  lustig.  In  Wahrheit  führte 
das  Standbild  des  vierköpfigen  Svantovit  im  Tempel  auf  Arkona  in 
der  rechten  Hand  ein  Trinkhorn;  in  seiner  Nähe  hing  ein  mächtiges 
Schwert  mit  künstlich  gearbeiteter  silberner  Scheide  ^) ;  die  Statue  des 
sieben-gesichtigen  Rugievit  ^)  in  Karenza  trug  am  Gürtel  sieben  Schwerter 
in  der  Scheide  und  ein  blankes  Schwert  in  der  rechten  Faust  ^).  Andrer- 
seits hatte  von  allen  bekannten  Roland-Statuen  allein  die  erst  1610  aus 
Stein  gefertigte  zu  Beigem  ein  Hom,  welches,  wie  des  Paladins 
„Olivant'S  zum  Blasen,  nicht  zum  Trinken  bestimmt  war;  ein  Miisver- 
ständnis  Berckenmeyers  legt  dem  Brandenbui^er  Roland  dieses  Attribut 
bei;  wenn  die  Zeitungen  g^t  unterrichtet  sind,  soll  auch  der  neue 
Berliner  Brunnen-Roland  dasselbe  erhalten.  Kopfbedeckungen,  d.  h. 
Helme  und  Kronen,  am  reitenden  Roland  zu  Neuhaldensleben  ein  Feder- 
barett (welches  Herr  L.onitz  wohl  im  Sinne  hat)  finden  sich  einzig  bei 
Statuen  jüngerer  und  jüngster  Bildung.  Mit  der  slavischen  Mythologie 
ist  Roland  auch  sonst  schon  in  Verbindung  gebracht  worden  *). 

Solche  Phantastereien  sind  ganz  scherzhaft  zu  lesen;  aber  sie 
haben  die  Rolandfrage   seit  langem  in  Mifskredit  gebracht;  Historiker 

i)  Sazo  Grammaticns  ed.  Holder  8.  $^5* 

2)  Dafs  Rugievit  7  mit  einem  Hute  bedeckte  Köpfe  gehabt  habe,  meint  auch  Bart- 
hold,  Gesch.  von  Rügen  u.  Pommern  I,  1839,  S.  558.  Die  Worte  des  Saxo:  freterea 
in  eius  capite  Septem  humane  stmilitudmts  facies  consedere,  que  omnes  untus  verticis 
luperficU  claudebantur,  d.  h.  an  seinem  Haupte  safsen  7  menschliche  Gesichter  unter 
dem  Schatze  eines  einzigen  Scheitels,  lassen  keinen  Zweifel,  dafs  Rugievit  keinen 
Hat  hatte.  Richtig  hat  U  Giesebrecht,  Wendische  Geschichten  I  (1843),  S.  66,  die 
Worte  verstanden. 

3)  Saxo  8.  577. 

4)  Vgl.  R,  Eisel,  Sagenbuch  des  Voigtlandes  1871,  S,  399,  nr.  1030. 


—     48     — 

und  Archäologen  vom  Fach,  die  zunächst  zum  Urteil  berufen,  wandten 
sich  ab  von  einem  Gebiete,  auf  welchem  von  jeher  emsige  Dilettanten 
bequeme  Lorbem  gewinnen  zu  können  meinten. 

So  der  sicheren  Stütze  sachgemäßer  Kritik  beraubt,  haben  Rechts- 
historiker und  Mythologen,  indem  sie  auf  eigene  Hand  den  verworrenen 
Stoff  in  ihre  fertigen  Systeme  einzuspannen  sich  abmühten,  das  Wirr- 
sal  nur  vergröfsert. 

Auch  die  neueste  Schrift  von  P.  Platen^)  ändert  daran  nichts. 
Da  sie  die  gegen  seine  Theorie  erhobenen  Bedenken  unberücksichtigt 
iäist,  sich  vielmehr  damit  begnügt,  dieselbe  wegen  ihrer  Geschlossen- 
heit und  inneren  Wahrscheinlichkeit  aufs  neue  zu  empfehlen  und  sich 
auf  den  Beifall  einiger  Zeitschriften  zu  berufen,  so  ist  es  zwecklos,  ihre 
weiteren  Ausführungen  zu  prüfen,  welche  dazu  bestimmt  sind,  die  Ent- 
wickelung  der  Rolandbilder  als  Zeichen  des  Gerichts  und  Verkehrs 
aus  den  in  das  Christentum  hinübergeretteten  Donarbildem  glaubhafter 
zu  machen.  Auch  auf  Platens  Polemik  einzugehen  verzichte  ich,  da 
ich  in  dem  Fortspinnen  derselben  keinen  sachlichen  Gewinn  erblicke. 

Nur  eines  sei  bemerkt.  Platen  tadelt,  da(s  ich  Papst  Gregor  von 
einem  signum  pietatis  statt  einem  signum  devotionis  reden  lasse  *). 
Auf  derselben  Seite  aber,  acht  Zeilen  vorher,  bringe  ich  das  wört- 
liche Citat  der  ganzen  Briefstelle  in  richtiger  Form.  Miisver- 
ständnisse  oder  Verdunkelung  des  Thatbestandes  durch  den  immerhin 
bedauerlichen,  der  Korrektur  entschlüpften  lapsus  memoriae  sind  damit 
fiir  den  aufmerksamen  Leser  ausgeschlossen.  Die  Berichtigung  war 
daher  kaum  nötig,  oder,  wenn  der  Censor  dennoch  sachliches  Gewicht 
auf  sie  legte,  leicht  mit  einem  Worte  abgethan.  Dafs  eine  andere, 
Mifsdeutungen  nicht  ausschlielsende  Form  gewählt  wurde,  ist  zu  be- 
dauern. 

Alphabetische  Übersicht  der  besprochenen  Rolandsorte: 

Beigem  S.  47,  Berlin  S.  35.  42,  Bramstcdt  S.  40,  Brandenburg  S.  38.  47,  Braon- 
schweig  S.  43,  Bremen  S.  35,  Bach  S.  40,  BurgS.  41,  Dortmnnd  S.  45  Anm.  3,  Düren 
S.  45,  Elbing  S.  35.  40,  HalbersUdt  S.  41,  Halle  S.  41.  42,  Hamburg  S.  42,  Königs- 
berg i.  Pr.  S.  35,  Lausitz  S.  34,  Magdeburg  S.  33  Anm.  2,  Nenhaldensleben  S.  46.  47, 
Prag  S.  34,  Prenzlan  S.  41*  42,  Riga  S.  35,  Rahland  S.  34,  Schleswig  S.  41 ,.  Stendal 
S.  37.  41,  Ukermark  S.  39,  Wedel  S.  43>  Xanten  S.  45  Anm.  3,  Zerbst  S.  41. 


i)  Der  Ursprung   der  Rolande,   40.  Jahresbericht   d.  Vitxthamschen  Gymnasiums    in 
Dresden  1901,  34  S.  4*^;  der  SchluTs  der  Abhandlang  steht  noch  aus. 
2)  Deutsche  Geschichtsbl.  II,  56,  Z.  20  v.  o. 


—     49     — 


Zur  politischen  und  sozialen  Bew^egung 
im  deutsehen  Bürgertum  des  XV.  und  XVL 

Jahrhunderts 

Von 
Kurt  Käser  (Wien) 

(Schlafs  ♦). 

In  Hannover  ^)  wiederholt  sich  dasselbe  Spiel.  Auch  hier  treffen 
religiöse  Motive  mit  den  politisch-sozialen  zusammen.  Die  Bürgerschaft 
war  gegen  den  Rat  au^ebracht,  weil  er  der  neuen  Lehre  widerstrebte» 
zugleich  aber,  weil  sie  sich  von  ihm  ausgebeutet  glaubte  und  ihm  im- 
ehrlicher  Verwaltung  des  städtischen  Vermögens  zu  Gunsten  der  Patrizier 
Schuld  gab.  Schon  1532  erhob  sich  die  Forderung  der  Predigt  des  gött- 
lichen Wortes.  Im  nächsten  Jahre  gewann  die  Bewegung  gesteigerte 
Heftigkeit,  die  Mehrheit  der  Bürger  erklärte  sich  für  das  Evangelium  und 
wollte  den  Rat  unter  tumultuarischen  Scenenzur  Anerkennung  ihres  Willens 
zwingen.  Am  14.  September  1533  entwich  der  Rat  aus  der  Stadt. 
^Jetzt  rührte  sich  der  soziale  Kommunismus  mit  dem  religiösen 
Schwärmergeist.  Der  erste  kam  mit  einem  Sacke  zum  Reichen  und 
forderte  einen  Scheffel  Korn.  Der  andere  wollte  weder  geistliche 
noch  weltliche  Obrigkeit  mehr  haben,  sondern  frei  unter  dem  Worte 
Gottes  sein.  Vor  der  Kämmerei  sammelten  sich  Haufen,  die  nach 
Äxten  zu  Einbruch  und  Plünderung  verlangten.  Doch  behütete  der 
Sinn  für  Recht  imd  gesetzliche  Ordnung,  der  bei  den  meisten  Bürgern 
im  G^ensatz  zu  den  Umsturzlustigen  überwog,  die  Stadt  Hannover 
vor  dem  Geschick,  das  dem  wiedertäuferischen  Münster  wiederfuhr. ^ 

Dafür  wurde  unter  Leitung  des  Syndikus  Sander  die  Verfassung 
geändert,  die  Zahl  der  Ratsherren  auf  12  festgesetzt.     Davon  wählten 


•)  Vgl.  oben  S.  1—18. 

l)  Hartmann,  Geschichte  der  Residenzstadt  Hannover,  S.  124  ff.  Über  gleichartige 
Bewegungen  in  Danzig  vgL  mein  Bach  S.  194  a.  202  and  Kaweraa,  der  Danziger  Auf- 
stand 1525,  Ztschr.  des  westpreafsischen  Geschichtsvereins  IL  (1884)  S.  65 — 77.  Die 
Bew^ong  iührt  hier  zur  Begründang  einer  bleibenden,  fltr  Danzigs  Verfassangsgeschichte 
änfsent  wichtigen  Institation,  der  III.  Ordnung,  d.  h.  eines  BCU'geransschasses ,  den  der 
Rat  in  wichtigen  Fallen  nach  freier  Aaswahl  berufen  sollte.  Nach  der  Art  ihrer  Berofong 
and  den  Vorschriften  über  ihr  Verhalten  konnte  die  UL  Ordnung  übrigens  vor  der  Hand 
nichts  anderes  sein,  als  ein  gefügiges  Werkzeug  des  Rates.  VgL  auch  Salka  Goldmann, 
Dorniger  Vtrfassungskämpfe  unter  polnischer  Herrschaf t  in  „Leipziger  Studien  aus  dem 
Gebiet  der  Geschichte'*  VQ,  2,  (190t),  bes.  S.  lO  und  S.  41  ff. 

4 


—     50     — 

die  Kaufmannsinnung'en  zwei,  jedes  der  vier  groisen  Amter  einen,  die 
kleinen  Ämter  zusammen  zwei  und  vier  die  Gemeinde.  Die  alte  Be- 
stimmung gegen  nahe  Verwandte  im  Rat  wurde  erneut.  Der  Rat 
mu&te  geloben/  das  Evangelium  zu  ehren  und  dabei  zu  verharren. 
Die  Ruhe  wurde  dadurch  helgestellt,  dafis  der  entflohene  alte  Rat  die 
neue  Ordnung  der  Dinge  anerkannte. 

In  Bremen  fanden  Anfang  der  dreifsiger  Jahre  die  Parteikämpfe 
des  XIV.  und  XV.  Jahrhunderts  ihre  Fortsetzung.  Noch  einmal  wird 
der  Versuch  gemacht,  die  Gnmdlagen  der  Verfassung  zu  erschüttern. 
Mit  der  demokratischen  Tendenz  verbündeten  sich  aber  die  antiklerikale 
und  die  antikapitalische  Richtung  der  Zeit ').  Gleich  im  ersten  Stadium 
der  Bewegung  (Anfang  1531)  wurde  der  Komtur  des  Deutschordens^ 
dem  man  Schuld  gab,  die  Gemeinde  in  ihren  Weiderechten  verkürzt 
zu  haben,  von  der  wütenden  Menge  erschlagen,  das  Ordenshaus  ge- 
plündert Auch  forderte  man  die  Teilnahme  der  Pfaffheit  an  den 
bürgerlichen  Lasten.  Dieser  Konflikt  mit  der  Geistlichkeit  trat  aber 
zurück  gegen  die  Forderung  einer  Verfassungsreform,  die  damals  in. 
Bremen  so  gut  wie  in  anderen  niederdeutschen  Städten  erhoben  wurde. 
Insbesondere  sollte  der  Rat  die  Venvaltung  des  städtischen  Vermögens 
mit  den  Vertretern  der  Bürger  teilen.  Zu  diesem  Zwecke  bildete  sich 
auf  Grund  allgemeiner  Wahlen  ein  104  Mann  starker  Bürgerausschufe 
zur  Beratschlagung  in  allen  städtischen  Angelegenheiten  und  zur  Teil- 
nahme an  der  Verwaltung  des  gemeinen  Gutes.  Dem  Rate  wurde 
die  Bestätigung  dieses  revolutionären  Kollegiums  abgerungen,  das  seine 
Autorität  für  die  nächste  Zeit  fast  völlig  lahm  legte.  Es  gelang  dem 
Ausschufs  auch,  das  einflufsreiche  Kollegium  der  Elterleute  des  Kauf- 
manns zu  beseitigen  und  damit  dem  Rat  eine  wesentliche  Stütze  zu 
rauben.  Die  104  benutzten  ihre  Macht  ferner  zu  einem  sinnlosen 
Schlage  gegen  das  Lebenselement  der  Stadt,  Handel  und  Seefahrt. 
Die  Bewegung,  die  sich  gegen  das  süddeutsche  Großkapital  damals 
entwickelt  hatte ,  zeitigte  in  Bremen  einen  Ableger.  Um  Komaufkäufe 
durch  die  Grofshändler  zu  verhüten,  verordnete  der  Ausschuß,  keia 
Bürger  solle  mehr  als  10  Last  Korns  im  Jahr  verschiffen,  durch  dea 
Kanal  aber  und  nach  Lissabon  nur  die  Hälfte  dieser  Menge.  Kein 
Gast  dürfe  an  der  Ausfuhr  von  Korn  und  Holzwerk  zu  Wasser  und  zu 
Lande  teilhaben.  Nur  auf  bremischen  Schiffen  dürfe  die  Verschiffung 
erfolgen.  Zu  solchen  und  anderen  die  Freiheit  des  Handels  und  der 
Schifffahrt  fesselnden  Bestimmungen  mufste  der  Rat  seine  Zustimmung: 


1}  Bippen,  GeschichU  der  Stadt  Bremen  I.  bes.  S.  213 ff.,  aSsff.,  IL  S.  55—90^ 


—     51     — 

Sieben.  „Man  bat  berechnet,  daüs  dieses  thörichte  Mandat,  mit  dem 
die  Volksiiihrer  vergeblich  die  soziale  Not  der  Masse  lindem  wollten, 
trotz  der  kurzen  Dauer  seiner  Wirksamkeit  dem  Kaufmann  und  in- 
direkt also  der  Stadt  mehr  als  20  000  Gulden  (etwa  eine  halbe  Million 
Reichsmark)  Schaden  gebracht  habe  *).'* 

EInde  August  1532  brach  das  Regiment  der  104  zusammen,  nach- 
dem es  längst  schon  bei  der  Masse  den  Boden  verloren  hatte.  Die 
„Vollmächtigkeit"  des  Rates  wurde  wiederhergestellt,  die  politische 
Bew^^ngsfreiheit  der  Bürger  möglichst  in  Fesseln  geschlagen. 

Das  demokratische  Prinzip  hatte  also  im  XVI.  Jahrhundert  in  den 
niederdeutschen  Städten  kaum  grölsere  Erfolge  zu  verzeichnen  als 
früher.  In  den  meisten  Orten  wird  das  revolutionäre  Regiment  nach 
kürzerer  oder  längerer  Dauer  beseitigt,  die  alte  Ordnung  wiederher- 
gestellt. Immer  wieder  dringt  die  Elrkenntnis  durch,  dafe  die  Interessen 
der  gro&en  Handelsstädte  unter  der  Vorherrschaft  des  kaufmännischen 
Elements  am  besten  gewahrt  seien. 

Eine  neue  Generation  von  Demagogen  tritt  in  diesen  Kämpfen 
auf  den  Schauplatz.  Auf  Ludeke  Holland,  Hinrik  von  Loh  und 
Hinrik  Runge,  die  städtischen  Volksfiihrer  des  ausgehenden  XV.  Jahr- 
hunderts, folgen  jetzt  Jürgen  WuUenwever  in  Lübeck,  Roloflf  Moller  in 
Stralsund,  Johann  Dove  in  Bremen.  Auch  ihre  Charakterbilder  sind 
uns  fast  nur  von  g^fnerischer  Seite  überliefert^).  Ist  die  Zeichnung 
richtig,  dann  lassen  diese  Parteiführer  auch  in  der  späteren  Zeit  moralische 
Lauterkeit  ebenso  vermissen  als  politische  Begabung,  au&er  vielleicht 
WuUenwever:  er  hat  wenigstens  ein  grolses  Ziel,  das  freilich  für  seine 
Kräfte  unerreichbar  war.  Das  Bürgertum  der  Reformationszeit  hat 
geniale  Kaufleute,  hervorragende  Gelehrte,  achtungswerte  Theologen 
henrorgebracht,  ist  aber  arm  an  politischen  Talenten. 

Es  ist  noch  zu  erwägen,  was  für  die  städtischen  Bew^fungen  im 
Südwesten  und  Südosten  des  Reiches  zu  thun  bleibt.  Zunächst  sei 
darauf  hingewiesen,  dais  die  zum  vorderösterreichischen  Besitz  ge- 
hörige Stadt  Waldshut  nicht,  wie  man  vielfach  glaubte,  die  Wi^e 
des  Bauernkrieges  war,  sondern  daOs  ihr  Konflikt  mit  der  öster- 
reichischen R^erung  zu  Ensisheim  im  Jahre  1524  nur  die  religiöse 
Frage  zum  Inhalt  hatte  ^).  Die  Waldshuter  verlangten  nichts  als  die 
Freiheit  des  Evangeliums,  als  dessen  Apostel  Balthasar  Hubmaier  auf- 


1)  Bippen  IL  73. 

2)  S.  mein  Buch  S.  32. 

3)  Vgl.  Loserth  im  Archiv  f.  österr.  Gesch.  Bd.  LXXVH,  S.  240. 

4« 


—     52     — 

getreten  war,  und  dessen  Verkündigung  die  österreichische  Regierung, 
nicht  gestatten  wollte.  Im  übrigen  aber  waren  sie  bereit,  allen  ihren 
Pflichten  gegen  das  Haus  Habsbuig  aufis  getreulichste  nachzukommen. 
In  einem  Schreiben  an  Basel  betonen  die  Waldshuter  einmal,  dafs  sie 
sich  nicht  etwa  materieller  Leistungen  wegen  beschweren:  „Leib  und 
Gut,  und  was  man  ihnen  sonst  noch  auferlegt,  all'  das  wollen  sie 
gern  tragen  und  leisten.  Nur  lasse  man  uns  bei  dem  Worte  Gottes 
bleiben". 

In  den  südwestdeutschen  Gebieten  rechts  vom  Rhein,  in  der  oberen 
und  unteren  Markgrafschaft  Baden,  im  rechtsrheinischen  Teil  des  Bis- 
tums Speyer  und  in  der  Pfalz  lagen  damals  wenig  Städte  von  grölserer 
Bedeutung.  Soweit  solche  vorhanden  waren  und  von  der  Bewegung 
berührt  wurden,  wie  Bruchsal,  Durlach,  Freiburg  i./B.  und  Breisach, 
hat  Hartfelder  sie  schon  berücksichtigt  ^).  Den  Arbeiten  dieses  For- 
schers verdanken  wir  auch  hinlängliche  Aufschlüsse  über  die  Bezie- 
hungen der  elsässischen  Städte  zur  Revolution  *). 

Für  Schlettstadt  allerdings  hat  G^ny  in  seinen  früher  erwähnten 
Untersuchungen  unsere  Kenntnis  beträchtlich  erweitert*).  Sein  Buch 
bringt  insbesondere  für  die  Vorgeschichte-  der  Unruhen  von  1525  neue 
Belehrung.  Es  zeigt,  wie  seit  der  Zeit  des  „Bundschuhs 'S  der  ja  na- 
mentlich den  Südwesten  Deutschlands  seit  dem  Ende  des  XV.  Jahr- 
hunderts unsicher  gemacht  hatte,  revolutionäre  Keime  unverwüstlich 
fortwirkten  und  durch  die  lutherische  Bewegung  noch  verstärkt  wurden. 

Seit  der  mifsglückten  Verschwörung  Ulmanns  im  Jahre  1493  war 
unter  den  Bürgern  Schlettstadts  eine  gewisse  Aufregung  zurücl^eblieben, 
die  von  aufsen  her  durch  die  Umtriebe  der  Bundschuher  noch  genährt 
wurde.  Im  Frühjahr  15 10  kam  es  zu  neuen  Ruhestörungen.  Auch  später 
war  an  unzufriedenen  Elementen  kein  Mangel.  Die  Lage  gestaltete  sich 
von  Jahr  zu  Jahr  bedrohlicher,  da  die  Ausgaben  für  das  Reich  wie  für 
städtische  Bedürfnisse  sich  stets  vermehrten,  während  die  Einkünfte 
mit  ihnen  nicht  gleichen  Schritt  hielten.  Für  die  unaufhörlichen  Geld- 
forderungen von  selten  des  Reiches  hatten  die  Büiger  noch  weniger 
Verständnis  als  für  die  ihrer  Stadt.  Namentlich  seit  1523  häuften  sich 
die  Anzeichen  einer  Gärung,  die  sichtlich  auch  von  der  lutherischen 


i)  Hartfelder,  Beiträge  zur  Geschichte  des  Baaerakriegs   in  Sttdwestdentschland, 
S.  209.  212.  213.  305.  314.  317. 

2)  Hartfelder   a.  a.  O.    S.  63 — 117;    über    Strafsbarg    siehe   „Forschangen    zur 
deuUchen  Gesch."  XXIII,  221—285. 

3)  Siehe  oben  S.  5. 


~     63     — 

Bewegung  beeinflufst  war  *).  Alle  früheren  sozial-religiösen  Ausschrei- 
tungen erscheinen  indes  unbedeutend  neben  der  Gefahr,  in  die  das 
Regiment  zu  Schlettstadt  im  Jahre  1524  durch  die  aufs  schlaueste  ein- 
gefiidelte  Verschwörung  des  Jörg  Schütz  von  Traubach  gebracht  wurde  *). 
]öTg  Schütz,  ein  verschmitzter,  verwegener  Abenteurer,  verfolgte  keinen 
geringeren  Plan,  als  den  regierenden  Rat  zu  stürzen  und  die  neue  Lehre 
in  Schlettstadt  einzuführen.  Mit  fast  bewunderungswürdiger  Gerieben- 
heit ging  er  dabei  zu  Werke.  Durch  gefälschte,  mit  treuer  Zeich- 
nung der  lokalen  Verhältnisse  und  Persönlichkeiten  abgefafste  Briefe 
suchte  er  bei  den  Bürgern  den  Glauben  zu  erwecken,  der  Rat,  be- 
sonders der  Schultheifs  Ergersheim,  und  die  österreichische  Regierung 
zu  Ensisheim  hätten  sich  dahin  verständigt,  die  Stadt  der  Regierung 
zu  öffnen  und  ihr  die  lutherisch  Gesinnten,  die  zum  Teil  mit  Namen 
genannt  waren,  zur  Bestrafung  auszuliefern.  Schütz  rechnete  darauf, 
dals  die  in  den  erdichteten  Briefen  als  Lutheraner  Bezeichneten  kein 
Mittel  unversucht  lassen  würden,  um  die  bestehende  Regierung  zu 
stürzen,  und  dafs  der  stolze  Freiheitssinn  der  Bürger  sich  gegen  die 
drohende  Kränkung  —  die  angebliche  Auslieferung  der  Stadt  an  Oster- 
reich —  aufbäumen  werde.  Und  doch  erwies  sich  seine  Rechnung 
als  falsch.  Nicht  einmal  die  in  seinen  Briefen  namhaft  gemachten 
Persönlichkeiten  zeigten  sich  seinen  Plänen  geneigt,  und  als  sein  ge- 
fahrliches Treiben  dem  Rate  enthüllt  wurde,  mufste  er  nach  Strafs- 
burg entweichen,  wo  er  sogar  Wolfgang  Capito  für  sich  einzunehmen 
wu&te.  Der  Rat  von  Schlettstadt  strengte  gegen  Jörg  Schütz  einen 
ProzeCs  an,  der  im  November  1524  mit  seiner  Verurteilung  endigte. 

Hatte  die  Bewegung  unter  den  Bürgern  Schlettstadts  in  den  Vor- 
jahren des  Bauernkrieges  sich  hauptsächlich  gegen  den  Rat  gerichtet, 
so  wurde  im  Sturmjahre  1525  selbst  in  erster  Linie  die  Geistlichkeit 
von  ihr  bedroht.  Die  Unruhen  begannen  mit  einem  Anschlag  gegen 
das  Predigerkloster  und  dem  Einbruch  ins  Frauenkloster  Silo.  Unter 
dem  Druck  der  Zünfle,  die  wiederholt  unter  Berufung  auf  das  Evan- 
gelium die  Einziehung  der  Klostergüter  forderten,  verlangte  der  Rat 
den  Klöstern  ihre  Besitztitel  und  die  Verzeichnisse  ihrer  Vorräte  und 
Kleinodien  ab  und  stellte  die  Verwaltung  ihres  Vermögens  unter  die 
Aufsicht  städtischer  Pfleger.  Ohne  die  Niederlage  der  Bauern  bei 
Scherweiler   wäre  es  wohl  zur  gänzlichen  Säkularisation    gekommen. 


1)  G6ny  a.  •.  O.  S.  84ff. 

2)  a.  a.  O.  S.  113  — 141. 


—     54     — 

Mit  den  Bauern  hat  man  sympathisiert,  sich  aber  doch  g'ehütet,  mit 
ihnen  g'emeinsame  Sache  zu  machen  ^). 

Auf  die  soziale  Bewegung  in  Schlettstadt  folgte  die  kirchliche 
Reaktion.  Der  Rat  liefe  es  sich  angfelegen  sein,  die  der  Kirche  zu- 
gefügten Schäden  zu  heilen,  die  Ordnungen  des  alten  Glaubens  in 
voller  Reinheit  erhalten,  feindliche  Elemente  zu  züchtigen  oder  zu 
entfernen.  Die  Mönche  wurden,  soweit  sie  es  selbst  verlangten,  in 
ihre  Klöster  zurückge(uhrt,  die  Stützen  der  evangelischen  Sache,  der 
Pfarrer  Phrygio  und  der  Schulmeister  Sapidus  verlie&en  die  Stadt,  der 
Rat  erliefe  eine  Reihe  kirchlicher  Verordnungen,  deren  Übertreter  er 
strenge  bestrafte.  Im  September  1530  erhielt  er  sogar  vom  Kaiser 
einen  Dankbrief  für  seine  Beständig-keit  im  alten  Glauben  '}. 

Er  erlangte  auch  einen  wirtschaftlichen  und  sozialpolitischen  Er- 
folg, der  in  jener  bewegten  Zeit  von  so  vielen  Bürgerschaften  an- 
gestrebt wurde,  die  Befreiung  von  den  drückenden  Zinsen  und  Gülten, 
deren  Ablösung  der  Kaiser  im  Jahre  1526  gestattete.  Die  Bürger 
haben  von  dieser  Erlaubnis  ausgiebigen  Gebrauch  gemacht  Im  ganzen 
hat  Schlettstadt  die  sozialen  und  religiösen  Wirren  der  Reformations- 
zeit glücklich  überstanden  •). 

Die  Bewegungen  in  den  Bischofstädten  des  Rhein-  und  Mosel- 
landes, wo  sich  der  revolutionäre  Geist  der  Bürger  fast  ganz  in  anti- 

■ 

klerikalen  Tendenzen  auswirkt,  bieten  der  Forschtmg  noch  manche 
tmgelöste  Aufgabe.  Für  die  Unruhen  in  Speyer  und  das  Verhältnis 
der  Stadt  zu  den  Bauern  dürfte  allerdings  das  Material  schon  durch 
Hartfelder  und  Geissei  genügend  ausgebeutet  sein  *).  Auch  für  Mainz 
werden  sich,  nachdem  der  Bericht  über  die  Bew^^ng  von  1525  in 
den  Städtechroniken  veröffentlicht  wurde,  kaum  neue  Quellen  von  Be- 
deutung erschliefsen  lassen  *).  Über  die  Vorgänge  in  Trier  •)  jedoch 
sind  wir  einstweilen  nur  durch  das  von  Kraus  in  den  Nassauischen 
Annalen  mitgeteUte  Material  unterrichtet,  das  sich  gewifs  —  auch  für 
die  anderen  Städte  des  Erzstifts,  z.  B.  Boppard  —  noch  vermehren  liefee. 
Besonders  aber  fehlt  uns  für  die  antiklerikale  Bewegung  in  Worms 
eine  zusammenfassende  Darstellung,   der  wohl  gfleichfalls  noch  eine 

1)  a.  a.  O.  S.  isSflf. 

2)  a.  a.  O.  S.  186  ff. 

3)  a.  a.  O.  S.  201  n.  202. 

4)  Hartfelder  S.  245 — 256.  Geissei,  Kaiserdom  zu  Speier,  S.  281  ff.  Aach 
fUr  Frankfurt  am  Main  bietet  das  „  Aufruhrbuch "  und  Königsteias  Tagebuch  ein  Ma- 
terial, das  einer  wesentlichen  Ergänzung  wohl  nicht  mehr  bedarf. 

5)  Städtechroniken  Bd.  XVIII,  S.   103  ff. 
6}  Nassauische  Annalen  XII,  79 — 80. 


—     55     — 

Ergänzusig  des  Materials  vorhergehen  müfste.  Damit  hätte  sich  ohne 
Zweifel  eine  Übersicht  über  die  in  die  Bewegung  hereinspielenden 
Kämpfe  zwischen  Bischof  und  Stadt  zu  verbinden  ^). 

Besondere  Beachtung  verdienen  die  Vorgänge  in  Köln  im  Jahre 
1525.  Sie  können  geradezu  als  Typus  der  damaligen  städtischen  Be- 
wegungen gelten,  weil  in  Köln  deren  drei  Grundtendenzen,  die  anti- 
klerikale, die  gemälsigt  reformatorische  und  die  sozialistische  in  deut- 
licher Ausprägung  zusammentreffen.  Wir  sind  vor  der  Hand  im  we- 
sentlichen noch  angewiesen  auf  die  Darstellung  des  keineswegs  zu- 
verlässigen Ennen.  Eine  monographische  Bearbeitung  des  Gegenstandes 
auf  Grund  des  veröffentlichten  oder  noch  der  Veröffentlichung  harren- 
den Materiales  wäre  äufserst  verdienstlich  *). 

Auch  in  Essen  spielten  sich  Ereignisse  ab,  die  wenigstens  für  die 
frühere  Zeit  noch  der  Aufhellung  harren.  Seit  1410 — 1419  tritt  dort 
neben  dem  Rat  ein  aus  den  Zünften  *  hervoj^ehendes  Kollegium  der 
Vierundzwanzig  auf,  dessen  Hauptaufgabe  die  Kontrolle  der  Rechntmgs- 
fiihrang  des  Rates  ist.  Seit  derselben  Zeit  findet  sich  auch  ein  be- 
sonderer Rentmeister,  der  aus  dem  Schofse  des  Rates  gewählt  wird, 
während    bis  dahin  einer  der  Bürgermeister  nebenher  die  Geschäfte 


i]  Es  käme  zunächst  in  Betracht  Schannat,  Historia  episcopatns  Wormatiensis, 
z.  B.  ly  4iSff.;  II,  359.  360 ;  dann  der  Bericht  über  die  Plündernng  des  Klosters  Kirsch- 
harten  in  den  „Geschichtsblättern  fiir  die  mittelrheinischen  Bistümer''  I,  i,  S.  66 £f.  and 
Boos,  Quellen  zur  Geschichte  der  Stadt  Worms  III,  621  ff.  Die  hier  abgedmckten  Be- 
schwerden zeigen  die  oben  erwähnte  doppelte  Richtung.  Sie  gehen  zum  Teil  an  die 
Adresse  der  Pfaffheit,  der  man  kirchliche  und  wirtschaftliche  Zageständnisse  abzunötigen 
SQcht,  teils  betreffen  sie  das  Verhältnis  der  Stadt  zum  Bischof.  Man  rerlangte  die  Pre- 
digt des  lauteren  Gottesworts,  Abstellung  der  Hurerei,  Beseitigung  der  dem  göttlichea 
Worte  zuwiderlaufenden  Ceremonien  und  der  frommen  Stiftungen,  Wahl  der  Pfarrer  durch 
die  Gemeinde,  Auflösung  der  Klöster,  Regelung  der  geistlichen  Zinsen  und  Renten,  zu* 
gleich  aber  Auslieferung  des  jüngst  dem  Rate  abgedrungenen  Vertrags  mit  Bischof  und 
Domkapitel,  der  auch  nachher  wirklich  vernichtet  wurde,  und  Verzicht  von  Bischof  und 
Kapitel  auf  alle  Gnaden  und  Freiheiten,  die  der  städtischen  Obrigkeit  und  Herrlichkeit 
zawider  seien.  Die  Geistlichkeit  nahm  laut  Verschreibung  vom  3.  Mai  diese  Artikel  an 
ind  verpflichtete  sich  auch,  bürgerliche  Beschwerde  zu  tragen  und  in  ihren  Rechtshändeln 
sich  dem  Spruche  des  Rates  oder  des  Stadtgerichts  zu  unterwerfen.  Nach  der  Schlacht 
bei  Pfeddersheim  mufste  die  Bürgerschaft  die  empfangene  Verschreibung  wieder  aus- 
liefern und  die  Geistlichkeit  in  ihre  früheren  Rechte  wiedereinsetzen.  —  Einen  Weg- 
weiser durch  die  Wormser  Geschichtsquellen  des  XVL  Jahrhunderts  giebt  Roth  in  dieser 
Zeitschrift  TL  Bd.,  S.  174— 181. 

2)  Ennen,  Gesch.  der  Stadt  Köln  IV,  222 ff.  Ober  sonstige  Köln  betreffende  Ma- 
terialangaben vgl.  mein  Buch  S.  198,  Anm.  2.  Zu  berücksichtigen  ist  noch  eine  kleine 
von  W.  Schmitz  besorgte  Quellenveröffentlichung  in  der  Westdeutschen  Zeitschrift 
4.  Bd.  (1885),  S.  310— 3i2« 


—     56     — 

der  Rechnungsführung  besorgte  *).  Im  XVI.  Jahrhundert  verbindet 
sich  dann,  doch  nicht  vor  1531,  die  populäre  Bewegung  mit  der 
Reformation,  zieht  sich  durch  das  ganze  Jahrhundert  hin  und  findet 
erst  1604  ihren  Abschlufs  *). 

Über  die  sozial-religiösen  Ereignisse  in  den  westfälischen  Städten 
geben  die  Werke  von  Cornelius  und  Keller  über  die  wiedertäuferische 
Beweg^g  wohl  genügende  Kunde. 

An  der  östlichen  Peripherie  des  Reiches  blieben  die  alten  deut- 
schen Kolonialstädte  in  der  oberen  Lausitz,  die  im  XIV.  und  XV. 
Jahrhundert  der  Schauplatz  heftiger  Parteiungen  gewesen  waren,  in  der 
Reformationszeit  ruhig.  Nur  in  Görlitz  *) ,  dem  Hauptsitz  des  Tuch- 
handels, erneuten  sich  in  den  zwanziger  Jahren  des  XVI.  Jahrhunderts 
mit  zum  Teil  verändertem  Charakter  die  früheren  Streitigkeiten.  Hatten 
dort  die  Handwerker  vormals  mit  dem  Patriziat  um  politische  und 
wirtschaftliche  Gerechtsame  gerungen,  so  verflocht  sich  jetzt  in  ihren 
Kampf  auch  ein  sozial-religiöses  Motiv.  Die  Predigten  des  Pfarrers 
Rothbart,  der  die  „Freiheit  eines  Christenmenschen**  wohl  nicht  nur 
in  religiösem,  sondern  auch  in  sozialpolitischem  Sinne  auslegte,  fanden 
lebhaften  Beifall  beim  gemeinen  Mann  und  bei  einer  Gruppe  jüngerer 
Ratsherren.  Die  konservative  Partei  im  Rat  setzte  aber  die  Entfernung 
des  Predigers  durch,  der  jetzt  in  den  Augen  seiner  Anhänger  sofort 
zum  Märtyrer  des  neuen  Glaubens  wurde.  Um  der  drohenden  Em- 
pörung zuvorzukommen,  forderte  der  Rat  die  Zünfte  zur  Kimdmachung 
ihrer  Beschwerden  auf.  Die  Tuchmacher,  die  —  wie  stets  in  den  Städten 
der  Lausitz  —  an  der  Spitze  der  Unzufriedenen  standen,  verlangten  vom 
Rat  die  Freigebung  der  lutherischen  Lehre  und  erzwangen  die  Zurück- 
berufung des  Pfarrers,  der  fortfuhr,  in  der  früheren  Weise  zu  predigen, 
namentlich  das  Recht  der  Gemeinde  gegenüber  der  Obrigkeit  betonte. 
Zugleich  aber  übergaben  die  Tuchmacher  dem  Rate  auch  eine  Anzahl 
politischer  Beschwerden.  Sie  beschuldigten  den  Rat,  dafs  er  seine 
Strafgewalt  mifsbrauche  und  bei  den  Wahlen  einzelnen  Persönlich- 
keiten zu  grofsen  Einflufs  verstatte.  Ferner  verlangten  sie,  dafs  der 
Rat  Rechnung  lege  über  die  Verwaltung  des  Gemeindevermögens  und 
-—  als  Radikalmittel  —  dafs  die  Zahl  der  ratsfähigen  Handwerker  ver- 
mehrt werde. 


i)  Nach  gütiger  MiUeilang  des  Herrn  Dr.  K.  Ribbeck  in  Essen. 

2)  Hierüber  vgl.  „Beiträge   zur  Geschichte  von  Stadt  und  Süft  Essen",   Heft  Uli, 
99flf.;  XU,  96ff.;  XIV,  yyff.;  XVI,  3oflf.  u.  44ff.;  XIX,  14—16.  34f.  40—43. 

3)  Knothe  a.  a.  O.  S.  322 ff.  a.  bes.  327—330. 


—      67     — 

Die  Lage  der  Obrigkeit  erschien  äufserst  gefahrvoll,  da  die  Tuch- 
macher auch  die  übrigen  Zünfte  für  ihre  Absichten  zu  gewinnen 
suchten.  Die  ruhige  Festigkeit  aber,  womit  der  Rat  diesen  Umtrieben 
entgegentrat,  vereitelte  den  Ausbruch  der  Empörung. 

Werfen  wir  zum  Schlufs  noch  einen  Blick  auf  die  südostdeutsche 
Ländeigmppe.  In  Bayern,  dem  einzigen  süddeutschen  Territorium,  das 
von  Elmpörungen  verschont  blieb,  hören  wir  —  abgesehen  von  den 
vom  Bauernkrieg  berührten  Bischofsstädten  Regensburg  und  Eich- 
8tädt  —  nichts  von  bürgerlichen  Aufständen.  Ebenso  habe  ich  schon  in 
meinem  Buche  gezeigt,  dafs  es  in  den  habsburgischen  Erblanden  1525 
zu  stärkeren  städtischen  Bewegungen  fast  nirgends  gekommen  ist. 
Insbesondere  haben  die  Städte  in  Tyrol,  wo  der  Bauemauiruhr  am 
heftigsten  wütete,  eine  wertvolle  Zurückhaltung  bewahrt  *).  Dais  aber 
auch  sie  mit  den  Tendenzen  der  Beweg^ung  einverstanden  waren  und 
Freunde  der  letzteren  zum  Landtag  nach  Innsbruck  schickten,  bezeugt 
wohl  am  besten  die  Thatsache,  dais  der  Bürgermeister  dieser  Stadt  den 
Überbringer  der  Meraner  Artikel  machte  und  dem  Erzherzog  gegen- 
über das  Wort  führte  *). 

Einen  wirklich  revolutionären  Anstrich  gewannen  die  städtischen 
Verhältnisse  eigentlich  nur  in  Trient ').  Dort  bUdete  sich  eine  Partei, 
welche  die  bischöfliche  Herrschaft  zerstören,  der  Stadt  und  dem  Lande 
die  alte  Freiheit  wiedergewinnen  wollte.  Diese  „liberale"  Partei  grub 
sich  selbsf  das  Grab,  indem  sie  sich  mit  den  auüständischen  Bauern 
der  Umgegend  verbündete  und  diese  in  groiser  Zahl  in  die  Stadt 
liefe.  Die  grofse  Masse  der  Bürger,  die  vor  der  Brutalität  des  Land- 
volks zitterte,  fiel  von  der  Sache  der  Freiheit  ab  und  beugte  sich 
wieder  unter  die  geistliche  Herrschaft. 

War  das  Jahr  1525  insbesondere  in  Niederösterreich  ohne  heftigere 
Stürme  vorübergezogen,  so  drohte  dort  dafür  im  folgenden  Jahre  eine 
Erhebung  des  gemeinen  Mannes  in  den  Städten.  Auf  dem  gemeinen 
Landtage  der  Erblande  zu  Augsburg  1526  klagten  die  Vertreter  der 
niederösterreichischen  Städte  und  Märkte  heftig  über  den  Weinschank 
der  Geistlichen.  Nach  ihrer  Aussage  hatte  der  Klerus  an  vielen  Orten 
fast  ein  Drittel  aller  Häuser  inne  und  schenkte,  ohne  die  Lasten  der 
Bürger  zu  teilen,  öffentlich  Wein  aus.  Bisher  hatte  man  wegen  der 
Bauernaufstände,    die    hauptsächlich   gegen    die   Geistlichen  gerichtet 


i)  Hirn,  Die  Tjroler  Landtage  znr  Zeit  der   grofsen  Banembewegung ,    im  Jahrb. 
der  Leo-GeseUschaft  II  (1893),  S.  116. 

2)  a.  a.  O.  S.  117. 

3)  Monimenti  storici  de!  Tridentino     S.  23.     (Einleitung). 


—     68     — 

waren,  dies  stillschweigend  geduldet,  um  die  Bauern  nicht  noch  mehr 
zu  reizen.  Jetzt  aber  wollten  die  Bürger  die  Last  geistlicher  Schenken 
nicht  länger  ertragen,  „zumal  es  unziemlich,  wider  das  geschriebene 
Recht  und  jüngste  Regensburger  Reformation  sei,  und  deshalb  ein 
n  eu  er  Au  fs  tand  des  geme  in  enMannes  zu  besorgen  stehe  ^y\ 

Die  sonstigen  Eingaben  der  Stände  lassen  uns  übrigens  vermuten, 
da(s  der  geistliche  Weinschank  nicht  die  einzige  Ursache  wirtschaft- 
licher Miisverhältnisse  und  der  gereizten  Stimmung  des  Bürgerstandes 
gewesen  sei.  Man  fordert  auch  die  Aufhebung  oder  wenigstens  die 
amtliche  Regulierung  der  grofeen  Handelsgesellschaften,  „die  durch 
lange  Jahre  nur  auf  ihren  Vorteil  bedacht  die  deutsche  Nation  und 
die  Erbländer,  wo  sie  insbesonder  entstanden  und 
emporgekommen  sind,  ausgesaugt  haben!"  Femer  wird  Be- 
schwerde gefuhrt  über  den  Fürkauf  und  den  sonstigen,  den  städtischen 
Freiheiten  zuwiderlaufenden  Gewerbebetrieb  der  Prälaten  und  des  Adels. 
Besonders  klagt  die  Stadt  Steyr,  dafs  ihre  einst  hochberühmte,  blühende 
Industrie  durch  die  Ansiedelung  zahlreicher  und  billiger  arbeitender 
Handwerker  auf  den  geistlichen  Gütern  der  Umgegend  stark 
in  Abnahme  geraten  sei  *). 

Der  Grundcharakter  der  städtischen  Bewegungen,  den  ich  in 
meinem  Buche  zu  zeichnen  versucht  habe,  wird  durch  diese  neuen 
Beobachtungen  im  allgemeinen  bestätigt.  Wir  finden  wiederum  ein 
Verlangen  nach  politischer  und  religiöser  Reform,  so  im  Anfang  des 
XVI.  Jahrhunderts  in  Andernach  und  Leipzig,  später  besonders  in  den 
niederdeutschen  Städten,  aber  auch  in  Halle,  Annaberg,  Görlitz;  wir 
finden  wieder  die  Opposition  g^gen  die  wirtschaftlich  dominierende 
Stellung  des  Klerus  in  Chemnitz,  Dresden,  Bremen ;  und  wieder  treten 
uns  wenigstens  vereinzelt  und  zum  Teil  durch  die  wiedertäuferische 
Bewegung  veranlafst  sozialistische  Regungen  entgegen  in  Leipzig, 
Hannover,  Magdeburg,  Stralsund.  Wieder  spielen  in  sozialistischer 
Schwärmerei  befangene  Prädikanten  die  Rolle  der  Aufwiegler. 

Wie  das  Bild  des  Bauernkriegs  in  den  einzelnen  Gebieten  Deutsch- 
lands verschieden  nuanciert  ist,  so  ist  auch  der  Grundton  der  städtischen 
Bewegung  je  nach  den  Landesteilen,  in  denen  sie  auftritt,  ein  anderer. 
In  den  Städten  des  Elsa(s,  des  Rheinlands  und  Westfalens  überwiegt 
die  antiklerikale  Tendenz;  in  Niederdeutschland  empfangen  die 
städtischen  Aufstände  ihr  Gepräge  durch  das  demokratische  Element, 


i)  Zeitschrifl  des  FerdiDandeums,  3.  Folge,  Bd.  XXX VIII  (1894),  S.  loi — 102. 
2)  a.  a.  O.  S.  80.  101.  107.  108—110. 


—     69     — 

mit  dem  sich  gewöhnlich  die  Forderung-  einer  radikalen  Kirchenreform 
verbindet,  während  die  sozialistische  Strömung-  in  Süd-  und  Mittel- 
deutschland, wie  mir  scheint,  kräftiger  auftritt,  als  im  Norden. 

Sehr  verschieden  gestalten  sich  auch  die  Folgen  der  sozialen  Be- 
wegung für  die  Reformation.  An  einzelnen  Orten,  wie  Kolmar  und 
Schlettstadt,  werden  nach  Beendigung  der  Unruhen  die  lutherischen 
Neigungen  zurückgedrängt.  In  Rothenburg  und  Memmingen  wird 
wenigstens  der  Fortschritt  der  neuen  Lehre  durch  die  Revolution  ge- 
hemmt ').  Dagegen  hat  in  Gotha  der  aus  wirtschaftlichen  Ursachen  unter- 
nommene Sturm  gegen  die  PfafTheit  der  kirchlichen  Neuerung  freie  Bahn 
gemacht,  und  in  den  westßLlischen  Städten,  auch  in  Lübeckund  Hannover, 
vollzog  sich  die  Bildung  des  evangelischen  Kirchen wesens  unter  revolutio- 
nären Wehen.  In  anderen  Städten,  z  B.  Stralsund,  Halle,  Annaberg, 
Görlitz,  haben  bei  der  Bewegung  wenigstens  religiöseMotive  mitgewirkt. 

Auch  in  der  politischen  Verfassung  der  Städte  haben  die  damaligen 
Unruhen  manche  Spuren  hinterlassen.  Einzelne  von  ihnen,  so  Halle, 
Andernach,  Schweidnitz,  AschafTenburg  *) ,  büfsten  die  Revolution  mit 
dem  Verlust  oder  der  Minderung  ihrer  Autonomie. 

Erst  wenn  man  die  in  diesen  Zeilen  gebotenen  Ei^änzungen 
meines  Buches  berücksichtigt,  und  wenn  die  Lokalforschung  an  den 
von  mir  bezeichneten  Punkten  weiterarbeitet,  wird  es  möglich  sein, 
vom  Umfang  und  von  den  Tendenzen  der  Bewegung  ein  klares,  voll- 
ständiges und  richtiges  Bild  zu  erhalten. 

Damit  aber  ist  die  Aufgabe  noch  keineswegs  gelöst.  Noch  bleibt 
viel  zu  thun  für  die  Erkenntnis  der  Ursachen  der  Bewegung.  Noch 
liegt  die  soziale  Gestaltung,  aus  der  jene  Tendenzen  sich  entwickelt 
haben,  nicht  völlig  klar  vor  uns.  Wie  oft  sind  uns  im  Laufe  dieser 
Untersuchungen  die  Klagen  der  Gemeinden  über  WUlkür  und  Kor- 
ruption der  städtischen  Regierungen  begegnet,  wie  oft  das  energische 
Streben  nach  Veränderung  des  Regiments!  Die  Frage,  wie  die 
städtischen  Obrigkeiten  ihre  Pflichten  erfüllt  haben,  wie  weit  sie  unter 
dem  Druck  allgemeiner  Verhältnisse  oder  einer  in  ihren  Kreisen 
herrschenden  Korruption  handelten,  welcher  Wert  den  Anklagen  der 
Bürger  beizumessen  sei,  ist  noch  schärfer  als  bisher  zu  untersuchen  '). 

Vor  allem  aber  muis  es  den  Forscher  reizen,  den  Untergrund 
der  in  den  Städten  damals  so  weit  verbreiteten  sozialistischen  Be- 
strebungen kennen  zu  lernen.     Zu   erklären  sind  sie,   wie  es  scheint, 

1)  Vgl.  Friedensbarg,  Der  Reichstag  za  Speyer  1526,  S.  151. 

2)  Maj,  Albrecht  U.  von  Brandenbarg  II,  Beilage  LI,  S.  153. 

3)  Vgl.  mein  Bach  S.  181—182. 


—     60     — 

aus  der  Verschiebung  der  Besitzverhältnisse,  die  in  den  Städten  seit 
dem  Ende  des  XV.  Jahrhunderts  vor  sich  gegangen  ist.  Im  Mittel- 
alter war  die  soziale  Lage  in  den  Städten  charakterisiert  durch  das 
Vorhandensein  eines  zahlreichen,  wirtschaftlich  kräftigen  Mittelstandes, 
der  für  die  Leistungsfähigkeit  der  Städte  gegenüber  der  niederen  Be- 
völkerungszahl ein  ausgleichendes  Moment  bildete.  Es  scheint  nun, 
dafs  diese  günstige  Vermögensverteilung  seit  dem  späteren  XV.  Jahr- 
hundert einer  starken  Differenzierung  des  Besitzes,  der  Entwickelung 
einer  breiten  Schicht  Besitzloser  und  Besitzarmer  gewichen  ist.  Aber 
noch  mufs  diese  Erscheinung  durch  die  Forschung  stärker  fundamentiert 
werden;  die  Arbeiten  von  Schönberg,  Härtung,  Schmoller,  Eulenburg 
u.  a.  für  Basel,  Augsburg,  Frankfurt,  Heidelberg  und  andere  Orte 
der  Pfalz  sollten  auf  eine  möglichst  grofse  Zahl  von  Städten  ausgedehnt 
werden  *).  Dann  würde  man  die  kommunistischen  Gelüste ,  die  be- 
sonders 1525  fast  in  allen  süd-  und  mitteldeutschen  Städten  sich 
äufsem,  erst  recht  verstehen.  Derartige  Untersuchungen  würden  uns 
auch  Einblick  gewähren  in  die  Zusammensetzung  und  die  numerische 
Stärke  des  städtischen  Proletariats,  gewifs  des  Hauptträgers  der  radi- 
kalen Bewegung.  Man  müfste  sich  darüber  verständigen,  welche 
sosdalen  Kategorieen  unter  den  Begriff  des  Proletariates  zu  bringen 
wären,  man  müfste  auf  ihre  Entstehung  eingehen  und  prüfen,  welchen 
Prozentsatz  der  Bevölkerung  an  den  einzelnen  Orten  sie  ausmachen. 
Auch  wäre  noch  genauer  zu  untersuchen,  inwiefern  der  kaufmännische 
Kapitalismus  jener  Zeit,  Gesellschafts-  und  Monopolienwesen  mit  den 
Interessen  des  gemeinen  Mannes  in  Widerspruch  traten. 

Nur  einige  Hauptaufgaben  habe  ich  genannt,  auf  welche  die 
Forschung  hinzuweisen  mir  ein  Bedürfnis  war.  Möge  die  nächste  Zeit 
ims  der  Lösung  dieser  Fragen  näher  führen  und  reiche  Aufklärung 
bringen  über  die  revolutionären  Erscheinungen  in  den  Städten  und 
über  die  soziale  Entwickelung  unseres  Bürgertums  am  Ausgange  des 
Mittelalters  überhaupt.  Hat  auch  die  städtische  Bewegung  keine  tiefen, 
umgestaltenden  Wirkungen  hinterlassen,  die  Entwickelung  unseres  Bürger- 
wesens kaum  nachhaltig  beeinfiufst,  so  würde  doch  ohne  ihre  Kenntnis 
das  Bild  jener  wunderbaren,  die  ganze  Nation  in  ihren  Tiefen  auf- 
rüttelnden Zeit  ewig  imvoUständig  bleiben. 


1}  Schönberg,  Finanzwirtschaft  der  Stadt  Basel;  Härtung,  Die  Angsburger 
Zttschlagstener  von  1475  i°^  Jahrbach  flir  Gesetzgebung  etc.  1895,  S.  114,  vgl.  ebenda 
Schmoller  S.  1084  °n<l  Eulenburg  in  „Zeitschr.  für  Sozial-  u.  Wirts chaflsgeschichte'', 
Bd.  m  (1895),  S.  424—467. 


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—     61     — 


Mitteilungen 


Tersammlimgeil.  —  Der  zweite  Tag  für  Denkmalpflege,  der  am 

33.  und  24.  September  zu  Freiburg  im  Breisgau  versammelt  war,  zählte  fast 
100  Teilnehmer,  ebensoviel  wie  im  vorigen  Jahre  der  erste,  Dresdener  *), 
Tag  aufweisen  konnte.  Unter  den  Teilnehmern  waren  23  anwesend  als  amtliche 
Vertreter  des  deutschen  Reiches,  der  deutschen  Bundesstaaten,  der  österreichi- 
schen Regierungund  des  schweizerischen  Bundesrates  auf  Grund  der  Einladung, 
welche  die  badische  Regierung  hatte  ergehen  lassen.  Der  Tag  hat  in  vier  langen 
Sitzungen  seine  umfangreiche  Tagesordnung  erledigt.  Vorträge  und  Beratungen 
betrafen  drei  Hauptgegenstände :  die  Fortschritte  der  Gesetzgebung,  die  prak- 
tische Denkmalpflege,  die  Herausgabe  eines  die  Inventarisationsarbeiten 
Zusammenfassenden  Handbuches  der  deutschen  Denkmäler. 

Über  neuere  Gesetzentwürfe  berichteten  die  Herren  v.  Bremen  (Preufsen), 
Freih.  v.  Biegeleben  (Hessen),  Loersch  (Bern).  Allseitig  wurde  mit 
freudiger  Zustimmung  begrtifst  der  hessische  Entwurf,  dessen  Annahme  durch 
die  zweite  Kammer  auf  Grund  des  bereits  vorliegenden  Berichtes  ihres  Aus- 
schusses nicht  zweifelhaft  ist.  Hessen  hat  sich  damit  das  grofse  Verdienst 
erworben,  als  erster  unter  allen  deutschen  Staaten  Denkmalpflege  und  Denk- 
mabchutz  durch  ein  Spezialgesetz  eingehend  zu  regeln,  welches  in  mafsvollster 
Weise  alle  in  Betracht  kommenden  Interessen  ausgleichend  schützt.  Die  Mit- 
teQungen  des  preufsischen  Vertreters,  welche  durch  die  einleitenden  Bemer- 
kungen über  die  jetzt  im  Werk  befindlichen  italienischen  und  spanischen  Ge- 
setze über  Denkmalpflege  noch  besonders  interessant  waren,  stellten  baldige 
eingehende  gesetzliche  Regelung  der  Materie  in  dem  gröfsten  deutschen  Bundes- 
staate in  Aussicht.  Aus  den  Verhandlungen  ergab  sich,  dafs  nach  überein- 
stimmender Meinung  der  Versammlung  die  zu  erlassenden  Gesetze  besondere 
Bestimmungen  über  die  Enteignungen  zu  Gunsten  der  Denkmalpflege  zu  treffen 
haben  werden,  weil  die  in  den  einzelnen  Staaten  bestehenden  Enteignungs- 
vorschriften nicht  ausreichen,  namentlich  auch  das  Verfahren  meist  ein  zu 
schwieriges  und  weitläufiges  ist,  insbesondere  auch  den  Gemeinden  und  den 
Kommtmalverbänden  nicht  die  nötigen  Handhaben  bietet. 

Als  eine  Überleitung  von  den  gesetzgeberischen  Fragen  zur  praktischen 
Denkmalpflege  nahm  die  Versammlung  mit  grofsem  Beifall  den  Vortrag  des 
Herrn  Konservators  Wolff  aus  Strafsburg  entgegen,  der  eingehend  über  die 
auf  Grund  der  französischen  Gesetzgebung  noch  in  den  Reichslanden  geltende 
Einwertung  fdassement)  der  Denkmäler  und  ihre  praktische  Wirkung  berich- 
tete. Die  Versammlung  dürfte  die  Überzeugung  gewonnen  haben,  dafs  dieses 
Hil&mittel  nur  in  beschränktem  Mafse  Dienste  leistet  und  ein  ausreichender 
Schutz  der  Denkmäler  lediglich  auf  der  dadurch  gebotenen  Grundlage  nicht 
za  erzielen  ist  Die  von  den  Herren  Konservator  Haupt  aus  Eutin  und 
Museumsdirektor  Meier  aus  Braunschweig  erstatteten  Berichte  über  Denk- 
mälerarchive und  verwandte  Sanmilungen  als  Hilfsmittel  der  Denkmalktmde 
boten  eine  Fülle  von  lehrreichen  Einzelheiten  und  liefsen  keinen  Zweifel  über 
die  hohe  Bedeutung  derartiger  Einrichtungen.    Eine  emgehendere  Verhandlung, 

i)  Vgl.  darüber  diese  ZeiUchrift,  IL  Bd.,  S.  59—60. 


—     62     — 

als  die  Kürze  der  Zeit  sie  zuliefs,  hätte  unzweifelhaft  noch  manche  Frage  zur 
Erörterung  gebracht,  die  in  diesem  Zusammenhang  aufzuwerfen  ist;  Zentrali- 
sation oder  Dezentralisation  solcher  Sammlungen  in  gröfseren  Staaten,  regel- 
mäfsige  Herstellung  von  Duplikaten  aller  Aufnahmen,  Notwendigkeit  oder  Über- 
flüssigkeit eines  ganz  genauen  und  peinlichen  Verzeichnisses  aller,  auch  der 
imbedeutendsten  an  einer  Stelle  aufbewahrten  Stücke.  EÜn  späterer  Tag  dürfte 
wohl  mit  Erfolg  deren,  Beantwortung  auf  seine  Tagesordnung  setzen. 

Drei  grofse  im  Vordergrund  des  Interesses  und  der  Diskussion  stehende 
Denkmäler  boten  der  Versammlung  Anlafs  zu  einem  Eingehen  auf  die  Aus- 
übung und  Handhabung  ihrer  Pflege.  Den  von  Herrn  Dombaumeister  Arntz 
erstatteten  Bericht  über  das  Strafsburger  Münster,  dessen  Zustand  rasche 
Hilfe  und  einen  Kostenaufwand  von  zwei  und  einer  halben  Million  Mark  blofs 
für  unerläfsliche  Erhaltungsarbeiten  erheischt,  konnte  die  Versammlung  nur 
durch  den  Hinweis  auf  die  dringende  Notwendigkeit  der  Gründung  eines 
Dombauvereins  beantworten,  der  allein  die  Grui^dlage  für  Beschaflung  von 
gröfsern  Summen  und  Erlangung  von  Hilfen  aus  öffentlichen  Mitteln  bieten 
kann.  Die  Mitteilungen  über  die  Hohkönigsburg,  die  Herr  Architekt  Ebhardt 
in  seinem  Vortrag  machte,  und  mehr  noch  die  Aussprache,  zu  der  die  darauf 
folgende  Diskussion  ihm  und  anderen  Mitgliedern  der  Versammlung  Gelegen- 
heit bot,  haben  unzweifelhaft  zur  Klärung  der  mit  der  Erhaltung  dieses  ge- 
waltigen Denkmals  zusammenhängenden  Fragen,  zur  Richtigstellung  mancher 
irrtümlichen  Annahme  und  zur  Beseitigung  nicht  weniger  Zweifel  geführt.  Der 
durch  reiche  zeichnerische  Beläge  gestützte  Vortrag  des  Herrn  Baurats  Torn  o  w 
über  die  Beseitigung  des  bisherigen  Hauptportals  am  Dome  zu  Metz  und 
dessen  Ersetzung  durch  ein  vom  Redner  entworfenes,  dem  Stile  der  Kirche 
angepafstes,  das  aber  dem  ursprünglichen  Zustand  keineswegs  entspricht,  legte 
klar  und  anschaulich  die  Gründe  dar,  welche  gerade  zu  dieser  Lösung  einer 
der  schwierigsten  Fragen  des  Restaurationsverfahrens  gefUhrt  haben.  Eine 
Erörterung  der  in  diesem  Falle  befolgten  Grundsätze  wurde  leider  durch  den 
notwendigen  Schlufs  der  bis  in  den  Abend  sich  hinziehenden  Sitzung  ver- 
eitelt. Sie  wird  unzweifelhaft  auf  einem  folgenden  Tage  unter  Herbeiziehung 
weiterer  Beispiele  aus  der  Praxis  erfolgen. 

Die  an  das  Reich  gerichtete  Eingabe  lun  Unterstützung  eines  Hand- 
buches der  deutschen  Denkmäler  ist  mit  Rücksicht  auf  die  gegen- 
wärtige Finanzlage  und  auf  sachliche  Bedenken  abschlägig  beschieden  worden. 
Die  Versammlung  hat  nach  selir  ebgehender  Beratung  daran  festgehalten, 
dafs  dieses  Handbuch  so  bald  als  möglich  hergestellt  werden  mufs  und  dafs 
seine  Abfassung  auch  bei  dem  augenblicklichen  Stand  der  Inventarisations- 
arbeiten  ^)  sehr  wohl  möglich  ist  Da  der  Vertreter  der  Reichsverwaltung, 
Herr  Geheimrat  Lewald,  einen  Zuschufs  des  Reiches  zu  einem  buchhändle- 
rischen Unternehmen  als  künftig  möglich  und  wahrscheinlich  bezeichnen  konnte, 
so  soll  zunächst  der  Versuch  gemacht  werden,  einen  Verleger  für  das  Werk 
zu  gewinnen. 

Der  Verlauf  des  Freiburger  Tages  hat  gezeigt,  dafs  sowohl  auf  dem  Ge- 
biete der  Gesetzgebung  wie  auf  dem  der  praktischen  Durchführung  von  Denk- 


x)   Vgl.  den  in  dieser  Zeitschrift,   I.  Bd.,   S.  270 — 290  gegebenen  Überblick  Über 
den  Stand  der  Arbeiten.     Demnächst  soll  ein  Nachtrag  dazn  folgen. 


—     63     — 

mabchatz  und  Denkmalpflege,  dank  der  Initiative  der  Regierungen,  der  Thätig- 
keit  der  Konservatoren  und  Pfleger,  der  Teilnahme  aller  gebildeten  Kreise  ein 
stetiger  und  erfreulicher  Fortschritt   stattfindet.     Gesetze  und  Verordnungen 
gehen  mehr  und  mehr  von  richtigen  Gesichtspunkten  aus,  die  Organisation 
zur  Erhaltung  der  Denkmäler  wird  in  den  einzelnen  Staaten  inuner  vollkom- 
mener ausgestaltet  und  findet  ihre  notwendige  Ergänzung  imd  Unterstützung 
in  den  zahlreichen  Vereinen,  die  sich  überall  der  Pflege  der  örtlichen  Über- 
lieferungen widmen.     Die  Grundsätze  endlich,  welche  für  die  Erhaltung  der 
Denkmäler  mafsgebend  sein   sollen,  werden  in  eingehender  Erörterung,   im 
Kampf  der  Meinungen  schärfer  herausgearbeitet  tmd  vertieft.  In  allen  Schichten 
der  Bevölkerung  wächst  die  Erkenntnis,  dafs  die  stummen  Zeugen  der  Ver- 
gangenheit £U  schützen  und  zu  erhalten  sind  gegenüber  roher  Zerstörungslust^ 
philisterhafter  Nichtachtung,   übertriebener  Rücksicht  auf  die  Anforderungen 
der  so  oft  über  das  Ziel  hinausschiefsenden  angeblichen  Verkehrs-  und  Raum- 
bedürfnisse der  Gegenwart. 

Der  nächste  Tag  für  Denkmalpflege  wird  1902  in  Düsseldorf  zu- 
sammentreten, wo  eine  grofsartige  kunstgeschichtliche  Ausstellung  neue  An- 
regungen bieten  wird.  Dort  soll  auch  eine  Anzahl  von  Fragen  beantwortet 
werden,  die  noch  in  den  letzten  Augenblicken  des  Freiburger  Zusammenseins 
angeworfen  worden  sind.  Loersch  (Bonn). 


Bereits  bei  der  Mitteilung  des  Programms  der  46.  Versammlung 
deutscher  Philologen  und  Schulmänner  (II.  Bd.,  S.  295)  lenkten  wir 
die  Aufmerksamkeit  auf  den  Vortrag  von  F.  Eichler  (Graz),  welcher  den 
Zweck  verfolgte,  den  Plan  einer  Quellensammlung  zur  Geschichte 
des  deutschen  Bibliothekswesens  den  Fachgenossen  zu  unterbreiten. 
Unter  „Quellensammlung'*  versteht  der  Vortragende  im  vorliegenden  Falle 
erstens  eine  Sammlung  in  literarischer  Form  niedergelegter  Zeugnisse,  die 
das  Vorbandensein  einer  Büchersammlung  erweisen  oder  zu  erweisen  geeignet 
sind,  besonders  Veröffentlichung  von  Verzeichnissen,  die  jeweils  an  einem 
Orte  vorhandene  Bücher  auffuhren,  zweitens  die  nach  einheidichen  Gesichts- 
pimkten  organisierte  Thätigkeit,  die  zur  Schaffung  eines  derartigen  literarischen 
Sammelwerkes  führen  soll.  Der  Zweck  der  Quellensammlung  ist,  neue 
Kulturwerte,  die  auf  dem  Gebiete  der  Büchersanmielthätigkeit  gewoimen 
werden,  zu  wissenschaftlicher  Ausnutzung  zurechtzulegen.  Es  werden  dadurch,, 
dafs  das  Vorhandensein  bestimmter  literarischer  Denkmäler  an  bestimmten 
Orten  zu  einer  bestinmiten  Zeit  nachgewiesen  wird,  zuverlässige  Quellen  zur 
Erkenntnis  des  geistigen  Lebens  erschlossen.  Der  Weg,  der  von  der  daran 
anknüpfenden  Forschung  eingeschlagen  wird,  führt  in  der  Richtung,  dafs 
nicht  von  den  die  literarischen  Bildungsmittel  erzeugenden  Schriftstellern 
ausgegangen  wird,  sondern  von  jenen,  die  diese  Bildungsmittel  suchten^ 
mag  man  dann  nun  einzelne  Stände,  Korporationen,  Landschaften  oder 
welche  geschlossene  Einheit  inuner  im  Auge  haben.  Die  Quellensammltmg 
soll  —  starke  Beschränkungen  im  einzelnen  natürlich  vorausgesetzt  —  die 
Zeit  von  Karl  dem  Grofsen  bis  zur  Auflösung  des  alten  deutschen  Reiches, 
zunächst  aber  wenigstens  bis  zum  Jahre  1600  lunfassen.  Sie  hat  sich  auf 
deutschen  Boden  zu  beschränken,  wenn  überhaupt  in  absehbarer  Zeit  etwas 


—     64     — 

Abgeschlossenes  erreicht  werden  soll,  ihr  Zweck  ist  nicht  Material  zur  Er- 
forschung der  gesamten  mittel-  und  westeuropäischen  Kultur  zu  liefern  ^). 
Eine  solche  Quellensammlimg  kann  natürlich  nur  mit  kräftiger  Beihilfe  hierzu 
berufener  Körperschaften  hergestellt  werden.  Der  Vortragende  schlägt  daher 
vor,  die  Unterstützung  des  geplanten  Unternehmens  seitens  der  Akademien 
und  Gesellschaften  der  Wissenschaften  in  Berlin,  Göttingen,  München  und 
Wien  anzustreben. 

Eingegangene  Bücher: 

Albert,  Peter  P.:  Die  Geschichtschreibung  der  Stadt  Freiburg  in  alter 
und  neuer  Zeit  [=^  Zeitschrift  für  die  Geschichte  des  Oberrheins,  Neue 
Folge,  Bd.  XVI,  Heft  4.] 

Amrhein,  A. :  Die  kurmainzische  Glashütte  Emmerichsthal  bei  Burgjossa, 
Beitrag  zur  Geschichte  der  Handebpolitik  des  Kurstaates  Mainz.  [=  Archiv 
des  historischen  Vereins  für  Unterfranken  imd  Aschafifenburg.  Bd.  42, 
S.  143—243.]     M.  1.20. 

Bangert,  Friedrich:  Das  älteste  Oldesloer  Kirchenbuch,  [«s  Schriften  des 
Vereins  für  schleswig-holsteinische  Kirchengeschichte,  II.  Reihe.  2.  Bd., 
S.   1—86.] 

Berg,  A. :  Georg  Torquatus  als  ältester  Halberstädter  Topograph  (1574). 
[=s  MitteUungen  des  Vereins  für  Erdkunde,  Halle  a.  S.,  1901.    S.  17 — 45.] 

Bilfinger,  Gustav:  Untersuchungen  über  die  Zeitrechnung  der  alten 
Germanen.  II.  Das  germanische  Julfest.  Stuttgart,  Kommissionsverlag 
von  W.  Kohlhammer.     132   S.    4^'. 

Brunner,  Georg:  Geschichte  der  Reformation  des  Klosters  und  Stiftlandes 
Waldsassen.     Erlangen,  Fritz  Junge,   1901.     212  S.    8^     M.  2.60. 

Brunner,  Karl:  Die  Pflege  der  Heimatgeschichte  in  Baden,  Wegweiser  für 
Freunde  der  badischen  Geschichte.  Karlsruhe,  J.  J.  Reiff,  1901. 
153  S.    80. 

Busch,  Nikolaus :  Die  Wachstafeln  des  Rigaschen  Dommuseums.  [=  Sitzungs- 
berichte der  Gesellschaft  für  Geschichte  tmd  Altertumskunde  der  Ostsee- 
provinzen Rufslands  1896.] 

Devrient,  Ernst:  Angeln  imd  Warnen,  die  Entstehung  des  Thüringischen 
Stammes.  [:=  Neue  Jahrbücher  für  das  klassische  Altertum,  Geschichte 
und  deutsche  Litteratur  imd  für  Pädagogik.  (Leipzig,  B.  G.  Teubner.) 
Jahrgang  1900,  S.  517 — 534,  Jahrgang  1901,  S.  51—62  und  418 — 432. 

Glagau,  Hans:  Hessische  Landtagsakten.  Erster  Band:  1508 — 1521. 
Marburg,  N.  G.  Elwert,  1901.  593  S.  8^  M.  14.  [=  Veröffent- 
lichungen der  Historischen  Kommission  für  Hessen  und  Waldeck.] 

i)  Die  beiden  Werke  deatschcr  Gelehrten,  die  der  Erkenntnis  älterer  Bibliotheken 
dienen,  die  Catalogi  bibliothecarum  antiqui  von  Gustav  Becker  (Bonn,  1885)  und  dafs 
auf  eingehenden  Quellenstudien  beruhende  Werk  von  Theodor  Gottlieb  Über 
mütelalierUche  Bibliotheken  (Leipsig,  1890)  haben  sich  nicht  an  die  nationale  Begrenzung 
gehalten.  Auch  Edward  Edwards  hat  in  den  Werken,  die  ihrem  literarischen  Charakter 
nach  hier  Beachtung  verdienen  (Memoirs  of  libraries^  2  vol.,  London,  1859,  Libraries 
and  Founden  of  Libraries^  London,  1865,  Free  Town  Libraries,  London  1869) 
mehrere  Kulturvölker  berücksichtigt  und  namentlich  in  den  Memoirs  einen  sehr  uni- 
versellen Standpunkt  eingenommen. 

Herauigeber  Dr.  Annin  Tille  in  Leipsig.  —  Druck  und  Verlag  Ton  Friedrich  Andreas  Perdies  In  Gotha. 


Deuteche  QeschichtsbMer 

Mosatssclulft 


nur 


Forderung  der  landes^escliicMicbeB  Ferscbuflg 

III.  Band  Dezember  1901  3.  H^ 


■  ■  .         »■--»«^.^-i»^*»»  —.■._..■■■■■■.  «.p 


Zur  Grundbesitz^verteilung  in  der 

i^arolingerzeit 

Von 
OeotS  Can>  (ZUricb) 

Gegpen  die  herrschenden  Ansichten  über  Probleme  von  gnmd- 
leg^ender  Bedeutung  fiir  die  Erkenntnis  der  älteren  deutschen  Wift- 
schaftsverfassung-  ist  von  verschiedenen  Seiten  her  ein  Widerspruch 
erhoben  worden,  der  zwar  bereits  mehrfache  Zurückweisung  erfahren 
hat,  aber  doch  wohl  berechtigt,  die  Fragen  aufs  neue  in  Erörterung 
zn  riehen.  Die  folgenden  Ausführungen  wollen  darauf  hinweisen,  dafs 
durch  spezielles  Eingehen  auf  die  Privaturkunden  der  Karolinger^eit 
noch  mann^fache  Au&chlüsse  zu  gewinnen  sind;  für  die  Einzelheiten 
darf  ich  auf  meine  bereits  teilweise  erschienenen  Spezialatbeiten  ^) 
Bezug  nehmen. 

Die  g^angbaren  Anschauungen  lassen  sich  kurz  skizzieren.  Man 
betrachtet  die  Germanen  nach  ihrer  festen  Ansiedlung  als  ein  Volk 
von  Bauern.  Der  freie  Mann  safs  auf  eigener  Scholle,  die  er  mit 
eigener  Hand  oder  höchstens  mit  Hilfe  weniger  Unfreien  bestellte. 
Auf  der  Masse  der  kleinen  freien  Grundeigentümer  beruhte  Heer-  und 
Gerichtsverfassung,  nur  wenige  Adelsgeschlechter  hoben  sich  durch 
Besitz  von  gröfserem  Gütern  und  mehr  Unfreien  oder  Halbfreien 
über  die  Gemeinfreien  empor,  unter  denen  namhaftere  Ungleichheiten 
des  Besitzes  nicht  bestanden.  In  den  primitiven  Verhältnissen  traten 
tie^reifeade  Umwälzungen  ein,  als  das  Frankenretch  sich  die  deut- 
schen Stämme  eingegliedert  hatte.  Der  Grofsgrundbesitz  breitete  sich 
aus  durch  Verleihungen   von   Königsgut   und  Rodungen   in   den   gc- 

t)  Über  die  GnmdbesitiTerteilttiig  in  der  Nordostaehweiz  n.  s.-  w.  in  Conradi  Jahr- 
bi&chem  ftir  Nationalökonomie  nnd  Statistik,  3.  Folge,  Bd.  XXI  (190X),  9.  474 £  und 
Stadien  tu  den  Xlteren  St  GaUer  Urkunden,  L  Teil ,  im  Jahrbuch  fiir  Schweizerischt  Ge- 
schichte, Bd.  a6  (1901),  S.  2050. 

5 


—  Ge- 
meinen Marken.  Bistümer  nnd  Klöster  erwarben  umfang^reiche  Be- 
sitzungen. Dabei  verarmten  die  freien  Bauern,  auf  denen  der  ganze 
Druck  der  Reichsverfassung  lastete.  Um  der  Willkür  der  Beamten  zu 
entgehen,  flüchteten  sie  in  den  Schutz  der  Grundherrschaften,  geist- 
licher und  weltlicher.  Am  Ende  der  Karolingerzeit  war  die  Umwand- 
lung abgeschlossen»  die  Masse  der  Freien  in  einen  an  Hörigkeit 
grenzenden  Zustand  herabgedrückt. 

Einig  über  die  Grundzüge  haben  Rechts*  und  Wirtschaflshistoriker 
auf  verschiedene  Seiten  des  Entwickelungsganges  besonderes  Gewicht 
gelegt.  Waitz  geht  von  dem  Begriff  der  Hufe  aus,  die  alles  umfaist 
haben  soll,  was  der  einzelne  im  Dorfe  besafs,  Hofstätte,  Ackerland 
und  Recht  an  der  gemeinen  Mark.  Den  Wert  der  Hufe  setzt  er  gleich 
dem  Wehrgeld  des  Freien.  Innerhalb  der  nach  Hufen  verteilten  Dorf- 
gemarkung vollzogen  sich  die  Veränderungen  dergestalt,  dals  mehrere 
Hufen  in  einer  Hand  vereinigt  uud  dann  vom  Eigentümer  an  ab- 
hängige Leute  freien  oder  unfreien  Standes  zur  Bewirtschaftung  über- 
lassen wurden*).  Inama-Sternegg  verweilt  mit  Vorliebe  bei  der 
Ausbildung  der  grofsen  Grundherrschaften,  die  er  als  einen  bedeut- 
samen Fortschritt  des  wirtschaftlichen  Lebens  ansieht  In  den  Herren- 
höfen und  deren  Anhang  von  dienenden  Hufen  habe  eine  Konzen- 
tration und  Organisation  der  Arbeit  stattgefunden,  die  sich  gegenüber 
der  Vereinzelung  der  volkswirtschaftlichen  Kräfte  in  älterer  Zeit  als 
höhere  Entwickelungsstufe  darstelle  ').  Mehr  auf  die  betriebstechnische 
Seite  der  Agrarverfassung  richtet  Meitzen')  sein  Augenmerk.  Er 
will  die  Zustände  der  Urzeit  uud  ersten  Ansiedelung  ermitteln  durch 
Rückschlüsse  aus  der  heutigen  Grundstücksverteilung  innerhalb  der 
Dorfschaften.  Die  in  den  Flurkarten  ersichtliche  Lage  und  Gestaltung 
der  Gewanne  bildet  den  Ausgangspunkt  der  umfassenden  Unter- 
suchungen. Gleiche  Gröfse  der  Hufen,  wenigstens  in  derselben  Ge- 
markung, wird  vorausgesetzt  *),  und  ihre  Einrichtung  auf  die  ursprüng- 
liche Anlage  der  Dörfer  durch  freie,  gleichberechtigte  Besiedler  zurück- 
geführt^),   die    dann    als    Markgenossen    das    unkultivierte    Land    in 


i)  Waitz,  D.  V.  G.  i',  126;  2.  i',  277,  284,  394;    Tgl.  aach  die  Abhandlung  ttber 
die  altdeutsche  Hofe,  Abh.  d.  Gesellsch.  d.  Wissensch.  za  Göttingen  6,  179  ff. 

2)  S.  Inama-Sternegg,  D.  W.  G.  i,  2780.,  nnd  „die  Ansbildong  der  grolsen  Grund« 
herrschaften  in  Deutschland  während  der  Karoliogerzeit'*  (Leipzig  1878). 

3)  Wanderungen,   Anbau   und  Agrarrecht  der  Völker  Europas  nördlich  der  Alpen« 
4.  Bd.     Berlin  1895. 

4)  Ebenda  i,  75. 

5)  Ebenda  i,  156. 


—     67     — 

Gemeinbesitz  behielten.  Dabei  finden  die  Unterschiede  der  Ansiede- 
lang nach  Dörfern  oder  Einzelhöfen  Berücksichtigung',  ebenso  wie  die 
jüngeren  Weiler  gnindhenlicher  Gründung. 

Die  Übereinstimmung  in  der  Beantwortung  der  Einzelfragen  ist 
anch  bei  den  Vertretern  der  geltenden  Anschauungen  nichts  weniger 
als  vollständig,  selbst  wenn  man  absieht  von  der  vielumstrittenen  Ent- 
stehung des  Privateigentums  am  Grund  und  Boden.  Ungleichheit  des 
Beätztnms  nimmt  Inama*Stemegg  ')  schon  für  die  ältesten  Zeiten  an. 
Lamprecht*)  stellt  in  Abrede,  da(s  jede  Hufe  an  jedem  Gewann  der 
Doriinark  beteiligt  gewesen  sei,  beziehungsweise  da(s  alle  Gewanne  in 
die  gleiche  Anzahl  Moigen  zerfallen  wären.  Bei  allen  Abweichungen 
im  einzelnen  und  trotz  der  gewaltigen  Fortschritte,  welche  die  Er- 
kenntnis der  älteren  2^iten  auf  jedem  Gebiet  gemacht  hat,  sind  in 
den  geltenden  Ansichten  immer  noch  die  Anschauungen  Mosers  er- 
kennbar*). Seine  erste  „goldene'*  Periode  der  deutschen  Geschichte, 
in  der  jeder  Ackerhof  mit  einem  Eigentümer  oder  „Wehren**  besetzt 
war,  ist  unschwer  in  der  2^it  vor  Ausbildung  der  Grundherrschaft 
wiederzufinden.  Den  Verfall  lä&t  Moser  allerdings  ziemlich  spät  be- 
ginnen, erst  Ludwig  der  Fromme  habe  „aus  Einfalt,  Andacht,  Not 
und  falscher  Politik  seine  Gemeinen  den  Geistlichen,  Bedienten  und 
Reichsvoigten*'  au^eopfert  ^).  Indessen  die  chronologischen  Ansätze 
betreff  des  Unterganges  der  Gemeinfreien  sind  doch  recht  unsichere 
gebUeben.  Wenn  der  Beginn  des  Prozesses  in  die  Merovingerzeit 
hinau^erückt  wird  ^) ,  noch  im  XIII.  Jahrhundert  kann  derselbe  nicht 
vollendet  gewesen  sein  ^) ;  nur  darin  herrscht  Einigkeit,  dafs  die  ent- 
scheidende Wendung  im  Laufe  der  Karolingerzeit  eintrat. 

Der  tiefgreifende  Emschnitt  in  die  Entwickelung,  den  das  Ver- 
sinken der  Freibauern  in  Abhängigkeit  bedeutet,  würde  verschwinden, 
wenn  man  davon  ausgeht,  dais  die  Bodenbestellung  bereits  in  den 
Urzeiten  nicht  von  den  Freien  vorgenommen  worden  ist.  Die  gesamte 
Agrargeschichte  gewänne  ein  verändertes  Aussehen  durch  die  Voraus- 
setzung, dais  den  alten  Deutschen  „Erwerb  durch  Schweifs  und  Arbeit 
feig  und  unedel  zu  sein"  dünkte,  und  dafs  demnach  die  eigentlichen 


I)  D.  W.  G.  I,  IIa. 

s)  D.  WirtschafUl.  i.  Mittelalter  i,  337. 

3)  Jnstns  Moser,  Osnabrückiiche Geschichte,  in  Mosers  simtlichen  Werken  heraus- 
geg.  T.  B.  R.  Abeken,  Teil  VI  (Berlin  1843). 

4)  Ebend.  S.  XI. 

5)  Wattz,  D.  V.  G.  2.  i,  380 ff. 

6)  Vgl  Schröder,  D.  R.  G.»  4440. 

5* 


—    «•  — 

Bfloent  bör^e  Leute  waren,  die,  des  vötoiBchea  Koloaea 
hm,  dem  Hemi  einen  Teä  ifares  Erwerbes  abliefeiten  ^)i  Diese  Ansisht 
ist  neuerdings  von  Wittich  wiedter  anfgenommeiL  woiidie»,  der  dir 
Geriaanen  zw  Zeit  des  Tacitw  wie  ancb  die  Sacfasei»  tos  der  äiänki- 
aehes  Erobeiungp  als  GnateHmsreff  betrachtet,  denen  die  unfreien  Acfcef- 
bauer  Abgabon  entvichDstca«  Die  zollfreien  Volksgenossen  hättest  voa> 
Anfang  an>  „als  Grundherrn  und'  Krieger'^  gdidDt,  ein  Beruf,  dew  sie 
zum  grö&ten  Teil  durch  alle  Wandtungen  der  Zeiten  treu  geblieben 
seiem  Der  sadksische  Bauernstand  habe  ift  den  ältesten  Zeiten  und 
wesentlich  auch  später  aus-  Sklaven^  Hörigen  und  Minderfreien  sieh  zu- 
sammengesetzt *).  Eine  ähnliche  Auffassung  vertritt  Seebohm,  der 
von  den  AgrazverhältniBsen  Engiaad»  ausgeht.  Er  betrachtet  das  attgel>- 
sächsische  HesrsebaAsgut  gleich'  dem  späteren  normannischen  Lehaisgut 
ad»  einen  Edelhof ,  auf  dem  tmter  gutsherrlicher  Gerichtsbarkeit  eine 
hörige  Dorijgememde  wohnte,  und  riickschlie&end  leugnet  er,  dafr  über- 
haupt deutsche  Ansiedelungen  auf  lömisehem  Boden  in  der  Form> 
iveier  Dor^emeinden  zu  geschehen  pfi^en;  schon  vor  der  Völker^ 
wandenmg  hätten  sich  in  der  Urheimat  grundherrliche  Zustände  ent^ 
wickelt,  (fie  den  gleichzeitig  im  Römenpeich  sich  ausbildenden  ent- 
sprachen- ^). 

Noch  racfikaler  widerspricht  Ftt>stel  de  Cou langes  den  gelten- 
den^ Anschauungen.  Auch  er  leugnet  die  Existenz  freier  Dörfer,  alleiv 
dittgs  zunächst  ßiß  die  Merovingerzcit  und  gallo-römische  Gebiete,  aber 
eine  andere  Gestaltung  der  Agranrerfassung  will  er  für  die  deutschen 
Rheiniande  nicht  zugeben,  und  durch  die  Auffiassung  der  villa  als  eines 
Komplexes  von  Herrenland  und-  dienenden  Hufen  nebst  Zubehör  an 
Walü  und  Weide  sieht  er  sich  bewogen,  das  Bestehen  von  bäuerlichem 
Geneinbesitz  an  den  Marken  zu  verneinen.  Nach  seiner  Erklärung  ge- 
hörte das  unlniltivicrte  Land  so<  gut  wie  der  Acker  dem  Grundhaaren, 
der  jenes  den  Hintersassen  zu  gemeinsamer  Nutning  überliefe  *). 

Zu  ähnlichen  Annahmen  ist  Hilidebrand  gelangt  in  einer  Unter- 
suehung,  die  freilich  vielfach  auf  andeze  als  rein  historische 


l)  So  schon  AntoD,  Gesch.  d.  deutsch.  Landwirtschaft,  Bd.  I  (Görlits  1799),  S.  22. 

3)  W.  Wittich,  Die  Grnndherrschaft  in  Nordwestdentschland  (Leipzig  »896),  im  An- 
hang S.  108  ff.  135. 

3)  Seebolun,  Die  engliaohe  Dorfgtmeinde,  üben.  ▼.  Bimsen,  Heiden>efg  1885,  S.  73. 
98.  235.  250. 

4)FasteldeCoalanzes, Hüioire  des  instiiutums politiques  d»  Vandenne-Franee^ 
L' allen  et  le  domatne  rural  Pendant  Vipoque  mirovimgienne  (Fluis  1889),  S.  198  £  206. 
360 ff.  424 ff.  435  ff.;  *•  Mch  Reme  des  qnestions  hist  45^  349 & 


—    w    — 

sich  grüodet.     Er  betrachtet  die  Maik  „als  das  8&  dnea  Gute  ge- 
hörig^e,   noch   «sdcaltivierte  Land  oder  auch  das  gaaze  Gebiet  eiaes 
Gats  oder  einer  Herrschaft*^  und  vill  ^nienals  in  der  ftänkischen  Zeit 
aef  den  Fall  gestofeen  sein,  dals  eine  Mark  GenLeineig''entam  wäre  oder 
ttch  im  Eigentum  einer  Dorfgemeinde   befände".    Die   vorhandenen 
Erwähnungen  gemeinsdiaftlich  benutzten  Bodens  sucht  er  in  vier  Weisen 
m  erklären.     Bei  dem  angeblichen  GemeüieigentHm  handle  es  sich  ora 
Land,    das  niemandem  gehörte,    oder  solches,  das   im  Mite^fentnm 
mehrerer  Personen  stand,   oder  um   Nutzungsrechte  von  Bauern   auf 
grundherrlichem  Boden ;  oder  aber  die  E^entumsrechte  der  Gemeinden 
aeten  mit  .administrativen  Befugnissen,  die  ihnen  zukamen,  verwechselt 
worden  ').    An  der  Ursprünglichkeit  der  Hnüenverüassung  scheint  Hilde- 
bland  zu  zweifeln  *) ,  dagegen  hält  er  das  Herabsinken  der  anfanglich 
vorhandenen  freien  Bauern  zu  Kolonen  für  eine  überall  wiederkehrende  Er- 
scheinung, die  er  freilich  der  Zeit  nach  für  Deutschland  nichtnäher  fixiert  *). 
Der  diametrale  Gegensatz  in  den  Anschauungen  über  die  ältere 
deutsche  Wirtschaftsgeschichte,   der  neuerdings  wieder  zu  Tage  ge- 
treten ist  ^),  aber  den  Grundzügen  nach  sehr  hoch  hinaufreicht  %  muis 
auf  die  Un^länglichkeit  des   Quellenmaterials  und  die  Schwierigkeit 
seiner  Interpretation   zurückgeführt  werden.     Die  Berichte  von  Cäsar 
und    besonders    von  Tacitus   sind    vielerlei   Deutung    fähig.     Bis    zur 
Völkerwanderung  fehlt  es  dann  fast  völlig  an  Nachrichten;  aber  auch 
ans    der  Merovingerzeit   ist   vom   rechtsrheinischen   Deutschland   nur 
wenig  bekannt;  was  sich  aus  den  Volksrechten  entnehmen  läist,    ent- 
behrt guten  Teils  der  Bestätigung  durch  anderweitige  Kunde.  Elrst  in  die 
Verhältnisse  des  VIII.  und  IX.  Jahrhunderts  kann  ein  tieferer  Einblick  ge- 
wonnen werden.  Hier  fugen  sich  die  Quellen  verschiedenster  Art,  Schrift- 
steller, Gesetze,  Urkunden  und  Verwaltungsakten  (Urbare)  ergänzend  inein- 
ander und  bieten  den  geeignetsten  Ausgangspunkt  für  Untersuchungen,  die 
nichthypothettsche Konstruktionen,  sondern  reale  Erkentnis  zumZiel  hat>en. 


i)  R.  Uildebrand ,  Recht  nnd  SiUe  auf  den  verschiedenen  wxrUchafUichen  Kultur- 
stufen (Jena  1896),  S.   176  f.  189. 

2)  Ebenda  S.  146,  n.  i. 

3)  Ebenda  S.  144  ff. 

4)  Gegen  Wittioh  und  Hfldebrand  t.  Brnimer,  Ztscfar.  d.  Srnngof^Stiü.  f.  Rechtsgesch. 
19,  76ir.;  Köcher,  Ztsehr.  d.  hist.  Ver.  f.  Niedersacfaseo,  Jahrg.  1897,  S.  iff.;  KötMchk«^ 
Devtsche  Ztscbr.  £.  Geschichtswiss.,  N.  F.  a,  269 ff.;  Raehfahl,  £nr  Geschichte  des  Gniod- 
digentttms,  in  Conrads  Jahrb.  f.  Nationalökonomie  and  Statistik,  3.  Folge,  Bd.  XIX,  S.  I  ff. 
161  ff. ;  Ph.  Heck,  Beiträge  rar  Geschiebte  der  Stände  im  Mittelalter,  die  Gemeinfreien  der 
kwoÜDgischeD  Volksrechte,  Halle  1900. 

5)  ^S\'  schon  Moser  a.  a.  O.  S.  la  n.  a. 


—     70     — 

Ich  wollte  nun,  wie  bereits  eingangs  bemerkt,  darauf  hinweisen, 
dafs  durch  intensivere  Verwertung  der  einen  Quellengattung  der  Lö- 
sung einer  Frag^  näher  getreten  werden  kann,  die  schliefilich  doch 
den  Kern  der  strittigen  Probleme  in  sich  birgt.  In  der  Karolingerzeit 
soll  die  Aufsaugung  des  kleinen  Grundeigentums  vor  sich  gegangen 
sein  und  die  Verwandlung  der  freien  Bauern  in  abhängige  stattgefun- 
den haben.  Eine  Änderung  in  der  Verteilung  des  Grundbesitzes  müüste 
eingetreten  sein,  und  mit  diesem  rein  wirtschaftlichen  Vorgang  hätte 
sich  ein  Prozefs  sozialer  Natur  aufs  engste  verknüpft.  Wenn  am  An- 
fai^  der  Periode  und  bis  tief  in  dieselbe  hinein  kleine,  freie  Grund- 
eigentümer in  gfrofser  Anzahl  vorhanden  waren,  so  müssen  sie  aus 
den  Zeugnissen,  welche  über  die  Veränderung  des  Besitzes  an  Grund- 
eigentum vorliegen,  erkennbar  sein,  also  aus  den  in  überreicher  Masse 
•erhaltenen  Privaturkunden  der  Karolingerzeit.  Nun  bieten  freilich  die 
vorhandenen  Privaturkunden  kein  vollständiges  Bild  der  Veränderungen, 
die  in  der  Grundbesitzverteilung  vor  sich  gingen;  sie  enthalten  der 
überwiegenden  Mehrzahl  nach  Schenkungen  an  die  Kirche.  Dieser 
Umstand  hat  es  wohl  verursacht,  dafs  sie  vorwiegend  unter  dem  Ge- 
sichtspunkte, das  Wachstum  des  Kirchengutes  zu  ermitteln,  be- 
trachtet worden  sind  ^).  Die  Fragestellung  lädst  sich  umkehren.  Die 
Traditionsurkunden  legen  auch  Zeugnis  ab  von  der  Grölse  des  den 
Tradenten  gehörigen  Besitztums  ')  und  den  Veränderungen,  die  in  ihrer 
sozialen  Stellung  sich  vollzogen. 

Den  eben  angestellten  Erwägungen  entsprechend  hatte  ich  zu- 
nächst eine  der  Gruppen  karolingischer  Privaturkunden  ins  Auge  ge- 
fafst,  die  St.  Galler  Traditionen').  Aus  ihnen  licfsen  sich  allerdings 
nur  in  wenigen  Fällen  bestimmte  Malsangaben  für  die  Grölse  der  tra- 
dierten Güter  entnehmen.  Wohl  wurden  ganze  Hufen  dem  Kloster 
geschenkt  oder  auch  einzelne  Morgen;  sehr  häufig  aber  ist  nur  ge- 
sagt, dafs  der  Tradent  all  seinen  Besitz  an  einem  oder  mehreren 
Orten  htngiebt,  und  es  wird  —  in  der  Pertinenzformel  —  das  Zubehör 
aufgezählt,  Baulichkeiten,  Äcker,  Wiesen,  Wald,  Wasserläufe,  auch 
Weinberge,  Obstgärten,  Unfreie  u.  dgl.  m.     Dazu  kommt,  daüs  nicht 


i)  So  die  Spesialantersuchimgen  zu  den  Tradiiiones  possessionesque  Witenburgtnses 
(ed.  Zeiiss,  Speyer  1842):  F.  Wol£^  Erwerb  nod  Verwaltoog  des  Klostervermögens  in  den 
Trad.  Wiz.,  Berl.  Dias.  1883;  W.  Barster,  Der  Gttterbesits  des  IQosters  Weiisenbnrg  i.E. 
I.  Teil,  Speier.  G7mn.-Progr.  1893. 

2)  Vgl.  schon  Inama-Stemegg,  Gnindherrschaften  S.  25  ff.,  Mch  D.  W.  G.  i,  116  ff. 

3)  Ediert  von  H.  Wartmann,  Urknndenbnch  der  Abtei  St  GaUen  Bd.  lundll,  ZQrich 
1863,  66. 


—     71     — 

häufig  in  den  Urkunden  ausdrücklich  hervoigehoben  wird,  der  Tradent 
habe  all  sein  Besitztum  dem  Kloster  tradiert  Meist  bleibt  das  für 
die  Rechtsgültigkeit  der  Tradition  unerhebliche  Verhältnis  des  Tra- 
dierten zum  gesamten  Besitz  des  Tradenten  ganz  unbestimmt ;  nur  ge- 
legentlich wird  gesagt,  dals  es  sich  um  etwas  von  seiner  Habe  handle. 
Gleichwohl  darf  der  Versuch,  die  Grundbesitzverteilung  aus  den 
St  Galler  Traditionen  zu  ermitteln,  nicht  als  aussichtslose  Mühe  er- 
scheinen. Scheidet  man  die  Urkunden  aus,  in  denen  für  Güter  klei- 
neren Umfangs  bestimmte  Maßangaben  sich  finden,  so  lassen  sich  die 
übrigen  in  zwei  Gruppen  sondern,  solche,  in  denen  der  Tradent  all 
seinen  Besitz  an  einem  Orte  hingiebt,  und  solche,  in  denen  Besitz 
an  mehreren  Orten  geschenkt  wird.  Innerhalb  dieser  Gruppen  ist 
wieder  zu  unterscheiden,  ob  zu  dem  tradierten  Objekt  Unfreie  gehörten 
oder  nicht.  Nun  ist  wenigstens  in  einzelnen  Fällen  mit  ausreichender 
Sicherheit  erweisbar,  dals  aller  Besitz  eines  Tradenten  an  einem  Orte 
lag  und  Unfreie  nicht  umfaiste  ^).  Es  müssen  also  kleine  Freie  vor- 
handen gewesen  sein,  die  mit  eigener  Hand  ihren  Acker  bestellten; 
aber  es  erscheint  überhaupt  undenkbar,  dafis  gröfsere  Güter,  zumal 
wenn  sie  über  mehrere  Orte  verteUt  waren,  ohne  Hilfe  von  Unfreien  be- 
baut werden  kormten.  Auch  diejenigen  Tradenten,  die  nicht  ausdrücke 
lieh  versichern,  dals  all  ihr  Grundbesitz  an  einem  Orte  ihre  gesamte 
Habe  darstelle,  dürfen  guten  Teils  als  freie  Bauern  angesehen  werden. 
Die  Zahl  dieser  Gattung  von  Traditionen  ist  weitaus  die  überwiegende. 
Somit  erscheint  die  Annahme  gerechtfertigt,  dals  bäuerliches  Grund- 
eigentum stark  verbreitet  war.  Daneben  muCs  freilich  ein  nicht  un- 
beträchtlicher TeU  des  Bodens  grölseren  und  kleineren  Grundherren 
gehört  haben,  die  Hufen  an  freie  oder  unfreie  Hintersassen  vergabten 
und  das  Salland  im  Eigenbetrieb  bewirtschafteten.  Gefehlt  hat  die 
Eigenwirtschaft  nirgends.  Grundherren,  die  ausschlielslich  von  den 
Abgaben  ihrer  Hörigen  lebten,  kaim  es  nicht  gegeben  haben  *).  Die 
Dienste  der  Hintersassen  fanden  bei  der  Bestellung  des  Sallands  Ver- 
wendtmg  neben  denen  der  servi  domestici.  Vom  Umfange  des  Grund- 
besitzes mufete  es  abhängen,  ob  der  Herr  selbst  arbeitete,  oder  sich 
mit  BeauEsichtigung  begnügte,  oder  gar — in  den  Grofsgrundherrschaf ten — 
besondere  Beamte  mit  Leitung  der  einzelnen  Frohnhöfe  betraute. 

Die  aus  der  schematischen  Zerlegung  der  urkundlichen  Angaben 
zu  gewinnenden  Ergebnisse  lassen  sich  auf  einem  anderen  Wege 
bekräftigen.    In  einer  ganzen  Anzahl  Ortschaften  haben  mehrere  Grund- 

I)  Ebendort  nr.  77.  96. 

3)  Wie  dM  Heck  a.  a.  O.  S.  292  ff.  fUr  Sachsen  nachweist 


•     78     — 

dgMtünier  ihm  Besitt  tradiert.  Stellt  man  cUe  jeweils  auf  einen  Ort 
bcei^liclien  Urkunden  zusammen,  so  erhält  man  ein  ungefähres  Bild 
von  der  Grundbesitzverteilung  innerhalb  der  IDorfgemarkung.  Es 
bleiben  zwar  b^reiflicherweise  diejenigen  Anteile  am  Grundbesitz  fast 
ganz  unbekannt,  die  dem  Kloster  nicht  tradiert  wurden,  für  manche 
Orte  li^  gleichwohl  genug  Material  vor,  zunächst  schon  um  erkennen 
zu  lassen,  dais  eine  Gliederung  nach  Hufen  nicht  durchgeführt  ge- 
wesen sein  kann.  Einzelne  Hufen,  als  Bestandteile  grundherrlichen 
Eigentums,  finden  sich  allerwärts.  Gerade  der  Besitz  der  kleineren, 
üpeien  Eigentümer  wird  nicht  nach  Hufen  gemessen«  Durch  das  Ein- 
gehen auf  örtliche  Verhältnisse  tritt  femer  zu  Tage,  wie  grundherr- 
liches und  bäuerliches  Eigentum  sich  in  Gemenglage  befanden.  Dafs 
ganze  Ortschaften  einem  Herrn  gehörten,  kommt  kaum  vor;  grund- 
herrliches Eigentum  liegt  regelmäfsig  über  mehrere  Orte  zerstreut. 
Die  Abstufungen  in  der  Grobe  des  Besitzes  sind  übrigens  so  mannig- 
faltig und  wechselnd,  dafis  eine  schroffe  Scheidewand  zwischen  Grund- 
herren  und  freien  Bauern  nicht  bestanden  haben  kann. 

Als  die  wesentlichste  Veränderung  in  der  Grundbesitzverteilung, 
die  während  der  Karolingerzeit  vor  sich  ging,  erscheint  die  Entstehung 
und  das  Wachstum  des  Kirchengutes.  Dafür  legen  die  zahlreichen 
Traditionen  unwidersprechliches  2^gnis  ab;  aber  die  Bedeutung  der 
Konzentration  des  Grundeigentums  darf  doch  nicht  überschätzt  wer- 
den. Nur  ein  geringer  Teil  der  tmdieiten  Güter  ging  unmittelbar  in 
den  Besitz  des  Klosters  über,  bei  vielen  sollte  der  Heimfall  erst  nach 
dem  Ableben  des  Tradenten  oder  anderer,  bestimmter  Personen  statt- 
finden, bei  einem  grofsen  Teil  wurde  aber  auch  die  Nutzniefsung  für 
den  Tradenten  und  dessen  gesamte,  legitime  Nachkommenschaft  gegen 
Entrichtung  eines  Zinses  vorbehalten,  und  das  so  entstandene  Ab- 
hängigkeitsv^hältnis  ist  nicht  immer  auf  Dauer  berechnet;  häufig  er- 
scheint die  Ablösung  des  Zinses  durch  Zahlung  einer  vorher  be- 
stimmten Rüdckaufisumme  als  erlaubt.  Das  Standesverhältnis  der 
Tradenten  kann  durch  die  Tradition  und  das  daran  geknüpfte  Präkarien- 
geschäft  nicht  berührt  worden  sein.  Ausdrückliche  Ergebungen  in 
den  Schutz  der  Kirche  sind  äufserst  selten.  Die  Annahme,  da&  die 
Tradenten,  auch  ohne  dies  ausdrücklich  zu  erwähnen,  den  Schutz  der 
kirchlicben  Immunität  aufsuchten,  hat  wenig  Wahrscheinlichkeit  für  sich. 
Der  Betrag  der  Präkarienzinsen  weist  ein  konstantes  Sinken  auf  und 
erreicht  gerade  am  Ende  der  Periode,  in  den  friedlosen  Zeiten  der  letzten 
Karolinger,  em  Minimum,  das  nicht  mehr  als  reale  Gegenleistung  für  die 
Gewährung  erheblicher  VorteUe  weltlichen  Charakters  zu  betrachten  ist. 


—    78    — 

l^c  ^wiase  Verarmung  der  "kleineren  Grundeig'entümcr  mag'  ein- 
getreten sein.  Der  natürliche  Rückgang  in  der  Zahl  der  nichtangesie- 
ddten  Unfreien  war  wohl  mehr  Ursache  als  Folge  dieser  Erscheinung. 
Der  Mangel  an  Arbeitskräften  hinderte  die  Kleinen,  in  der  Ausdehnung 
ihres  Besitztums  durch  Rodung  gleichen  Scritt  zu  halten  mit  den 
Gro&en,  denen  es  an  abhängigen  Leuten  zur  Besetzung  neuer  Hufen 
nicht  fehlte,  aber  von  einem  Versinken  der  freien  Bauern  in  Hörig- 
keit kann  nicht  die  Rede  sein.  Eine  Aufsaugung  des  kleinen  Grund- 
besitzes durch  den  groisen  hat  nur  in  sehr  beschränktem  Mafse  statt- 
gefunden. Die  ländlichen  Zustände  des  späteren  Mittelalters  beruhen 
auf  der  Übertragung  obrigkeitlicher  Befugnisse  an  die  Grundherren« 
Verfassungsänderungen,  wie  die  Ausdehnung  der  vogteilichen  Gewalt, 
mögen  durch  den  politischen  Einflufs  herbeigeführt  sein,  den  die  groisen 
Gnmdherren  ihrer  sozialen  Stellung  verdankten;  in  der  Karolingerzeit 
zeigten  sich  jedoch  kaum  erst  die  Anfange  einer  für  die  Folge  gund- 
li^^enden  Entwicklung. 

Die  St.  Ga II er  Urkunden  geben  nur  über  ein  räumlich  recht  be- 
sdränktes  Gebiet  Aufschluis.  Mancherlei  Anzeichen  sprechen  dafür, 
dafii  selbst  dort  die  Grundbesitzverteilung  nicht  durchweg  den  gleichen 
Charakter  trug.  Im  Hügelland  der  Nordostschweiz,  im  alten  Thur- 
und  Zürichgau,  müssen  die  freien  Bauern  stark  vertreten  gewesen  sein ; 
sie  safsen  nebeneinander  in  den  Dörfern,  und  sie  beteiligten  sich  an 
der  Gründung  der  Weiler,  von  denen  keineswegs  alle  grundherrliche 
Anlagen  waren.  Vielleicht  dafs  die  besondere  Eignung  des  Landes 
zur  Viehzucht  die  gröfseren  und  kleineren  Eigentümer  zu  stärkerer 
Bdbehaltung  des  Eigenbetriebes  veranlafiste.  Für  die  eigentümliche 
Oiganisation  der  Alpwirtschafl  findet  sich  ein  sicheres  Zeugnis  nur  auf 
rhäto-romanischem  Boden*).  Nicht  viel  anders  als  südlich  vom  Boden- 
see stand  es  in  Oberschwaben;  aber  schon  in  der  oberrheinischen 
Tiefebene  alamannischen  Anteils  scheint  der  grundherrliche  Besitz 
überwogen  zu  haben,  so  im  Breisgau,  für  den  aulser  den  St.  Galler 
auch  Lorscher  Traditionen  vorliegen,  und  im  Eisais,  wo  vornehm- 
lich    die     Weifsenburger-    Traditionen     in     Betracht     kommen. 

i)  S.  die  TOD  Wartmann  im  Anhang  sn  Bd.  IV  des  St  GaUer  UrUnndenbuches, 
Su  953  f.  nro.  3,  nach  dem  Original  naa  edierte  Antzeichnnng  betreffs  der  Übertragung 
der  Anteile  an  der  Alp  campus  Mauri  an  eine  Kirche.  Neues  Material  fiir  die  eigen- 
tämlichen  rbatischen  Zustände  verspricht  das  Fragment  eines  Chorer  Kopialbnchs  ans 
der  Karolingeneit  za  liefern^  über  welches  der  Entdecker,  Dr.  Dürr  er,  aaf  der  Versamm- 
laog  der  allgemeinen  geschichisforscfaenden  GesellschaA  der  Schweiz  xa  Char  im  Herbste 
190 1  Mitteilungen  gemacht  bat.     Möge  dasselbe  bald  veröffentlicht  werden ! 


—     74     — 

Auf  dem  für  Ackerbau  vorzugsweise  geeigneten  Boden  bot  wohl  die 
Anlegung  von  vestierten  Hufen  die  vorteilhaftere  Nutzungsform. 
Es  liegt  auf  der  Hand,  wie  die  Erkenntnis  der  Ansiedelungsgeschichte  ^) 
sowohl  als  die  Erklärung  späterer  Zustände  gefördert  werden  kann 
durch  die  Ermittelung  der  örtlichen  und  landschaftlichen  Unterschiede 
in  der  Grundbesitzverteilung  zur  Karolingerzeit  Das  Verschwinden  der 
freien  Bauern  darf  nicht  auffallen  in  Gegenden,  die  zur  Zeit  Karls  des 
Grofsen  von  unfreien  und  freien  Hintersassen  kleinerer  und  gröfserer 
Grundherren  besiedelt  waren ;  und  wo  die  bäuerlichen  Grundeigentümer 
dichter  gedrängt  beisammen  safsen,  sind  sie  auch  im  Wandel  der 
Zeiten  nicht  untergegangen. 

Die  Betrachtung  der  karolingischen  Privaturkunden  nach  den  oben  be- 
rührten Gesichtspunkten,  dürfte  wohl  noch  recht  merkwürdige  E^ebnisse 
zu  Tage  fördern.  Für  eine  Reihe  deutscher  Landschaften  liegt  dieses 
wichtige  Quellenmaterial  in  erdrückender  Fülle  vor;  birgt  doch  der  Lor- 
scher Traditionscodex  *)  allein  die  Auszüge  von  drei  und  ein  halbtausend 
Urkunden  aus  dem  westlichen  Mitteldeutschland  '),  und  wenn  die  späteren 
Exzerpte  in  mancher  Hinsicht  weniger  verwendbar  erscheinen  mögen  *),  für 
den  rheinfränkischen  Wormsgau  bieten  die  Fuldaer  Urkunden  *)  ein  vor- 
zügliches Kontrollmaterial  ^).  Fuldaer  Urkunden  liegen  auch  für  die  ostfrän- 

1)  VgL  Welle  r,  Die  Besiedlaogdes  AlamanDcnlandes  in  den  Wiirttembergischen  Viertel- 
jahnheften für  Landesgeschichte,  N.  F.,  Jahrg.  7  (1898)  S.  3018. 

2)  Codex  principis  olim  Laureshamensts  abbaiiae  diplomatictis^  ed.  Academia  Pala- 
tina,  3  Tom.,  Mannheim  .1768. 

3)  Da  die  Sammlang  der  Traditionen  im  Lorscher  Codex  nach  geographischen  Ge« 
sichtspnnkten  angelegt  ist,  tritt  besonders  dentlich  hervor,  dafs  vielfach  eine  recht  be- 
trächtliche Anzahl  Gmndeigentümer  in  einem  Dorfe  vorhanden  war.  So  beziehen  sich 
auf  Bensheim  (Rheinhessen)  die  Traditionen  nr.  231 — 265,  auf  Handschachsheim  (bei 
Heidelberg)  n.  279 — 383,  aaf  Morsch  (am  Rhein,  südlich  von  Worms)  nr.  824 — 837  etc. ; 
vgl.  Waitz,  D.  V.  G.  2.  i*,  280,  nr.  4;  Maarer,  Gesch.  d.  Dorfverf.  i,  7.  Mit  Seebohm 
a.  a.  O.  223  ff.  die  Tradenten  als  freie  Hintersassen  eines  Frohnhofes  za  betrachten,  geht 
schon  deswegen  nicht,  weil  in  den  Dörfern  neben  den  bäuerlichen  Eigentümern  auch 
Gnindherren  vorhanden  gewesen  sein  müssen,  die  an  mehreren  Orten  Besitz  hatten,  so 
in  Handschuchsheim :  Erkanfrit  nr.  315;  Dietlind  nr.  324;  Engilbert  n.  Wiebert  nr.  377; 
8.  auch  nr.  356  etc. 

4)  Über  den  Lorscher  Codex  vgl.  Bossert,  Württemberg.  Geschichtsqnellen  2,  3  ff. 
5)Edieitvon  Dronke,  Codex  dipL  Fuldensis,  Cassel  1850;  vgl.  E.  Heydenreich,  Diu 

älteste  Fuldaer  Kartular  im  Staatsarchive  zu  Marburg,    Leipzig  1899. 

6)  So  beziehen  sich  auf  Dienheim  die  Urkk.  Dronke  nr.  12.  17.  55.  56.  113.  137. 
151*  153*  155-  169*  175.  198.  203.  204.  209.  213.  216.  228.  250.  251.  252.  281  etc.; 
auf  Saalheim  nr.  27.  39.  45.  62.  x6l.  227.  364.  535.  Beachtenswert  sind  auch  die  Auf- 
schlüsse über  die  Grundbesitzverteilung  in  der  Stadt  Mainz;  vgL  Rietschel,  Die  cvoitas 
auf  deutschem  Boden  bis  zum  Ausgang  der  Karolingerzeit  S.  78  ff. 


—     75     — 

kischen  Mainlande  ')  vor,  und  wenn  sonst  die  zahllosen  Schenkungen,  die 
das  Kloster  des  h.Bonifazius  in  allen  deutschen  Stammesgebieten  empfing, 
nur  in  den  Auszügen  des  Eberhard  bekannt  sind  '),  für  Untersuchungen 
wie  die  in  Frage  stehenden  sind  auch  die  ungenauen  Exzerpte  nicht  gan2 
unbrauchbar  *).  Sehr  reichhaltiges  Material  vermag  Bayern  aufzuweisen. 
Der  Urkundenschatz  des  Bistums  Freising  ist  wohl  in  fast  lücken- 
loser Vollständigkeit  erhalten  ^),  auch  aus  Pas  sau  und  Regensburg 
liegen  nicht  wenige  Urkunden  vor*),  dazu  kommen  die  Traditionen 
des  Klosters  Mondsee*)  und  andere,  die  nicht  urkundliche  Form 
tragen  ').  Dürftiger  ist  das  Material  für  den  Niederrhein  und  Sachsen; 
immerhin  sind  auch  hier  im  Werdener  Kartular®)  und  den  Kor- 
V  e  y  e  r  Traditionen  ^)  wichtige  Quellen  vorhanden.  Für  die  Mosellande  er- 
scheinen die  Urbare  besonders  beachtenswert  '^) ;  die  Privaturkunden  von 
Prüm  und  Echt  er  nach  sind  verhältnismäfeig  nicht  sehr  zahlreich  "). 
Im  ersten  Bande  dieser  Zeitschrift  S.  89 — 98  hat  Oswald  Redlich  auf 
die  Bedeutung  der  Traditionsbücher  hingewiesen  und  die  Notwendigkeit 
kritischer  Editionen  betont  für  eine  Quellengruppe,  die  im  IX.  Jahr- 
hundert beginnend  bis  ins  XIII.  Jahrhundert  hinein  guten  Teils  die 
Stelle  der  Privaturkunden  vertritt.  Die  Traditionsbücher  schliefsen  sich 
aufs  engste  an  die  Kopialbücher  an,  in  denen  die  meisten  Privat- 
urknnden  der  Karolingerzeit  überliefert  sind;  auch  diese  liegen  bisher 
vielfach  nur  in  ungenügenden  oder  doch  den  modernen  Anforderungen 
nicht   entsprechenden  Ausgaben   vor.     Dadurch  wird  ihie  Benutzung 

i)  Vgl.  Stein,  Die  ostfränkischen  Gane  im  Ar  eh.  d.  hist  Vereins  von  Unterfranken  and 
Aschaffenbnrg  28,  3270;  auch  ebend.  21,  loff.  233 ff.;  22,  189 ff. 

2)  Ediert  Yon  D  r  o  nk  e,  Tradüiones  et  antiquitates  Fuldenses,  Fulda  1844;  vgL  beson- 
ders Boflsert,  Wfirttembergische  Geschichtsqaellen  2,  219  £ 

3)  Vgl.  Dobenecker,  Regesta  Tharingiae,  8.  XVII  f. 

4)  Ediert  groisen  Teils  bei  Meichelbeck,  Hist.  Frisingensis ,  Ergänzungen  und  Er- 
lantenmgen  von  Hnndt,  Abb.  d.  MOnch.  Akad.,  Bd.  12  f.,  München  1874  und  1877. 

5)  Mon.  Boica  Bd.  28,  T.  2;  Pes,  Thesaurus  anecdotorum  novissimuSf  Bd.  i,  T.  3; 
▼gL  Bretholz,  M.  J.  0.  G.  12,  i  ff. 

6)  Ediert  im  Urknndenb.  des  Landes  ob  derEnns  l,  i  ff. ;  vgl.  Hanthaler,  M.  J.  0.  G.  7, 223  ff. 

7)  Ans  Salzbnig  der  Indicolos  Amonis  und  die  Breves  notitiae  Salzbargenses  (ed. 
F.  Keinz,  München  1869,  und  Haothaler  im  Salzbarger  Urkandenbach) ;  aas  Nieder-Altaich 
Traditionen,  Mon.  Boica  ii,  13  ff.  etc. 

8)  Ediert  bei  Lacomblet,  Urkandenbach  f.  d.  Gesch.  d.  Niederrheins,  Bd.  i.,  vgl. 
R.  Kdtzschke,  Stadien  zor  Verwaltangsgeschichte  der  Grofsgrandherrschaft  Werden  an  der 
Rahr,  Leipzig  1899.     (War  mir  leider  nicht  vollständig  zngänglich.) 

9)  Traditiones  Corbejenses,  heraosgeg.  r.  P.  Wigand;  vgl.  Schröder,  M.J.O^.  18,  278! 
10)  S.  Lamprecht,  D.  Wirtschaftsleben  2,  57fil;  aber  Urbare  vgl.  aoch  Sosta,  Sitznng»- 

bericht  d.  Wiener  Akad.,  Bd.  138  (Wien  1898). 
11)  Mittelrheih.'  Urkandenbach  Bd.  i  and  2. 


—     76     — 

erheblich  erschwert.  Erst  die  in  Aussicht  stehenden  Neu-Editionen  dear 
Fuldaer  und  Freisinger  Traditionen  lassen  eine  bequemere  Zugäagrlicb- 
keit  des  so  wichtigen  Materials  erhoffen.  Eine  Reihe  von  Vorfragen  mufis 
erledigt  sein,  ehe  der  Versuch,  die  Grundbesitzverteilung  zu  ermitteln, 
unternommen  werden  kann.  Anwachsen  und  Verminderung  in  der  Zahl 
der  Schenkungen  findet  durch  die  speziellen  Schicksale  des  geistlichem 
Stiftes,  dem  sie  zufielen,  ebensowohl  Erklärung  als  durch  die  allgemeinea 
Zeitumstände.  Die  bei  den  Traditionen  gestellten  Bedingungen  weisen 
örtlich  und  zeitlich  wesentliche  Unterschiede  auf.  Zuverlässige  Er- 
klärung der  Ortsnamen  bildet  eine  unentbehrliche  Voraussetzung  für 
die  Benutzung  der  Urkunden.  Ehe  nicht  die  Vorarbeiten  für  jede  ein- 
zelne Urkundengruppe  und  Landschaft  gemacht  sind,  ist  an  haltbare 
Ergebnisse  nicht  zu  denken.  Es  scheint,  dafs  in  Bayern  der  grund- 
herrliche Besitz  ungleich  verbreiteter  war  als  in  Alamannien  ^) ,  auch 
in  Ostfranken  bestand  schwerlich  die  Masse  der  landarbeitenden  Be- 
völkerung aus  freien  Bauern  *),  während  z.  B.  im  Wormsgau  der  Grund- 
besitz unter  sehr  viele  Eigentümer  zerstückelt  gewesen  sein  mufe  *). 
Ob  aber  solche  Annahmen  nicht  auf  eioer,  durch  zufällige  Umstände 
hervorgerufenen  Täuschung  beruhen,  wäre  erst  noch  nachzuprüfen  *). 

i)  So  findet  sich  unter  den  i8  Traditionen  an  Kloster  Mondsee  aus  der  Zeit  des 
Hersog  Tassilo  keine  einzige,  die  nicht  Unfreie  nmfafst  hätte.  Einige  (nr.  83,  748;  31, 
749;  74>  749;  29,  767)  beziehen  sich  aaf  ganze  Dörfer  mit  Hufen,  anfreien  and  aach 
freien  Hintersassen.  In  nr.  70,  759  schenkt  Ihho  all  seine  Habe  aufser  den  im  Hanse  dienenden 
Unfreien ;  der  Besitz  amfafst  Salland,  Hufen,  Wiesen,  Weiden,  Wald  etc.,  dazu  eine  Kirche. 

2)  So  haben  zu  Nüdlingen  (bei  Kissingen)  im  (fränkischen)  Saalgau  an  Fulda  tradiert: 
Drooke  nr.  37,  Burgarad  presbyter,  i  Hufe;  nr.  129,  Nandvvig,  all  seinen  Besitz  mit 
4  Unfreien;  nr.  192,  Leidrat,  desgleichen  mit  3  Unfreien;  nr.  196,  Buto,  die  Hälfte  der 
Erbschaft  seiner  Grofsmutter  väterlicherseits;  nr.  21  x.  Altmann  and  seine  Schwester  Re- 
ginhilt,  all  ihr  Eigentum  aufser  einer  Hufe,  dazu  8  Unfreie  etc.  Zu  Eaerdorf  im  selben 
Gau  tradieren  unter  anderem:  nr.  289,  Engilberaht,  2  Hufen,  3  Hofistättten  (anale)  mit 
Zubehör  und  X2  Unfreien;  nr.  267,  derselbe,  2  Hufen,  i  Hofstätte  und  Anteil  an  7  Un- 
freien ;  nr.  392,  Reifing  und  seine  Gattin  Vodillind,  aU  ihr  Eigentum  dort  and  an  zwei  an- 
deren  Orten  mit  7  Unfreien;  nr.  547,  Yuigbald  und  seine  Gattin  Perahttalp  dort  und  zvl 
Nüdlingen  all  ihr  Eigentum  aufser  Gold  und  Silber,  dazu  28  Unfreie  etc. 

3)  So  tradieren  an  Lorsdi  zu  Wintersheim,  Cod.  Lauresh.  nr.  957,  Wolfger,  i  vinea-^ 
nr.  958,  Willifried,  1  mansus,  i  vinea;  nr.  959,  Adaiger,  Anteil  an  i  mansus;  nr.  960^ 
Theudo,  l  viniola;  nr.  961,  Berthrad,  2  jurnaUs;  nr.  962,  Criecholf  und  seine  Gattin 
Rotburg,  7  jumaUs  etc. 

4)  Fuldenser  Traditionen  aus  dem  Wormsgau  weisen  auf  grö&eren  Besitz  hin;  sa 
tradieren  zu  Drommersheim :  nr.  9,  Eggioltus,  i  Kirche,  Hufen  mit  freien  Hintersasaen 
(accolej  und  Zubehör,  i  Weinberg  und  13  Unfreie  sind  von  der  Tradition  ausgenommen; 
nr.  38,  Hrodolt,  all  seinen  Besitz  dort  und  an  zwei  anderen  Orten  mit  uccole  nnd 
6  Unfreien;  nr.  40,  Hartmunt,  Hufen  mit  Unfreien  etc.;  nr.  «29,  Megingoc,  2  c»^mar 
mit  Weinbergen  und  i  servus  nebst  dessen  Sohn  etc. 


—     77     — 


Aus  dem  Budget  zinreier  Sehuhtnaeher^ 
gesetlen  des  XVU.  Jahrhunderts 

Nach  alten  Vomandscfaafbrechaungen  iti%eleiit 

▼OS 

Gi  acfananüer-Andt  (FrankTart  a.  M.) 

Im  Jahre  1671  wurde  —  wie  die  Standesbücher  melden  —  zu 
Born  he  im,  dem  Frank^irtischen  Dorfe,  getraut  der  Bender  und  Bier- 
brauer Johann  Konrad  Jäckel,  weiland  Johann  Friedrich  Jäckels 
gewesenen  Bürgers  und  Metzgers  zu  Frank/ort,  auch  Nachbars 
und  Gasiwirths  zum  fröhlichen  Mann  alhie  ehelicher  Sohn  ^). 
Marie  Werner  hieis  die  Braut,  eheleibliche  Tochter  eines  Nachbarn 
aus  dem  sehr  nahen  Eckenheim  in  dem  Reiche  Hanau.  Zwei  1672 
geborene  Knäblein  werden,  wie  sie  zusammen  das  Licht  der  Welt  er- 
blickt, auch  wiederum  zusammen  in  ein  frühes  Grab  gelegt.  Am 
16.  Oktober  1673  wird  ein  lebensfesterer  Sohn  Johann  Jakob  ge- 
tauft, dem  Johann  Jakob  Ewaldt,  Nachbar  des  Gerichts  und  Gastwirt 
zum  „Güldenen  Adler"  zu  Gevatter  steht.  (Im  „Güldenen  Adler" 
tanzt  man,  wenn  wir  nicht  irren,  heute  noch.)  Die  Ehe  Johann  Kon- 
rad Jäckels  ist,  wie  so  viele  Ehen  jener  Zeit  —  was  sich  „statistisch  be- 
legen" liefee  —  von  gar  kurzer  Dauer.  Nachdem  sie  nämlich  4}  Jahre 
gewährt,  starb  der  Mann,  die  Frau  aber  gebar  zwei  Monate  danach 
am  20.  Februar  1676  einen  Posthumus,  der  nach  seinem  Gevatter, 
dem  Schneidersohne  Mausz  aus  Frankfurt,  Johann  Adam  benannt 
wurde.  Sechs  Monate  nach  dem  Tode  ihres  Gatten  heiratet  die  Witwe 
den  Bierbrauer  Nikolaus  Dürr  und  stirbt  ihrerseits  Ende  Juni  1688 
45  Jahre  alt  Jetzt  sind  Johann  Jakob  und  Johann  Adam  ohne  leib- 
liche Eltern.  Ein  Abteilungsvergleich  wird  zunächst  geschlossen,  nach 
welchem  die  Jungen  ihren  Anteil  abtreten  an  Wohn-  und  Brauhaus, 
Scheuer,  Stall,  Garten,  Bargeld,  Pferden,  Kühen,  Schafen,  Schweinen, 
Federvieh,  Fahrgeschirr,  Frucht,  Zinn,  Messing,  Weifszeug,  Rübsamen, 
Fassem,  Bütten,  Holz,  Hausrat,  Kesseln  und  Kupfer.     Dafür  werden 


i)  Bornheim,  lieate  der  Stadt  Frankfort  eioTerleibt,  xählte  nach  einem  Landamt- 
masna-lDTentar  Ton  1726  150  Gemeindslente  (meist  „Nachbarn"  genannt),  10 Beisassen 
(4  Männer  n.  6  Weiber),  143  Hofraithen.  Siehe  Schnlin,  Die  Frankfurter  Landgemein- 
den, herausgegeben  von  R.  Jong,  Frankfurt  a.  M.  1895. 


—     78     — 

ihnen  479  Gulden  und  54  Kreuzer  gut  geschrieben.  Vier  Jahre  später, 
am  18.  Juni  1692  wird  Stiefvater  Dürr,  zusammen  mit  einem  Dortel- 
weiler  Bürger,  zu  ihrem  Vormund  eingesetzt.  Die  Vormundschafts- 
rechnuDg,  welche  Dürr  gefuhrt,  hat  zufällig  den  Jahrhunderten  Trotz 
geboten,  sie  ist  durch  Güte  des  Herrn  Amtsgerichtssekretärs  zu  meiner 
Einsicht  gelangt,  ich  darf  es  darum  wohl  unternehmen  aus  ihr  einige 
Mitteilungen  zusammenzustellen.  Notgedrungen  unvollkommene  Mit- 
teilungen allerdings!  Die  Rechnung  ist  durchaus  nicht  nach  modernen 
budget- theoretischen  Erwägungen  geführt,  sie  ist  offenbar  überhaupt 
erst  am  Ende  der  Vormundschaft  nach  Notizen  zusammengestellt. 
Darauf  deutet  auch  die  Schrift  und  der  Posten :  dem  Notario  . . .  vor 
diese  Rechnung  zu  stellen,  2  mal  zu  decopiren  vnd  Bemühungen 
heraus  deshalben  zu  kommen  ß.  5.  Indes  die  Gelegenheiten, 
in  den  Ausgabeetat  von  Handwerksburschen,  die  schon  vor  mehr 
als  200  Jahren  Lehr-  und  Wanderzeit  durchgemacht  haben,  einen 
auch  nur  verstohlenen  Einblick  thun  zu  können,  sind  wohl  so  häufig 
nicht! 

Die  Rechnung  endet  mit  dem  22.  Februar  1698;  bei  ihrem  Be- 
ginne war  also  Johann  Jakob  18  J,  bei  ihrem  Schlüsse  24 J  Jahre  alt, 
Johann  Adam  beim  Beginne  löj,  beim  Schlüsse  22 J  Jahre.  Beide 
haben  sich  der  Schuhmacherei  gewidmet,  Hans  Jakob  ist  Juni  1692 
noch  Lehrling,  wird  aber  im  gleichen  Jahre  von  seinen  Lehrjahren 
losgesprochen.  Er  hat  im  Hause  des  Meisters  gewohnt.  Es  folgt  eine 
meisterlose  Zeit,  anscheinend  von  kurzer  Dauer,  da  der  Vormund  nur 
35  Kreuzer  Barsubvention  verzeichnet,  davon  15  Kreuzer  au/  der 
Gassen  in  Franckfurth  ihme  geben  müssen.  1693  begibt  er  sich 
auf  die  Wanderschaft  nach  Anspach,  wo  er  bereits  vor  dem  23.  Juni 
gewesen  sein  mufs.  Im  Februar  1696,  also  nach  etwa  drei  Jahren 
kommt  er  mit  der  Landkutsche  zurück,  geht  wie  es  scheint  Ende 
1696  wieder  fort  und  kommt  1697  wiederum  von  der  Reise  nach 
Hause. 

Auch  Hans  Adam  finden  wir  mit  dem  Beginn  der  Rechnung  als 
Lehrling  in  des  Meisters  Haus.  1694  wird  er  losgesprochen,  damals 
also,  wie  seiner  Zeit  der  Bruder,  18J  Jahre  alt.  Seine  Wanderung  geht 
gleichfalls  nach  Anspach. 

Folgendes  sind  nun  die  Auslagen,  welche  der  Vormund  für  den 
Komsumtivbedarf  seiner  Mündel  gemacht  hat.  Die  Ausgaben,  welche 
sich  als  Verwaltungsspesen,  sowie  diejenigen,  welche  Vermögenstrans- 
aktionen darstellen,  lasse  ich  bei  Seite. 


—     79     — 


Spezifi 

zierte  Auslagen 

.:,  V  ^ 

für 

MX        U        ^ 
IT        «1        « 

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Kleidung 

und 
Zubehör 

das  Hand- 
werk 

Direrae 

2      N      " 

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a.»)     kr. 

fl. 

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I.  H«^ns  Jakob  Jäekel. 

lOS. 

so.  JanL     Ihme    geben    in   seines    Meisters 

Han5f^*)    . -     -     - 

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30 

21.  Juni.     Ihme     zum     Schuhmacher  -  Brost- 

schän  i'eben 

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Fflr  seinen  Motzen  za  wenden,   zu  Ein- 

ksnfnng   etwas  Taches   und  Schneiderlohn, 

iD  Allem 

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Als  er  in  Frankfurt  von  seine  Lehrjahre 

losgesprochen  worden,  die  Kosten  zahlt 

— 



3 

30 

— 

— 

— 

Für  2  Hembder 

2 



— 

— 

— 

— 

— 

— 

Zu  Einkanfang  Schuhmacherwerkzeng  ihme 

geben 

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2 

54 

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^ 

— 

Als   er  meisterlos   nnd   ohne  Arbeit  ge- 

wesen ihme  geben 

— 



— 

— 

— 

— 

— 

20 

Zahlte  Tür  ihn  Hir  ein  Paar  Strumpf  .     . 

I 



— 

— 

— 

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— 

— 

Anf  der  Gassen  in  Frankfurt  ihme  geben 

müssen 

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15 

Als  er  wegen  seiner  blöden  Augen  allhier 

schröpfen  gangen  geben  müssen   .... 

— 

— 

— 

— 



30 

— 

— 

litt. 

26.  Jnni«     Dem  Barbierer  Hirsch  wegen  der 

Angenknr  zahlt 

^^ 

^^^ 

___ 

^__ 

7 

30 

^ 

_ 

Für  sein  Felleisen  zahlt 

— 

— 

2 

.^ 

— 

Als  er  sich  auf  die  Wanderschaft  begeben 

dem  Katscher  geben 

— 



— 

— 

I 

— 

— 

— 

Ilime  baar  anf  die  Reise  mitgegeben 

— 



— 

— 

— 

— 

17 

— 

wieder  bezahlt   die  dem   Hans  Jacob   den 

■ 

23.  Jani  vorgeschossene  Gelder    .... 

— 



— 

— 

— 

— 

13 

— 

Für  dreimalige  Briefporto  so  er  an  mich 

abgehen  lassen  per  posta « 

— 



— 

— 

— 

36 

— 

— 

104. 

Herbstmess.     Ihme  eine  Pelzkappe  nacher 

Anspacb  senden  müssen,  dafür  zahlt.     .     . 

3 

— 

"~* 

— 

^^^m 

— 

— 

— 

i)  Gulden  k  60  Kreuzer.     Siehe  unten. 

2)  Es  ist  lediglich   die  Spradiform,  nicht  aber   die  Orthographie  der  Vorlage  bei« 
bdudtea  worden. 


Spezifizierte  Aaslagen 
fUr 


Kleidung 

und 
Zubehör 

fl.    I  kr. 


das  Hand- 
werk 

fl.    I  kr. 


Divene 


fl.      kr. 


M 

Q 


M       « 


Der  Ranio   fUr  ein  Hembd,    Hals-  and 
Schnaptach  zahlt 

iS.  Febrnar.  Als  er  mit  der  Landkutsche 
wieder  anhero  gekommen,  ihme  zo  Abzah^ 
hwg  des  Reisegeldes  and  Weiteres  zahlt  . 
19.  Februar.  Hat  er  selbsten  an  den  da- 
mals verfallenen  Zinsen  eingenommen  .  . 
Demselben  zum  blanen  Futtcrbembd  zahlt 
für  3  Ehlen  Tach  ad  i  Gulden  ao  Kreuzer 

Fttr  Futtertuch 

Für  silberne  Knöpfe 

Fttr  Seidengarn  und  Schächtcr .     .     .     • 

Dem  Schneider  Macherlohn 

Ihme  selbst  an  Geld  geben 

Demselben  bei  Friedridi  Simon  geben  . 

O  stermess  geben 

In  meinem  Hause  geben 

25.  December.    Ihme  zahlt 

12.  Juli.     Als  er  von  der  Reise  wieder  nach 
Hanse  gekommen,  ihme  geben      .     .     . 

13.  Juli.     Wieder  geben 

In  der  Herbstmess  ihme  geben  .     .     . 
5.  December.    Ihme  baar 


Znsammen:  198  fl.  59^  kr 


fl.      kr. 


4 
I 

5 


20 


48 
24 


22 


— 


—      — 


3« 


t 

13 
I 

21 


I6i 


36 


2 

2 

4 
22 


30 


n.  fULtiB  Adam  «JäekeL 

Ostermess.  Ihme  zu  Schuhmacherwerkzeag 
October.    Ihme  geben 

Wie  sein  Bruder  auf  die  Wanderschaft  ge* 
sogen,  ihme  grben 

Für  ein  Brustlappen  und  Schlafhaub .  .  . 
December.     Ihme  geben 

Noch  zu  zwei  Mal 

Für  ein  Hembd  zahlt 

16fS. 
Ihme  Tor  eio  Hembd  geben 

6.  Januar.     Ihme  geben 


23 


32 


24 


10 


3«      36 


234 


134    27t 


»5 


8 
8 


II 


—     81     — 


Spezifizierte  Auslagen 

mr 

j1     a     tt 

* 

Kleidung 

und 
Zuhehor 

fl.       kr. 

das  ] 
fl. 

land- 
tk 

kr. 

Divena 

fl.      kr. 

«      M      « 

0  ^  <S 
fl.      kr. 

1 

3.  ApriL     Auf  zwei  Mal 

Ostermcss.     Za  nntenchiedenen  Malen.     . 
üff  Pfiogslen 

Flr  cm  PcUeUen  sahlt 

F^  Scbnhmacherwcrkzeag 

Ffir  ein  Hembd,  ao  er  aeinem  Nebenknecht 
abgekauft 

— 

40 

50 

3 
6 

40 
36 

30 
8 

— 

— 

a 

t 
6 

24 
42 
la 

Sein  Lehrgeld  und  andere  specifizirte  Posten 
zahlt 

• 

Den  Sonntag   vor   dem   nemen  Jahr   ihmc 
geben   ••..     

9.  Merz.     Ihme  geben 

Oftterm ess.     Ihme  geben 

Wie  er  von  seinen  Lehrjahren  losgesprochen 

worden,  die  Unkosten  zahlt  mit     .     .     . 

Far  einen  Stecken  vor  ihm      .     .     .     .     . 

Za   beaahlen    seinem  Meister   ihme   geben 

mfisaeii 

— 

15 

8 

44 
18 

ao.  Mai.     Ihme  aaf  die  Wanderschaft  geben 
Bei  seinem  Abschied  zu  Bomheim  zahlen 

mfiaaen 

Tor  einen  empfangenen  Brief  das  Porto  beaahlt 

Herbst meas.    Dem  Jod  David  von  Anspach 

IfU. 

dessen   anhero   mir  Überlieferten  Schein  d. 
d,  13.  Oct  1694 

6 

Zusammen:  93  fl.  47  kr. 

4 

5 

6a 

I7i 

— 

— 

27 

24i 

Bei  der  Liquidation  der  Vormundschaft  sind  zu  liefern: 

Eün  Kapital  auf  dem  Hause  „zum  fröhlichen  Mann  ** 
in  Bomheim  —  welches  Haus  einst  im  Besitze 
des  leiblichen  Vaters  war  — ^  im  Betrage  von  275  fl. 

Wii  '  zu  5  ^!q  verzinst. 

Ein  beietn^m  sichern  Herrn  zu  Frankfurt  vor- 
handenes Kapital  im  Betrage  von    ....  450  fl 

Noch 139  fl.  51I  kr. 

6 


—     82     — 

An  liegenden  Gütern: 

9  Molken  Acker,  welches  vormals  des  verstorbenen 

Vaters  Brautgabe  gewesen 1,82  hektar 

3j  Viertel  Weingarten 0,17       „ 

2  Viertel  Wüstenau 0,10       „ 

6  Morgen  eingelöstes  oder  gekauftes  Gut,  wes- 
halben  dann  Herr  Pfarrer  Claudi die  160  Crulden 
vorgeschossen 1,21       „ 

3,30  hektar 

10  Achtel Pfocht  Korn,  welche  ich  Vormünder  Dürr  entweder 
in  natura  zu  liefern  oder  dafür  dessen  Werth  zu  zahlen  er- 
bietig. 

Der  Vormund  hatte  jährlich  5  Achtel  (i  Achtel  oder  Malter  =3 
1,147  Hektoliter)  Pacht  den  Kindern  zu  zahlen,  es  wurde  ihm  jedoch 
angerechnet,  dais  er  „die  Kriegsbeschwerde  die  zeither  habe  tragen 
und  Schätzung  bezahlen  müssen"  und  ihm  deswegen  der  Pachtzins  nur  für 
die  Jahre  1696  und  1697  zur  Last  gelegt.  In  der  That  waren  die 
Dorfschaften  um  jene  Zeit  durch  Einquartierung  schwer  heimgesucht; 
u.  a.  lagen  sächsische,  gothaische,  neuburgische  Soldaten  in  der 
Gegend. 

Man  wird  zunächst  wissen  wollen,  was  die  Gulden  jener  Epoche 
seien.  Die  fraglichen  Jahre  1692  — 1698  liegen  geldgeschichtlich 
klarer  als  die  unmittelbar  vorhergehenden  und  die  nachfolgenden  mit 
ihrer  Batzenüberschwemmung;  man  kann  annehmen,  dafs  auch  im 
Kleinverkehr  der  herrschende  Fufs  sich  ziemlich  mit  dem  offiziellen 
deckte,  dafs  also  die  vollwertigen  im  18  fl.-Fufse  geprägten  Silber- 
münzen kein  oder  kein  nennenswertes  Agio  bedangen  und  dafs  der 
Dukaten  thatsächlich  meist  zu  4  ä.  zu  haben  war ').  Noch  1695 
prägte  die  Stadt,  wie  aus  den  Münzakten  hervorgeht,  auch  die  kleine 
Scheidemünze  der  Kreuzer  nicht  geringer  als  nach  einem  20  fl.  36- 
kr.-Fufse,  die  Albus  (2  kr. -Stücke)  nach  einem  19  fl.  33  kr.-Fufs '). 
Es  kursierten  —  wie  seit  Jahrhunderten  —  zahlreiche  fremde  Münzen, 
aber  wenn  der  besonders  gangbare  französische  Louis  blanc  2  Gulden 
galt,  so  repräsentiert  dies,  denselben  zu  25,08  Gramm  fein  gerechnet, 
noch  keinen  schlechteren  als  einen  i8f  fi.-Fufs.  Man  kann  also  sagen,, 
dafs  der  Silbergulden   sich   vom  18.   auf  den    i8|-Fufs   hin  bewegte, 


i)  Um  1702  bereits  Agio. 

2)  Nach   dem  Rezesse   der  flinf  Stände  vom  6./ 16.  April  1693  sollte   der  Kreuzer 
EQ  30  fl.,  der  Albus  sa  19  fl.  2,o\  kr.  gemttozt  sein. 


—     Ö3     — 

also  zwischen  12,99  Gramm  Silber  und  12,54  Gramm  Silber  lag*, 
der  in  Gold  gezahlte  Gulden  ca.  0,86  Gramm  Gold  war.  Da  heute 
12,99  ^^  I2t54  Gramm  Silber  nicht  entfernt  =»  0,86  Gramm  Gold 
sind,  so  ist  klar,  dafs  man  den  Inbegriff  „Gulden"  von  da* 
mals  so  wenig  wie  den  aus  irgend  einer  anderen  Zeit  mit 
anderer  Proportion  als  der  heutigen  mit  einem  einzigen 
Ausdruck  in  „jetziges  Geld^  übersetzen  kann  *).  Ein  in  Gold 
gezahlter  Gulden  enthielt  nach  dem  obigen  ungefähr  soviel  Gold  als 
in  2,40  Reichsgoldmark  enthalten  ist,  ein  Kreuzer  soviel  wie  4  Reichs- 
goldpfennige. Es  ist  selbstverständlich  ganz  gleich,  wenn  man  eine  Ge- 
schichte  der  Lebenshaltung  und  nicht  eine  Preisgeschichte  der  Edelmetalle 
schreibt,  ob  man  nach  der  „Gold-'*  oder  der  „Silberrechnung"  rechnet. 
Zweck  und  Bedeutung  der  in  der  Tabelle  erwähnten  Gebrauchs-, 
dinge  werden  meist  von  selbst  erhellen.  Unter  Muk  verstand  man 
ein  Oberkleid;  im  XVIII.  Jahrhundert  hauptsächlich  ein  Frauen-,  im 
XVn.  aber  auch  ein  Männerkleid.  „Dieser  fremde  Herr  im  sammeten 
Mutzen'',  heilst  es  im  Simplicissimus').  „Einen  sammeten  Mutzen  wie 
auch  seidene  Kleider  vnd  Mäntel"  sollen  nach  der  Frankfurtischen 
Kleiderordnung  von  1671  die  vom  ersten  Stande  tragen  dürfen,  i  ä. 
20  kr.  als  Preis  der  Elle  für  das  blaue  Futterhemd  entspricht  einem 
Preise  von  2  fl.  27  kr.  pro  Meter.  Schechter  —  in  anderen  Gegen- 
den z.  B.  Franken  gleichzeitig  Scheiter  genannt  —  bezeichnet  die 
geleimte  oder  gesteifte  Leinwand,  welche  zum  Steifen  der  Kleider,  zum 
Unterlegen  unter  die  Knopflöcher,  in  die  Taschen  u.  dergl.  gebraucht 
wurde.  Unter  silbernen  und  gültenen  Knöpfen  verstand  man 
nicht  immer  echte,  sondern  öfters  lediglich  silber-  oder  goldartige, 
solche  kamen  mir  in  Rechnungen  zu  36  kr.  pro  Dutzend  vor.  Es 
scheint,  als  ob  die  Hemden  der  Gebrüder  Jäckel,  wenn  auch  nicht 
fertig"  gekauft,  so  doch  fertig  bestellt  worden  seien,  wenigstens  wird  kein 
gesonderter  Einkaufspreis  für  Leinwand  verzeichnet.  Leinwand  gab  es 
natürlich  zu  den  verschiedensten  Preisen.  Leinwand  für  starke  Arbeiter- 
hemden kam  mir  in  gleichzeitigen  (Nürnberger)  Rechnungen  zu  1 5  kr.  pro 
Elle,  das  ist  22,8  kr.  pro  Meter,  vor.  Den  Macherlohn  für  ein  ein- 
faches Manneshemd  kann  man  zu  6  kr.  annehmen,  er  kam  also  dem 
Preise  eines  Pfundes  Rind-  oder  Schweinefleisches  in  den  damaligen 
—  teuren  —  Zeiten  gleich.     Die  vorkommenden  Strümpfe  sind  ohne 


i)  VgL  aach  meine  „Wanderjahre  des  Johann  Philipps  Münch  als  Eanfmannsjunge 
«od  Handlungsdiener  1680 — 1696"  im  Archiv  für  Frankfurts  Geschichte,  3.  Folge,  Bd.  V 
(1896),  S.  142  ff. 

2)  I,  125  Kurz,  (cit  Grimm  VI,  pg.  2837). 

6* 


—     84     — 

Zweifel  wollene;  geringere  Beine  als  solche  von  Adligen  nnd  Rats* 
herm  der  ersten  und  zweiten  Bank,  von  Doktoren  und  von  namhaften 
Kaufleuten,  die  nicht  „nach  der  Elle  und  dem  Lot**  handeln,  sollten 
6ich  überhaupt  nicht  in  Seide  hüllen:  also  schon  für  Notaren-,  P^o- 
kuratoren-  und  Rünstlerbeine  war  der  Wollenstrumpf  bezw.  Baum- 
wolle- und  Leinenstrumpf  obligatorisch.  Der  verzeichnete  Pteis  ist 
nicht  auffallend  hoch;  reiche  Leute  gaben  leicht  3 — ^4  fl.  für  wollene 
Strümpfe  aus,  die  man  so  wohl  fertig  kaufte,  als  auch  stricken  Uefs. 
Das  Tragen  von  Pelzkappen  war  bei  Vornehm  und  Gering  üblich.  — 
Ergänzend  seien  noch  die  Preise  der  wichtigsten  Nahrungsmittel  aus 
der  fraglichen  Epoche  angegeben.  Dieselben  schwankten  infolge  ein- 
fallender Not-  und  Kriegsjahre  bedeutend,  Getreide  insbesondere.  Es 
varüerte  Rindfleisch  und  Schweinefleisch  zwischen  5 — 6  kr.  pro  Pfund, 
das  ist  10,36 — 12,43  kr.  pro  Kilogramm ;  Roggenmehl  zwischen  fl.  3,71 
bis  fl.  14,10  pro  IOC  Kilogramm;  Butter*)  schwankte  1686 — 1695 
zwischen  6 — 13  kr.  pro  Pfund,  das  ist  12,43 — 26,93  kr.  pro  Kilo- 
gramm, stieg  aber  vorübergehend  (1693)  bis  37,29  kr.  pro  Kilogramm 
und  höher.  Das  Ro^[«nbrot  endlich  kostete  in  Frankfurt  nach  sehr 
genauen  von  mir  vorgenommenen  Ermittelungen 

pro  KUogramm 


1692: 

3.56  kr. 

1693: 

S.32  n 

1694; 

5.57  » 

16951 

^J7     n 

1696: 

2,16  „ 

1697; 

2,29  „ 

1698: 

3.35   n 

durchschnittlich  3,58  kr. 

Es  kosteten  also  lOO  Küogramm  75,59  Gramm  gemünztes  Silber 
oder  5,117  Gramm  gemünztes  Gold,  das  ist  so  viel  wie  in  12,28  Gold- 
reichsmark  enthalten  ist,  oder  ein  KUogramm  «=  12,28  Pfennige.  — 
Der  Jahreslohn  eines  besseren  Knechtes  zu  häuslichen  Verrichtungen 
stellte  sich  —  ohne  die  Nebengeschenke  —  auf  21  fl.  jährlich. 


Es  war  nicht  meine  Absicht  den  Lebenslauf  unserer  jungen  Schuster 
weiter  hinaus  als  bis  zum  Schlüsse  der  über  sie  geführten  Vormund- 


i)   Dm   Pfand  Butter  sowie    das  Pfand   Fleisch   waren  um   Y,,   schwerer   ids    das 
Pfimd  Brot. 


—    85     — 

schaftsrechnung^en  zu  verfolgen,  dennoch  blieb  nach  dem  Abschlüsse 
des  Obigen  ein  Residuum  unbefriedigten  menschlichen  Interesses 
bei  mir  für  jene  Schalten  übrig,  welche  mir  im  Orkus  der  Vergangen- 
heit Notizen  über  ihre  Jugendzeit  gegeben  haben.  Ich  konnte  darum 
gelegentlich  nicht  umhin,  auf  dem  Frankfurter  Standesamte  noch  ein 
wenig  über  sie  nachzublättern.  Es  ergab  sich,  dais  die  beiden  kurz 
nach  der  Liquidation  in  Frankfurt  Bürger  und  Schuhmachermeister  ge- 
worden sein  müssen.  Johann  Jakob  heiratete  26  Jahre  alt  die  Tochter 
eines  Secklermeisters,  Johann  Adam  im  gleichen  Alter  die  Tochter 
eines  Schuhmachers  und  Bürgers  zu  Frankfurt  a.  M.  Am  11.  Sep- 
tember 1728  starb  Johann  Jakob  55  Jahre  alt,  er  wohnte  in  der  Neu- 
gasse, welche  noch  heute  eine  Schustergasse  ist.  Der  jüngere  Bruder, 
Johann  Adam,  verarmte.  In  dem  „Verzeichnis  der  Kranken  bürger- 
lichen Hausz-Armen,  welche  von  E.  löbl.  Gasten  Amt  in  hieszig  gleich- 
falls löbl.  Hospital  Amt  zu  bequemer  Pfleg  und  Besorgung  gethan 
und  von  jedem  wöchentlich  ein  Gulden  zu  entrichten  verglichen  wor- 
den", liest  man,  dafs  am  19.  März  dem  hiesigen  Schuhmacher  Johann 
Adam  Jäckel  vergünstigt  wurde,  auf  14  Tage  bis  zu  seiner  Rekon- 
valeszenz in  das  Spital  zu  gehen;  „wegen  Baufälligkeit"  heilst  es  in 
einem  anderen  Buche  des  Almosenkastens.  Er  genas  nicht  von  der 
Ban&lligkeit,  sondern  starb  im  Hospital  am  15.  Juni  1727,  51  Jahre  alt. 


Mitteilungen 

Yersammlangea.  —  Vom  23.  bis  26.  September  fand  in  Freiburg 
i.  B.  die  Hauptversammlung  des  Gesamtvereins  der  deutschen  Ge- 
schichts-  und  Altertumsvereine  statt  ^)  und  zwar  an  Stelle  des  durch 
Krankheit  verhinderten  Geh.  Archivrat  Dr.  Bailleu  (Charlottenburg)  geleitet 
von  Generalmajor  Dr.  v.  Pf  ist  er  (Stuttgart).  Die  Feier  des  75  jährigen 
Bestehens  der  von  Karl  Rotteck  gegründeten  „Gesellschaft  für  Be- 
förderung der  Geschichts-,  Altertums-  und  Volkskunde  von 
Freiburgy  dem  Breisgau  und  den  an  grenzenden  Landschaften*'  *) 
hatte  diesmal  die  Vertreter  der  Landes-  und  Ortsgeschichte  nach  der  Uni- 
versitätsstadt im  Breisgau  gerufen:  159  auswärtige  Teilnehmer  wurden  neben 
376  einheimischen  gezählt     Von   den  jetzt  dem  Gesamtverein  angehörigen 

i)  Über  die  Tagung  zq  Dresden  im  Jahre  1900  vgL  Bd.  II,  S.  57 — 60. 

2)  Daneben  bestehen  in  Freiburg  noch  zwei  andere  Geschichtsvereine,  nämlich  der 
1S62  gegründete  „Kirchlich-historische  Verein  fiir  die  Erzdiözese  Freibnrg^'  (rgl.  darüber 
diese  Zeitschrift  Bd.  II,  S.  205--206)  ttnd  der  „Bretsganverein  Schan-ins-Land". 


—     86     — 

143  Vereinen  hatten  leider  nur  43  eigne  Vertreter  abgeordnet,  was  gegen- 
über Dresden,  wo  von  137  Vereinen  64  vertreten  waren,  einen  recht  be- 
dauerlichen Rückschritt  bedeutet:  es  wäre  dringend  zu  wünschen,  dafs 
jeder  einzelne  der  verbundenen  Vereine  die  Bedeutung  dieser 
Jahresversammlungen  mehr  und  mehr  würdigte  und  die  doch  recht 
bescheidenen  Kosten  zur  Abordnung  eines  Vertreters,  der  dann 
über  das  Geschehene  und  Gehörte  daheim  berichtet,  aufwendet, 
um  so  in  dauerndem  Zusammenhange  mit  den  Forschungs« 
ergebnissen  zu  bleiben  und  neue  Aufgaben  kennen  zu  lernen. 
Erfreulicher  Weise  waren  wieder  eine  Reihe  Landesregierungen  (Baden, 
Braunschweig,  Hamburg,  Hessen,  Elsafs-Lothringen,  Mecklenburg-Schwerin, 
Preufsen,  Sachsen,  Schweizerische  Bundesregierung)  sowie  das  Germanische 
Museum  offiziell  vertreten,  aber  auch  —  so  zahlreich  wie  wohl  noch  nie  —  ein- 
zelne Städte  (Dresden,  Heidelberg,  Karlsruhe,  Konstanz,  Mannheim,  München), 
ein  Beweis,  wie  tiberall  das  Interesse  für  die  heimische  Geschichte  zunimmt. 
Nach  der  organisatorischen  Seite  hin  ist  von  Wichtigkeit  der  Beschlufs,  eine 
eigene  (fünfte)  Abteilung  für  Volkskunde  zu  gründen,  die  unter  der 
Leitung  des  Generalmajors  z.  D.  Freiherrn  v.  Friesen,  Vorsitzenden  des 
Vereins  für  Sächsische  Volkskunde,  steht.  Das  Korrespondenzblatt  des 
Gesamtvereins,  welches  seinem  50.  Jahrgange  entgegengeht,  soll  ein  Haupt- 
register über  die  ganze  Reihe  erhalten,  um  so  den  darin  niedergelegten  Stoff 
allgemeiner  zugänglich  zu  machen,  ein  Beschlufs,  der  die  allgemeinste  Zu- 
stimmung ünden  dürfte.  Zur  Vermehrung  der  Mittel  des  Gesamtvereins  wurde 
die  Frage  erörtert,  ob  nicht  die  Beiträge  der  Vereine  oder  der  Versammlungs- 
teilnehmer erhöht  werden  sollten,  aber  ein  bestimmter  Beschlufs  konnte  in 
diesem  Punkte  nicht  gefafst  werden,  wenn  auch  allgemein  anerkannt  wurde, 
dafs  eine  Vermehrung  der  Vereinsmittel  dringend  notwendig  sei,  wenn  der 
Gesamtverein  als  solcher  auch  nur  in  bescheidenen  Grenzen  selbst  Arbeiten 
ausführen  wolle.  Zu  Hoffnungen  in  dieser  Hinsicht  berechtigt  die  Thatsache, 
dafs  zum  ersten  Male  in  der  Person  des  Geh.  Oberregierungsrates  Lewald 
ein  Vertreter  der  Reichsverwaltung  zugegen  war:  Zuschüsse  für  bestinunte 
Arbeiten  seitens  des  Reiches  dürften,  wenn  diese  Vertretung  und  die  dadurch 
ermöglichte  persönliche  Kenntnisnahme  der  im  Gesamtverein  verkörperten 
Bestrebungen  regelmäfsig  stattfindet,  viel  leichter  zu  erhalten  sein  als  bisher. 
Erfreulich  für  beide  TeUe  war  auch  die  zu  Tage  tretende  engere  Berührung 
der  Universitätslehrer  mit  dem  Gesamtverein,  die  das  frfihere  oft  recht  kühle, 
ja  bisweilen  feindliche  Verhältnis  abzulösen  beginnt:  ein  entschiedenes  Ver- 
dienst in  dieser  Riehtung  hat  sich  Prof.  Finke  erworben,  der  sich  jjpr 
drei  Jahren  in  Münster  und  jetzt  wiederum  in  Freiburg  um  das  Gelingen 
der  Versammlung  bemüht  hat,  nicht  minder  aber  die  übrigen  Herren  der 
Freiburger  Universität  (Beyerle,  Dieffenbacher,  Kluge,  Michael,  Stutz,  Wahl), 
die  sich  als  Redner  zur  Verfügung  gestellt  hatten.  —  Eine  ganze  Last  ge- 
druckter Festgaben  zur  bleibenden  Erinnerung  konnten  die  Teilnehmer  mit 
nach  Hause  nehmen.  Ein  Ausflug  nach  dem  Fürstlich  Fürstenbergischen 
Schlosse  Donaueschingen  mit  seinen  geschichtlichen  Sehenswürdigkeiten  nebst 
Fahrt  durch  das  prächtige  Höllenthal  nahm  den  dritten  Tag  in  Anspruch, 
ein  Fest  der  Stadt  Freiburg  nebst  Beleuchtung  der  Münstertürme  füllte  den 
zweiten  Abend,  sodafs  unter  wissenschaftlicher  Arbeit  und  geselligen  Freuden 


—     87     — 

die  Tage  —  in  beiden  Richtungen  anstrengend  genug  —  rasch  vergangen 
sind.  Im  Jahre  1902  wird  der  Gesamtverein  einer  Einladung  der  Stadt 
Düsseldorf  folgen. 

Da  ein  ausführlicher  Bericht  über  die  Verhandlungen  vom  Vorstande 
des  Gesamtvereins  herausgegeben  wird,  begnügen  wir  uns  hier  mit  einigen 
kurzen  kritischen  Bemerkungen:  Die  in  den  Hauptversammlungen  gehaltenen 
Vorträge  boten  sämtlich  Forschungsergebnisse  von  allgemeinstem  Interesse. 
Prof.  Stutz  (Rechtsgeschichie  des  Freiburger  Münsters)  führte  mit  der  Ge- 
schichte des  Münsters  die  der  ganzen  Stadt  in  grofsen  Zügen  vor;  Prof. 
Gothein  (Bonn)  behandelte  unter  dem  Thema  der  Hofverfassung  auf  dem 
Sckwarxwald  ein  grofses  Stück  Besiedlimgsgeschichte,  Prof.  D  i  e  f  f  e  n  b  a  c  h  e  r 
(Beiträge  zur  Badischen  Volkskunde  aus  Cfrimmelshausetis  Simplixissvmus) 
zeigte,  dais  der  Verfasser  jenes  berühmten  Romanes,  obwohl  in  Gelnhausen 
geboren,  dennoch  ganz  im  alemannischen  Volksleben  aufgeht  und,  wo  er 
Thatsächliches  berichtet,  nichts  anderes  als  alemannische  Zustände  beschreibt. 
Stadtarchivar  Albert  endlich  schilderte  die  Thätigkeii  der  historischen  Vereine 
in  Baden  seit  fast  einem  Jahrhundert  —  Roth  v.  Schreckenstein  gründete 
1S05  den  Verein  fUr  die  Geschichte  der  Baar  —  bis  zur  Gegenwart  und  zeigte 
so  an  dem  Beispiel  Badens,  was  zur  Erforschung  der  heimatlichen  Vergangenheit 
geschehen  ist,  geschehen  kann  und  überall  geschehen  sollte. 

Reges  Leben  herrschte  in  den  vortrefflich  besuchten  gemeinsamen 
Sitzungen  der  ersten  und  zweiten  Abteilung,  die  zugleich  die  Sitzung  des 
Verbands  süd-und  westdeutscher  Vereine  für  römisch-germanische 
Forschung  darstellte.  Nach  den  Aussagen  von  Teilnehmern  an  beiden  Versamm- 
lungen sind  die  Freiburger  Vorträge  viel  besser  besucht  gewesen,  als  die  der  etwa 
entsprechenden  Sektionen  auf  der  Strafsburger  Philologenversammlung.  Was 
in  diesen  Blättern  als  Hofihung  ausgesprochen  wurde  ^),  das  hat  sich  also 
erfuUt:  es  ist  in  die  archäologisch-kunstgeschichtliche  Abteilung  des  Gesamt- 
vereins ein  andrer  Geist  eingezogen.  Das  zeigte  sich  auch  ^esmal  in  der 
Person  der  Vortragenden  wie  in  den  behandelten  Themen,  denn  gerade 
die  brennendsten  Fragen  aus  dem  Gebiete  der  südwestdeutschen  Altertums- 
kunde wurden  besprochen.  Dafs  es  sich  bei  den  Studien  am  deutschen 
Limes  nicht  blos  um  die  alten  abgedroschenen  Fragen  nach  Markierung, 
Grenzgräbchen,  Begleithügeln  u.  s.  w.  handelt,  sondern  dafs  sich  thatsächlich 
wichtige  historische  Probleme  daran  anknüpfen  lassen,  zeigte  Fabricius 
(Freiburg)  in  seinen  Ausführungen  über  die  Chronologie  der  Limes- 
anlagen in  Baden  und  Württemberg,  nicht  minder  auch  Anthes 
(Darmstadt),  der  die  von  ihm  kürzlich  gemachte  Entdeckung  eines  in  seiner 
Vereinzelung  sehr  wichtigen  Erdkastells  im  Odenwald  und  seine  Be- 
deutung für  die  chronologische  Festlegung  einzelner  Limesteile  behandelte.  — 
Über  ein  die  römische  Altertumskunde  wenigstens  streifendes  Thema  trug 
Prorektor  Kluge  (Freiburg)  vor;  er  besprach  die  Aussprache  germa- 
nischer Eigennamen  in  lateinischen  Texten  im  allgemeinen  imd  die 
Ableitung  des  Wortes  Pfahlgraben  von  einem  deutschen  Wortstanmi  im 
besonderen. — Wie  grofse  Fortschritte  die  Ringwall forschung  und  da- 
mit das  Studium  der  vorrömischen  Altertümer  in  Südwestdeutschland  über- 


1)  Vgl  Bd.  n,  S.  234. 


—     88     — 

haupt  gerade  in  den  letzten  Jahren  gemacht  hat,  bewiesen  die  Ausführungen 
ron  Thomas  (Frankfurt)  über  den  Stand  seiner  eigenen  Arbeiten.  An 
einem  besonders  lehrreichen  Objekt,  an  dem  ausgedehnten  Ringwallsystem 
der  Goldgrube  im  Taunus,  hat  er  eingehende  Studien  gemacht;  die  mit- 
geteilte Fülle  von  interessanten  und  wichtigen  Beobachtungen  mufs  ftirderhin 
bei  allen  derartigen  Untersuchungen  berücksichtigt  werden.  Es  ergab  sich 
aus  den  Funden  an  dieser  mächtigen  Anlage,  dafs  sie  nicht  nur  als  Refiigium 
gedient  haben  kann,  sondern  dafs  an  und  in  ihr  eine  ausgedehnte  Ansiedlung 
bestand,  deren  umfangreiche  Reste  festgestellt  wurden.  <jerade  auf  diesem 
Gebiete  regt  es  sich  jetzt  überall;  eingehende  Untersuchung  und  nachhaltige 
Förderung  verdanken  wir  Lehner  in  Urmitz,  Soldan  in  Neuhäusel,  Seh  Hz 
in  Neckargartach  und  Bodewig  in  Braubach,  und  da  sich  in  der  letzten 
Zeit  wieder  fast  überail  neue  Anhaltspunkte  ergeben  haben,  so  darf  an- 
genommen werden,  dafs  thatsächHch  die  Ringwallforschung  und  die  damit 
in  engster  Verbindung  stehende  Aufklärung  der  vorrömischen  Besiedelung  in 
Mitteldeutschland  von  jetzt  ab  in  einem  rascheren  Tempo  als  seither  voran- 
schreiten wird.  Man  hat  eben  gelernt,  Wälle,  Margellen,  Hügelgräber  und 
Hochäcker  nicht  mehr  als  Dinge  fUr  sich  anzusehen,  sondern  sie  in  einen 
gröfseren  Zusammenhang  zu  bringen;  und  so  werden  sich  bald  überall,  des 
sind  wir  sicher,  ebenso  schöne  Bilder  aus  der  Besiedelungsgeschichte  der 
Prähistorie  zeichnen  lassen,  wie  sie  bereits  Miller  in  der  Oberamts- 
beschreibung Ehingen  1893  entworfen  hat.  —  Einen  höchst  interessanten 
Beitrag  zu  diesem  Forschungsgebiet  gaben  die  Herren  Hang  (Mannheim) 
und  Fabricius  (Freiburg)  mit  ihren  Mitteilungen  über  die  Keltenstadt 
Tarodunum,  die  im  Dreisamthal  bei  dem  Dorf  Zarten  gesucht  wurde  und 
jetzt  durch  Ausgrabungen  festgestellt  worden  ist  Die  von  Fabricius  ge- 
leiteten Arbeiten  werden  auf  Kosten  der  Stadt  Freiburg  fortgesetzt  und  ver- 
sprechen reichen  Ertrag  für  die  Wissenschaft.  —  Auf  das  Gebiet  vor- 
geschichtlichen Gewerbebetriebs  führte  Kenne  (Metz)  mit  seiner  Schüderung 
der  bis  vor  kurzem  rätselhaften  und  auch  jetzt  noch  nicht  vollständig  auf- 
geklärten prähistorischen  Ziegelsalinen  im  SeUlethal  in  Lothringen,  des 
sog.  Briquetage, 

Wie  es  eine  einsichtige  Stadtverwaltung  fertig  bringt,  aUerdings  das  nötige 
Interesse  vorausgesetzt,  in  verhältnismäfsig  kurzer  Zeit  sich  ein  überraschend 
reichhaltiges  Büd  von  der  einstigen  Besiedelung  des  Stadtgebiets  und  seiner 
nächsten  Umgebung  zu  schaffen,  das  vermochte  Pf  äff  (Heidelberg)  zu  zeigen 
in  seinem  Vortrag  über  die  städtischen  Ausgrabungen  in  und  um 
Heidelberg');  er  selbst  hat  die  Arbeiten  geleitet  und  bei  gelegentlichen 
Terrainumgestaltungen  die  Aufsicht  geführt  Seiner  Sorgfalt  sowie  dem  Um- 
stand, dafs  die  Beamten  wie  die  Arbeiter  im  Auftrag  der  Stadtverwaltung 
eingehend  instruiert  werden,  verdankt  man  die  überaus  reichen  Ergebnisse 
aus  allen  Zeiten,  die  Pfaff  der  wbsenschaftlichen  Welt  vorzulegen  hat.  Von 
besonderem  Wert  ist  auch  hier  in  Heidelberg  der  Nachweis  unausgesetzter 
Besiedelung  von  der  Steinzeit  bis  in  die  Gegenwart. 

Leider  war  die  Zeit  für  die  Abteilungssitzungen  wieder  gar  zu  knapp 


i)  Vgl.  oben  S.  26 — 27. 


—     89     — 

bemessen;  es  ist  dringend  zu  hoffen,  dafs  das  in  Zukunft  anders  wird; 
denn  man  konmit  doch  zum  Arbeiten  zusammen!  Diesmal  konnte  gerade 
noch  die  Zahl  der  Vorträge  bewältigt  werden,  die  Besprechung  dagegen 
kam  entschieden  zu  kurz,  und  gar  mancher  hätte  sich  gewifs  gern  an  der 
Diskussion  beteiligt,  die  z.  £.  Frhr.  Schenk  zuSchweinsberg  über  die 
ahen  Namen  der  Ringwälle  eröffnete;  doch  man  scheute  sich,  die  Zeit  zu 
sehr  in  Anspruch  zu  nehmen. 

Wir  erwähnen  noch,  dafs  der  geschäftsfuhrende  Vorstand  des  südwest- 
deutschen Verbands  jetzt  aus  den  Herren  Soldan,  Anthes  und  Müller 
in  Darmstadt  besteht 

Reiche  Belehrung  tmd  Anregung  boten  auch  die  Vorträge  in  der  ver- 
einigten dritten  und  vierten  Abteilung.  Prof.  Martin  (Strafsburg)  beschäftigte 
sich  mit  der  Heimat  Hartmanns  von  Au  ^)  und  suchte  aus  guten 
Gründen  die  gewöhnlich  gegen  Lachmanns  Ansicht,  dafs  Au  bei  Freiburg 
in  Frage  kommt,  vorgebrachten  Einwände  zu  widerlegen.  Der  fürstliche 
Stand  des  „Armen  Heinrich"  in  der  Legende  ist  kein  Gruud,  um  dem 
Dichter  notwendigerweise  auch  fürstliche  Herkunft  zuzuschreiben.  Die  Ver- 
suche, Hartmann  an  andern  Orten  Schwabens  anzusiedeln ,  erscheiuen  durch 
seine  Sprache  ausgeschlossen,  aber  notwendig  mufs  er  an  einem  grofen 
modernen  und  französisch  gebildeten  Fürstenhofe  gelebt  haben,  und  dazu 
paist  trefflich  der  Hof  des  Zähringers  Berthold  V.,  der  zwei  französische 
Gemahlinnen  hatte.  —  Prof.  Michael  (Freiburg)  besprach  Wallensteins  Vertrag 
mü  dem  Kaiser  im  Jahre  1632,  der  aktenmäfsig  nicht  überliefert  isL 
Redner*  ist  der  Ansicht,  dafs  der  darüber  im  Theatrum  Europäum  enthaltene 
Bericht  der  Wahrheit  über  die  Abmachungen  am  nächsten  kommt,  dafs 
dieser  jedenfalls  besser  sei  als  der  bei  Khevenhüller  gebotene  und  macht 
es  in  hohem  Grade  wahrscheinlich,  dafs  unter  dem  „höchsten  Regal  im 
Reiche'%  welches  der  Kaiser  verspricht,  nichts  anderes  als  eine  Kunvürde 
gemeint  sei.  —  Privatdozent  Wahl  (Freiburg)  verbreitete  sich  über  den 
Wechsel  der  Anschauungen  über  die  Politik  der  deutscJien  Mächte  im  ersten 
Kofüiiiotiskriege  und  zeigte  im  einzelnen,  wie  die  politische  Zugehörigkeit 
der  Verfasser  in  diesem  Punkte  dafür  entscheidend  gewesen  ist,  ob  sie 
Preu&en  oder  Österreich  für  das  Mifslingen  des  Feldzugs  verantwortlich 
machen.  —  Prof.  Konrad  Beyerle  (Freiburg)  berichtete  über  die  im 
Herbst  1900  von  ihm  imd  Prof.  Künstle  in  der  frühromanischen  Pfarrkirche 
S.  Peter  und  Paul  in  Niederzeil  auf  der  Insel  Reichenau  entdeckten  Wand- 
gemälde, über  die  eine  Publikation  bei  Herder  in  Freiburg  erscheinen  wird. 
In  der  Hauptapsis  findet  sich  eine  Majestas  Domini,  flankiert  von  den 
evangelischen  Zeichen,  den  zwei  Patronen  der  Kirche  und  zwei  Seraphen  auf 
geflügelten  Rädern.  Das  gut  erhaltene  Bild  ist  jünger  als  das  in  St.  Georg 
za  Oberzell,  und  der  Fund  gewährt  damit  einen  neuen  Einblick  in  die  Ent- 
wickelung  der  Reichenauer  Malerschule.  —  Über  den  Fortgang  der  Kirchen- 
bücherforschung konnte  Archivrat  Jacobs  (Wernigerode)  wesenüich  neues 
nicht  mitteilen,  seine  Ausfuhrimgen  vervollständigten  vielmehr  vor  allem  die 
Nachrichten   über   das  Auftreten   der    kirchlichen  Register   in  Italien   schon 


i)  Der  Vortrag  wird  volktäadig  in   der  2^itschrift  Alemannia  ^  bggb.  von  Pfaff,  er* 
Kkeincn« 


—     90     — 

'virährend  des  XIV.  Jahrhunderts,  und  Redner  stützte  damit  seine  Anschauung, 
die  in  den  Registern  nicht  eine  Frucht  der  Reformation,  sondern  ganz  all- 
gemein der  Renaissancekultur  erblicken  will.  —  Prof.  Mehlis  (Neustadt  a.  H.) 
glaubt  in  einer  Ausgrabimg,  die  er  in  der  Nähe  von  Neustadt  vorgenommen 
hat,  eine  Merovingerpfalz  entdeckt  zu  haben  und  hat  die  Ergebnisse  seiner 
Forschung  unter  dem  Titel :  Walahsteds,  eine  rheinische  Burganlage  aus  der 
Mercfvingerxeit  (Kaiserslautem,  H.  Kayser,  31  S.  8".  M.  i)  bereits  der 
Öffenth'chkeit  übergeben.  Seine  Beschreibung  der  Fundstücke  sowohl  wie  der 
Anlage  selbst  scheinen  seine  Ansicht  nicht  voll  zu  rechtfertigen:  den  Zu- 
hörern hat  er  wohl  nur  zu  beweisen  vermocht,  dafs  die  Anlage  einerseits 
nicht  römisch  und  andrerseits  nicht  nach  1200  entstanden  ist.  Und  wenn 
sie  selbst  als  merovingisch  in  Anspruch  genommen  werden  kann,  so  bleibt 
ihre  Eigenschaft  als  Pfalz  jedenfalls  erst  noch  zu  beweisen. 

Auch  bei  diesen  Vorträgen  machte  sich  der  Zeitmangel  unangenehm 
geltend.  Viele  Zuhörer  mufsten  sich  eher,  als  es  ihnen  lieb  war,  zurück- 
ziehen, um  anderes  nicht  zu  versäumen,  und  zu  einer  irgendwie  nennens- 
werten Aussprache  über  die  Darbietungen  kam  es  nicht,  obwohl  sich  manche 
Gelegenheit  dazu  bot:  man  darf  nicht  vergessen,  dafs  erst  durch 
eine  Aussprache  der  Meinungen  der  rechte  Nutzen  erzielt 
werden  kann.  Hoffen  wir  also,  dafs  statt  sechs  verschiedener 
Materien  beim  nächsten  Male  nur  über  drei  verhandelt  und  da- 
bei für  die  Debatte  genügende  Zeit  gelassen  wird! 

Die  vereinigten  Abteilungen  endlich  hatten  ein  kurzes  Programm  zu  er- 
ledigen, denn  der  eine  Gegenstand,  Pflege  und  Inventarisierung  nicht- 
staatlicher Archive,  mufste  abgesetzt  werden,  da  der  erste  Bericht- 
erstatter Geh.  Rat  Bai  Heu  nicht  zugegen  war.  Ganz  kurz  erstattete  Armin 
Tille  Bericht  über  die  von  der  im  vorigen  Jahre  eingesetzten  Kommission 
(Köcher,  Tille,  v.  Zwiedineck)  entwickelten  Vorschläge  behufs  Fortsetzung 
des  Walther-Konerschen  Repertoriums.  Der  Bericht  wird  im  Korre- 
spondenzblatt des  Gesamtvereins  demnächst  gedruckt  werden,  seine  wesent- 
lichen Gedanken  sind:  es  gilt  die  Lücke  von  1850  bis  1900  auszuflillen ; 
am  besten  wäre  Jahrzehntweise  vorzugehen  und  zunächst  1891  bis  1900  zu 
bearbeiten;  ausführen  kann  die  Arbeit  nur  eine  wissenschaftlich  befähigte 
Person,  die  auch  die  ersten  Auszüge  fertigen  mufs ;  die  Kosten  dafür«müssen 
von  den  Vereinen,  deren  Zeitschritten  bearbeitet  werden,  nach  Mafsgabe  des 
Umfangs  ihrer  Publikation  aufgebracht  werden.  —  Ausführlich  sprachen  Archiv- 
direktor Wolfram  (Metz)  und  Prof.  Anthes  (Darmstadt)  über  den  Fort- 
gang der  Grundkartenarbeit:  in  Utrecht  ist  Ende  1900  ein  Zentral- 
bureau für  die  Niederlande  eingerichtet,  von  den  meisten  Beteiligten  sind  neue 
Kartenblätter  ausgegeben  worden.  Notwendig  ist  vor  allem  noch  eine  Verstän- 
digung in  Fällen,  wo  ein  Blatt  zwei  verschiedene  Staaten  trifil :  dort  vor  allem 
müfste  die  Leipziger  Zentralstelle  eine  gedeihliche  gemeinsame  Arbeit  herbei- 
führen. Neue  Untersuchungen  über  das  Alter  der  Flurgrenzen  liegen  aus  Lothringen 
vor,  wo  die  Gemarkungen  der  Orte  auf  -ingen ,  -weiler  und  -heim  in  ver- 
schiedenen Farben  eingetragen  worden  sind:  es  haben  sich  vielfach  alte 
Römerstrafsen  als  Grenzen  erwiesen,  und  in  Westfalen  hat  Nordhoff  ganz 
ähnliches  festgestellt.  Bezüglich  der  Verwendung  einheitlicher  Zeichen  bei 
Eintragungen   in  die  fertigen   Grundkarten   ist  die   im   Vorjahre    eingesetzte 


—     91     — 

Kommission  (Ermisch,  Kötzschke,  Thudichum,  Wolfram)  zu  der  Ansicht  ge- 
langt, dafs  es  für  die  Feststellung  solcher  Zeichen  für  die  mittelalterliche 
Geschichte  noch  zu  früh  sei,  dagegen  hat  sie  sich  unter  dem  sachkundigen 
Beirat  von  Prof.  Friedrich  Ohlenschlager  (München)  über  Zeichen 
für  Torgeschichtliche  und  römische  Funde  geeinigt,  die  von  der 
Versammlung  freudig  angenommen  wurden  und  auch  demnächst  in  dieser 
Zeitschrift  mitgeteilt  werden  sollen.  Allgemein  ist  man  übereingekommen 
Vorrömisches  mit  blau.  Römisches  mit  rot  zu  bezeichnen,  doch  dies 
ist  ein  Notbehelf  in  Fällen  wo  man  sich  mit  zwei  Farben  aus  technischen 
Gründen  begnügen  mufs,  im  übrigen  gut  für  die  Steinzeit  —  braun,  Bronze- 
zeit —  gelb,  Hallstadtfunde  —  gelb  mit  blau,  Lat^ne  —  blau  und  gelb, 
Völkerwanderungszeit  —  karmin.  Nachdem  diese  vollkommene  Einigung  er- 
zielt ist,  werden  voraussichtlich  auch  diejenigen  Stellen,  die  bereits  früher 
in  einigen  Punkten  abweichende  Zeichen  eingeführt  haben,  sich  diesen  Vor- 
schlägen anschliefsen. 

Archlre.  —  Das  Archiv  der  Stadt  Wien  vereinigt  zwei  grofse 
Bestände,  das  städtische  Archiv  im  eigentlichen  Sinne  und  das  des  Büiger- 
spitals.  Während  das  letztere  (iioo  Originalurkunden  vom  Jahre  1264  an, 
94  Aktenfiiszikel  und  1008  Bände)  einen  durchaus  einheitlichen  Charakter 
aufweist  und  mit  dem  Jahre  1833  abgeschlossen  ist,  setzt  sich  das  erstere 
aus  yerschiedenen  Beständen  zusammen  und  nimmt  fortwährend  die  von  der 
Stadt  abgeschlossenen  Verträge  dauernder  Geltung  auf.  Die  Verwaltungsakten 
vom  November  1 7  83  an  fallen  der  sehr  umfangreichen  Registratur  zu,  neben 
der  seit  neuester  Zeit  selbständige  Registraturen  einzelner  Abteüungen  und 
Ämter  bestehen. 

Den  Kern  der  archivaHschen  Sammlung  bUdeten  die  der  Stadt  erteilten 
Urkunden,   deren   älteste   allerdings  im  Jahre  1288   von   dem   ersten  habs- 
burgischen  Landesfürsten  vernichtet  worden  waren,    die   an   den   Rat   ein- 
langenden Schreiben,   die  aus  den  Bedürfnissen   der  städtischen  Verwaltung 
hervorgegangenen  Stadtbücher  und  Akten.    Damit  wurden  im  Laufe  der  Zeit 
Familienarchive   angesehener  Bürger-  und  Adelsgeschlechter,   welche  infolge 
von  Nachlafsabhandlungen  an  die  Stadt  kamen,  die  Archive  einzelner  Kirchen, 
Klöster  und  Kapellen,  unter  denen  namenüich  das  des  St.  Niklasklosters  vor 
dem  Stubenthore   und   das   der  Rathauskapelle   durch  Alter   und   Reichtum 
ihrer  Urkunden  hervorragen,   endlich  die  bei  einzelnen   städtischen  Ämtern, 
wie  der  Kanzlei,  dem  Kammeramte  und  dem  Grundbuche  befindlichen  Ur- 
kunden vereinigt,   während  die  Grundbücher  selbst   im  Jahre  1850  an  die 
staatliche   Gerichtsbehörde    ausgeliefert    werden    mufsten.      Dazu    kamen    in 
letzter  Zeit  Akten  der  von  Kaiser  Josef  II.   aufgehobenen  Wiener   Klöster, 
die  von  mehreren  Genossenschaften  übergebenen  Zunfhirkunden  und  Bücher, 
gröisere  Reihen  von  Steuerbüchern  und  MarktprotokoUen,  endlich  zahlreiche 
durch  Kauf  oder  als  Geschenk  erworbene  Archivalien. 

Zeugnisse  besonderer  Fürsorge  für  den  schon  von  Anfang  an  wertvollen 
Urkundenvorrat  besitzen  wir  aus  den  beiden  ersten  Jahrhunderten  städtischer 
Selbständigkeit  nicht.  Doch  läfst  der  Umstand,  dafs  fast  sämdiche  landes- 
ftirsdichen  Rechtsbriefe  vom  Jahre  1281  an  unversehrt  erhalten  sind,  auf 
stete  Sorgfalt  bei  ihrer  Aufbewahrung   schliefsen.      Ihren  Platz  hatten    die 


—     92     — 

städtischen  Urkunden  wohl  schon  vor  der  Mitte  des  XIV.  Jahrhunderts  in 
einem  Gewölbe  des  Rathausturmes  gefunden,  in  dem  sie  bis  zum  Jahre  1865 
verblieben.  Durch  zwanzig  Jahre  war  ihnen  dann  ein  anderes  Gemach  zu- 
gewiesen, bis  sie  im  Jahre  1885  in  das  neue  Rathaus  gebracht  wurden. 
Leider  hatte  sich  der  in  dem  Bauplane  für  das  Archiv  vorgesehene  Raum 
als  ganz  unzureichend  erwiesen,  so  dafs  es  in  Räumlichkeiten  untergebracht 
werden  mufste,  welche,  nicht  für  archivalische  Zwecke  berechnet,  schwere 
Übelstände  für  die  Aufbewahrung  und  Benutzung  der  ArchivaHen  unvermeidlich 
erscheinen  lassen. 

Auch  der  Bearbeitung  des  archivalischen  Stoffes  hat  man  in  früherer 
Zeit  nur  geringe  Aufmerksamkeit  gewidmet.  Die  erwähnte  Vernichtung  der 
ältesten  Stadtrechtsurkunden  gab  Anlafs,  einzelne  vorher  abschreiben  zu  lassen 
(Gesch.  Wiens,  hrsgg.  vom  Wiener  Altertumsvereine  II,  55).  Energischer 
wurde  der  Versuch,  die  wichtigeren  Urkunden  durch  Abschriften  zu  sichern 
und  bequemer  benutzbar  zu  machen,  aufgenommen,  als  Herzog  Friedrich  im 
Jahre  1320  den  Wienern  die  Anlage  eines  Stadtbuches  gestattete,  das  dann 
unter  dem  Namen  des  Eisenbuches  bekannt  geworden  ist  (a.  a.  O.  S.  93). 
Doch  stockte  auch  dieses  Beginnen  nach  kurzer  Zeit.  Im  Jahre  1434 
ordnete  der  Bürgermeister  Hanns  Steger  die  Nachtragung  der  wichtigeren 
landesfürstlichen  Urkunden  in  diesem  Stadtbuche  an,  eine  Arbeit,  welche 
unter  Leitung  des  Stadtschreibers  Ulrich  Hirssauer  durchgeführt  wurde,  dem 
wir  auch  die  Anlage  der  grofsen,  von  Kollar  und  Zeibig  veröffentlichtea 
Aktensammlung  imd  des  Handwerksordntmgsbuches  verdanken  (a.  a.  O. 
S.  78).  Mit  seinem  Austritte  aus  dem  Amte  nahm  aber  auch  diese 
Thätigkeit  ein  Ende.  Erst  im  Jahre  1534  unterzogen  sich  mehrere  Rats- 
herren der  Mühe,  der  stat  freilieiien  und  ander  brieflich  nrchunt  in  ain 
registraiur  zu  ordinieren.  Das  ist  für  lange  Zeit  die  letzte  Kunde,  die  wir 
von  dem  Archive  erhalten.  Erst  um  die  Mitte  des  XVII.  Jahrhimderts  tritt 
es  wieder  aus  dem  Dunkel  hervor,  diesmal  schon  in  der  Verbindung  mit 
der  inzwischen  entstandenen  Registratur,  in  welcher  es  bis  zum  Jahre  1863 
verbleiben  sollte.  Eine  Zeit  des  Stillstandes  und  Niederganges  für  das  Archiv. 
Allerdings  haben  sich  immer  wieder  einzelne  Registraturbeamte  gefunden, 
welche  auch  dem  Archive  ihre  Teilnahme  schenkten;  was  es  an  älteren 
Repertorien  besitzt,  verdankt  es  ihrer  Bemühung,  und  einmal  schien  sogar 
die  Bestellung  eines  eigenen  Archivvorstandes  in  greifbarer  Nähe,  aber  im 
allgememen  darf  diese  Periode  als  eine*  wahre  Leidensgeschichte  des  Archives 
betrachtet  werden,  deren  Folgen  sich  bald  in  trauriger  Weise  bemerkbar 
machten.  Der  wissenschaftlichen  Benutzung  fast  ganz  verschlossen,  was  einen 
recht  niederen  Stand  stadtgeschichtlicher  Arbeiten  bedingte,  wurde  es  wie 
jedes  abgesperrte  Archiv  durch  schwere  Verluste  heimgesucht,  war  es  aulser 
Stande,  die  bei  einzelnen  Ämtern  befindlichen  Bücher  und  Akten  aufzunehmen. 
Auf  diesem  Wege  gingen  jene  grofse  Aktensammlung  des  XV.  Jahrhunderts, 
die  Steueranschläge  des  XV.  und  XVI.  Jahrhunderts,  die  Ratsprotokolle,  die 
Totenbeschaubücher  vor  dem  Jahre  1648,  wichtige  Urkunden,  viele  Kämmerei* 
rechnungen  sowie  die  meisten  Rechnungen  des  Unterkammeramtes  und  des 
Kirchmeisteramtes  von  St.  Stephan  verloren,  Materialien  von  unersetzlichem 
Werte  gerade  für  jene  Richtungen,  in  denen  sich  die  städtegeschichüiche 
Forschung  der  Gegenwart  bewegt.     So  war  es  eine   rettende  That,   ab  das 


—     93     — 

ArcfaiT  im  Jahre  1863  von  der  Registratur  getrennt,  zuerst  mit  der  Bibliothek 
vereinigt»  im  Jahre  1889  ^^^^  ^^^^^  ^^^  dieser  abgelöst  und  als  selbständiges 
Amt  organisiert  wurde. 

Dieser  Geschichte  des  Archivs  enspricht  auch  die  seiner  Nutzbarmachung 
I6r  wissenschaftliche  Zwecke.  Vereinzelt  fand  eine  Benutzung  durch  Gelehrte 
sckcm  im  XVIII.  Jahrhundert  statt,  häufiger  wurde  sie  aber  erst  seit  den 
xwanziger  Jahren  des  XIX.,  als  Hormayr  die  Urkunden  für  seine  Geschichte 
Wiens  verwertete  und  im  Jahre  1826  Franz  Tschischka  die  Leitung  der 
Registratur  und  des  Archives  übernahm.  Wurden  durch  sie  und  andere 
Forscher  Urkunden  in  gröfserer  Zahl  bekannt  gemacht,  Stellen  aus  Rechnungen 
nnd  Stadtbtichem  mitgeteüt,  so  fehlte  es  doch  an  einer  planmäfsigen,  dem  ge- 
steigerten Bedürfiiisse  entsprechenden  Mitteilung  des  archivalischen  Stoffes. 
Dazu  soBte  es  erst  im  Jahre  1879  kommen,  in  welchem  der  Gemeinderat 
anf  Vorschlag  des  damaligen  Archivdirektors  Karl  Weifs  die  Mittel  zu 
einer  grofs  angelegten  Publikation  bewilligte.  Mufs  anerkannt  werden,  dafs 
flEÜt  diesem  Plane  das  Wiener  Stadtarchiv  den  anderen  österreichischen 
Archiven  den  Rang  ablief,  so  ist  um  so  mehr  zu  bedauern,  dafs  die  erste 
Abteilung,  deren  Bearbeitung  dem  bekannten  Rechtshistoriker  J.  A.  Toma- 
schek  anvertraut  wurde,  weit  hinter  den  einfachsten  Anforderungen  zurück- 
blieb, welche  man  an  derartige  Veröffentlichungen  hinsichdich  der  Auswahl 
der  besten  Vodagen  und  der  Genauigkeit  ihrer  Wiedergabe  zu  stellen  be- 
rechtigt ist.  Dieser  Mifserfolg  begründete  die  Notwendigkeit,  vorerst  über 
den  gesamten  Urkundenbestand  genauen  Überblick  zu  gewinnen,  und  dem- 
entsprechend wurden  nach  der  Ablösung  des  Archives  von  der  Bibliothek 
die  darauf  abzielenden  Arbeiten  eingeleitet,  als  deren  Ergebnis  zunächst  ein 
Verxeidinis  der  Originalurkunden  in  Form  ausführlicher,  zeitlich  geordneter 
Regesten  veröffendicht  wurde ,  von  dem  bisher  zwei  Bände ,  enthaltend 
393s  Regesten  aus  den  Jahren  1239 — 1457,  erschienen  sind. 

Darf  also  hinsichtlich  der  Bearbeitung  und  Nutzbarmachung  des  archi- 
valischen Stoffes  von  einem  Fortschritte  gesprochen  werden,  so  bleiben  doch 
zwei  Fragen  offen,  welche  ungelöst  eine  schwere  Hemmung  für  die  gedeih- 
fiche  Entwickelung  des  städtischen  Archives  bedeuten,  die  Lokal-  und  die 
Peisonalfrage.  Als  sehr  wünschenswert  mufs  auch  die  Herausgabe  von  Archiv- 
mittetiungen  bezeichnet  werden,  für  die  es  an  reichem  Stoffe  nicht  fehlen 
würde.  Es  darf  der  Hoffiiung  Ausdruck  verliehen  werden,  dafs  in  diesen 
nnd  anderen  Fragen  durch  die  stets  in  hochherziger  Weise  bethätigte  Anteü- 
nahme  der  Gemeindeverwaltung  an  allen  die  Geschichte  der  Stadt  betreffenden 
Angelegenheiten  eine  zweckentsprechende  Lösung  erzielt  werden  wird. 

Von  neueren  Publ&ationen  des  archivalischen  Materials  sind  anzuführen : 
Die  ReMe  und  FreiheHen  der  Stadt  Wien.  Bearbeitet  von  J.  A.  Toma- 
schek.  2  Bde.  Wien,  1877,  ^^79  {Oeschiehtsquellen  der  Stadt  Wien, 
hrsgg.  im  Auftrage  des  Gemeinderates  von  Karl  Weifs.  I.  Abteüung)  und 
\irkunden  und  Begeaten  aus  dem  Archive  der  k.  k.  Beic^isJiaupt-  und  Eesidenz- 
üiu^  Wien,  Hrsgg.  von  Karl  Uhlirz.  I,  II,  (1289 — 1619),  im  Jahr- 
buche der  Kunstsammlungen  des  Ah.  Kaiserhauses  XVI  (1895)  bis  XVIII 
(1897)  berüdcsichtigt  vornehmlich  die  auf  die  Geschichte  der  Kunst  imd 
des  Kunstgewerbes  bezüglichen  Stellen.  —  Verzeichnis  der  Originalurkunden 
des  städtischen  Ardwves,    Bearbeitet  von  Karl  Uhlirz.    Bd.  I  (1239 — 1411)» 


—     94     — 

Wien  1898;  Bd.  II  (1412 — 1457)9  1900.  (=  Quellen  zur  GesMehie  der 
Stadt  Wien,  Hrsgg.  mit  Unterstützung  des  Gemeinderates  vom  Altertums- 
vereine zu  Wien.  II.  Abteilung.)  Die  Recfmungen  des  KirckmeisieranUea 
von  St.  Stq>han,  Auf  Kosten  der  Gememde  hrsgg.  von  Karl  Uhlirz.  I.  Ab- 
teilung, Wien  1901.  Die  älteren  Handschriften  sind  in  der  Einleitung  zu  den 
vorerwähnten  Urkunden  und  Regesten  (Jahrbuch  der  kais.  Kunstsamml.  XVX. 
imd  XVII.  Bd.)  beschrieben.  Zahlreiche  Faksimile  aus  Handschriften  und 
Urkunden  des  städtischen  Archives  finden  sich  in  der  von  dem  Altertums- 
vereine herausgegebenen  Geschichte  Wiens  (I.  Bd.  1897.  II.  Bd.  Erste 
Hälfte  1900). 

Die  vorläufig  nachweisbaren  Belege  zur  Geschichte  des  Stadtarchives 
sind  in  der  Einleitung  zu  dem  ersten  Bande  des  Verzeichnisses  der  Original- 
urkunden zusammengestellt.  Eine  Übei sieht  über  die  Bestände  wurde  in 
dem  städtischen  Verwaltungsberichte  für  die  Jahre  1889 — ^^93»  S.  629  ff. 
beigebracht.  Hier  wie  in  den  folgenden  Verwaltungsberichten,  welche  seit 
dem  Jahre  1897  alljährlich  ausgegeben  werden,  sind  Übersichten  über  den 
Fortgang  der  Orduungsarbeiten  und  die  Benutzung  sowie  Verzeichnisse  der 
neu  erworbenen  Archivalien  zu  finden. 

Personalien.  —  Am  22.  Oktober  d.  J.  starb  zu  Ulm,  86  Jahre  alt, 
Gustav  Veesenmeyer,  ein  merkwürdiger  Mensch  und  eifriger  Geschichts- 
und Altertumsforscher.  Er  war  ein  Mann  von  staunenswerter  Vielseitigkeit 
des  Wissens  und  Strebens:  er  hat  in  Tübingen,  Halle  und  Heidelberg  das 
Studium  der  Theologie  und  der  Medizin  mit  sehr  gutem  Erfolge  absolviert, 
ist  einige  Zeit  im  württ.  Kirchendienst  gestanden,  hat  dann  in  England  und 
Irland  und  später  als  Hausarzt  des  russischen  Fürsten  Chowanski  in 
dessen  Familie  uud  bei  den  Kirgisen  am  kaspischen  Meere  die  ärztliche 
Praxis  ausgeübt  und  ist  schliefslich  in  seine  Vaterstadt  Ulm  zurückgekehrt, 
um  als  Lehrer  an  der  Realschule  seine  ausgebreiteten  naturwissenschaftlichen 
und  sprachlichen  Kenntnisse  zu  verwerten.  Recht  eigentlich  zu  Hause  fühlte 
er  sich  aber  auf  dem  Boden  der  Geschichte  Ulms.  Obwohl  18 14  als 
württemb.  Unterthan  geboren,  war  er  doch,  wie  sein  Vater,  der  im  Jahre 
1833  verstorbene,  den  Kirchenhistorikem  als  Kenner  der  Ulmer  Reformations- 
geschichte wohl  bekannte  Dr.  theol.  Georg  V.,  im  Grunde  seines  Herzens 
ein  Reichsstädter  und  versenkte  sich,  zumal  in  seinen  späteren  Jahren,  ganz 
in  die  grofse  Zeit  der  altberühmten  Reichsstadt,  die  er  nach  allen  Richtungen 
durchforschte.  Aus  seiner  vielseitigen  —  auch  naturwissenschaftlichen  und 
pädagogischen  —  litterariscben  Thätigkeit  sei  hier  nur  die  Herausgabe  des 
tractaius  de  cwitale  Ulmensi  des  Felix  Fabri»)  (Stuttg.  litt.  Verein, 
Bd.   186,  Tüb.   1889),  ^^^  ^^^  Chronik  des  Sebastian  Fischer')  (Mit- 

1)  Frater  Felix  Fabri,  Predigerordens,  geb.  144t ,  gest.  1502,  schrieb  nm  1490  als 
eine  Art  Anhang  zu  seinem  Evagatortutn  in  Urram  sanctam  (Stattgart.  Litt.  Verein, 
Bd.  I,  2  und  12,  1843  nnd  1849)  ^^^  Tractaius  de  civitate  Ulmensiy  de  etus  ortgine, 
regiminey  de  civibus  etus  et  statu,  also  eine  Beschreibung  der  Stadt  Ulm  am  Ende  des 
XV.  Jahrhunderts. 

2)  Sebastian  Fischer,  ein  Schuhmacher,  geb.  1513,  zeichnete  allerhand  Merkwürdiges, 
das  ihm  bei  seiner  ausgebreiteten  Lektüre  aufsticfs,  sowie  eigene  Erlebnisse  auf;  seine 
Chronik  ist  für  Ulms  Geschichte  im  KVL  Jahrh.  von  Wert  und  erfreut  durch  naiven  Humor, 
läfst  sich  also  in  mancher  Hinsicht  mit  dem  Kölner  JBuek   Weinsberg  vergleichen. 


—     95     — 

teflungea  des  Ulmer  Altertumsvereins,  Heft  5/8,  Ulm  1896)  mid  des  Ul- 
mischen  Urkundenbuchs  zweiter  Band  (Ulm,  G.  Kerler  1898  und  1900)  hervor- 
gehoben. 


Am  18.  November  1901  starb  in  Landshut  der  kgl.  bairische  Kreis- 
ardiivar  Josef  Edmund  Jörg,  fast  82  Jahre  alt  (geb.  aj.  Dezember 
1819).  Ab  Herausgeber  der  Historüch- politischen  Bläiter  (seit  1852) 
und  auch  sonst  als  Schriftsteller  hat  er  sich  viel  mit  der  Gegenwarts- 
geschichte beschäftigt:  1857  erschien  seine  zweibändige  Oeschichte  des 
J^rotesUvUismus ,  1860  folgte  Die  neue  Ära  in  Preufsen,  1867  die 
Ges^iwhie  der  soxicdpolüisehen  Parteien  in  Deutschland.  Anfangs  hatte  er 
Theologie  studiert,  diese  aber  bald  mit  der  Geschichte  vertauscht;  als  Hilfs- 
arbeiter Döllingers  hat  er  an  dessen  historischen  Arbeiten  einen  gewissen 
Anteil.  Seit  1852  stand  Jörg  im  kgl.  bairischen  Archivdienst,  zuerst  in 
München  und  Neuburg  a.  D.  (1858  bis  1866),  bis  er  im  September  1866 
zum  Vorstand  des  Kreisarchivs  für  Niederbaiern  in  Landshut  und  Kustos 
des  Schlosses  Trausnitz  berufen  wurde.  Seine  geschichtlichen  Arbeiten,  die 
nicht  wie  die  schon  genannten  als  Früchte  seiner  politischen  Wirksamkeit  zu 
betrachten  sind  —  er  war  als  Politiker  einer  der  Vorkämpfer  für  Baiems 
Selbständigkeit  vor  und  nach  der  Reichsgründung,  als  Landtagsabgeordneter 
(seit  1865  und  blieb  es  bis  1881)  Führer  der  bairischen  „Patriotenpartei'', 
1871  bis  1878  gehörte  er  auch  der  Zentrumsfraktion  des  Reichstags  an — , 
beschäftigen  sich  mit  der  sozialen  Revolution  des  XVL  Jahrhunderts :  schon 
1850  erschien  seine  Geschichte  des  Bauernkriegs,  185 1  folgte  Deutschland 
in  der  Bevolutionsperiode  1522  bis  1526  und  gerade  ein  halbes  Jahrhundert 
nach  der  ersten  Studie  gab  er  1900  eine  Neubearbeitung  heraus,  die  Oeschichte 
des  Bauernkriegs  1522  bis  1526.  In  seinem  Urteil  über  die  soziale  Revo- 
lution des  XVL  Jahrhunderts  nimmt  er  im  ganzen  denselben  Standpunkt  ein, 
wie  später  Janssen.  Die  soziale  Bewegung  erscheint  ihm  wesendich  als  die 
verhängnisvolle  Frucht  der  religiösen.  Er  geht  soweit,  die  Revolution  geradezu 
als  das  Werk  der  Reformatoren  zu  bezeichnen,  eine  Ansicht,  die,  wenn  auch 
nicht  ohne  berechtigten  Kern,  in  dieser  Form  doch  stark  übertrieben  ist. 
Wird  aber  auch  das  historbche  Urteil  Jörgs  durch  eine  gewisse  Einseitigkeit 
getrübt,  so  werden  seine  Werke  doch  des  reichen,  darin  verarbeiteten 
Materials  wegen  für  den  Forscher  stets  eine  unentbehrliche  Fundgrube  bleiben. 

Eingegangene  Bücher. 

Analecta  BoUandiana  tomus  XX.  Fase.  IIL    Bruxelles  1901.    288  S.    8^. 

Ausfeld,  E. :  Die  Anfange  des  Klosters  Fraulautem  bei  Saarlouis.*  [==  Jahr- 
buch der  Gesellschaft  für  lothringische  Geschichte  imd  Altertumskunde. 
12.  Jahrgang  (1900),  Metz,  S.   i — 60.] 

Bericht  über  den  ersten  Verbandstag  der  west-  und  süddeutschen  Vereine 
für  römisch-germanische  Altertumsforschung  zu  Trier  am  11.  tmd  12.  April 
1901.     Trier,  Jacob  Lintz,  1901.     66  S.    8^ 

Bon  dam,  A«  C:  Jaarverslag  met  verslag  der  aanwinsten,  en  verdere  bijlagen 
betrefifende  's  rijksoud-en  nieuwprovinciaal  archief  te  VHertogenbosch  iq 
1900.     52  S.    8<>. 


—     96     — 

Derselbe:  Verslag  omtreDt  de  oude  gemeente-en  waterschaps-archieren  in 
Noordbrabant,  uitgebracht  aan  de  gedeputeerde  staten  dier  provinde. 
's-Hertogenbosch  april  1901.     29  S.    8^ 

Cahn,  Julius:  Der  Rappenmünzbund,  eine  Studie  zur  Münz-  und  Geld- 
geschichte des  oberen  Rheinthaies.  Heidelberg,  Carl  Winter,  1901. 
2i8  S.    80.     M.  7. 

Duncker,  Ludwig:  Fürst  Rudolf  der  Tapfere  von  Anhalt  und  der  Krieg 
gegen  Herzog  Karl  von  Geldern  (1507 — 8).  [=  Mitteilungen  des 
Vereins  für  Anhaltische  Geschichte  und  Altertumskunde,  9.  Bd.,  (Dessau, 
1901),  S.  97  —  182.] 

Egli,  £. :  Laurenz  Bofshart,  der  Winterthurer  Chronist  [=  Zwingliana, 
Mitteilungen  zur  Geschichte  Zwingiis  und  der  Reformation,  herausgegeben 
von  der  Vereinigung  für   das  Zwinglimuseum  in  Zürich,    1897,   Nr.  2, 

s.  35—37.] 

Erben,  Wilhelm:  Noch  einige  Worte  über  Fringia,  Genoa  und  Sichel- 
marke. [=  Zeitschrift  für  historische  Waffenkunde,  II.  Bd.,  Heft  7, 
S.  270 — 276.] 

Feld  mann,  Wilhelm:  Theater  in  Saarbrücken.  [=:  Mitteilungen  des 
Historischen  Verems  für  die  Saargegend,  Heft  8  (i90i).     S.  57 — 63.]. 

Festgabe  des  Kirchengeschichtlichen  Vereins  für  das  Erzbistum  Freiburg 
zur  Generalversammlung  des  Gesamtvereins  der  deutschen  Geschichts- 
und Altertumsvereine  zu  Freiburg  i.  B.  1901.  [=  Freiburger  Diöcesan- 
Archiv,  Neue  Folge  2.  Bd.,  der  ganzen  Reihe  29.  Bd.]  Freiburg,  Herder, 
1901.     255  S.    8^'. 

Giannoni,  C. :  Der  historische  Atlas  der  österreichischen  Alpenländer  und 
die  Grundkarten.  [=  Vierteljahrshefte  für  den  geographischen  Unte]> 
rieht,  1901,  S.   17—30.] 

Grimme,  F.:  Die  reichsunmittelbaren  Herren  im  Gebiete  des  heutigen 
Lothringen  und  ihre  Schicksale  in  den  Jahren  1789  — 1815.  [=  Jahr- 
buch der  Gesellschaft  für  lothringische  Geschichte  nnd  Altertumskunde. 
12.  Jahrgang  (1900),  S.  242—323.] 

Ha  nsen,  Joseph:  Quellen  und  Untersuchungen  zur  Geschichte  des  Hexen- 
wahns und  der  Hexenverfolgung  im  Mittelalter.  Bonn,  Karl  Georgia 
1901.     703  S.    8*. 

Haag,  Karl:  Über  Mundartengeographie.  [=  Zeitschrift  der  Gesellschaft  für 
Beförderung  der  Geschichts-,  Ahertums-  und  Volkskunde  von  Freiburg» 
dem  Breisgau  und  den  angrenzenden  Landschaften,  herausgegeben  von 
Friedrich  Pfaff,  17.  Band.  (=  Alemannia  N.  F.  2.).  Freiburg  i.  B., 
Ernst  Fehsenfeid,  1901.     S.  228 — 246.] 

Heigel,  K.  Th.  von:  Graf  Otto  von  Bray-Steinburg,  Denkwürdigkeiten  aus 
seinem  Leben.     Leipzig,  S.  Hirzel,   1901.     208  S.    8^.     M.  4. 

Heimatkunde  für  das  Gymnasium  Augustum  der  Stadt  Görlitz.  Erster 
Teil:  Allgemeines.     Görlitz   1901.      135  S.    8®. 

Henschel,  Adolf:  Dr.  Johannes  HeTs,  der  Breslauer  Reformator.  [=  Schriften 
für  das  deutsche  Volk,  herausgegeben  vom  Verein  für  Reformations- 
geschichte XXXVII.]     Halle  a.  S.,  Max  Niemeyer,  190X.     26  S.    z6o. 

HerMUgeh«  Dr.  Anaia  Tille  in  Leipiif .  —  Dnick  uod  Verlag  von  Friedrich  Andreas  Pertliet  in  Gotha, 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


Fördenmg  der  ]andes9es€bi€htticlie&  Forscbuiig 


III.  Band  Februar  xgoa  5.  Heft 

-■■--■-'■      ■■■■-*■--  I)  ■■     — 


Zur   Gesehiehte  der  landesgesehiehtüehen 

Forschung  in  Lothringen*) 

Von 
Ernst  Müsebeck  (Mete) 

Im  Jahre  1635  war  durch  ein  königliches  Patent  die  Aeadimie 
franfoise  zu  Paris  begründet  worden.  Erst  über  ein  Jahrhundert  später 
dachte  man  in  Metz  daran,  eine  ähnliche  Gesellschaft  ins  Leben  zn 
rufen,  die  die  gelehrten  Kreise  der  alten  Reichs-  und  Bi8cho£B8tadt  in 
sich  vereinigte  ^).  Ihren  Ursprung  nahm  sie  gleich  der  Acadimie 
inui(aise  in  privaten  Zusammenkünften,  die  etwa  seit  1750  in  der 
Bibliothek  des  ms^istrat  de  Langon  stattfanden.  Der  Steuerenopfimger, 
später  avocat  am  Parlement  de  Metz,  Dupr6  de  Geneste,  war  der  Ur- 
heber des  Gedankens,  eine  wirkliche  Geselbchaft  daraus  zu  bilden. 
Am  22.  April  1757  wurde  ihre  Begründung  in  dem  Bibliothekssaale 
des  College  Saint-Louis  im  Moselfort  von  14  Teilnehmern  beschlossen; 
sie  waren  die  Begründer  der  „  soci^tö  d'^tudes  des  sciences  et  beaux- 
arts'%  zu  denen  sich  bereits  im  folgenden  Jahr  zehn  weitere  Mi^lieder 
gesellten.  Ihre  Vereinigung  trug  einen  rein  privaten  Charakter.  Erst 
der  Fürsprache  des  Herzogs  von  Belleisle,  gouvemeur  des  Trois- 
Evech^s,  in  Paris  verdankte  sie  es,  wenn  sie  im  Juli  1760  den  Titel 
einer  academie  royale  erhielt.  Seine  Thätigkeit  für  die  Akademie 
erschöpfte  sich  damit  nicht;  im  folgenden  Jahr  bewilligte  er  ihr  ein 
Geschenk  von  60000  Lires  und  schenkte  für  ihren  Sitzungssaal  im 
Stadthaus  sein  Bildnis;  Gkmstbezeugungen ,  iur  die  sie  ihm  den  Titel 
eines  protecteur-fondateur  verlieh. 


^  In  diesem  Aufsätze  wird  nur  die  periodische  Litteratnr  behandelt,  ein  späterer 
soll  der  Buch  litteratar  gewidmet  sein. 

i)  Bei  diesem  Überblick  konnte  mit  Rücksicht  auf  den  Raum  in  der  Hauptsache  nur 

auf  die  Forschungen  in  dem  heutigen  Deutsch -Lothringen  Bezug  genommen  werden.  — 

Tgl.  zur  Geschichte  der  Metzer  Akademie  C.  Abel:  Histoire   des  anciennes  soct/tü  sa- 

vanies  du  pays  messin  in  den  M^moires  de  la  soci6t6  d'arch^ologie  et  d'histoire   de  la 

Moselle,  Jahrgang  1860,  S.  69  ff. 

9 


—     122     — 

Neben  dieser,  von  königlicher  und  staatlicher  Huld  getragenen 
Akademie  konnte  eine  andere  Gesellschaft  SociiU  litUraire  de  Metz^ 
bekannter  unter  dem  Namen  Soci^ti  des  Philathtnes,  die  1759  voix 
Emmery,  avocat  am  Parlement  de  Metz,  gegründet  war,  nicht  auf- 
kommen, um  so  mehr  als  sie  auf  staatliche  Unterstützungen  keinen 
Anspruch  erhoben  zu  haben  scheint 

An  der  Spitze  des  geist^en  Lebens  des  Landes  stand  die  Aka« 
demie.  Ihre  hauptsächlichste  Bedeutung  lag  freilich  nicht  in  der  Lö- 
sung historischer  Fragen;  unter  den  24  ersten  Mitgliedern  befanden 
sich  nur  vier  Historiker.  Weit  mehr  als  die  Geschichte  zog  sie  die 
direkt  praktischen  Wissenschaften,  Physik,  Chemie,  Botanik  in  den 
Bereich  ihrer  Thätigkeit,  suchte  sie  zur  Förderung  der  Kultur  des 
Landes  zu  verwerten  und  so  ein  Bindeglied  zwischen  reiner  Wissen- 
schaft und  praktischem  Leben  zu  bilden.  Die  Preisaufgaben,  die  sie  stellte^ 
beschäftigten  sich  in  erster  Linie  mit  der  Ausdehnung  eines  rationellen 
Acker-  und  Weinbaues,  der  Kanalisierung  der  Mosel  und  der  Ver- 
besserung der  Lebensbedingungen  der  Bewohner.  Das  eine  Verdienst 
jedoch  bleibt  ihr  ungeschmälert,  dafs  sie  als  erste  Vereinigung  von 
Laien  die  Behandlung  landesgeschichtlicher  Forschungen  in  ihr  Pro- 
gramm mit  aufgenommen  und  damit  bezeugt  hat,  da&  sie  die  Bedeu- 
tung dieser  Fragen  für  die  Zukunft  eines  Landes  wohl  erkannte. 

Noch  im  Jahre  1792  wurde  sie  bei  der  Aufhebung  der  Klöster 
damit  beauftragt,  über  die  Erhaltung  ihrer  Bibliotheken  zu  wachen; 
bereits  ein  Jahr  später,  1793,  erlag  sie  selbst  dem  Ansturm  der  Re- 
volution als  dem  Prinzipe  der  Gleichheit  widersprechend. 

Erst  nach  der  Restauration  des  Königtums  kam  es  im  Jahre  18 19 
zur  Neubegründung  einer  wissenschaftlichen  Gesellschaft  in  Metz,  der 
Soci^te  des  lettres,  sciences  et  arts  de  Metz  '),  die  sich  von 
Anfang  an  der  Unterstützung  der  staatlichen  und  städtischen  Behörden 
erfreute  und  durch  Ernennung  der  fünf  noch  lebenden  Mitglieder  der 
sdten  Akademie  zu  Ehrenmitgliedern  sich  als  ihre  Fortsetzung  be- 
zeichnete. Ihr  Wirkungskreis  erstreckte  sich,  nachdem  sie  1898  zur 
acad^mie  royale  erhoben  war,  auf  dieselben  Gebiete  unter  stärkste» 
Hervorhebung  der  Förderung  der  Industrie  durch  alle  fünf  Jahre  sieb 
wiederholende  Ausstellungen  und  durch  regelmäfsige  Unterrichtskurse 
für  die  Handwerker.     Ihr  Ziel   war  das  gleiche :   le  •  but  itait  d'etr& 

i)  VgL  über  die  Akademie,  ihre  Be^rÜndnng  nnd  ihre  Thätigkeit  die  einzelneix 
Jahresberichte  in  ihren  Memoiren  is.  S.  123  Anm.  i),  und  Didion:  Notice  sur  l'aca^ 
d/mü  royale  de  Metz,  in  Memoiren  1838/39,  S  381  ff.,  nnd  B.  Kairre:  Considiraiiorut 
ginercdes  sur  Vetuemble  des  travaux  de  l'acadimie,  Memoiren  1836/37  II,  S.  198  fi. 


—     123     — 

uiiU  et  eile  le  /armula  en  prenant  le  mot  V  Utile  paur  devtse.  Von 
Wichtigkeit  war  es,  dais  sich  die  Gesellschaft  gleich  im  Anfang  ihres 
Entstehens  ein  eigenes  Organ  zu  Mitteilungen  über  ihre  Sitzungen  und 
zn  wissenschaftlichen  Arbeiten  schuf).  Die  meisten  geschichtlichen 
Anfisätze  haben  freilich  heute  nur  noch  historiographischen  Wert,  weil 
sie  nicht  auf  die  Quellen  selbst  zurückgehen;  damals  boten  sie  die 
einzige  Möglichkeit,  das  Interesse  für  historische  Studien  auch  in  wei- 
teren Kreisen  zu  fördern.  Von  Bedeutung  sind  dagegen  heute  noch 
die  Fundberichte,  die  in  den  Memoiren  veröffentlicht  wurden. 

Beinahe  40  Jahre  bildete  die  Akademie  mit  ihrer  Zeitschrift  für 
die  Geschichtschreibung  des  Landes  das  einzige  Organ»  Erst  mit  der 
Ausbreitung  historischer  Studien  in  den  vierziger  Jahren  in  Frankreich, 
die  dann  von  der  kaiserlichen  Regierung  kräftig  unterstützt  wurde,  be- 
gann  auch  hier  eine  Änderung  sich  vorzubereiten.  In  allen  Provinzen 
Frankreichs  bildeten  sich  Vereine  zur  Förderung  landesgeschichtlicher 
Forschung,  die  durch  die  congrte  scientifiques  et  arch^ologiques  zu- 
sammengehalten wurden.  Diese  Versammlungen  fanden  in  den  Jahren 
1S37,  1846  und  1854  in  Metz  statt  und  scheinen  hier  einen  nach- 
haltigen Eindruck  hervorgerufen  zu  haben. 

Wenige  Jahre  darauf,  am  26.  März  1858,  wurde  die  soct^t^  d'ar- 
ch^ologie  et  d'histoire  de  la  Moselle  begründet  und  damit  die  erste 
Gesellschaft  in  Metz  geschaffen,  die  ihr  Arbeitsgebiet  auf  ein  be- 
stimmtes Gebiet,  auf  die  historischen  Wissenschaften,  beschränkte.  Als 
ihr  Ziel  bezeichnete  sie  ,,la  recher  che,  la  conservation  des  mant^ 
ments  et  documents  histon'ques,  arch^ologiques  concemant  la  pro* 
vince,  l'impression  de  documents  importants  four  Vhistoire  du  pays 
et  la  r^impression  de  livres  devenus  trop  rares  relati/s  ä  cette\meme 
histaire"  ').  Diese  Veröffentlichungen  sollten  in  unbestimmten  Zwischen- 
räumen erfolgen.  Daneben  diente  die  Herausgabe  von  Sitzungsberichten 
(Bulletins)  und  Abhandlungen  (MämoiresJ  der  Gesellschaft  zur  Er- 
reichimg ihrer  Ziele  ').  Ihr  Eigentum  an  Fundstücken  und  an  Kunst- 
len  deponierte  sie  im  städtischen  Museum  zu  Metz. 

Dieser  Verein,    mit  denselben  Mitteln   und   nach    den  gleichen 


x)  Zaent  bis  Bd.  9:  Memoire  de  la  socUti  des  Uttre$^  sctences,  et  arU  de  Mett^ 
Bd.  io/a8;  MAnaires  de  l'academü  royaie  de  Metu^  Bd.  29/33:  MAnoires  de  Vacadimü 
maHomaUt  Bd.  34^51:  de  Vacadimü  impiriaU^  von  Bd.  52  an  bis  jeUt  (Bd.  79):  Mi» 
müires  de  Vaeaäemie  de  MetM, 

%)  BoUetiii  ...  de  1a  umM  (TgL  Änm.  3)  I,  8,  3. 

3)  Mimoires  de  la  sccüU  d'arMoloqü  ei  d^hisUrire  de  la  MoselU  and  Bulletins, 
jene  1861— 1885  imd  x888,  diese  1858— 1873;  Register  im  Jahrbach  (vgl  S.  i26,Anm.  i). 

9» 


—     124     — 

Zielen  wie  ansere  deutschen  Altertumsvereine  arbeitend,  bildete  fortan 
den  Mittelpunkt  der  historischen  Forschnngfen  für  das  Moseldeparte- 
ment. Ihre  Schriften  bieten  ein  wertvolles  Material  zur  Geschichte 
des  Landes;  seine  vornehmsten  Forscher:  Abel,  A.  und  L.  Benoit, 
de  Bouteiller,  Ledain,  Migette,  A.  Prost  zählten  zu  ihren 
Mitgliedern. 

Schon  fast  ein  Jahrzehnt  früher,  im  Jahre  1849,  ^^^  ^^^  Soci^t^ 
d'archöologie  lorraine  zu  Nancy  begründet  worden,  die  in  ihr  Arbeits- 
gebiet das  ganze  Meurthedepartement,  also  auch  die  jetzt  zu  Deutsch« 
land  gehörigen  Teile,  gezogen  hatte  ^).  Damit  waren  für  den  Umfang 
des  heutigen  Deutschlothringens  die  äufseren  Bedingungen  gegeben, 
für  die  Erhaltung  seiner  historischen  Denkmäler  und  ihre  Verwertung 
für  die  Geschichtschreibung  Sorge  zu  tragen. 

Die  Organe  beider  Gesellschaften  bieten  reiches  Material  und  ein- 
gehende Forschungen  zur  lothringischen  Geschichte.  Ihr  Arbeitsgebiet 
erstreckte  sich  vor  allem  auf  die  politischen  Gebiete,  denen  ihr  Haupt- 
sitz  seine  geistige  imd  wirtschaftliche  Blüte  verdankte.  Beschäftigte 
sich  die  Gesellschaft  zu  Nancy  hauptsächlich  mit  dem  Herzogtum  Lo- 
thringen *) ,  so  zog  die  soci^ti  d'arch6ologie  et  d'histoire  de  la  Mo- 
seile  in  erster  Linie  die  Geschichte  des  Bistums  und  der  Stadt  Metz 
sowie  des  pays  messin  und  der  in  ihnen  gelegenen  Stiftungen  und 
Dörfer  in  ihr  Forschungsgebiet.  Das  alte  Herzogtum  und  Metz  und 
mit  Metz  die  Trois-Ev^chös  überhaupt,  fanden  in  jenen  beiden  Gesell- 
schaften Mittelpunkte,  die  ihre  Geschichte  zum  Gegenstand  ihres  Stu- 
diums machten ;  eine  dritte  Gruppe  von  Territorien,  deren  Vergangen- 
heit notwendig  zur  richtigen  Charakterisierung  des  alten  Lothringens 
bis  zur  Revolution  gehört,  blieb  dagegen  von  den  Forschungen  fast 
unberührt :  die  kleinen  Territorien  und  Herrschaften,  die  im  Gebiet  des 
burgundischen  und  oberrheinischen  Kreises  lagen  und  zum  Teil  noch 
dem  deutschen  Sprachgebiete  angehörten.     So  gelang  es  der  soci^t^ 


i)  Sie  giebt  die  ZeiUchrifl  horaoi:  JüHtnoires  de  la  sociiti  d'itrchiologü  Urrame 
bis  1S99,  49  Bfinde,  Register  bis  1874. 

2)  Die  Ton  ihr  herausgegebenen  Documents  sur  Vhistoire  de  Lorraine  beschäftigen 
sich  ausnahmslos  mit  dem  Herzogtum,  aus  den  18  Bänden  seien  folgende  hervorgehoben: 
Henri  Lepage:  Documents  inidits  sur  la  guerre  des  Jfusiauds,  Nancy  1861;  Ders. : 
Lettres  et  Instructions  de  Charles  III,  due  de  Lorraine  relcUvves  aux  affaires  de  la 
UguCf  Nancy  1864;  F.  A.  Schmit:  La  guerre  de  trente  aux  en  Lorraine  jusqu'ä 
la  destruction  de  la  Mothe  1632— 164$ t  3  Bände,  Nancy  1 866/68:  Ch.  Gayot:  R^ 
cueil  d'inventaires  des  ducs  de  Lorraine  (1530 — 1606),  Nancy  189 1-;  Le  Mercier  de 
Mori^re:  Catalogue  des  aetei  de  Maihieu  IL  duc  de  Lorraine  1220/$^  (besorgt  von 
Ch.  Pfister),  Nancy  1893. 


—     126     — 

SD  Metz  auch  nicht,  jemals  in  dieaen  Gebteten  eine  nennenswerte  Zaiil 
von  Mitgliedern  zu  gewinnen.  Ihrer  Zusammensetzung  nach  blieb  sie 
immer  eine  rein  lokale,  weil  sich  anch  ihr  Forschungsgebiet  durch 
allzn  enge  lokale  Grenzen  bestimmte '). 

Hemmend  auf  die  Entwickelung  der  Gesellschaft  wirkten  natur* 
gemäft  der  Krieg  von  1870/71  und  seine  Folgen;  der  Aufschwungs 
der  sich  in  Frankreich  bald  darauf  in  den  historischen  Studien  be** 
merkbar  machte,  gewann  für  jene  keine  Bedeutung  mehr.  Anderseits 
war  ihre  Zusanmiensetzung  nicht  danach  angethan,  ihr  die  Sympathieen 
der  Eingewanderten  zu  gewinnen.  Zeitweilig  verlöte  sie  ihre  Sitzungen 
in  das  benachbarte  französische  Städtchen  Briey,  wo  eine  Ortsgruppe 
begründet  wurde;  die  Zahl  der  Mitglieder  sank  von  Jahr  zu  Jahr; 
viele  von  ihnen  wanderten  nach  Frankreich  aus,  und  neue  wurden 
nicht  mehr  aufgenommen.  So  war  es  kein  Wunder,  wenn  sie  ihren 
Au%aben  sich  nicht  mehr  gewachsen  zeigte  und  seit  den  achtziger 
Jahren  nur  noch  ein  nominelles  Dasein  führte. 

Es  war  das  Verdienst  des  Bezirkspräsidenten  Freiherm  v.  Hammer* 
stein,  jetzigen  preufeischen  Ministers  des  Innern,  in  Vereinigung  mit 
dem  Archivdirektor  Dr.  Wolfram  auf  dem  Gebiete  der  lothringischen 
Geschichtsforschung  eine  völlige  Neugestaltung  herbeigeführt  zu  haben. 
Beide  erhefsen  am  20.  September  1888  ein  Rundschreiben  an  alle 
interessierten  Kreise  unter  den  Eingeborenen  und  Eingewanderten,  in 
dem  der  Plan  der  Errichtung  einer  Gesellschaft  für  lothrin« 
giscbe  Geschichte  und  Altertumskunde  unter  dankbarster 
Anerkennung  der  Leistungen  der  soci^t^  ihnen  vorgelegt  wurde'); 
bereits  am  13.  Oktober  1888  konnte  eine  konstituierende  Versamm* 
long  berufen  werden,  und  am  5.  November  erfolgte  die  Bestätigung 
der  Regierung.  Von  Anfang  an  erwies  es  sich,  dais  hier  ein  Boden 
gemeinsamer  Arbeit  für  Einheimische  und  Eingewanderte  ohne  Rück« 
sieht  auf  religiöse  oder  politische  Stellung  gefunden  sei.  In  wenigen 
Jahren  dehnte  sich  die  Mitgliederzahl  auf  ganz  Deutschlothringen  aus  '). 
Der  enge  Zusammenhang  mit  der  Regierung  des  Landes  wurde  da^ 


x)  Am  X.  Januar  1860  zählte  sie  etwa  180  Mitglieder,  darunter  5  in  Lothringen 
M6erfaaU>  Mctx  oad  der  näciuten  Umgebung,  und  etwa  15  ans  dem  ttbrigen  Frankreich; 
1S66  etwa  180  Mitglieder,  darunter  33  in  Lothringen  aafaeriialb  Mets  nnd  der  nächsten 
Umgefanng;  im  deotschen  Sprachgebiet  etwa  5. 

3)  VgL  Jahrbuch  I,  S.  4ff.  ^  S.  126  Anm.  x). 

3)  Schon  1889  be&Dden  sich  nnter  den  m  Mitgliedern  der  Gesellschaft  41  anftcr^ 
halb  Mets  and  der  nächsten  Umgebang;  1896  unter  290  Mitgliedern  etwa  180  auiserhalb  dieses 
Kreises;  am  s.  April  1901  zählte  die  Gesellschaft  362»  am  x.  Januar  1902  bereiu  402  Mitglieder. 


—     136     — 

durch  festgehalten,  dals  der  jedesmalige  Bezirkspräsident  von  Rechts 
wegen  der  Präsident  der  Gesellschaft  sein  solle.  Ihr  Zweck,  wie  er 
sich  in  den  Statuten  ausgesprochen  findet,  deckt  sich  mit  den  Zielen 
der  alten  soci£t6,  das  Interesse  an  der  Geschichte  und  Altertumskunde 
Lothringens  zu  fördern,  insbesondere  durch  Studien,  gemeinsame  Be- 
sprechungen, Vorträge,  Herausgabe  eines  Jahrbuchs  und  historischer 
Denkmäler,  Sammlungen.  Im  Jahre  1891  wurde  der  Gesellschaft  vom 
kaiserlichen  Ministerium  eine  jährliche  Unterstützung  von  1000  Mk., 
von  der  Stadt  Metz  eine  solche  von  500  Mk.  bewilligt.  In  demselben 
Jahre  traf  sie  auch  ein  Abkommen  mit  dieser  über  das  Eigentums- 
techt  und  die  Aufstellung  der  von  der  Gesellschaft  erworbenen  Alter- 
tümer und  Kunstgegenstände  im  städtischen  Museum.  Förderung  hatte. 
«ie  sicherlich  auch  durch  die  1889  in  Metz  abgehaltene  General- 
versammlung der  deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine  erfahren. 
Ihr  Jahrbuch  war  bald  zu  einer  reichhaltigen  Sammelstelle  der  Ar- 
beiten aller  einheimischen  Forscher  auf  allen  Gebieten  historischen 
Wissens  geworden  *). 

Der  Fortschritt,  den  die  Thäügkeit  der  Gesellschaft  gegenüber 
der  der  alten  soci£t6  bedeutete,  lag  zunächst  in  ihrer  Ausdehnung  auf 
ganz  Lothringen.  Das  Interesse  erwies  sich  als  hinreichend  stark 
genug,  daüs  bereits  1893  der  Plan  zur  Bildung  von  Ort^^ppen  ge- 
fafst  werden  und  die  erste  in  Saaigemünd  sich  bilden  konnte.  Zu 
gleicher  Zeit  trat  sie  auch  der  Angabe  näher,  die  lokalgeschichtlichen 
Quellen  zur  Geschichte  I^thringens  zu  veröffentlichen.  Schon  1895 
wurde  über  die  Gründung  einer  Kommission  zur  Herau^abe  elsab- 
lothringischer  Geschichtsquellen  verhandelt;  die  Besorgnis,  dais  Lo- 
thringen nicht  als  gleichwertiger  Faktor  dem  Eisais  zur  Seite  treten 
werde,  lieis  die  Gesellschaft  von  der  Verwirklichung  dieses  Planes  ab- 
stehen und  vielmehr  darauf  hinarbeiten,  aus  sich  selbst  heraus  mit 
Unterstützung  staatlicher  und  kommunaler  Behörden  und  privater  Bei- 
hilfe eine  eigene  Kommission  für  Lothringen  zu  bilden.  Das  Ziel  ist 
erreicht  und  der  erste  Band  der  Quellen  konnte  bereits  der  Öffent- 
lichkeit  übergeben    werden  *).     Die    Grundkarten   für   ganz   Deutsch- 


i)  Jahrbach  der  Gesellschait  fUr  lothringische  Geschichte  und  Altertnmsknnde ,  1888 
bis  1900,  12  Bände,  in  dem  auch  ansltthrliche  Jahresberichte,  sowie  in  letster  Zeit  mch 
Berichte  Über  die  Erwerbangen  des  Museums  ▼eröffentlicht  werden.  Der  Inhalt  der  ein- 
zelnen Bände  kann  hier  nicht  angegeben  werden;  vgl.  Jahresberichte  der  Geschichts- 
wissenschaft die  einzelnen  Bände,  besonders  XIV,  1891,  II,  336;  XYI,  1893,  II,  238; 
XIX,  1896,  II,  233. 

2)  Quellen   znr  lothringischen  Geschichte,   henuugegeben  Ton  der  Gesellschaft  ftir 


—     127     — 

Lothiingen  mit  einten  angrenzenden  französischen  Gebieten  wurden 
im  Laufe  dieses  Jahres  gleichfalls  fertig  gestellt.  So  wurde  das  that- 
sächliche  Arbeit^ebiet  ein  umfassenderes  als  das  der  socidt^.  Dafür 
l^ea  auch  die  Aufsätze  des  Jahrbuches  Zeugnis  ab.  Folgende  Fragen 
sind  es,  die  durch  sie  besondere  Förderung  erfahren  haben:  die  prä- 
historische Forschung  nebst  der  römischen  Zeit,  die  Bestimmung  der 
nationalen  Grenzen  zwischen  Romanen  und  Germanen  und  ihre  Ver- 
schiebung; die  Erforschung  der  Dialekte  auf  lothringischem  Boden, 
die  Geschichte  des  Bistums  in  verschiedenen  Perioden,  die  Territorial«- 
geschichte  der  kleinen  lothringischen  Herrschaften  und  die  Geschichte 
der  Reunionskammer  zu  Metz. 

Das  Jahrbuch  bildet  somit  das  wichtigste  Oi^an  für  die  landes- 
geschichtliche Forschung  Lothringens.  Erwähnenswert  sind  noch  von 
den  in  Metz  erscheinenden  Zeitschriften  die  in  französischer  Sprache 
geschriebenen  Memotres  de  Vaeademie  de  Metz  ^)  tmd  die  Revue 
eccUsiastique  %  die  beide  auch  historische  Aufsätze  bringen.  Für  die 
Arbeiten  zur  Restaurierung  der  Kathedrale  von  Metz  hat  sich  der 
Dombauverein  ein  eigenes  Blatt  das  Metzer  Dombaublatt  in  deutscher 
und  französischer  Sprache  geschaffen. 

Von  gleicher  Bedeutung  wie  das  Jahrbuch  für  den  ganzen  Um- 
fang laodesgeschichtlicher  Studien  verspricht  für  die  Kunstgeschichte 
und  ihre  Einwirkung  auf  weite  Kreise  das  Unternehmen  zu  werden, 
das  die  lothringischen  Kunstdenkmäler  zu  reproduzieren  bezweckt'). 
Ihm  zur  Seite  tritt  eine  andere  Schöpfu^,  die  der  Initiative  der  Re- 
gierung verdankt  wird  und  sich  in  erster  Linie  die  praktische  Aufgabe 
gestellt  hat,  auf  die  zukünftige  Entwickelung  des  Kunstgewerbes  in 
Elsafs-Lotbringen  einzuwirken ;  doch  wird  ihr  für  Lothringen  auch  sicher- 
lich eine  grofse  kunstgeschichtliche  Bedeutung  beigemessen  werden 
müssen  % 


lothringische  Geschichte  und  Altertunskaode,  Bd.  I:  H.  V.  SaaerUnd,  Vatikanische  Ur- 
kunden and  Regesten  zor  Geschichte  Lothringens,  erste  Abteilung  1294 — 1342,  Metz 
1901.  —  Vgl.  Jahrbach  VII,  S.  212  und  Deotoche  GeschichUblätter  II,  S.  142  und 
S.  304  Anm. 

1)  VgL  S.  123  Anm.  i. 

2)  Erscheint  seit  1S90  in  Mets,  bis  1900  in  monatlichen  Heften,  Bd.  I— XI. 

3)  Eisdsstsche  und  lothringische  KumÜUnkmakr^  henmsg^eben  von  Dr.  S.  Hans* 
mann  nnter  Mitwirkung  von  anderen  Gelehrten.  IL  Lothringische  Kunstdenkmälert 
Straisbwg,  Text,  deoUch  und  französisch,  Ton  Archivdirdctor  Dr.  Wolfram  und  60  Tafeln 
(Stadtbawat  Wahn).    VgL  Deirtache  GescfaichUblittter  I,  S.  286. 

4)  Das  Kunstgewerbe  in  EUa/s^Lothringen.  Heransg^eben  mit  UnterstflUang  dv 
Elsafs-Lothringischen  Landesregierung  von  Prof.  Anton  Seder,  Direktor  der  Kunstgewerbe- 


—     128     — 

Von  weit  gröiserer  Wichtigkeit  für  die  landesgeschichtliche  For- 
schung in  Lothringen  als  die  2^itschriften  der  benachbarten  dentschen 
Gebiete  sind  die  historischen  Zeitschriften  des  östlichen  Frankreichs. 
Der  historische  Zusammenhang  in  allen  seinen  Einzelbeziehungen  zwi- 
schen dem  jetzigen  Deutsch*Lothringen  und  den  benachbarten  fran- 
zösischen Gebieten  war  jahrhundertelang  zu  eng,  als  dafs  ihn  eine  so 
kurze  Spanne  Zeit  von  30  Jahren  hätte  trennen  können.  Hier  bildet 
besonders  die  Universität  Nancy  den  Mittelpunkt  historischer  For- 
schungen. Die  französische  Zeitschrift,  die  wohl  fiir  die  bedeutendste 
des  ganzen  fianzösischen  Ostens  gelten  kann,  sind  die  Annales  de 
VEst  %  die  in  allen  ihren  Bänden  mit  der  deutsch*lothringischen  For- 
schung sich  berühren.  Erwähnt  wurden  schon  die  MSmoires  de  la 
sociötd  d'archiologie  lornune,  die  in  Gemeinschaft  mit  dem  Museum 
zu  Nancy  auch  noch  ein  jährliches  Journal  erscheinen  läfst ').  An 
dritter  Stelle  sind  endlich  noch  die  gleichfalls  in  Nancy  erscheinenden 
M^moires  de  Pacadimie  de  Stanislaw  ^)  anzuführen.  Zerstreute  Auf- 
sätze und  Nachrichten  zur  Geschichte  Lothringens  bringen  schlie&lich 
auch  noch  das  Bulletin  de  la  soci^U  philomatique  vosgienne  und 
die  Mämoires  de  la  socMd  des  lettres,  sciences  et  arts  de  Bat" 
le-Duc, 

Von  bereits  eingegangenen  Zeitschriften  verdienen  Erwähnung  die 
in  Metz  erschienenen  Revuen,  die  gleichsam  als  die  Vorgänger  der 
Annales  de  VEst  angesehen  werden  können,  nämlich:  Revue  d'Au^ 
strasie  1837 — i842i  Revue  de  Metz  1844 — 1845,  JOAustrasie,  Revue 
de  Metz  et  de  Lorraine  1853 — 1863,  die  schliefslich  unter  dem  Namen 
Revue  de  l'Est  (VAustrasie)  bis  1867  weitergeführt  wurde.  Auch 
die  in  Straisbuzg  und  Metz  von  1881  — 1889  erschienene  La  Revue 
nowvelle  d* Alsace^Lorraine  brachte  Aufsätze  historischen  Inhalts. 

Bedeutsame  Förderung  hat  die  Geschichte  Lothringens  durch  die 
fortschreitende  Inventarisierung  der  Archive  und  die  Katalogisierung 
der  in  den  Bibliotheken  aufbewahrten  Handschriften  gefunden;  einige 
der  wichtigsten  seien  hier  noch  zum  Schlufs  dieses  ersten  Abschnittes 
erwähnt     Nach  dem  Muster  aller  französischen  Archivinventare  wurde 


•chnle  io  Stirnftburg,  und  Dr.  Friedrich  LeitBchucli,  Professor  mn  der  Kaiser  Wilhelms- 
iJnWersität,  Strafsbnrg;  fttr  Lothringen  avfserdem  wichtig:  La  L^rratne^Artuie^  Nancy, 
bis  1S99  17  Jahrginge. 

i)  Paris-Nancy,  bis  1900  14  Bfinde. 

2)  Vgl.  S.  x24  Anm.  x.  —  Journal  de  ia  sociHi  tPorchebiogie  iarrättne  H  Su  eo- 
miii  du  nmsie  lorrain,  Nancy  1857— 1S99,  48  Bande. 

3)  Bit  1900  150  Jahi^Snge;  Register  bis  1866. 


—     129     — 

bearbeitet  E.  Sauer:  Inventaire  somtnaire  des  archives  d^parte- 
mentales  de  la  Larratne  auUrteures  ä  lygOy  Metz  1879  (Serie  G), 
1890  (Serie  A — ^E),  1895  (Serie  H);  daran  schliefst  sich  ein  dankens- 
wertes Verzeichnis  der  Lehnsstücke,  Inventaire  des  aveux  et  dänombre- 
ments  diposes  aux  archives  dipartementales  de  Metz,  precede  d^une 
noiice  sur  la  criation  de  la  chambre  royale,  Metz  1894,  desselben 
Verfassers,  ehemaligen  Archivdirektors  des  Bezirks  Lothringen.  In 
gleicher  Weise  müssen  natürlich  auch  die  Inventare  des  Archivs  zu 
Nancy  herangezogen  werden.  Aus  Bibliotheken  verdienen  besonders 
zwei  jüngst  veröffentlichte  Erwähnung:  L.  Germain:  Manuscrits  de 
la  übliothtqtie  de  Luxembourg  und  P.  Marichal:  Catalogue  des 
manuscrits  conserves  ä  la  biblioth^que  nationale  sous  les  «<»*  /  ä 
J2^  de  la  collection  de  Lorraine  (Documents  sur  l'histoire  de  Lor- 
raine  XVIII;  vgl.  S.  124  Anm.  2).  Ein  Catalogue  des  manuscrits 
relattfs  ä  l'histoire  de  Metz  et  de  la  Lorraine,  r^dig^  par  M.  Clercx, 
conservateur  (Metz  1856)  giebt  uns  einen  vorläufigen  Aufschlufs  über 
den  Reichtum  an  Manuskripten,  den  die  Metzer  Stadtbibliothek  zur 
lothringischen  Geschichte  besitzt.  Es  wäre  eine  der  wichtigsten  Auf- 
gaben ihrer  Verwaltung,  den  Druck  eines  vollständigen  beschreibenden 
Katalogs  der  Manuskripte  ins  Werk  zu  setzen. 


Historisehe  Topographie  mit  besonderer 
Berüeksiehtigung  ]4iederösterreiehs 

Von 
Max  Vancsa  (Wien) 

(Schlufs*) 

Als  nun  ich  im  April  1901  von  der  Leitung  des  Vereins  für 
Landeskunde  den  ehrenvollen  Antrag  zur  Fortführung  der  Redaktion 
der  „Topographie"  vom  sechsten  Bande  an  erhielt,  nahm  ich  unter 
der  Bedingung  an,  dafs  man  mir  gestatte,  die  notwendig  gewordenen 
Reformen  durchzuführen. 

Selbstverständlich  konnte  es  sich  dabei  nicht  um  eine  völlige 
Umgestaltung  des  nun  einmal  bereits  bis  zur  Hälfte  gediehenen  Werkes 
handeln,  sondern  nur  um  eine  praktische  und  zeitgemä&e  Ausgestal* 


•)  Vgl.  S.  97—109. 


—     130     — 

tung.  Sie  sollte  das  bisher  geschaffene  Gute  möglichst  bewahren,  die 
gewonnenen  Erfahrungen  aber  verwerten,  Veraltetes  absto&en,  Neues 
organisch  einfügen,  die  zugänglichen  Quellen  möglichst  vollständig 
und  nach  allen  Richtungen  hin  ausnützen  und  endlich  die  Einheitlich- 
keit und  dadurch  die  Benutzbarkeit  des  Werkes  erhöhen. 

Das  erste  und  wichtigste  Erfordernis  war  die  Ausarbeitung  eines 
einheitlichen,  allen  Artikeln  zu  Grunde  zu  legenden  Planes,  welcher 
als  „Instruktion'*  jedem  Mitarbeiter  an  die  Hand  gegeben  werden 
kann.  Mit  Berücksichtigung  der  bisherigen  Anlage  des  Werkes,  der 
modernen  Anforderungen  an  ein  derartiges  Unternehmen,  welche  sich 
ja  seit  dessen  Beginn  vielfach  verschoben  haben  (während  z.  B.  ältere 
Topographen  der  Genealogie  einen  breiten  Raum  zuweisen,  treten  jetzt 
siedlungs-  und  wirtschaftsgeschichtliche  Fragen  in  den  Vorder- 
grund des  Interesses],  sowie  der  —  im  Eingang  dieses  Auf- 
satzes gewürdigten  —  gleichzeitigen  wissenschaftlichen  Bestrebungen 
in  Deutschland  entwarf  ich  folgendes  Idealschema  für  den  histo- 
rischen Teil  *). 

I.  Ortsname  (Zusammenstellung  der  überlieferten  Namensfonnen 
mit  Zeit-  und  Quellenangabe;  Namenerklärung). 

II.  Prähistorische  und  römische  Funde. 

III.  Ortsgeschichte  (aufser  den  historischen  Ereignissen,  insbesondere 
die  Gründung,  beziehungsweise  Feststellung  der  ältesten  Erwähnung; 
femer  womöglich  der  ältesten  Bcsiedlungsform  [der  Dorf-  und  Flur- 
anlage, des  Hausbaues];  zuletzt  auch  Wappen  und  Siegel). 

IV.  Verfassung  und  Verwaltung  (in  historischer  Entwickelung ; 
insbesondere  Gerichtsbarkeit,  bezw.  Gerichtszugehörigkeit,  Finanz- 
verwaltung, Wohlfahrtswesen ;  Angaben  über  die  Privilegien,  Gemeinde- 
protokolle und  sonstigen  Archivalien). 

V.  Geschichte  der  staatlichen  und  Landesbehörden;  allenfalls  der 
Garnison. 

VI.  Herrschaft  (Art  der*  Herrschaft;  Besitzerreihe;  Herrschafls- 
besitz;  Baugeschichte  und  Beschreibung  des  Schlosses;  Herrschafts» 
archiv). 

VII.  Kirchengeschichte  (Gründung  der  Kirche  [Kapelle],  Pfarre, 
des  Klosters,  bezw.  älteste  Erwähnung;  Patrocinium,  Patronat;  Reihe 
der  Pfarrer  oder  Klostervorstände;  Baugeschichte  der  kirchlichen  Ge- 


i)  Fttr  den  anthropo-geognphischen  Teil  arbeitete  anf  meine  Einladung  hin  Herr 
Prof.  Robert  Sieger  (Wien)  gleichfalls  einen  neuen  Plan  aas,  von  dem  ich  aber  hier, 
wo  hauptsächlich  „Historische  Topographieen '<  besprochen  werden  soUen,  leider  ab- 
sehen mafs. 


—     131     — 

bäade;   oeren  Kunstschätze  und  Archivalien;   Friedhof;  Dotation  der 
Piazre;  Beneb^ien  und  Stiftungen;   Bruderschaften;   Besitzverfaältnisse ; 
ao6eidem  Aü^^en  über  die  evangelische  Gemeinde  und  die  Juden). 
VII.    ScDulgeschichte. 

IX.  Geschichte  der  Vereine. 

X.  Historisches  über  die  landwirtschaftlichen  Betriebe  (Feld-  und 
Wiesenbau,  Obstkultur;  Viehzucht  u.  s.  w.;  Art  des  Betriebes). 

XI.  ueschichte  der  Gewerbe  und  Industrieen  (Handwerks-  und  Ge- 
werbeordnungen;  abgekommene  Betriebe). 

XII.  Geschichte  und  Beschreibung  hervorragender  Baulichkeiten 
(Befestigungen ;  Rathaus  u.  a.  Bauten ;  Wahrzeichen ;  historische  Haus- 
schilder; Denk-  und  Betsäulen;  künstlerische  Brunnen). 

XIII.  Historische  Notizen  über  gemeinnützige  Einrichtungen  und 
sonstige  Merkwürdigkeiten  des  Ortes. 

XIV.  Berühmte  Männer  und  Frauen  (entweder  im  Ort  geboren 
oder  durch  längere  Zeit  ansässig;  dazu:  Reichsrats-  und  Landtags- 
abgeordnete). 

XV.  Lokalsagen. 

Die  einzelnen  Angaben  müssen  quellenmäCsig  belegt  sein,  wobei 
nicht  nur  die  gedruckte  Litteratur  vollständig,  sondern  auch  das  archi- 
valische  Material  nach  Möglichkeit  und  Zugänglichkeit  herangezc^en 
werden  soll  ').  Auffallende  Lücken  müssen  begründet  werden.  Der 
Übersichtlichkeit  und  bequemeren  Benutzbarkeit  halber  soll  die  ge- 
gebene Reihenfolge  möglichst  eingehalten  werden,  sofern  nicht  ge- 
wichtige innere  Gründe  eine  Verschiebung  notwendig  machen.  Hin- 
sichtlich der  Darstellung  wird  an  der  bisherigen  Form  der  zusammen- 
hängenden Ausarbeitung  festgehalten,  doch  jeder  Mitarbeiter  darauf 
hingewiesen,  dafs  der  Charakter  des  Werkes  der  eines  praktischen 
Nachschlagebüches  sein  und  nicht  eine  Sammlung  von  Monographieen 
geboten  werden  soll.  Es  ist  demnach  möglichste  Knappheit  der  Dar- 
Stellung  erwünscht,  phrasenhafte  Reflexionen,  allgemeine  Erörterungen 
über  die  Landes-  und  Kulturgeschichte,  Polemiken,  Wiederholungen 
aus  früheren  Artikeln  sind  gänzlich  zu  vermeiden.  Nach  dem  Prin- 
zipe  der  Arbeitsteilung  werden  gewisse  Detaiifn^en  einer  eigenen  fach- 
mannischen Bearbeitung  unterzogen  werden.     Z.  B.   ist  iur  den  orts- 

i)  Znr  Eiieichtemng  der  Arbeit  habe  ich  mit  spezieller  Rücksichtnahme  auf  die 
Zwecke  der  „Topographie''  eine  bibliographische  Zusammeastellang  der  gedruckten 
Quellen  nnd  der  allgemeinen  Litteratur  (bes.  Handbücher  n.  dgl.)  znr  Landeskunde,  sowie 
eine  Obenicht  über  die  haoptsachlich  fttr  Niederösterreich  in  Betracht  kommenden  Be- 
stiiide  der  Wiener  Archive  Yerfafst,  welche  im  Verlag  des  Vereins  im  Druck  erschienen  ist. 


—     132     — 

etymologischen  Teil  in  Richard  Müller  ein  auf  diesem  Gebiete 
bereits  geschulter  und  erfahrener  Germanist  gewonnen  worden ;  ebenso 
werden  von  Fall  zu  Fall  Archäologen  und  Kunsthistoriker  heran- 
gezogen werden.  Jeder  Artikel,  bezw.  jeder  Teil  eines  Artikels,  wird 
von  nun  an  mit  dem  Namen  des  Verfassers  gezeichnet  sein,  der  für 
Form  und  Richtigkeit  der  Angaben  verantwortlich  ist. 

Gleichzeitig  mit  der  Aufstellung  dieser  Grundsätze  war  ich  be- 
strebt, den  Kreis  der  Mitarbeiter  durch  tüchtige  jüngere  Kräfte  zu  er- 
weitern. Ihre  Zahl  beläuft  sich  gegenwärtig  auf  25,  also  mehr  als  das 
Doppelte  der  bisherigen  Anzahl.  Aber  auch  die  Verteihmg  der  Arbeit 
soll  nicht  mehr  nach  Zuialligkeiten  und  dem  momentanen  Bedarf  vor- 
genommen werden.  Bei  dem  fortgeschrittenen  Stand  des  Werkes 
lieüs  sich  freilich  der  einzig  richtige  historische  Gesichtspunkt  nicht 
mehr  durchführen,  aber  den  meisten  der  Mitarbeiter  wurde  ein 
gröiseres  Gebiet,  ein  oder  mehrere  Gerichtsbezirke  zur  Bearbeitung 
übertragen.  Dadurch  wird  sich  nicht  nur  allmählich  das  Tempo  im 
Erscheinen  des  Werkes  beschleunigen,  sondern  der  Mitarbeiter  hat 
die  Möglichkeit,  sich  in  ein  doch  immerhin  mehr  oder  minder  zu- 
sammenhängendes und  aus  den  gleichen  Entwickelungsphascn 
hervorgegangenes  Gebiet,  zu  dessen  einzelnen  Orten  zumeist  dieselben 
Quellen  aufgesucht  und  durchforscht  werden  müssen,  einzuarbeiten. 
Dadurch  wird  namentlich  für  die  kleineren  Orte  gar  mancher  Auf- 
schlufs  sich  ergeben,  aber  auch  die  Gesamtarbeit  an  Einheitlichkeit 
und  Tiefe  gewinnen. 

Natürlich  verhehle  ich  mir  nicht,  dafs  dem  Unternehmen  auch 
femer  manche  Mängel  anhaften  werden.  Die  Vielheit  der  Mitarbeiter 
birgt  trotz  der  genauen  Instruktion  Gefahren  für  den  einheitlichen  Cha- 
rakter, dem  Unternehmen  stehen  nicht  genügende  Mittel  zur  Ver- 
fugung, um  eine  Erschliefsung  sämtlicher  lokaler  Quellen  oder  eine 
Autopsie  der  Mitarbeiter  zu  ermöglichen,  abgesehen  davon,  dafs  manche 
wichtige  Archive  leider  noch  immer  unzugänglich  sind.  Die  Redaktion 
wird  daher  immer  wieder  auf  die  Opferwilligkeit  der  Mitarbeiter  und 
auf  die  nicht  immer  verläfslichen  schriftlichen  Auskünfte  ortsansässiger 
Persönlichkeiten  (Pfarrer,  Lehrer  u.  s.  w.)  angewiesen  sein.  Auch 
bleiben  noch  immer  einige  Fragen,  welche  man  an  eine  Topographie 
stellen  könnte  und  auch  bei  ähnlichen  Unternehmungen  anderwärts 
schon  zu  beantworten  gesucht  hat  (z.  B.  Flurnamen,  Bodenerhebungen, 
Wasserläufe  u.  s.  w.),  unberücksichtigt.  Doch  ist  es  für  ein  so  ge- 
waltiges Unternehmen  schon  genug,  das  Beste  gewollt  und  angestrebt 
zu  haben.    Manches  wird  sich  dann  dem  Ideale  und  Muster  immerhin 


—     IM     — 

nahem  können,  und   was  stärker  zurückbleibt,   soll  wenigstens  nicht 
unter  einer  gewissen  Grenze  des  Möglichen  stehen. 

Noch  will  ich  übrigens  mit  einem  Worte  auf  das  zurückkommen, 
was  ich  oben  als  unberücksichtigt  geblieben  henrofgehoben  habe. 
Aach  da  steht  es  in  Niederösterreich  nicht  so  schlimm,  wie  dies,  so- 
weit ich  aus  Beschomers  oben  erwähnten  Aufeatz  ersehen  habe,  in  vielen 
Provinzen  Deutschlands  noch  der  Fall  ist.  Freilich  die  Flumamenforschung 
liegt  noch  gänzlich  im  Argen,  dagegen  sind  die  verschollenen  Ortschaften 
setner  Zeit  von  N  e  i  1 1  zusammenfassend  bearbeitet  worden  (Blätter  des  Ver- 
eins für  Landesk.  XV — ^XVII)  und  Maurer,  Schranzhofer,  Ham-' 
merl,  Wick,  2ak  und  Plesser  haben  zahlreiche  Nachträge  ge- 
liefert (ebenda  XV,  XX,  XXI,  XXV— XXVII,  XXXIII,  XXXIV).  Zur 
Ortsnamensforschung  hat  Richard  Müller  namhafte  Vorarbeiten 
(a.  a.  O.  XVIII— XX Vli  und  XXXIV)  geliefert,  wozu  allerdings  die 
Erj^änzongcn  und  Verbesserungen  von  Grienberger  (Mitt  d.  Inst, 
f.  österr.  Gesch.  XIX,  520)  und  Willibald  Nagl  (verstreut  in  Zei- 
tungen und  Zeitschriften)  heranzuziehen  sind,  und  bereitet  gegenwärtig 
ein  umfassendes  „Altösterreichisches  Namenbuch'*  vor.  Eine  Kunst- 
topographie plant  die  Centralkommission  für  Kunst-  und  historische 
Denkmale.  Allerdings  ist  bisher  nur  Böhmen  bearbeitet  worden. 
Doch  giebt  es  auch  für  einzelne  TeUe  Niederösterreichs  mehr  oder 
minder  umfassende  Vorarbeiten.  Ich  erinnere  nur  an  den  „Archäo- 
logischen Wegweiser  durch  das  Viertel  unter  und  ober  Wiener  Wald  von 
Sacken  (Wien  1866  und  1878)  u.  a.  m.  Der  Wunsch  nach  einer 
kartc^^phischen  Landaufnahme,  welcher  früher  mit  dem  nach  einer 
,,Topc^fraphie**  Hand  in  Hand  ging  und  auch  in  Deutschland  vielfach 
damit  verquickt  ist,  ist  hier  nicht  nur  durch  die  Generalstabskarte, 
sondern  auch  durch  die  vom  Verein  für  Landeskunde  herausgegebene 
Administrativkarte  zum  gröfsten  Teil  erfüllt.  Au&erdcm  wird  der  von 
der  Akademie  der  Wissenschaften  geplante  „Historische  Atlas  der 
Alpenländer'*')  auch  die  einzelnen  Stadien  der  historischen  Entwicke- 
lung  Niederösterreichs  kartographisch  zur  Anschauung  bringen.  Es 
sei  auch  noch  erwähnt,  dals  neben  der  das  ganze  Land  umfassenden 
„Topographie"  eine  Reihe  recht  tüchtiger  Werke  über  einzelne 
mehr  oder  weniger  ausgedehnte  Gebiete  in  ähnlicher  lexikalischer  An- 
lage erschienen  sind.  Ich  erinnere  als  Beispiel  an  Schwetters  Het" 
matskunde  des  politischen  Bezirkes  Atnstetten  (2.  Aufl.,  Komeuburg 
1884).     Auch   die  seiner  Zeit  Torso  gebliebene   „Kirchliche  Topo- 


i)  VgL  darüber  den  Aafsats  von  Kapper  im  U.  Band«  dieser  Blätter,  S.  aij^-aa?. 


—     134     — 

graphie*'  £and  Nachfolgeschaft  in  den  seit  1878  erscheinenden  Ge-- 
schichtlichen  Beilagen  zu  den  KansistoriaJrKurrenden  der  Diöcese 
SL  Polten,  welche  ausführliche  Geschichten  der  St.  Pöltener  Pfarren 
enthalten  und  g'egenwärtig  bis  zum  siebenten  Bande  gediehen  sind 
(vom  sechsten  Bande  an  unter  dem  Titel:  „.  .  .  zum  St.  Pöltener 
Diöcesanblatt'*).  Die  Erzdiöcese  Wien  veröffentlicht  im  Wiener  Diö- 
cesanblatt  R^esten  zur  Geschichte  der  Wiener  Pfarren  in  alphabeti- 
scher Reihe,  (gegenwärtig*  bis  „Drösing'*  reichend  1). 

Es  erübrigt  mir  zum  Schlüsse  meines  Aufsatzes  nun  noch  einen 
kurzen  Überblick  über  die  in  den  anderen  deutsch -österreichischen 
Kronländern  bisher  erschienenen  historischen  Ortsverzeichnisse  und 
Topographieen  zu  geben,  welche  ja  gleichfalls  zum  Teil  recht  be- 
achtenswerte Arbeiten  sind.  Doch  muis  ich  mich  dabei  auf  die  her- 
vorragendsten beschränken,  da  eine  vollständige  Aufzählung  doch 
zu  weit  fuhren  würde.  Was  die  älteren  Werke  betrififl^),  so  habe 
ich  schon  oben  hervorgehoben,  da(s  sie  zumeist  eine  Auswahl  aus 
mehreren  Provinzen  brachten,  so  z.  B.  Merian,  von  dem  übrigens 
neben  seiner  Topografhta  provinciarum  Aiistriacarum  auch 
noch  1650  eine  Topographia  Bohemiae,  Moraviae  und  Silesiae  er- 
schien. G.  M.  Vis  eher  verfafste  aufser  seinem  Bildwerke  von  Nieder- 
österreich auch,  wie  gleichfalls  schon  erwähnt,  ähnliche  von  Ober- 
österreich und  Steiermark.  Für  Salzburg,  Kämthen  und  Krain  ver- 
treten sie  die  ganz  ebenso  angelegten  Bildwerke  Johann  Weikhard 
Valvassors.  In  Oberösterreich  ist  au&er  zwei  kleineren  Werken  von 
G  i  e  1  g  e :  Topographisch-historische  Beschreibung  aller  Städte,  Märkte, 
Schlösser,  Pfarren  u.  s.  w,  des  Landes  Österreich  ob  der  Enns  bis 
zum  Wiener  Friedensschlu/s  (3  Bände,  Wels  1809  ^^^  i^H)«  ^^i^ 
Topographisch-historische  Beschreibung  des  Landes  Österreich  ob  der 
Enns  (3  Bände,  Wels  18 14 — 15),  insbesondere  Pill  wein:  Geschichte, 
Geographie  und  Statistik  des  Erzherzogtums  Österreich  ob  der  Enns 
und  des  Herzogtums  Salzburg  (6  Bände,  Linz  1827 — 1839),  ^^  noch 
heute  in  Ansehen  stehende  Handbuch  Die  einzelnen  Bände  behandeln 
die  Kreise  des  Landes  und  jeder  Band  enthält  einen  aligemeinen 
historisch -geographisch -statistischen  Teil  und  eine  alphabetisch  nach 


i)  Diese  beiden  Werke  au  den  Diözesen  St  Polten  nnd  Wien  gehören  m  den- 
jenigen, die  anter  Partialkirchengeschichte  im  IL  Bmnde  dieser  Blätter,  S.  209,  hatten  Er- 
wähnung finden  sollen. 

2)  Was  den  Zusammenhang  dieser  älteren  topographischen  Werke  mit  dem  Auf- 
leben der  geographischen  Darstellungen  im  Zeitalter  der  Reformation  betriflt,  darllber 
YgL  Hantssch  in  diesen  Blättern  I,  18 f.,  41  f. 


—     135     — 

den  füegegenchttn  und  Distriktskommissariaten  geordnete  Ortskunde. 
Die  vielfach  benutzte  Historisch-topographüche  Matrikel  des  Landes 
ob  der  Enns  von  J  E.  Lamprecht  (Wien  1863)  ist  nur  eine  Be- 
arbeitung der  vom  VIII. — ^XII.  Jahrhundert  nachweisbaren  Qrtlichkeiten 
und  soll  nur  des  Verfassers  historische  Karte  von  Oberösterreich  er- 
läatem. 

Mehr  dem  B^^ff  des  Ortslexikons  nähern  sich  die  einschläg-igen 
Arbeiten  in  Steiermark,  wo  von  älteren  Werken  noch  die  Topo- 
graphia  Diuaitis  Styriae  von  Anton  Erber  (Graz  1727)  zu  nennen 
wäre.  Für  die  neuere  Zeit  wurde  grundlegend  Schmutz:  Historisch* 
topographisches  Lexikon  von  Steiermark  (4  Bände  Graz  1822-23), 
bei  welchem  allerdings  das  Statistische  mehr  betont  ist,  auch  Flufs^ 
laufe,  Elrhebungen  u.  s.  w.  einbezogen  sind.  Nach  diesem  Vorbilde 
gab  dann  J  a n i  s  c  h ,  Graz  1 878 — 1 88 5 ,  ein  Topographisch-statistisches 
Lexikon  von  Steiermark  mit  historischen  Notizen  und  Anmerkungen 
(mit  Ansichten)  in  drei  Bänden  heraus  Auch  Schweickhardt  hat 
Steiermark  ähnlich  wie  Niederösterreich  zu  bearbeiten  unternommen, 
doch  ist  nur  ein  Band  (Wien  1839)  erschienen. 

Für  Kärnthenist  mir  kein  neueres  topographisches  Werk  dieser 
Gattung  bekannt  geworden.  Aus  dem  XVIII.  Jahrhundert  stammen 
Erber:  Ducatuum  Carinthiae  et  Carniolae  topographia  (Wien  1728) 
und  Cranell i:  Topographia  Carinthiae  (Wien  1752). 

Dagegen  besitzt  Tirol  und  Vorarlberg  in  Stafflers  Tirol  und 
Vorarlberg,  statistisch'topographisch  mit  geschichtlichenBemerkungen 
(2  Bände,  Innsbruck  1839 — 1844),  gleichfalls  mit  einer  allgemeinen  sta- 
tistisch -  geographischen  Einleitung,  auf  der  dann  die  alphabetische 
Reihe  der  Gemeinden  nach  Kreisen  folgt,  Vorarlberg  im  besonderen 
in  Weizeneggers  und  Merkles  Vorarlberg  (3  Bände,  Innsbruck 
1839)  noch  heute  verwendbare  treffliche  ältere  Werke.  Zollers 
Alphabetisch-topographisches  Verzeichnis  sämtlicher  Graf-  und  Herr- 
schaften, Landgerichte,  Gerichte,  Hofmarken  ^  Städte,  Marktflecken 
und  Dörfer  und  aller  übrigen  merkwürdigen  Orte  dergef.  Grafschaft 
Tirol  und  P^rar/d^r^  (Innsbruck  1806)  in  zweiter  Auf  läge  als  Alpha- 
hetisch-topographisches  Taschenbuch  bezeichnet  (Innsbruck  1827)  trägt 
mehr  den  Charakter  eines  kurzen  Schematismus. 

Auch  für  Salzburg  giebt  es  aufser  einer  unvollendeten  Arbeit 
Schweickhardts  (Wien  1839)  ^^^  Pill  wein  (siehe  oben)  nur  ein 
älteres  top<^raphisch-^tatistisches  Werk  ohne  historische  Ausfuhrungen 
von  Dippere  (Salzburg  1836). 

behr   stattlich    ist  die   Zahl   zusammenfassender   topographischer 


—     136     — 

Werke  iiir  Böhmen,  doch  fehltauch  hier  ein  modernes  Unternehmeii 
gröiseren  Stiles.  Aufser  einigen  Werken  aus  der  ersten  Hälfte  des 
XVin.  Jahrhunderts  (Vogt  1712  ,  Rochezang  von  Isecerea 
1742)  ist  ganz  besonders  die  17  Bände  umfassende  Topographie 
des  Königreichs  Böhmen y  darin  alle  Slädte^  Flecken,  Herr^ 
Schäften,  Schlösser,  Landgüter,  Adelsize,  Klöster,  Dörfer,  wie  auch 
verfallene  Schlösser  und  Städte  u.  s.  w.  beschrieben  sind  von  Ja- 
roslawSchaller  (Wien  und  Prag  1 775  — 1 79 1)  zu  erwähnen.  In  neuester 
Zeit,  1893,  liefs  Jodl  ein  Topographisch^statistisches  Ortslexikon  des 
Königreichs  Böhmen  mit  historischen  Anmerkungen  erscheinen, 
bei  welchem  allerdings  das  historische  Moment  wenig  berücksichtigt  ist. 

In  Mähren  sind,  nachdem  schon  am  Ende  des  XVIII.  Jahr- 
hunderts Schwoy  eine  Topographie  in  drei  Bänden  herausgegeben 
hatte  (Wien  1793 — 1794),  zwei  grofee  Arbeiten  von  Woln y  grundlegend 
geworden :  Die  Markgrafschqft  Mähren,  topographisch,  statistisch  und 
historisch  geschildert  in  sechs  Bänden  (Brunn  1835 — 1842)  nach 
Kreisen  abgeteilt,  und  die  Kirchliche  Topographie  von  Mähren  in 
neun  Bänden  (Brunn  1855 — 1866),  welche  auch  schon  manchen  fort- 
schrittlichen Zug  gegen  die  älteren  Arbeiten  in  den  anderen  Kron- 
ländem  aufweisen. 

Für  Schlesien  ist  meines  Wissens  keine  zusammenfassende  topo- 
graphische Arbeit  versucht  worden. 

Neben  den  genannten  allgemeinen  Werken  sind  in  den  einzelnen 
Kronländem  auch  einzelne  Teile  monographisch  behandelt  worden, 
doch  würde  die  Aufzählung  den  Rahmen  dieses  Aufsatzes  überschreiten. 

Den  meist  noch  heute  in  Gebrauch  stehenden  Werken  aus  dem 
Ende  des  XVIII.  oder  der  ersten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts,  den 
Weiskem,Schweickhardt,  der  kirchlichen  Topographie,  Pillwein,  Schmutz, 
Staffier,  Schaller  und  zum  Teü  auch  Wohiy  ist  bei  aller  Verschieden- 
heit der  Anlage  —  bald  nähern  sie  sich  dem  Ortslexikon,  bald  der 
Landesbeschreibung,  bald  sind  sie  rein  alphabetisch,  bald  nach  den 
bestehenden  politischen  oder  kirchlichen  Bezirken  angeordnet,  bald 
berücksichtigen  sie  das  Historische  vorzugsweise,  bald  nur  nebenbei  — 
und  bei  aller  Ungleichwertigkeit  in  der  Verläfslicbkeit  ihrer  Angaben 
manche  Züge  gemeinsam.  Sie  sind  je  nach  dem  ihnen  zugänglichen 
Material  und  den  ihnen  zugekommenen  Nachrichten  höchst  ungleich- 
mäüsig,  neben  für  ihre  Zeit  vortrefflichen  Artikeln  stehen  ganz  kümmer- 
liche Notizen.  Und  dann  sind  die  Verfasser  bei  der  Durchfuhrung  der 
einzelnen  Gesichtspunkte  inkonsequent  und  unmethodisch.  In  man- 
chen Artikeln  tauchen  sehr  gute  Anschauungen,  die  sich  ausgezeichnet 


—     137     — 

zu  Leitgedanken  eignen  würden,  auf,  in  hundert  anderen  sind  sie  nicht 
berücksichtigt.  Quellen-  und  Litteraturbelege  fehlen  fast  durchwegs,  so 
dals  die  Angaben  meist  ganz  unkontrollierbar  bleiben.  Endlich  sind  sie 
eben  alle  mehr  oder  weniger  veraltet;  nicht  nur  von  der  historischen 
Forschung  längst  überholt,  sondern  auch  den  geänderten  Anforderungen, 
welche  die  moderne  Territorialgeschichte  erfüllen  soll,  ja  selbst  denen, 
welche  der  praktische  Bedarf  jetzt  zu  stellen  gewohnt  ist,  nicht  mehr 
entsprechend. 

Alle  diese  Werke  wird  die  Topographie  von  Nüderösterreich, 
wenn  sie  einmal  vollendet  vorliegen  wird,  sowohl  nach  Gröfse  der 
Anlage,  als  auch  in  der  exakten,  den  Anforderungen  der  Neuzeit  nach 
Kräften  Rechnung  tragenden  Ausführung  weitaus  in  den  Schatten 
stellen.  Durch  sie  wird,  was  ja  die  hervorragendste  Aufgabe  dieser 
„Topographieen"  sein  soll,  für  den  weiteren  Ausbau  der  Territorial- 
geschichte eine  feste  Grundlage  geschaffen  werden,  indem  zunächst 
in  knappster  Form  ein  Niederschlag  des  bisher  Erforschten  gegeben 
wird. 


Der  Fortgang  der  deutsehen  Denkmäler^^ 

Inventarisation 

Von 
Ernst  Polaczek  (Strafsburg) 

Seit  ich  in  dieser  Zeitschrift  (Bd.  I,  S.  270)  die  bis  zum  Juli  1900 
erschienenen  Denkmäler-Inventare  verzeichnet  habe,  ist  auf  dem  in 
Frage  stehenden  Gebiete  wiederum  einiges  gearbeitet  und  veröffent- 
licht worden.  Leider  nicht  allzu  viel.  Es  scheint,  dafs  die  Kraft  des 
ersten  Anlaufs  verbraucht  ist,  dafe  die  Männer,  die  in  den  deutschen 
Bundesstaaten,  in  den  preuisischen  Provinzen  die  Denkmäler-Inventari- 
sation  in  die  Wege  geleitet  haben,  der  mühsamen  und  trotzdem  selbst 
von  den  „Fachleuten"  häufig  mit  deutlicher  Geringschätzung  ange- 
sehenen Arbeit  allmählich  etwas  müde  geworden  sind.  Die  Art  der 
Arbeit  läfst  dies  ja  wohl  begreiflich  erscheinen ;  es  ist  natürlich,  dafs 
die  wissenschaftliche  Behandlung  einer  Materie,  in  der  die  Kunstwerke 
zweiten,  dritten  und  selbst  noch  niederen  Ranges  den  weitaus  über- 
wiegenden Raum  einnehmen,  den  Bearbeiter  nicht  auf  die  Dauer  von 

Jahrzehnten  befriedigen  kann.    Nur  die   kurz  gefafsten  Inventare,  in 

10 


—     188     — 

denen  es  mehr  auf  Registrierung,  als  auf  ausführliche  Beschreibung 
abgesehen  ist,  ferner  einige  Inventare  der  kleineren  und  denkmals- 
ärmeren Staaten  und  Provinzen  sind  in  raschem  Zuge  vollendet  wor- 
den; in  der  Veröffentlichung  aller  übrigen  hat  sich  das  feurige  An- 
fangstempo bald  verlangsamt,  an  manchen  Stellen  haben  sich  die 
ursprünglichen  Bearbeiter  auf  den  Posten  von  Herausgebern  zurück- 
gezogen und  die  eigentliche  Arbeit,  die  Bereisung  des  Gebietes  und 
Herstellung  des  Textes,  jüngeren  Kräften  überlassen  oder  wenigstens 
überlassen  wollen.  Leider  fehlt  es  vielfach  an  einem  für  diese  Thätig- 
keit  genügend  vorbereiteten  Nachwuchs,  hauptsächlich  wohl  deshalb, 
weU  der  kunstgeschichtliche  Unterricht  an  den  meisten  Universitäten 
die  Architektur  gar  nicht  oder  doch  nicht  ausreichend  berücksichtigt, 
dann  aber  weil  der  erzieherische  Wert  einer  wenn  auch  nur  wenige 
Jahre  währenden  TeUnahme  an  derartiger  Arbeit  von  den  für  sie  in 
Frage  Kommenden  nicht  genügend  erkannt  wird. 


Im  Folgenden  gebe  ich  eine  knappe  Übersicht  über  die  Inven- 
t  arisationsarbeiten  seit  Juli  1900.  Die  einzelnen  Bundesstaaten  und 
innerhalb  Preufsens  die  Provinzen  folgen  einander  in  der  amtlichen 
Reihenfolge.  Die  Arbeitsleistung  bis  zu  dem  genannten  Zeitpunkt 
ist  in  Bd.  I,  S.  170  dieser  Zeitschrift  besprochen.  Nur  für  Österreich 
und  der  Schweiz  wird  hier  die  vollständige  Zusammenstellung  gegeben. 

Im  Juli  1900  war  die  Inventarisation  in  acht  preulsischen  Pro- 
vinzen, und  zwar  in  Ostpreuisen,  Brandenburg,  Posen,  Schlesien, 
Schleswig-Holstein,  Hannover,  Hessen-Nassau  und  HohenzoUem  abge- 
s  chlossen,  in  den  übrigen  war  sie  in  Angriff  genommen,  in  Hannover 
hatte  man  sich,  da  das  Mithoffsche  Werk  längst  vergriffen  war,  zur 
Herausgabe  eines  neuen  Inventars  auf  völlig  veränderter  Grundlage 
entschlos  sen.  In  Westpreufsen  dauert  die  durch  Erkrankung  und  Tod 
des  ersten  Bearbeiters  hervorgerufene  Stockung  noch  fort,  da  nun  auch 
Adolf  Boett  icher,  der  mit  der  Fortführung  des  Werkes  betraut  worden 
war,  gestorben  ist.  Hingegen  liegen  von  dem  Inventar  der  an  Denk- 
mälern so  armen  Provinz  Pommern,  an  dem  nun  schon  seit  zwanzig 
Jahren  gearbeitet  wird,  zwei  neue  Hefte  vor^).  Das  zur  Ergänzung 
des  nichtillustrierten  schlesischen  Verzeichnisses  in  Aussicht  gestellte 
Bilderwerk  ist  leider  noch  immer  nicht  erschienen.  In  der  Provinz  Sachsen 


i)   Die    Ban-   und  Kanstdenkmäler   der   Provioz   Pommern    IL     Regierungsbezirk 
Stettin,   bearbeitet   von   H.  Lemcke.     4.   Kreis   Usedom- Wollin.     5.  Kreis  Randow. 
1901. 


—     139    — 

ist  völliger  Stillstand  eiügetreten ;  das  wäre  ja  weiter  nicht  zu  beklagen, 
wenn  die  Pause  eine  gründliche  Veränderung  in  der  Art  der  Bearbei- 
tung der  sächsischen  Denkmäler  bedeuten  würde.  Von  dem  neuen 
hannoverschen  Inventar  ist  ein  zweiter,  die  Stadt  Goslar  behandelnder 
Band  erschienen,  der  sich  dem  ersten  ebenwertig  an  die  Seite  stellt; 
als  Bearbeiter  zeichnen  Landesbaurat  Karl  Wolff,  Baurat  A.  v.  Behr 
und  Prof.  Dr.  U.  Hölscher  ^).  Das  westfälische  Inventar  geht  seinen 
Weg,  den  viele  für  einen  falschen  halten,  unbeirrt  weiter.  In  der  Be- 
richtszeit ist  die  Bearbeitung  des  Kreises  Iserlohn  erschienen,  die  der 
Kreise  Ahaus  und  Minden  ist  unter  der  Presse  ').  Wie  in  Hannover, 
so  hat  man  sich  erfreulicherweise  nun  auch  in  Hessen -Nassau  zur 
Herausgabe  eines  neuen  Denkmäler-Inventars  entschlossen.  Das  alte, 
das  Lotz  und  Dehn-Rotfelser  herausgegeben  hatten,  ist  ja  an  sich  ein 
hervorragendes  Werk,  aber  es  genügt  unseren  Forderungen  nicht,  weil 
es  nicht  einmal  den  Willen  zur  Vollständigkeit  hat,  weU  es  auf  histo- 
rische Fundierung  verzichtet  und  endlich  auch  keinerlei  bildliche  Dar- 
stellung bietet.  Diesen  Mängeln  sucht  das  neue  Inventar  des  Re- 
gierungsbezirkes Cassel,  das  vom  Bezirkskonservator  Dr.  Ludwig  Bickell 
herausgegeben  wird,  abzuhelfen.  Erschienen  ist  bisher  die  Beschrei- 
bung des  Kreises  Gelnhausen  *).  Die  prähistorischen  und  römischen 
Denkmäler  sind  gänzlich  beiseite  gelassen,  für  die  übrigen  scheint  als 
obere  zeitliche  Grenze  das  Jahr  1800  gewählt  Die  geschichtliche 
Grundlegung,  wie  die  Denkmäler -Beschreibung  selbst  ist  ausführlich 
und  sorgfältig ;  nur  hätten  wir  stellenweise  bestimmtere  Zeit-  und  Stil- 
angaben gewünscht.  Die  bildliche  Darstellung  endlich  übertrißl  an  Reich- 
tum und  Ausführlichkeit  weitaus  alle  anderen  Inventare.  Dem  dünnen, 
208  Seiten  in  Quartformat  umfassenden  Texthefte  sind  nicht  weniger 
als  350  Tafeln,  diurchweg  von  vortrefflicher  Ausführung,  beigegeben. 
Von  dem  Inventar  der  Rheinprovinz  endlich,  wo  dem  Herausgeber 
gegenwärtig  zwei  Assistenten,  Dr.  Edmund  Renard  und  Regierungsbau- 
fiihrer  Dr.  Karl  Franck-Oberaspach,  zur  Seite  stehen,  ist  in  der  Berichtszeit 

i)  Die  Knnstdenkmäler  der  Provinz  Hannover.  Herausgegeben  von 
Dr.  phil.  Carl  Wolff,  Landesbaurat.  11.  Regierungsbezirk  Hildesheim.  I.  u.  a.  Stadt 
Goslar.  Bearbeitet  in  Gemeinschall  mit  A.  v.  Behr,  Kgl.  Baurat  und  Dr.  U.  Höbeher, 
Professor.     Hannover  1901. 

2)  Die  Bau-  und  Kunstdenkmäler  von  Westfalen.  Herausgegeben  vom 
Proviozialverbaod  der  Provinz  Westfalen,  bearbeitet  von  A.  Ludorff,  Provinzialbauinspektor 
nnd  Konservator.     Kreis  Iserlohn.     Münster  1900. 

3)  Die  Bau-  nnd  Knnstdenkmäler  im  Regierungsbezirk  Cassel.  I.  Kreis 
Gelnhausen.  Im  Auftrage  des  Bezirksverbandes  des  Regierungsbezirks  Cassel  bearbeitet 
von  Dr.  Ludwig  Bickell,  Bezirkskonservator.     Marburg,  N.  J.  El  wert,  1901. 

10* 


—     140    — 

die  Beschreibung  des  Kreises  Mülheim  erschienen  ^).  Siegfkreis  und 
Kreis  Bonn  sollen  alsbald  folgen.  Auch  die  Aufnahme  des  Regierungs- 
bezirkes Aachen  ist  bereits  begonnen  worden;  zunächst  werden  aus 
diesem  Gebiete  die  Beschreibungen  der  Kreise  Jülich  und  Erkelenz 
veröffentlicht  werden. 

Außerhalb  Preufsens  sind  die  Inventarisationsarbeiten  in  Sachsen- 
Weimar  und  Altenburg,  Anhalt,  Schwarzburg-Sondershausen  und  Ru- 
dolstadt,  Reufe  j.  L.,  Schaumburg-Lippe  und  Elsafs-Lothringen  abge- 
schlossen. In  Bayern  schreitet,  wie  wir  bereits  bedauernd  hervor- 
gehoben haben,  die  Veröffentlichung  des  Denkmälerwerks,  obwohl 
dem  Vernehmen  nach  seit  langem  bedeutendjB  Teile  druckfertig  vorliegen, 
nur  sehr  langsam  vorwärts.  Seit  Juli  1900  ist  ein  einziges  Textheft 
—  es  behandelt  Stadt  und  Bezirksamt  Traunstein  —  und  eine  Liefe- 
rung des  BUderatlas  erschienen  ').  An  Ausführlichkeit  der  Darstellung, 
nach  der  geschichtlichen  wie  nach  der  beschreibenden  Seite  hin,  gehen 
die  letzten  Hefte  über  die  älteren  wesentlich  hinaus;  auch  an  Illu- 
strationen wird  dem  Texte  gegenwärtig  erheblich  mehr  eingefügt  als 
früher.  Von  der  Denkmäler-Beschreibung  des  Königreichs  Sachsen, 
die  im  Vorjahre  mit  der  Amtshauptmannschaft  Grimma  bis  zum  20. 
(nicht,  wie  wir  irrtümlich  angegeben  hatten,  bis  zum  18.)  Hefte  gelangt 
war,  ist  seither  als  21.  und  22.  Heft  der  Anfang  der  Beschreibung  von 
Dresden  erschienen,  eine  besonders  in  textlicher  Hinsicht  vortreffliche 
Arbeit  Cornelius  Gurlitts  ').  Mit  der  Fortsetzung  des  württembergischen 
Werkes  ist,  nachdem  der  erste  Bearbeiter,  Dr.  Eduard  Paulus,  von  der  Stelle 
des  Konservators  zurückgetreten  ist,  sein  Amtsnachfolger  Dr.  E.  Gradmann 
betraut  worden.  Die  1897  begonnene  Veröffentlichung  der  Denkmäler  des 
Donaukreises  soll,  so  scheint  es,  zunächst  nicht  fortgesetzt  werden. 
Das  im  Jahre  1900  erschienene  Heft,  das  den  Anfang  des  Jagstkreises 


i)  Die  Kunstdenkmäler  der  Rheinprovinz.  Im  Auftrage  des  Provinxial- 
Verbandes  herausgegeben  von  Paul  Giemen.  Kreis  Mülheim  am  Rhein.  In  Verbindung 
mit  Dr.  Edmund  Renard   bearbeitet  von  Paul   Giemen.     Düsseldorf,  L.  Schwann,  1901. 

2)  Die  Kunstdenkmale  des  Königreichs  Bayern  vom  XL  bis  zum  XVIIL 
Jahrhundert,  i.  Band.  Die  Kunstdenkmäler  des  Regierungsbezirkes  Oberbayern,  bearbeitet 
von  Gustav  v.  Bezold,  Dr.  Berthold  Riehl  und  Dr.  Georg  Hager.  Lieferung  20.  Mün- 
chen, Josef  Albert,  1901. 

3)  Beschreibende  Darstellung  der  älteren  Bau-  und  Kunstdenkmäler 
des  Königreichs  Sachsen.  Unter  Mitwirkung  des  K.  sächsischen  Altertnmsvereins, 
herausgegeben  von  dem  K.  sächsischen  Ministerium  des  Innern.  So  seit  Heft  19, 
Herausgeber  von  Heft  i  bis  18  war  der  Altertumsverein.  Heft  21  und  22.  Stadt  Dresden, 
I.  n.  II.  Teil,  bearbeitet  von  G,  Gurlitt     Dresden  1901. 


—     141     — 

bringrt,  trägt  bereits  den  Namen  des  neuen  Bearbeiters  *).  Der  Geist 
jedoch  ist  der  alte  geblieben.  Statt  wissenschaftlicher  Beschreibung 
gar  oft  nur  die  allerdürftigste  Andeutung;  nirgends  System,  überall 
die  subjektivste  Willkür.  Ein  Ergänzungsatlas,  von  dem  die  beiden 
ersten  Lieferungen  ausgegeben  sind,  soll  die  allerdings  unzureichende 
bildliche  Darstellung,  die  Jagst-  und  Donaukreis  in  den  ersten  Bänden  des 
Bilderwerkes  erhalten  haben,  ergänzen.  Vom  badischen  Inventar  liegen 
zwei  neue  Teile  vor ') :  In  der  dritten  Abteilung  des  vierten  Bandes 
beschreibt  Adolf  v.  Oechelhauser  in  seiner  sorgfältigen  Weise  die 
Amtsbezirke  Buchen  und  Adelsheim  des  Kreises  Mosbach,  im  fünften 
hat  sich  F.  X.  Kraus  —  der  um  die  deutsche  Denkmäler-Inventarisation 
hochverdiente  Mann  starb,  als  diese  Zeilen  in  die  Presse  gingen  — 
in  der  schon  früher  besprochenen  Weise  mit  Josef  Durm  und 
E.  Wagner  zur  Behandlung  des  Amtsbezirkes  Lörrach  vereiniget. 
Auch  hier  ist  zur  Beschleunigung  der  Publikation  in  Dr.  Max 
Wingenroth  eine  neue  Kraft  gewonnen  worden.  Das-  Inventar  des 
Groisherzogtums  Hessen  ist  in  der  Berichtszeit  nicht  fortgeschritten. 
Den  in  erster  Auflage  bereits  vergriffenen  drei  ersten  Bänden  des 
mecUenburg-schwerinschen  Werkes,  das  wir  irrtümlicherweise  als  ab- 
geschlossen bezeichnet  hatten  (vgl.  die  Berichtigung  in  Bd.  II,  S.  96), 
hat  sich  ein  vierter  hinzugesellt  *).  Mit  dem  Erscheinen  des  fünften 
Bandes,  das  noch  fiir  das  laufende  Jahr  bevorsteht,  wird  das  Werk 
vollendet  sein.  Vielleicht  schöpft  man  dann  hieraus  in  Mecklenburg- 
Strelitz  den  Anlais  zur  Nacheiferung.  Das  thüringische  Inventar  end- 
lich, in  dessen  Erscheinen  durch  Krankheit  und  Tod  Paul  Lehfeldts 
eine  längere  Unterbrechung  eingetreten  ist,  wird  von  dem  neuen  Kon- 
servator Professor  Georg  Voss  zu  Ende  geführt  werden.  Die  Ver- 
öffentlichung des  oldenburgischen  und  braunschweigischen  Inventars 


i)  Die  Kanst-  and  Altertninsdenkmale  im  Königreich  Warttemberf. 
33. — 26.  Lieferung.  Jagstkreis  (Anfang).  Unter  Mitwirknng  von  Dr.  Eduard  Paulos,  be- 
arbeitet von  Dr.  E.  Gradmann.  Stuttgart,  Paul  Neff  Verlag,  1900.  Dazu  Ergänzungs- 
atlas  Lieferung  i.  2. 

2)  Die  Kunstdenkmfiler  des  Grofsherzogtums  Baden,  4.  Band,  3.  Ab- 
teilmig.  Die  Knnstdenkmäler  der  Amtsbezirke  Bachen  und  Adelsheim  (Kreis  Mosbach), 
bearbeitet  ron  Adolf  ron  Oechelhauser.  5.  Band.  Die  Kunstdenkmäler  des  Kreises  Lör- 
rach in  Verbindung  mit  Josef  Durm  und  E.  Wagner  bearbeitet  von  Franz  Xaver  Kran». 
Tübingen  und  Leipzig,  Verlag  von  J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck  1901). 

3)  Die  Kunst«  und  Geschichtsdenkmäler  des  Grofsh]erzogtums 
Mecklenbnrg-Schwerin,  bearbeitet  von  Friedrich  Schlie.  IV.  Band.  Die  Amts- 
gerichtsbezirke Schwaan,  BUtzow,  Sternberg,  Güstrow,  Krakow,  Goldberg,  Parchim,  Lübe 
and  Plan.     Schwerin  1901. 


—     142    — 

ist  in  der  Berichtszeit  nicht  fortgesetzt  worden.   Auch  .die  Hansestädte 
schweigen  einstweilen  noch. 

Sehr  zu  beklagen  ist  es,  dafs  in  Österreich  die  Inventarisation 
noch  immer  nicht  von  zentraler  Stelle  aus  mit  Energie  in  Angriff  ge- 
nommen worden  ist.  Der  älteste  Versuch  in  dieser  Richtung,  die 
Kunsttopographie  von  Kärnthen,  ist  mit  unzulänglichen  Mitteln 
unternommen  worden  *).  Die  Beschreibung  der  Denkmäler  —  die  vorge- 
schichtlichen bilden  die  untere,  die  des  i8.  Jahrhunderts  die  obere 
Grenze  —  beruht  nicht  durchweg  auf  eigener  Anschauung  der  Ver- 
fasser, zuweilen  nur  auf  schriftlichen  Berichten  anderer  oder  auf  älterer 
Litteratur.  An  der  geschichtlichen  Grundlegung  fehlt  es  in  vielen 
Fällen  gänzlich,  die  bildliche  Darstellung  ist  ziemlich  dürftig,  auf 
Vollständigkeit  der  Verzeichnung  ist  verzichtet.  In  Vorbereitung  sind 
die  salzburgische  und  mährische  Kunsttopographie;  ihr  Elrscheinen 
wird  jedoch  längere  Zeit  auf  sich  warten  lassen.  Da  die  k.  k.  Zen- 
tralkommission zur  Erforschung  und  Erhaltung  der  Kunst-  und  historischen 
Denkmale,  die  unseres  Erachtens  zur  Durchführung  der  Inventarisation 
geeigneteste  Behörde,  offenbar  nicht  über  Mittel  und  Kraft  dazu  verfügt, 
hat  die  böhmische  Kaiser  Franz- Joseph-Akademie  der  Wissenschaften, 
Litteratur  und  Kunst  das  Unternehmen  für  Böhmen  selbst  in  die  Hand 
genommen.  Von  ihrer  Publikation  sind  bisher  dreizehn  Hefte  in 
tschechischer  Sprache ,  fünf  in  deutscher  Übersetzung  erschienen  *). 
Nach  der  dem  Referenten  vorliegenden  Probe  schliefst  sich  die  Dar- 
*  Stellung  in  Wort  und  Bild  den  besten  reichsdeutschen  Mustern  an,  die 
Arbeit  scheint  durchaus  sorgfältig  zu  sein.  Zu  wünschen  wäre  nur, 
dafs  die  deutschen  Übersetzungen  den  tschechischen  Originalen  in 
recht  kurzer  Zeit  folgen. 

In  der  Schweiz  hat  die  Verzeichnung  und  Beschreibung  der  Denk- 
mäler  Prof.    J.    R.    Rahn    in   Zürich    begonnen  •).      Der   Inhalt   der 

i)  österreichische  Kunsttopographie.  I.Band:  Herzogt  am  Kärnthen. 
Herausgegeben  von  der  k.  k.  Zentral-Kommission  fUr  Erforschung  und  Erhaltung  von 
Kunst-  und  historischen  Denkmälern.     Wien  1889. 

2)  Topographie  der  historischen  und  Kunst  de  nkmale  im  Königreich 
Böhmen,  i.  Band:  Kolin.  Verfafst  von  Karl  B.  Mädl.  2.  Band:  Laun.  Verfafst  yon 
Dr.  Bohumil  MatSjka.  3.  Band:  Selöan.  Verfafst  von  Dr.  A.  Podlaha  und  Eduard 
Sittler.  4.  Band:  Raudnitz.  Verfafst  von  Dr.  Bohumil  MatÖjka.  5.  Band:  Mühlhausen. 
Verfafst  von  Dr.  A.  Podlaha  und  Eduard  Mittler.  Die  übrigen  nur  in  tschechischer  Sprache 
erschienenen  Bände  beschreiben  die  Denkmäler  der  Bezirke  Melnik,  Klattau,  Budweis, 
Roldtzan,  Trebnitz,  Chrudim  und  Suschitz. 

3)  Die  mittelalterlichen  Kunstdenkmäler  des  Kantons  Tessin.  Von 
J.  R.  Rahn.     Zürich,  im  Verlage  der  Antiquarischen  Gesellschaft,  1893. 

•  Die  mittelalterlichen  Kunstdenkmäler  des  Kantons  Solothurn.     Im 


—     143     — 

bisher  vorliegfcnden  drei  Hefte  geht  über  das,  was  die  ungleichen 
Utelblätter  versprechen,  weit  hinaus.  Es  ist  keineswegs  nur  von 
mittelalterlichen  Denkmälern  die  Rede,  die  zeitliche  Abgrenzung 
nach  oben  ist,  wie  in  den  meisten  reichsdeutschen  Werken,  durch  das 
XVIIL  Jahrhundert  gegeben.  Diesem  Muster  schliefst  sich  das  Schweizer 
Werk  auch  in  der  sonstigen  Behandlungsweise  an.  Geschichte  und 
Beschreibung  der  Denkmäler  sind  ausführlich  und  sorgfaltig,  ohne  je- 
doch auf  Vollständigkeit  Anspruch  zu  erheben.  Die  bildliche  Dar- 
stellung ist  recht  dürftig  ausgefallen.  Ein  viertes  Heft  ist  in  lang- 
samem Erscheinen  begriffen. 

*  * 

* 

Aus  dieser  kurzen  Übersicht  ergiebt  sich  wohl  mit  voller  Klar- 
heit, daüs,  so  bedeutend  im  ganzen  die  Summe  der  geleisteten  Arbeit 
auch  ist,  doch  noch  sehr,  sehr  viel  zu  thun  übrig  bleibt.  Selbst  unter 
der  günstigen  Voraussetztmg ,  dals  im  Tempo  der  Bearbeitung  und 
Veröffentlichung  keine  weitere  Verlangsamung  eintritt,  ist  an  einen 
Abschlnfs  der  Inventarisationsarbeit  vor  dreifsig  oder  vierzig  Jahren 
nicht  zu  denken,  wobei  wir  von  Osterreich  noch  ganz  absehen  wollen. 
Um  so  bedauerlicher  scheint  es  unter  diesen  Verhältnissen,  dafs  die 
Reichsregierung,  wie  aus  den  Verhandlungen  des  Freiburger  Tages 
für  Denkmalspflege  hervorgeht  ^) ,  sich  gegenüber  der  beabsichtigten 
Herausgabe  eines  allgemeinen  Handbuches  der  deutschen  Denkmäler 
vorläufig  ablehnend  verhält.  Weder  formale  verwaltüngstechnische, 
noch  finanzielle.  Bedenken  können  ernsthaft  in  Frage  kommen,  wenn 
man  die  Sache  ernsthaft  will.  Da  das  Reich  für  eine  Publikation  der 
schon  hundertfältig  publizierten  Sixtinischen  Kapelle,  für  die  doch  nur 
ein  sehr  mäfsiges  Bedürfnis  vorlag,  75000  Mark  bereit  hatte,  wird  es 
für  die  deutschen  Denkmäler  wohl  gleichfalls  60000  Mark  aufbringen 
können.    Man  sage  nicht  dagegen,  was  bereits  dagegen  gesagt  worden 


Auftrage  der  Eidgenössischen  Landesmosenms -Kommissioo  beschrieben  von  J.  R.  Rahn 
imter  Mitwirkung  von  cand.  phil.  Robert  Dnrrer,  Dr.  K.  Meisterhans  in  Solothnm  und 
cand.  phil.  Joseph  Zemp  in  Zürich.  Zürich,  im  Verlage  der  Antiquarischen  Gesell« 
Schaft,  1893. 

Die  mittelalterlichen  Architek  tur-  und  Kunstdenkmäler  des  Kan- 
tons Thnrgau.  Im  Auftrage  etc.  beschrieben  von  J.  R.  Rahn  unter  Mitwirkung  von 
Dr.  phil.  Ernst  Hafiter.  Mit  historischem  Text  von  Dr.  Robert  Dürrer.  Frauenfeld, 
Kommisfioosverlag  von  J.  Huber,  1899. 

Die  Kunst-  und  Architektur-Denkmäler  Unterwaiden  s.  Im  Auftrage 
etc.  beschrieben  von  Robert  Durrer. 

i)  Vgl.  oben  S.  61  bis  63. 


—     144     — 

ist:  Nämlich,  dals  man  mit  der  Herausgabe  eines  solchen  Handbuchs 
bis  zur  Fertigstellung  sämtlicher  Inventare  warten  solle.  Gewüs  wäre 
die  Herstellung  des  Werkes  dann  unvergleichlich  bequemer  und  ein- 
facher, als  jetzt,  wo  der  Bearbeiter  oft  genug  auf  die  Denkmäler 
selbst  wird  zurückgehen  müssen.  Aber  dann  müCste  man  eben  noch 
dreifsig  oder  vierzig,  vielleicht  sogar  fünfzig  Jahre  warten ,  und  es  ist 
wahrlich  nicht  einzusehen,  warum  das  lebende  Geschlecht  auf  ein  der- 
artiges Hilfsmittel  verzichten  soll.  Nicht  verfrüht,  wie  man  gesagt  hat, 
wäre  im  gegenwärtigen  Augenblicke  die  Herausgabe  eines  derartigen 
Handbuches,  im  Gegenteil,  es  ist  höchste  Zeit,  sie  in  Angriff  zu  nehmen. 
Es  handelt  sich  gar  nicht  darum,  wie  wohl  vielfach  irrtümlich  angenommen 
wird,  die  Summe  sämtlicher  Inventare  zu  ziehen;  die  Aufgabe  des 
Handbuchs  wäre  es  vielmehr,  die  ungeheuere  Masse  der  Denkmäler 
zu  sichten,  das,  was  für  die  allgemeine  Entwickclung  von  Belang  ist, 
von  dem  zu  sondern,  was  lediglich  für  den  Ort,  für  die  Provinz  Be- 
deutung hat,  dieses  abci  als  lokal,  als  provinziell  bedeutungsvoll  her- 
auszuheben. Der  objektiven  Betrachtungsweise  der  Inventare  soll  im 
Handbuche  die  subjektive  an  die  Seite  treten,  dem  sachlichen  Be- 
richte das  persönlich  wertende,  gruppierende  und  zusammenfassende 
Urteil  folgen.  Diese  Arbeit  könnte  von  drei  oder  vier  Kräften  unter 
einheitlicher  Leitung  voraussichtlich  in  fünf  bis  sechs  Jahren  geleistet 
werden.  Sicherlich  käme  ein  solches  Kompendium  dem  Bedürfnisse 
weiter  Kreise  der  deutschen  Kunst-  und  Altertumsforschung  entgegen. 
Wir  hoffen,  dafs  die  Reichsregierung  dem  einmütigen  Wunsche  der 
Beteiligen  im  nächsten  Jahre  ein  willigeres  Ohr  leihe. 


Mitteilungen 

Eingegangene  BUeher. 

Der  Römische  Limes  in  Österreich.  Heft  II  mit  24  Tafeln  und  50  Figuren 
im  Text.     Wien,  Alfred  Holder,   1901.     160  Sp.    4®, 

Lohmeyer,  Karl:  Die  Litteratur  des  Jahres  1900  zar  Geschichte  Alt- 
preufsens.     [=  Historische  Vierteljahrschrift  1901.     S.  429 — 438.] 

Lückerath,  Wilh. :  Die  Herren  von  Heinsberg,  vier  Teile  [=  Beilagen  zum 
Jahresbericht  der  höheren  Stadtschule  zu  Heinsberg,  1888 — 1891].    4®. 

Derselbe:  Beiträge  zur  Geschichte  von  Heinsberg  und  Umgegend,  Beilage 
zur  Heinsberger  Volkszeitung.  I.  Jahrgang  (1897),  90  S.  8^  11.  Jahr- 
gang (1898),  75  S.  80. 

Mayer,  Herrn.:  Zur  Geschichte  der  Pest  im  15.  und  16.  Jahrhundert 
[=  Schau  ins  Land.    Freiburg  i.  B.  1901.     28.  Jabrlauf.     S.   13 — 32.] 

----  -  -  III  ■^■■^■■■««  ^^  -mr    -1— —  * • — ■ 

Herausgeber  Dr.  Annüi  Tille  in  Leipdg.  —  Druck  und  Verlag  ron  Friedrich  Andreas  Perthes  in  Gotha 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsscbrift 


F9rdem]i§  der  landes^scMclitiichen  Forscfmng 


»  I  m 


m.  Band  März/April  tgoa  6./7.  Heft 


Deutsehlands  neolithisehe  Altertümer 

Von      • 
Moriz  Hoemes  (Wien) 

Die  jüngere  Steinzeit,  das  erste  Stadium  der  Sefshaftigkeit,  des 
Ackerbaues  und  der  Viehzucht,  der  rituellen  Totenbestattung,  der  Ke- 
ramik und  vieler  anderer  Wahrzeichen  rasch  aufsteigender  Kultur- 
entwickelung, ist  zugleich  die  Zeit,  in  der  arische  Stämme,  wenn  auch 
noch  nicht  näher  faisbar,  sich  in  Europa  festsetzten  und  hier  die  ersten 
schwankenden  Grundlagen  zu  ihrer  späteren  Herrschaft  über  den  Welt- 
teil schufen.  Wie  man  sich  das  zu  denken  hat,  wie  jene  nicht  die 
einzigen  und  kaum  die  ersten  waren,  denen  der  Kontinent  seine  Neu- 
besiedelung  nach  dem  Ende  des  Diluviums  verdankt,  wie  man  aber 
auch  seine  ftir  spätere  Perioden  mehr  und  mehr  berechtigten  Ansprüche 
auf  klare  Erkenntnis  historischer  Thatsachen  hier  aufgeben  muüs,  hat 
unter  Anwendung  vergleichend-geographischer  Gesichtspunkte  auf  das 
archäologische  Material  F.  Ratzel,  I)er  Ursprung  und  die  tVän^ 
derungen  der  Völker  geographisch  betrachtet,  II  *)  gezeigt.  Wenn 
der  Historiker  die  ältere,  diluviale  Steinzeit,  an  die  sich  die  Fragen 
nach  dem  Alter  der  Menschheit,  nach  deren  Herausbildung  aus  einer 
niedrigeren  Form  u.  a.  naturwissenschaftliche  Probleme  knüpfen,  ohne 
Einbu&e  für  seinen  eigenen  geistigen  Horizont  der  Anthropologie  über- 
lassen darf,  hat  er  dagegen  alle  Ursache,  sich  um  die  neolithischen 
Funde  zu  kümmern,  denn  sie  sind  die  Trümmer  des  ältesten  Funda- 
mentes, auf  dem  sich  aller  späterer  Kulturbau  erhebt.  Sie  stehen 
denn  auch  gegenwärtig  sehr  im  Vordergrund  prähistorischer  Studien, 
besonders  in  den  germanischen,  weniger  in  den  romanischen  und  sla- 
vischen  Ländern,  und  namentlich  aus  Deutschland  liegt  eine  stattliche 
Reihe  einzelner,  wenn  auch  wenig  umfangreicher  Arbeiten  vor,  w^elche 


i)  B«r.  phJL-hist.  Kl.  »ädis.  Gesell»ch.  d.  WiM.  I9<k>,  S»  ^3 — 147.  Vgjl.  auchDert., 
Dgr  Ursprung  der  Arier  in  geegr,  lacht  (Umtckau  IQ,  1899,  8.  835.  840). 

11 


—     146     — 

in  den  baden  letzten  Jahrzehnten  erschienen  sind  und  die  Tiefen  des 
schwierigen  Gegenstandes  an  verschiedenen  Punkten  erhellen. 

Von  der  Legion  blofiser  Fundberichte,  die  fast  jeder  Tag  vermehrt» 
mnis  hier  abgesehen  werden;  nur  weiter  zielende  Mitteilungen  können 
uns  beschäftigen.  Der  richtige  Weg  für  solche  wird  immer  folgende 
Stationen  berühren:  Typologie  —  Topographie  —  Chronologie  — 
Genealogie;  mit  anderen  Worten:  nach  der  Konstatierung  der  Formen- 
kreise oder  Kultuigruppen  und  ihrer  Ausdehnung  wird  die  schwierigere 
Feststellung  ihrer  g^enseitigen  chronologischen  und  genetischen  Be- 
ziehungen in  Angriff  zu  nehmen  sein.  Gelingt  dies  einmal,  dann  ist 
alles  erreicht,  was  billigerweise  verlangt  werden  kann.  Nichts  darf 
uns  dabei  weniger  überraschen,  als  dais  die  einzelnen  Arbeiter  diese 
Etappen  oft  nicht  gehörig  auseinanderhalten,  sondern  ein  mehr  oder 
minder  abgekürztes  Verfahren  einschlagen  und  das  chronologisch -ge- 
nealog^che  Ziel  lange  vor  der  Kritik  für  erreicht  halten.  Dag^en 
läfst  sich  nichts  einwenden,  wofern  man  das,  was  naturgemäfs  heute 
nur  erst  Hypothese  sein  kann,  nicht  anders  betrachtet  und  behandelt. 

Dieses  vorausgeschickt,  wenden  wir  uns  zu  den  Ergebnissen  der 
einschlägigen  Arbeiten.  Zunächst  finden  wir,  dafs  die  Konstatierung 
der  Formenkreise  jetzt  überall  von  der  Keramik  ausgeht,  wohl  nicht 
ohne  Einflufs  der  Erfolge,  welche  die  mykenische  und  frühklassische 
Archäologie  durch  solches  Vorgehen  erzielte.  Früher  stellte  man 
lieber  anderes  voran:  in  Skandinavien  und  Frankreich  (Montelius,. 
Salmon)  die  Typen  der  Steinwerkzeuge  und  der  Gräber,  in  der 
Schweiz  (Grofs)  Material  und  Formen  der  ersteren,  daneben  in  un- 
genügender Weise  Form  und  Verzierung  der  Thongefafse,  in  Böhmen 
(Woldfich)  wieder  nur  Steinbeilformen,  in  Italien  (Pigorini)  Siede- 
lungstypen,  wie  Hüttengruben  und  Pfahlbauten.  So  kam  man  zur 
Aufstellung  zweier  oder  mehrerer  Abschnitte  der  jüngeren  Steinzeit,, 
deren  Verschiedenheiten  entweder  durch  Entwickelung  von  Innen  her-^ 
aus  oder  durch  äufsere  Einflüsse  und  neue  Einwanderungen  erklärt 
wurden.  Diese  problematischen  Versuche  beschränkten  sich  mehr  oder 
weniger  auf  kleinere  Fundgebiete,  wo  das  engere  Nebeneinander  der 
verschiedenen  Formen  die  Frage  nach  der  gegenseitigen  Zeitstellung: 
in  den  Vordergrund  rückte. 

Auch  die  jetzt  herrschende  Richtung  ist  von  solchen  lokal  be-- 
grenzten  Vorkommnissen  ausgegangen  und  hat  daher  die  2^itfrage  vor^ 
schnell  aufgeworfen;  aber  sie  bedeutet  doch  einen  grofsen  Fortschritt, 
g^enüber  jenen  älteren  Anläufen.  Tischler,  Klop fleisch  und 
Götze  inaugurierten  das  Studium  der  neolithischen  Keramik,  sie  und 


—     147     — 

ihre  Nachfolger  zeigten  die  weite  und  eigentümliche  Verbreitung  ge- 
wisser keramischer  Gruppen,  unter  welchen  die  „Schnurkeramik"  und 
die  „Bandkeramik"  an  Bedeutung  voranstehen  ^).  Diese  Richtung  der 
neolithischen  Studien  ist  fast  ganz  auf  Deutschland  und  Österreich  be- 
schrankt, zieht  aber  natürlich  auch  die  anderen  europäischen  Länder 
nach  Möglichkeit  in  Betracht.  Ihr  gehört  offenbar  die  Zukunft,  na- 
mentlich dann,  wenn  auch  die  Prähistoriker  der  anderen  Länder  den- 
selben W^  einschlagen,  was  kaum  mehr  lange  ausbleiben  dürfte,  da 
diese  alle  nachweislich  an  einer  oder  mehreren  der  in  Deutschland 
ericannten  keramischen  Gruppen  Anteil  haben. 

Das  mittlere  und  nordöstliche  Deutschland  lieferte  die  ersten  Er- 
folge; daran  schlots  sich  das  westliche  und  südliche  Deutschland,  na- 
mentlich das  Rheingebiet,  dessen  neolithische  Keramik  Konen,  Kohl, 
Schliz,  Reinecke  u.  a.  teUs  systematisch,  teUs  imt  Anschluß  an 
bestimmte  neue  Funde  mehr  oder  weniger  umfassend  darzustellen 
suchten*).  Aus  angrenzenden  Auslandgebieten  sind  Arbeiten  Hei erlis 
über  die  Schweiz,  PfSs  und  Buchtelas  über  Böhmen,  Palliardis 
über  Mähren  zu  nennen  ^).  Ein  kleineres  norddeutsches  Gebiet  be- 
handelt Brunnei^),  während  Götze')  mehrere  neolithische  Stu^ 
dien    über   Funde    und  Fundgruppen    mit    einer  zusammenfassenden 


l)  Tischler,  Scfar.  pbysUc-ökon.  Gesch.,  Königsberg  1882,  S.  17;  1883  S.  89, 
Sttzber.  den.  1887  8.7;  1888  S.  5;  1889  8.26.  —  Klopfleisch,  Vorgesch.  Alterth, 
Ptev,  Sachs.  L  IL,  Halle  1883.  —  Götze,  Die  Gtfäfsformen  und  Ornamente  der 
sckmurveruerien  neoiith,  Keramik  im  Flufsgehiet  der  Saale  ^  Jena  1891.  —  Dazu  von 
älterer  litteratiir  ttber  Schnorkeramik :  Vofs,  Verh.  BerL  Anthr.  Ges.  1877  S*  3^7;  1878 
S.  166.  —  Virchow,  ebda  1883  S.  430;  1884  S.  399. 

a)  Konen,  Gefäfskunde  der  vorrffm,  u,  s,  w.  Zeit  in  den  Meinlanden ^  Bonn 
1S95.  —  Kohl,  Über  die  neoiith.  Keramik  Südwestdeutschlands  (Korr.-BL  d.  Gesamtr« 
d.  d.  Gesch.-  n.  Altert- Ver.  1900,  S.  17).  —  Das  neuentdeckte  Steinzeit'Bbckergrabfeld 
9.  Ftambcm  b.  Worms,  eine  neue  Phase  d,  neoiith.  Kultur  (Korr.-Bl.  d.  deutsch.  Anthr. 
Ges.  1901,  S.  91).  Abs  diesen  beiden  Arbeiten  ist  aach  ein  Oberblick  ttber  die  frOheren 
Stadien  Kohls  in  gewinnen.  —  Schliz,  Das  sUinzeitL  Dorf  Grofsgartachy  seine  Kultur 
M,  s,  w^  Stuttgart  1901.  —  Über  neoiith.  Besiedlung  in  Sfidwestdentschland  (Korr.-Bl. 
a.  a.  O.  S.  108).  —  Reinecke,  Zur  jüngeren  Steinzeit  in  West-  u.  Süddeutschland 
(Wcstd.  ZeiUchr.  XIX,  1900,  S.  209). 

3)  Heierli,  Die  Chronologie  in  der  Ürgesch.  d.  Schweiz,  Festschrift  Zflrich 
1899.  S.  45.  —  Pfd,  Staro^tnosti  aemS  ceski  /.  Cechy  prfdhistoricki  i.  Frag 
1899.  —  Bnchtela,  Vorgeschichte  Böhmens.  Beil.  z.  V^stnik  SloTcnsk^ch  staroii- 
taosli  m,  1899. 

4)  Die  steinMcitl.  Keramik  ü  d.  Mark  Brandenburg.  Braonschw.  1898  (S.  A.  Arch. 
L  Anthr.  XXV,  3). 

5)  Beiträge  Mur  Kenntnis  der  neoiith,  Kerttmik.    Sonder-Abdracke.    BerL  1900. 


—     H8    — 

Axbeit  Über  die  GUedertmg  und  Chronologie  der  jüngeren  Steine 
zeit  m  dem  untea  genanotea  Hefte  zu  einer  Darstellung  seiner  gegen- 
wärtigen Ansichten  über  den  G^enstand  vereinigte  ^).  Eine  nidit  ge- 
ringe Zahl  teils  älterer,  teils  Ideinerer  Arbeiten,  deren  Inhalt  in  den 
angeiührten  wieder  angenommen  ist,  kann  hier  füglich  übergangen 
werden. 

Überblickt  man  diese  ganze  Litteratur,  so  wird  man  der  Fülle 
ermittelter  Thatsachen  und  greifbarer  Resultate  seine  Aneikennung 
nicht  versagen.  Allein  wie  weit  reichen  sie?  Die  Gruppen  sind  auf- 
gestellt, ihre  räumliche  Verbreitung  sehr  weithin  aufgeklärt  (obwohl 
natürlich  gerade  hier  noch  sehr  viel  ausständig  ist);  allein  darüber 
hinaus,  in  der  chronologischen  und  genetischen  Auffassung  der  Gruppen 
herrscht  vollste  Uneinigkeit.  Da,  in  dem  weitaus  schwierigeren  Teil 
der  Untersuchung,  blüht  die  Hypothese  und  die  Kontroverse.  Einige 
Beispiele  sollen  dies  zeigen.  Götze  unterscheidet  vier  groise,  sechs 
mittlere  und  noch  einige  kleinere  keramische  Gruppen.  Die  gro&en 
sind:  Schnurkeramik,  Zonenbecher,  Bandkeramik,  nordische  Keramik, 
die  mittleren:  Bemburger  Typus,  Kugel- Amphoren ,  Rössener  Typus, 
Pfahlbau-KeramUc,  Scbussenrieder  Gruppe,  Mondsee^Gruppe.  Er  findet 
nun  fast  in  allen  Gebieten  Mitteleuropas  zwei  Hauptabschnitte,  deren 
erster  von  der  Schnurkeramik  und  den  Zonenbechem  beherrscht  wird, 
während  im  zweiten  Hauptabschnitt  die  Gruppierung  mannigfaltiger 
wird  und  die  lokale  Entwickelung  in  den  Vordergrund  tritt.  Ein  Haupt- 
punkt ist  ihm  die  zeitliche  Koordination  der  beiden  erstgenannten 
Gruppen  und  ihre  Priorität  gegenüber  allen  übrigen  (mit  Ausnahme 
der  Pfahlbau-Keramik  im  Rheingebiet).  Reinecke  verwahrt  sich  zwar 
dagegen,  dafs  man  jetzt  schon  Abschliefsendes  sagen  könne,  spricht 
sich  aber  sehr  entschieden  für  nachstehende  Zeitfolge  aus:  i)  Pfiahlbau- 
keramik,  2)  Schnurkeramik,  3)  Glocken-(Zonen-)Becher,  4)  Band- 
keramik, 5)  Rössener  Typus.  Beide  stimmen  also  darin  überein,  dals 
sie  die  drei  erstgenannten  Gruppen,  wenn  auch  nicht  in  gleicher  Weise, 
der  Bandkeramik  vorausgehen  lassen.  1 

Prüft  man  die  Gründe,  auf  welchen  diese  chronologischen  Schei-  | 

düngen  beruhen  sollen,  so  findet  man,   dais  ihnen  nichts  Zwingendes  | 

inne  wohnt.  An  stratigraphischen  Beweisen  fehlt  es  so  gut  wie  völlig, 
und.  sp  darf  es  nicht  Wunder  nehmen,  dafs  eine  Reihe  anderer  zu 
nahezu  entgegengesetzten  Resultaten  gelangt  ist.    Tischler,  Könen^  1 


i)  In  kürzerer  Fassung    entwickelte   Götze  seine  Ideen   in:    Die  Einteilung'  der 
neolitK  Periode  in  Mitteleuropa  (Korr.-BI«  d.  dentsch.  AnÜir.  Gesellsch.  I900,  S.  133). 


—     149     — 

Kohl,  Schumacher,  Heierli,  Deichmüller,  Buchtela,  Pal- 
liar di  setzen  gerade  die  Schmirkeramik  und  namentlich  die  Zonen- 
becher in  einen  jüngeren  oder  jüngsten  Abschnitt  der  Steinzeit  und 
lassen  ihnen  insbesondere  die  Bandkeramik  vorausgehen.  Kohl  tmter«^ 
scheidet  lur  das  Mittelrheingebiet  sechs  Stufen :  i)  ältere  Winkelband- 
keramik („  Hinkelstein typus")  2)  Spiralkeramik  3)  jüngere  Winkelband- 
keramik 4)  rheinische  Püethlbau-Keramik  5)  Schnurkeramik  6)  Zonen- 
bech^.  Dagegen  wendeten  sich  Rein  ecke  und  Schliz,  welche 
chronologische  Trennungen  innerhalb  der  bandkeramischen  Gruppe  nicht 
sageben  wollen  (Götze  unterscheidet  in  derselben  eine  ältere  und  eine 
jüngere  Phase  und  nennt  die  letztere  Mondsee-Stufe).  Doch  anerkennt 
jetzt  Schliz,  dafs  die  lineare  Spiralkeramik  eine  uralte  Übung  sei,  und 
dafs  in  der  „Stich-  und  Strichreihen-Keramik**  der  „Hinkelsteintypus" 
eine  ältere,  der  „ Grofsgartacher  Typus"  eine  jüngere  Phase  vertrete. 
Das  Ende  dieser  bandkeramischen  Entwickelung  bilde  der  Rössener 
Typus,  Auf  den  Grofsgartacher  Typus  habe  die  Schnurkeramik  ein- 
gewirkt. Die  Bodensee-Pfahlbau-Keramik  setzt  Schliz  erst  nach  dem 
Rössener  Typus  in  eine  auf  die  Periode  der  Landdörfer  folgende 
P£ahlbauzeit,  welcher  als  späte  Nachblüte  der  Bandkeramik  auch  die 
Typen  von  Schussenried  und  vom  Mondsee  angehören. 

Das  sind,  in  höchst  flüchtigen  Umrissen  die  wichtigsten  in  und 
fiir  Deutschland  aufgestellten  chronologischen  Systeme,  welche  sich 
auf  die  neolithische  Keramik  gründen.  Citius  emergit  veritas  ex  er^ 
rore  fuam  e  confusione !  Irrtum  mufs  bei  so  entgegengesetzten  Auf- 
fassungen irgendwo  vorhanden  sein ;  aber  Verwirrung  herrscht  insofern 
nicht,  als  mit  bekannten  Gröisen  operiert  wird  und  nur  deren  zeitliche 
Aufstellung  schwankt.  Gefehlt  hat  man,  nach  unserer  Meinung,  von 
AnÜGOig  an  in  der  Form  der  Fragestellung,  indem  man  voraussetzte, 
dafs  die  grofsen  Gruppen  wie  Band-  und  SchnurkeraYnik  irgendwie 
zeitlich  aufeinander  folgen  müfsten,  während  sie  vielleicht,  richtig  be- 
urteilt, gar  nicht  der  Zeit,  sondern  blois  der  Art  und  dem  Orte  nach 
verschieden  sind  und,  nebeneinander  hergehend,  an  verschiedenen 
Punkten  in  verschiedener  Weise  aufeinander  treffen. 

Die  räumliche  Verbreitung  der  beiden  zuletzt  genannten  Gruppen 
macht  dies  von  vornherein  sehr  wahrscheinlich.  Wie  sind  sie  denn 
gelagert?  „Das  Verbreitungsgebiet  der  schnurverzierten  Gruppe**, 
sagt  Rein  ecke,  „umfafst  sowohl  Mittel-  als  Osteuropa.  Zur  Zeit 
lieferten  ihr  angehörende  Funde  folgende  Länder:  Nordrufsland,  Süd- 
Tulsland  (Ukraine),  Ostgalizieö,  Wolhynien,  Podolien,  die  Bukowina 
und  wohl  auch  die  Moldau ,  das  ganze  Weichselgebiet  (Westgalizien, 


—     160     — 

Polen,  Westpreu&en)  und  Ostpreulsen,  Mähren,  Böhmen,  Schlesien, 
Posen,  Pommern,  Brandenburg,  das  Königreich  und  die  Provinz  Sachsen, 
das  nördliche  Thüringen,  Mecklenburg,  Schleswig -Holstein,  die  dä- 
nischen Inseln,  Hannover,  Holland,  Kurhessen,  das  Rheingebiet  von 
der  Schweiz  bis  zum  Niederrhein  und  Süddeutschland/'  Es  fehlen  da, 
wie  man  sieht,  sehr  wichtige  Länder :  die  drei  Südhalbinseln  Europas, 
Ungarn  und  ganz  Österreich  südlich  der  Donau;  auch  Südmähren  und 
das  angrenzende  nördliche  Niederösterreich  sind  frei  von  Schnurkeramik. 
Diese  Gruppe  ist  also  (von  SW- Deutschland  abgesehen)  gegen  Süden 
hin  durch  die  obere  Donau  und  den  Zug  der  Karpathen  begrenzt, 
d.  h.  eine  ausgesprochen  nördliche  und  nordöstliche.  Fraglich  bleibt 
ihr  Zusammenhang  mit  dem  Auftreten  schnurverzierter  Thongefalse  in 
Frankreich,  England,  im  Westen  des  Ural  und  in  Sibirien. 

In  schlagendem  Gegensatz  hierzu  steht,  der  Hauptsache  nach,  die 
Verbreitung  der  Bandkeramik.  „Aus  Westeuropa",  sagt  Reinecke, 
„kennen  wir  sie  aus  Portugal  und  Spanien,  weiter  aus  der  nördlichen 
Hälfte  Frankreichs ;  femer  tritt  sie  uns  in  Belgien,  in  den  Rheinlanden 
vom  Bodensee  bis  zum  Niederrhein,  in  Süddeutschland,  in  den  Ost- 
alpengebieten, in  Hessen,  Thüringen,  Sachsen,  Schlesien,  Westgalizien 
und  an  einzelnen  Punkten  der  norddeutschen  Tiefebene  (z.  B.  in  Bran- 
denbuig  und  Pommern)  entgegen;  in  Böhmen,  Mähren  und  Nieder- 
österreich nördlich  der  Donau  ist  sie  sehr  reichlich  vorhanden ;  weiter 
finden  wir  sie  in  Oberungam,  im  Alföld  und  Siebenbürgen,  im  Litorale, 
in  Dalmatien,  Bosnien,  Kroatien  und  Slavonien,  Serbien,  Rumänien, 
Bulgarien,  sodann  in  der  Troas,  endlich  selbst  in  Phrygien.*'  Auiser  Cy- 
pern  gehört  nach  den  jüngsten  Entdeckungen  A.  J.  Evans*  in  Knossos 
auch  Kreta  hierher.  Mit  anderen  Worten:  aufser  gewissen  Grenz- 
gebieten in  West-  und  Mitteldeutschland  und  einigen  Fällen  versprengten 
Vorkommens  weiter  östlich  schliefsen  die  Verbreitungsgebiete 
der  Schnur-  und  der  Bandkeramik  einander  gegenseitig 
aus,  und  das  der  letzteren  ist  ein  evident  südliches  und 
südöstliches,  wie  das  der  ersteren  ein  nördliches  und 
nordöstliches.  Hätte  man  das  vor  20  Jahren  gewuist,  so  würde 
die  Altersfrage,  zu  welcher  die  Verhältnisse  in  einem  jener  Grenz- 
gebiete, nämlich  in  Thüringen  und  der  Provinz  Sachsen,  allerdings 
aufforderten,  nie  so  scharf  gestellt  worden  sein,  wie  es  thatsächlich  und 
in  verhängnisvoller  Weise  geschehen  ist. 

Was  folgt  nun,  vorausgesetzt,  dals  nicht  künftige  Entdeckungen 
jdie  Grundlinien  des  Bildes  total  verrücken,  aus  jenem  Lagerungs- 
verhältnis?   Doch  gewüs  nicht,  da(s  die  eine  der  beiden  Gruppen  zur 


—     161     — 

Ganze  älter,  die  andere  zur  Gänze  jünger  sei.  Nimmt  man  dies  an, 
so  wäre  z.  B.  in  ganz  Osterreich -Ungarn  südlich  der  oberen  Donau 
und  der  Karpathen  nur  eine  (nach  Götze  imd  Reinecke  jüngere,  nach 
Kohl  u.  a.  ältere)  Stufe  der  jüngeren  Steinzeit  vertreten.  Zu  solchen 
Konseqnenzen  gelangt  man  durch  Generalisierung  chronologischer  An- 
Setzungen,  die  auf  engbegrenztem  Gebiet,  in  jener  Grenzzone,  immer- 
hin berechtigt  sein  mögen.  Blickt  man  aber  auf  das  Gro&e  und  Ganze, 
so  zeigt  sich  klar,  dafs  Schnurkeramik  und  Bandkeramik 
getrennte  Entwickelungen  darstellen,  von  welchen  die  eine 
den  Norden  und  Nordosten,  die  andere  den  Süden  imd  Südosten  be- 
herrscht. Sie  müssen  also,  der  Hauptsache  nach,  ungefähr  in  dieselbe 
Zeit  fallen,  und  chronologische  Unterschiede  müssen,  wenn  möglich, 
vielmehr  innerhalb  jeder  dieser  beiden  Gruppen,  als  zwischen  denselben 
ermittelt  werden  ^).  Weitere  Frage :  was  ergiebt  sich  aus  diesem  Ver- 
hältnis für  die  Genesis  der  neolithischen  Kultur  in  Europa?  Es  wäre 
überkühn,  jetzt  schon  mehr  zeigen  zu  wollen,  als  eine  ferne,  dämmer- 
hafte Aussicht  auf  zwei  grofse  Kulturprovinzen  getrennten  Ursprunges 
und  vielleicht  —  vielleicht!  —  verschiedener  rassenhafter  Grundlage. 
Klar  und  unbestritten  ist  der  Zusammenhang  der  einen,  der  süd- 
lichen oder  bandkeramischen,  mit  überseeischen  Gebieten  Vorderasiens 
und  Nordafrikas.  Bis  in  die  Nagada-Kultur  Oberägyptens  hinein,  die, 
gering  gerechnet,  über  3000  Jahre  vor  Chr.  Geb.  angesetzt  werden 
muis,  reicht  dieser  Zusammenhang.  Spiraldekoration,  Vasenmalerei, 
Thonplastik  bezeugen  ihn  für  eine  ganz  bestimmte  südöstliche  Zone 
Europas,  wie  ich  in  meiner  Urgeschichte  der  bildenden  Kunst  in 
Europa  (Wien  1898)  ausfuhrlich  dargestellt  habe.  Freilich:  wie  dieser 
Zusammenhang  geschichtlich  zu  deuten  ist,  bleibt  noch  sehr  fraglich. 
Lag  der  Ausgangspunkt  ganz  tief  im  Südosten  und  fuhrt  eine  einzige 
breite  Bahn  von  dort  über  Mittelmeer  und  Pontus  hinweg  nach  Norden? 
Oder  lag  der  ursprüngliche  Herd  dieser  Kultur  nicht  eher  am  östlichen 
Mittelmeer,  im  Bereich  der  ägäischen  Insel-  und  Küstenwelt  und  strahlte 
jene  von  dort  allseits  aus :  durch  das  westliche  Mittelmeer  nach  Spanien, 
durch  den  Pontus  nach  Südrufsland,  südwärts  nach  Libyen  und  Ägypten, 
nordwärts  bis  zum  Rhein,  zur  Donau  und  zu  den  Karpathen?  Wir 
möchten  der  letzteren  Auffassung  den  Vorzug  geben,  aber,  wohl- 
gemerkt,   nur   als   der    momentan    plausibelsten  Hypothese   zur    Er- 

i)  Ich  setze  als  bekannt  Tonna,  dalä  —  wie  fibrigena  die  oben  genannten  Dar« 
stellimgeD  hinlänglich  zeigen  —  die  Kaltargrnppen  der  Schnur-  nnd  der  Bandkeramik 
nicht  nur  in  den  Formen  nnd  Versienmgen  der  Thongefafse,  sondern  anch  in  den  Typen 
der  Steinweikzeuge  and  in  vielen  anderen  Beziehungen  sich  roneinander  unterscheiden. 


—     152     — 

Irlämng'  vider  frappierendttr  Erscheimmgen.  Solche  Vennutimgeiif  wie- 
weit sie  auch  immer  von  sicheren  Erg^ebnissen  estfernt  sind,  machen 
doch  noch  den  Eindruck  von  Tagesheile  gegenüber  dem  kimmerischen 
Dimkel,  das  über  der  Entstehimg  der  schmirkeramischen  Gmppe  und 
anderer  nördlicher  Typen  der  neolithischen  Keramik  schwebt  Von 
den  letzteren  soll  hier  gar  nicht  die  Rede  sein ;  sonst  würden  wir  u.  a. 
zu  zeigen  suchen,  wie  die  oben  erwähnten  Zonen«  oder  Glockenbecher 
wahrscheinlich  auf  einem  peripherischen  Wege  von  Westen  her  in 
Mittelem-opa  eingedrungen  sind.  Darin  und  in  mancher  Nebenfrage 
lassen  sich  auch  diskutable  Vermutungen  aufteilen;  wie  aber  die  Be» 
gründung  der  so  ausgedehnten  schnuxkeramischen  Kultur  vor  sich  ge- 
gangen ist,  entzieht  sich  derzeit  jeder  berechtigten  Annahme.  Sicher 
scheint  nur  soviel,  dafs  sie  auf  einem  Wege  entstanden  ist,  der  den 
Süden  und  namentlich  den  Südosten  Europas  umging.  Geschah  dies 
aber  von  Westen  her,  durch  den  Handel?  Oder  von  Osten  durch 
Einwanderung?  Für  beides  spricht  das  isolierte  Vorkommen  schnur- 
keramischer Formen  einerseits  in  Südengland,  andrerseits  im  östlichen 
Ruüsland  (Gouvernement  Perm)  und  in  Sibirien.  Wer  Lust  hat,  mit 
archäologischen  und  kulturgeschichtlichen  Problemen  Rassenfragen  zu 
verknüpfen,  mag  in  den  Trägem  der  bandkeramischen  Kultur  die  Ver- 
treter von  Sergis  sHrpe  medüerranea  eri>licken;  es  bleibt  ihm  dann 
die  erfreuliche  Möglichkeit,  die  Besitzer  der  schnurkeramischen  Kultur 
mit  den  europäischen  Ur-Indogermanen  zu  identifizieren »). 


i)  Ober  neolithische  Keramik  in  Deutschland  and  Österreich-Ungarn  mit  besonderer 
Rtlcksicht  aaf  das  Alter  nnd  die  Stufen  der  sog.  „Bandkeramik"  werde  ich  ausführlich 
in  einem  demsHchst  «rscfaeinenden  Buche  spreöhen«  Hier  sei  tax  noch  bemerkt,  dafa 
gans  kttndieh  auch  die  finaBeösi«ch«o  Frahistoriker  angefoigen  haben,  sich  fUr  die  Systeme 
nnd  Kontroversen  ihrer  deutschen  KoUegen  su  interessieren.  Vgl.  L' Anthropologie^ 
Paris  ZU  (1901),  S.  456 — 465,  700—707.  Allerdings  gesteht  der  scharfsinnige  S.  Rei- 
nach S.  707,  dafs  es  ihm,  selbst  mit  Hilfe  Schumachers,  im  Mainzer  röm.-germ.  Zentr.- 
Musenm  nicht  gelungen  sei,  Schnur-  nud  Bandkeramik  sicher  unterscheiden  zu  lernen  und 
lügt  hinm :  «r  ^ü  y  a  du  „«vnÜ  nAaniform^^  ti  du  ^^rubani  cordif9rmt^^^  cela  prouui 
tmm  «rckiolQgms  nom  seHUm^ni  du  fil  €t  du  ru^aut  maü  di  la  c^rde  ä  rttordre. 


W^^^M^^rf^^^t^A^ 


—     153     — 

Ortsnamentorsehung  und  Wirfcsehafts^ 

gesehiehte 

Von 
Hans  Witte  (Schwerin) 

Seit  der  Widerlegung  ^)  der  Arnold  sehen  Ortsnamentheorie  herrscht 
in  unserer  Ortsnamenforschung  ein  Übergangszustand.  Einerseits  finden 
sich  immer  noch  Autoren,  die  ganz  und  gar  auf  Arnold  fu&en.  Für 
Julius  Cramer')  z.  B.  sind  immer  noch  die  -ingen  alemannisch» 
die  -heim  fränkisclu  Kein  Wunder  daher,  da(s  er  sich  nicht  erklären 
kann,  wie  in  dem  nach  Stamm  und  Sprache  alemannisch  gebliebenen 
ElsalSs  das  „  fränkische ''  -heim  so  vorherrschend  werden  konnte ')» 
Und  auch  Franz  Cramer  hat  noch  in  der  Einleitung  seiner  trefflichen 
Schrift  über  die  rheinischen  Ortsnamen  von  dem  grundlegenden  Ar- 
nold sehen  Werke  gerühmt,  dafs  es  „besonders  die  vielverschlungenen 
P&de,  auf  denen  Franken  und  Alemannen  im  Stromgebiete  des  Rheines 
sich  bew^t  und  miteinander  gerungen,  . . .  zuerst  aufgedeckt  und  in 
helleres  Licht  gerückt"  habe*).  Ein  Glück  nur,  dafs  dieser  gute, 
heute  nicht  mehr  berechtigte  Glaube  auf  den  Inhalt  der  Studie  Fran^ 
Cramers  nicht  schädigend  einwirken  konnte,  da  diese  sich  auf  die 
vorgermanischen  Ortsnamen  des  Rheinlandes  beschränkt. 

Andrerseits  ist  aber  auch  unter  denjenigen,  die  den  von  Arnold 
aufgestellten  Sätzen  nicht  mehr  den  Charakter  von  blindlings  zu  be- 
folgenden Dogmen  zuerkennen  wollen,  das  Prinzip  der  voraussetzungs- 
losen  und  nicht  durch  Annahme  unbewiesener  Regeln  von  vornherein 
in  bestimmte  Bahnen  gedrängten  Forschung  noch  nicht  völlig  durch- 
gedrungen.    Schon  einer  von    denen,  die    bei  der  Bekämpfung  der 

i)  VgL  dBiüber  im  Jahrgang  I  dieser  Zeitschrift  8.  153,  wo  auch  in  Anm.  2  dl« 
einschlägige  litteratnr  snsammeiigesteUt  ist  —  Ich  fUge  ergänzend  hinzu:  Karl  Weller, 
Die  Besiedelang  des  Alamannenlandes  (Wttritembg.  Vierteljahrshefte  für  Landcsgeschichte» 
N.  F.  Vn,  1898),  wo  noch  einige  weitere  in  Betracht  zn  ziehende  Schriften  erwähnt  wer- 
den. Bei  den  nenesten  Erscheinungen:  Adolf  Schiber,  Zar  Ortsnamenforschong  (Kon 
rc^M>Ddenzblatt  des  Gesamtvereins  1900,  S.  124 — 128),  Hans  Witte,  Zur  Orunamen- 
forschung  (Korrespondenzblatt  1900,  S.  148  [durch  willkttrliche  Redaktionsänderungen 
entstellt]  und  litter.  Centralblatt  1900,  Nr.  44)  überwiegt  persönliche  Polemik. 

9)  Julius  Cramer,  Die  Geschickte  der  Alamamnen  als  Gaugeschükte  {in  Gierket 
Unteffsodmagen  zur  deutschen  Staats-  und  Rechtsgeschichte,  Heft  57).    Breslau,  Marcus, 

1S99.    S.  349  ff- 

3)  Ebend.  S.  255. 

4)  Franz  Cramer,  Jüiemiseke  Ortsnamen  aus  vorrämischer  und  rifmischer  Zrd. 
Düsseldorf,  Ed.  Lintz,  1901.     S.  i. 


—     154     — 

Amoldschen  Theorie  beteiligt  waren,  hat  den  Grundfehler,  an  dem 
diese  krankte,  das  Systematisieren  und  Schabionisieren  zwar  in  Bezug 
auf  die  Stamm  es  Verhältnisse  widerlegen  helfen ,  ihn  aber  dann  selber 
übernommen  und  unter  Übertragung  auf  das  wirtschaftliche  Gebiet  die 
Entwickelung  eines  neuen  Systems  angebahnt 

Adolf  Schiber  hat  in  seinen  „Siedlungen"  noch  nicht  voll- 
ständig mit  der  von  Arnold  überkommenen  Zuweisung  der  einzelnen 
Ortsnamentypen  an  bestimmte  deutsche  Volksstämme  gebrochen;  er 
ist  zwar  im  Gegensatz  zu  Arnold,  der  bekanntlich  die  Ortsnamen  auf 
-ingen  für  alemannisch  erklärte,  für  deren  gemeindeutschen  Charakter 
eingetreten ,  aber  in  Bezug  auf  die  Ortsnamen  auf  -heim  ist  er  von 
Arnolds  fränkischer  Stammesbestimmung  nicht  abgewichen  ^). 

i)  Ich  mafs  dies  beweisen,  da  Schiber  es  bestritten  hat  Im  Korrespondeniblatt 
des  Gesamtvereins  von  1900,  S.  125,  Spalte  2  unten  schreibt  er:  „Ich  widersprach 
Arnold  auch  hier  insofern,  als  ich  -heim  ausdrücklich  ffir  pangermanisch  erklärte 
(a.  a.  O.  S.  15),  aber  dieser  Bezeichnung  legte  ich  eine  Bedeutung  bei,  welche  es  mit 
sich  brachte,  dals  Siedlungen  solcher  Art  auf  alemannischem  Boden  nur  von  Franken 
gegründet  werden  konnten,  nämlich  =  Dorf  von  Hörigen,  vgl.  Siedlungen  S.  15 ff."  — 
Die  Stelle  auf  S.  15  der  „Siedlungen",  auf  die  sich  Schiber  beruft,  lautet:  „Heim 
(goth.  haimSf  nord.  keimr,  agls.  kam)  ist  nun  ein  Wort,  das  a n  s ich  allen  germanischen  Spra- 
chen angehört."  Wie  jeder  sieht,  handelt  es  sich  hier  gar  nicht  um  die  mit  -heim  ge- 
bildeten Ortsnamen,  sondern  um  das  Substantivum  Heim,  was  durch  die  HintufÜgung  von 
„  an  sich  "  noch  besonders  hervoi*gehoben  wird.  Der  gemeingermanische  Charakter  dieses 
Substantivums  ist  bisher  von  niemandem  in  Zweifel  gezogen  worden.  Die  mitgeteilte 
Stelle  beweist  also  nicht,  was  Schiber  mit  ihr  beweisen  möchte.  Wenn  er  dagegen  io 
seinen  „Siedlungen"  auf  S.  13  sagt:  „Natürlich  kann  keine  Rede  davon  sein,  dais  die 
Verwendung  der  Silbe  heim  zur  Ortsnamenbildung  den  Franken  allein  eigen  sei",  so 
sieht  das  ja  fast  wie  eine  Wendung  gegen  den  Arnold  sehen  Standpunkt  aus.  Aber  der 
unmittelbar  folgende  Nachsatz:  „Dieses  hat  wohl  niemals  behauptet  werden 
wollen"  verdirbt  den  ganzen  Eindruck.  Denn  in  der  That  hat  auch  Arnold  dies  nicht 
behaupten  wollen,  sich  vielmehr  dagegen  gewehrt,  dafs  der  von  ihm  als  Regel 
ausgesprochene  fränkische  Charakter  der  «heim  auf  alle  Einzelf^le  ausgedehnt  werde  (vgL 
Arnold,  Studien  zur  deutschen  Kulturgeschichte.  Stuttgart  1882.  S.  112,  Mitte).  Dafs 
auch  diese  Äufserung  Schibers  keineswegs  im  Gegensatz  zu  Arnold  gethan  wurde,  er^ 
hellt  aufserdem  noch  aus  seiner  auf  S.  18  gegebenen,  jedes  Mifsverständois  ausschlieisen- 
den  Zusammenfassung:  „Es  ergiebt  sich  daraus,  dafs  bei  diesen  heim  in  Dentschlaad, 
abgesehen  von  den  sechs  östlichen  Provinzen  Preufsens,  kaum  bei  einem  die  Mög- 
lichkeit einer  Gründung  durch  Franken  ausgeschlossen  ist,  während 
sie  fOr  die  ungeheuere  Mehrheit  von  vom  herein  als  wahrscheinlich  er* 
«cheinen  mufs."  Entschiedener  hat  selbst  Arnold  den  fränkischen  Charakter  der 
-heim  nicht  als  Regel  bezeichnet.  Die  neuerliche  Behauptung  Schibers,  in  seinen 
„Siedlungen"  im  Gegensatz  zu  Arnold  den  pangermanischen  Charakter  der  -heim 
hervorgehoben  zu  haben,  findet  weder  auf  der  von  ihm  selbst  zitierten  Seite,  noch  sonst 
in  den  „Siedlungen"  eine  SttLue;  sie  kann  demnach  nur  als  verschleierter  Rttckzag  von 
einer  als  unhaltbar  erkannten  Stellung  aufgefafst  werden. 


—     165     — 

Der  Grundgedanke»  von  dem  Schiber  ausgeht,  ist  {folgender:  die 
Orte  auf  -ingen  sind  Sippen-(Bauem-)siedelungen,  diejenigen  auf  -heim 
dagegen  Herrensiedelungen.  Dergestalt  setzt  er  den  Gegtasatz  zwi- 
schen -ingen  und  -heim,  der  mit  der  Überwindung  des  Amoldschen 
Systems  sich  hätte  verflüchtigen  oder  doch  wenigstens  sehr  an  Stärke 
verlieren  müssen,  von  neuem  in  Wirksamkeit,  indem  er  ihn  nur 
von  dem  Stammesgebiet  in  die  Wiitschaftsverhältnisse  überträgt.  Dieser 
wirtschaftliche  Grundgedanke  Schibers  verbindet  sich  mit  seiner  soeben 
dargestellten  Stammesauffassung :  die  Sippensiedelungen  auf  -ingen  sind 
nicht  an  einen  bestimmten  germanischen  Stamm  gebunden,  dagegen 
erscheinen  die  -heim  in  den  „Siedlungen"  durchaus  als  die  Sitze  frän- 
kischer Herren.  Da  nun  die  Germanenstämme  zur  Zeit  der  Völker- 
wanderung in  ihrer  überwi^enden  Masse  aus  gemeinfreien  Bauern 
bestanden,  wären  überall  da,  wo  sie  sich  in  gröiseren  Mengen 
niedergelassen  haben,  zahlreiche  Ortsnamen  auf  -ingen  zu  erwarten. 
Ihr  Fehlen  an  solchen  Stellen  würde  diese  ganze  Theorie  über  den 
Haufen  werfen,  wenn  sich  nicht  eine  einleuchtende  Erklärung  dafür 
finden  liefse. 

Thaisächlich  sind  nun  in  einem  grofsen  Teile  des  alemannischen 
Stedelungsgebietes  die  Ortsnamenverhältnisse  derart,  dais  diese  Schi- 
berschen  Aufstellungen  völlig  an  ihnen  scheitern  zu  müssen  scheinen : 
In  der  pfalzischen  Ebene  giebt  es  neben  einer  sehr  gro&en  Anzahl 
von  Orten  auf  -heim  nur  sehr  wenige  auf  -ingen,  und  in  der  elsässi- 
schen  Ebene  sind  die  -heim  nahezu  alleinherrschend,  in  dem  Maise, 
dafs  in  der  unterelsässischen  Ebene  neben  ihnen  nur  ein  einziges  -ingen 
(Dümingen),  in  der  oberelsässischen  nur  ein  halbes  Dutzend  vorkommt. 

Diese  unbequemen  Thatsachen  werden  von  Schiber  promptest  auf 
die  Seite  geschoben,  indem  er  deduciert:  Gewifs  mufs  die  aleman- 
nische Ansiedelung  in  den  Ebenen  der  Pfalz  und  des  Elsafs  zahlreiche 
Ortschaften  auf  -ingen  hervorgerufen  haben.  Solche  waren  früher  auch 
in  grofeer  Menge  vorhanden.  Aber  als  die  Franken  das  obere  Rhein- 
thal erobert  hatten,  wurden  die  einstigen  alemannischen  Sippensiede- 
lungen in  fränkische  Herrensiedelungen  verwandelt;  die  ursprünglichen 
Namen  auf  -ingen  hatten  daher  keine  Berechtigung  mehr  und  mufsten 
„umgetauft"  werden  in  solche  auf  -heim!! 

Da  sonst,  wo  immer  ein  Volk  sich  über  das  Gebiet  eines  anderen 
ausbreitet,  die  Übernahme  einer  grolsen  Menge  der  vorgefundenen  Orts- 
namen beobachtet  wird,  wäre  es  doppelt  erwünscht  gewesen,  wenn 
der  so  einzig  dastehende  Vorgang  einer  radikalen  Massenumtaufe  der 
Orte  des  westlichen  Oberrheins   auch  wirklich  erwiesen  worden  wäre. 


—     156     — 

Der  gewöhnliche  Verstand  will  es  so  leicht  nicht  beg^fen,  warum 
die  Franken  die  schon  ans  ihrer  Heimat  altvertrauten  Namen  auf  -ingen, 
die  Lothringen  und  Luxemburg  erfüllen  und  sich  bis  an  das  Nord- 
meer hinziehen,  hier  nicht  bestehen  lassen  konnten,  während  doch 
sonst  sogar  die  unverstandenen  Namen  einer  fremden  Sprache  massen- 
haft übernommen  werden.  Und  hier  —  wenigstens  im  Elsafs  —  blieb- 
doch  die  alteingesessene  alemannische  Bevölkerung  in  so  überwiegen- 
der Stärke  sitzen,  dafs  die  eingewanderten  Franken  ihr  gegenüber  nur 
eine  kleine  Minderheit  ausmachen  konnten.  Wie  sollte  es  dieser  AGn- 
derheit,  die  so  schwach  war,  dafe  sie  in  kurzer  Zeit  völlig  alemanni- 
siert  wurde,  gelungen  sein,  die  ansässig  gebliebenen  Alemannen  zur 
Preisgabe  ihrer  angestammten  Ortsnamen  zu  veranlassen? 

Genug,  die  angebliche  Umnennung  der  linksrheinischen  -Ingen  in 
-heim  ist  nicht  bewiesen.  Man  kann  auch  billigerweise  einen  solchea 
Beweis  gar  nicht  verlangen,  da  dieser  Vorgang  zu  einer  Zeit  statt- 
gefunden haben  soll,  über  die  wir  durch  schriftliche  Quellen  nur  mangel- 
haft unterrichtet  sind.  Man  mufs  sich  eben  damit  trösten,  da(s  diese^ 
Umnennung  mit  zwingender  Notwendigkeit  durch  Schibers  Grundidee- 
von  dem  bäuerlichen  Ch arakter  der  -ingen  und  dem  g r u n d - 
herrlich- fränkischen  der  -heim  erfordert  wird.  Nur  schade,  dafe  auch 
die  Richtigkeit  dieser  Grundidee  noch  nicht  bewiesen  ist. 

Ich  will  hier  nicht  wiederholen,  was  ich  an  anderen  Stellen  bereits- 
gegen  die  Schibersche  Auffassung  vorgebracht  habe,  sondern  nur 
erwähnen,  dafs  ich  zu  beweisen  versucht  habe,  dais  die  massen- 
haften -heim  der  Pfalz  und  des  Elsafs  nur  der  Mederschlag- 
einer  von  Osten  gekommenen,  also  alemannischen  Einwanderung  gewesen 
sein  können  ^).  Für  jeden,  der  diesen  Beweis  als  erbracht  anerkennt^ 
ist  damit  die  Widerlegung  der  Schiberschen  Theorie  implicite  gegeben^ 

Die  bis  dahin  allgemein  anerkannten  Grenzen  der  Ortsnamen- 
forschung, die  durch  die  Gesamtheit  der  wirklich  vorhandenen  un<l 
quellenmäfsig  nachweisbaren  Ortsnamen  von  selber  gegeben  sind,  wer- 
den verschoben,  ihre  durch  ein  sicheres  Material  gefestigten  Grund- 
lagen werden  erschüttert,  wenn  es  fortan  gestattet  sein  sollte,  mit 
Massen  von  Ortsnamen  zu  operieren,  die  aus  den  Quellen  nicht  nach- 
gewiesen werden  können.  Wird  auf  diesem  Wege,  der  von  Schiber 
durch  die  beweislose  Annahme  einst  zahlreicher  -ingen  in  der  elsäs- 
sisch-pfiUzischen  Ebene  und  ihre  Umnennung  in  -heim  eröffnet  wurde^ 
weiter  geschritten,  so  könnten  wir  allmählich  dahin  gelangen,  dals  bt 


i)  Z.  Gesch.  d.  Deatschtmnft  im  Elsafs  S.  94  ff. 


—     i57     — 

der  OxtBaamejiforschting  weniger  von  <iea  wirklich  vorhaadenen  oad  ur- 
knodlich  aachweisbaren  Orts^atnea  die  Rede  seia  würde,  als  von  deaen,  die 
eia  jeder  seiner  voigefalsten  Meinuogf  zidiebe  ii^endwo^u  seben  wünscht. 

Dem  gegenüber  mufs  mit  aller  Entschiedeoheit  die  Pfiicbt  einer 
streagen  wissenschaftlichen  Beweisführung  in  Erinnerung  gebracht  wer- 
den, wo  immer  auch  nur  die  Ändenuig  des  Namens  eines  einzigen 
Ortes  behauptet  wird.  Werden  sogar,  wie  bei  Sdiiber,  massenhafte 
Umnennungen  von  Orten  angenommen  und  auf  sie  ein  neues  System 
begründet,  so  schwebt  dieses  so  lange  in  der  Luft,  bis  ein  unanfecht- 
barer Nachweis  der  wirklich  geschehenen  Umnennungen  gefuhrt  ist. 

Es  ist  nötig  p  diese  selbstverständliche  Pflicht  der  Beweisführung 
scharf  hervorzuheben,  da  auf  Schibers  unbewiesenen  Grundlagen 
weiter  gebaut  wird,  wie  eine  Abhandlung  GeorgHeegers^)  zeigt. 
In  ihr  werden  in  übersichtlicher  und  höchst  dankenswerter  Weise  die 
Ortsnamen  der  Vorderpfsdz,  nadi  den  Grundworten  geordnet,  unter 
Beibringung  der  ältesten  urkundlichen  Formen  zusammengestellt. 
Neben  den  so  entstehenden,  zum  Teil  recht  langen  Ortsnamenlisten 
tritt  der  eigentliche  Teict  der  Abhandlung  in  den  Hintei^^rund. 

In  enger  Anlehnung  an  Schiber  bringt  Heeger  die  -ingen  in 
einen  „scharfen  Gegensatz"  (S.  5)  zu  den  -heim,  vor  dessen  Auf- 
stellung noch  neuerdings  Karl  Weller  auf  Grund  seiner  genauen 
Kenntnis  des  württembergischen  Namenbestandes  so  eindringlich  ge- 
warnt hatte  *).  Den  als  Sippensiedelungen  betrachteten  -ingen  gegen- 
über sind  auch  ihm  die  -heim  durchaus  Herrensiedelungen.  Der  hand- 
greifliche Widerspruch,  in  dem  die  thatsächliche  Ortsbenennung  der 
westlichen  Ebenen  des  Oberrheins  mit  ihrem  erdrückenden  Überwiegen 
der  »heim  sich  dieser  Theorie  entgegenstellt,  kommt  auch  ihm  zum 
Bewulstsein.  Und  auch  er  unterwirft  sich  nicht  dieser  entscheidenden 
Thatsache,  sondern  übernimmt  die  ganze  Seh ib ersehe  Umnennungs- 
theorie,  obwohl  er  über  deren  Unbeweisbarkeit  sich  vollkommen  klar 
ist  (S.  19,  letzter  Absatz).  Nur  in  dem  einen  Punkte  weicht  Heeger 
von  Schiber  ab,  dafs  er  den  gemeingermanischen  Charakter  der 
-heim  entschieden  hervorhebt.  Das  hat  aber  für  ihn  nur  eine  theore- 
tische Bedeutung,  da  die  dort  behandelten  -heim  der  Pfalz  und  des 
Elsafe  durchaus  als  fränkische  Siedelungen  aufgefafst  werden. 


1)  Du  germanische  Besiedlung  der  Voräerpfalz  an  der  Hand  der  Ortsnamen, 
Mit  einer  Ortsoamenkarte.  Programm  des  Kgl.  Hamanistischep  Gymnasiums  Landau 
1899/1900.     Landau  1900. 

2)  Karl  Weller,  Die  Besiedelang  des  Alamannenlandes.  Sonderabdr.  aas  den 
Wfirtlcmbg.  Vierteijahrslieften  f.  Landesgesc^.   N.  F.  VU  (189S),  S.  31,  Anm.  4- 


—     158     — 

Das  von  Schiber  entlehnte  wirtschaftliche  Ortsnamensystem  hat 
nun  durch  Heeger  noch  eine  weitere  Ausg-estaltung  erfahren,  indem 
er  es  auf  alle  sonst  in  seinem  Forschungsbereiche  vorkommenden 
Ortsnamentype  ausgedehnt  hat:  So  erscheinen  ihm  die  Ortsnamen 
auf  -Stadt  als  Wohnorte  emes  Grundherrn,  hervorgegangen  durdi  Neu- 
gründung aus  den  -heim  (S.  21);  ebenso  sind  die  -stein,  weiter  die 
-hoben,  -hofen,  -hausen  grundherrliche  Siedelungen;  die  -bach,  -ach, 
-au  „sind  mit  Personennamen  gebildet  und  schliefsen  sich  direkt  an 
die  echten  (d.  h.  mit  Personennamen  gebildeten)  ,heim'  an",  aus 
denen  sie  nach  Heegers  Ansicht  hervorgegangen  sein  sollen,  durch 
Ablösung  „einzelner  Familienglieder  der  Heim-Grundherren"  (S.  26), 
also  auch  durch  grundherrliche  Siedelung;  dafs  auch  die  -weiler  als 
Siedelungen  von  Grundherren  in  Anspruch  genommen  werden,  ver- 
steht sich  nach  Vorstehendem  von  selber.  Diesem  Schicksal  entgehen 
nur  die  -dorf,  die  nur  viermal  in  der  Vorderpfalz  vorkommen  und 
aufser  dem  modernen  Maxdorf  nicht  mit  Personennamen  gebildet  sind. 

So  sehen  wir  wieder  ein  neues  System  fertig  vor  uns,  das,  wie 
einst  das  Amoldsche  die  im  deutschen  Südwesten  vorkommenden 
Ortsnamentype  unter  die  Franken  und  Alemannen  verteUt  hatte,  sie 
jetzt  den  wirtschaftlichen  Formen  der  Siedelungen  zuweist  Wenn  die 
Amoldsche  Idee,  dafs  dem  gleichen  Grundworte  auch  die  gleiche 
Stammeszugehörigkeit  entspricht,  von  vornherein  etwas  Bestechendes 
halte  besonders  hinsichtlich  der  Type,  die  eine  so  eigenartige  Ver- 
breitung haben  wie  die  auf  -ingen,  -heim  und  -weiler,  so  läfst  sich 
andrerseits  gar  nicht  erfinden,  warum  dasselbe  Grundwort  stets  auch 
dieselbe  wirtschaftliche  Form  bedingen  soll. 

Da&  in  dieser  Hinsicht  das  Grundwort  allein  nicht  befriedigen 
kann,  empfindet  auch  Heeger  sehr  bestimmt  Und  wenn  er  es  auch 
nicht  unternimmt,  für  seine  oben  kurz  mitgeteilten  Ansichten  einen 
Beweis  zu  fuhren,  so  sucht  er  doch  Stützen  dafür  zu  gewinnen,  dais 
die  aufgezählten  Grundworte  gerade  für  Herrensiedelungen  cha- 
rakteristisch sein  sollen.  Denn  aus  den  Grundworten  -heim,  -Stadt, 
-stein,  -hofen  u.  s.  w.  läfst  sich  das  doch  gewifs  nicht  entnehmen. 

Das  Einzige,  was  sich  ihm  hier  darbietet,  ist  die  Thatsache,  da& 
alle  diese  Grundwörter  zumeist  mit  Personennamen  im  ersten  Gliede 
gebildet  sind.  Und  diese  genitivischen  Personennamen  faist  er  durch- 
aus als  besitzanzeigend  auf.  Daher  lä&t  er  auch  die  Frage  offen,  ob  die 
Orte  auf  -dorf  als  Herren-  oder  als  Sippensiedelungen  aufzufassen  seien, 
da  die  wenigen  in  der  Vorderpfalz  vorkommenden  älteren  Formen 
dieses  Typs  nicht  mit  Personeimamen  gebildet  sind.    Anderwärts  ist 


—     159     — 

übrigens  die  Verbindung'  von  -dorf  mit  einem  Personennamen  sehr 
häufig',  wie  überhaupt  bei  allen  doppelstämmigen  deutschen  Ortsnamen* 
bildungen  die  Personennamen  im  ersten  Gliede  so  entschieden  in  den 
Vordergrund  treten,  dals  schon  dadurch  die  Annahme,  der  genitivische 
Personenname  sei  stets  besitzanzeigend  und  die  durch  ihn  gekennzeich- 
neten Orte  grundherrliche  Siedelungen,  von  vornherein  wenig  glaub- 
würdig erscheint. 

Da  Heeger  es  unterlassen  hat,  für  diese  seine  Annahme  einen 
Beweis  zu  erbringen,  so  kann  er  aus  ihr  ebensowenig  eine  Stütze  für 
den  grundherrlichen  Charakter  der  -heim,  -stadt,  -stein,  -hofen,  -hausen, 
-bach,  -weiler  u«  s.  w.  gewinnen  wie  aus  diesen  Grundwörtern  selber. 
Seine  darauf  bezüglichen  Ausführungen  haben  demnach  nur  den  Wert  einer 
unbewiesenen  persönlichen  Meinung,  die  z.  B.  der  entgegengesetzten 
Äuiserung  Karl  Wellers,  dais  der  als  Bestimmungswort  in  den  Orts- 
namen auf  -heim  meist  angewandte  Personenname  „  ebensogut  das  Haupt 
einer  Sippe  wie  sonst  einen  hervorragenden  Mann  bezeichnen*  kann'*  ^), 
keinen  Eintrag  zu  thun  vermag.  Well  er  s  Auffassung  verdient  sogar 
den  Vorzug,  weil  sie  der  Freiheit  der  frühmittelalterlichen  Ortsnamen- 
büdung  im  Volksmunde  in  vollem  Mafse  gerecht  wird  und  sie  nicht 
dnzwängt  in  schematische  Regeln. 

Nun  sind  ja  aber  auch  die  sowohl  von  Schiber  wie  von  Heeger 
als  Beweis  für  Sippensiedelungen  betrachteten  Ortsnamen  auf  -ingen 
durchaus  mit  Personennamen  gebildet.  Aber  es  findet  hier  in  der 
R^el  nicht  die  genitivische  Verbindung  mit  einem  Grundwort  statt; 
-ing(en)  ist  überhaupt  kein  Grundwort,  sondern  ein  patronymisches 
SufiBx,  das  in  der  Vereinigung  mit  einem  Personennamen  die  Zuge- 
hörigkeit zur  Familie,  zum  Geschlecht,  zur  Sippe  des  Genannten  be- 
zeichnet. Insofern  hat  Heeger  wohl  Recht,  wenn  er  (S.  19)  aus- 
fuhrt: „Die  , ingen'  geben  sich  schon  durch  ihren  Namen  als  Sied- 
hu^ren  von  einer  Mehrheit  von  Personen  zu  erkennen;  in  den  Orts- 
namen auf  ,heim'  dagegen  tritt  eine  Einzelperson  scharf  in  den 
Vordergrund".  Der  Gegensatz  ist  aber  doch  nur  ein  scheinbarer; 
denn  die  Sippe  selber  ist  doch  auch  immer  nach  einer  Einzelperson 
benannt.  Denn  ob  bei  der  Niederlassimg  einer  Sippe  der  dadurch 
entstehende  Ort  einfach  den  Namen  der  Sippe,  also  z.  B.  Huchilingen 
erhalt,  oder  ob  er  nach  dem  auch  im  ersten  Falle  namengebenden 
Haupte  der  Sippe  Huchilinheim,  Heim  des  Hugo  als  Vertreters  der  ganzen 
Sippe,  benannt  wird,  ist  in  der  Sache  ganz  gleichgültig.    Und  dafs 

1)  ■.  a.  O.  S.  32,  Anm. 


—     160     — 

beide  Fälle  möglich  sind,  dafs  der  an  keine  Regeln  gebundene« 
gleicbermalsen  aias  der  Phantasie  wie  aus  den  Thatsachen  schöpfende 
Volksmund  die  Siedelung  einer  Sippe  nach  dem  Naisaen  ilires  Ober- 
hauptes als  das  Heim  des  Hugo  bezeichnen  kann«  wird  niemand, 
der  nicht  auf  das  Schiber-Heegersche  System  eingeschworen 
ist,  von  vornherein  bestreiten.  Die  auch  in  der  Prosa  gangbare 
Figur  des  pars  pro  toto  dürfte  doch  der  kindlich -naiven  Auffassung;' 
unserer  Altvorderen,  als  sie  erst  im  Begriffe  waren  die  Schwelle  der 
geschichtlichen  Zeit  zu  überschreiten,  nicht  gar  so  fem  gelegen  haben. 
Wenn  demnach  eine  Sippensiedelung  den  Namen  der  Sippe  selber 
(Huchilingen)  führen  oder  aber  in  %ürlicher  Bedeutung  als  Heim  des 
Oberhauptes  der  Sippe  (Huchilnheim)  benannt  sein  konnte,  so  ist  ander- 
seits dem  Sinne  des  Namens  nach  gar  nicht  einmal  notwendig,  dafe 
ein  Huchilingen  genannter  Ort  von  vornherein  als  Sippensiedelung 
angesprochen  wird.  Wohlgemerkt  bestreite  ich  nicht  die  Möglich- 
keit, dafs  Orte  auf  -ingen  Sippensiedelungeh  sein  können,  es  viel- 
leicht sogar  der  überwiegenden  Mehrzahl  nach  sind,  wie  ich  auch 
weder  jetzt  noch  früher  die  Möglichkeit  bestritten  habe«  Orte  auf  -heim 
als  Herrensiedelungen  anzusprechen ;  desto  entschiedener  aber  bestreite 
ich  die  Notwendigkeit,  die  starre  Regel.  Dem  Wortsinne  nach 
kann  Huchilingen  ebensowohl  die  Siedelung  einer  gleichnamigen  Sippe 
bedeuten  wie  die  Siedelung  eines  edlen  Huchilo  mit  Familie  und  Dienst- 
leuten. Im  zweiten  Falle  würde  also  grundherrlicher  Charakter  der 
Siedelung  vorliegen,  der  durch  das  -ingen  demnach  nicht  von  vorn- 
herein ausgeschlossen  werden  kann  ^).    Um  welche  Siedelui^sform  ea 


i)  Nach  Vollendang  dieser  Arbeit  kommt  mir  eine  neue  Schrift  Schibers  sa  Gesicht 
{Germanische  Siedlungen  in  Lothringen  und  in  England,  Sonderabzug  ans  dem  Jabr- 
bache  der  Gesellsch.  f.  lothr.  Gesch.  n.  Altertumskande  Bd.  XII,  1900).  Auf  S.  2  fafst 
Schi b er  die  Ergebnisse  seiner  froheren  Arbeiten  in  3  Hiesen  sosammen,  deren  erste 
4ie  Orte  auf  -ingea  als  Sippensiedelungta ,  die  auf  genossenschaftlicher  Grundlage  ent- 
standen, bezeichnet.  Auf  S.  5  erfahrt  diese  These  bereits  eine  sehr  bemerkenswerte  Ein- 
schränkung, indem  nur  noch  „die  alten  Ortsnamen  auf  -ingen,  welche  darch  die 
Lage  nnd  den  Umfang  ihres  Bannes,  sowie  durch  ihre  Flureinteilung 
als  genossenschaftliche  Gründung  eines  über  die  Bedeutung  nur  einer 
Familie  erheblich  hinausgehenden  Verbandes  sich  darstellen,  . . .  ein- 
atige  Markgenossenschaften,  Siedlungen  einer  Gemeinschaft  von  Hanshaltungen,  welche  einer 
Sippe  angehören*',  darstellen;  denn  „nicht  alle  -ingen  sind  Markgenossenschaften ",  wie 
Schiber  jetzt  ausdrücklich  hervorhebt.  Damach  scheint  seine  Haltung  gegen  die  von 
mir  bei  Besprechung  seines  Erstlingswerkes  gestellte  Frage  „  Warum  soll  in  dem  mit 
fingen  verbundenen  Personennamen  nicht  auch  ein  Grundherr  genannt  sein  können?'* 
(Zeitschr.  f.  Gesch.  des  Oberrheins,  Jahrgang  1894,  S.  328)  nicht  mehr  so  ganz  ableh 
nend    zu    sein.       Ich      kann     mich     mit     der    wiedergegebenen    EinscbräBkong     dei 


—     161     — 

Steh  in  Wirklichkeit  handelt»  kann  durch  weiteres  Tüfteln  am 
Ortsnamen  nicht  entschieden  werden.  Hier  sind  wir  an  der  Grenze 
der  eigentlichen  Ortsnamenforschung  angelangt;  will  man  diese  über- 
schreiten, so  bedarf  man  dazu  thatsächlicher  Unterlagen,  die  dem 
Namen  nicht  mehr  entnommen  werden  können;  davon  später. 

Die  Verteilung  der  beiden  Hauptsiedelungsformen  unter  die  durch 
Sondemng  nach  den  Grundwörtern  entstehenden  Ortsnamenabteilungen 
laist  sich  demnach  weder  durch  die  Betrachtung  dieser  Grundwörter 
noch  durch  die  Thatsache  ihrer  häufigen  Verbindung  mit  Personen- 
namen rechtfertigen;  noch  mehr  verliert  sie  an  Wahrscheinlichkeit 
durch  die  Erwägung  der  volkstümlichen  Entstehungsart  dieser  früh- 
mittelalterlichen Ortsbenennungen,  die  gewifs  alles  andere  eher  sind, 
als  der  peinlich  genaue  Kataster  der  ländlichen  Besitzverhältnisse,  wie 
er  uns  in  der  Heeg ersehen  Auffasstmg  der  genitivischen  Personen- 
namen als  Besitzemamen  schlechthin  entgegentritt.  Wie  die  deutsche 
Ortsbenennung  im  frühen  Mittelalter  vor  sich  gegangen  ist,  darüber 
sind  uns  keine  zuverlässigen  Nachrichten  überliefert.  Aber  um  eine 
Reihe  von  Jahrhunderten  später  sehen  wir  das  deutsche  Volk  wiederum 
vor  eine  grolse  Aufgabe  der  Namengebung  gestellt;  wir  beobachten 
deutlich,  wie  bei  der  vom  XII.  bis  ins  XIV.  Jahrhundert  bei  uns  in  le- 
bendigem Fluis  befindlichen  Entstehimg  der  Familiennamen  einerseits 
wohl  die  nüchterne  Prosa  des  Lebens  zur  Geltung  kam,  indem  die 
Namen  dem  Berufe,  dem  Herkunftsorte  oder  -lande  der  Personen 
entnommen  wurden,  andrerseits  aber  der  Volkshumor  sich  gerade- 
zu erschöpfte  in  scherzhaften,  launigen  und  phantasievollen  Bil- 
dungen. Dasselbe  Volk,  das  bei  der  Schöpfung  der  Familien- 
namen eine  solche  Fülle  von  Laune  und  Schalkhaftigkeit  zu 
erkennen  gab,  mü&te  ja  diese  seine  Gabe  mit  wahrer  Selbstüberwin- 
dung* verleugnet  haben,  wenn  es  bei  der  in  weit  früherem,  kindlicherem 
Alter  stattgefundenen  Benennung  der  groüsen  Mehrzahl  seiner  Orte 
nur  in  der  allersachlich-nüchtemsten  Weise  die  damaligen  Besitzver- 
hältnisse hätte  zum  Ausdruck  bringen  und  nicht  auch  etwa  Personen, 


Tbese  i  nur  einverstandeo  erklären,  da  durch  sie  nicht  mehr  der  Name  auf  -ingen, 
sonders  Umlang,  Anlage,  Flnreinteilang  des  Ortes  fUr  seine  Zaweisnng  zu  den 
Sippensiedelnngen  als  entscheidend  anerkannt  wird.  Somit  kommt  ein  scharfer  prinzi- 
pieller Gegensatz  zwischen  der  genannten  These  and  ihrer  Einschränkong  zum  Ausdruck, 
«od  wenn  Schiber  diesen  neuen  Gesichtspunkt  mutatis  mutandis  auch  auf  die  -heim 
angewandt  bitte,  so  würde  ihm  sein  altes  System  unter  den  Händen  zerronnen  sein. 
Über  den  weiteren  Inhalt  der  neuen  Schrift  Schibers  vgl.  meine  kurze  Besprechung  in 
der  „Deutschen  Erde",  Juninummer  1891,  Nr.  81. 

12 


—     162     — 

cEe  durch  Gebort,  Ansehen,  Volkstümlichkdt  oder  mancherlei  merkwür- 
dige l^enschaften  in  die  Augen  fielen,  verewigen  wollen.  So  enthalten 
z.  B.  die  zur  Bezeichnung  der  Hagendörfer  des  deutschen  Nordostens  an* 
gewandten  geniti^chen  Personennamen  nur  selten  den  Namen  des 
Grundherrn,  weit  häufiger  den  des  Lokators,  des  bäuerlichen 
Führers  der  neuen  Ansiedler.  Ohne  Zweifel  sind  in  den  bei  der  Orts- 
namenbildung  angewandten  Personennamen  so  manche  Grundherren 
überliefert;  wer  sie  aber  alle  zu  solchen  stempeln  will,  thut  der  Be- 
weglichkeit des  naiven  Volksgeistes  Zwang  an,  indem  er  sie  als  ein- 
seitige Starrheit  erscheinen  läist 

Wenn  nun  Schiber,  um  das  schon  in  der  Geburtsstunde  dro- 
hende Scheitern  seines  Systems  zu  vermeiden,  zur  unbewiesenen  An- 
nahme massenhafter  Ortsumnennungen  seine  Zuflucht  nehmen  mu(ste» 
so  geht  Heeger  als  Ausbauer  dieses  Systems  darin  noch  weiter. 
Die  von  ihm  anerkannte  Unmöglichkeit,  einen  Beweis  für  die  angeb- 
liche Umnennung  der  oberrheinischen  -heim  aus  ursprünglichen  -ingen 
zu  fuhren,  stört  ihn  nur  wenig,  da  dieser  imaginäre  Vorgang  in  einer 
2^it  stattgefunden  haben  mu(s,  aus  der  „uns  leider  gar  keine  der- 
artigen Nachrichten  übermittelt"  (S.  19)  sind,  und  da  „eine  Erschei- 
ntmg  ...  uns  doch  zu  denken"  giebt:  Sobald  nämlich  „die  ,heim* 
nicht  mehr  in  dichten  Massen  ...  auftreten,  stofsen  wir  da,  wo  die 
, ingen'  wieder  aufzutauchen  beginnen,  auf  Oite,  deren  Namen  auf 
,ing-{-heim*  (jetzt  meist  ,igheim')  endigen  und  die  meiner  Ansicht 
nach  durch  Umnennung  alter  , ingen'  entstanden  sind "  (S.  19).  Hierin 
glaubt  Heeger  „Spuren  des  fränkischen  Umnennungsverfahrens  zu 
erkennen". 

Wenn  nun  wirklich  alle  diese  -ingheim,  die  übrigens  keineswegs 
auf  das  Grenzgebiet  der  -ingen  und  -heim  beschränkt  sind  —  man 
beachte  nur  die  elsässischen  Formen:  SchUtigheim,  Düppigheim, 
Hürtigheim,  Türkheim  (Durinkeim),  deren  Lage  dieser  Bedingung^ 
durchaus  nicht  entspricht  — ,  als  hervorgegangen  aus  Umnennung^ 
ursprünglich  nur  -ingen  benannter  Orte  erwiesen  werden  könnten, 
so  wäre  damit  für  die  einfachen  -heim  noch  gar  nichts  gewonnen. 
Sogar  wenn  für  einige  dieser  letzteren  der  Nachweis  einer  solchen  Um- 
nennung gefuhrt  werden  könnte,  so  wäre  deswegen  noch  niemand  be-- 
rechtigt,  auf  Grund  solcher  Einzelfälle  der  Gesamtheit  der  massenhaften, 
-heim  des  oberen  Rheinthaies  die  Ursprünglicbkeit  abzusprechen  und. 
sie  samt  und  sonders  aus  ehemaligen  -ingen  herzuleiten.  Ein  solches. 
Generalisieren  würde  gar  nicht  zu  rechtfertigen  sein. 

Nicht  entfernt  so  günstig  liegen  aber  die  Dinge  für  die  Anhänger 


—     163     — . 

der  Umnenniuigstheorie.  Dem  tragt  Heeger  Rechnung,  indem  er 
sagt,  dals  die  Namen  auf  -ingheim  seiner  Ansicht  nach  durch 
Umnennung  alter  -ingen  entstanden  seien.  Beweisen  kann  er  das 
nämlich  mir  in  einem  einzigen  Fall:  das  alte  Gunzingen  hat  sich  in 
Gmizincheim  und  weiter  in  Gunzinheim,  Ginsheim,  Geinsheim  gewandelt. 

Sehen  wir  den  Fall  näher  an,  so  zeigt  sich,  dais  der  Ort  in  den 
Jahren  774,  778  und  800  Gunzingen  genannt  ist;  790  tritt  zuerst  Gun- 
anhetm  auf  (S.  7  und  16}.  Man  wird  gleich  sagen:  das  ist  doch  etwas 
zu  spät,  um  als  „Spur  des  fränkischen  Umnennungsverfahrens '*  be- 
zeichnet werden  zu  können,  das  sich  doch  im  Anschlufs  an  die  frän- 
kische Eroberung  zu  Anfang  des  VI.  Jahrhunderts  abgespielt  haben  mufs. 
NachSchiber,  dem  sich  Heeger  anschliefst,  sind  ja  die  -heim  des 
Oberrheins  der  (Hederschlag  einer  fränkischen  Herrenkolonisation,  die 
nach  militärischen  Gesichtspunkten  zur  Befestigung  der  fränkischen 
Henschaft  im  eroberten  Lande  vorgenommen  wurde :  gleich  nach  der 
Eroberui^  rückten  zahlreiche  Franken  in  das  Land  ein  und  setzten 
sich  als  Herren  in  die  alten  alemannischen  Sippensiedelungen ;  deren 
alte  Namen  auf  -ingen  verschwanden,  um  neuen  Platz  zu  machen,  die 
durch  eine  Verbindung  des  Namens  der  fränkischen  Herren  mit  dem 
besitzanzeigenden  -heim  die,  veränderten  Verhältnisse  zu  einem  für 
sdle  Zeiten  sichtbaren  Ausdruck  brachten. 

Wenn  sich  nun  das  alte  Gunzingen  nachweisbar  bis  zum  Jahre 
800  erhalten  hat  und  Gunzinheim  erst  von  790  an  neben  ihin  aufzu- 
treten beginnt,  so  steht  jedenfalls  das  fest,  dafs  die  etwa  um  500  statt- 
gefimdene  Einwanderung  der  Franken  an  dieser  Veränderung  des  Na- 
mens nicht  schuld  sein  kann.  Aufserdem  bestand  die  nach  der  Schi - 
b erschien  Theorie  angeblich  im  VI.  Jahrhundert  vorgenommene  „  Um- 
taufe'*  der  Namen  auf -mgen  keineswegs  allein  darin,  dafs  anstatt  dieser 
Endung  ein  -heim  eingesetzt  wurde;  vielmehr  wurde  auch  das  erste 
Glied  (Bestimmungswort)  des  Ortsnamens  verändert,  indem  als  solches 
jetzt  anstatt  des  Namens  des  alten  Sippenhauptes  der  des  neuen 
fränkischen  Herrn  eintrat.  Auch  dieser  Gesichtspunkt  kommt 
bei  Gunziogen — Gunzinheim  durchaus  nicht  zum  Ausdruck,  und  es 
wäre  doch  unerhörte  Schicksalstücke,  wenn  in  dem  einzigen  Fall,  in 
dem  Heeger  einen  „zweifellosen  Nachweis"  führen  zu  können  meint, 
der  fränkische  Herr  den  gleichen  Namen  geführt  hätte  wie  der  längst 
verstorbene  alemannische  Sippenahn. 

Der  Fall  Gunzingen  —  Gunzinheim  beweist  demnach  lediglich,  dafs 

unter  gewissen  Umständen  stärkere  Veränderungen  der  Ortsnamen  bis 

zum  Tausch  der  Endung  (Grundwort)  stattfinden  können.    Aber  das 

12* 


—     164     — 

weiis  ohnehin  jeder,  der  sich  nur  Torübergehend  mit  der  Entwickelungf 
der  Ortsnamen  beschäftigt  hat 

Unter  welchen  Umständen  im  vorliegenden  Falle  die  Veränderung 
des  Ortsnamens  stattgefunden  hat,  das  kann  man  bei  Heeger  selber 
an  einer  anderen  Stelle  lesen:  Auf  S.  13  sagt  er,  es  sei  „leicht  ver« 
ständlich,  dais  in  Gegenden,  wo  die  alten  ,heim'  zahlreich  waren, 
neue  ,heim'-Namen  entstanden,  die  als  blofse  Analogiebil- 
dungen aufzufassen  sind. . .  Man  bildete  die  neuen  Namen,  indem 
man  an  vorhandene  Ortsnamen  die  Endung  ,heim'  anfügte,  oder 
indem  man  andere  Endungen,  wie  z.  B.  , hausen',  ,hofen'  in  ,heim' 
umwandelte".  Dies  Verfahren  habe  „im  8.  Jahrhtmdert  bereits  in 
voller  Blüte"  gestanden.  Auf  S.  16  spricht  er  unter  Beibringung  von 
Beispielen  weiter  von  einer  „besonders  im  8.  Jahrhundext  herrschen« 
den  Sucht,  alte  ,ingen'  in  ,heim'  zu  verwandeln." 

Nun,  die  Umwandlung  von  Gunzingen  in  Gunzinheim  trat  mit  dem 
ausgehenden  VIII.  Jahrhundert  ein.  Da  sowohl  durch  die  späte  2^it  wie 
durch  die  NichtVeränderung  des  ersten  Gliedes  eine  Bezugnahme  auf 
die  angeblich  durch  die  Frankeneinwanderung  hervorgerufene  „Um- 
taufe" der  Ortsnamen  hier  vollständig  ausgeschlossen  ist,  so  kann  es 
sich  nur  um  Analogiewirkung  durch  Assimilation  an  den  herrschen- 
den Ortsnamentyp  handeln.  Das  ist  aber  ein  Vorgang,  der  grund- 
verschieden ist  von  der  angeblich  durch  die  Frankeneinwanderung  be- 
wirkten Einfuhrung  des  neuen  Ortsnamentyps  -heim  durch  massenhafte 
„Umtaufe"  der  damals  herrschenden  -ingen,  und  kann  mit  ihr 
schlechterdings  in  kernen  Zusammenhang  gebracht  werden.  Oder  ge- 
nauer ausgedrückt:  Wenn  diese  „Umtaufe"  wirklich  erwiesen  worden 
wäre,  könnte  man  sagen,  dals  ohne  sie  die  Umwandlung  von  Gun- 
zingen in  Gunzenheim  wohl  nicht  eingetreten  wäre.  Aber  auch  dann 
gehörte  diese  Umwandlung  nicht  zum  Akte  der  „Umtaufe"  selber, 
sondern  wäre  erst  eine  auf  Grund  der  durch  sie  im  Lande  herrschend 
gewordenen  Ortsnamensform  entstandene  Analogiebildung.  In  ihr  aber 
einen  Hinweis  auf  ein  thatsächliches  Statthaben  dieser  fränkischea 
„Umtaufe"  erblicken  zu  wollen,  geht  durchaus  nicht  an,  denn  selbst- 
verständlich konnten  die  im  Lande  von  der  Alemanneneinwanderung 
her  herrschenden  -heim  ebenso  gut  solche  Assimilation  bewirken,  wie 
etwa  erst  mit  den  Franken  durch  Unmennung  der  -ingen  ins  Land  ge- 
kommene -heim. 

Wie  Heeger  die  -inghetm  für  Umnennungen  ursprünglicher  Orte 
auf  -ingen  hält,  so  kann  er  sich  auch  nicht  vorstellen,  dafs  es  Orte 
gegeben  haben  könne,  die  von  Anfang  an  Benennungen  auf  -inghofen 


—     165     — 

(jetzt  in  der  Schweiz  -ikon)  führten.  Anch  hier  müssen  seiner  Meinung 
nach  die  ursprünglichen  Namen  der  Orte  -ingen  gelautet  haben  und  erst 
später  durch  Umbildung  in  -inghofen  übexgegangen  sein.  Dabei  muls 
er  aber  selber  einräumen,  „dafs  im  südlichen  Baden  eine  Reihe  von 
yingen'  vorkommen,  die  in  alten  Urkunden  [bis  ins  VII.  Jahrhundert 
zurück;  z.  B.  Bodinchova  ao.  670,  heute  Bottingen  (S.  25)]  als  ine* 
hcva  erscheinen"  (S.  20).  In  diesen  Fällen  wäre  es  wohl  richtiger  ge- 
wesen, die  unanfechtbare  urkundliche  Überlieferung  nicht  zu  meistern, 
sondern  einfach  anzuerkennen,  da(s  hier  die  Form  -inghofen  zweifellos 
£e  ältere,  und  das  jetzt  bestehende  -ingen  nur  eine  Schwächung  der 
ursprünglichen  Form  ist.  —  Der  Vollständigkeit  wegen  sei  noch  er- 
wähnt, dals  Heeger  einen  Zusammenhang  zwischen  den  -weUer  und 
-hausen  annimmt  und  sie  „nur  als  mundartlich  verschiedene  Ausdrücke" 
betrachten  zu  dürfen  glaubt,  die  „den  gleichen  Siedelungsvorgang 
wiederspiegeln:  Anlegung  von  Büangen  und  neuen  Orten  durch  ein- 
heimische Herren"  (S.  41).  Weiter  sollen  die  -hausen  von  Gemein- 
freien, die  -weiler  dagegen  von  Adeligen  gegründet  worden  sein.  Letz- 
tere hält  er  für  spezifisch  fränkische  Siedelungen,  in  denen  nicht  nur 
die  Namengeber,  sondern  auch  die  Bevölkerung  deutsch  gewesen  sein 
soll  (S.  42).  Ein  Eingehen  auf  alle  diese  Einzelheiten  verbietet  der 
Raum.  Sie  werden  ohnehin  durch  die  nachfolgende  Beurteilung  der 
Heeger  sehen  Methode  mit  getroffen. 

Indem  Heeger  so  die  zwischen  einigen  -ingen,  -ingheim  und 
-inghofen  vorkommenden  Schwankungen  und  Übergänge  verallgemeinert 
und  im  Widerspruch  mit  urkundlich  beglaubigten  Thatsachen  alle  -ing- 
heim und  -inghofen  durch  Umnennung  ursprünglicher  Orte  auf  -ingen 
entstehen  lälst,  beraubt  er  sich  selber  des  Mittels  zur  Erklärung  der 
wirklich  und  nachweisbar  vorgegangenen  Umnennungen  durch  das 
Wirken  der  von  ihm  richtig  erkannten,  aber  hier  gänzlich  aufiser  acht 
gelassenen  Analogie.  Auf  der  Suche  nach  anderen  Erklärungsgründen 
greift  er  als  Schüler  Schibers  natutgemäls  zu  wirtschaftlichen  Ge- 
sichtspunkten: die  niederfränkischen  -inghem  gelten  ihm  den  -ingen 
gegenüber  als  der  Niederschlag  einer  neuen  Wirtschaftsperiode,  wie 
ihm  die  oberdeutschen  -ingheim  als  bezeichnend  ftir  die  Entwickelung 
grundherrlicher  Frankensiedelungen  aus  alten  bäuerlichen  auf  -ingen 
crsehienen  waren;  und  in  der  Entwickeltmg  der  -inghofen  aus  den  -ingen 
möchte  er  „den  allmählichen  Übeigang  alemannischer  Bauernsiede- 
lungen  in  alemannische  Herrensiedelungen  erkennen"  (S.  20).  Als 
wenn  mit  der  Veränderung  des  Wirtschaftscharakters  auch  eine  solche 
des  Ortsnamens  stattfinden  müfste! 


—     166     — 

Namenswandlung'en  wie  die  vorstehenden  werden  in  ein  helles 
Licht  gerückt  durch  einige  Beispiele  aus  Mecklenburg  und  Pommern: 
Das  heutige  Sührkow  hie(s  früher  Surekendorp,  Jahnkow  in  Pommern 
Janekendoip.  Das  urkundlich  früher  erwähnte  deutsche  Grundwort 
ist  also  von  einer  wendischen  Endsilbe  verdrängt  worden.  Daraus 
kann  man  nicht  etwa  nach  Heegerschem  Muster  den  Schluls  ziehen, 
dafs  die  -ow  in  Mecklenburg-Pommern  durch  Umnennung  alter  -dorf 
entstanden  seien,  und  dais  in  dieser  Umnennung  die  Slavisierung  alt« 
deutscher  Ortschaften  zum  Ausdruck  gekommen  sei.  Dazu  sind  diese 
Namensschwankungen  bezw.  Umnennungen  doch  zu  spät:  Sührkow 
wird  1297  zweimal  erwähnt  als  Scurekendorp ,  13 14  als  Surekowe  ^)9 
Jahnkow  1242')  als  Janekendorp,  ebenso  1370  und  141 1  in  den 
Schweriner  Zehntregistem ') ,  1583  in  den  Bützower  Amtsr^istem, 
tmd  noch  auf  der  Schmettauschen  Karte  von  1794  lautet  der  Name 
Janckendorf.  Die  wendische  Endung  kann  sich  hier  also  erst  in  alier- 
neuester  Zeit  eingebürgert  haben. 

Diese  Verdrängung  eines  deutschen  durch  ein  slavisches  Grund- 
wort erfolgte  also  in  dem  Mecklenburgischen  Beispiel,  als  die  wendische 
Sprache  schon  im  Erlöschen  war,  im  Pommerschen  gar  erst  nach 
jahrhundertelanger  ausschlielslicher  Herrschaft  der  deutschen  Sprache. 
Sie  kann  daher  einzig  und  allein  als  Analogiewirkung  betrachtet  werden. 

Wenn  also  sogar  die  Endungen  einer  bereits  abgestorbenen  Sprache 
noch  durch  Analogie  fortgepflanzt  werden  können,  um  wieviel  mehr 
mu(s  das  bei  lebenden  Sprachen  geschehen!  Nach  allem  ist  die 
AnalogiebUdung  bei  der  Wandlung  der  Ortsnamen  ein  so  starkes 
und  aller  Orten  wirksames  Agens,  dais  wo  immer  ein  Ortsname 
seine  alte  Endung  gegen  eine  neue,  im  Lande  verbreitete  austauscht, 
zur  Erklärung  dieses  Vorganges  die  Analogie  allein  vollkommen 
ausreicht  und  das  Suchen  nach  weiteren  Erklärungsgründen  nicht  nur 
überflüssig,  sondern  sogar  schädlich,  weil  irreführend  ist  örtliche 
Wirtschaftsveränderungen  haben  in  der  Regel  keinen  Einfluls  auf  die 
Form  der  vorhandenen  Ortsnamen.  (Schluis  folgt) 


l)  Meckl.  Urk.-Biicfa  IV,  Nr.  3431  u.  2432;  VI,  Nr.  3721,  S.  Il6. 
3)  Ebendort  I,  Nr.  539. 

3)  Grofth.  Geh.  a.  HmnptarchiT  zu  Schwerin.    Diese  Fülle  hat  mir   Herr  Geh.  Ar- 
chivrat Dr.  Grotefend  freundlichst  mitgeteUt 


m^i^>^>»^^^^^w^^fc^>^^»^»^^^ 


—     167     — 


Der  Verein  für  Gesehiehte  der  Üeutsehen 

in  Böhmen 

(zu  seinem  40jährigen  Jubiläum) 

Von 
Ottocar  Weber  (Prag) 

Der  landesgeschichtlichen  Forschung  in  Böhmen  dienen  folgende 
nenn  deutsche  Vereine  mit  Vereinsorganen: 

1.  Der  Verein  für  Geschichte  der  Deutschen  in  Böhmen,  gegründet 
1862  (&£tteilungen.    4  Hefte  jährlich.    Prag) 

2.  Der  Noidböhmische  Exkursionsklub,  g^^ndet  1878  (Mitteilungen. 
4  Hefte.     B.  Leipa) 

3.  Der  Nordwestböhmische  Gebirgsvereinsverband,  gegründet  1880 
(Erzgebirgszeitung.     12  Hefte.     Teplitz) 

4.  Der  deutsche  uad  österreichische  Riesengebiigsverein,  gegründet 
1 88 1  (Der  Wanderer  im  Riesengebirge.  1 2  Hefte.  Hirschberg.  — 
Fortsetzung  des  Riesengebirges  in  Wort  imd  BUd.    Trautenau) 

5.  Der  Museumsverein  in  Reichenberg,  gegründet  1882  (MitteUungen. 
12  Hefte.    Reichenberg) 

6.  Die  Gebirgsvereine  f.  d.  böhmische  Mittelgebirge,  die  böhm. 
Schweiz  und  das  nördlichste  Böhmen,  g^^ndet  1885  (^^  deut- 
schen Bergen.     12  Hefte.    Aussig) 

7.  Der  Deutsche  Gebirgsverein  für  das  Jeschken-  und  Isergebirge, 
gegründet  1891  (Jahrbuch.    Reichenberg) 

8.  Die  Museumsgesellschaft  in  Teplitz,  g^;ründet  1894  (Jahres- 
berichte.   Teplitz) 

9.  Der  Verein  ftir  E^erländer  Volkskunde,  gegründet  1897  (Unser 
Egerland.    6  Hefte.    Eger). 

Unter  diesen  Vereinen  rümmt  unstreitig  der  Verein  ftir  Geschichte 
der  Deutschen  in  Böhmen  ^) ,  was  sein  Alter  und  den  Umfang  der 
Publikationen  anbelangt,  die  erste  Stelle  ein.  Seine  Gründung  ver- 
dankt er  der  Iiütiative  dreier  deutscher  Studenten  in  Prag:  Ludwig 
Schlesinger,  Julius  Lippert,  Alexander  Wiechovsky  —  alle  drei  später 
bedeutende  Schulmänner  —  die  im  Mai  1861  diesen  Gedanken  fa&ten. 
Sie  fanden  begeisterte  Zustimmung,  besonders  zunächst  von  Anton 

i)  Siehe  dam:  Festschrift  mr  Eriiuiening  an  die  Feier  des  lo.  GrUndnogtUges  im 
Jahre  1871;  die  Festfeier  nun  asjihrigen  Bestände  des  Vereins  am  ii.  Jwii  1887  to« 
Gostav  C.  Laibe,  Mitteflatigen  XIVI,  S.  1 ;  sowie  den  betreffenden  Artikd  von  ProL 
Laube  in  der  im  Mai  d«  J.  erscheinenden  Festschrift  snm  40jihrigen  JabüSnm  des  Vereina» 


—     168     — 

Kohl,  Hermann  Hallwich,  Karl  Pickert,  Wenzel  Dressler,  Anton  Schmal- 
ftt&  %  dann  von  anderen  Jüngern  der  Wissenschaft.  Auch  Professoren 
schlössen  sich  diesem  werdenden  Kreise  an  wie  Höfler,  Brinz,  Esmarch, 
Volkmann,  Schulte.  Über  die  ersten  Vorbereitungen  verging  ein 
volles  Jahr,  die  feierliche  Eröffnung  konnte  erst  am  27.  Mai  1862 
stattfinden,  welcher  Tag  sohin  als  Geburtstag  des  Vereins  zu  feiern 
ist  Seine  Ziele  sind  im  ersten  Punkte  der  Satzungen  festgelegt: 
„Der  Verein  hat  zum  Zwecke  die  Aufhellung  der  Geschichte  der 
Deutschen  in  Böhmen,  die  Verbreitung  der  Kenntnis  derselben,  sowie 
die  Sammlung  und  Erhaltung  der  bezüglichen  Quellen."  Als  Hilfs- 
mittel dazu  hat  er  in  den  vierzig  Jahren  seines  Bestehens  eine  reiche 
Bücherei  (mit  nahezu  25000  Bänden),  ein  Antiquarium,  ein  Archiv  mit 
wertvollen  Original-Urkunden,  sowie  mit  Abschriften,  eine  schöne 
Münzensammlung,  endlich  einen  nicht  unbedeutenden  kunsthistorischen 
Apparat  zusammengetragen. 

Zum  Behufe  intensiverer  Heranziehung  der  Mitglieder  an  die  Ar- 
beiten des  Vereins  wurden  Sektionen  gegründet,  die  ihnen  es  ermög- 
lichten, nach  spezieller  Neigung  mitzuthun.  Besondere  Thätigkeit 
haben  da  entwickelt  die  Sektionen  für  allgemeine  Landesgeschichte, 
sowie  für  Sprache,  Litteratur  und  Kunst  Zu  geringerer  Bedeutung 
gelangten  die  anderen:  für  Rechts-  und  Wirtschaftsgeschichte,  für 
Geographie,  Statistik,  Handel  und  Gewerbe,  für  Anthropologie  und 
Ethnographie,  die  dann  mit  den  beiden  obgenannten  verschmolzen 
wurden.  Bei  diesen  Zusammenkünften  werden  Vorträge  über  ein- 
schlägige Themata  gehalten,  auch  ist  es  Grundsatz  geworden,  dafs 
alle  in  den  „MitteUungen"  zu  veröffentlichenden  Aufisätze  hier  zuerst 
besprochen  werden.  Die  Thätigkeit  dieser  Abteilungen  ist  gegen- 
wärtig nicht  so  lebhaft  als  sie  sein  könnte,  da  sich  berufene  Kreise 
von  ihr  ferne  halten  und  namentlich  die  Mittelschulkreise  oft  ganz  ver- 
sagen. Zu  dieser  „mündlichen"  Arbeit  in  Prag  kamen  in  früheren 
Jahren  eine  Reihe  von  öfTentlichen  Vorträgen,  die  in  Deutsch-Böhmen 
gelegentUch  sogenannter  Wanderversammlungen  abgehalten  worden 
sind,  von  denen  in  die  Jahre  1868 — 1881  neun  fallen  (in  Leitmeritz, 
Trautenau,  B.  Leipa,  Teplitz,  Carlsbad,  Wamsdorf,  Krummau,  Eger, 
Brüx),  während  nach  langer  Pause  Ende  der  neunziger  Jahre  noch 
zwei  stattfanden  in  Saaz  imd  Aussig.  Die  Verschlimmerung  der  po-^ 
litischen  Verhältnisse,  namentlich  der  sich    immer  mehr  zuspitzende 


i)  Von  dieieD  mM  Herren  sind  ainr  noch  am  Leben  t  Jolina  Lippett  und  Hermeaa 
HtUwich.' 


—     169     — 

Kampf  der  beiden  Böhmen  bewohnenden  Volksstämme,  dann  der  Zwist 
innerhalb  der  deutschen  Partei,  haben  dazu  g^efuhrt,  dafs,  geleitet  von 
dem  Wunsche,  den  Verein  vor  den  Wechselfallen  des  politischen 
Lebens  sorgsam  zu  bewahren,  diese  auswärtigen  Versammlungen  ein- 
gestellt worden  sind.  Die  Archive  von  E^er,  Budweis,  Leitmeritz» 
Schlaggenwald  und  Aussig  sind  von  berufenen  Forschem  durch- 
gearbeitet und  teilweise  geordnet  worden;  die  Berichte  darüber  wur- 
den in  das  Vereinsarchiv  hinterlegt. 

Ungleich  reichhaltiger  konnte  natürlich  das  litterarische  Leben  im 
Vereine  sein.  Seinen  Hauptausdruck  findet  es  in  der  Vereinszeitschrift, 
die  gleichzeitig  mit  dem  Vereine  ins  Leben  gerufen  wurde,  die  „Mit- 
teilungen des  Vereins  etc'S  von  denen  demnach  in  diesem  Jahre  der 
vierzigste  Band  sein  Ende  erreicht.  Gleich  nach  dem  ersten  Er- 
scheinungsjahre wurde  von  dem  Hauptbande  eine  „Litterarische  Bei- 
lage*' abgetrennt,  in  die  die  Besprechungen,  litterarischen  Übersich- 
ten etc.  verwiesen  wurden,  und  die  vorübergehend  auch  unter  selb- 
ständiger Leitung  stand.  Die  Männer,  die  sich  um  die  Redaktion 
dieser  Zeitschrift  verdient  gemacht  haben,  sind:  Schmalfufs,  Höfler, 
Grohmann,  Werner,  Renner,  Laube,  Pangerl,  Schlesinger,  Lohr,  Htecke, 
Biermann,  HorSiöka. 

Nachdem  sie  in  den  ersten  Jahren  in  verschiedenem  Umfange 
erschienen  ist,  blieb  sie  vom  14.  Jahre  an  auf  vier  Hefte  jährlich 
beschränkt,  die  gegenwärtig  in  der  Regel  36  Bogen  umfassen.  Ab- 
gesehen von  einem  kurzen  Inhaltsverzeichnisse  über  die  ersten  20  Bände 
von  Otto  Lohr,  erschien  ein  wissenschaftlich  allen  Anforderungen  ent-^ 
sprechendes  Register  über  Band  i — 30  von  Dr.  A.  Horöiöka;  über 
die  weiteren  10  Bände  wird  eine  Ergänzung  von  demselben  Verfasser 
vorbereitet. 

Abgesehen  von  diesen  periodischen  Erscheinungen  publiziert  der 
Verein  eine  Reihe  von  wissenschaftlichen  Werken,  die  unter  folgende 
Haupttitel  zu  fassen  sind.  Deutsche  Chroniken  au^  Böhmen,  Her- 
ausgeber Dr.  L.  Schlesinger.  Drei  Bände :  i .  Die  Chronik  der  Stadt 
Elbogen  1471 — 1504,  bearbeitet  von  Schlesinger;  2.  Simon  Hütteis 
Qironik  der  Stadt  Trautenau  1484 — 1601,  bearbeitet  von  demselben; 
3.  Die  Chroniken  der  Stadt  Eger  bearbeitet  von  Heinrich  Gradl.  — 
Deutsche  Städte-  und  Urkundenbücher  aus  Böhmen.  Herausg^eben 
von  Dr.  L.Schlesinger ,  jetzt  von  Dr.  A.  Hor8i8ka.    Vier  Bände: 

1.  Stadtbuch  von  Brüx  bis  zum  Jahre  1526,  bearbeitet  von  Schlesinger; 

2.  Urkundenbuch  der  Stadt  Saaz,  von  demselben;   3.  Urkundenbuch 
der  Stadt  Aussig,  begonnen  von  W.  Hiecke,  beendet  von  Dr.  A.  Hor2i5ka; 


—     170     — 

4-  Urkundenbuch  der  Stadt  Budweis  in  Böhmen,  L  Band,  i.  Hälfte 
1251 — 1391  von  Archivdirektor  Karl  Köpl  (die  Fortsetzung  ist  im 
Drucke).  Sprachlichen  und  litterarischen  Zwecken  dienen:  Bibliothek 
der  mittelhochdeutschen  Litteratur  in  Böhmen,  begründet  von  Prof. 
Ernst  Martin,  jetzt  herausgegeben  von  Prof.  H.  Lambel.  Vier  Bände : 
I.  Wilhelm  v.  Wenden,  ein  Gedicht  Ulrichs  v.  Eschenbach,  ed.  Wen- 
delin Toischer;  2.  Der  Ackermann  aus  Böhmen,  herausgegeben  und 
mit  dem  tschechischen  Gegenstück  Tkculle6ek  verglichen  von  Joh. 
Knieschek;3.  Das  Leben  des  heiligen  Hieronymus  in  der  Übersetzung^ 
des  Bischofs  Johannes  VIII.  von  Olmütz,  ed.  Anton  Benedikt;  4. 
Willehalm,  ein  Rittergedicht  von  Meister  Ulrich  von  dem  Türlin,  ed. 
S.  S  i  ng  e r.  Zwei  weitere  Bände,  enthaltend  den  Meidekranz  des  Heinrich 
V.  Mügeln  und  die  Werke  Heinrichs  v.  Freiberg  sind  in  Vorbereitung. 
Beiträge  zur  Kenntnis  deutschböhmischer  Mundarten,  geleitet  von 
Prof.  H.  Lambel.  i.  Der  Satzbau  der  Egerländer  Mundart.  I.  Teil  von 
Jos.  Schicpek.  Der  zweite  Teil  ist  in  Vorbereitung.  Der  Kunst- 
geschichte dienen  die  Studien  zur  Geschichte  der  Gothik  in  Böhmen, 
herausgegeben  von  Prof.  JosephNeuwirth.  Fünf  Hefte,  sämtlich  vom 
Herausgeber  verfalst.  i.  Der  Bau  der  Stadtkirche  in  Brüx  von  15 17 
bis  1532;  2.  Der  Baubeginn  der  Frohnleichnams-  und  Barbarakirche 
in  Kuttenberg;  3.  Die  Junker  von  Prag;  4.  Der  verlorene  Cyclus 
böhmischer  HerrscherbUder  in  der  Prager  Königsburg;  5.  Die  Wand- 
gemälde in  der  Wenzelskapelle  des  Prager  Doms  und  ihr  Meister. 
Von  der  Serie  Studien  zur  Geschichte  der  Musik  in  Böhmen,  her- 
ausgegeben von  Dr.  Richard  Batka  ist  erst  ein  Heft  erschienen. 

Frühzeitig  hat  man  im  Vereine  die  Wichtigkeit  der  Durchforschung 
von  Materialien  für  eine  Geschichte  von  Handel  und  Industrie  in  Böh- 
men erkannt.  Schon  1865  wurde  für  eine  derartige  Arbeit  ein  Preis 
ausgesetzt,  diese  Ausschreibung  1869  wiederholt,  beide  Male  ohne  Er- 
folg. Dann  ruhte  die  Sache,  bis  sie  1889  von  Prof.  August  Fo um i  er 
mit  Energie  und  Geschick  wieder  aufgenommen  wurde.  Durch  ihn 
wurden  die  Beiträge  zur  Geschichte  der  deutschen  Industrie  in  Böh- 
men  ins  Leben  gerufen,  die  zunächst  unter  seiner  Leitung,  dann  unter 
der  Prof  Ottocar  Webers,  erschienen,  bisher  6  Bände:  i.  Litteratur 
zur  Geschichte  der  deutschen  Industrie  in  Böhmen.  Gesammelt  von 
W.  Hiecke.  2.  Firma  Franz  Leitenbexger  1793 — 1893.  Eine  Denk- 
schrift von  H.  Hall  wich.  3.  Die  Entstehung  der  Porzellan-  und  Stein« 
gutindustrie  in  Böhmen,  von  Prof  O.  Weber.  4.  Firma  Benedikt 
Schrolls  Sohn,  von  Dr.  E.  Langer.  5.  Die  Reichenberger  Tuchindustrie 
in  ihrer  Entwicklung  vom  zünftigen   Handwerk  zur  modernen  Grob- 


—     171     — 

von  Dr.  J.  Grunze K  6.  Das  böhmische  CommcrzkoUegium 
nnd  seine  Thätigkeit  von  Prof.  A.  F.  Pribram.  Eine  Arbeit  über  die 
nordböhmische  Kohlenlindustrie  steht  in  Aussicht. 

Abgesehen  von  diesen  in  gröiseren  Abständen  erscheinenden 
r^nelmaisigen  Publikationen  hat  der  Verein  noch  eine  Reihe  gröfserer 
und  kleinerer  Werke  herausgegeben,  die  teils  selbständig  erschienene 
Arbeiten  sind,  teils  Sonderabdrücke  aus  der  Vereinszeitschrift.  Von 
diesen  seien  in  folgendem  die  wichtigsten  hervoigehoben.  Vor  allem 
veidient  wohl  die  Geschichte  Böhmens  erwähnt  zu  werden,  von 
Dr.  L.  Schlesinger,  i.  Aufl.  1869,  2.  Aufl.  1870.  Trotz  des  grob 
angel^ien  eben  erscheinenden  Buches  Prof.  Bachmanns  wird  ein  Hand- 
buch der  Geschichte  Böhmens,  auch  für  nicht  wissenschaftliche  Kreise 
berechnet,  stets  ein  dringendes  Bedürfnis  bleiben.  Lippert,  Ge- 
schichte der  K.  Leibgedingstadt  Trautenau.  2  Bde.  1863 — 1866. 
Lippert,  Geschichte  der  Stadt  Leitmeritz,  1870.  Lee  der,  Beiträge 
zur  Geschichte  der  Stadt  Aman,  1872.  Laube,  Aus  Joachimsthals 
Vergangenheit,  1875.  Gradl,  Zur  Herkunft  der  Egerländer,  1879. 
Rietsch,  Stadtbuch  von  Falkenau,  1895.  Sie  gl,  Achtbuch  des 
Egerer  Schöffengerichts  von  1310 — 1390,  1901.  Bachmann,  Bei- 
trage zur  Kunde  böhmischer  Geschichtsquellen  des  XIV.  u.  XV.  Jahr- 
hunderts, 1898.  Loserth,  Das  St.  Pauler  Formular.  Briefe  und  Ur- 
kunden aus  der  Zeit  König  Wenzels  II.,  1896.  Höfler,  Die  Krönung 
Kaiser  Karls  IV.  nach  Johannes  dictus  Porta  de  Avonniaco,  1864. 
Uöfler,  Chronik  des  Heinrich  von  Diessenhoven,  1865.  Horawitiz, 
Caspar  Bruschius.  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  des  Humanismus  und  der 
Reformation,  1874.  Schmidt,  Val. ,  Das  Urbar  der  Herrschaft  Rosen- 
beig  von  1598,  1897.  Schmidt,  Val  ,  Braubetrieb  und  Braustätten 
in  Südböhmen,  1900.  Schmid,  Georg,  Die  Wallensteinlitteratur 
1626 — 1878,  1879.  Erste  Eigänzung  1619 — 1681,  1883.  Zweite  Er- 
gänzung 1620 — 1684,  1885.  Dritte  Ergänzung  von  Dr.  Victor  Loewe 
1628 — 1695,  1896.  Eine  vierte  Ergänzung  von  demselben  erscheint 
demnächst  Weber,  Die  Occupation  Prags  durch  die  Franzosen  und 
Baiem  1741 — 1743,  1896.  Weber,  Eine  Kaiserreise  nach  Böhmen 
im  Jahre  1723,  1898.  Zeifsberg,  Erzherzog  Karl  in  Böhmen,  1898. 
Femer:  Hecht,  Das  Homiliar  des  Bischofs  von  Prag,  1863.  Groh- 
mann,  Aberglauben  und  Gebräuche  aus  Böhmen  und  Mähren,  1864.  — 
Deutsche  VolksaufiEuhrungen.  Beiträge  aus  dem  Egerlande  zur  Ge- 
schichte des  Spiels  und  Theaters,  1895.  Nassl,  Die  Laute  der 
Tepler  Mundart,  1863.  Petters,  Andeutungen  zur  Stoffsammlung  in 
den  deutschen  Mundarten  Böhmens,  1864.     Grub  er.  Die  Kaiserburg 


—     172      — 

zu  Eger  und  die  an  dieses  Bauwerk  sich  anschlieisenden  Denkmale, 
1864.  Grub  er,  Die  Hauptperioden  der  mittelalterlichen  Kunstent- 
wicklung  in  Böhmen,  1870.  Neuwirth,  Das  Braunschweiger  Skizzen- 
buch eines  mittelalterlichen  Malers,  1897.  John,  Die  Vorschuls-  und 
Kreditvereine.  Volksbanken  in  Böhmen.  Ein  Beitrag  zur  Vereins- 
statistik Böhmens,  1867.  In  Vorbereitung  ist  das  Urkundenbuch  des 
Clarissinnenklosters  in  Krummau,  dem  Abschlüsse  nahe  eine  Biographie 
Adalb.  Stifters  von  Prof.  Hein. 

Eine  reiche  Thätigkeit  auf  dem  Gebiete  der  landesgeschichtlichen 
Forschung  hat  demnach  der  Verein  in  diesen  40  Jahren  entwickelte 
Durch  längere  Zeit  glaubte  er  sein  Augenmerk  darauf  richten  zu  müssen, 
seinen  Mitgliedern  (er  zählt  gegenwärtig  1200)  die  retchen  Schätze 
der  deutschen  Vergangenheit  in  Böhmen  in  möglichst  populärem  Ge- 
wände zu  bieten,  während  er  in  den  letzten  Jahren  zu  streng  wissen- 
schaftlicher Forschung  zurückgekehrt  ist,  da  eine  Reihe  anderer  Zeit- 
schriften ihn  in  dieser  Beziehung  entlastet  haben. 

Eben  wird  zur  Feier  des  40jährigen  Bestandes  eine  Festschrift 
vorbereitet,  die  ein  Bild  der  umfassenden  Thätigkeit  des  Vereins  auf 
allen  Gebieten  deutschen  Lebens  bieten  soll  und  die  bewährtesten  Mit- 
arbeiter der  Vereinszeitschrift  zu  den  ihren  zählt.  Mit  dem  Bewufstsein 
treu  erfüllter  wissenschaftlicher  und  nationaler  Pflicht  mag  der  Vor- 
stand an  die  Feier  des  Jubiläums  schreiten,  voran  Obmann  und  Obmann- 
stellvertreter:  Hofrat  Prof.  Dr.  J.  Schindler  und  Regierungsrat  Prof. 
Dr.  H.  Lambel,  nicht  weniger  der  unermüdliche  Gescbäftsleiter 
Prof.  Dr.  G.  C.  Laube. 


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Mitteilungen 

ArahiTe.  —  Die  Bestimmungen  über  die  Benutzung  des  Archivs  za 
Hermannstadty  die  S.  113  nach  dem  Abdruck  in  dem  Übersichtsinventar 
(S.  202)  kurz  wiederholt  wurden,  beziehen  sich,  wie  uns  mitgeteUt  wird, 
nur  auf  die  Benutzung  seitens  Ortsangesessener,  was  allerdings  an  der  be- 
zeichneten Stelle  in  keiner  Weise  gesagt  oder  auch  nur  angedeutet  ist. 
In  der  That  wird  für  Archivbenutzer,  die  von  auswärts  zugereist  kommen» 
die  Zahl  der  täglichen  ßenutzungsstunden  bis  auf  zwölf  erhöht,  und  ebenso 
sind  Aktenversendungen  an  auswärtige  Archive  und  Bibliotheken  zulässig. 
Letzteres  ist  bereits  in  der  Minerva,  Jahrbuch  der  gelehrtere  Welt,  9.  Jahr- 
gang (1899 — 1900),  S.  367  bemerkt  —  Diese  Mitteüungen  sind  in  hohem 


—    17a    — 

Maise  erfreulich,  usd  namentUch  die  Enn^lichung  einer  ausgedehnteren 
Benutzungszeit  für  von  auswärts  zugereiste  Gelehrte,  die  natuigemäfs  ihre 
Zeit  m^ichst  ausnutzen  wollen,  verdient  Anerkennung  und  Nachahmung. 
Wenn  anch  ein  persönliches  Entgegenkommen  des  Archivars  viel&ch  den 
einzelnen  Fremden  eine  längere  Arbeitszeit  zugestehen  mag,  so  ist  doch,  so  viel 
wir  wissen,  in  den  Benutzungsordnungen  selbst  dieser  Punkt  bisher  völlig 
aofser  acht  gelassen  worden. 


Die  Müteüungen  der  K.  Preufaisdien  ArclmverwaUung  ^)  erweitem  mit 
ihrem  5.  Hefte  das  Gebiet  ihrer  Thätigkeit,  denn  dieses  ist  nicht  einem 
einzelnen  Staatsarchive,  sondern  sämtlichen  124  Stadtarchiven  einer 
Provinz  gewidmet  Adolf  Warschauer,  Die  städtischen  Anhive  in  der 
Pmcmx  Posen  (Leipzig,  S.  Hirzel,  1901.  XL  und  323  S.  8^)  behandelt 
zunächst  (S.  I — XL)  Geschichte,  Bestandteile  und  bisherige  litterarische  Ver- 
weitm^  der  Stadtarchive,  beschreibt  dann  in  dem  Hauptteile  (S.  i — 293) 
die  einzelnen  Archive,  die  allerdings  zum  gröfsten  Teile  im  Staatsarchive  zu 
Posen  deponiert  sind,  in  alphabetischer  Ordnung  und  schliefst  mit  einem 
aniserordentlich  praktisch  angelegten  Sachregister.  Die  Provinz  Posen  zeichnet 
sich  hiermit  vor  allen  anderen  deutschen  Landesteilen  aus,  wie  es  wohl 
sonst  in  keinem  anderen  Punkte  der  Fall  ist,  denn  ein  einziger  Bearbeiter 
giebt  die  in  sich  vergleichbaren  kurzen  Berichte  über  die  Archivbestände 
jeder  Stadt,  ohne  zu  inventarisieren,  während  er  doch  in  lesbarer 
Form  alles  allgemein  Wichtige  heraushebt  und  damit  zugänglich  macht.  Es 
sind  dabei  nicht  nur  die  in  den  betreffenden  Stadtarchiven  ruhenden,  son- 
dern alle  auf  die  Stadt  bezüglichen  Bestände,  soweit  sie  bekannt  wareu, 
angeführt  Dais  Nachträge  kommen  müssen,  darüber  ist  sich  der  Verfasser 
vollständig  klar;  es  ist  ja  gerade  ein  wesentlicher  Zweck  der  Arbeit,  der 
Lokalforschung  bestimmte  Aufgaben  zu  stellen  und  zu  fleüsigem  Nachspüren 
anzuregen  (S.  XXXVIII).  Nur  die  Beschränkung  auf  die  Städte  ermöglichte 
eine  derartige  VeröffentlichuDg  in  absehbarer  Zeit,  und  wir  können  nicht 
dankbar  genug  sein,  dafs  zunächst  darauf  verzichtet  wurde,  Landgemeinden 
und  Privatbesitz,  namentiich  den  des  Adels,  in  gleicher  Weise  zu  be- 
handeln, denn  damit  wäre  die  Veröffentlichung  in  weite  Feme  gerückt 
worden.  Während  für  die  provinzielle  Geschichtsforschung  natürlich  die 
Beschreibung  der  für  jede  Stadt  nachgewiesenen  Archivalien  den  gröfsten 
Wert  besitzt,  kann  die  Einleitung  eine  grofse  allgemeine  Bedeutung  bean- 
spruchen, da  ihre  zusammenfassenden  Bemerkungen  für  jeden  Archivar  von 
Belang  sind  und  Vergleiche  zwischen  polnischen  und  deutschen  Verhält- 
nissen nahelegen.  Interessante  Einzelheiten  liefsen  sich  in  Menge  heraus- 
heben, aber  das  Hauptinteresse  haftet  immer  an  der  Vielheit  der  Nationali- 
täten. Für  die  deutsche  Kolonisation  in  Polen,  die  mittelalterliche  wie  die 
des  XVU.  und  XVIU.  Jahrhunderts  (S.  XII/XIU),  die  gerade  in  den  Städte- 
gründungen zum  Ausdruck  kommt,  wird  ein  überraschend  reiches  und  vor 
allem  zuverlässiges  Material  beigebracht,  und  der  wegen  der  Ähnlichkeit  mit 
deutschen   Verhältnissen    beachtenswerte   Unterschied  zwischen    königlichen 


1}  YgL  diuttber  Bd.  H,  S.  185-.186. 


—     174     — 

und  mittelbaren  (gnindherrlichen)  Städten  wird  mannigfaltig  yeranschauUcht. 
Für  den  ELampf  der  deutschen  mit  der  polnischen  Sprache  im  Verlaufe  der 
Zeit  sind  die  Angaben  S.  XXXI/XXXn  von  höchstem  Werte:  im  allgemeinen 
wird  das  Deutsche  in  der  Mitte  des  XVI.  Jahrhunderts  vollständig  vom 
Lateinischen  verdrängt,  während  das  Polnische  (zuerst  1551  in  Kol- 
mar)  dieses  als  Geschäftssprache  gegen  Ende  des  XVI.  Jahrhunderts  immer 
mehr  ablöst  (vgl.  das  Stichwort  ,,  Deutsche  Sprache  **  im  Register,  für  Posen 
besonders  S.  180).  Die  Handwerkerinnungen  lassen  sich  noch  spät  deutsche 
Innungsordnungen  aus  Breslau  kommen:  so  formen  die  Pfeflferküchler  von 
Rawitsch  (S.  211)  1749  ihre  Statuten  nach  denen  der  Breslauer  Handwerks- 
genossen.    Die    Akten   über    die   Emwanderung    der    Böhmischen   Brüder 

—  1548  sind  sie  in  Lissa  zu  finden  (S.  122,  134),  im  XVI.  Jahrhundert 
z.  B.  auch  in  Graetz  (S.  77)  —  sowie  über  die   Schlesischen  Protestanten 

—  vor  1660  sind  sie  in  Kempen  anzutreffen  (S.  86),  während  König  Sigismund 
1629  die  Aufnahme  flüchtiger  Schlesier  verboten  hatte  (S.  92)  —  ergänzen 
in  vollkommener  Weise  dasjenige,  was  sonst  über  die  um  des  Glaubens 
willen  Vertriebenen  bekannt  ist.  Überhaupt  wird  manchem  die  grofse  Zahl 
der  evangelischen  Gemeinden  auf&Uen :  in  Birnbaum  (S.  17)  war  die  Kirche 
vor  1591  im  Besitze  der  Protestanten,  im  XVIII.  Jahrhundert  sind  viele 
neue  Gemeinden  entstanden.  Unter  den  Gewerben  wird  namenüich  im 
XVII.  Jahrhundert  die  Tuchmacherei  von  immer  gröfserer  Wichtigkeit,  wäh- 
rend dem  Tuchhandel  auswärtiger  Kaufleute  schon  im  XV.  Jahrhundert 
eine  hohe  Bedeutung  zukommt 


Einen  eigenen  Archivar  hat  mit  Beginn  des  Jahres  1902  das  fürst- 
liche (bis  12.  März  1901  gräfliche)  Haus  Castell  zu  Castell  (Unterfranken) 
in  der  Person  des  bisherigen  Kgl.  Bayrischen  Kreisarchivars  in  Nürnberg 
Dr.  August  Sperl  mit  dem  Titel  eines  fürstlichen  Archivrates  angestellt 
Neben  der  Sorge  für  das  überraschend  reichhaltige  Archiv  des  anerkannter- 
mafsen  ältesten  dynastischen  Grafengeschlechtes  in  Bayern  wird  es  seine  Haupt- 
aufgabe sein,  die  Geschichte  des  Geschlechtes  zu  schreiben.  Abgesehen  von 
älteren  Arbeiten  hat  Friedrich  Stein  in  der  Oeschiehte  der  Herren  und 
Qrafen  xu  Kaateü  (Schweinfurt  1892)  die  Geschichte  der  Grafschaft  und  ihrer 
Herrscher  bis  1528  dargestellt,  und  Pius  Wittmann  hat  in  den  Mtmumenta 
Cästeüana,  Vrktmdenbuch  xur  Oeschiehte  des  gräflichen  Hauses  Ckistell  {Mimchen 
1890)  die  Urkunden  von  1057  bis  1546  herausgegeben.  Es  ist  also  hier  bereits 
mehr  geschehen,  als  bei  den  meisten  adligen  Geschlechtem,  aber  gerade  deshalb 
darf  die  in  Aussicht  stehende  abschliefsende  Geschichte  des  Hauses  Castell, 
die  für  die  fränkische  Geschichte  überhaupt  höchst  bedeutsam  werden  wird, 
mit  Spannung  erwartet  werden.  Um  den  Stofif  möglichst  voUstängig  zusammen- 
zubringen, bittet  der  Archivar  um  Mitteilung  jeder  auch  noch  so  kleinen  Nach- 
richt, namentlich  über  Akten  und  Briefe  in  fremden  Archiven,  die  sich  auf  das 
Haus  Castell  beziehen. 

Yerelne.  —  Die  reiche  Sammlung  des  Vereins  für  die  Geschichte 
Leipzigs  (vgl.  I.  Band,  S.  218  bis  221)  entstanden  durch  fleüsige  Arbeit 
eines  Menschenalters,  entbehrte  bisher  immer  noch  eines  Katalogs.     Es  be- 


—     175     — 

stand  und  besteht  noch  die  Hofinung,  dafs  die  Stadt  die  ganze  Sammlung 
ab  Geschenk  annehmen  und  zu  einem  Stadtmuseiun  umgestalten  möchte» 
aber  trotz  häufiger  Erörterungen  über  den  Gegenstand  ist  bisher  ein  Beschluis 
noch  nicht  zustande  gekommen.  Als  daher  nach  dem  Rücktritt  des  bis- 
bergen  ersten  Sammlungsvörstehers  der  Vorstand  zur  Neubesetzung  der 
Stelle  schreiten  mufste,  hat 'er  sich  von  dem  Gedanken  leiten  lassen,  dafs 
die  so  oft  als  Mangel  empfundene  Klatalogisienmg  nicht  länger  hinaus- 
geschoben werden  dürfe  und  nach  einer  dafür  geeigneten  Person  gesucht 
In  Dr.  Albrecht  Kurzwelly,  Direktorialassistenten  am  Kuns^ewerbe- 
museom,  ist  diese  gefunden  worden.  Durch  Vertrag  hat  er  sich  zur  Her- 
steflong  des  Katalogs  verpflichtet  und  die  übernommene  Aufgabe  schon 
wesentlich  gefördert,  sodafs  die  manigfaltigsten  Aufschlüsse  in  verhältnis- 
mäisig  kurzer  Zeit  zu  erwarten  sind. 


Der  Verein  für  Rochlitser  Geschichte  feierte  im  Februar  dieses  Jahres 
den  Tag  seines  zehnjährigen  Bestehens.  Das  wäre  an  sich  noch  kein 
Grund,  in  diesen  Blättern  auf  ihn  einzugehen;  und  es  würde  auch  nicht 
geschehen,  weim  er  nicht  in  dieser  kurzen  Spanne  Zeit  eine  Thätigkeit  ent- 
fidtet  hätte,  durch  die  er  für  Vereine  gleichen  Strebens  vorbildlich  sein  kann; 
wenn  er  nicht  gezeigt  hätte,  was  sich  in  kurzer  Zeit  auf  einem  Gebiete  thun 
laist,  auf  dem  —  wie  in  dem  i.  Hefte  der  Mitteilungen  des  Vereins  zu 
lesen  ist  —  vorher  so  gut  wie  nichts  geschehen  war.  —  Rochlitz  in 
Sachsen,  an  der  Zwickauer  Mulde  gelegen,  ein  Städtchen  von  6}-  Tausend 
Anwohnern,  ist  —  das  mufs  zum  Verständnis  hier  bemerkt  werden  —  eine 
sehr  alte  Siedelung.  Die  Gegend  ist  bereits  in  der  Stein-  und  Bronzezeit  be- 
siedelt gewesen;  süs  Rochelinxe  wird  der  Ort  schon  in  einer  Urkunde  Ottos  I. 
von  968  erwähnt.  Er  war  Reichsgut,  wurde  aber  11 43  Lehen  der  Markgrafen 
von  Meifsen,  war  später  vorübergehender  oder  dauernder  Sitz  mehrerer  Kur- 
fürsten nnd  fürstlicher  Witwen  und  wurde  in  allen  Kriegen,  deren  Schauplatz 
das  jetzige  Königreich  Sachsen  war,  stark  in  Mitleidenschaft  gezogen.  Die 
Stadt  tritt  deshalb  in  der  politischen  Geschichte  des  Landes  verhältnismäfsig 
stark  hervor,  aber  auch  kiüturgeschichtlich  hat  sie  manches  Interessante  auf- 
zuweisen, namentiich  wegen  der  Bedeutung,  die  der  Rochlitzer  Porphyrtuff 
in  der  Baugeschichte  Sachsens  erlangt  hat 

An  den  wichtigsten  Punkten  hat  nun  der  Verein,  vor  allem  aber  sein 
überaus  rühriger  Vorsitzender,  Realschuloberlehrer  Dr.  Clemens  Pfau,  ein- 
gesetzt, lun  auf  Grund  eingehender,  planmäfsiger  Forschungen  licht  in 
die  Vergangenheit  zu  bringen.  Die  Thätigkeit  eines  Geschichtsvereins  schlägt 
sich  nieder  in  seinen  Sammlungen  und  in  seinen  Veröftentlichungen :  Auf 
beiden  Gebieten  hat  nun  wirklich  der  Rochlitzer  Verein  Erstaunliches  ge- 
leistet Sein  Museiun  enthält  nicht  nur  Raritäten  und  Kuriositäten  der  letzten 
Jahrhunderte,  wie  das  bei  manchen  anderen  der  Fall  ist,  sondern  es  birgt 
Erzeugnisse  menschlicher  Thätigkeit  von  den  ältesten  Zeiten  an;  ja  die  vor- 
geschichtliche Abteilung  ist  eine  der  wichtigsten  der  Sammlung  und  kann 
in  ihrer  Reichhaltigkeit  und  VoUständigkeit  getrost  mit  ähnlichen  Sammlimgen 
gröiserer  Museen  den  Vergleich  aushalten.  Pfau  hat,  selbst  Hacke  und  Spaten  in 
die  Hand  nehmend,  die  Fluren  von  Rochlitz  und  et^a  50  Dörfern  der  Um- 


—     176     — 

gegend  plaomäfsig  nach  Überresten  der  vorwendischen,  wie  der  wendischen 
Zeit  —  die  für  diese  Gegend  auch  noch  mit  zu  der  vorgeschichtlichen  2^it 
gerechnet  werden  mufs  —  abgesucht  Die  Resultate  dieser  Forschungen 
finden  wir  niedergelegt  in  dem  3.  Heft  der  Mitteilungen  des  V.  f.  R.  G.: 
Topographische  Forschungen  über  die  ältesten  Siedlungen  der  Rochlüzer  Pflege, 
X  900.  In  dieser  überaus  interessanten  Schrift  widerlegt  Pfiiu  wenigstens  ftir 
die  Rochlitzer  Pflege  die  Behauptung  Flathes  (S.  14),  „dafs  die  ganze 
nördliche  Abdachung  des  Erzgebirges  bis  Riesa,  Würzen,  Mügeln  in  vor- 
wendischer Zeit  von  dichtem,  menschenleerem  Urwald  bedeckt  gewesen 
sei*',  da  er  an  achtzig  Stellen  Funde  gemacht  hat,  die  jener  Zeit,  auiser 
dem  wenigstens  ebenso  viel,  die  der  wendischen  Zeit  angehören.  Die  eigent- 
lich vorgeschichtlichen  Fundstätten  liegen  fast  alle  an  den  Flurgrenzen  —  es 
sind  Flach-  und  Hügelgräber,  Hügeldenkmäler  imd  Wallanlagen;  so  kommt 
der  Verfasser  zu  der  Ansicht,  dafs  diese  Stätten  Reste  von  Kultstätten  sind, 
die  emem  ähnlichen  Grenzkultus  dienten,  wie  ihn  die  alten  Römer  hatten. 
Die  wendischen  Fundstellen  —  Wälle,  Äcker  —  liegen  meist  innerhalb  der 
Dorffluren.  Da  sich  an  diese  wie  an  jene  Sagen  ^),  besonders  Spuksagen 
anknüpfen,  wird  auf  die  Bedeutung  derselben  für  die  Forschung  mit  beson- 
derem Nachdruck  hingewiesen,  ebenso  wie  auf  die  der  Orts-  und  Flurnamen, 
welch  letztere  deshalb,  da  sie  immer  weniger  Verwendung  finden  und  daher 
mehr  und  mehr  vergessen  werden,  unbedingt  gesanmielt  werden  müssen.  — 
Die  greifbaren  Ergebnisse  der  vorgeschichtlichen  Forschung  findet  man  im 
Museum  vor:  Schaber,  Messer,  Speerspitzen,  ca.  vierzig  verschiedenartige 
Beile  und  Beilchen  aus  Stein  —  zum  Teil  aus  Material,  das  in  der  Roch- 
litzer Pflege  nicht  vorkommt,  und  daher  auf  einen  gewissen  Handel  schließen 
läfst  — ,  Schmuck-  und  andere  Gebrauchsgegenstände  aus  Bronze  und  Eisen, 
Scherben  und  Gefafse  aus  Thon  von  verschiedenster  Form  und  Gröfse;  alle 
Gegenstände  sind  systematisch  nach  den  Dorffluren,  in  denen  sie  gefimden 
wurden,  aufgestellt.  Auf  zwei  Tafeln  sind  Scherben  der  eigentlichen  Vorzeit 
nach  der  mutmafslichen  Zeit  ihres  Entstehens  angeordnet,  sodafs  die  Ent- 
wickelung  in  der  Technik  und  Omamentierung  bequem  zu  studieren 
ist.  Da  außerdem  viele  Scherben  und  Gefafse  aus  wendischer  Zeit  und 
aus  geschichtlicher  Zeit  vom  frühesten  Mittelalter  an  vorhanden  sind,  so 
läfst  sich  die  ganze  Entwickelung  der  Keramik  in  Westsachsen  verfolgen. 
Eine  zweite  wichtige  Abteilung  des  Museums  ist  die  für  Steinaltertümer, 
und  zwar  für  solche  aus  Rochlitzer  Stein.  Sie  ist  insofern  besonders  wichtig, 
als  sie  in  ihrer  Reichhaltigkeit  den  Nachweis  erbringt,  dais  der  Porphyrtuft 
schon  in  vorgeschichtlicher  Zeit  zu  Gebrauchsgegenständen,  z.  B.  zu  Getreide- 
reibem,  im  frühen  Mittelalter  aber,  schon  seit  romanischer  Zeit,  als  Bau-  und 
Schmuckstein  verwendet  worden  ist.  Ein  überaus  schätzenswertes  Anhängsel 
dieser  Abteilung  ist  eine  Sammlung  von  mehreren  hundert  Gypsabdrücken 
von  Steinmetzzeichen,  die  Pfau  an  entweder  ganz  oder  teilweise  aus 
Porphyrtufi"  aufgeführten  Bauwerken   der  weiteren   Umgegend    von  Rochlitz 


i)  Wenn  diese  natürlich  auch  viel  jüngeren  Ursprungs  sind,  so  beweisen  sie  doch, 
dafs  die  Erinnerung  an  das  Vorhandensein  solcher  Oberreste  älterer  Siedlangen  nie  gans 
verloren  gegangen  ist 


-   iti   - 

wtnpfno&tt  fOtL  iJStB  StduRun  cBCMf  Zcibncir  tst  «ff  Attt  tuxbß6(Sttff  no^j^ 
ocr  siui  nn»  oer  miuiWiiucrucirBii  HAUgesLUiciiic  Düscnsicigt  i  er  nuirsi  müCn 

ÜBCKBoKa  mXn  XWCi   laicIII  AUigCXCicllIlcl   in  UCIU   7.  tictxc  ucr  TCTCuISniltnSP 

ZNttc  Afb^ifi  sowicf  düs  lOf  f.  Heft  eüSksäticot  IbßtUlkciat  tntUfMHbHM^jf 
fnit  rdnHwSitn  und  BMtgth,  1 8^9^  -*-*  bcidif  tott  Vtkn  ubf^aAt  -•-^  #itb6tt 
iBBbhy  ^wrtcli  Dolie  Bcdclitutfg  ctct  RocMnüBfip  SttiititDlMRi  ftf  dft  TftVfif^ 
Stodadte  Bkukuüst  und  das  $Bgiittäht  WXMiivttAta**  ftat,  ittif  t^emgliigit 
inch  nebenbei  tiefe  Einblicke  m  gCfvefoHt^uf,  feüftw  Ii  lsljhifBiA#  tMd  Mtiihihi 
fculniifSfc  /AisfeSndc  nttnefer  Zeiten^,  ffii^  «^'^  tfoef  2ti£ieiCiu  eifr  fttldfeficbes 
XcngDaA  dsTfon  sfr,  wie  der  R()cfalft£ef  ▼efchi  Deftiflfat  ist»  ck  GtSKJMwK 
ftSDcs  WiikuE^kreises  mit  der  Liaiides^escuicnte^  itt  BessebüsU^  ttt  seäelt. 

Das  Mn^mn  ist  «ofketdettr  eme  reidbe  Ftmdgmbe  tlXt  toYkikvtüd* 
liehe  Porrscbungeü.  Es  giiebt  At&c&ftifi  (Aer  früher  är  Roddibe  hebiosefiii^ 
Geiveiuci weise,  2.  B.  die*  Smigfefiierei  —  dfe  Sutkeni'  (fer  lUtiistdr  (j^tA^ 
stSfcndc  aus  Znm  weiseif  auf  Rochut^er  t/rsptuii|g  hsi  -"^^  dfe  TiiChschcfltflCi 
und  tlber  das  (hunit  ^nsaniDienfiäiigendb  luuQUgsweseil ;  es  ISßt  uiM  BSEMte 
dmn  id  die  Lebensvefse  der  ländicheit  uiid  städtischen  fievldketungi  ijr  Ae 
finrichtnii^  ihrer  Wohnungen  r  es  w€i^  Kleiduftgtiny  Schmucksachen  ^  ^ögap 
<ter  Toten  —  KostttmstOcke  idl^  Art  und  idler'  ZiiiXtxt  auf,  ni  dvn  meisttnt 
nn»  bis  ms  XVH.  und  XVni.  Jahrhundett  aurtidb;  e!i  giebt  tms  Aubchlufr 
aber  Geschmack  und  Ktmstshm  cfer  Bevölkerung  und  seigf  nach  jeder  Ridiv* 
tong*  aoiseroTdentlicfie  Reichhaltigkeit ').  An  das  Museum  gliedert  sich  ein 
Archiv  an,  welches  eine  reiche  Auswahl  von  Urkunden  und  Handschriften 
emhälr,  (fie  für  die  poli&die,  iCdCurgeschichte  und  Volisktrade  dächsens 
natebar  tvL  machen  ^d.  Dien  Grundstock  desselben  büden  die  Jahres*' 
recfannngen  des  Rachlitrer  Amtes  seit  rsto,  dne  statüitfie  Reifte 
von  Irolianten ,  dK  durch  einen  glttckfichen  Rauf  in  Stfsitsr  des'  Vetems  ffs* 
kuiiiiuen  sind.  Im  ttbngen  hat  der  Verein  befimddrs  sein  Augimikient  anr 
die  Sammlung  scpichet  ochriAstttcke  gerit^hte^  in  denen  ti  siöi  am  G^sdfaichCCr 
Ton  Ofltem  handelt,,  die  2u  Pbrren  ocrer  zu  Rittetgtttem  gehüiigen  Ed)*- 
geridiCen  in  Lehnsverhäftufo  standen.  Da  dit  PTarr-  tmd  lUtteigttCsarchiftf 
der  RodiBttef  P^e  meist  aufiefordenttfch  dUrfkSg  sind.  So  muftte  dievedr 
diliiifteif  sorgsam  nachgesptht>  werden.  9o  enthält  das  Ardhiv^  Qultlungs«^ 
bOclset  Aber  ftüixarbeiten,  Lehns-  und  ErbgerichtssacheUi  Gimistsireidgk^ten^ 
Jaliresrechntmgen  —-  so  die  dies  Rittergutes  Rlostergerin^walde  ans  dem 
Drei&^^a&rigen  Kriege  — ,  Käufe,  Briefe  n.  a.  m.;  ferner  flndefl  wir  aiAi- 
reiclle  Innungspapiere',  Geuurtsbriefe',  Atti^ste,  Jnisst  u.  s.  W.  Eitttf'  Keine 
Ttm  An&ät2en  und  Schriften  P&us  sefgen,  dä&  schon  manche  SchSXzt  des 
ArtfoYS  gehoben  sind ,  so  z.  B.  ßiB  Säüpm  vom  äUm  HbMüter  LanS- 
^twieht ,  tf)<3ö  (Vortrag',  gehalten  im  Kgl'.  Sachs.  Aherttnnsveieih,  Sonder- 
abdnidk  aus  dem  „Rochlibeer  Tageblatt'^f  ^^  ^^  ^^  £inricfatang  hingewiesen 


i>  Sias  diMUe  Ifho   «wr  Dig  gvüKkm  Sürikmttwmkkm   rnmüf»  filjiri^. 

Seemami)  1895. 

a)  Diöcnifra  9.  dk  nodi  des  feaaiicren^  ttber  den  lohelt  der  Sama^nog  Attfichlaft 
Uban  wollen,  weisen  wir  hin  auf  den  An&ats  ttber  das  Museum  in  der  „tViasenielnlt- 
lidbea  Beilage  der   Leipsiger  Zeitung.*'  Nr.  23.  vom  22.  Febr.  1902« 

18 


I 


—    178     — 

wird,  die  mit  der  Institution  der  ,,Sapane**  in  der  Zeit  der  Okkupadoa 
äes  Sorbenlandes  durch  die  Deutschen  in  Verbindung  zu  bringen  ist  In 
den  Bildern  aus  dem  Volksleben  der  BochliixrMühveidaer  Oegend  im  XVL  und 
XVIL  Jahrhundert,  1899  (Vortrag,  gehalten  im  Ver.  f.  Sachs.  Volkskunde, 
Sonderabdruck  aus  dem  ^^Rochlitzer  Tageblatt*')  und  Mnxelheüen  aus  dem 
Gebiet  der  BoMitxer  Geschichte,  1901  (Sonderabdruck  aus  dem  ««Roch- 
litzer  Tageblatt'*),  werden  besonders  die  Forst-  und  Jagdwirtschaft,  die 
Fischerei  tmd  andere  kulturelle  und  volkswirtschaftliche  Verhältnisse  in  ihrer 
Entwicklung  seit  der  Reformationszeit  dargestellt 

Es  wäre  dem  Verein  für  Rochlitzer  Geschichte  nicht  möglich  gewesen^ 
dieses  aufserordentlich  reiche  Material  in  Archiv  und  Museum  anzuhäufen, 
wenn  er  nur  in  Sitzungen  und  durch  die  Presse  zu  Beiträgen  angefordert 
hätte.  Dr.  Pfau  hat,  besonders  in  den  ersten  Jahren,  alles  selbst  zusammen- 
getragen, die  Dachböden  durchstöbert,  die  Leute  bei  der  Arbeit  und  in  dea 
Schenken  ausgehorcht;  und  wenn  er  auch  die  liebe  Eitelkeit  der  Leute, 
ihren  Namen  als  Schenkgeber  im  Tageblatt  zu  lesen,  stark  ausgenutzt  hat> 
so  hat  er  doch  nach  und  nach  der  Bevölkerung  einen  gewissen  bistoxischea 
Sinn  eingeimpft,  der  sie  alles  Alte  zu  erhalten  heifst  und  der  dem  unermüd- 
lichen Gründer  und  Leiter  des  Vereins  gestattet,  ihre  Äcker  zu  durchwühlea 
and  ihre  Behausungen  zu  durchsuchen,  der  sie  sogar  veranlafst,  Blicke  ia 
ihr  Inneres  thun  zu  lassen,  die  eine  Fülle  von  Sitten,  Gebräuchen,  Äufse« 
rungen  des  Aberglaubens,  Sagen  u.  s.  w.  zu  Tage  treten  lassen. 

Dr.  Paul  Zinck. 

Landesgeschfchtliche  Bibliographie  ^).  —  Es  ist  bekannt,  dafk 

bei  der  ständigen  Zunahme  geschichtlicher  Arbeiten  in  Buchform  noch  mehr 
aber  wegen  der  in  Zeitschriften  erscheinenden  Aufsätze  die  periodische  Zu> 
sammenstellung  der  Titel  eine  unabweisbare  Notwendigkeit  geworden  ist  Ja 
der  That  haben  schon  seit  langem  verschiedene  Zeitschriften,  namentlich  solche, 
die  der  Geschichtsforschung  eines  gröfseren  Gebietes  dienen,  jährlich  eia- 
oder  zweimal  zusammengestellt,  was  an  Utteratur  neu  erschienen  ist  Sa 
verfährt  das  Neue  Archiv  für  Sächische  Geschichte  und  AUeriumskunde  (Dres- 
den) seit  seinem  ersten  Bande  (1880),  und  die  Zeilschrift  des  Vereins  für- 
Thüringische  Geschichte  und  Altertumskunde  (Jena)  ist  seit  dem  13.  Bande 
(1887)  mit  einer  regelmäfsigen  Übersicht  der  neuerdings  erschienenen  Litte- 
ratur  zur  Thüringischen  Geschichte  und  Altertumskunde  gefolgt  Die  An- 
nalen  des  historischen  Vereins  für  den  Niederrhein  (Köln)  gaben  ein  Verzeichnis 
der  neuen  niederrheinischen  litteratur  bisher  inmier  erst  im  zweiten  Jahr 
darauf  —  z.  B.  die  Litteratur  von  1897  im  Jahre  1899  — ,  aber  neuerdings 
ist  erfreulicher  Weise  1901  das  Verzeichnis  für  1899  und  1900  zusammen 
erschienen,  und  zweckmäfsiger  Weise  sind  immer  wichtigere  Werke  dabei  so- 
gleich kritisch  gewürdigt  worden.  Die  Badische  Geschichtslitteratur  jedes  Jahres 
wird  in  der  Zeitschrift  für  die  Geschichte  des  Oberrheins  (Karlsruhe)  immer 
im  folgenden  Jahrgange  aufgeführt  Die  Altpreufsische  Bibliographie  erscheint 
ia  gleicher  Weise  in  der  AUpreufsisehen  Monatsschrift  ')  (Königsberg) ,   und 

i)  Schon  öfter  warde   deren  grofse  Wichtigkeit  in   dieser  Zeitschrift  betont,  vgL 
L  Bd.,  S.  136,  und  II.  Bd.,  S.  17—22. 

2)  Aach  gesondert  wird  sie  aasgegeben:  ÄltpreufsUche  BihUographU  ßir  das  Jahr- 


—     179     — 

nenerdiiigs  ist  Pommern  gefolgt,  indem  die  jungen  Fwwm/etseken  Jahrbücher  ^) 
(Giei&waki)  im  zweiten  Bande  (1901}  die  geschichüiche  und  landeskundliche 
litterator  Ponmiems  für  1899  und  1900,  bearbeitet  von  H.  Runge,  bieten. 
In  anderen  ProTinzen  und  Ländern  wird  es  vielfach  ebenso  gehalten  werden, 
und  wo  es  noch  nicht  geschieht,  da  ist  die  Nachahmimg  dringend  zu  em- 
pfdikn.  Es  kann  kamn  zweifelhaft  sein,  dafs  diese  Jahresübersichten  in  den 
Zeitschiiften,  namentiich  in  der  betreffenden  Landschaft  selbst,  viel  weiterver- 
bieitiet  werden  als  die  entsprechenden  Abteilungen  der  Jahresberichte  der  Oe- 
adddUswissensehaft*),  zuoial  da  sie  meist  früher  erscheinen  und  dort  z,  T. 
schon  benutzt  werden  können.  Mancher,  der  in  die  Litteratur  einer  bestimmten 
G^end  Einblick  thun  will,  wird  lieber  10  oder  20  Jahrgänge  der  landschaft* 
heben  Zeitschrift,  die  er  so  wie  so  nachschlagen  mu&,  einsehen  als  dieselben 
Bände  der  Jahresberichte.  Letztere  können  deshalb  vielleicht  schon  unter  den 
keatigeo  Verhältnissen  —  in  Anbetracht  des  immer  wachsenden  Umfanges  (der 
Band  1899  zählt  1555  Seiten!)  wird  auf  eine  Kürzung  wohl  Bedacht  genom^ 
men  weiden  müssen  —  auf  die  Bibliographie  nach  landschaftUchen  Gesichts- 
pmikten  verzichten  und  dafür  die  sachliche  Einteilung  nach  Stoffgebieten 
weiter  ausbilden! 

Die  Jahresübersicht  ist  nur  der  erste  Schritt,  um  in  das  Chaos  der  Ver* 
öffenüichungen  einigermafsen  Ordnung  zu  bringen.  Der  Titel  einer  Arbeit 
ist  in  der  Regel  entscheidend,  und  nur  ausnahmsweise  finden  Teile  aus 
gröfseren  Werken,  die  oft  von  nicht  geringer  Bedeutung  sind,  Aufnahme  und 
Würdigung.  Deshalb  bleibt  es  eine  den  berufenen  Vertretern  der  landes-* 
geschichtlichen  Forschung,  den  Historischen  Kommissionen  sowie  Landes- 
mid  Provinzialvereinen ,  nicht  angelegentlich  genug  zu  empfehlende  Aufgabe 
zasammenfassende  landesgeschichtliche  Bibliographie  be- 
aibciten  zu  lassen.  Abgeschlossen  sind  derartige  Werke  bereits  flir  Württem- 
berg*) und  Baden  ^),  das  entsprechende,  auch  für  die  deutsche  Geschichte 
recht  wichtige  Buch  für  Belgien ,  die  Bibliographie  de  Vhistoire  de  Belgü 
que  von  H.  Pirenne  ist  1903  (Bruxelles  et  Gand)  bereits  in  zweiter 
Auflage  erschienen.  Die  KgL  Sächsische  Konunission  für  Geschichte  hat 
nenerdings  die  Bearbeitung  einer  BU>liographis  der  söchsisAen  Qeschkhte 
beschlossen  und  Viktor  Hantzsch  mit  der  Ausführung  beauftragt  Eine 
Nassaoische  Bibliographie  bearbeitet  im  Auftrage  der  Historischen  Kommission 
för  Nassau  Bibliothekar  Zedier  in  Wiesbaden.  Vielfach  verrichten  gedruckte 
Kataloge  von  Spezialbibliotheken  gute  Dienste:  so  würde  der  ICatalog  der 
Abteilung  „Geschichte  und  Landeskunde  der  Rheinprovinz'*    in   der  Kölner 


M^oo  nehst  Nachträgen  su  den  früheren  Jahren^  im  Auftrage  des  Vereins  für  die  Ge» 
Tf^fc^*"  von  Ost-'  und  Westpreufsen^  zusammengestellt  von  Walter  Reyer.  Königs- 
beiy,  F.  Bejer,  1901.  Ji  1,00.  —  Kritisch  hat  die  Litteratur  des  Jahres  1900  zur  Ge- 
scbidite  Altpreofseas  behandelt  Karl  Lohmeyer  in  der  „ Historischen  Vierteljahrschrift*', 

4,  Bd.  (1901),  S.  429—438. 
X)  VgL  n.  Bd.,  S.  118. 
3)  Vgl.  n.  Bd.,  S.  19. 

3)  Wilhelm  Heyd,  Bibliographie  der  würitembergischen  Geschickte»  2  Bde. 
StBtt^arty  Kohlhammer,  1895  und  1897.     (Die  1140  Seiten  kosten  nnr  B  J$\l) 

4)  Badische  Bibliothek.  I .  Abteilang :  Staats-  und  Rechtskunde,  2  Bde.  Karlsruhe, 
1897/98,  rasammen  432  Seiten.  2.  Abteilung:  Litteratur  der  Landes^  und  Volkskunde 
det  Grofsh.  Baden,     x.  Bd.    Karlsruhe  1901.     715  Seiten« 

18» 


—    lao   — 

Stftdtbibliodick,  <)mmb  crsttr  Band  xSf4  als  Heft  5/6  dtr  VwHitfaiMdnmgm^ 
im  ÜimiAihhaAek  tu  JCM»  enchieB«  g«t  zu  gebiaiiclieii  sein,  «eoa  die 
Sewnkmg  yoQständüger  wäie  vnd  der  eweite  Ted^  der  audi  dw  unbedb^ 
QOlvtiidige  Regster  emdialteo  soll»  bereits  TOriige.  Eine  bnuchfaste  Aibek 
dieser  Art  ftr  Schlesien  ist  die  kücdicbe  VerÖffBndicfaoag  von  Nemtwig: 
SüMaea  tn  dtrBekkegr^fiUk  Sdkttffgotath'^dwn  MatjamtMbikdhek  %u  Wanm* 
bnmm,  x.  Heft»  Leipzig»  Ha&rassovits  190t.  Manche  Ijind»rhaft  hat  be^ 
Mks  seit  Iftngeref  Zeit  eme  AbscUagsahknig  ertaaken:  so  hal  dir  Ksfeo* 
ijscbe  Kemmiasion  der  Fnninx  Sadisen  Dk  OtaehMtdqmäm  d&r  Pr^ 
wgub  A^^ffM^i»  «VI  MiMLükft  mmI  in  d^r  Räfoffa/otionsßuiU»  beaibaiet  yöm 
Wftither  Scknltse»  heransgcgebcn  (Haue  XS93K  eine  sehr  vertSenadiGlie 
Arbek»  aus  der  sich  jeder  lasdi  ttbcr  die  fikr  jeden  Ort  vorliegenden  Qneflen 
-!^  einachlieiäUch  der  in  den  Zeitachriftea  fex^Sftndiehten  "^  «ntenichtcn  kanft. 
Während  hier  (&e  Dnrstelkngea  einer  ähnibcben  Benrbeitong  harresp  stdit  dia 
IMßnltuf  der  Land»-  und  ToUuikundB  den  Kliniffrmcks  dcu^mn,  bearbeitet 
von  Paul  £mil  Richter  (Dresden,  i8&^  50S  Seiten)»  eme  Wissenschaft* 
liehe  systanatiadi  angeordnete  Bifaliogn^phie  in  handüeher  Form  dar;  aber 
so  nützlich  dieses  Werkchen  ist,  so  dient  es  doch  mehr  den  landeegeschiohk« 
liehen  Hiünrissenschaften  als  der  Landesgeschichte.  Ahnhch  ist  das  Buch 
mn.  Bachmann»  D»  landeAundlidke  LitiendMr  «ÜMr  dis  Qrofiherxogtämnr 
MtdcUnkurg  (Güitrovr  i8ft^  5ri  S.  S%  dessen  Entstehung  ditekt  auf  die 
Aniegnug  der  vom  dentschen  Geogn4)hc»feag  ig&^  eingesetslen  »tZentrail- 
komnusston  Bir  trissenschalüiche  Landeskunde  von  DetitsrWatiri"  snrttdcsa- 
AäireB  ist. 

Alte  genannten  sind  wissenschaflliciie  Arbeiten«  die  natnigernttfr  wnlatii^ 
reich  und  teuer  sind  tmd  niemals  grö&ere  Verbrcitnng  finden  werden«  Aber 
aadfcrsefts  ist  es  imveckensbar»  da&  es  nelleiefak  die  wichtigste  Angabe  ftkr 
die  Gegcttwait  ist»  die  Keantnia  der  voehandenen  geschichtKchen  litleiatui 
im  Lande  zn  verbreiten»  damit  der  etnzrine»  der  ab  Lehrer  und  Schriftitdleiv 
Natnr-  und  Ges^icfafesfteund  Blicke  in  die  Ve^angexAeit  seiner  Heimat  thnn 
xanfe  und  witt»  einen  Wegweiser  findet»  unter  dessen  Leitung  er  auch  tiefisf 
in  den  Sloflf  einsodringen  vermag«  So  vid  die  hnde^esefaichtliche  Forsdrang 
andfe  noch  Aibdt  zu  kisten  hat»  die  wissenschaftliche  Erkenntnis  ut  od- 
zweifelhaft  in  jeder  Landschaft  weaendieh  grOter  ids  die  popnfitoe  Anschanmig 
zBgeben  möchte»  da  sie  ihre  UnkcnaCma  gern  mit  dem  Voiwande  enfeKfauÜcfigt» 
man  wisse  Überhaupt  von  der  Vingangeidieit  des  Landes,  zn  wenig«  Nv  an 
der  Erscbliefsung  der  Faischungsergebniaae  für  weitere  Kreise 
fehlt  es,  und  diese  ist  das  notwendigste,  wenn  die  heimatliche  Geschichte 
wirklidti  ein  Bestandteil  der  Volksbildung  werden  solL  Mit  einem  Buche» 
welches  (Ue  eben  skivierte  Aufgabe  mit  Erfolg  für  eine  Landschaft  an  MIaeft 
soeht»  sind  wir  nenerdii^  beschenkt  worden:  es  ist  das  tm  Auftrage  des 
Karlsruher  Altertumsvereins  herausgegebene,  von  Karl  Brunn  er  bearbeitete 
Werkchen  Die  Pflege  der  Heimaigesehichie  in  Badm^  eini  WeffweiMr  fikr 
Freunde  der  badiachen  OeschicMe  (Karlsruhe,  J.  J.  Reü^  1901.  153  S.  S% 
Das  weseatfehsCe  darui  ist,  daft  nicht  eine  trockene  Bibtiograptiie,  sondern 
ein  fortlaufender  lesbarer  Text  gegeben  wird.  Es  werden  behandelt 
u  die  öffeojtEchen  Anstalten  zur  Pflege  der  Heimatsyschichte  (Rihliothekenfc 
Archive»  Museen  und  Sammtawgen)»  2«  die  Badiscfar  Hatorisdia  KonanisBiott 


—     1«!     — 

and  die  Gesdikfalmrexme  in  Bndn  laid  3«  die  Littnoitnr  xar  Badiadioi  G^ 
■chi^e  (GesMDtbidcs,  cinzeliie  Laadcsteüe,  cinzeliie  Orte,  Zekschxiftm).  Em 
Vffffirichni«  der  vidit^;sten  Tiirtftnifnr  fiiäit  aUe  tn  Texte  erwfifanten  fittohcr 
hUiognphiieh  genau  aa,  und  das  Namens  vod  Sacfarcgiater  scbHete  das 
Ganee  ah.  Wie  iriditig  und  zirtdBeiitspiecfaeQd  es  ftr  jeden  BücheAai- 
antBcr  ist»  der  Bicfat  an  dem  Sid»  einer  gräfreren  BiUiothck  wohnt« 
den  genauen  Titel  der  benötigten  Bücher  zn  kennen ,  daittber  räd 
kaum  Meinungsverschiedenheit  herrschen;  dafs  er  auch  die  verschiedenen 
BMiodiakeDy  wo  er  eventuell  Bücher  entiahen  kann,  mit  ifaiem  vollen 
Namen  y  wie  a«ch  fainsidiflich  ihrer  EiniichtiingeB  und  Benutsoagsge- 
kgediciteii,  kennen  rnuis,  wenn  er  sie  benutacn  wäl,  ist  selbsiventlfiad- 
Kcb  ^).  Wie  die  Bibliotheken,  so  werden  auch  die  Archive  und  Sanat- 
kmgen  kurz  ihrem  wesentlichen  Inhalte  nach  diarakterisiert,  aber  der 
Nachdruck  liegt  auf  dem  dritten  Abschnitt  (3.  S2*^7x),  der  in  aller  Kttree 
den  Inhalt  der  ausgewählten  Schriften  mitroteüen  sucht,  kridsche  und  cr- 
ttutemde  Bemerkungen  einfiigt  Natürlich  wird  man  mit  dem  Bearbeiter  im 
fiaiHnftn  rechten  können,  warum  er  gerade  (^ses  Buch  auffllhxt  and  jenes 
we^ä&t,  aber  gerade  die  Masse  der  Benutzer  m  und  aufeer  des  Landes  wird 
lieh  in  der  Auswahl  gern  dem  Urteil  Branners  unterordnen,  der  während 
temer  mehijmuigen  Thätigkeit  am  Gencrallandesarcfaiv  in  Kailsruhe  manche 
FkdM  seiner  Sachkenntnis  abgelegt  hat  Es  sei  hier  nur  an  die  in  dieser 
Zeitschrift,  I.  Bd.,  S.  239 — 339,  unter  dem  Titel  Fünfzig  Jahre  oburrJuM- 
mker  Qeaehiekisfarscikung  erschienene  Charakteristik  der  Z^Uaehrift  fBr  dm 
QeadndUe  des  Oberrkems  erinnert  Schon  ist,  wie  verlautet,  eine  zweite  Auf- 
lage der  ganz  trefflichen  als  Musler  für  andre  Landschaften  zu  empfehlenden 
Schrift  in  Vorbereitung  --«-  der  beste  Beweis,  dafs  sie  einem  Bedürfiiis  ent- 
gegen gekommen  ist  Befrenulen  mufs  es  daher,  wie  die  von  der  Badi- 
Bchen  Historischen  Kommission,  deren  aufserordentliches  Mitgfied  Brunner 
ist,  heimoBgegebene  Zeitschrift  fiir  die  Geschichte  des  Oberrheins  (N.  F., 
17.  Jahrg.,  S.  184 — 186)  das  Werkchen  in  ganz  ungerechtfertigter  Weise 
wegen  der  bei  einer  Auswahl  selbstverständlichen  UnvoUständigkeit  — 
Vollständiges  bietet  ja  die  oben  genannte  Badische  Bibliothek  f  •r-.  angreift. 
Die  Kritik  hat  offenbar  die  ganze  Absicht  des  Büchleins  nicht  verstanden 
oder  nicht  verstehen  wollen.  Unverständlich  bleibt  das  besonders  deshalb, 
weil  gemde  d^  Aibdten  der  Kommission  und  die  Aa6ätze  der  Zeitschrift 
es  sind,  auf  die  firunner  durch  seine  Zusammenstellung  das  Publikum  hin- 
weist Der  geringe  Umfang  des  Bändchens  ist  sein  ganz  besonderer  Vorzugs 
denn  so  schreckt  es  nicht  ab,  sondern  ermuateit  zum  Nachlesen  und  jeder, 
der  tiefer  emdringen  will,  findet  den  Weg  gebahnt  bis  zu  den  ersten  Qudlen 
gpscfatchdicher  Eikenntnis. 

Wir  kittanen  nur  wteschen,  daft  andere  LandscfaaAen  dem  Beispiele 
des  Karlsruher  Ateertumtvereins  folgen.     Wo  bereits,   wie  in  Württemberg, 


1)  I>ie,Bflcheri>eniitziiDg könnte Qoch  viel  «rleicbtert  werden,  wenn  die,  namentlich 
in  IVenisen,  alber  «nch  in  C&terreich  getroffene  Einrichtnng:  des  mswärtigen  Leihverkehrs 
der  Bibfiothehen  \y^  diese  Zeitsdirift,  H.  Bd.,  S.  164—174  und  S39— C40)  «nnächtt  io 
ill«n  deatschen  Staaten  eingeführt  und  fIbertU  atff  die  freiHdi  meist  mar  em|ifaneend«i 
BfbKollidcen  d«r  höheren  Schideo  au^defaiit  würde,  damit  sich  sdhSiefsIich  alle  öffent- 
lichen Bibliotheken  tm  Reiche  auf  diesem  Wege  gegenseitig  ei^gSnzen  könnten. 


—     182     — 

^ine  grofse  Bibliographie  vorliegt,  ist  die  Arbeit  naturgemäfi  leichter,  als 
anderwärts.  Aber  in  diesen  letzten  Fällen  würde  ein  Wegweiser  wieder  den 
Anfang,  den  ersten  Versuch  einer  systematischen  Bewältigung  der  Litteratur- 
massen  und  den  ersten  Schritt  zu  der  Bibliographie,  die  kommen  muis,  dar- 
stellen. Mögen  die  Kommissionen,  Landes-  und  ProTinzialvereine,  jeder  für 
sein  Gebiet  sich  die  Frage  vorlegen,  ob  sie  nicht  einen  ähnlichen  Wegweiser 
bald  schaffen  können  und  müssen!  A.  T. 

Familienforscllllllg.  —  In  neuerer  Zeit  hat  sich  die  Erforschung 
der  Familiengeschichte  auch  bei  bürgerlichen  Familien  eii^bürgert,  und  die 
entschiedene  Vertiefung,  welche  dieser  Forschungszweig  eiiahren  hat,  ist 
nicht  ohne  Nutzen  (Ür  viele  andere  Gebiete  geblieben:  vor  allem  die  Sozial- 
geschichte im  engeren  Sinne  kann  der  Stammbaumforschung  nicht  entraten. 
Die  technische  Seite,  wie  mit  Erfolg  eine  Ahnentafel  hergestellt  wird,  bat 
Walter  Gräbner  in  dem  Wegweiser  zur  BemUxung  der  Ahnentafel  {Göi^iiz^ 
K.  A.  Starke,  1900)  beleuchtet;  Ottokar  Lorenz  hat  in  stintm  Lehrbuch 
der  geeamien  anasenechafllichen  Genealogie  (Berlin  1898)  den  Zusammenhang 
dieser  Forschungen  mit  der  Gesamtgeschichte  hervorgehoben;  im  Oenealogiaehen 
Handbuch  bürgerlicher  Familien  1)  ist  schon  viel  Material  zusammengetragen, 
das  der  Benutzung  durch  die  Geschichtsforschung  —  namentlich  hinsichtlich 
der  Wanderung  seitens  der  Familien  —  harrt  Seit  i.  Juli  1900  besteht 
auch  eine  Zeitschrift,  die  im  besonderen  der  Familienforschung  dient:  sie  trug 
im  ersten  Jahrgang  den  Titel  Der  Wc^ppensammler,  seit  Beginn  des  zweiten 
Jahrgangs  aber  heifst  sie  Wellers  Archiv  für  Stamm'  und  Wappenkunde 
(Verlag  von  A.  Weller  in  Kahla  in  Thüringen,  monatlich  i  Heft  in  4  ^  Preis 
jährlich  4  Mk.,  bei  direkter  Zusendtmg  4,50  Mk.).  Behufs  Gründung  einer 
Organisation,  welche  dem  Familienforscher  seine  Arbeit  erleichtem  soll,  er- 
schien im  Januarheft  1902  ein  Aufruf,  von  20  Personen  unterzeichnet,  der 
hier  seinem  vollen  Wortlaute  nach  folgt,  da  er  am  besten  zeigt,  wie  die  Organi- 
sation gedacht  ist 

Es  ist  ein  erfreuliches  Zeichen  unserer  Zeit,  dafs  seit  einigen  Jahr- 
zehnten, etwa  seit  der  Wiederaufrichtung  des  Deutschen  Reiches,  in 
weiteren  Kreisen  der  Sinn  für  Familienforschung  lebendig  geworden  ist 

Von  Jahr  zu  Jahr  mehrt  sich  die  Zahl  derjenigen  Familien,  die 
Chronik  und  Stammbaum,  diese  von  altersher  bewährten  Einrichtungen 
der  Adebgeschlechter  und  festbegrUndeten  Bürgerhäuser,  nicht  mehr  ent- 
behren wollen. 

Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  den  wissenschaftlichen,  sitüichen  und 
praktischen  Wert  der  Stammkunde  zu  erörtern;  nur  auf  den  einen  be- 
deutenden Vorteil  möge  hingewiesen  werden,  dafs  die  Vernachlässigung 
des  Familienlebens,  jene  Schattenseite  des  Vereinslebens,  dessen  wir  in 
unseren  Tagen  nicht  entraten  können,  durch  das  Studium  der  Geschichte 


i)  JeUt  im  Auftrage  des  Vereins  „ Herold*',  herausgegeben  von  B.  Körner.  Die 
3  ersten  Bände,  redigiert  von  GnstavA.  Seyler,  erschien  1888  und  1889  bei  F.  Mahler 
in  Charlottenbnrg.  Seit  dem  IIL  Bande  (1894)  hat  der  Verein  „Herold"  sich  des  Werkes 
angenommen,  das  seitdem  W.  T.  Bmer  in  Berlin  verlegt.  Der  IV.  Band  ist  1896,  der 
V.  1897,  der  VL  1898,  der  VIL  1900  und  der  VIII.  1901  erschienen. 


—     183     — 

des   eigenen  Geschlechts,    tmd,    was   damit  zusammenhängt,    durch   die 
Pflege  der  Familienzusammengehörigkeit  ausgeglichen  werden  kann. 

Wer  aber  je  der  Abfassung  der  Geschichte  seiner  Familie  nähet 
getreten  ist,  der  wird,  wenn  er  bei  seinen  Nachforschungen  nicht  von 
besonderem  Glücke  begünstigt  wurde,  die  Erfahrung  gemacht  haben,  mit 
wdchen  Mühen  und  Schwierigkeiten,  oft  aus  ganz  äufserlichen  Gründet, 
solche  Arbeit  verbunden  ist.  Es  gab  Zeiten  in  der  deutschen  Geschichte, 
wo  die  Sefshalti^eit  der  Bevölkenmg  sich  verringerte,  Auswandenmg  von 
der  ursprünglichen  Heimat  in  Nachbargebiete,  besonders  nach  den  Kolonial* 
landem,  stattfand;  den  Spuren  eines  solchen  weitverstreuten  Geschlechts 
von  dem  Wohnort  des  Forschers  aus  nachzugehen,  ist,  ohne  fremde 
Hilfe  in  Anspruch  zu  nehmen,  oft  ganz  tmmöglich,  die  Einsicht  in 
die  Urkunden  der  geistlichen  und  weltlichen  Behörden,  in  die  Ge^ 
burts-,  Trauungs-  und  Sterberegister  der  P&rrämter,  in  die  Indices  der 
Archive,  in  die  Stadtbücher  und  Bürgerlisten  fremder  Ortschaften  ist 
fiir  den  Suchenden  mit  erheblichem  Zeit-  und  Kostenaufwande  verbun- 
den, wenn  ihm  nicht  von  befreundeter  Seite  das  Nachschlagen  erleichtert  wird. 
Die  Hemmnisse  bei  solcher  Nachschlagung  können  nur 
durch  einen  engen  Zusammenschlufs  der  Genealogen  ver- 
ringert werden. 

Mancher,  der  mit  der  AbEusung  der  Chronik  seiner  Familie  be- 
schäftigt ist,  findet  z.  B.  bei  Durchsicht  der  Kirchenbücher,  die  bekannt- 
lich in  früheren  Zeiten  nicht  registriert  worden  sind,  Angaben  über  Lfebens- 
verhältnisse  von  Personen,  die  einem  anderen  Forscher  von  gröfster 
Wchtigkeit  sind;  wenn  er  eine  Liste  der  Adressen  der  Interessenten  zur 
Hand  hätte,  so  könnte  er  das  sich  ihm  darbietende  Material  in  ent- 
sprechender Weise  verwerten ;  weüs  er  doch,  dafs  die  aufgewendete  Mühe 
unter  Umständen  durch  Gegenleistung  vergolten  wird. 

Um  solche  gegenseitige  Unterstützung  herbeizuführen,  haben  sich 
eine  Reihe  Forscher  zu  einer  freien  Vereinigung  zusammengeschlossen. 
Alle  Freunde  der  Familienforschung  werden  zum  Beitritt  zu  derselben 
freundlichst  eingeladen  und  gebeten,  ihre  Adresse  an  Professor  Dr.  Uur 
bescheid  in  Dresden,  Lüttichaustr.  ii,  zu  senden. 

Das  Organ  für  diese  Vereinigung  ist  WeUera  Arehio  für  Stamm- 
tmd  Wappenkunde.  In  dieser  Zeitschrift  werden  von  Zeit  zu  Zeit  die 
Namen  und  Adressen  aller  Interessenten  veröffentlicht. 

Der  Erfolg  ist  nicht  ausgeblieben.  Der  Verein  zur  Förderung  der 
Stammkunde  ist  am  i8.  Januar  1902  wirklich  gegründet  worden,  und 
bereits  160  Namen  kann  die  zweite  Mitgliederliste  aufführen.  Das  Arbeits- 
programm ist  zwar  im  einzelnen  noch  nicht  festgestdlt,  ebensowenig  Satzungen 
und  Mitgliederbeiträge,  dies  sind  aber  in  diesem  Falle  Nebendinge,  da  es  in 
erster  Linie  für  jeden  Stanmibaumforscher  darauf  ankommt,  die  Namen  und 
Adressen  von  Peraonen  an  möglichst  viel  verschiedenen  Orten  kennen  zu  lernen, 
die  ihn  bei  seinen  Arbeiten,  so  weit  sie  eben  an  einen  fremden  Ort  führen, 
onteistüteen  können.  Was  die  geographische  Verteiltmg  der  100  Mitglieder 
anlangt,  so  sind  geradezu  erstaunlich  viel  Orte  vertreten,  die  bei  weitem  meisten 
nur  mit  einem  Mitgliede,  sodais  bei  dem  giedeihlichen  Fortgang  in  dieser 
Richtung  thatsächlich  viel  geleistet  werden  kann.  '    '  ' 


—    1«4     — 

FMbch  4ai(lbfir  k«m  km  Zweifel  wabeii:  w  bahea  liier  «cgt  cLea  An- 
fang ein^r^r^MididicbeBTfaitt^^  Da^  i»]d)%»te  Ueä)t  inuaer  di^ 
fcfeiffti  die  ««^  80  einfad»  sie  dorn  Liebhaber  auerst  aucb  erscbeiae»  mag  — 
volle  Bekanntscbaft  mit  der  histoxiscben  Poischmigiiireise  Toratusetst,  damit 
weht  TxuilcbUisse  die  Eq^ebaisse  illusorisch  aarhen,  und  die  vor  aUem  die 
veiiKiuedeseii  QueDecgattuiigen  in  ihrer  Eigenart  kenoen  und  alle  Hafnoittel 
der  gescbicbtUcbcB  Wissenschaft  luitzbar  xoachen  nuift,  weoo  sie  Exfo^  sehen 
«ilL  Der  .Zufall  spielt  ia  der  Rc|;el  bei  Fesslellu^gea  dieser  Art  eine  nel 
gcricfese  Kdllei  als  es  anxertt  scheint;  gpite  Ergebnisse  sind  meist  die  Frucht 
besonders  fleissiger  systemaiiscber  Arbeit! 

Natuigemäft  erste  Voraitssetsu^g  n^uis  es  ffir  jeden  Farailienforscher  sein» 
ach  von  Vorurteilen  su  befreien  d.  h.  bestimmte  Thatsacbea  erweisen  za 
woUea,  2.  fi.  die  Herleitui^  der  eigenen  FamiUe  von  einem  berühmten  Manne 
gleichen  oder  minlichen  Naa^eas.  Es  gilt  viehaehr,  wie  bei  Tiden  Zweigen 
Icaltuigeschicbtlicber  Forschung^  schrittweise  nach  rüdcwärts  zu  gehen  und  sich 
Ton  vom  berein  klar  su  machen«  dafe  bei  bürgerlichen  Familien  eine  Rückwäits- 
verfolgung  des  Stammes  nur  ausnahmsweise  bis  ins  XVL  Jahrb.  m^lich  ist  -— 
IHt  wichtigsten  Quellen  filr  die  Stammbäume  bilden  die  Vorläufer  der  mo- 
deraemn  Standesregistei;i  die,  weil  meist  —  nicht  immer  0  —  ^^^  ^^  Kirche 
geführt,  kurz  als  ,, Kirchenbücher"  bezeichnet  werden.  Diese  Tauf-,  Trau- 
aad  Sterberegister  entsiMrecfaen  aber  6ett>st  im  XVIIL  Jahrh.  in  Bezug  auf  ihr 
Ätt&eres  nicht  den  Anforderungen,  die  man  heute  an  sie  stellt  Sie  sind  un- 
genaa  in  ihren  Angaben  nnd  ¥iei£icb  — ^  noch  ganz  abgesehen  von  dem  leidigen 
«iUkttrlichea  Wechsel  in  der  Naa»enschreibuxi^  — '  unzuverlässig,  sodais  kzitische 
Uateivucbungen  meistens  erst  die  Angaben  erhärten  müssen.  Das  aller- 
wichtigste  bleibt  die  erste  Vorfrage :  wo  li^en  gegenwärtig  die  Kirchenbücher 
ans  dem  betrefiimden  Orte,  wo  ich  meme  Ahnen  suche,  und  wie  weit  reichen 
sie  zurück?  Für  viele  Teile  Deutschlands  läfst  sich  die  Antwort  leicht  finden» 
4fian  seit  einem  J^zehnt  ist  der  Gesamtverein  der  deutschen  Geschichts- 
and  Altertumsvereine  bemüht,  ZusananensteUimgen  dieser  Art  anzuregen,  und 
das  KorrespondenzUatt  des  Gesamtvereins  hat  wiederholt  -^  zuletst  im  47.  Jahr- 
gang (rS99),  S.  s^  ^is  58  ***  mi^eteilt,  wo  entsprechende  Arbeiten  ausgeführt 
worden  sind  ').  Wie  sich  die  Kirchenbücher  benutzen  lassen,  und  wie  sie  ausge- 
beutet werden  sollten,  das  zeigt  deutlich  der  Aufsatz  von  Gmelin  in  diesen 
Blllttem,  Lßaod,  $.  157-^170:  wer  einmal  jeden  Eintrag  eines  Registers  Uest, 
sollte  immer  auch  noch  auf  andere  Di^ge  mitacbten  als  diejenigen,  die  er  un- 
mittclbar  sucht  Das  Urteil  über  die  Führung  des  Buches  im  allgemeinen 
ist  ja  stets  entscheidend,  auch  für  den  einzeben  Fall!  —  Aber  namenäidi 
fiir  die  Stftdte  kommen  neben  den  Kirchenbüchem  noch  viele  andere  Quell«! 
in  BelaMht^  die  Namen  in  Masse  enthalten:  Die  Steuerlisten  lassen  meist  au- 


l|  ia  hvpmg  «•  9*  wd  woU  die  Ts«f<  «ad  Ttw^itim  von  d«a  Pf arräniem 
fittut  worden,  Sterbeieauter  «her  nicbt;  diese  lut  vielmehr  der  Rat  in  der  Fonn  v«n 
Begribniftlisten  in  der  sogenapntea  „l<eichenschreiberei*'  geßUirt 

a)  Hier  möcbten  wir  nur  erwälmen,  daft  der  „Verein  ftr  Gesdiielite  der  Nenmeri^ 
(f.jmdihffy  ■•  W.)  I9«>  im  IX.  Hefte  aclDar  Sßkrijfikm  mit  der  Imrenteriiierang  der  m 
jdar  Keik  BfeadeaiNirg  veribaadliipea  KiffAeqhSchcr  {^tgounn  vnd  toBfielMit  die  Kreiae 
Oititembeig,  WesUtemberg,  ZfUUchan-Sdiwiebnt  and  Kromen  bebandelt  bat 


—    18b    — 

iföcb  die  Vcnaofendage  «rkeaaen,  die  Listen  neu  au^enomxaener  fiilrger  die 
Barkmift,  Mitgliederycrzrinhniasc  der  Zünfte  die  ^^ebörigkeit  su  diesen. 
Wer  »olcfaes  Matecial  benutzen  will,  nuift  zunächat  wissen»  wie  das  Archiv 
der  betreffenden  Stadt  aussieht,  ob  es  reich  ist  und  wie  weit  die  entsprechenden 
Akten  surtk:kreichen*  Auf  diesem  Gebiete  wächst  die  Litteratur  eifreulicher- 
«ebe  tä^^icb«  wird  aber  leider  viel  zu  wenig  benutz;  deshalb  ist  es  Pflicht 
des  Forschers,  aainärhsr  die  über  den  Ort,  wo  er  sucht,  vorhandene  geschicht- 
ficbc  Sonderlitteiatur  und  vor  allem  die  Register  zu  den  Urkundenbtichem  und 
Aktenwammhingen  sowie  die  zu  den  Zeitschriften  ortsgeschichtlicher  Vereine 
ansosehen.  Ganz  ähnlich  steht  es  nüt  den  jetzt  von  den  meisten  Universitäten 
vwMentlichten  Matrikeln  '),  die  in  neuester  Zeit  eine  ganz  überraschende 
Menge  Au&chlüsse  gegeben  haben. 

£s  ist  bei  Liebt  besehen  ganz  derselbe  Quellexikreis,  mit  dem  Stamm- 
IbrKher  und  OrtEgeschichtsforscher  zu  thun  hd^en,  nur  mit  dem  Unterschied, 
da&  der  erstere  oft  von  dem  einen  in  ein  anderes  Ortsgebiet  überspringen 
Mufs.  Wenn  er  ersprießlich  arbeiten  will,  wird  er  also  suchen  müssen  mit 
der  Ortsgeschichtsforschung  Fühlung  zu  gewinnen,  sei  es  mit  einer 
geeigneten  Peison  oder  mit  den  veröffentlichten  Arbeiten.  Die  Kenntnis  der 
ffir  jede  Landschaft  und  jeden  Ort  zur  Verfügung  stehenden  Hilfsmittel  ist  das 
erste,  aber  selbst  wo  sie  vorhanden  ist,  besteht  noch  inuner  die  Schwierigkeit, 
«ich  hindurchauwinden  and  von  vornherein  abzuschätzen,  welchen  Erfolg  die 
aeitraubende,  genaue  Durchsicht  einer  Quelle  haben  wird :  hier  kann  nur  die 
pers<^nliche  Erfahrung  entscheiden,  und  zur  Verhütung  von  Zeitversäumnis  ist 
es  gut,  sich  des  Rates  erfahrener  Fachleute  zu  bedienen.  Wie  bei  jeder 
anderen  geschichtlichen  Arbeit  läfst  sich  auch  hier  niemals  mit  Bestimrntheit 
vorhersagen,  ob  überhaupt  ein  greifbarer  Erfolg  erzielt  werden  kann.  Die 
Wahrscheinlichkeit  wächst  mit  dem  Umfange  des  bearbeiteten  Gebietes,  des- 
halb sollte  gerade  der  Genealog,  der  naturgemäfs  nur  wenige  für  ihn  unmittel- 
bar verwendbare  Notizen  in  umbngreichen  Akten  finden  kann,  stets  neben 
den  persönlichen  •—  eventuell  mehreren  persönlichen  -^  auch  sachliche 
Gesichtspunkte  verfolgen.  Seine  Mühe  könnte  dann  wenigstens  nie  ganz  er* 
Mglos  sein  und  seine  besondere  Arbeit  kann  nur  gewinnen,  wenn  er  allgemeine 
Eiscfaetnungen  mit  ins  Auge  fa&t  * —  z.  B.  den  Wechsel  oder  die  Beibehaltung 
desselben  Berufes  in  einer  Familie  durch  mehrere  Geschlechter  hindurch. 
Wenn  so  die  Genealogie  sich  der  örtlichen  Geschichtsforschung  nähert,  wenn 
beide  zusammenarbeiten,  dann  müssen  Ergebnisse  gewonnen  werden,  die  fUr 
beide  Teile  gleich  wichtig  sind:  wer  je  die  Stammbaumforschung  in 
Aiq;riff  genommen  hat,  der  wird  erkannt  haben,  dafs  er  die  Ortsgeschichte 
kennen  muft  und  da&  er  nur,  versehen  mit  dem  Rüstaeug  der  geschichtlichen 
Forschnngsmethode,  den  Kampf  mit  den  Aktenmassen,  besonders  der  letzten 
Jahrhunderte,  erfolgreich  aufzunehmen  vermag.  A.  T. 

KonuntaskmeB.  —  Die  Württcmbergiache  Kommission  für 
Landesgeschiehte ')  hielt  am  z.  Mai  1901  zu  Stuttgart  ihre  zehnte 
Stzng  ab.    Von  der  Korrespondenz  des  Hersage  Cbrist^b  ist  im  Dezember 


1)  VaL  ^ariSb^  ^iete  ZtiUdirift  L  Bd.,  S.  175. 

2)  VgL  n.  Bd.,  S.  t9a 


—     186     — 

1900  der  2.  Band  erschienen,  der  3.  wird  hauptsächlich  dem  Reichstage  von 
1535  gewidmet  sein,  aber  vom  4.  Bande  an  soll  die  Veröffentlichung  weniger 
ausfuhrlich  gehalten  werden.  —  Der  i.  Band  des  Heilbranner  ürkundm^ 
buches,  bearbeitet  von  £.  Knupfer,  war  im  Druck  bis  zum  28.  Bogen  vor- 
geschritten, den  2.  Band  wird  die  Stadtgemeinde  durch  Dr.  v.  Rauch  be- 
arbeiten lassen.  —  Von  den  Geschichtlichen  Liedern  und  Sprüchen  Württem- 
bergs ist  das  2.  Heft  (Nr.  42 — 66),  Herzog  Ulrich  und  seiner  Zeit  gewidmet, 
fertiggestellt;  dem  Herausgeber  Prof.  Steiff  tritt  nunmehr  Dr.  M  eh  ring 
als  Helfer  zur  Seite.  —  Von  der  Geschichte  der  Beh/frdenorganiscUion  in 
Württemberg  hat  Archivassessor  Winterlin  einen  i.  Band,  der  bis  zum 
Dreifsigjährigen  Kriege  flihrt,  druckfertig  gestellt;  Privatdozent  K a s e r  (Wien) 
wurde  auf  seinen  Wunsch  seines  Auftrags,  die  Akten  des  Schwäbischen 
Bundes  zu  bearbeiten,  enthoben.  —  Die  Inventarisation  der  kleberen  Archive 
•ist  unter  Oberleitung  der  fünf  Kreispfleger  wieder  wesentlich  fortgeschritten: 
aufser  den  zehn  bereits  im  Vorjahre  als  vollendet  genannten  Bezirken  sind 
jetzt  auch  in  den  Bezirken  Marbach,  Maulbronn  und  Vaihingen  die  Arbeiten 
beendet.  Selbstverständlich  findet  sich  auch  in  den  als  erledigt  bezeich- 
neten Bezirken  noch  immer  neue  Arbeit :  so  wurden  im  Stadtarchiv  zu  Wangen 
nachträglich  noch  2000  Urkunden  aufgefunden,  die  sofort  inventarisiert 
•wurden. 

Ausgeschieden  sind  aus  der  Kommission  durch  Tod  Bibtiotheksdirektor 
V.  Wintterlin  und  Prof.  v.  Heinemann,  zurückgetreten  ist  nach  dem 
Rücktritte  vom  Amte  des  Archivdirektors  v.  Schlossberge r.  Die  Geschäfts- 
führung übernimmt  für  weitere  5  Jahre  v.  Hartman n.  Die  Einnahmen 
und  Ausgaben  halten  sich  mit  11574  Mk.  das  Gleichgewicht. 


Die  Historische  Kommission  bei  der  k gl.  Bayerischen  Aka- 
demie der  Wissenschaften^)  hielt  Ende  Mai  1901  ihre  42.  Plenar- 
versammlung  ab.  Für  alle  Arbeiten  konnten  erfreuliche  Fortschritte  verzeichnet 
werden,  neu  ausgegeben  wurden  Meyer  von  Knonau,  Jahrbücher  des 
deutschen  Reiches  unter  Heinrich  IV.  und  V.,  3.  Bd.  (1077  — 1084),  DetUsche 
Jteichstagsakten ,  jüngere  Reihe  3.  Bd.  und  ältere  Reihe  12.  Band  sowie 
Allgemeine  deutsche  Biographie,  46.  Bd.,  Lieferung  i — 3.  Der  neue  für 
die  jüngere  Reihe  der  Witteisbacher  Korrespondenz  von  M.  Ritter  aufgestellte 
Arbeitsplan  wurde  durchberaten  und  angenommen,  die  Arbeit  Privatdozent 
Götz  übertragen,  zunächst  wird  die  Zeit  von  1623  bis  1629  in  Angriff  ge- 
nommen. 

Als  neue  ordentliche  Mitglieder  wurden  Prof.  Dove  (Freiburg  i.  B.), 
Prof.  Grauert  (München)  und  Archivdirektor  Winter  (Wien)  gewählt 


Die  20.  Plenarversammlnng  der  Badischen  Historischen  Kom- 
mission') fand  Mitte  November  1901  in  Karlsruhe  statt  Neu  ausgegeben 
wurden  im    Berichtsjahre  folgende  Veröffentiichungen :   als  Neujahrsblatt  für 


i)  Ober  die  41.  PleaaiTersammlimg  rgL  diese  Zeitschrift  IL  Bd.,  S.  19b  bis  191. 
2)  VgL  IL  Bd.,  S,  237. 


—     187     — 

I90I  P.  Albert,  Baden  zwüehen  Neckar  und  Main  in  den  Jahren  1803 
bi$  1806,  Tom  Oberbadiaeken  Gesehkehterbueh  erschien  die  3.  Liefening  des 
a.  Bds.,  Ton  der  Polüieehen  Korrespondenz  Karl  Friedrichs  von  Baden  der 
5.  Bd.,  TOn  den  Regesten  der  Markgrafen  von  Baden  und  Hachberg  die  ersten 
beiden  liefenmgen  des  2.  Bds.,  von  den  Begesten  der  Bisehöfe  von  Konstanz 
die  4.  Liefening  des  2.  Bds.  Alle  anderen  Untemehmiingen  haben  erfreu- 
ficfae  Fortschritte  gemacht;  Erwähnung  verdient  vor  allem,  dafs  bereits  im 
knfenden  Jahre  der  Druck  der  3.  Auflage  des  Topographischen  Wörterbuchs 
des  Oroftherxogtums  Baden  beginnen  wird ;  das  ganze  Werk  im  Umfang  von 
So  Bogen  soll  in  4  Halbbänden  1903  und  1904  erscheinen.  Von  allgemeinem 
Interesse  für  den  Archivar  und  Quellenherausgeber  ist  der  als  Beilage  ge- 
druckte ausführliche  Bericht  von  H.  Witte  (Hagenau)  über  die  Arbeit  an  den 
Regesten  der  Markgrafen  von  Baden  und  Hachberg:  Die  neuerdings  ge- 
schaffenen Erleichterungen  in  der  Archivbenutzung  treten 
darin  recht  deutlich  hervor.  —  Als  Vorstand  der  Kommission  wurde 
für  5  Jahre  Prof.  Dove  (Freiburg)  gewählt,  als  aufserordentliches  Mitglied 
Friedrich  Walter  (Mannheim). 


Am  14.  Dezember  1901  hielt  in  Leipzig  die  Königlich  Sächsische 
Kommission  für  Geschichte^)  ihre  6.  Jahresversammlung  ab.  Die 
groise  Zahl  der  Unternehmungen  ist  im  Berichtsjahre  sehr  gefördert  worden, 
es  steht  die  Ablieferung  druckfertiger  Manuskripte  und  die  Vollendung  des 
Druckes  mehrer  Veröffentlichungen  im  Jahre  1902  bestimmt  in  Aussicht, 
aber  ausgegeben  worden  ist  im  Jahre  1901  nichts.  Neu  beschlossen  wurden 
folgende  Unternehmungen:  Bearbeitung  einer  Bibliographie  der  säcfisischen 
QesMehie,  welche  Viktor  Hantzsch  ausführen  wird,  eine  Ausgabe  von 
Luthers  Tischreden  nach  einer  Leipziger  Handschrift  des  Mathesius  wird 
Bibliodiekar  Kroker  besorgen,  die  Bearbeitung  der  Ständeakten  hat 
Woldemar  Görlitz  übernommen.  Über  die  Anlage  des  historischen 
Ortsverzeichnisses  hat  Beschorner  eine  ausführliche  Denkschrift  ein- 
gereicht, die  vor  allem  Verzeichnung  der  Flurnamen  imd  der  Wüstungen  als 
Vorarbeiten  fordert.  Behufs  näherer  Prüfung  dieser  Fragen  und  zur  Fördenmg 
der  übrigen  historisch-geographischen  Untemehmimgen  wurde  ein  besonderer 
Ausschuis  eingesetzt 

Zum  Stellvertreter  des  geschäftsführenden  Mitglieds  der  Kommission  wurde 
Prof.  Seeliger  gewählt     Die  Zahl  der  Subskribenten  beträgt  227. 

Personalien.  —  Am  28.  Nov.  1901  starb  in  Erlangen,  84  Jahre 
ah,  der  bekannte  Deutschrechtler  und  Rechtshistoriker  Professor  Dr.  Gott- 
fried Heinrich  Gengier«  Geboren  am  27.  Juli  181 7  in  Bamberg,  habili- 
tierte er  sich  im  Okt  1843  ^^  ^^^  Universität  Erlangen,  wurde  1847  aufser- 
ordendicher  und  am  18.  Okt  1851  ordentlicher  Professor  der  Rechte  an 
dieser  Hochschule,  der  er  somit,  ein  seltener  Fall,  allein  als  Ordinarius 
^tobig  Jahre  angehört  hat  Nachdem  er  seine  litterarische  Thätigkeit  mit 
einer  Arbeit  aus  dem  Strafrecht  begonnen  hatte,   wandte  er  sich  sehr  bald 


t)  Vgl.  IL  Bd.,  S.  236. 


—     1«Ö     — 

deutscbrechtlichen  Foiscbnngoi  m.  .  Die  «r^fee  gFäftcve  Arbeit  auf  dieeei:! 
Gebiete  waren  «eine  ßeuUekm  SbaditrechU  4e$  MMeMier^,  teü»  vemmvhmti, 
kÜ8  wUsiänddg,  oder  in  lYabeaumUgm,  Erlajigeo  1S51,  vnd  neben  der 
deutscbm  Rechtsgeschicbte  überhaupt,  hat  er  dieees  Forschui^;^biet  bis 
2U  seixiem  Lebensende  mit  befionderer  Vorliebe  uad  onenaüdUchem  fkifiie 
gepflegt  Dabin  gehören  «.  a.  seise  Arbeiten:  Das  Eofreckt  äee  Bischofs 
Burishord  von  Worms,  Erlaagen  1S59.  *—  H^  Jeneae  SyMMs  und  srime 
Bedeuhing  für  die  dnäsehs  BeohUguckkhU ,  Erlange  i^to.  —  Osdam 
iuris  munidpaUs  Qermomiays  fMdm  aaisi,  Se§ieskn  %md  Urkunden  xstr 
Vtrfassungs'  und  BeckisgeaMchts  der  deutschen  StädU  im  MiUdaUer,  Er- 
langen ZS63  bis  1867.  —  Qermomsdke  Seehiedenhmäier,  l£ges,  cqpdtularim, 
formulae.  Erlangen  1875,  ^  Buch«  welches  Atiaxlige,  Proben  asit  Ein- 
leitung  und  Konunentar  eiühaltead,  als  Hilfsmittel  bdm  akAdemischen  Unter- 
richt dienen  sollte.  Weiter  Ein  Blick  auf  das  Beektslebm  Bayerns,  Erlaageo 
1880.  Daan  das  Resultat  eines  immensen  Fleifees  und  einer  ganz  erstaim- 
liehen  Einzelforschung:  Deutsche  Stadireehts-AÜerlUmer^  Edangen  1882,  das 
er  der  Würzburger  Universität  zu  ihrem  Jubiläian  widmete.  —  Beiträge  %mr 
Bechtsgeschichte  Bayerns,  i.  bis  4.  Heft,  Erlangen  1889  bis  94.  —  Die  Quellen 
des  Stadtreehts  von  Begensburg  aus  dem  13.  bis  15,  Jahrh.,  Leipzig  i893. 
Ans  den  vielen  kleineren  Arbeiten  verdienen  «a  dieser  Stdk  noch 
hervorgehoben  zu  werden:  Über  den  Einfiufi  des  Christentums  auf  deuf 
aUgermamsehe  Bechtsleben,  Erlangen  1854«  —  BeehtsaUertümer  im  Nibelungen^ 
Uede  in  2^chr.  L  deutsche  Kulturgeschidite,  1858,  S.  191  ff.  —  Über  Seel- 
bäder  ebendas.  N.  F.  (1873),  S.  571  ff.  Mag  auch  die  Kritik  mancbas 
an  seiner  Methode  tadeln,  hin  und  wieder  nicht  ohne  Grund  das  abschlieisende 
Urteil  vermissen,  so  hat  er  doch  in  seinai  Arbeiten  eine  solche  Fttile 
historischen  Materials  zusammengebracht,  dais  man  lange  davon  zehren  und 
sein  Name  stets  in  Ehren  bleiben  wird.  Ein  echter  deutscher  Professor 
alten  Schlages,  der  ohne  Neigung  viel  in  die  Öffenüichkeit  za  treten,  voo 
üsist  übergFofser  Bescheidenheit  nie  nach  äufseren  Erfolgen  strebte  und  nichts 
Höheres  kanitte  als  die  Arbeit,  koimte  er  sich  sdbst  nie  genug  thun.  Die 
ktzte  Au%abe,  die  er  sich  stellte,  wir  eine  alphabetisch  geordnete  Geschichte 
und  Darstellung  der  mittelalterlichen  Rechtsquelkn  aller  deutschen  Städte 
von  der  grö&ten  bis  zur  kleinsten.  Es  ist  ihm  verg&mt  gewesen,  nach 
zehnjähriger,  ununterbrochener  Arbeit  das  grofse  Weik,  das  demnächst  er- 
acheinen  sollt  drei  Wochen  vor  seinem  Tode  zu  voHenden.  Seine  vielleicht 
einzig  dastehende,  mit  grosser  Liebe  gesammelte  Bibliothek  zur  deutschen 
Stadtgeschichte  hat  er  der  Erlanger  Universität  vermacht. 


Genau  acht  Tage  nach  Gei^ler  starb  im  88.  Lebcaisjahre  am  5.  Det. 
190Z  der  Nestor  der  Erlaz^er  Universität  und  zugleich  der  Nestor  der 
deutschen  Geschichtsforscher  Karl  von  H^el.  Geboren  am  7.  Jimi  sScs 
zu  Nürnberg  als  Sohn  des  Philosophen  Hegel,  des  damaligen  ^rmnaaiai- 
rektorst  wurde  er  nach  Beendigung  aeiner  Studien  und  einem  läQfevm 
Aufenthalte  in  Italien  im  Herbst  1840  Hilfslehrer  am  Kälnischen  Gymnaaiu«! 
in  Berlin.  Wenn  er  schon  im  Mai  1841  als  aufserordentUcher  Professor 
der  Geschichte  nach  Rostock  berufen  wurde,  so  verdankte  er  dies  wohl  dem 


—     189    — 

{Mb  ESüAHtk  ttehierer  RestcnsioDeti  über  hjatorifiehe  Werke,  deiBi  ft«6ef 
HiMr  DIaseitatioa  Über  Aristotete»  und  4tt  iietieD  Ausgabe  der  OescMilite*' 
piiüioptik  sdnes  Vater»  war  er  Ititeimflch  ttoch  nicht  hefvorgetretea,  laid 
cm  im  JuSbn  1847  ^i^^Meii  sein  erstes  grMseres  Werk,  dm  dam  filr  die 
gwamtw  KdMiig  seiner  Arbeiten  gittnAcgend  irtirtifr,  seme  (f^eMMe  d$t 
aMtemrfamm^f  ^  RaUm.  Sem  ReMftat  —  so  bestunsite  er  es  selbst 
kl  eisen  Briefe  an  seineii  Bruder  ^^  «ydafi^  da»  itaUeinscbe  Wesen  Ib  des 
SMiÜachen  Rejpubliken  auf  reis  gefttaflischea  GnindlAgeii  mit  sebwaeher 
nMuBg  rOmiscber  TraditkiBett  berufae*\  bedeutete  eug^eitb  einen  siegrekheti 
AagtüT  Auf  Sa^^f  itfid  seuie  Scbule.  Im  Jalbre  1848  eum  ordeeillidMl 
Professor  ernannt,  entfaltete  er  in  diesefti  und  deai  fo^endea  Jabfe  all 
RartiMU'iii  der  m  Schfreriü  erscheineadea  Meddeabufgiseben  ZeitOAg,  wenn 
anek  mal  Uekiem  Gebiete,  eine  nicht  uabedeateade  politische  Thätigkeit, 
dk  ihm  aach  einen  Sits  fan  Sifkner  Parkmeat  voa  1850  etatiug.  Die 
Seiilderiing  dieser  Zeit  gehört  zu  dem  Aarieheadsten  in  seiner  uater  dem 
TM  SaH  Bd§el,  Leben  und  EMfmenmgen,  r^oo  (Leipidg',  S.  Htrsd)  heraus^* 
gdmmtneaen  Selbstbiographie.  Im  Jahre  1856  flihfte  ihn  em  Ruf  an  die 
Briaager  Hochschule  ia  die  fränkische  Keimat  zurück,  und  hier  entstaad 
ikii^riiif,'!'  Werk,  ia  welchem  er  der  deatschea  Wissenschaft  und  sich  selbst 
ein  aoaumentsm  aere  pereaaius  gesetzt  hat,  die  im  Auftrage  der  Münchner 
bfeüoriscbea  Rommissioa  uutemommeae  Herausgabe  der  Ghromhen  der 
Aüteksr»  Slädie,  die  von  x86i  bis  1899  teils  von  ihm  selbst,  tedstoa  durch 
ihn  gewfthken  Mitarbeitern  bearbeitet,  ia  27  B&ndea  erschienen.  Die  damit 
gegebene  Kleiaforschung  entsprach  so  recht  seiner  Eigenart,  aber  dafs  er  da* 
neben  die  grolsen  und  angemeinen  Gesichtspunkte  nicht  aufser  acht  fieis, 
zeigte,  um  voa  aaderem  abzusehen,  sein  gro6eS  Werk  IXSdie  und  OHden  der 
ggrmämaeken  VSlker  im  MUMaUer,  s  Bde.,  Leipzig  189 1,  womit  der  7 8 jährige 
dfe  gelehrte  Wek  flberraschlt  und  zum  Teil  auf  ganz  neuen  Grundlagen  you 
Dcnem  der  historischen  Rechtsscfaule  den  Fehdehandschuh  hinwarf.  Und 
^eben  Jahre  später  faütt  er  seine  Resukate  nodi  einnud  in  der  knappsten 
Form,  die  ia  aicfats  an  das  Greisenaher  des  Verfasseis  erimieit,  zusammen 
in  seinem  kleinen  Boche:  Über  BHU/t€kumf  des  deutenhen  Siädtewe^ens  1898. 
Seine  Geisteafrische  hatte  etwas  geradezu  Phänomenales.  Mit  dem  lebhaftesten 
loleresse  beteSigte  er  sich  bis  zuletzt  an  den  Sitzungen  und  Verhandlungeu 
der  historischen  Rommission,  der  ElomtBissioa  der  Momunenta  Germaniae 
hisfeorica,  des  Vözstandes  des  gemtaaischea  Natiom^museums.  In  einem  Alter, 
in  dem  sonst  selbst  bei  den  Herrorragendsten  das  allgemeine  Interesse 
sdMrindet,  schien  es  bei  ihm  immer  mehr  zu  wachsen,  konnte  er  sich 
neues  Pre4>lemett  und  P^en  zuwenden.  Nbch  einige  Wochen  vor  seinem 
Tode  besprach  er  mit  dem  Unterzeichneten  den  Ran,  neue  archivifsche 
FMachuagen  Über  die  Geschichte  der  katserüdien  Pfalz  in  Forchheim  zu 
unternehmen.  ISa  sauftet  Tod  ohne  eigentKche  Krankheit  endete  dieses 
hannomsche  Gelehrtealebea.  Ha  Verzeichnis  seiner  Schriften  findet  sich 
in  aaner  oben  erwähnten  Selbstbiographie. 

Klangen.  Th.  Rolde. 

Als  Nachfeier  Varreatrapps  wurde  der  Beriiaer  Privatdozenl^  Archivar 
und  Herausgeber  der  Hkt&riaokm  ThHedtrifl  Friedrich  Meinecke  ab 


—     190     — 

ordentlicher  Prof.  der  Geschichte  nach  Strafsburg  berufen;  gleichzeitig  wurde 
der  aufserordentliche  Prof.  in  Bonn  Martin  Spahn  ebenfalls  in  StralsbuT]g 
zum  Ordinarius  ernannt.  Der  Breslauer  ProL  Alois  Schulte  scheidet  aus 
seinem  Amte  aus,  um  als  erster  Sekretär  des  preuisischen  historischen  Instituts 
nach  Rom  zu  gehen.  In  Königsberg  legte  Prof.  Hans  Prutz  wegen  eines 
schweren  Augenleidens  sein  Lehramt  nieder.  Ziun  ordentlichen  Prof.  der 
Kunstgeschichte  in  Bonn  wurde  der  bisher  als  Ordinarius  an  der  Kunstakademie 
zu  Düsseldorf  thätige  Prof.  Paul  Giemen  ernannt  In  BerUn  habib'tierte  sich 
für  Geschichte  W.  v.  Sommerfeld.  Der  Archivar  am  Grofsh.  Haus-  und 
Staatsarchiv  zu  Darmstadt  Dr.  Dieterich  ist  aus  dem  Lehrkörper  der  Uni- 
versität Giefsen  endgiltig  ausgeschieden. 

Es  starben:  am  30.  Juni  1901  der  auf  dem  Gebiete  der  vorgeschicht* 
liehen  Forschung  in  Schw2Ü)en  vielfach  thätige  Major  Freiherr  von  Tröltsch; 
am  II.  August  der  frühere  Prof.  der  Geschichte  in  München,  einst  Mit- 
glied des  Frankfurter  Parlaments,  Nepomuk  Sepp,  85  Jahre  alt;  am 
14.  August  der  Nürnberger  Kreisarchivar  Alfred  Bauch,  40  Jahre  alt; 
am  30.  August  der  Augsburger  Stadtarchivar  Adolf  Bu ff,  63  Jahre  alt; 
am  9.  Sept  der  Prof.  der  Geographie  und  Völkerkunde  in  Wien  Wilhelm 
Tomaschek,  60  Jahre  alt;  am  13.  Okt.  der  für  die  Geschichtsforschung 
der  Ostseeprovinzen  thätige  Anton  Buchholtz,  53  Jahre  -alt  in  Riga ;  am 
20.  Okt.  der  Herausgeber  der  Hessischen  Kunsidenkmäler  Bickell,  61  Jahre 
alt  in  Marburg ;  am  1 5 .  Nov.  der  Münchner  Kreisarchivar  EberhardZirn- 
giebl,  70  Jahre  alt;  am  21.  Nov.  der  um  die  Grundkartenherstellung  ver- 
diente AdolfBrecher,  65  Jahre  alt  in  BerUn;  am  23.  Nov.  der  Provinzial- 
konservator  für  Brandenburg  Gustav  Bluth,  72  Jahre  alt;  am  2.  Dez.  der 
Direktor  der  Hamburger  Stadtbibliothek  Franz  Rudolf  Eyssenhardt, 
63  Jahre  alt;  am  15.  Dtz,  Oberkonsistorialrat  Gerhard  Uhlhorn,  seit 
1884  Präsident  des  Historischen  Vereins  für  Niedersachsen,  75  Jahre  alt; 
am  29.  Dez.  der  Freiburger  Kirchenhistoriker  Franz  Xaver  Kraus, 
61  Jahre  alt  in  San  Remo;  am  17.  Januar  1902  der  Berliner  Prof.  der 
Geschichte  Paul  Scheffer-Boichorst,  59  Jahre  alt;  am  23.  Februar 
der  frühere  Wiener  Prof.  der  Geschichte  MaxBüdinger,  73  Jahre  alt. 

Im  Bereiche  der  Kgl.  Preufsischen  Staatsarchive  wurde  Archivar  v.  Peters- 
dorff  von  Koblenz  nach  Stettin,  Archivrat  Winter  von  Stettin  nach  Osna- 
brück, Archivassistent  Spangen berg  von  Berlin  räch  Münster,  Archiv- 
assistent  Löwe  von  Hannover  an  das  Geh.  Staatsarchiv  in  Berlin  versetzt. 
Geh.  Archivrat  J.  Grofsmaun,  Kgl.  Preufsischer  Hausarchivar,  trat  in  den 
Ruhestand,  sein  Nachfolger  wurde  Archivrat  Prof.  Bern  er.  Die  Archiv- 
assisteuten V.  Domarus  und  Sc  häuf  s  in  Wiesbaden  wurden  zu  Archivaren 
ernannt.  —  An  Stelle  des  nach  Elberfeld  übergesiedelten  Prof.  Bü bring  ist 
die  Verwaltung  des  Regierungsarchivs  in  Arnstadt  Dr.  Herthum  übertragen 
worden.  —  In  Bayern  wurde  der  Reichsarchivsekretär  Franz  Löher  zum 
Kreisarchivar  in  München  (ab  Nachfolger  Zimgiebls),  der  Kreisarchivsekretär 
in  Würzburg  Heinrich  Sommerrock  (als  Nachfolger  Jörgs)  zum  ELreis- 
archivar  in  Landshut,  Dr.  Knapp  zum  Kreisarchivar  in  Nürnberg  ernannt. 

Zum  Bibliothekar  an  der  Universitätsbibliothek  in  Tübingen  wurde  P&rrer 
Dr.  Grabmann,  zum  Vorstand  der  Murhardschen  Bibliothek  in  Kassel  der 
Jenaer    Universitätsbibliothekar  Steinhausen   ernannt     Die  Direktion   der 


—     191     — 

Kiiser-Wilhehn-Bibliothek  in  Posen  hat  der  bisherige  Greifiswalder  Oberbiblio- 
th^ar  R.  Focke  übernommen;  zum  Direktor  der  Stadtbibliothek  in  Ham- 
bmg  wurde  R.  M  ü  n  z  e  1 ,  Oberbibliothekar  an  der  Berliner  Universitätsbibliothek, 
berufen. 

Als  Nachfolger  des  Geh.  Oberregierungsrates  Persius  wurde  Hans 
Lutsch  unter  Ernennung  zum  Geh.  Regierungsrat  zum  Konservator  der  Kimst- 
denkmaler  in  Preußen  berufen.  Als  Lutschs  Nachfolger  wurde  zum  Provinzial- 
kooservator  fUr  Schlesien  Regierungsbaumeister  Burgemeister  bestellt.  In 
Brandenburg  übernahm  das  Amt  des  Provinzialkonservators  Landbauinspektor 
Büttner.  Der  Direktor  der  Ktmstsanmüungen  auf  der  Feste  Koburg  Dr. 
Koetschau  wiurde  als  Direktor  des  Kgl.  Historischen  Museums  und  der 
Gewehr-Galerie  nach  Dresden  berufen.  Sein  Nachfolger  in  Koburg  wurde 
Major  a.  D.  J.  Lofsnitzer. 

Eingegangene  Bficher. 

Lindner,  Theodor:  Geschichtsphilosophie,  Einleitung  zu  einer  Welt- 
geschichte seit  der  Völkerwanderung.  Stut^art,  J.  G.  Cottasche  Buch- 
handlung, 1901.     206  S.    8^.     M.  4. 

Muller,  R.:  Übersicht  der  Grenzen  im  Saargebiet  in  den  Jahren  1790, 
18x4  und  18 15,  Karte  bearbeitet  nach  der  von  W.  Fabricius  (Geschicht- 
licher Adas  der  Rheinprovinz).  Text,  S.  435 — 446.  [Anlage  zu  Mit- 
teilungen des  Historischen  Vereins  für  die  Saargegend,  Heft  8.  Saar- 
brücken, Schmidtke,   1901.] 

Nentwig,  Heinrich:  Silesiaca  in  der  Reicbsgräflich  Schafigotsch'schen 
Majoratsbibliothek  zu  Warmbrunn,  i.  Heft.  Leipzig,  O.  Harrassowitz, 
1901.     232  S.    8<>. 

Oidtmann,  Heinrich:  Im  Zeichen  des  heiligen  Sebastianus.  [Sonderabdruck 
aus  der  Linnicher  Zeitung,  Januar  bis  Juli  1901.] 

Otto ,  F. :  Das  Necrologium  des  Klosters  Clarenthal  bei  Wiesbaden.  [=  Ver- 
öffentlichungen der  Historischen  Kommission  für  Nassau  III.]  Wiesbaden, 
J.  F.  Bergmann,   1901.     120  S.    8^     M.  3. 

Overmann,  A. :  Die  Stadtrechte  der  Grafschaft  Mark  i:  Lippstadt. 
[=  Veröffentlichungen  der  Historischen  Kommission  ftir  Westfalen. 
Rechtsquellen.  Westfälische  Stadtrechte  L]  Münster  i.  W.,  Aschen- 
dorff*,   1901.     147  S.    8®.     M.  6. 

Pallas,  K.:  Geschichte  der  Stadt  Herzberg  im  Schweinitzer  Kreise.  Herz- 
berg (Elster),  Selbstverlag  des  Verfassers,  1901,  erste  und  zweite 
Lieferung,  je  50  Pfennige.     96  S.    8^. 

Pirenne,  Henri:  Les  comtes  de  la  hanse  de  Saint-Omer.  [=  Bulletin 
de  Tacademie  royale  de  Belgique  nr.  6  (1899),  S.  525 — 528.] 

Raab,  C.  von:  Die  von  Kauffungen,  eine  historisch-genealogische  Studie. 
[=  70.  und  71.  Jahresbericht  des  Vogtländischen  Altertumsforschenden 
Vereins  zu  Hohenleuben,   1901,  S.   1  —  75.] 

Redlich,  Otto:  Register  zu  Band  I  bis  XXX  der  Zeitschrift  des  Bergischen 
Geschichtsvereins.     Elberfeld,  B.  Hartmann,  1900.     576  S.    8®. 

Roch  oll,  Heinrich:  Anna  Alexandria,  Herrin  zu  Rappoltstein ,  eine  evan- 
gelische Edelfrau  aus   der  Zeit  der  Reformation  im  Elsafs.    [=  Schriften 


—     19^2     — 

ftr  das   deutsche  VaDt,    herausgegeben  Tom  Verein  für 

geschichte  XXXVT.]    Halle  a.  S.,  Rfeöc  Nicmeyer,  1900.     48  S.    id*. 

Rnnge,  H.r  Geschfcirtfiche  and  landeskmidliefte  Litterator  Poonnerm  1^9^ 
imd  1900.    [«=■  Pommersche  Jahrbücher  2.  Bd.  (1901).    S.  176 — r8j.J 

Schncir,  Gtto:  Salzbuig^Ftihrer,  Geschichte  nöd  BfeschreKmng  der  alten 
Raiserpfife  &lzbnrg  a.  d  Mck.  Saale.  5.  feiaiehrte  Anfl.  StaheP^te 
Veriags- Anstalt  in  Wülrzfmrg,  1900.     toS  Sr.    W     M.  t. 


■»»%^^^^i»^»*^IM<^^W*^^*^^»^ 


Berichtigungen 

Unter  den  Personalien  S.  30  und  31  ist  fölschHch  S.  30,  Z.  4  t.  u. 
Arthur  Haseloff  als  Privatdozent  der  Geschichte ao%eftlhrt^  er  hat  sich 
vielmehr  fiir  Kunstgeschichte  habilitiert  S.  31,  Z.  13.  v.  u.  ist  statt  RudolC 
Scheidt  zu  lesen  Rudolf  Schmidt,  und  der  Name  des  Assistenten  am 
Germanischen  Museiun  ist  Fritz  Traugott  Schulz;  der  Zuname  war  irrtümlich 
ganz  weggeblieben. 

In  dem  Nekrolog,  für  Edmund  Jörg  S.  95  ist  angegeben,  er  habe 
1900  eine  Neubearbeitung  seines  1851  erschienenen  Buches  über  den 
Bauernkrieg  15,22  bis  1526  veröffeodicht  Die  auch  anderweitig  zu  findende 
Angabe  ist  falsch,  eine  Neubearbeitung  ist  nicht  erfolgt  Zurückzuführen  ist 
sie  auf  einen  sehr  ausführlichen  und  offenbar  von  sonst  gut  unterrichteter  Seite 
ver^ten  Nekrolog,  in  der  Augsburger  PosUeütmg  Nr.  264  vom  20.  Nov. 
1901.  Die  Redaktion. 


In  meinem  im  Februarkefb  verOffentEditen  Aufsatze  Zur  Oeschiehte  der 
landesgesekuJUl^ohen  Forschung  in  Lothnngen  entspricht  die  Darstellung  der 
Entstehung  der  Kommission  S.  126  nicht  ganz  dem  thatsächlichen  Hergang 
in.  seinen  Einzelzügen.  Der  Irrtum  entsprang  der  Nichtbeachtung  einer  in^ 
Jahrbuch  IV »  unter  den  Sitzungsberichten  veröffentlichten  Notiz.  Demnach 
wies  Acchivdirektor  Wolfram  schon  im  Sept  1892  ia  einem  Vortrage  über 
die  Oesta  episcoporum  Metensiumi  darauf  hia«  dafe^  es  Aufgabe  der  Gesellschaft 
sein  werde»  die  lokalgeschichtlichen  Quellen  herauszugeben.  Der  Plan  wurde 
im  Vorstande  erwogen  imd  fand'  durch  den  damaligen  Vorsitzenden  Freiherm 
V.  Hammerstein  eifrige  Förderung.  Ein  of&zieUer  Antrag  auf  Bewilligung 
von  Mitteln  wurde  im  Okt  1895  an  das  Ministerium  gestellt  lo  demselben 
Winter  erfolgte  dann  von  Straükbuig  aus  (v^.  Jarhrbuch  VII t,  S.  212)  der 
Antrag«  eine  Kommission  zur  Herausgabe  e  1  s  a  f  s- 1  o  t  h  r  i  n  gis  eher  Geschichts«^ 
quellen  zu  begründen.  Die  Gesellschaft  für  lothringische  Geschichte  trat  diesem 
Plane  bei.  Als  aber  die  Mittel  für  diese  Kommission  abgelehnt  waren,  nahm 
die  Geaellsehafb  ihren  i^ten  Plan  wieder  auf  und  erhielt  auch  vom,  Ministeriuni- 
undLandesausschuis  die  nötigen  Mittel  zur  Herausgabe  lothringischer  Geschichts- 
quellen, worauf  eine  Kommission  aus  der  Gesellschaft  heraus  berufen  wurde. 

Met2.  Müsebeck. 

Henosfcher  Dr.  Araia  TilU  ia  Leipilc.  —  Dnick  vad  Vtrlag  von  Friadrich  Andreas  PertliM  ia  Godui 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


sur 


Forderung  der  landesgeschichtliclien  Forschung 


m.  Band  Mai  zgoa  8.  Heft 


Ortsgesehiehte 

Von 
Pctcr  P.  Albert  (Freiburg  i.  Br.) 

Die  Fortschritte  und  Errungenschaften  der  seit  nahezu  einem  Jahr- 
hundert in   stetig*    aufsteigender  Linie    begriffenen  Entwickelung    der 
historischen    Methode    sind    nicht   zuletzt    auch    der   Lokalgeschicht- 
achreibung zu  gute  gekommen ;  namentlich  hat  die  heute  herrschende 
virtschaftliche  Betrachtungsweise   befruchtend  auf  sie   eingewirkt  und 
sie  in  den  letzten  Jahren  zu  einer  gewissen  Blüte  gebracht.    Der  Gang 
^eses  an  Arbeit  wie  an  Irrwegen  so  reichen,  an  Erfolgen  aber  bis  zu- 
letzt so   armen,    weil  fast  ausschlie&lich  von  Dilettanten   gepflegten 
litterarischen  Betriebes  sowie  die  Verkettung  der  verschiedenen,  dabei 
in  Betracht  kommenden  Ursachen  bilden  ein  lehrreiches  Stück  in  der 
Geschichte  der  neueren  deutschen  Historiographie  und  einen  warnen- 
den nnd  weisenden  Führer  zugleich  fiir  alle,  welche  dieser  mühevollen, 
wenig  geachteten  und  wenig   lohnenden  Liebhaberei    sich   hingeben 
wollen. 

Man  hat  schon  im  XVIIL  Jahrh.  Ortschroniken  geschrieben  und 
versucht,  nicht  blois  Heimatskunde  und  Vaterlandsliebe  damit  zu  ver- 
breiten, sondern  auch  die  allgemeine  Geschichte  damit  zu  beleuchten. 
Es  geschah  aber  meist  in  einer  ganz  unzureichenden,  oft  so  kindischen 
Weise,  dafs  der  beilsende  Spott  wohlverdient  war,  den  G.  W.  Rabe- 
ner  in  seiner  Satire:  Ein  Auszug  at^  der  Chronike  des  Dörßeins 
Querlequitsch ,  an  der  Elbe  gelegen  (1742)  über  diese  Gattung 
der  Geschichtschreibung  ausgols  ^).  Auch  die  Richtung,  welche  die 
deutsche  Geschichtswissenschaft  mit  dem  Beginne  des  XIX.  Jahrh.  nahm, 
war  der  lokalen  Geschichtschreibung  weder  an  sich  noch  ihren  Be- 
ziehui^en  zur  allgemeinen  besonders  förderlich.    Von  der  ganzen  viel- 


i)  G.  W.  Rabener,   Smtiren.     i.  TeiL     Reatlingen    1788.     S.    171 — 191;   snerat 
1742  in  J.  Schwabes  Belustigungen  des   Verstandes  und  Wittes  veröffentlicht. 

14 


—     194     — 

gestaltigen,  seit  der  Begründung  der  „Gesellschaft  für  ältere  deutsche 
Geschichtskunde"  (1819)  erfolgten  Entwickelung  der  vaterländischen 
Geschichtschreibung,  wie  sie  durch  sorgsame  Durchforschung  der 
handschriftlichen  Bestände  von  Archiven  und  Bibliotheken,  durch  die 
immer  allgemeinere  Anwendung  kritischer  Grundsätze,  durch  die  Er- 
gänzung der  politischen  Geschichte  mittels  kulturhistorischer  Unter- 
suchungen im  weitesten  Sinne,  durch  das  Streben  endlich  nach  einer, 
des  Gegenstands  würdigen,  künstlerisch  abgerundeten  Darstellung  sich 
offenbarte,  von  dieser  ganzen  vielgestaltigen  Entwickelung  blieb  das 
in  Deutschland  mit  so  viel  Eifer  angebaute  Feld  der  Orts-  und  Landes- 
geschichte noch  lange  Zeit  hindurch  so  gut  wie  unberührt.  Es  waltete 
hier  ein,  sicherlich  zumeist  sehr  gut  gemeinter  Dilettantismus  un- 
entwegt fort,  der  als  einzige  Vorbedingung  geschichtschreiberischer 
Thätigkeit  die  Liebe  zur  Sache  ansah  und  darüber  Quellenforschung 
wie  Kritik  vernachlässigen  zu  dürfen  meinte.  Den  Erzeugnissen  solcher 
übelberatenen  Liebhaberei  gewährte  zudem  eine  grofse  Anzahl  von 
Vereinszeitschriften  nachsichtige  Aufnahme  und  Verbreitung,  und  so 
konnte  es  nicht  ausbleiben,  dafs  man  in  den  Kreisen  der  „zünftigen" 
Forscher  von  dem  „Lokalhistoriker**  mit  grofeer  Geringschätzung  sprach 
und  vielfach  jetzt  noch  spricht. 

Wie  ungemein  oft  findet  man  auch  in  der  That  nicht  blofs  in 
älteren,  sondern  selbst  in  neueren  und  neuesten  Ortsgeschichten  eine 
erschreckende  Unbeholfenheit  und  Unkenntnis,  wie  äufserst  selten  nur 
eine  oberflächliche  Vertrautheit  mit  den  Grundregeln  der  historischen 
Methode  ^) !  Den  Zusammenhang  mit  der  allgemeinen  Geschichte  glaubte 
man  vollkommen  dadurch  zu  wahren,  dafs  man  die  Beziehungen  der 
lokalen  Vorgänge  zu  denen  der  grofsen  Politik  nachzuweisen  und  die 
Geschichte  des  kleinsten  Ortes  dadurch  interessant  und  lehrreich  zu 
machen  suchte,  dafs  man  mit  aller  Gewalt  alles  das  genau  verfolgte 
und  zusammenstellte,  was  von  den  Ereignissen  der  groisen  Welt 
auf  dem  engen  Schauplatze  sich  abgespielt  und  welchen  AnteU  hin- 
wieder der  Ort  und  seine  Umgebung  an  den  allgemeinpolitischen  Be- 
gebenheiten genommen  hat,  welche  bedeutende  Persönlichkeiten  und 
in  welcher  Rolle  sie  hier  aufgetreten  sind  und  dergleichen  kleine  imd 
kleinste  Einzelheiten  mehr.  Auf  diese  Weise  lernte  man  in  jeder  Orts- 
geschichte fast  die  ganze  Weltgeschichte  kennen,  was  nicht  blois  auf 

l)  Vgl.  z.  B.  im  Vorwort  zu  der  soeben  erschienenen  Geschichte  der  Stadt  Ettlingen 
das  ergötzliche  Bedauern  des  Verfassers,  des  Lehrers  Benedikt  Schwarz,  dafs  ihm 
bei  Inangriffnahme  seines  Werkes  nicht  ein  wertvolles  Archiv  za  Gebote  stehe,  „woraus 
eine  Geschichte  leicht  zusammengestellt  werden  kann'M 


—     196     — 

den  Gebildeten,  sondern  auch  auf  den  ungebildeten  Landbewohner  ab- 
stoßend wirken  mufste.  Hatte  ein  Verfasser  in  einem  Anflug  höheren 
Strebens  vielleicht  noch  abenteuerliche  Streifzüge  auf  das  Gebiet  der 
Rechts-  und  Verfassungsgeschichte  gewagt  und  am  Ende  noch  litterar- 
und  kunsthistorischen  Merkwürdigkeiten  des  Ortes  und  dessen  entfernter 
und  entferntester  Nachbarschaft  nachgespürt  und  sie  ins  Unglaubliche 
an^ebauscht ,  so  war  sein  Autorenruhm  in  seinen  und  seiner  Zeit- 
genossen Augen  glänzend  befestigt! 

Es    ist   lehrreich    zu    verfolgen,    wie    trotz   zahlloser  Fehler  und 
Mängel  die  Keime  einer  wahren  historischen  Auffassung  und  Betrach- 
tang  von  jeher  in   den  Lokalgeschichten  verborgen  lagen,    aber  bei 
der    kleinkrämerischen    und    zusammenhangslosen    dilettantischen    Be- 
handlungsweise    nicht    zum    Ausdruck    und    zur    Entfaltung    gedeihen 
konnten.     Der   von    der  romantischen  Dichter-   und   der  historischen 
Rechtsschule  seit  dem  Anfang  des  XIX.  Jahrh.  ausgeübte  weckende  Ein- 
flufe  war  dem  halben  Auge  der  Ortsgeschichtsdilettanten  unbemerkt  ge- 
blieben, erst  die  neueste  Zeit  mit  ihrer  Erfindungsgabe  und  ihrem  Aus- 
bildungstalent, womit  sie  die  einzelnen  Wissenschafts-Disziplinen  in  stau- 
nenswerter Weise  ausgestaltet,  hat  auch  von  der  Lokalgeschichtschreibung 
den\3nsegen  der  Rückständigkeit  hinweggenommen.  Die  Erkenntnis,  dafs 
die  ^gemeindeutsche  Geschichtswissenschaft  auch  auf  die  gesicherten  Er- 
gebnisse der  orts-  und  landesgeschichtlichen  Untersuchungen  angewiesen 
sei,  wenn  anders  sie  der  hohen  Aufgabe  einer  allseitigen  und  erschöpfen- 
den Darstellung  der  vaterländischen  Vergangenheit  jemals  gerecht  wer- 
den wolle,  gewann  immer  mehr  Raum  in  den  Kreisen  der  fachmänni- 
schen Gelehrsamkeit,  der  es  nun  als  Pflicht  erschien,  hier  helfend  und 
bessernd   einzugreifen.     Diesem   Bestreben    hatten    einerseits    die    zur 
Pflege   der  Lokal-  und  Territorialgeschichte  bestehenden  Vereine  ihre 
Nenbelebung  und  Neugestaltung  zu  verdanken,   andrerseits  entstanden 
in  zahlreichen  Staaten  neue  Vereinigungen,  die,  nach  Art  der  Gelehrten- 
akademieen  eingerichtet,  die  Errungenschaften  der  historischen  Methode 
auf  die    Orts-   und   Landesgeschichte   anzuwenden   ausgingen.     Neben 
der  Hauptaufjgabe,  die  besonderen  Quellen  der  Lokal-  und  Territorial- 
geschichte,  nach  bestimmten   sachlichen  Gesichtspunkten   zusammen- 
ge£a(st,   in   möglichster  Vollständigkeit  der  Forschung  zugänglich   zu 
machen,    nahmen   sie   auch   Einzeldarstellungen    gemeinverständlichen 
Inhalts,  wie  sie  z.  B.  die  „Neujahrsblätter"  *)  bieten,  in  ihr  Programm  auf. 
Die  Thätigkeit  dieser  mit  dem  modernen  Forschungsapparat  ausgerüste- 


i)  Vcrgl.  n.  Bd.,  S.  214,  Anm.  i. 

14 


—     196     — 

ten  und  mit  reichen  Mitteln  arbeitenden  Gesellschaften  und  Kommissionen 
übte  alsbald  auch  auf  dem  Gebiete  der  Lokalhistorie  die  beste  Wirkung. 

Auf  diesem  selbst  hatte  es  schon  früher  an  eigenen  Versuchen 
zur  Vervollkommnung  nicht  gefehlt,  wenn  auch  der  Erfolg  nicht  durch- 
schlagend und  nachhaltig  genug  war.  Hier  war  es,  wo  sich  der  um 
die  Erforschung  und  Darstellung  der  badischen  Landesgeschichte  viel- 
fach verdiente  Ärchivrat  Joseph  Bader  in  Karlsruhe,  obzwar  nicht 
Fachmann  im  strengen  Sinne  des  Wortes,  die  gröfeten  Verdienste  er- 
warb. Mit  seiner  1839  begonnenen  Badenia  oder  „Das  badische  Land 
und  Volk,  eine  Zeitschrift  fiir  vaterländische  Geschichte  und  Landes- 
kunde mit  Karten,  Lithographieen  und  kolorierten  Abbildungen  von 
Landestrachten*'  ^),  die,  durch  die  48er  Wirren  unterbrochen,  seit  1853 
in  seinen  Fahrten  und  Wanderungen  im  Heimatlande ')  eine  Art 
Fortsetzung  erfuhr  und  1859  als  Badenia  ^)  erneuert  wurde,  hat  er 
außerordentlich  anregend  auf  die  Lokalgeschichtschreibung  gewirkt. 
Von  warmer,  sein  ganzes  Leben  hindurch  bis  zu  seiner  letzten  Stande 
treu  gehegter  und  gepflegter  Liebe  zur  heimatlichen  Orts-  und  Landes- 
geschichte erfüllt,  erkannte  er  mit  seltener  Schärfe,  wie  not  es  thue,  dafis 
die  so  frühzeitig  in  Baden  gemachten  Quellenpublikationen  „unter  Be- 
nutzung anderweiter  Urkunden  und  Akten  wie  örtlicher  Forschungen 
und  Erhebungen  in  einer  Reihe  von  topographischen  und  kulturhistori- 
schen Arbeiten  zu  gangbarer  Landmünze  zu  verprägen*'  sei*),  wenn 
nicht  der  fortwährend  zu  Tage  geförderte  reiche  Quellenstoff  für  die 
weitaus  überwiegende  Mehrzahl  der  Landeskinder  ein  totes  Kapital 
bleiben  sollte.  Im  ersten  Bande  seiner  neuen  „Badenia"  ^)  hatte  er 
Grundsätze  über  die  Abfassung  vaterländischer  Topographieen  auf- 
gestellt und  eine  Anleitung  dazu  gegeben,  die,  von  gesunder  Auf- 
fassung getragen,  wahrhaft  läuternd  und  befreiend  zu  wirken  geeignet 
war.  Er  rügt  die  bisherige  Gepflogenheit,  „dafs  die  Bearbeiter  von 
Amts-  und  Ortsbeschreibungen  gar  zu  viel  Fremdartiges  herbeiziehen 
und  das  Einheimische  darüber  vernachlässigen.  Sie  b^^innen  ihre  ge- 
schichtlichen AbteUungen  gewöhnlich  mit  Julius  Cäsar,  tragen  aus 
verschiedenen   Werken   allgemein   Geschichtliches ,   Naturhistorisches, 


i)  3  Bände.  Karlirnhe  und  Freibnrg  i.  Br.  1839 — 1844.  —  Aach  unter  dem  Titel: 
„Das  malerische  und  romantische  Baden"  als  Supplement  sn  dem  „Malerischen  nnd 
romantischen  Deutschland  in  10  Sektionen  *'  ausgegeben. 

2)  2  Bände.     Freibnrg  i.  Br.  1853^1856. 

3)  2  Bände.     Heidelberg  i859_i842. 

4)  Neue  Badenia  3,  Vorw.  S.  V. 

5)  S.  298—311. 


—     197     — 

Landwirtschaftliches  und  dergleichen  zusammen  und  wenden  es  mit 
freig'ebig'er  Phantasie  auf  ihre  Gegend  oder  ihren  Wohnort  an.  Dieses 
Verfahren  führt  alsdann  zu  Darstellungen,  die  viele  Mühe  machen, 
aber  wenig  Wert  haben *^  Er  rät  deshalb,  mit  der  Sammlung  der 
Einzelheiten  zu  beginnen,  die  Erhebungen  und  Nachforschungen  über 
Vogang-enheit  und  Gegenwart  an  Ort  und  Stelle  der  Benutzung  von 
Druckwerken,  Urkunden  und  Akten  vorangehen  zu  lassen  und  mittels 
umsichtiger  Vergleichung  das  sicherste  Licht  zum  Verständnis  des 
Materials,  den  rechten  Weg  für  Forschung  und  Darstellung  zu  suchen. 
Als  Hauptleitpunkte  nennt  seine  Anleitung:  Entstehung  und  Namen 
des  Ortes,  politische  und  militärische  Herrschaftsverhältnisse,  politische 
und  bürgerliche  Rechte,  Kirchenwesen,  Gerichtswesen,  Besitzverhält- 
nisse, Landwirtschaft  und  Gewerbe,  Gemeindewesen,  Sitten-  und  Geistes- 
leben. Seine  Erläuterungen  zu  diesen  „Rubriken**  lassen  in  Umrissen 
and  vielfach  unbewufst  so  ziemlich  das  erkennen,  was  auch  wir  heute, 
aber  klar  und  unerläfslich,  als  Forderungen  stellen.  Zur  befriedigen- 
den Lösung  der  Aufgabe  ist  Bader  selbst  so  wenig  wie  irgend  einer 
seiner  Zeitgenossen  durchgedrungen.  Es  war  auch  erfolglos,  dafs  er 
steh  mit  anderen  Freunden  der  Heimatsgeschichte  im  Jahre  1863  zu 
emem  Verein  für  badische  Ortsbeschreibung  zusammenth'at, 
der  sich  „quellenmäfsige  Erhebungen  und  wissenschaftliche  Forschungen" 
m  Bezug  auf  Ortsgeschichte  zum  Ziel  setzte  und  Baders  neue  Badenia 
ab  Zettschrift  des  Vereines  für  badische  Ortsbeschreibung  zum  Or- 
gan seiner  Veröffentlichungen  machte.  Es  erschien  ein  erster  und 
einziger  Band  *),  womit  das  ganze  Unternehmen  im  Sande  verlaufen 
war.  Indessen  war  aber  doch  in  Baden  eine  Reihe  von  Ortsgeschichten 
erschienen,  die  sich  sehen  lassen  konnten  und  auch  heute  noch  trotz 
des  entscheidenden  Fortschritts  ihren  Platz  behaupten.  Es  seien  nur 
Hühlings  Denkwürdigkeiten  von  Hantschuhsheim  *),  Herbsts 
Chronik  von  Britzingen  *)  und  Geschichte  von  Mundingen  *),  Rom- 
bachs  Geschichte  und  Beschreibung  von  Lenzkircfi  ^) ,  Schaff- 
aers  Beiträge  zur  Geschichte  Riegels  %  Schönhuths  Krautheim  ') 

1)  Heidelberg  1864. 

2)  E^  J.  J.  Mtthling,  Historische  nnd  topographische  Denkwürdigkeiten  von  Hant- 
schahsbeim.     Mannheim   1840. 

3)  Chr.  Ph.  Herbst,  Chronik  von  Britzingen.     Freiburg  i.  Br.  1841. 

4)  Geschichte  des  Dorfes  Mandingen  im  Breisgau.     Karlsruhe  1856. 

5)  J.  Rombach,  Geschichte  und  Beschreibung  von  Lenzkirch.    Freiburg  i.  Br.  1843. 

6)  G.  Schaffner,  Beiträge  zur  Geschichte  des  Marktfleckens  Riegel  am  Kaiserstnhl. 
Freiburg  i.  Br.   1843. 

7)  O.  F.  H.  Schönhnth,  Krautheim  samt  Umgebungen.     Mergentheim  1846. 


—     198     — 

und  Boxberg  ^),  Wirts  Hasmersheim  ^)  genannt,  auf  die  man  immer 
noch  mit  Nutzen  zurückgreifen  kann.  Sie  alle  hatten  schon  mehr  oder 
weniger  entschieden  den  rechten  Weg  betreten,  der,  freier  von  der 
übertriebenen  Bevorzugung  der  politischen  und  militärischen  Ge- 
schichte, vor  allem  die  örtliche  Bodenständigkeit  mit  ihrem  ureigenen 
Inhalte  darzulegen  und  zu  beleuchten  bemüht  war.  Aber  die  weite  Kluft 
zwischen  der  allgemeinen  und  speziellen  Forschung  wurde  damit  nicht 
überbrückt,  konnte  selbst  durch  die  Niebuhr-Rankesche  Methode  nicht 
überbrückt  werden.  Erst  die  letzten  drei  Jahrzehnte  haben  hierin 
Wandel  geschaffen:  Rechts-  und  Wirtschafts-,  Verfassungs-  und  Ver- 
waltungsgeschichte wurden  nicht  blofs  mit  erneutem  Eifer,  sondern 
vor  allem  mit  ganz  neuem  Erfolge  gepflegt  und  übten  wie  auf  die 
verwandten  Disziplinen,  so  besonders  auch  auf  die  Geschichtswissen- 
schaft einen  ungeahnten  Einfluls  aus.  Und  in  dem  Mafse,  als  diese 
Studien  der  inneren  Entwickelung  sich  zuwandten,  wuchs  die  Erkennt- 
nis, dafs  mit  dem  Klassifizieren  und  Schematisieren  der  Wissenschaft 
nicht  gedient,  dafs  vielmehr  nur  das  Eindringen  in  die  Eigenart 
des  Einzelnen  auch  für  den  Forscher  im  Grofsen  fruchtbringend  sei. 
Waren  schon  diese  Wahrnehmungen  geeignet,  die  Beziehungen  zwischen 
der  Territorial-  und  Lokalhistorie  und  der  allgemeinen  Geschichte  her- 
zustellen und  die  Forscher  in  dieser  immer  wieder  auf  jene  hinzuweisen 
und  hinzuführen,  so  wurde  die  letzte  Scheidewand  hinweggeräumt  durch 
die  verschiedenen  im  Laufe  der  letzten  25  Jahre  aufgeblühten  Zweige 
vor  allem  der  völlig  verändert  betriebenen  Kultui^eschichte,  der  archäo- 
logischen Ethnographie  und  Anthropogeographie  und  der  vielverzweigten 
Volkskunde.  Sie  vorzugsweise  haben  die  Lokalforschung 
neu  belebt,  vertieft  und  ihr  eine,  zuvor  nie  zukommende 
Bedeutung  und  wissenschaftliches  Ansehen  verliehen. 
Auch  in  den  Kreisen  der  zünftigen  Historiker  zuckt  man  nicht  mehr  wie 
früher  die  Achseln  über  die  Beschäftigung  mit  der  Lokalgeschichte,  son- 
dern weifs  ihren  Wert  für  die  Beleuchtung  und  Veranschaulichung  der 
Allgemeingeschichte  wie  um  ihrer  selbst  willen  wohl  zu  schätzen.  Und 
schon  fängt  man  an,  ebenso  wie  für  den  Unterricht  in  der  Erdkunde  auch 
für  den  in  der  Geschichte  die  Anknüpfung  an  heimatskundliche  Anschau- 
ungen zur  Belebung  und  Befestigung  des  allgemeinen  Geschichtsunterrichts, 
als  ein  vortreffliches  Mittel  zur  Klärung  geschichtlichen  Sinnes  zu  verwen- 


i)  Boxberg  and  der  Schöpfergnind  bei  Königshofen.     Mergentfaeim  1856. 
2)  H.    Wirth,    Geschichte    des    Marktfleckens    Hasmersheim    am    Neckar.     Heidel- 
berg 1862. 


—     199     — 

den.    Als  Heimat  ist  der  Schulort  mit  seiner  Umgebung  anzusehen,  aus 
dessen    Geschichte  typische  Züge  und  Ereignisse  ausgewählt  werden  ^). 
Die  Lokalforschung  selbst  begann  die  Schätze  der  Archive  und 
Bibliotheken   und  die   ihnen   alljährlich   in  gro&er  Zahl  entnommenen 
Quellenwerke  ganz  anders  zu  würdigen  als  bisher,  versuchte  sie  an  der 
Hand  der  neuen  methodischen  Technik  durch  die  lokalen  Erhebungen 
and   Forschungen    in    neues   Licht  zu  setzen   und    sich    selbst    damit 
wahren  wissenschaftlichen  Charakter  zu  geben.     Nach  dem  Beispiel  der 
ein  Jahrzehnt  etwa  nach  der  Gründung  des  Reiches  durch  die  Gesell- 
schaften  und   Kommissionen   für  Landesgeschichte   begonnenen  Ord- 
nung und  Verzeichnung  der  über  das  ganze  Land  zerstreuten  Gemeinde-, 
PfaxT-  und  Familienarchive  wurden  systematische  Sammlungen  sprach- 
licher,   kunst-   und  volksgeschichtlicher  Überlieferungen  aller  Art  an- 
gelet und  damit  der  Klein-  und  Einzelforschung  ein  ungeahntes  neues 
Arbeitsfeld   eröffnet.     Dabei   zeigte   sich   immer   deutlicher,   wie  enge 
die  Interessengemeinschaft  der  allgemeinen  Geschichtswissenschaft  und 
der  Spezialforschung  sich  berühren,  wie  keine  der  anderen  zu  entraten 
vermagf,  wenn  sie  erschöpfend,  unparteiisch  und  lebenswahr  sein  will. 
Der  alten,  fast  aussschliefslich  auf  die  politische  Geschichte  gerichteten 
Anfbssung*  trat,   durch  die  Lebensverhältnisse  der  Gegenwart  hervor- 
gtrufen,  ein  lebhafter  Sinn  für  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen  und 
Zustände   zur  Seite,   dem  wieder  durch   die  grofsen  Errungenschaften 
auf  dem  prähistorischen  und  volkskundlichen  Gebiete  Verstärkung  und 
Bereicherung   erwuchs.     Dadurch  gewann   die   Verbindung   der   Orts- 
geschichte   mit    der   allgemeinen    ungemein    an    Unmittelbarkeit    und 
hmigkeit,    an   Umfang  und  Bedeutung.     In    diesem   Zusammenhange 
sagt  Bernheim*)  sehr  zutreffend:  „Der  rasche  Schritt  der  Politik  geht 
ongleichmäfsig  durch  die  Lande,  der  ruhige  Gang  der  Kultur  berührt 
gleichmäfsig  Volk  und  Land;    denkwürdige  Begebenheiten   sind  nicht 
überall   passiert,   aber  wissenswerte  Zustände  hat  es  stets  überall  ge- 
geben."    Man  kann  die  politische  imd  Kriegsgeschichte  eines  Landes 
erforschen  und  darstellen,   ohne  tiefer  in  dessen  innere  Zustände  ein- 
dringen  zu  müssen;   für  die  Darstellung  der  Wirtschafts-  und  Kultur- 


i)  ^ßL  J*  Lübbert,  Die  Verwertang  der  Heimat  im  Geschichtsunterricht.  HaUe 
a.  S.  1900.         « 

2)  E.  Bernbeim,  der  in  seinem  „Lehrbach  der  historischen  Methode"  aach  das 
ftlr  den  Lokalhistoriker  anentbehrliche  Rüstzeag  liefert,  hat  sich  neaestens  in  einem  eigenen 
Aufsätze:  „Lokalgeschichte  und  Heimatskunde  in  ihrer  Bedeatang  für  Wissenschaft  and 
Unterricht"  (Pommersche  Jahrbücher  I  [1900],  15 — 32)  über  die  heutigen  Aufgaben  und 
Ziele  der  Lokalforschung  verbreitet,  auf  die  wir  uns,  wie  hier,  des  öflem  beziehen. 


—     200     — 

geschichte  aber  sind  die  lokalen  Einzelheiten  unentbehrlich,  für  sie  kann 
nicht  genug  Material  gesammelt,  können  nicht  genug  Orte  undLandesteile 
durchforscht  werden;  denn  sie  bestehen  hauptsächlich  in  der  zusammen- 
fassenden Kenntnis  und  Bearbeitung  solchen  Kleinmaterials  von  überall  her. 

Die  Grundzüge  für  den  wissenschaftlichen  Betrieb  der  Lokal* 
geschichte  stehen  somit  heute  ziemlich  unverrückbar  fest.  Sorgfältig, 
fein-  und  scharfsinnig  sind  Tradition  und  urkundlicher  und  chronikali- 
scher Stoff  über  alle  Ereignisse  und  Persönlichkeiten  zu  erforschen, 
die  zur  Kenntnis  der  Entwickelung  des  einzelnen  Ortes  an  sich  ebenso 
notwendig  wie  zur  Aufklärung  der  allgemeinen  Verhältnisse  des  engeren 
und  weiteren  Vaterlandes  dienlich  sind.  Hieran  reiht  sich  zunächst 
der  ganze  Kreis  der  rechtlichen  und  wirtschaftlichen  Einrichtungen, 
sodann  der  sozialen  Kulturentwickelung  und  endlich  die  lokale 
Zustandsgeschichte  im  weitesten  Umfang,  nach  allen  ihren  heute  ge- 
pflegten Beziehungen  von  dem  Besiedelungswesen  bis  zu  den  intimsten 
Äufserungen  des  Volkslebens  in  Sprache,  Sitten  und  Gebräuchen. 
Kirche  und  Schule  sind  in  demselben  Grade  zu  berücksichtigen  wie 
die  äufseren  Schicksale  des  Ortes  in  Krieg  und  Frieden;  Lage  und 
Beschaffenheit  der  Gegend  mit  ihrem  Einflüsse  auf  Gemüt,  Verstand 
und  Charakter  der  Bewohner  sind  nicht  zu  vergessen.  Es  kann  aber 
nicht  genügen,  unter  Anführung  vieler  Einzelheiten  ein  Bild  der  Wirt- 
schafts-, Rechts-  und  Verwaltungsgeschichte  sowie  weiterhin  der  ge- 
samten Kulturgeschichte  zu  versuchen,  wodurch  die  Einheit  der  Dar- 
stellung infolge  des  oft  sehr  losen  Nebeneinanders  selbstverständlich 
nicht  gewinnt;  der  Verfasser  mufs  dem  Ganzen  eine  gewisse  social- 
psychologische  Grundlage  zu  geben  verstehen,  um  die  Reichhaltigkeit 
seines  Stoffes  in  einer  gewissen  Geschlossenheit  vorzufuhren.  Allzeit 
vom  allgemeinen  ausgehen  und  wieder  zu  ihm  zurückkehren,  das  ist 
das  einzig  richtige  Ziel  für  Auffassung  und  Darstellung,  und  strenge 
Wissenschaftlichkeit  des  Inhalts  ist  ebenso  anzustreben  wie  möglichste 
Popularität  der  Form.  In  diesem  Geiste  betrachtet  ist  die  Beschäftigung* 
mit  der  Orts-  und  Landesgeschichte  eine  des  Geschichtsforschers  eben- 
so würdige  und  verdienstvolle  wie  pflichtschuldige  Aufgabe,  zumal  in 
unseren  Tagen  des  materiellen  Erwerbs  und  der  allgemeinen  Verflachung, 
Die  Weltgeschichte,  sagt  man,  sei  das  Weltgericht.  In  demselben 
Sinne  ist  die  Geschichte  eines  jeden  Ländchens  und  Dorfes  ein  Spiegel, 
in  dem  sich  Ortsvorstand  und  Gemeinde,  in  dem  sich  Fürst  und 
Volk,  das  ganze  Vaterland,  beschauen  können. 

Der  Lokalhistoriker  befindet  sich   heute  vor   einer   reich   zu  be- 
setzenden Tafel,   für  deren  Bereitung  ihm  von  allen  Seiten  der  Stoff 


—     201     — 

znfiiefst,  so  dafs  er  Mühe  hat,  die  rechte  Auswahl  zu  treffen,  um  nicht 
mit  den  Kernen  die  tauben  und  fast  bitteren  Schalen  aufzutischen. 
Die  Erfordernisse  der  Darstellung  zumal,  die  doch  für  die  weitesten 
Kreise  des  Volkes  berechnet  ist,  sind  nicht  gering;  denn  jedes  Ge- 
schichtswerk soll  gleichmäfsig  gearbeitet  und  abgerundet,  in  gewissem 
Simie  also  immer  auch  ein  Kunstwerk  sein:  nur  harmonisch  gebildet, 
wird  es  auch  harmonisch  und  bildend  wirken,  fesseln  und  überzeugen 
und  dem  letzten  Zwecke  jeder  Wissenschaft  dienen.  Zu  diesem  Ende 
darf  der  Forscher  nicht  das  ganze  Mafs  seiner  Studien  und  Vorarbeiten 
zum  besten  geben,  sondern  mufs  sich  auf  das  wirklich  Wissenswerte 
beschränken.  Wenn  irgendwo,  ^o  kommt  hier  das  Dichterwort  zur 
Geltung^:  „In  der  Beschränkung  erst  zeigt  sich  der  Meister.*'  Es 
scheint  mir  aus  diesem  Grunde  auch  ganz  verfehlt,  den  Ortsgeschichten 
umfangreiche  Anhänge  mit  Urkundenabdrücken  u.  dergl.  zu  geben, 
statt  deren  wesentlichen  Inhalt,  sei  es  selbst  in  der  Sprache  der  Quellen, 
der  Darstellung  einzufiechten.  Es  mag  dies  bei  Ortsgeschichten  angehen, 
die  in  Zeitschriften  zur  Veröffentlichung  gelangen,  wie  Joh.  Essers 
Dorf  Kreuzau  ^) ,  das  übrigens  keine  Geschichte ,  sondern  nur  Bei- 
träge zur  Geschichte  von  Kreuzau  bietet.  Auf  jeden  Fall  bilden 
so\c\ie  Beilagen  nutzlosen  Ballast  bei  Büchern  wie  J.  A.  Zehnters 
Messelhausen  %  der  seine  5  5  Seiten  Urkunden  nicht  einmal  mit  auf- 
gelösten Daten  und  Regesten  versehen  hat  Weitschweifigkeit  und 
kritiklose  Oberflächlichkeit  sind  vor  allem  die  gefährlichen  Klippen, 
die  hier  drohen,  die  der  fachmännisch  geschulte  Forscher  leicht  zu 
vermeiden  versteht,  die  aber  den  Laien  trotz  aller  Liebe  zur  Geschichte 
in  der  Regel  um  alle  die  mühevoll  und  kostspielig  gesammelten 
Früchte  seiner  Thätigkeit  bringen.  Das  war  ja  von  jeher  ver- 
hängnisvoll für  die  Lokalhistorie,  dafs  sich  ihr  allzuviel  Unberufene 
gewidmet  haben,  die  nicht  das  erforderliche  Mafs  fachmännischer 
Schulung  und  Sachlichkeit  besitzen  und  wohl  zum  Nachweis  und 
zur  Sammlung  des  Materials  nützlich  und  notwendig  smd,  für  die 
Darstellung  aber  mehr  ein  Hemmnis  als  eine  Förderung  der  ge- 
schichtlichen Wahrheit  bedeuten.  Die  Zahl  derer,  die  sich  hierin 
die  gebotene  Entsagung  auferlegen,  ist  sehr  gering;  sie  sind  aber  die 
einzig  wahren  Geschichtsfreunde. 


1)  Annalen  des  historischen  Vereins   für  den  Niederrhein.     62   (Köln    1896),    S.  55 
bb   157;  enthält  S.   in— 157  Urkundenbeilagen. 

2)  Geschichte  des  Ortes  Messelhausen.    Ein  Beitrag  zur  Staats-,  Rechts-,  WirtschafU- 
ond  Sittengeschichte  von  Ostfranken.     Heidelberg  1901.     XII  und  355  S.    Gr.  8  0. 


—     202     — 

Diese  Wahrnehmung"  macht  man  im  Übermafs ,  wenn  man  die  in 
den  letzten  25  Jahren  erschienenen  ortsgeschichtlichen  Arbeiten  über- 
blickt. Die  grofse  Mehrheit  der  Lokalhistoriker  hat  sich  nicht  die 
Fortschritte  und  Errungenschaften  der  Zeit  zu  eigen  gemacht,  sondern 
geht  unbekümmert  um  Schulung  und  Methode  ihren  unfruchtbaren 
Weg;  voll  trügerischen  Gefallens  an  denverkümmerten  Kindern  ihrer  Muse 
scheinen  die  wenigsten  von  Geschichtschreibung  etwas  gelernt  zu 
haben  noch  etwas  lernen  zu  wollen.  Es  wäreSache  besonders  der  histo- 
rischen Vereine,  in  diesem  Sinne  einen  klärenden  und  läuternden  Einflufs 
auf  ihre  Mitglieder  auszuüben,  aus  denen  sich  ein  grofser  Teil  der  Lokal- 
forscher rekrutiert.  Einzelne  Vereine  ^scheinen  diese  Pflicht  auch  schon 
frühe  erkannt  zu  haben  wie  der  für  Geschichte  des  Bodensees  und  seiner 
Umgebung,  der  1869  im  ersten  Hefte  seiner  Schriften  *)  aus  der  Feder 
eines  auf  diesem  Gebiete  schon  vielfach  schriftstellerisch  thätigen  Mit- 
gliedes, des  Pfarrers  J.  B.  Hafen  zu  Gattnau,  einen  kleinen  Aufsatz  über 
Wert,  Schwierigkeit  und  Grundsätze  bei  Anlegung  von  Ortschroniken 
brachte.  Die  „Grundsätze**,  wohlgemeint  und  nicht  ungeschickt,  bleiben 
allerdings  ziemlich  weit  hinter  unseren  Erwartungen  zurück.  Im  Jahre 
1886  schrieb  der  schwäbische  Lehrer  Aug.  Holder  in  Erligheim  eine 
80  Seiten  starke  Broschüre  über  Die  Orischrontken ,  ihre  kultur- 
geschichtliche  Bedeutung  und  pädagogische  Verwertung  *),  die,  be- 
sonders in  letzterer  Hinsicht,  viel  Treffendes  und  Beherzigenswertes, 
aber  auch  manches  Unrichtige,  Unreife  und  Abgeschmackte  enthält 
und  vor  allem  des  entscheidenden  Verständnisses  für  Hauptsache  und 
Nebendinge  ermangelt.  Er  bezeichnet  die  Ortsgeschichte  „in  for- 
meller Hinsicht  als  eine  individuelle  Gestaltung,  eine  lokale  Aus- 
prägung der  Landes-  oder  Volksgeschichte,  gewissermafsen  als  eine 
Widerspiegelung  der  , Geschichte  im  grofsen  Stil*,  insofern  sie  sich 
nicht  unabhängig  von  letzterer  entwickelt,  nicht  ihre  eigenen  Wege 
geht,  sondern  nur  die  Fortschritte  derselben  nach  Bedürfnis,  Einsicht 
und  Möglichkeit  sich  zu  nutze  macht.  So  erscheint  sie  uns  als  eine 
durch  die  örtlichen  Verhältnisse  bedingte  Offenbarungsform  des  in 
der  allgemeinen  Geschichte  ewig  waltenden  Geistes,  gewissermafsen 
(äufserlich)  als  die  bekannte  Physiognomie  des  geschichtlich  richtig 
Elrkannten  und  praktisch  wohl  Bewährten,  resp.  unrichtig  (überlebt 
oder  verbesserungsbedürftig)  Befundenen.**    Er  giebt  eine  ,, Geschichte 


i)  Lindaa  1869.     S.  119 — 122. 

2)  Stuttgart  1886.  —  Ein  älteres  Buch  von  Karl  Preusker,  dem  Erforscher  der 
sächsischen  Vorzeit,  Stadt-  und  Dorf -Jahrbücher  (Ortschroniken)  (Leipzig  1846),  ist  mir 
trotz  meiner  Bemühungen  unzugänglich  geblieben. 


—     203     — 

der  deutschen  Ortsgeschichtsschreibung,  wie  letztere  vonMeister 
und  Gesellen  der  ehrsamen  Zunft  der  Gelegenheitshisto- 
riker  betrieben  wurde,  in  vier  Perioden",  in  denen  Deutschlands 
hauptsächlichste  Geschichtsquellen   von   Thietmar  von  Merseburg   bis 
auf  Berthold   Auerbach    (!)    als    „ortsgeschichtliche    Bilder    der    ur- 
sprüng'lichsten  Art"  abgewandelt  werden.    Er  unterscheidet  demgemäfs 
„vier    Entwicklungsstufen   der  Ortschronikographie,    wie 
aus  folgender  Zusammenstellung  hervorgehen   dürfte:    i)   Im  XL   und 
XII.    Jahrh.    verfafsten   gelehrte   Mönche   in   lateinischer  Sprache   die 
Geschichte  einzelner  bevorzugten  Städte  —  als  Selbstzweck.     2)  Vom 
Xni.  bis  etwa  zur  Mitte  des  XVI.  Jahrh.    treten   uns   die  reichs-   und 
hauptstädtischen  Chroniken  als  Chroniken-Urkunden  der  Entwickelung 
des    politischen ,    kulturgeschichtlichen ,    religiösen ,     öffentlichen    und 
wirtschaftlichen  Lebens  der  betreffenden  Städte  entgegen,  in  welchen 
die  Ratsherren  auf  alle  Fälle  eine  sichere  Handhabe  hatten,  ohne  sich 
viel   plagen   oder  gar   ein   ,Weistum*    einholen    zu    müssen.     3)   Als 
jedermann  ( ! )  schreiben  konnte  und  jedermann  lesen  wollte,  bot  man 
der  Gemeinde  in  der  Ortschronik  ein  Buch  zur  Unterhaltung  als  eine 
.kleine    (aber    berechnende)   Aufmerksamkeit*,   was   das   Selbstgefühl 
des  gemeinen   Mannes   natürlich   bedeutend   stärkte.     4)   Gegenwärtig 
^^ht  der  Gebildete,    namentlich  der  Freund  der  Geschichte,   im  ehr- 
lichen und   unbefangenen  Ortsgeschichtschreiber  den  Vorarbeiter  des 
wissenschaftlichen   Historikers."      Auf  diese   Weise   bringt  es   Holder 
fertig,  die  Ortsgeschichte  nahezu  zum  Mittelpunkt  der  Weltgeschichte 
zu   machen!     In    besonderen   Abschnitten   behandelt    er    dann    „Die 
Ortschronik    in    der    Familie    als    Erziehungsfaktor**    und    „Die   Orts- 
chronik in   der  Schule  als  Unterrichtsgegenstand**,   mengt  auch   hier 
Richtiges   und  Schiefes   durcheinander  und  bietet  alles  eher   als   eine 
Methodik  der  Ortsgeschichte,  die  am  meisten  Not  thäte.    In  treffender 
Selbsterkenntnis    sagt    er    einmal:     ,,Zwar    ist    es    nicht    jedermanns 
Sache  (auch   meinige   so   recht  nicht),    auf  diesem  Gebiete   mit    wirk- 
lichen! Erfolge  thätig  zu  sein.** 

Besser  und  praktischer  ist  eine  im  Mai  1900  im  Land, 
dem  „Organ  des  Ausschusses  für  Wohlfahrtspflege  auf  dem 
Lande**  '),  von  Pfarrer  G.  Matthis  zu  Eyweiler  im  Elsafs  erschienene 
Anleitung  zur  Beschäftigung  mit  Ortskunde  und  zur  Abfassung 
von   Ortsgeschichten,    die    den   wissenschaftlicherseits   gestellten    An- 


i)  Herausgegeben  von  H.  Sohnrey.     8.  Jahrgang.     Berlin  1900.     Nr.  15,  16  und 
17;  vgl    auch  1894  Nr.  5  und   1895  Nr.  23. 


—     204     — 

forderungen  in  der  Hauptsache  gerecht  wird.  Indessen  verfolgt  das 
„Land**  nicht  ganz  den  gleichen  Zweck  wie  wir.  Ihm  ist  wohl 
„  die  Ortsgeschichte  auch  ein  wichtiges  Stück  der  allgemeinen  Landes- 
geschichte, die  durch  sie  Farbenfrische  und  Anschaulichkeit  empfang-t 
oder  doch  empfangen  sollte";  aber  in  diesem  Sinne  ist  sie  für  ihn 
nur  Nebenzweck,  er  betrachtet  sie  „in  erster  Linie  als  ein  Mittel 
zur  Heimatpflege**;  sie  ist  ihm  darum  „die  pragmatische  Darstellung- 
aller  Vorgänge,  die  zur  äufseren  und  inneren  Ausgestaltung  der  heimat- 
lichen Gemeinde  beigetragen  haben**.  Bei  der  Sammlung,  Sich- 
tung und  Verwertung  des  Stoffes  können  wir  wohl  mit  dem  „Land" 
zusammengehen,  wie  die  von  ihm  geltend  gemachten  Gesichtspunkte 
der  Bearbeitung  zeigen,  nur  werden  wir  in  der  Darstellung  die  vom 
„Land**  über  alles  betonte  heimatkundliche  Seite  auf  ihr  Mafe  be- 
schränken. Das  „Land**  kommt  aber  unseren  Bestrebungen  auch  in- 
sofern sehr  entgegen,  als  es  hauptsächlich  auf  Geistliche  und  Lehrer 
einzuwirken  sucht,  welche  die  überwiegende  Zahl  aller  Lokalhistoriker 
ausmachen. 

Von  den  mir  bekannt  gewordenen  Ortsgeschichten  der  letzten 
zwei  Jahrzehnte  sind  verschwindend  wenige,  welche  vollkommen  dem 
Mafsstab  entsprechen,  den  wir  nach  den  vorstehenden  Darlegungen 
heutzutage  an  derartige  Arbeiten  legen  müssen.  Selbst  in  den  leichten 
Fällen,  wo  es  sich  darum  handelt,  den  ganzen  Stoff  in  einer  Abhand- 
lung von  einem  oder  höchstens  zwei  Druckbogen  Umfang  zu  bewäl- 
tigen, glückt  es  dem  Verfasser  selten  genug,  das  Charakteristische  und 
Typische  herauszustellen  und  eine  Darstellung  zu  schaffen,  die  dauern- 
den Wert  hätte.  Eine  rühmenswerte  Ausnahme  macht  ein  Vortrag- 
A.  Johns,  des  unermüdlichen  Erforschers  der  Volkskunde  Deutsch- 
böhmens, über  die  Geschichte  des  Egerländer  Dorfes  Oberlohma 
bei  Franzensbad  *),  seiner  Heimat,  den  man  wirklich  mit  Interesse  und 
Nutzen  liest. 

Als  vor  vier  Jahren  ein  Geistlicher  mir  seine  Lust  zur  Bearbeitung- 
einer Geschichte  meines  Heimatdorfes  äufserte  und  mit  der  Frage  nach 
einem  entsprechenden  Muster  an  mich  herantrat,  habe  ich  mich  ver- 
geblich nach  einem  solchen  umgesehen.  Es  blieb  mir  schliefslich 
nichts  anderes  übrig  als  selbst  Hand  ans  Werk  zu  legen.  So  habe 
ich    dann   die   Geschichte  Steinbachs  bei  Mudau   geschrieben  *)   und 

i)  Eger  1898.  Sonderaasgabe  aus  „Unser  Egerland.  Blätter  für  Egerländer  Volks- 
kunde" n  (1898),  Heft  6. 

2)  Steinbach  bei  Mudau.  Geschichte  eines  fränkischen  Dorfes.  Mit  15  Abbildungen 
und   I   Gemarkungskarte.     Freiburg  i.  Br.   1899.     Xu.   181   S.  gr.  8. 


—     205     — 

mich  dabei  bemüht,  die  vorhin  erörterten  Bedingungen  und  Gesichts- 
punkte   im   wesentlichen  zu  erfüllen;   dafe  mir  dies  gelungen  sei,   hat 
die  Kritik  ^)  einhellig  anerkannt.     Das  gesamte  aus  Archiven,  Druck- 
schriften  und   mündlichen  Erhebungen   gewonnene  Material   über   den 
m  der   Zeit   des   fränkischen   Markenausbaues   entstandenen  Ort   teilte 
ich  in  neun  Abschnitte,  deren  Hauptinhalt  folgendermafsen  gruppiert  ist: 
/.  Lage   und   Beschaffenheit    (S.    i  —  lo).     Geographische    und 
natürliche   Lage  und  Anlage  des  Dorfes.     Höhe.     Gröfse.     Grenzen. 
Gewässer.     Landschaftlicher  Charakter.     Bodenbeschaffenheit.     Witte- 
rung.   Mineralien.  Tiere.    Pflanzen.    Bevölkerungsbewegung.    Politische 
Einrichtung.      2)    Zur    Besiedelungsgeschichte     (S.     11 — 23). 
Älteste  Bevölkerung  (Stein-  und  Eisenzeit).     Kelten,  Helvetier,  Marko- 
mannen.   Römer  und  deren  Grenzbefestigung  (Limes).   Römischer  Altar- 
stein.   Teutonen.    Alamannen,  Franken  und  deren  Siedelungen.    Grün- 
dung des  Klosters  Amorbach  und  dessen  Kulturmission.     Zusammen- 
setzung der  Ortsbevölkerung.     3.  Allgemeiner  Zustand  Stein- 
bachs in  den  ersten  Jahrhunderten  seines  Bestehens  (S.  24 
bis  37).     Denkmale  der  ersten  geschichtlichen  Zeit.  Politische  Organi- 
sation Frankens   unter  den  Merowingem  und  Karolingern.     Gau-  und 
Genchtsverfassung.     Volksrecht.     Wirtschaftliche  und  ständische  Ver- 
iialtiiisse.    Gruüdhörigkeit.   Gesetze.    Steuern.    Münzen.    Einführung  des 
Christentums.     Kirchliche  Organisation.     Politischer  Zustand  am  Ende 
des  XIII.  Jahrh.     4.  Güterstand  und  wirtschaftliche  Verhält- 
nisse des  Ortes  vom  XIV.  bis  zum  XIX.  Jahrh.   (S.  38 — 74). 
(Handschriftliche)  Quellen.  Eigentumsverhältnisse.  Das  mainzische  Hof- 
gut  Elrbbestandsbriefe.  Die  Hubgüter  und  Hofstätten.  Wirtschaftsbetrieb 
(Ackerbau  und  Viehzucht,  Waldwesen).     5.  Abgaben  und  Dienste 
(S.  75 — 107).  Lage  des  Bauernstandes  im  Mittelalter.   Bäuerliche  Lasten: 
Grundzins,  Gült,  Zehnte;  Frondienst.    Rechtszustand  des  Ortes  im  Jahre 
1668.     Ablösimg  der  Abgaben  und  Berechtigungen.     6.  Recht  und 
Gericht  (S.  108 — 121).    Altes  Recht.    Zehntgericht  und  dessen  Ge- 
rechtsame.   Gerichtspersonal.    Rüg-  oder  Untergericht.    Untergerichts- 
ordnung von  1534.     Ortsbehörden.     Schultheifsen  und  Bürgermeister. 


i)  So  K.  Brnnner  in  der  „Beil.  2.  Allgem.  Zeit"  1900  Nr.  127;  O.  Heilig  in 
der  mBmI.  Schvlseit"  1899  Nr.  34;  Fh.  Kaatsmann  in  den  „Mannheimer  Geschicbts- 
Blättere''  i  (1900),  197 f.;  L.  Korth  im  „Bad.  Beobachter'*  1899  ^r.  181 ;  K.  Obser 
in  der  „Zeitichr.  f.  d.  Gesch.  d.  Oberrheins"  N.  F.  15  (1900),  191  f.;  I.  San  er  im 
,,Oberrhem.  PastoralbL"  i  (1899),  3^7;  U.  Stnts  in  der  „Zeitschr.  f.  Rechtsgesch.  XX 
(1900).  Genn.  AbL  S.  336 f.;  Fr.  Ton  Weech  in  der  „Karlsruher  Zeit"  1899  Nr.  367 
«•  a.  mehr. 


—     206     — 

Huldigung"  der  Unterthanen.  7.  Kirche  und  Schule  (S.  122 — 148). 
Gläubiger  Sinn  des  Landvolkes.  Stiftungsbrief  der  alten  Kirche  (1407). 
Baubeschreibung.  Verhältnis  des  Filials  zur  Mutterkirche.  Einkommen 
des  Pfarrers.  Vermögen  des  Kirchenfonds.  Bemühungen  um  eine 
eigene  Pfarrei.  Errichtung  derselben  1871.  Pfarrer.  Neue  Kirche.  — 
Anfange  und  Entwickelung  der  Volksschule.  Lehrverhältnisse  und 
Lehrer.  8.  Aufsere  Schicksale  Steinbachs  von  der  ältesten 
bis  auf  die  neueste  Zeit  (S.  149  —  164).  Anteil  der  Landbewohner 
an  den  Weltbegebenheiten.  Kämpfe  zur  Römerzeit.  Raubzüge  der 
Ungarn.  Kämpfe  um  die  Reichs-  und  Kirchenverfassung.  Ständische 
Gegensätze.  Bauernkrieg  (1525).  Dreifsigjähriger  Krieg.  Kriegsdrang- 
sale  des  XVIII.  Jahrh.  Landsturm.  Die  Jahre  1802  und  1806.  48er 
Bewegung.  Das  Jahr  1870/71  und  seine  Folgen.  9.  Allerlei  aus 
dem  häuslichen  und  öffentlichen  Leben  Steinbachs  in 
alter  und  neuer  Zeit  (S.  165 — 181).  Allgemeiner  Untergang  der 
alten  Volksherrlichkeit  in  Sitten  und  Gebräuchen.  Das  Dorf  und  seine 
Reize.  Sein  Urspnmg  und  Name.  Flurnamen.  Tauf-  und  Familien- 
namen. Stammeszugehörigkeit  und  Charaktereigenschaften.  Hausbau. 
Vererbung  der  Höfe.  Lebensweise  (Nahrung).  Alte  und  neue  Tracht. 
Volksgebräuche.  Mundart.  Volkstümliche  Personen.  Gewerbe.  — 
Pfarrer,  Lehrer  und  Ortsbewohner  im  Verhältnis  ihrer  gegenseitigen 
Pflicht  und  Hingabe.  —  Dazu  sei  ausdrücklich  bemerkt,  dafs  die  aus 
den  Überschriften  als  rein  allgemein  erscheinenden  Punkte  und  Partieen 
stets  nur  in  ihren  Beziehungen  und  Berührungen  mit  der  Ortsgeschichte 
sich  bewegen,  das  Allgemeine  stets  nur  soweit  Raum  gewinnt,  als  es 
zum  Verständnis  des  Speziellen,  Lokalen  notwendig  war.  Einige 
typische  Bilder  zu  diesen  Ausführungen  durften  natürlich  in  einer  Zeit, 
wo  alles  illustriert  wird,  nicht  fehlen. 

Wenn  ich  mein  Büchlein  mit  einigen  anderen  in  den  letzten  paar 
Jahren  erschienenen  Ortsgeschichten,  die  mir  gerade  zur  Hand  sind,  ver- 
gleiche, so  finde  ich,  dafs  es  nicht  der  Stoff,  sondern  die  Unerfahren- 
heit  der  Verfasser  ist,  was  das  Mifslingen  der  Arbeiten  zur  Folge  hat. 
So  gab  Pfarrer  Brumme  1899  ^^^  Geschichte  des  Dorfes  und 
Kirchspiels  Friedrichswerth  in  Sachsen- Gotha  ^)  heraus,  ein  stattliches 
Buch  von  nahezu  400  Seiten  Umfang,  dessen  reicher  Inhalt  jedoch 
lediglich  zu  einer  Aneinanderreihung  von  merkwürdigen  Begebenheiten 


i)  Fr.  Bramme,  Das  Dorf  und  Kirchspiel  Friedrichswerth  (ehemals  Erffa  genannt) 
im  Herzogtum  Sachsen-Gotha.  Mit  besonderer  Berücksichtigung  der  freiherrlichen  Familie 
Ton  Erffa.  Eine  thüringische  Ortschronik.  Gotha,  Druck  von  Friedrich  Andreas  Perthes, 
1899.     XII  u.  394  S.  gr.  8  mit  18  Abbildungen  und  4  Plänen. 


—     207     — 

verwendet  ist      Es  ist  schade  für  die  Vergangenheit  des  als  Sitz  eines 
alten    Adelsgeschlechts   ausgezeichneten   Ortes,   die   bei  wissenschaft- 
licher Behandlung  ein  auch  für  weitere  Kreise  interessantes  Geschichts- 
bild ei]geben  haben  würde.    Hier  aber  ist  alles  unterschiedslos  durch- 
änandergemengt ,    das  Wesentliche   über  dem   Nebensächlichen  ganz 
imverhältnismäfsig  vernachlässigt ;  sobald  man  glaubt,  jetzt  kommt  der 
Verfasser  auf  das  zu  sprechen,  was  man  eigentlich  zu  wissen  wünscht, 
macht  man  die  Erfahrung,   daüs   seine   sonst  so   sehr  geläufige  Feder 
völlig    versagt.     Das   ganze,    zu   drei   Vierteilen   Kalenderware,    wird, 
einige  Friedrichswerther  ausgenommen,  schwerlich  viele  Leser  finden, 
sicherlich   wenig   wahren  Nutzen   stiften,   da   es  wohl  die  Neugier  be- 
firiedigt  und  der  Unterhaltung  dient,   aber  wenig  von  jenen  Vorzügen 
aufweist,   welche  schon  Cicero  als  die  hervorragendsten  Eigenschaften 
der  Geschichte  rühmt. 

Etwas  besser  ist  Dietterles  Geschichte  der  Kirchfahrt  Burk- 
hardswalde  ^)  bei  Pirna  in  Sachsen  geraten ,  wiewohl  auch  sie  als 
populärwissenschaftliche  Darstellung  in  unserem  Sinne  nicht  genügt. 
Er  hat  seine  Aufgabe  tiefer  aufgefafst,  Sinn  und  Zusammenhang  in 
s^e  Darlegungen  zu  bringen  gesucht  und  erfreulicherweise  auch 
^t  salbungsvoll-erbaulichen  Betrachtungen  und  Nutzanwendungen  „nach 
dem  Muster  älterer  Chroniken''  vermieden. 

Wieder  weniger  ist  dies  seinem  Amtsbruder  Schmidt  mit  seiner 
Chronik  von  Gaiberg-Waldhilsbach  bei  Heidelberg  gelungen,  der 
alJzuhäufig  in  den  gewohnten  Predigerton  verfällt,  sich  unnötig  an  dem 
„entsetzlichen"  Latein  der  mittelalterlichen  Urkunden  stöfst,  dabei  aber 
selbst  oft  in  merkwürdig  naiver  Weise  zu  Werke  geht  Auf  die 
„Christianisierung*'  seines  Kirchenortes  folgt  bei  ihm  unmittelbar  die 
„Reformation  und  Gegenreformation'*;  mit  drei  weiteren  Abschnitten: 
„Kirchengemeinde  und  Kirchengut",  „Schulgemeinde  und  Schulgut"  (!) 
und  „Politische  Gemeinde  und  Gemeindegut"  ist  sein  Thema  erschöpft. 
Das  Überwiegen  des  Kirchengeschichtlichen  wollte  man  ihm  gerne 
nachsehen,  wenn  er  auch  nur  mit  je  ein  paar  Seiten  die  Geschichte 
der  rechtlichen  und  wirtschaftlichen,  der  sozialen,  kulturellen  und  ethisch- 
individuellen Entwickelung  seines  Pfarrdorfes  bedacht  hätte. 

i)  J.  A.  Dietterle,  Bnrkhardswalde.  Geschichte  der  Kirchfahrt  und  der  vier  zu 
ihr  gehörenden  Dörfer  Burkhardswalde,  Biensdorf,  Grofsröhrsdorf,  Nenntmansdorf.  Dresden 
1900.     Xn  n.  244  S.  kl.  8  mit  9  Abbildungen. 

2)  JuL  Schmidt,  Chronik  Ton  Gaiberg-Waldhilsbach.  Zugleich  ein  Beitrag  zur 
PfiUzer  Kirchengeschichte.  Heidelberg,  Evangelischer  Verlag,  1901.  VII  u.  142 
S.  gr.  8. 


—     208     — 

Nicht  ungeschickt  ist  Fleischhauers  Dorfbild  von  Oberspier 
im  Fürstentum  Schwarzburg-Sondershausen  ^).  Er  hat  im  äufseren 
die  chronologische  Ordnung  eingehalten,  in  die  er  reichlich  kulturelle, 
rechts-  und  wirtschaftsgeschichtliche  Züge  und  Betrachtungen  verwebt. 
Dabei  sind  ihm  allerdings  die  Angaben  über  Lage,  Ausdehnung,  Ein- 
wohnerzahl u.  dergl.  an  den  Schlufs  statt  an  den  Anfang  geraten. 
Seine  Erzählung  ist  warm  und  lebendig.  Im  allgemeinen  versteht  er 
auch  das  Bedeutende  und  Wesentliche  hervorzuheben,  aber  allzusehr 
in  die  Tiefe  dringt  er  nicht,  und  der  Unterhaltung  scheint  fast  mehr 
Rechnung  getragen  als  der  Belehrung. 

Es  ist  kein  Zweifel,  dais  alle  diese  Verfasser  mehr  oder  weniger 
die  Fähigkeiten  und  den  Eifer,  mit  einem  Worte:  den  Beruf  zum 
Lokalgeschichtsforscher  besitzen,  dafs  ihnen  aber  noch  die  Hauptsache, 
die  kritisch  erlernte  theoretische  Methode  fehlt.  Mit  dem  guten  Willen 
und  der  Liebe  zur  heimatlichen  Scholle  allein  ist  es  nicht  gethan;  die 
Erfassung  des  Wesens  der  Sache,  das  Durchdringen  und  Verarbeiten 
des  Stoffes  macht  den  Greschichtschreiber,  nicht  allein  das  Zusammen- 
tragen, '  Ausziehen  und  Aneinanderreihen  der  Begebenheiten  und  That- 
sachen.  Die  Aufgabe  der  Lokalgeschichtschreibung  ist  noch  nicht  er- 
füllt, wenn  die  Merkwürdigkeiten  eines  Ortes  sachgemäfs  und  stilgerecht 
beschrieben  sind.  Bei  der  neuesten  Entwickelung  der  Geschichtswissen- 
schaft ist  ein  treues  BUd  der  Geschichte,  sei  es  im  grofsen,  sei  es  im 
einzelnen  und  kleinen,  ohne  den  Hintergrund  einer  grofsen  Weltan- 
schauung undenkbar.  Jede  geschichtliche  Erscheinung  verlangt  in  ihrem 
Zusammenhang  mit  der  Weltgeschichte  zur  Darstellung  gebracht  zu 
werden.  Und  nachdem  der  Ausbau  der  allgemeinen  Geschichtswissen- 
schaft auch  die  Wege  und  Ziele  der  Lokalforschung  so  deutlich  ab- 
g^renzt  und  dargelegt  hat,  ist  es  einerseits  eine  Ehrensache,  andrer- 
seits ein  Prüfstein  für  die  Liebhaber  dieses  Faches,  den  Weg  genau 
einzuhalten  und  das  Ziel  unverrückt  vor  Augen  zu  haben ;  aber  den 
meisten  scheint  der  Weg  noch  unbekannt,  das  Ziel  füt  viele  unerreich- 
bar zu  sein. 


i)  O.  Fleiscbhaaer,  O.    Ein  Dorfbfld  au»  alter  und  neuer  Zeit.    Sondenhansea 
1897.     121  S.    8  0   mit  I  Plane. 


^^N»M^^^^^>^^»^^N^^^»»»^»<» 


—     209     — 

Ortsnamenforsehung  und  Wittsehafts^ 

gesehiehte 

Von 
Hans  Witte  (Schwerin) 

(Schilfs*) 

Fa&t  man  die  oben  wiedeigegebenen  wirtschaftlichen  Ansichten 
Hee^^ers  zusammen,  so  eigiebt  sich,  dafs  er  von  allen  in  der  Pfalz 
and  im  Eisais  vorkommenden  Ortsnamentypen  einzig  und  allein  die 
-iogen  als  Sippen-  oder  Bauemsiedelungen  gelten  läfst!  Hinsichtlich 
der  wenigen  -dorf  enthält  er  sich  des  Urteils.  Alle  übrigen,  die  -weiler, 
-heim»  -stadt,  -stein,  -hofen,  -hausen,  -bach,  -ach,  -au  sollen  aus  grund- 
herrlicher  Niederlassung  hervorgegangen  sein. 

Und  nun  erinnere  man  sich  an  das,  was  oben  (S.  155)  über  das 
Vorherrschen  der  -heim  in  dem  bezeichneten  Gebiet  gesagt  worden 
ist,  nnd  daran,  dals  dort  überall  die  -ingen  diesem  herrschenden  Typ 
gegenüber  eine  mehr  als  bescheidene  Rolle  spielen,  wie  sie  durch 
das  Vorkommen  nur  eines  einzigen  -ingen  in  der  ganzen  unterelsässi- 
schen  Ebene  genügend  gekennzeichnet  ist.  Das  Oberelsafs  unter- 
scVie^t  sich  davon  nicht  wesentlich,  und  nur  in  der  Vorderpfalz  giebt 
es  einige  -ingen  mehr,  denen  gegenüber  jedoch  die  -heim  immer  noch 
exD  erdrückendes  Übergewicht  behaupten.  Heeger  zählt  hier  18 
-ingen  (S.  5  ff.)  gegen  104  -heim  auf.  Dazu  kämen  dann  noch  alle 
^c  mit  den  andern  oben  aufgezählten  Grundwörtern  gebildeten  Orts- 
namen, um  die  Zahl  der  angeblichen  Herrensiedelungen  voll  zu  machen. 

So  führt  die  Ortsnamenforschung  wirtschaftlicher  Richtung,  wie  sie 
von  Schiber  angebahnt  und  von  Heeger  weiter  ausgebaut  worden 
ist,  zu  dem  überraschenden  Elrgebnis,  dafs  sich  in  der  Ebene  des  El- 
sa(s  und  der  Pfalz  im  VI.  Jahrh.  fast  gar  keine  Bauemdörfer,  da- 
geg^en  aber  eine  überwältigende  Masse  grundherrlicher  Siedelungen 
befunden  haben  sollen.  Überraschend  nenne  ich  dies  Ergebnis  des- 
wegen, weil  die  genannten  Landschaften,  in  denen  wir  schon  im  Mittel- 
alter, soweit  die  Quellen  unseren  Blick  zurückdringen  lassen,  auf  Schritt 
und  Tritt  einem  überwiegenden,  kräftig  entwickelten  bäuerlichen  Leben 
nüt  der  charakteristischen  Hufenverfassung,  mit  der  Gewanneinteilung 
des  Ackerlandes,  mit  der  gemeinsamen  Nutzung  der  Almenden  be- 
gegnen, sich  bis  auf  den  heutigen  Tag  als  ganz  spezifische 
Bauernländer  erhalten  haben.  Das  wäre  sicherlich  nicht  der  Fall, 
wenn  im  VI.  Jahrh.    nahezu  jeder   Ort  ein  Herrensitz  gewesen  wäre. 


*)  Vgl  obeo  S.  153  bis  166. 

15 


—     210     — 

Eigentlich  genügt  schon  diese  einzige  Thatsache,   um   die  ganze 
Schiber-Heeg ersehe  Theorie  über  den  Haufen  zu  werfen,  denn  in 
einem  ursprünglichen  Bauemlande  kann  wohl  im  Laufe  der  Jahrhunderte 
ein  mächtiger  Herrenstand  emporwachsen ;  aber  auf  Grund  nahezu  aus- 
schlieCslicher  Herrensiedelung  können  sich  niemals  so  vorherrschende 
und  den  deutlichen  Stempel   volkstümlicher  Entstehungsart   tragende 
bäuerliche  Verhältnisse  entwickeln,  wie  sie   noch   heute  im  Lande  be- 
stehen.   Die  jetzt  noch  das  ganze  ebene  Land  des  Elsafs  bedeckenden 
volksmäfsigen  Siedelungen  mit  ihren  uralten  Gerechtsamen  der  Hufen- 
verfassung,  der  Gewanneinteilung  und  Almendennutzung  können   nur 
entstanden  sein  durch  Niederlassung  gleichberechtigter  Genossen,  deren 
Gesamtheit  über  die  Feldmark  zu  entscheiden  hatte,  niemals  aber  aus 
Herrensiedelungen,  in  denen  der  Wille  eines  Einzelnen  mafsgebend  war. 

Aber  diese  überwiegenden  bäuerlichen  Verhältnisse  stammten,  wie 
mit  Sicherheit  angenommen  werden  darf,  schon  aus  der  Zeit  vor  dem 
VL  Jahrh.  Wäre  dann  wirklich  aus  der  fränkischen  Eroberung* 
nur  die  Menge  von  Herrensiedelungen  hervorgegangen,  die  man  nach 
Schiber  in  den  -heim  sehen  soll,  so  wäre  schon  dadurch  das  Bauern- 
tum in  der  überwiegenden  Masse  der  Ortschaften  mit  einem  Schlage 
in  eine  nur  geduldete  Stellung  zurückgedrängt  worden.  Die  örtlichen 
Grundherrschaften,  die  überall,  wo  sie  nicht  von  einer  mächtigen  Hand 
niedergehalten  werden,  die  Bauern  vergewaltigen,  würden  hier  als  Ver- 
treter auswärtiger  Eroberer  noch  viel  zerstörender  gewirkt  haben.  Wäre 
Schibers  Theorie  richtig,  so  hätten  mindestens  die  Orte  auf  -heim 
ihren  überwiegend  bäuerlichen  Charakter  schon  in  früher  Zeit  einbüisen 
müssen;  dann  könnten  sie  nicht  heute  noch  die  uralte  volkstümliche 
Gewanneinteilung  und  die  für  die  Gleichberechtigung  der  Ortsgenossen 
besonders  bezeichnenden  Almenden  so  ungestört  bewahren  *).  Wäre 
aber  sogar  H  e  e  g  e  r  s  Ausgestaltung  der  Schiber  sehen  Theorie  richtig, 
dann  wären  die  wenigen  im  VI.  Jahrh.  noch  vorhandenen  bäuerlichen  Ge- 
rechtsame mit  Stumpf  und  Stiel  von  dem  überwältigenden  Herrenstande 
ausgerottet  worden   und  keine  Spur  von   ihnen   auf  uns  gekommen. 


i)  Eine  auf  meine  Bitte  vom  Direktor  des  kaiserl.  Besirksarchivs  za  Strafsbnrg,  Herrn 
Prof.  Dr.  Wiegan d  „auf  gnt  Glück"  vorgenommene  Stichprobe  ergab  urkondlich  er- 
wähnte Almenden  in  Danzenheim  1550 — 1654,  Hattmatt  1657,  Ingenheim  1386,  Kogen- 
heim  1473,  Marlenheim  1472,  Meinolsheim  1601,  Molsheim  1630,  Mommenheim  1564, 
Wolxheim  1350.  Eine  systematische  Nachforschnng  würde  natürlich  eine  ganz  andere 
Zosammenstellong  gebracht  haben,  als  diese  Stichprobe,  die  aber  als  solche  fUr  die 
Zwecke  dieser  Untersuchung  vollständig- genügt  Wiegan d  glaubt,  „daCi  fast  in  jedem. 
Dorf  [des  Unterelsafs]  im  Mittelalter  Almenden  vorhanden  waren". 


—     211     — 

Andrerseits,    wenn  wirklich  im  VI.   Jabrh.  die  Ebene    des   Elsafs 
und   der  Pfalz   so  beinahe   ausschlieislich   von  Herrensiedelungen  ein- 
genommen war,   wie  man   nach  Schiber-Heegfer  anzunehmen  ge- 
zwungen ist;  wenn  dort  wirklich  in  nahezu  jedem  Orte  ein  fränkischer 
Herr  safs ,    so   mufsten    aus   diesem   Zustande   so  ungezählte  Herren- 
g^escfalccbter  erblühen,  dals  auch  in  den  späteren  Jährhunderten  diese 
I^ndschaften  sich  noch  durch  einen  aufsei^ewöhnlich  zahlreichen  Adel 
7on  der  weniger  mit  Heimorten  gesegneten  Nachbarschaft  abgehoben 
haben  müfsten.    Die  Wirklichkeit  zeigt  uns  aber,  sobald  die  Urkunden 
Qur  reichlicher  flielsen,  ein  ganz  anderes  Bild  als  die  Theorie:  anstatt 
des  zu  erwartenden  zahllosen  Herrenstandes  sehen   wir  fast  allerorten 
Qor  Bauernschaften;  Adelige  sind  natürlich  vorhanden,   aber  so  spär- 
lich über  das  Land  (besonders   das  Elsafs)  verteilt,   dais   ihre  geringe 
Anzahl  sogar  demjenigen  auffallen  mufs,  dessen  Seele  von  den  Schi - 
b er- Heeger sehen  Herrensiedelungen   nichts   ahnt.     Und   dieser   an 
Zahl  geringe  Adel,  wie  er  im  späteren  Mittelalter  zu  erkennen  ist,  ent- 
sprang noch  gröfstenteils  aus  der  Ministerialität,  ist  also  so  späten  Ur- 
sprungs,   dafs  ein  Zusammenhang  mit    den   angeblich  im    VI.  Jahrh. 
angewedelten   Herrengeschlechtern    ausgeschlossen   ist.      Zudem    safs 
dieser  Adel   überwiegend   nicht    in   der   durch   Ortsnamen   auf  -heim 
gekennzeichneten   Ebene,    sondern    in   den   Vorbergen    des  Wasgau, 
doit    wo     die    Heimorte     nur    noch    ganz    spärlich    oder    gar   nicht 
mehr  vertreten  sind.    Der  durch  das  massenhafte  Auftreten  der  -heim 
nach   Schiber   schon   vom    VI.    Jahrh.    an    für  den   Adel  prädesti- 
nierte Teil  des  Elsafs   erhielt  einen  solchen  grofsenteils  erst  dadurch, 
da&  zahlreiche  städtische  Patrizierfamilien  sich  auf  dem  Lande  an- 
siedelten tmd  bis  dahin  rein  bäuerliche  Dörfer  mit  neuen  Herrensitzen 
ausstatteten.     Das  sind  aber  erst  Vorgänge  des   ausgehenden  Mittel- 
alters, Kraftäufserungen   des   städtischen  Kapitalismus,    durch  welchen 
dem  schwachen  Landadel  neues  Blut  zugeführt  wurde. 

Zieht  man  von   dem  elsässischen  Adel  die  aus  der  Ministerialität 

and  aus   dem  städtischen  Patriziat    erwachsenen  Bestandteile   ab,    so 

bleibt  äufeerst  wenig  übrig  ^).     Könnte  man  nun  wirklich  dies  Wenige 

als  aus  der  angeblichen  fränkischen  Herreneinwanderung  des  VI.  Jahrhs. 

hervorgegangen    nachweisen,    so    würde  auch    das  noch  ein   nahezu 


i)  Sehr  bezeichnend  für  die  junge  Herkonft  des  elsässischen  Adels  ist  die  mir  eben- 
falls Ton  Herrn  Prof.  Wieg  and  mitgeteilte  Thatsache,  dais  das  Straisbnrger  Domkapitel, 
das  fSr  seine  Angehörigen  alten  Adel  verlangte,  sich  zum  größten  Teile  aas  den  über- 
liieiiuschen  Landen,  ans  Oberschwaben,   der  Bar  n.  s.  w.  rekrutieren  mufste.     Offenbar 

15* 


—     212     — 

völliges  und  spurloses  Verschwinden  der  aus  ihr  hervorg^angenen 
Herrengeschlechter  bedeuten.  Da  man  aber  diesen  Nachweis 
nicht  zu  führen,  ja  nicht  einmal  eine  entfernte  Wahrscheinlichkeit  zu 
gewinnen  vermag,  so  ist  dies  Verschwinden  in  der  That  ein  völliges 
und  gänzlich  unerklärliches.  Von  einem  Herabsinken  in  den  Bauern- 
stand kann  keine  Rede  sein,  da  dieser  Adel  ja  nach  Schiber  zur 
Sicherung  der  fränkischen  Eroberung  eingesetzt  worden  war  und  um 
diesen  seinen  militärischen  und  zugleich  hochpolitischen  Zweck  zu  er- 
füllen, doch  wohl  hinreichend  ausgestattet  sein  mufste,  um  sich  längere 
Zeit  halten  zu  können.  Und  wenn  schon  mit  seinem  Erscheinen  eine 
so  grofse  Umwälzung  der  bestehenden  Verhältnisse  verbunden  gewesen 
sein  soll,  dafs  fast  sämtliche  alte  Alemannenorte  mit  neuen  Namen 
versehen  wurden,  so  mufs  man  wohl  erwarten,  dafs  er  auch  sonst  er- 
kennbare Spuren  im  Lande  hinterlassen  hätte.  Das  ist  nicht  der  Fall. 
Im  Gegenteil,  fast  überall,  wo  wir  nach  Schiber-Heeger  Spuren 
grundherrlicher  Siedelung  erwarten  sollten,  sogar  inSchibers  spezi- 
fisch fränkischen  Herrensiedelungen  auf  -heim,  erkennen  wir  die  bis 
auf  den  heutigen  Tag  deutlich  genug  erhaltenen  charakteristischen 
Kennzeichen  altbäuerlicher  Siedelungsart !  Sollte  das  noch  nicht  hin- 
reichen, um  der  Seh ib ersehen  Theorie  nebst  ihrer  He eger sehen 
Ausgestaltung  den  Abschied  zu  geben? 

Das  jedenfalls  glaube  ich  in  obigen  Ausführungen  gezeigt  zu  haben, 
dafs  die  Theorie  hier  abermals  in  schroffem  Widerspruch  mit  den  that- 
sächlichen  Verhältnissen  steht.  Diesem  Zwiespalt  kann  nicht  ab- 
geholfen werden,  indem  man  die  Thatsachen  meistert,  wie  es  Schiber 
bei  dem  ersten  ihm  zum  Bewufstsein  gekommenen  Widerspruch  der 
Thatsachen  gegen  sein  System  versucht  hatte,  indem  er  die  Theorie 
der  Umnennung  der  wirklich  vorhandenen  elsässischen  -heim  aus  ima- 
ginären -ingen  ersann.  Die  Thatsachen  haben  ein  zäheres  Leben  als 
solche  wissenschafUiche  Kunststückehen. 

Die  Erkenntnis  des  Zwiespaltes  zwischen  Theorie  und  Wirklichkeit 
ist  nur  dann  forderlich,  wenn  sie  keinen  Vertuschungsversuch  zeitigt, 
sondern  die  Veranlassung  zu  einem  ernsten  Forsehen  nach  dem  Fehler 
der  Theorie  wird.  Der  Grundfehler,  an  dem  dies  Schiber-Hee- 
ger sehe  System  krankt,  beruht  in  der  Methode,  die  zu  seinem  Auf- 


war alter  Adel  im  EUafs  fast  gar  nicht  vorhanden.  Dies  trifft  schon  fUr  das  XIL  and 
XIII.  Jahrh.  zu.  Wie  anders  würde  sich  dies  alles  gestaltet  haben,  wenn  in  der  That 
im  VI.  Jahrhundert  dnrch  eine  äofserst  sahlreiche  fränkische  Herreneinwandenmg  der  Gmnd 
(Ür  eine  Adelsentwickelang  gelegt  worden  wäre,  wie  ihn  keine  andere  deutsche  Land- 
schaft aufzuweisen  hatte! 


—     213     — 

bau  g^efiihrt  hat.  Nicht  die  Sonderung  der  Ortsnamen  nach  ihren 
Gnindworten  (Endungen)  in  verschiedene  Gruppen  war  fehlerhaft;  ohne 
dies  Verfahren  würde  es  überhaupt  keine  wissenschaftliche  Ortsnamen- 
foischung  geben.  Aber  dais  man  die  so  erhaltenen  Gruppen  von  vorn 
heiein  als  untrennbare  Einheiten  betrachtete,  dafs  man  durch  allgemeine 
Eiwägiingen  (Interpretation  des  Grundwortes,  Vorhandensein  oder  Fehlen 
ron  Personennamen  im  ersten  Gliede)  den  wirtschaftlichen  Charakter 
der  ganzen  Gruppe  feststellen  zu  können  und  ihn  damit  fiir  jede  unter 
die  Gruppe  fallende  einzelne  Namensform  ergründet  zu  haben  meinte, 
darin,  in  dieser  rein  deduktiven  Methode,  beruht  die  Fehlerquelle,  der 
Schi  her  sowohl  wie  Heeger  zum  Opfer  gefallen  ist. 

Nicht  Deduktion,  sondern  Induktion  ist  der  einzige  Weg, 
der  hier  zum  Ziele  führen  kann:  Ausgehen  vom  einzelnen  Orte  der 
Gruppe,  urkundlich  gesicherte  Thatsachen  sammeln,  die  über  die  ur- 
sprung^liche  Siedelungsform  bestimmter  Orte  Licht  verbreiten.  Wenn 
dies  in  ausgiebigem  Mafse  geschehen,  wird  sich  die  Beantwortung  der 
Frage,  ob  diese  oder  jene  durch  das  gleiche  Grundwort  gekennzeich- 
nyete  Ortsnamengruppe  sich  aus  Ortschaften  einheitlichen  Wirtschafts- 
charakters zusammensetzt,  von  selber  ergeben.  Aus  den  Grundworten 
oder  den  Personennamen  im  ersten  Gliede  kann  man  das  in  der  Regel 
nicht  ablesen.  Sind  dagegen  aus  der  urkundlichen  Überlieferung  eines 
Ortes  alte  bäuerliche  Gerechtsame  nachgewiesen  worden,  wie  sie  sich 
mir  in  der  Gemeinschaft  gleichberechtigter  Genossen  entwickeln  können, 
so  darf  man  sicher  sein,  es  mit  einer  Bauemsiedelung  zu  thun  zu 
haben.  Mag  dann  der  Name  auf  -ingen  oder  -heim  lauten,  mag  er 
im  ersten  Gliede  einen  Personennamen  oder  irgend  einen  allgemeinen 
Begriff  haben;  der  urkundlich  verbürgten,  für  das  Wirtschaftsverhältnis 
entscheidenden  Thatsache  gegenüber  kommen  solche  Äufserlichkeiten 
der  Namensform  gar  nicht  in  Betracht. 

Der  oben  erbrachte  archivalische  Nachweis  des  Vorkommens  von 
Almenden  in  Orten  auf  -heim  ist  eine  Thatsache,  die  auf  diesem  induk- 
tiven Forschungswege  ihre  Verwertung  finden  kann  und  mufs.  Wenn  diese 
kuizer  Hand  gemachte  Stichprobe  auch  den  Gedanken  nahelegt,  dafs 
sich  noch  für  zahlreiche  andere  Orte  auf  -heim  das  Vorhandensein 
von  Almenden  urkundlich  feststellen  lassen  wird,  und  wenn  besonders 
die  fast  überall  in  der  Ebene  des  Elsafs  wahrnehmbare  Erhaltung  der 
Almenden  bis  auf  den  heutigen  Tag  in  diesem  Sinne  spricht,  so  denke 
ich  doch  nicht  daran,  nunmehr  zu  behaupten,  alle  -heim  müfsten  -Air 
menden  gehabt  haben  und  demgemäfs  aus  bäuerlicher  Siedelung  er- 
wachsen sein.     Aber  das  kann  schon  jetzt  auf  Grund  der  obigen  Aus- 


—     214     — 

fuhning-en  als  bewiesen  betrachtet  werden,  dafs  die  Schib ersehe 
Theorie  von  dem  g-rundherrlichen  Charakter  der  -heim  nicht  mehr  auf- 
recht erhalten  werden  kann. 

Einen  weiteren  Weg,  durch  induktives  Verfahren   den  Wirtschaft- 

■ 

liehen  Charakter  der  Ansiedelung-en  festzustellen,  hat  Meitzen  gezeigt; 
und  es  kann  nicht  genug  bedauert  werden,  dafs  die  Meitzenschen  Er- 
gebnisse von   Ortsnamenforschem   mit  so   ausgesprochen   wirtschafts- 
geschichtlichen Neigungen  wie  Schi  berund  Heeger  so  ganz  aufser 
acht  gelassen  worden  sind.   Nicht  als  ob  ich  Meitzen  als  einen  Meister 
der  Ortsnamenforschung  hinstellen  wollte.     Darüber  würde   er  selber 
wohl  am  meisten  erstaunt  sein,  hat  er  doch  mehrfach  hervorgehoben, 
da(s  er  in  Sachen  der  Ortsnamenforschung  auf  Arnold  und  Lamp- 
recht  fufst.    In  welchem  Mafse  Meitzen  in  der  That  noch  auf  diesem 
Gebiete  von  veralteten  Anschauungen  beherrscht  wird,  dafür  sei  hier 
nur   ein   bezeichnendes   Beispiel   angeführt:    die    im   niederländischen 
Hasbanien  vorkommenden  -ingen  kann  er  sich  nur  durch  die  Annahme 
erklären,  dafs  nach  der  Schlacht  bei  Zülpich  sich  flüchtige  Alemannen 
dort  niedergelassen  hätten  ^).     Ist  denn  des  Unheils,  das  die  Schlacht 
bei  Zülpich  in  der  Ortsnamenforschung  angerichtet  hat,   immer   noch 
nicht  genug? 

Weit  wichtiger  für   die  Ortsnamenforschung   als   solche   lediglich 
die  Voreingenommenheit   für  einen   veralteten   Standpunkt  kennzeich- 
nende Äufserungen   sind  Meitzens  Fiurkartenforschungen.     Sie  ver- 
dienen   die   weitestgehende   Beachtung    aller   Ortsnamenforscher   wirt- 
schaftsgeschichtlicher Richtung.     Die  Flurkarten   sind  die  Dokumente, 
aus  denen  Meitzen  den  Wirtschaftsstand  der  Orte  bis  zu  ihrem  Ur- 
sprung zurück  erkennen  will.     Und   wenn   Meitzen   darin   vielleicht 
etwas  zu  weit  geht,   dafs    er   die  Entstehung   der  Hufenverfassung  bis 
in   den  Anfangspunkt   des   Sefshaftwerdens   der  germanischen   Völker 
zurückverlegt,  die  aus  der  Völkerwanderung  hervorgegangene  Massen- 
kolonisation am  westlichen  Oberrhein,  um  die  es  sich  hier  einzig  und 
allein  handelt,  hat  sicherlich  die  Hufenverfassung,  die  Gewanneinteilung, 
das  Almendenrecht  schon   fertig   ins  Land   gebracht  und  gleichzeitig 
mit  der  Ortsgründung  angewandt. 

Im  Gegensatz  zu  dem  nur  lückenhaften  Material  der  Urkunden 
bieten  die  für  jeden  Ort  vorhandenen  Flurkarten  eine  Grundlage  von 
einer  Vollständigkeit,   die  nichts   zu  wünschen   übrig  läfst.     Wer  dies 


i)  August  Meitzen,    Sicdelung   und  Agrarwesen   der  Westgcrmaiien    und  Ostger- 
manen.    Berlin  1895.     3  Bände.     I,  S.  549- 


—     215     — 

Material  zu  bandhaben  weiis,  kann  die  Form  der  ursprünglichen  Sie- 
delung  für  jeden  Ort  genau  erschlieisen  und  so  auf  dem  sicheren  Wege 
der  Induktion  feststellen,  ob  und  welche  gemeinsame  Siedelungsform 
eine  jede  Ortsnamengruppe  hatte. 

Indessen  hatMeitzen  selber  auf  diesem  Gebiete  schon  so  treff- 
lich vorgearbeitet,  dafs  wer  nicht  gerade  eine  Statistik  über  diese  Dinge 
aufstellen  wUl,  aus  ihm  schon  genug  entnehmen  kann.  Zu  Tausenden 
sind  ihm  die  Flurkarten  Deutschlands  und  mancher  Nachbargebiete 
durch  die  Hände  gegangen;  und  wenn  überhaupt  jemand  vorhanden 
ist,  der  über  die  unter  den  verschiedenen  Ortsnamentypen  etwa  be- 
griffenen Siedelungsarten  Aufschlufs  zu  geben  vermag,  so  ist 
er  es. 

Seine  Ansicht  über  die  -heim  fafst  er  folgendermafsen  zusammen : 
„Seebohms^)  Meinung,  dafs  alle  Endungen  auf  -heim  auf  den  Frohn- 
hof  eines  Gutes  deuten,  geht  offenbar  zu  weit.  Denn  die  Namen  auf 
heim,  oder  deren  Verkürzungen  um,  em,  en  sind  ...  für  die  alten 
volksmäfsigen  Hufendörfer  der  Sachsen  ebenso  allgemein  wie  für  die 
der  Franken  . . .  Dafs  sie  es  bei  der  Eroberung  Nordfrankreichs  häufig 
auch  auf  Herrenhöfe  übertragen  haben,  liegt  nicht  im  Wortsinn,  son- 
dern in  der  besonders  grofsen  Verbreitung  der  Herrenhöfe  auf  dem 
Eroberungsgebiete."  ') 

Da&  Meitzen  unter  den  Stämmen,  die  volksmäfsige  Hufendörfer, 
also  Bauemsiedelungen  auf  -heim  hervorgebracht  haben,  die  Alemannen 
nicht  erwähnt,  liegt  wohl  lediglich  an  seiner  Voreingenommenheit  für 
das  Arnold  sehe  System.  Dafs  er  die  -heim  der  Pfalz  und  des  Elsafs 
in  ihrer  überwiegenden  Masse  bestimmt  als  Bauernsiedelungen  erkannt 
hat,  davon  kann  sich  jeder  durch  einen  Blick  auf  die  seinem  oben 
dtierten  Werke  beigegebene  Übersichtskarte  überzeugen.  Auf  ihr  er- 
scheint eben  dies  Gebiet  überwiegender  -heim,  die  elsässische  und 
p&Lcische  Ebene,  erfüllt  von  volksmäfsigen  Gewanndörfem  mit  nur 
wenigen  versprengten  Herrensiedelungen. 

Bezeichnend  genug  ist  auch  folgende  Thatsache:  Meitzen  zählt 
einmal  als  Beispiele  volksmäfsiger  Gewannsiedelungen  elf  Ortsnamen 
auf;  unter  ihnen  lauten  nicht  weniger  als  sechs  auf  -heim,  nämlich 
Ober-Hilbersheim,  Gau  Böckelheim,  Spiesheim,  Armsheim,  Odernheim 
und  Pfeddemheim  '). 


i)  Frederic  Seebohm  hatte  schon  vorSchiber  in  seinem  Werk  „The  English 
TiOage  Commnnity  *'  (London  1883)  die  «heim  für  Herrensiedelungen  erklart 

2)  a.  a.  O.  n,  S.  123. 

3)  a.  a.  O.  I,  S.  622,  Anm.  zu  422,  Zeile  15. 


—     216     — 

Hinsichtlich  der  -ing(en)  fafst  Meitzen  sein  Urteil  dahin  zusammen: 
„Bestimmter  lälst  sich  daran  denken,  in  der  Endung  ing  die  Bezeich- 
nung eines  volkstümlichen  Geschlechtsdorfes  zu  suchen"  ^).  Das  ist 
sehr  vorsichtig  ausgedrückt;  und  daCs  hier  in  der  That  von  einer  Regfei 
nicht  gesprochen  werden  kann,  geht  schon  zur  Genüge  daraus  hervor, 
dafis  imter  den  von  Meitzen  angeführten  Beispielen  grundherr- 
licher WeUer-  oder  Hofisiedelungen  sich  Namen  wie  Loifering,  Haindl- 
fing,  Götting,  Arleting,  Schmiding')  befinden  bei  einer  ebenfalls  nur 
geringen  Gesamtzahl  der  Beispiele. 

Die  -weiler  hält  auch  Meitzen  der  Regel  nach  für  gnmdherr- 
liche  Siedelungen.  Aber  Ausnahmen  giebt  es  auch  hier;  als  eine 
solche  führt  Meitzen  das  volksmäfsige  Gewanndorf  Reitweiler  im 
Elsafs  bei  Brumath  an  '). 

Wer  diesen  Dingen  weiter  nachgehen  will,   kann   auf  Grund  der 
von  Meitzen  entwickelten  Methode  der  Flurkartenforschung  und  unter 
Heranziehung  des  urkundlichen  Materials  zu  genauen  Einzelergebnissen 
gelangen.    Sichere  allgemeine  Schlüsse  hinsichtlich  des  wirtschaftlichen 
Charakters  der  uns   besonders  interessierenden  gröfseren  Ortsnamen- 
gruppen des  deutschen  Südwestens  ermöglicht  indessen  schon  das  vor- 
stehend MitgeteUte.     Es   beweist,   dafs   die  Auffassung  der  -heim   als 
Herrensiedelungen   eine   irrige  ist,    daCs   insbesondere   die   -heim   des 
oberen  Rheinthaies  in  ihrer  überwiegenden  Masse  Bauernsiedelungen 
gewesen  sein  müssen;  dafs  die  -ing(en)  vielleicht  überwiegend  Bauern- 
siedelungen waren,   daneben   aber  eine  nicht  unbeträchtliche  Anzahl 
Herrensiedelungen   dieses  Namens  bestand;   dafs  -weiler  wohl  in   der 
Regel,  aber  mcht  ausnahmslos,  grundherrliche  Siedelungen  bezeichnet. 

Möglich  dafs  diese  oder  jene  Gruppe  durch  gemeinsames  Grund- 
wort gekennzeichneter  Ortsnamen  auch  einheitlichen  Wirtschaftscharakter 
hat  *) ;  das  wird  sich  auf  dem  Wege  der  durch  Urkunden  unterstützten 
Flurkartenforschung  feststellen  lassen,  kaum  aber  durch  Interpretation 
der  Namen. 

Der  Glaube  an  den  grundherrlichen  Charakter  der  -heim  und  den 


1)  a.  a.  o.  II,  S.  123. 

a)  a.  a.  O.  I,  S.  433i  437,  45o. 

3)  a.  a.  O.  I,  S.  436. 

4)  Mit  Bezugnahme  auf  England  bemerkt  Meitzen  (II,  S.  124):  „Am  sichersten 
werden  sich  alte  Volksdörfer  an  den  Endongen  by,  low,  mere,  thorpe,  field  erkennen 
lassen,  alte  gatsherrliche  Sitze  aber  an  borg,  borongh,  cester,  hiU."  Gerade  in  England 
ergiebt  die  Flurkartenforschung  wegen  der  schon  in  früher  Zeit  vorgekommenen  Verkop- 
pelangen  nicht  die  sicheren  Resultate  wie  in  Deutschland. 


—     217     — 

ausschlieislichen  Sippencharakter  der  -ingen  ist  der  Eckstein  sowohl 
des  Schiber  sehen  Systems  wie  der  Heeg  er  sehen  Weiterbildung. 
Er  ist  die  Voraussetzung,  aus  der  sich  die  Theorie  der  Umnennung 
der  elsässischen  -heim  aus  angeblich  früher  vorhandenen  -ingen  mit 
Notwendigkeit  ergeben  mufste.  Da  diese  Voraussetzung  sich  als  fehl- 
sam erwiesen  hat,  ist  damit  zugleich  dieser  Umnennungstheorie  und 
aflen  weiteren  Folgerungen  die  einzige  Grundlage,  auf  der  sie  ruhten, 
entzogen. 

Die  Bemühungen  der  wirtschaftlich  gerichteten  Ortsnamenforschung 
sind  hierin  von  keinem  bleibenden  Gewinn  gekrönt  worden.  Die  Wirt- 
schaftsgeschichte unterstützen  zu  wollen  auf  einem  Forschungsgebiete, 
auf  dem  diese  selber  mit  eigener  Methode  zu  sicheren  Ergebnissen 
gelangen  kann  und  zum  Teil  schon  gelangt  ist,  erscheint  um  so  ver- 
fehlter, als  die  Ortsnamenforschung  hierin  bis  jetzt  nicht  über  Hypo- 
thesen hinausgekommen  ist,  deren  Unbeweisbarkeit  noch  von  Heeger 
offen  eingestanden  wurde.  In  diesen  Dingen  wird  die  Ortsnamen- 
forschung^  sich  der  Wirtschaftsgeschichte  gegenüber  mit  der  Rolle  der 
empCangenden  begnügen  müssen. 

Was  der  Ortsnamenforschung  not  thut,  ist  nicht  die  Aufstellung 
zaUloser  in  der  Luft  schwebender  Hypothesen,  sondern  die  Gewin- 
nung einer  festen  Unterlage  in  Gestalt  durch  strenge  Beweisführung 
erliarteter  Thatsachen,  auf  denen  sich  weiter  bauen  läfst. 


Mitteilungen 

Archlye.  —  Die  Annakn  des  Eistorisehen  Vereins  für  den  Niederrhein 
Tcröffentlichen  in  ihrem  71.  Hefte  (Köln,  Boisser^e,  1901),  das  im  59.  Heft 
(1894)  begonnene  und  im  64.  Heft  (1897)  fortgesetzte  Werk  weiterführend, 
einige  Inventare  gröfserer  Archive  *),  die  eine  eigene  fachmännische  Leitung 
nicht  haben,  und  zwar  sind  diesmal  fünf  Pfarrarchivare  in  der  Stadt 
Köln  gewählt,  während  in  den  beiden  früheren  Heften  Inventare  nieder- 
rheinischer Städte  enthalten  waren.  Die  Ausgabe  besorgt  und  die  Regesten 
mm   gröfsten  Teil   angefertigt  hat   Heinrich  Schäfer,   Hilfsarbeiter  am 


i)  Nach   einer  AbmachnDg  zwischen  der   Gesellschaft    für    Rheinische    Ge 
schichtsknnde  und  dem  Historischen  Verein  für  den  Niederrhein  veröflfent- 
licht    erstere  die  Übersicht  über  den  Inhalt   der  kleineren  Archive   der  RheinprovinM 
(erster  Bd.  1899,  vom  2.  Bde.  bisher  2  Hefte),  letzterer   dagegen  gröfsere  Inventare  aas 
seinem  Arbeitsgebiete. 


—     218     — 

Kölner  Stadtarchiv,  wenn  er  auch  bereits  von  andern  gearbeitete  Regesten, 
namentlich  beim  Pfarrarchiv  St  Severin,  benutzen  konnte.  Es  handelt  sich  auch 
hier  mehr  um  Erschliefsung  neuer  Quellen  als  um  Inventare,  die  zum  Zurecht- 
finden in  den  betreffenden  Archiven  dienen,  um  eben  Band  Regesten  — 
nur  dafs  hier  nicht  ein  sachliches  Prinzip,  sondern  die  zufällige  Zusammen- 
setzung der  Pfarrarchive  St  Gereon,  St  Severin,  St  Maria  in  Lys- 
kirchen.  St  Aposteln  und  St.  Peter  für  die  Veröffentlichung  mafs- 
gebend  gewesen  ist  In  jedem  Falle  sind  Urkunden  —  auch  die  aus  den 
Kopiaren  —  und  Akten  getrennt  aufgeführt,  aber  auf  ersteren  liegt  ent- 
schieden der  Nachdruck.  Für  die  stadtkölnische  Geschichte  wird  darin  ein 
reiches  Material  erschlossen,  das,  wenn  auch  manches  Stück  schon  gedruckt 
oder  sonst  bekannt  ist,  doch  recht  viel  neues  bietet;  ja  selbst  die  Auf- 
führung der  längst  bekannten  Stücke  ist  —  zumal  in  Anbetracht  der  SteUe, 
wo  die  Veröffentlichimg  stattfindet,  —  von  hohem  Werte,  da  Zusammen- 
gehöriges so  im  Zusammenhange  erscheint  und  auch  die  von  den  Bibliotheken 
entfernten  Leser  Nachweise  über  die  SteUen  erhalten,  wo  die  Urkunden  ge- 
druckt sind.  Auf  einige  Stellen,  die  allgemeines  Interesse  haben  dürften,  sei 
hier  im  Vorbeigehen  hingewiesen:  wir  lesen  1296  die  Worterklärung  thesau- 
raria  viUgariter  triskamere  (S.  46  Nr.  26),  und  14 14  heifst  es  von  den 
Altaristen  bei  St.  Gereon  ckorisodi  benefidati  viUgariter  huisgenoissen  ctppeUüi 
(S.  15  Nr.  68);  der  heilige  Antonius  wird  1428  als  der  hogelofde  Iieüige 
fieüant  bezeichnet  (S.  189  Nr.  22).  Wirtschaftsgeschichtlich  ist  die  Gleich- 
setzung von  5  Malter  Roggen  und  10  Mark  Geld  als  Durchschnittswert,  unab- 
hängig vom  Marktpreis,  1271  von  Interesse  (S.  81  Nr.  28);  1324  wird 
ein  bis  dahin  üblicher  Pachtzahltermin  von  Andrea  auf  Maria  Geburt  ver- 
legt (S.  85  Nr.  46);  seitens  des  Stiftes  Kerpen  wird  1252  der  Holzver- 
kauf vorgesehen  (S.  80  Nr.  21);  Römische  Kaufleute  als  Gelddarleiher 
erscheinen  1224  und  1225  (S.  79 — 80  Nr.  14 — 17),  und  die  Messen  von 
Troyes  und  Provins  sind  die  Erfüllungszeiten  für  die  Schuldner;  1425  schul- 
den ein  Kölner  imd  ein  Lübecker  Bürger  gemeinsam  dem  Nürnberger  Bür- 
ger Christian  Armbrucer  eine  Summe  Geld  in  Gold  (S.  loi  Nr.  118). 
Gegenüber  einem  unstreitigen  Patronatsrecht,  das  dessen  Inhaberin  (die  Äb- 
tissin von  St.  Maria  im  Kapitel)  ausübt,  kommt  1299  die  Wahl  eines  Pfarrers 
durch  offidati  et  parochiani  zu  stände,  und  der  Streit  zieht  sich  bis  13 18 
hin  (S.  47  Nr.  28,  29,  34  und  S.  52  Nr.  6).  1460  kann  ein  Nonnen- 
kloster nach  dem  Empfang  einer  Rente  von  40  Gulden  die  Zahl  der  Pfrün- 
den um  zwei  erhöhen  (S.  150  Nr.  94).  Aus  den  Jahren  15 17  imd  15x8 
liegen  zwei  Register  des  vom  Erzbischof  erhobenen  Zehnten  vor  {S.  61 
Nr.  4);  zwei  Urkunden  von  1474  sind  direkt  für  die  Belagerung  der  Stadt 
Neufs  von  Belang  (S.  153/54  Nr.  117  und  120),  und  die  folgenden  Ur- 
kunden zeigen,  in  welchem  Mafse  die  Stadt  Köln  die  Lage  des  Erzstifts  zu 
ihren  Gunsten  auszunutzen  weifs.  Diese  Proben  mögen  genügen;  sie  zeigen 
zum  wenigsten,  dafs  auch  manches  über  das  ortsgeschichtliche  Interesse  hin- 
ausgehende Material  in  dieser  Publikation  zu  finden  ist.  —  Wie  die  not- 
wendig werdende  Art  des  Zitierens  bereits  zeigt,  sind  die  Regesten  inner- 
halb jeder  Abteüung  neu  numeriert;  wäre  eine  einzige  durchgehende  Zählung 
gewählt  wie  bei  grofsen  Regestenwerken,  so  wäre  das  Zitieren  viel  einfacher! 
Auch  die  den  Vorlagen  unmittelbar  entnommenen  dankenswerter  Webe  recht 


—     219     — 

zahlreichen  Quellensteilen  würden  noch  besser  hen'ortreten ,  wenn  sie  durch 
den  Druck  (Kursive)  ausgezeichnet  werden;  zugleich  würden  dann  viele  An- 
fuhrungszeichen und  neuhochdeutsche  Umgestaltungen  einzelner  Worte,  die 
auch  in  Anführungszeichen  stehen  (z.  B.  „Wedden"  S.  155  Nr.  126),  ent- 
behrlich werden,  die  Bedeutung  als  Quellenpublikation  aber  würde  wachsen, 
denn  unzweideutig  wären  dann  die  Worte  des  Regestenbearbeiters  von  den 
der  Vorlagen  selbst  geschieden.  Die  Einschaltung  des  n  in  lycham  (S.  20 
\r.  99,  1454)  ist  fehlerhaft;  interessant  wäre  es  aber,  wenn  man  sehen 
könnte,  ob  1488  (Nr.  129)  und  1549  (Nr.  158)  die  Form  genau  so  lautet 
oder  ob  etwa  wenigstens  in  der  zweiten  Stelle  schon  das  n  zu  lesen  ist: 
da  in  diesen  beiden  Stellen  die  neuhochdeutsche  Umschreibung  gewählt  wurde, 
wird  dies  leider  nicht  klar.  S.  150  Nr.  96  ist  1420  statt  1720  zu  lesen; 
S.  i53'54  scheint  in  Nr.  118  und  119  auch  1473  durch  1474  ersetzt 
werden  zu  müssen. 

Der  Zufall  hat  es  gewollt,   dafs  eins    der   ftinf  Archive,   das  Pfarrarchiv 
von  St.  Severin,  dessen  Bestände  S.   77  bis   119  verzeichnet  sind,  gleich- 
zeitig  noch   von  anderer  Seite   bearbeitet  worden   ist   und    zwar    so,    dafs 
keine  der  beiden  Arbeiten  in  der  anderen  hat  benutzt  werden  können.  In  splen- 
didester Ausstattung,  welche  die  Unterstützung  eines  früheren  Vorstehers  der  Ge- 
meindevertretung von  St.  Severin  ermöglichte,  ist  erschienen :  Die  Urkunden  des 
Pfarrarchivs  von  St.  Severin  in  Köln,   bearbeitet   und   herausgegeben   von 
Johannes  Hefs,  Kaplan  an  St.  Severin,  (Köln,  Heinrich  Theissing,   1901. 
410   S.    4  ").     Auch    Hefs   beschränkt   sich   auf  die    im   Pfarrarchiv    selbst 
ruhenden  Urkunden,  begnügt  sich  auch  in  manchen  Fällen  mit  dem  Regest 
und  giebt  nur  anhangsweise  ein  Verzeichnis  der  Akten  des  Archivs  (S.  417 
bis  424,  51   Nummern)  ').    Aber  er  will  in  einem  zweiten  Bande  zusammen- 
bissen, was  sich  über  Kirche  und  Stift  St.  Severin  im  Staatsarchiv  zu  Düssel- 
dorf,   Stadtarchiv  Köln  und  sonst  verstreut  vorfindet.     So   wird   schliefslich 
auch    St.   Severin   sein   Urkundenbuch   erhalten,   wie   es   St.    Gereon   schon 
1893  erhalten  hat  ^).    Zweckmäfsiger  flir  die  Benutzer  wäre  es  natürlich  ge- 
wesen,   wenn   der   gesamte  Stoff  sachlich   in   zwei  Bände   geteilt   worden 
wäre  und  nicht  nach  dem  rein   zufalligen  Aufbewahrungsort,   aber   auch   so 
ist  die  Gabe  dankbar  zu  begrüfsen,  denn  so  vieles,    was   das  Regest   nicht 
oder  nur  ungenügend  anzudeuten  vermag,  wird  in  der  vollständig  gedruckten 
Urkunde  klar;    an  mancher  Stelle  werden   nun   die  Regesten   zu   verbessern 
sein,  so  z.  B.  S.  78  Nr.  6  —  bei  Hefs  S.   14  Nr.   7:  Hanno  wird  Nanno 
werden  müssen,  und  Plettenberg,  was  als  Zuname  dieses  neuen  Wachszinsigen 
erscheint,  ist  ganz  unzweideutig    der   Wohnort   aller    4   Männer,   die   sich 
II 43  oder  1144  in  die  Wachszinsigkeit  ergeben^).    Diese  immerhin  erheb- 
lichen und  bedauerlichen  Verstöfse  sind  jedoch  nicht  Schäfer  anzurechnen, 
da  er  gerade  bei  St  Severin  die  von  anderen  angefertigten  Regesten   über- 


1)  Die  Poblikation  in  den  Annalen  fafst  sich  wesentlich  kürzer:  10  Nammern 
S.   118 -119. 

2)  UrkumUnbuch  des  Stiftes  St.  Gereon  zu  Köln,  herausgegeben  von  P.  Joerres, 
Bonn,  P.  Hanstein. 

3)  In  dem  Regest  S.  101  Nr.  118  (Annalen)  ist  zu  lesen  121  Gulden  g  Schillinge, 
wie  sich  aus  Hefs  Nr.  128  —  vollständiger  Druck  der  Urkunde  —  ergiebL  Ahnlich 
schreibt  Hefs  im  Regest  zu  Nr.  79  nur  87  Mark,  während  die  Urkunde  87  f  Mark  hat. 


—     220     — 

nommen  hat.  Hefs  hat  im  ganzen  sorgfältig  gearbeitet,  und  die  vorzügliche 
typographische  Ausstattung  ist  ihm  dabei  sehr  zu  statten  gekommen.  Es  ist 
nicht  von  allzu  grofsem  Belang,  wenn  z.  B.  bei  Nr.  210  (Hofweistum  von 
Mersburden  bei  Zülpich)  die  bereits  zweimal  erfolgte  Veröffentlichung  —  bei 
Grinmi,  Weistümer  II,  S.  715 — 719  und  in  den  Bonner  Jahrbüchern  44.  bis 
45.  Heft  (1868),  S.  181  bis  184  —  nicht  erwähnt  wird,  obwohl  das  Verzeich- 
nis der  Rheinischen  Weistümer  von  1883  Aufschlufs  gegeben  und  der  Ver- 
gleich mit  diesen  Drucken  Gelegenheit  zur  Herstellung  eines  guten  Textes  ge- 
boten hätte.  Die  oben  erwähnten  Schuldurkuuden  zu  Gunsten  römischer 
Bürger  sind  als  Nr.  14 — 17  vollständig  abgedruckt.  Nicht  suchen  würde 
man  hier  die  Urkunden  78  und  79  (1342),  die  über  den  Erwerb  von  Stadt 
und  Burg  Salza  durch  den  Erzbischof  Heinrich  von  Mainz  handeln,  und  worin 
für  700  Mark  Silber  Hauptsumme  eine  Rente  von  87^  Mark  aus  der  Münze 
des  Erzbischofs  zu  Erfurt  verschrieben  wird,  ebensowenig  die  Verfehmung 
der  Stadt  Groningen  1489  (Nr.  153).  Wegen  verweigerter  Zehnten  (1328, 
Nr.  57)  und  schuldiger  Jahrpacht  (1481,  Nr.  149)  wird  gegen  die  Schul- 
digen die  Exkommunikation  verhängt  Päpstliche  Steuerkollektoren  nennen 
1385  Nr.  201,  1402  Nr.  in,  1405  Nr.  113,  einen  Subkollektor  1366  Nr.  94. 
Im  Jahre  15 10  wird  ernstlich  gegen  eine  geraume  Zeit  anhaltende  Zehnt- 
verweigerung Front  gemacht  (Nr.  176).  Schliefslich  sei  eine  Reihe  von 
Akten  zur  Reform  des  geistlichen  Lebens  im  Stifte  St  Severin  seit  Beginn 
des  XVI.  Jahrhds.  genannt:  1501  (Nr.  169),  15 16  (Nr.  185),  1569  (Nr.  216, 
Visitationsprotokoll),  16 15  und  1620  (Nr.  242  und  245,  Reformdekrete 
auf  Grund  stattgehabter  Visitationen),  1663  (Nr.  261,  Visitationsordnung)*und 
1664  (Nr.  263,  Auszug  aus  dem  Reformdekret).  —  Gründlicher  als  das 
von  St  Severin  ist  wohl  selten  ein  einzelnes  Pfarrarchiv  durchgearbeitet  und 
erschlossen  worden! 


Nur  wo  die  Bestände  eines  Archivs  nicht  zu  umfangreich  sind,  wird  es 
möglich  sein  das  Inventar  sogleich  zu  einer  erschöpfenden  Publi- 
kation zu  erweitern,  aber  in  solchen  Fällen  ist  dieses  Verfahren  sehr 
praktisch.  Angewendet  hat  es  z.  B.  MaxVoretzsch,  indem  er  1898  die 
Regesien  der  Originalurkunden  des  Altefiburger  Ratsarchivs  vom  Jahre 
1256  bis  zum  Schlüsse  des  XIV,  Jahrhunderts  ')  herausgab.  Es  sind  im 
ganzen  44  Nunmiem,  denen  eine  kurze  Einleitung  über  die  älteren  Inventare 
und  das  Stadtarchiv  im  allgemeinen  vorausgeht:  die  Regesten  sind  muster- 
giltig  klar  gefafst  und  ausftihrlich  gehalten,  das  Eschatokoll  ist  stets  im  vollen 
Wordaut  wiedergegeben,  und  in  Petitdruck  folgen  bei  jedem  Stück  nähere 
Angaben  über  Handschrift,  Dnicke  und  sonst  Bemerkenswertes,  namentlich 
Richtigstellung  einzelner  fehlerhafter  Angaben  in  der  Litteratur.  Es  liegt  also 
in  der  That  fast  ein  Urkundenbuch  vor,  denn  nur  16  der  verzeichneten  Ur- 
kunden sind  noch  nicht  gedruckt.  Inhaltlich  ist  vor  allem  die  Privilegien- 
bestätigung durch  Markgraf  Heinrich  1265  (Nr.  i)  von  Belang;  1266  wird 
in  Zwickau  die  Gründung  eines  Hospitals  geplant  (Nr.  3);    1277    ist   das 


i)  Die  VeröffenÜichung  ist  enthalten    in    der  Festschrift  zur  2$ jährigen  Jtihelfeier 
des  Hertogl,  Ernst-Realgymnasiums  zu  Altenburg  am  2t,  April  i8g8. 


—     221     — 

Wort  holzinarke  lateinisch  mit  virffuUuni  wiedergegeben;  1303  wird  vom 
Bischof  die  Einrichtung  eines  Kornspeichers  in  der  Marien-Magdalenenkirche 
gestattet  (Nr.  8);  1347  erklären  Bürgermeister  und  geschworene  Bürger  ein 
Haus,  welches  zwei  Brüdern,  die  Geistliche  sind,  gehört  tmd  dem  Augustiner- 
chorherrenstift zinst,  als  vom  Schofs  befreit,  doch  wird  eine  feste  Jahres- 
abgaibe  von  16  breiten  Pfennigen  festgestellt;  1397  pachtet  der  Rat  das  Schult- 
be&engericht  in  der  Stadt 

Noch  weiter  hat  Adolf  Wenck  seine  Aufgabe  gefafst,  der  als  Beilage 
zum  Jahresbericht  des  städtischen  Realgymnasiums  zu  Borna  für  1897  und 
1898  das  BcUsarehiv  zu  Borna  (bis  1600)  behandelt  Im  zweiten  Teile 
1898  druckt  er  die  Originalurkunden  und  einige  Kopieen  älterer  Urkunden 
1327  bis  1553  ^N  un  ganzen  58  Stück,  während  im  ersten  1897  erschiene- 
nen Teile  zuerst  die  Bestände  des  Archivs  (S.  7 — 13)  charakterisiert  und  dann 
die  Zustände  der  Stadt  (die  Stadt,  die  Bewohner,  den  Besitz  der  Stadt,  Stadt- 
behörden, Städtische  Beamte,  Bewirtschaftung  des  städtischen  Besitzes,  Markt- 
wesen, Gerichtsbarkeit,  Kirche  und  Schule,  Wohlfahrtseiniichtungen,  Landes- 
herrüche Beamte)  im  XV.  und  XVI.  Jahrhundert  kurz,  aber  stets  in  Un- 
mittelbarem Anschlufs  an  das  Material  des  Stadtarchivs,  beschreibt  Anderes 
Quellenmaterial  ist  dafür,  abgesehen  von  ganz  einzelnen  Bemerkungen,  nicht 
herangezogen,  und  so  haben  wir  denn  hier  ein  Beispiel  für  umfassendste 
Bearbeitung  der  Archivbestände,  wenn  auch  nur  bis  1600.  Bedauerlicher 
Weise  sind  den  {vollständig  mitgeteilten  Urkunden  keine  Regesten  voran- 
gestellt, so  dafs  in  jedem  Falle  der  ganze  Text  gelesen  werden  mufs;  die 
Bcmituing  wird  dadurch  natürlich  wesentlich  erschwert.  Auch  schliefst  sich 
1^  Schreibtmg  gar  zu  eng  an  die  Vorlage  an,  selbst  die  grofsen  Anfangs- 
bochstaben  finden  sich  nicht  durchgängig  bei  Eigennamen :  in  Nr.  8  (141 7) 
wird  marcgraue  xw  missen ,  aber  Sybencxenden  jaren  gelesen ;  es  fehlt  eine 
Interpunktion,  auch  die  Abbreviaturen  sind  vielfach  nicht  aufgelöst,  und  es 
entstehen  doch  manche  Zweifel,  ob  überall  richtig  gelesen  ist.  Die  Identifi- 
zierung der  Ortsnamen  wäre  zum  wenigsten  zu  wünschen  gewesen.  Trotz 
alledem  bedeutet  die  Publikation  eine  wesentliche  Vermehrung  des  säch- 
sischen Urkundenschatzes,  die  nicht  dankbar  genug  anerkannt  werden  kann. 
Es  finden  sich  auch  hier  bemerkenswerte  Stellen:  so  wird  schon  141 7 
das  gewerbliche  Verhältnis  zu  einem  in  der  Bannmeile  gelegenen  Dorfe  ge- 
regelt, und  zwar  werden  zwei  Brauer- Wirte,  ein  Schmied,  ein  Schneider  und 
zwei  Schuster  zugestanden  (Nr.  8),  aber  allgemein  werden  1470  (Nr.  33) 
die  Rechte  der  Stadt  wesentlich  verschärft,  nur  Schmiede  den  Dörfern  ge- 
lassen; 1430  wird  die  Stadt  wegen  des  im  Hussitenkriege  erlittenen  Scha- 
dens für  sieben  Jahre  von  einer  dem  Naumburger  Bischof  schuldigen  Jahr- 
rente befreit  (Nr.  11);  eine  Kalandsbruderschaft  wird  zuerst  1442  (Nr.  14) 
erwähnt 

Komnilffilonen.  —  Die  Gründimg  einer  Historischen  Kom- 
mission und  einer  Altertumskommission  ')  hat  der  Verein  fürGesc.hichte 
und  Altertumskunde  Westfalens  im  Vereinsjahr  1895/96  beschlossen. 


i)  VgL  darüber  i.  Band,  S.  X07 — 108. 


—     222     — 

Die  erste  SitzuBg  fand  am  21.  Mai  1896  statt  ^),  und  bereits  bei  dieser  Ge- 
legenheit wurde  ein  gröfseres  Arbeitsprogranun  entwickelt.    Ihrer  Organisation 
nach  ist  die  Westfälische  Kommission  etwas  wesentlich  anderes  als  die  Kom- 
missionen in  anderen  Provinzen  und  Staaten,  am  ehesten  wohl  der  Gesellschaft 
für  Rheinische  Geschichtskunde  zu  vergleichen,  denn  sie  ist  eine  Priva^;ründung 
ohne  offiziellen  Charakter  —  das  Werk  des  Vereins  für  Geschichte  und  Alter- 
tumskunde Westfalens  —  und  erfreut  sich  beträchtlicher  finanzieller  Unterstützung 
nur   seitens   der   Provinz   (3500   Mk.)    und   der   Stadt   Münster   (500  Mk.). 
Bei  der  Sitzung  am  22.  Mai   1897')  wurden  zu  den  bereits  übemommeoen 
Arbeiten  (Westfälisches  Urkundenbuch,  Münsterische  Landtagsakten,  Register 
zu  den  50  ersten  Bänden  der  Zeitschrift,   Codex  traditionum,  Papsturkunden 
mit  Bezug  auf  Westfalen)  als  neue  Unternehmen  die  Herausgabe   der  Stadt- 
rechte und  einiger  Chroniken,  die  Inventarisation  der  nicht  staatlichen  Archive 
und   die   Reform    der  Vereinszeitschrift   beschlossen.     Bei   der  Tagung   des 
Jahres    1898    (26.   Mai)    konnte    abgeschlossen   vorgelegt  werden   der   von 
H.    Hoogeweg   bearbeitete    6.   Band    des    Westfälischen    Urkundenbuches, 
welcher  die  Urkunden  des  Bistums  Minden  1201  bis  1300    enthält,   femer 
der  I.  Band  der  vom  Stadtarchivar  Hellinghaus  bearbeiteten  Quellen  und 
Forschungen  zur  Geschichte  der  Stadt  Münster  und  der  2.  Band   der   von 
Detmer  besorgten  Kerssenbroch- Ausgabe.  ^)    Als  neue  Arbeiten  wurden  die 
Edition  Westfälischer  Rechtsdenkmäler,  worunter  die  Stadtrechte  nunmehr  als 
Teil   fallen,    und  die   Bearbeitung   eines   Urkundenbuches    der  westfälischen 
Klosterreform  vom  XIV.  bis  XVII.  Jahrh.  (Linneborn)  beschlossen,  auch 
die  Publikation  des  Visitationsprotokolls  von  157 1  durch  Detmer  in  Aussicht 
genommen.     Zur  Förderung  der  Inventarisation  der  nichtstaatlichen  Archive 
wurde  eine  besondere  Archivkonunission  imter   dem  Vorsitze  von  Archivrat 
Philippi  eingesetzt.    In  der  Jahressitzung  1899  (24.  März)  wurde  über  den 
guten  Fortgang  der  begonnenen  Arbeiten  berichtet  und  die  Herstellung  einer 
Grundkarte  als  Probe  beschlossen.    Im  Jahre  1900(31.  Mai)  konnte  neben 
dem  den  Kreis  Ahaus  enthaltenden  i.  Hefte  des  i.  Bandes  der  Inventare  der 
nichtstdatlicJien  Archive  der  Provinz  Westfalen*)  als  im  Druck  vollendet  der 
von  Max  Jansen  (Münster,  Aschendorff  1900)  herausgegebene  Cosmidrotnius 
Gobelini  Person  und  desselben  Verfassers  Processus  translacionis  et  reformacionis 
monasteri  Budecensis  vorgelegt  werden.     Von  den  Grundkarten,  die  bei 
Koppenrath  in  Münster  ztun  Preise  von  30  Pfennigen  zu  haben  sind,  waren 
zwei    Blätter    (Dortmund-Iserlohn   und   Münster-Burgsteinfiirt)    fertig    gestellt. 
Neu  wurde  damals  die  Bearbeitung  der  Mündener  Chroniken  durch  Blömeke 
beschlossen.     Im  Jahre  1901  (24.  Mai)   wurde   das   dritte  Grundkartenblatt 
(Soest- Arnsberg)   vorgelegt,   ebenso   das   vom   Erfurter  Stadtarchivar   heraus- 
gegebene   Stadtrecht  von  lAppstadf)   und   das    2.    Heft    der  Inventare    der 

i)  Vgl.  den  Bericht  in  der  Zeitschrift  für  vaterländische  Geschichte  und  Altertums- 
kunde, 54.  Bd.  (1896),  S.  213 — 217. 

2)  Vgl.  die  genannte  Zeitschrift,  55.  Bd.  (1897),  S.  269—272. 

3)  Hermanni  a  Kerssenhroch  Anabaptisttct  furoris  Monasterium  incUtam  West' 
phaliae  metropolim  evertentis  historica  narrattOt  2  Teile  (XII,  462  und  997  Seiten). 
Münster,  Theissing,   1900  [=  die  Geschichtsquellen  des  Bistums  Münster,  Bd.  5  und  6]. 

4)  Vgl.  diese  Blätter,  i.  Bd.,  S.  85—86. 

5)  Der  etwas  umständliche  Titel  lautet  nunmehr :  Rechtsquellen.  Westfälische  Stadtrechte. 
Abteilung  I:  Die  Stadtrechte  der  Grafschaft  Mark.    Heft    i :  Lippstadt.  Münster  1901. 


—      223     — 

ntchtsiaailichen  Archive  Westfalens  (Kreis  Borken).  Als  erste  Lieferung  des 
7.  Bandes  des  WestfMisdien  Urkundenbuches  erschienen  die  Urkunden  des 
bölnist^ien  Westfalens  1200  bis  1237,  bearbeitet  von  Th.  Ilgen.  —  Auch 
die  Westfälische  Kommission  hat,  wie  hieraus  ersichtlich  ist,  eine  reiche  Thätig- 
keit  zur  Erschliefsung  von  landesgeschichtlichen  Quellen  entfaltet.  Es  wäre 
nur  zu  hoffen,  dafs  recht  bald  durch  Schaffung  neuer  Kommissionen  oder 
Aogliedenmg  der  Landesteile,  die  eine  Kommission  oder  ein  ähnliches  Institut 
ooch  nicht  besitzen'),  an  bestehende  der  Zustand  geschaffen  wird,  dafs 
jedes  noch  so  kleine  Gebiet  deutschen  Bodens  eine  zuständige  Stelle  hat, 
die  seine  geschichtlichen  Interessen  vertritt  und  im  besonderen  die  landes- 
geschichtlichen Quellen  veröffentlicht. 

Eingegangene  Bfieher. 

Sauerland,  Heinrich  Volbert:  Vatikanische  Urkunden  und  Regesten  zur  Ge- 
schichte Lothringens.  Erste  Abteilung :  1294  — 1342.  [=:  Quellen  zur  Loth- 
ringischen Geschichte,  herausgegeben  von  der  Gesellschaft  für  Lothringische 
Geschichte  und  Altertumskunde,  Band  L]  Metz,  G.  Scriba,  1901.  441 S.  4®. 

Schiber,  A. :  Germanische  Siedlungen  in  Lothringen  und  England.  Mit 
einer  Karte.  [=  Jahrbuch  der  Gesellschaft  flir  Lothringische  Geschichte 
imd  Altertumskunde,   12.  Jahrgang  (1900),  S.   148 — 187.] 


Berichtigung  und  Nachtrag 

In  meinem  Aufsatze  Historische  Topographie  mit  besonderer  Berück- 
MUigung  Niederösterreichs  bitte  ich  folgendes  zu  berichtigen: 

S.  loi ,  Z.  3  V.  o.  heifst  es  nicht  Austriae,  Illyriaef  Carinthiae 
sondern  Austriae,  Styriue,  Carinthiae,  S.  133,  Z.  20  v.  o.  ist  statt 
Böhmen  zu  lesen  Kämthen.  Femer  teilt  zu  der  Bemerkung  S.  10 1,. 
Anm.  I ,  welche  sich  auf  die  Allgemeine  Deutsche  Biographie  stützend  be- 
dauert, dafs  Monographieen  überMerian  und  Zeiller  noch  fehlen,  Herr 
Reabchullehrer  G.  Lutze  in  Sondershausen  mit,  dafs  wohl  einschlägige 
Schriften  existieren,  nämlich:  H.  Eckardt,  Matthäus  Marian,  Skizze  seines 
Lebens  und  ausführliche  Beschreibung  seiner  Topographia  Germaniae  (Basel, 
H.  Georgs  Verlag,  1887),  während  Joh.  Georg  Hagens  Geographischer 
Büehersaal  (2  Bände,  Chemnitz  1774)  auch  Zeiller  ausführlich  behandelt. 

Wien.  Max  Vancsa. 

Da  nähere  Angaben  über  die  beiden  genannten  Männer  vielleicht  man- 
chem Leser  willkommen  sind,  mögen  kurze  Skizzen  ihres  Lebensganges,  die 
G,  Lutze  zur  Verfügung  gestellt  hat,  hier  eine  Stelle  finden. 

Die  Merlane  sind  eine  alte  Baseler  Patrizierfamilie  und  heutzutage  in 
der  Schweiz  noch  ansässig.  Matth.  Merian  ist  am  25.  September  1593  als 
Sohn  des  Ratsherrn  Walter  Merian  in  Basel  geboren.  Mit  reicher  Begabung 
für  künsderisches  Schaffen  ausgerüstet  widmete  er  sich  frühzeitig  der  Malerei 
und  erhielt  seine  Ausbildung  bei  dem  Maler  und  Kupferstecher  Dietrich  Meyer 
in  Zürich.    Nach  vierjähriger  Lehrzeit  wurde  er  nach  Nancy  berufen,  um  dort. 


i)  Wie  es  Anhalt  gethan  hat,  das  sich  der  Provinz  Sachsen  angeschlossen  hat. 


—     224     — 

mehrere  Stiche  auszuführen.    Von  hier  ging  er  nach  Paris,  wo  er  mit  dem  be- 
rühmten französischen  Kupferstecher  Jacques  Callot  in  Verbindtmg  trat    Nach 
erfolgreichem  Arbeiten  in  dieser  Stadt  kehrte  er  nach  seiner  Vaterstadt  zurück, 
um  sich  zu  einer  Studienreise  nach  Italien  zu  rüsten.    Da  aber  daselbst  die 
Pest  grassierte,   wandte  er  sich  nach  Deutschland.     Von  Augsburg,  wo   er 
begann  deutsche  Städte  zu  studieren,  ging  er  1616  nach  Stuttgart  und  Ton 
da  nach   den  Niederlanden.     In  Frankfurt  a.  M.   trat   er  in  Beziehung  zu 
dem   Buchhändler,   Verleger  und  Kupferstecher  Johann  Theodor   de  B17, 
dessen  Tochter  Maria  Magdalena  er  als  Gattin  heimführte.    Er  liefs  sich  in 
Basel  nieder  und  entwickelte  da  eine  reiche  künstlerische  Thätigkeit   Schon 
hier  unternahm  er  gröfsere  tmd  kleinere  Ausflüge,   um   den  Stoff  zu  land- 
schaftlichen tmd  Städtebildem  zu  sammeln,  die  seinen  späteren  Ruf  mit  be- 
gründen sollten.    Im  Jahre  1624  siedelte  er  nach  Frankfurt  a.  M.  über  und 
übernahm  den  Buch-  und  Kupferstichhandel   seines   verstorbenen  Schwieger- 
vaters.     Ein   äufserst  fruchtbares   Schaffen  brachte   das    Geschäft  zu   hoher 
Blüte.    Merian  starb  am  19.  Juni  1650  noch  nicht  57  Jahre  alt,  hochbetrauert 
ab  Mensch,  wie  als  Künstler.    Von  seinen  zehn  Kindern  fühlten  die  beiden 
ältesten,   Matthäus   tmd   Kaspar,    das   Geschäft    im   Sinne    und   Geiste   des 
Vaters  weiter.     1727  ist  die  Firma  „  Merians  Erben  '*  in  Frankfurt  erloschen. 
Die  Herausgabe  des  Merianschen  Werkes  umfafst  einen  Zeitraum  von  46  Jahren, 
1642  ist  der  erste,   1688  der  letzte  Band  erschienen.     Die  Herstellung  der 
ersten  9  Bände  hat  er  selbst,  die  nachfolgenden  haben   die  Söhne  besorgt 
Martin  Zeiller  wurde  den  17.  April  1589  in  Ränten  in  Obersteier- 
mark geboren,  wo  sein  Vater,  ein  Schüler  Melanchthons,  lutherischer  Prediger 
war.     Wegen  Verfolgung  in  Glaubenssachen  siedelte  er  1600  nach  Regens- 
burg,  1602  nach  Ulm  über,  wo  er  eine  Zeit  lang  als  Pestilenzprediger  wirkte. 
Hier  ist  er  1609  gestorben.    Sein  Soho  Martin  besuchte  nach  Absolvierung 
des  Gymnasiimis  in  Ulm  die  Universität  Wittenberg  und  wirkte  von  1 6 1 2  ab  in 
Linz   als   Lehrer  junger   Adliger.      16 15   trat  er   mit   seinen   Schülern    eine 
Reise  durch  Böhmen,  Mähren  und  das  Elsafs  an  und  blieb  mit  ihnen  zwei 
Jahre  an  der  Universität  Strafsburg.     1620 — 1622  lebte  er  mit  einem  jungen 
Grafen  Tättenbach  in  Frankreich.     Abermals  zum  Mentor  zweier  Grafen  be- 
rufen,  besuchte  er  mit  ihnen  die  Schule   in  Linz.     Wegen   seines  Glaubens 
angefeindet,  wohnte  er  nacheinander  zu  Ulm,  Tübingen  und  Strafsburg.    Als 
Reisebegleiter   zweier  adliger   Zöglinge   bereiste   er   Italien    und    erwarb    zu 
Padua   die   Würde    eines   Syndicus  Juristarum   deutscher   Nation.     Des  Rei- 
sens  müde  erwarb  er  in  Ulm   das  Bürgerrecht  imd  verheiratete   sich    1630 
mit  Magdalena  Matthesius.    Die  Ehe  blieb  kinderlos.     1633  wurde  er  Ober- 
aufseher am  Gymnasium  zu  Ulm,   1641   Censor  der  historischen  und  philo- 
sophischen  Schriften,    1643    Inspektor   der   deutschen  Schulen  in  Ulm;    er 
war  aufserdem  kaiserlicher  Notar.     Sein  Biograph  sagt,  dafs  er  diesen  Ämtern 
mit  vielem  Ruhme  vorgestanden  und  seine  übrige  Zeit  allein  auf  die  Verab- 
fassung  seiner  Schriften  verwendet  habe.     Das  auf  Reisen  gesammelte  histo- 
rische und  geographische  Material  ordnete  und  veröflfentlichte  er  in  46  Schriften, 
die   von  1632 — 1688    erschienen   sind.     Seine  Mitarbeiterschaft  an  Merians 
Kupferwerke,  für  welches  er  den  Text  zu  den  meisten  Topographieen  lieferte, 
ist  nicht  sein  kleinstes  Verdienst     Zeiller  starb  am  4.  Okt  1661. 

Herautgeher  Dr.  Armin  Tille  ia  Leipdf.  —  Druck  und  VerUg  von  Friedrich  Andreas  Perdies  in  Godin. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


rar 


Förderung  der  landesgescbichtlichen  Forschung 

in.  Band  Juni  1902  9.  Heft 


liandesgeschiehtliehe  Iiehr>^  und  Liesebüeher 

Von 
Martin  Wehrmann  (Stettin) 
Welche  Stellung  die  Landes-  und  Heimatsgeschichte  im  Unterrichte 
der  höheren  Schulen  einnimmt,  habe  ich  versucht,  kurz  in  diesen 
Blättern  ^)  darzustellen.  Es  war  keineswegs  die  Absicht,  wie  an  einer 
Stelle  gesagt  ist,  für  diesen  Gegenstand  gleichsam  Reklame  zu  machen 
oder  eingehend  zu  schildern,  in  welcher  Weise  thatsächlich  im  Ge- 
schichtsunterrichte wohl  schon  längst  die  spezielle  Heimatsgeschichte 
als  Hilfe  und  Stütze  verwandt  wird,  sondern  nur  darauf  hinzuweisen, 
wie  sich  die  amtlichen  Lehrpläne  und  Anordnungen  zu  diesem  Gegen- 
stande verhalten.  Dabei  hat  sich  ergeben,  dals  dort  demselben  zu- 
meist nur  geringe  oder  gar  keine  Beachtung  geschenkt  ist.  Sonst  aber 
ist  das  stets  wachsende  Interesse  an  der  Landesgeschichte,  wie  auch 
hervorgehoben  ist,  nicht  ohne  Einfiufs  auf  den  Unterricht  der  höheren 
Schulen  geblieben.  Es  wäre  ja  auch  wunderbar,  wenn  man  sich  dort 
g^en  die  Bestrebungen  der  Volksschule,  den  heimatskundlichen  Stoff 
nutzbar  zu  machen,  ganz  ablehnend  verhalten  hätte.  Die  unendlich 
reiche  Literatur  über  die  unterrichtliche  Verwertung  der  Heimatskunde 
im  weiteren  Sinne,  die  zahllosen  Leitfäden,  Bücher  und  Büchlein,  in 
denen  fiir  deutsche  Staaten,  Provinzen,  Städte,  Kreise  oder  einzelne 
Gemeinden  das  Material  gesammelt  und  gedruckt  ist,  sind  auch  von 
den  höheren  Schulen  durchaus  nicht  unbeachtet  geblieben,  nur  sind 
die  meisten  von  diesen  „Heimats-  oder  Landeskunden**  für  sie  nicht 
ohne  weiteres  zu  verwerten.  Sie  bieten  fast  alle  eine  zu  umfangreiche, 
oft  wenig  planvoll  zusammengestellte  Sammlung  von  allerlei  wissens- 
wertem und  wichtigem  Stoff,  dafs  sie  wohl  als  Realienbücher  in  der 
Volksschule  benutzt  werden  können  und  müssen,  aber  mit  einer  Heimats- 
kunde, wie  sie  nur  als  Hilfe  beim  Unterrichte  verwendet  werden  soll, 
oft  wenig  zu  thun  haben.     Auch  liegt  es  nicht  im  Plane  der  höheren 

I)  Bd.  11,  S.  265—273. 

16 


—     226     — 

Schulen,  in  solchem  Sinne  Heimatskunde  ausführlich  und  eingehend 
zu  behandein,  wenn  es  selbstverständlich  beim  erdkundlichen  Unter- 
richte auch  wünschenswert  ist,  das  Heimatsland  etwas  genauer  zu  be- 
handeln. Wenn  es  gelingt,  das  Interesse  in  den  Unter-  und  Mittel- 
klassen anzuregen,  auf  geeignete  Bücher,  deren  es  ja  manche  giebt, 
hinzuweisen  und  durch  gelegentliche  Benutzung  des  sich  von  selbst 
bietenden  Stoffes  zur  Erklärung  fremder  Verhältnisse  zu  verhelfen,  so 
hat  der  erdkundliche  Unterricht  in  den  höheren  Schulen,  der  „ein 
verständnisvolles  Anschauen  der  umgebenden  Natur  und  der  Karten- 
bilder, sowie  Kenntnis  der  physischen  Beschaffenheit  der  Erdoberfläche 
und  der  räumlichen  Verteilung  der  Menschen  auf  ihr*'  vermitteln  soll, 
in  dieser  Beziehung  genug  getan.  Der  Unterricht  in  Sexta  soll  wohl 
von  der  Heimat  ausgehen,  aber  nicht  in  ihr  aufgehen. 

Fehlt  es  für  diese  Heimatskunde  im  weiteren  Sinne  durchaus 
nicht  an  Hilfsmitteln,  die  wohl  auch  den  Schülern  in  die  Hände  ge- 
geben werden  können,  so  verhält  es  sich  ganz  anders  mit  dtr  Landes- 
oder  Heimatsgeschichte,  Es  ist  schon  hervorgehoben,  dafs  hier  wirk- 
lich brauchbare  Darstellungen  fast  ganz  mangeln.  Dadurch  entsteht, 
wie  auch  O.  Jäger*)  mit  Recht  betont,  eine  Schwierigkeit  fin- 
den Lehrer  sowohl  wie  für  den  Lernenden.  Jener  hat  nicht  immer 
die  Zeit,  sich  wirklich  wissenschaftlich  in  die  Geschichte  des  Landes, 
in  das  er  durch  seinen  Beruf  gekommen  ist,  einzuarbeiten,  zumal  wenn 
er  häufiger  den  Ort  seiner  Tätigkeit  zu  wechseln  hat,  und  dem  Schüler 
bietet  für  diesen  Teil  des  Geschichtsunterrichtes  das  Lehrbuch  gar 
keine  oder  nur  geringe  Hilfe.  Dadurch  wird  unzweifelhaft  das  Heran- 
ziehen der  Lokal-  oder  Territorialgeschichte  ungemein  erschwert.  Dieser 
Mangel,  der  doch  von  verschiedenen  Seiten  empfunden  zu  sein  scheint, 
hat  ja  zu  manchen  Versuchen  geführt,  von  denen  im  folgenden  einige 
kurz  behandelt  werden  mögen.  Es  kann  und  soll  sich  dabei  aber 
keineswegs  um  eine  auch  nur  einigermafsen  erschöpfende  Bibliographie 
handeln.  Dafür  mag  auf  P.  E.  Richters  Bibliotheca  geographica 
Germaniae,  Literatur  der  Landes-  und  Volkskunde  des  Deut- 
schen Reichs  (Dresden  1896)  und  auf  die  von  A.  Kirch  hoff  und 
K.  Hassert  herausgegebenen  Berichte  über  die  neuere  Literatur 
zur  deutschen  Landeskunde,  von  denen  bisher  der  erste  Band  (Berlin 
1901)  vorliegt,  verwiesen  werden  *).    Ebenso  liegt  es  ganz  fern  für  die 

i)  Humanist.  Gymn.  XII,  S.  236. 

2)  Vgl.  oben  S.  178  —  182.  Für  Sachsen-Meiningen  giebt  das  36.  Heft  der  Schriften 
des  Vereins  für  Sachsen -Meiningische  Geschichte  und  Landeskunde  (1900)  Quellen  und 
Literatur  an. 


—     227     — 

einzelnen  Territorien,  darzustellen,  was  dort  in  der  engeren  oder  wei- 
teren Heimat^eschichte  durch  die  Arbeiten  der  Vereine  oder  einzelner 
Forscher  geleistet  ist.  Es  ist  selbstverständlich,  dais  die  Ergeb- 
nisse auch  für  den  Unterricht  verwertet  werden  können  und  müssen, 
aber  an  dieser  Stelle  können  nur  einige  Arbeiten  behandelt  werden, 
die  recht  eigentlich  für  die  Schule  bestimmt  und  in  derselben  als 
Lehr-  und  Lesebücher  benutzt  werden  sollen.  Nicht  ganz  streng 
läfet  sich  der  zweite  B^riff  der  Lesebücher  bestimmen,  da  hierfür 
manches  sehr  wohl  in  Frage  kommen  kann,  was  nicht  speziell  für  die 
Schule  verfaist  ist. 

DaDs  die  Heimatsgeschichte  im  Unterrichte  benutzt  und  auch  ge- 
lehrt wird,  ist  die  Voraussetzung,  von  der  hier  ausgegangen  ist  ^).  Der 
unterrichtliche  Wert  derselben  für  die  Anschauung  und  das  Verständ- 
nis femer  liegender  Zustände  oder  Ereigfnisse  ist  nicht  zu  leugnen,  und 
das  natürUche  Interesse,  das  auch  schon  bei  der  Jugend  durch  An- 
knüpfen an  lokale  Beziehungen  erweckt  wird,  mufs  unzv^eifelhaft  aus- 
genutzt und  gefördert  werden.  Nur  glaube  man  nicht,  dais  alles,  was 
in  der  Heimat  vorhanden  ist,  den  Schülern  auch  nur  äufserlich  be- 
kannt und  vertraut  ist!  Man  hüte  sich,  ein  Unbekanntes  durch  ein 
anderes  erklären  zu  wollen!  Man  belaste  den  schon  reichen  Stoff, 
der  im  Geschichtsimterrichte  behandelt  werden  soll,  nicht  noch  weiter ! 
Es  liegt  also  fem,  etwa  einen  neuen  Unterrichtsgegenstand  einzufuhren 
oder  die  spezielle  Heimatsgeschichte  in  das  vorgeschriebene  Pensum 
einzuschmuggeln.  Vielmehr  soll  nur  an  geeigneten  Punkten  das  Inter- 
esse für  dieselbe  geweckt  werden.  Zunächst  ist  es  doch  wohl  natür- 
lich, die  Stellen  der  deutschen  Geschichte,  an  denen  das  Heimatsland 
oder  die  Heimatsstadt  eine  besondere  Rolle  spielen,  etwas  eingehender 
zu  behandeln.  Natürlich  bietet  sich  in  manchen  Gegenden  dazu  häu- 
figere Gelegenheit,  als  in  anderen.  Aber  es  wird  nirgends  ganz  daran 
fehlen.  Für  diese  etwas  ausfuhrlicher  darzustellenden  Abschnitte  oder 
E{)isoden,  denen  die  Schüler  erfahmngsmäfsig  lebhaftes  Interesse  ent- 
gegenbringen, bietet  das  Lehrbuch  natürlich  nicht  genügendes  Material. 
So  ist  z.  B.  in  den  meisten  Leitfaden  zur  deutschen  Geschichte ,  die 
fiir  die  Mittelklassen  bestimmt  sind,  das  grofse  Werk  der  deutschen 
Kolonisation  im  XII.  und  XIII.  Jahrhundert  gar  nicht  oder  ganz  neben- 
sächlich erwähnt.  In  den  Ländern,  die  zum  damaligen  Kolonialgebiete 
gehören,   ist  es  aber  ganz  besonders   geboten  und  von  eigenartigem 


i)  Wie  auch  mit  dem  erdkundlichen  Unterrichte  Heimatsgeschichte  verbanden  werden 
kann,  zeigt  R.  Foss  in  seinem  Büchlein  y^Die  Mark  Brandenburg ^*'  (Berlin  1873). 
Vorsicht  ist  aber  hierbei  nötig. 

16* 


—     228     — 

Interesse  näher  darauf  einzugehen  und  genauer  zu  betrachten,  wie  das 
Heimatsland  deutsch  geworden  ist.  Für  die  Schüler  im  Westen  und 
Süden  wird  dagegen  die  ältere  Zeit,  so  zu  sagen,  persönlich  inter- 
essanter sein.  Aber  nicht  diese  zufalligen  Beziehungen  erscheinen  als 
das  wichtigste,  sie  dienen  gewissermafsen  nur  zur  Belebung  des  grolisen 
Ganzen;  systematischer  kann  die  Heimatsgeschichte  bei  der  Schilde- 
rung von  Zuständen  verwertet  werden.  Dafür  bieten  sich  überall  An- 
haltspunkte, dafür  fehlt  es  niigends  an  Material.  Die  Christianisierung 
z.  B.  Deutschlands  kann  an  einem  der  Heimat  entnommenen  Beispiele, 
das  Mönchswesen  an  einem  heimatlichen  Kloster  oder  der  Erinnerung 
daran  besser  erläutert  werden  als  durch  lange  Auseinandersetzungen. 

Für  die  Repetition  des  den  Schülern  neu  gebotenen  Stoffes  mag 
es  bei  einiger  Bemühung  des  Lehrers  ohne  ein  eigenes  Lehrbuch  gehen, 
wenn  auch  eine  kurze  zusammenhängende  Übersicht  über  die  Heimats- 
geschichte erwünscht  ist,  ähnlich  der,  welche  in  den  Büchern,  die  in 
den  preufsischen  höheren  Lehranstalten  in  Gebrauch  sind,  für  die  ältere 
brandenburgische  Geschichte  gegeben  zu  werden  pflegt.  In  den  deut- 
schen Einzelstaaten  dagegen  ist  für  eine  eingehendere  Behandlung  ein 
Leitfaden  durchaus  notwendig.  Aber  für  weitere  Lektüre,  für  die  Vor- 
bereitung zu  kleineren  Ausarbeitungen  oder  kurzen  Vorträgen  fehlt  es 
sehr  ofl  an  recht  brauchbaren  Werken,  die  der  Lehrer  dem  Schüler 
in  die  Hand  geben  kann,  da  die  gröiseren  Territorial-  oder  Lokal- 
geschichten sich  selten  dazu  eignen.  So  ist  das  Bedürfiiis  nach  Lehr- 
und  Lesebüchern,  die  auf  wissenschaftlicher  Grundlage  beruhen,  sicher 
oft  empfunden  worden  ^).  Es  braucht  darum  keineswegs  ein  neues 
Schulbuch  eingeführt  zu  werden,  das  nun  peinlich  dem  Unterrichte 
zu  Grunde  zu  legen  wäre ;  nein,  es  genügt,  wenn  die  Schüler  auf  solche 
Bücher  hingewiesen,  wenn  sie  in  der  Schulbibliothek  vorhanden  und 
ausgeliehen  werden.  Sie  müssen  aber  vor  allem  für  diejenigen,  für 
die  sie  bestimmt  sind,  geeignet,  d.  h.  anregend,  verständlich,  klar 
und  nicht  langweüig  sein,  auch  nicht  alles  mögliche  enthalten,  was 
nur  lose  mit  der  Heimatsgeschichte  zusammenhängt.  Solche  vortreff- 
lichen Werke,  wie  Th.  Fontanes  Wanderungen  durch  die  Mark 
Brandenburg,  A.  Trinius'  Thüringische  Skizzen,  F.  Regeis  Thv^ 
ringen,  J.  Partschs  Schlesien,  O.  Lorenz'  und  W.  Scherers 
Geschichte  des  Elsasses  u.  a.  m.,  haben  auch  unter  der  Jugend  be- 
geisterte Leser  gefunden.  Die  im  Verlage  von  F.  A.  Perthes  er- 
scheinenden Deutschen  Landesgeschichten  sind  zwar  zunächst  nicht 


I)  Vgl.  Bd.  n,  s.  272  f. 


—     229     — 

für  die  Schulen  bestimmt,  können  aber  sehr  wohl  auch  als  Lesebücher 
für  erwachsene  Schüler  verwertet  werden.  Auch  sonst  giebt  es  gewiis 
in  jeder  deutschen  Landschaft  noch  Werke,  die  zu  diesem  Zwecke 
empfohlen  werden  können.  Doch  auch  hier  ist  für  die  Heimats  k  u n  d  e  im 
weitesten  Sinne  viel  besser  als  für  die  Heimatsg'eschich  te  gesorgt.  Durch 
wissenschaftliche  und  zugleich  im  besten  Sinne  populäre  Darstellungen 
können  sehr  wohl  in  weiten  Kreisen  Interesse  und  Teilnahme  erweckt 
werden. 

Wie  bereits  hervorgehoben  ist,  erscheinen  eigentliche  Lehr- 
bücher nicht  überall  als  durchaus  notwendig,  aber  es  ist  wünschens- 
wert, dais  solche  vorhanden  sind,  damit  sie  gelegentlich  den  Schülern 
empfohlen  oder,  falls  ein  Lehrer  es  versteht,  das  Interesse  der  Schüler 
in  dieser  Hinsicht  anzuregen,  auch  in  preufsis che n  höheren  Schulen 
eingeführt  werden  können.  Es  ist  sehr  zu  wünschen,  dafs  hier 
wenigstens  einige  Freiheit  erlaubt  ist.  Doch  darf  keine  Uber- 
bürdung  der  Schüler  eintreten.  Solche  Arbeiten  dürfen  deshalb 
nicht  zu  umfangreich  sein,  andrerseits  aber  sind  sie  wenig  brauchbar, 
falls  die  Darstellung  gar  zu  mager  und  dürftig  ist.  Auf  jeden  Fall 
erscheint  eine  präzise,  zusammenhängende  Darstellung  der  Entwickelung 
des  Landes ,  in  der  die  wichtigsten  Momente  scharf  hervortreten, 
brauchbarer,  als  eine  Zusammenstellung  einiger,  zusammenhangsloser 
Erzählungen  aus  der  Geschichte.  Dafs  dabei  auch  die  prähistorische 
Forschung  berücksichtigt  wird,  ist  durchaus  zu  fordern.  Eine  Samm- 
lung Deutsche  Landes^  und  Provinzialgeschichte  hat  R.  Voigt- 
länders  Verlag  (Leipzig  1892)  als  ein  Handbuch  für  die 
Heimatkunde  im  Geschichtsunterricht  herausgegeben.  Die 
wissenschaftliche  Leitung  des  Unternehmens  hat  C.  Schmelzer  ge- 
fuhrt, der  für  den  Geschichtsunterricht  das  Entwerfen  von  möglichst 
vielen  kleinen  Einzelbildern  empfiehlt.  Die  Sammlung  besteht  aus 
28  Heften,  die  von  verschiedenen  Verfassern  hergestellt  und,  wie 
lühmend  hervorzuheben  ist,  mit  kleinen  Karten  und  Wappen  aus- 
gestattet sind.  Die  einzelnen  Hefte,  meist  vom  Umfange  je  eines- 
Druckbogens,  sind  gewöhnlich  so  angelegt,  dafs  einem  kurzen,  oft 
tabellenmälsig  angelegten  Abrisse  der  Landesgeschichte  Erzählungen 
aus  der  heimatlichen  Geschichte  folgen.  Meist  sind  diese  recht  ge- 
schickt und  sachlich  richtig  gegeben,  aber  bei  dem  geringen  Umfange, 
den  sie  einnehmen,  bleiben  sie  doch  matt  und  farblos.  Sie  sind  weder 
als  Lesestücke  noch  als  Abschnitte  zur  Repetition  recht  zu  gebrauchen. 
Für  den  geschichtlichen  Unterricht  wäre,  wie  bereits  gesagt,  eine  er- 
weiterte Übersicht  der  Heimatsgeschichte  wünschenswerter,  bei  der  es 


—     230     — 

dem  Lehrer  überlassen  bleibt,  die  für  seinen  Unterricht  geeigneten 
Teile  weiter  auszuführen.  Trotzdem  sind  die  kleinen  Hefte  immerhin 
auch  für  die  höheren  Schulen  wohl  zu  verwerten.  Der  billige  Preis 
(S  Pf.  für  jedes  Hefl)  empfiehlt  sie  nicht  weniger.  Nach  einem  aus- 
fuhrlichen, von  A.  Tecklenburg*)  daigeleg^em  Plane  ist  eine  Reihe 
von  stammesgeschichtlichen  Ergänzungsheften  zu  der  von  H.  Weigand 
und  A.  Tecklenburg  bearbeiteten  Deutschen  Geschichte  erschienen. 
Es  ist  schon  früher  *)  auf  diesen  systematischen  Versuch  hingewiesen 
und  hervorgehoben  worden,  dafs  diese  Art  der  Benutzung  der  Heimats- 
geschichte keineswegs  so  etwas  ganz  neues  ist.  Trotzdem  enthält 
die  methodische  Anweisung,  die  für  die  Volksschule  gilt,  auch  für  die 
höheren  Lehranstalten  manches  beachtenswerte.  „Es  eignen  sich  im 
allgemeinen  die  kulturellen  Zustände  der  Heimat  als  anschauliche 
Grundlage,  auf  welche  der  ganze  Lemprozefs  aufzubauen  ist,  während 
die  Ereignisse,  die  wir  als  politische  Geschichte  zu  bezeichnen  ge- 
wohnt sind  und  die  von  aufsen  her  an  die  Heimat  herantreten,  natur- 
gemäfs  in  ihren  Wirkungen  in  Stammland  und  Heimat  zu  verfolgen 
sind,  derart,  dafs  diese  Wirkungen  als  Illustrationen,  Vertiefungen  und 
Ergänzungen  dienen."  Dieser  Satz  Teckienburgs  mag  im  allgemeinen 
gelten,  obwohl  er  im  einzelnen  nicht  ganz  klar  erscheint.  Oft  kann 
auch  die  Verwertung  des  heimatsgeschichtlichen  Stoffes  umgekehrt  sein, 
wenn  anders  man  überhaupt  so  entschieden  zwischen  sogenannten 
kulturellen  Zuständen  und  politischen  Ereignissen  unterscheiden  will. 
Von  den  Ergänzungsheften  liegen  von  verschiedenen  Verfassern  be- 
arbeitet erstens  stammesgeschichtliche  vor  für  die  Rheinprovinz, 
Hannover,Prov.Sachsen,GrofsherzogtumHes8en,Ost-und 
Westpreufscn,  Posen,  Brandenburg,  Schleswig-Holstein, 
Schlesien,  Pommern;  zweitens  heimatsgeschichtliche  für  Göt- 
tingen, Mainz,  Erfurt,  Alzey  und  Umgegend,  Nordhausen 
und  die  Grafschaft  Hohenstein,  den  Kreis  Pyritz,  Offen- 
bach a.  M.  und  Umgegend.  Diese  letzteren  Hefte,  die  für  eine 
engere  Heimat  abgefafst  sind,  enthalten  in  recht  verschieden  gelungener 
Weise  aufserordentlich  reiches  Material,  ja  so  viel,  dafs  an  eine  wirk- 
liche Durcharbeitung  nicht  zu  denken  ist.  Als  Lesebücher  eignen  sie 
sich  nicht,  da  die  Darstellung  meist  zu  nüchtern  und  langweUig  ist. 
Die  ausführliche  Darstellung  des  heutigen  Zustandes  der  betreffenden 
Bezirke  mit  Angaben  über  Oiganisation  der  Verwaltung  gehören  nicht 

i)  Die  organische  Eingliederung  der  Heimat-  und  Stammesgeschichte  in  die  Reichs- 
geschichte,     Hannover  und  Berlin,  Carl  Meyer  (Gustav  Prior),   1899.  ^ 

2)  Bd.  II,  S.  272. 


—     231     — 

eigentlich  in  dieselben*  hinein.    Für  die  höheren  Schulen  sind  einzelne 
von  den  Heften  (z.  B.  Göttingen   oder  Nordhausen)  wohl  einmal  ge- 
legentlich zu  benutzen,    als  Lehrbücher  eignen  sie   sich   aber  nicht. 
Überhaupt  scheinen  solche,  für  den  Gebrauch  in  den  Schulen  bestimmte 
Darstellungen  kleinerer  Bezirke,   als   es   die  Provinzen   oder  einzelnen 
Staaten  sind,  überflüssig  zu  sein.     Sie  verleiten  gar  zu  leicht  zu  einer 
übertriebenen  Behandlung  der  Heimatsgeschichte,   unter  der  der  Ge- 
schichtsunterricht im   allgemeinen   dann   zu  leiden   hat.     Hier  müssen 
nur  gelegentlich  Stadt-  oder  Stammesgeschichten  ^)  herangezogen  werden. 
Auch  die  erste  Reihe  der  Hefte,  in  denen  die  Geschichte  einer  Provinz 
oder  eines  Landes  behandelt  ist,  kann  für  die  höheren  Schulen  nur  be- 
dingungsweise empfohlen  werden.    Sie  enthalten  Lesestücke,  die  zu  be- 
stimmten Abschnitten  der  deutschen  Geschichte  benutzt  werden  sollen. 
Die  Auswahl  und  die  Behandlung  werden  naturgemäfs  leicht  auf  Wider- 
spruch stoisen,  da  hierbei  subjektives  Empfinden  immer  sehr  mitsprechen 
wird.    Aber  die  Beziehung  zur  allgemeinen  Geschichte  ist  doch  oft  recht 
ättiserlich,  und  manche  Abschnitte  sind  aufgenommen,  die  wohl  heimats- 
geschichtlich von  Interesse,  für  den  Unterricht  aber  kaum  zu  verwerten 
sind.  Auch  hier  fehlt  der  Zusammenhang  der  einzelnen  Abschnitte.  Es  ist 
zu  furchten,   dais  bei  Benutzung  dieser  Hefte  die  Absicht  Tecklen- 
btugs  nicht  immer  erreicht,  dafs  vielmehr  gar  mancher  Lehrer  zu  einer 
Behandlung  der  Heimatsgeschichte  als  eines  eigenen  Unterrichtsgegen- 
standes verleitet  wird.     Dazu  verführt  vornehmlich   die  Zersplitterung 
des  Stoffes  in  zu  viele  kleine  Abschnitte.     Wozu  ist  es  nötig  fiir  ein- 
zelne Kreise  und  Gemeinden  das  Material  immer  wieder  zu  wiederholen 
und  bis  ins  kleinste  auszuführen?     Wir  kommen  da  zu  einer  Speziali- 
sierung, die  für  die  Schule  nur  schädlich  ist.     In  dem  Sinne  Heimats- 
kunde  zu  treiben,  dafs  die  Schüler  alles  Wissenswerte  von  ihrer  Heimat 
aus  Vergangenheit  und  Gegenwart  lernen  sollen,   ist  für  die  höheren 
Schulen  wenigstens  entschieden  abzulehnen.     Nur  was  Tvirklich  unter- 
richtlichen Wert  für  das  allgemeinere  Verständnis  hat,  entnehmen  wir 
gerne  der  nächsten  Umgegend  der  Lernenden, 

Trotz  ihres  Anspruches,  etwas  Neues  zu  bringen,  unterscheiden  sich 
die  Hefte  nicht  zu  sehr  von  den  heimatskundlichen  Beigaben,  wie  sie 
oft  zu  oder  in  deutschen  Lesebüchern  gegeben  sind.  Namentlich  im 
Verlage  von  F.  Hirt  in  Breslau  und  Leipzig  sind  schon  vor  längerer 
2^it  solche  Ergänzungshefte  in  gröfserer  Zahl  erschienen  und  allmälich 


I)  So  enthält  2.  B.  G.  v.  d.  Osten,  Geschichte  des  Landes  Wursten  (Teü  i,  Bremer- 
hären  1900)  aach  manches  Material,  das  fUr  den  Unterricht  verwendet  werden  kann. 


—     232     — 

durch  Umarbeitungen,  Eigänzungen  immer  mehr  ausgestaltet  worden.  Sie 
enthalten  geographische  und  geschichtliche  Lesestücke  (Westfalen,  Schle* 
sien,  Westpreuisen,  Sachsen,  Hannover,  Hessen-Nassau,  Ostpreufsen, 
Brandenburg,  Posen,  Pommern),  die  aber  zumeist  nicht  von  den  Bearbeitern 
eigens  zu  diesem  Zwecke  hergestellt,  sondern  bekannten,  grö&eren  Werken 
entnommen  sind.  So  sind  sie  nicht  eigentlich  landesgeschichtliche  Lehr- 
bücher, aber  wohl  gelegentlich  auch  beim  Unterrichte  in  den  höheren 
Schulen  als  Grundlagen  für  Vorträge  zu  benutzen.  ÄhnUch  steht 
es  mit  anderen  solchen  Anhängen,  von  denen  hier  als  wohlgelungen 
der  von  Supprian  verfalste  Anhang  für  Pommern  zum  „Deutschen 
Lesebuche  mit  Bildern  von  Gabriel  und  Supprian'*  (Bielefeld  und 
Leipzig,  Velhagen  und  Klasing)  erwähnt  werden  mag.  Auch  die 
Buchhandlung  des  Waisenhauses  in  Halle  a.  S.  hat  als  Bei- 
lagen zu  dem  „Norddeutschen  Lesebuche**  von  Keck  und 
Johansen  Heimatskunden  für  Hannover,  Sachsen,  Reuis,  Mecklen- 
burg, Schleswig-Holstein,  Posen,  Hessen-Nassau  u.  a.  m.  herausgegeben. 
Sie  alle  enthalten  geschichtliche  und  geographische  Bilder  und  sipd 
zum  Teil  ebenfalls  gel^entlich  für  die  höheren  Schulen  zu  ge- 
brauchen. 

Nicht  eigentlich  landesgeschichtliche  Lehrbücher  sind  die 
LandeS'(Heimats-) Kunden  der  Provinzen  Preu/sen  und  der  deut- 
schen Einzelstaaten,  die  zunächst  zur  Ergänzung  der  Schui- 
geographie  von  E.  von  Seydlitz  im  Verlage  von  Ferd.  Hirt 
in  Breslau  erschienen  sind.  In  den  23,  meist  sehr  wohl  gelungenen 
Heften  wird  die  Geschichte  recht  verschieden  behandelt.  In  den 
meisten  ist  ein  ganz  kurzer  Abrifs  gegeben,  und  geschichtliche  Nach- 
richten sind  gelegentlich  mitgeteilt  In  anderen  ist  die  geschichtliche 
Entwickelung  etwas  ausführlicher  behandelt,  auch  wohl  Literatur  mit- 
geteüt  (Schleswig-Holstein,  Hannover,  Ost-  und  Westpreuisen,  Pommern^ 
Bremen).  Wo  ein  eigener  Abschnitt  für  Geschichtliches  fehlt  (Branden- 
burg, Hamburg],  ist  dies  als  ein  Mangel  zu  bezeichnen.  Wenn  überall 
eine  zusammenhängende,  lesbare,  kurze  Darstellung  der  Landesgeschichte 
gegeben  würde,  so  würde  dadurch  die  Brauchbarkeit  der  hübschen 
Büchlein  für  die  höheren  Schulen  wesentlich  erhöht  werden. 

Eine  eingehendere  SchUderung  und  auf  gründlichen  Studien  be- 
ruhende Darstellung  erfahren  die  Provinzen  Preufsens  in  der  von 
A.  Beuermann  herausgegebenen  Landeskunde  Preufsens  (Berlin 
und  Stuttgart,  W.  Spemann).  Die  geschichtliche  Entwickelung  der 
Provinzen  aber  wird  nur  sehr  kurz  und  oberflächlich  behandelt,  eine 
Erweiterung  in  dieser  Beziehung  wäre  für  die  sonst  vortreffliche  Samm- 


—     233     — 

limg-  erwünscht.  Noch  umfangreicher  sind  die  Bücher,  die  von  den 
Pestalozzivereinen  verschiedener  deutscher  Bezirke  herausgeg-eben 
sind  oder  bearbeitet  werden.  So  viel  bekannt  ist,  liegen  vor  Thü- 
ringen in  Wort  und  Bild  und  die  Provinz  Sachsen  in  Wort 
und  Bild  (Berlin,  Jul.  Klinkhardt,  1900).  Diese  in  gutem  Sinne 
volkstümlichen  Werke  enthalten  Einzelschilderungen,  die  in  die 
Natur,  das  Volksleben  und  die  Geschichte  des  betreffenden  Terri- 
toriums näher  einfuhren.  Da&  die  von  den  verschiedensten  Kreisen 
gelieferten  Beiträge  nicht  alle  gleichwertig  sind,  ist  erklärlich.  Als 
Lesebücher  mögen  sie  hier  und  da  auch  für  die  Landesgeschichte 
empfohlen  werden. 

Die  im  Verlage  von  Hobbing  und  Buchte  in  Stuttgart  er- 
scheinende groise  Sammlung  Deutsches  Land  und  Leben  in  Einzeln 
Schilderungen  enthält  eine  Abteilung  „Städtegeschichten**,  in  der 
bisher  die  Geschichten  von  Naumburg  und  Königsberg  i.  Pr. 
erschienen  sind.  Die  gründlichen  und  sorgfältigen  Arbeiten  können 
ähnlich  anderen  Stadtchroniken  zur  Lektüre  wohl  auch  Schülern  in  die 
Hand  gegeben  werden.  Ähnlich  ist  es  mit  den  Werken  der  anderen 
Abteilung  „Landschaftskunden**.  Die  ganz  vortrefflichen  Arbeiten 
über  Litauen,  Masuren,  den  Odenwald,  Bayrisch  Schwa- 
ben n.  a.  m.  lassen  sich  auch  mit  Nutzen  für  den  landesgeschicht« 
liehen  Unterricht  heranziehen.  Sie  enthalten  auch  hierfür  reiches 
Material. 

Auf  die  sonstigen  zahllosen  Heim ats künden,  die  immerfort  in 
allen  Teilen  des  Deutschen  Reiches  erscheinen,  kann  hier  nicht  ein- 
gegangen werden.  In  den  meisten  finden  sich  auch  Nachrichten  über 
die  Geschichte  des  betreffenden  Gebietes,  aber  im  allgemeinen  sind 
sie  nach  einer  Schablone  gearbeitet  und  kommen  für  den  Unterricht 
in  den  höheren  Schulen  nicht  in  Betracht.  Neben  diesen  heimats- 
kundlichen  Heften  giebt  es  nun  aber  auch  eine  grofse  Zahl  von  kleinen 
Veröffentlichungen  geschichtlichen  Inhalts,  die  für  den  Unterricht  be- 
stimmt sind.  Es  ist  ganz  unmöglich,  hier  auch  nur  eine  Übersicht  zu 
geben,  aber  z.  T.  leisten  sie  ganz  gute  Dienste  und  sind  wohl  brauch- 
bar. In  dieser  Beziehung  ist  für  die  deutschen  Einzelstaaten  besser 
gesorgt  als  für  die  preufsischen  Provinzen.  Es  ist  das  ganz  erklärlich, 
da  dort  der  geschichtliche  Zusammenhang  gewahrt  ist,  auch  die  Landes- 
geschichte eifriger  im  Unterrichte  betrieben  wird.  Was  z.  B.  hierfür 
in  Hamburg  gethan  ist,  darauf  wurde  schon  ^)  hingewiesen.   Ebenso  ist 


[)  Vgl.  oben  S.  113  f. 


—     234     — 

man  jetzt  in  Mecklenburg  eifrig-  bemüht,  der  Landesgeschichte 
den  gebührenden  Platz  einzuräumen.  Von  C.  Benjes  in  Rostock 
sind  verschiedene  Leitfäden,  Grundrisse  und  2^ittafeln  zur  mecklen- 
burgischen Geschichte  (Berlin,  Wilh.  Süsserott)  erschienen.  Für  die 
höheren  Lehranstalten  sind  bestimmt  die  von  R.  Wagner  bearbeiteten 
Bilder  aus  der  mecklenburgtschcn  Geschichte  und  Sagenwelt  (1900) 
und  die  von  A.  Rudioff  in  Verbindung  mit  anderen  Schulmännern 
herausgegebenen  Bilder  aus  der  mecklenburgischen  Geschichte,  Alle 
diese  Arbeiten  eignen  sich  sehr  wohl  für  den  Unterricht  auf  ver- 
schiedenen Stufen.  Ergänzend  und  erweiternd  treten  dazu  die  bisher 
erschienenen  Bände  der  Mecklenburgischen  Geschichte  in  Einzel- 
darstellungen (Berlin,  W.  Süsserott,  1899 — 1901).  In  denselben  werden 
ausführlich  und  gründlich  die  einzelnen  Perioden  dargestellt ;  als  Lese- 
bücher sind  sie  für  reifere  Schüler  sehr  zu  empfehlen.  (Vgl.  über 
diese  Sammlung  W.  Salow  im  Programm  von  Friedland  i.  Mecklenb. 
1902).  In  ähnlicher  Weise  ist  für  die  Behandlung  der  Geschichte  des 
<jrofsherzogtums  Hessen  gesorgt.  Im  Verlage  von  E.  Roth 
in  Giefsen  ist  von  P.  Müller  ein  kurze  Geschichte  und  eine  Heimats- 
kunde erschienen,  treffliche  Bücher,  denen  für  die  oberen  Klassen  der 
höheren  Schulen  die  Geschichte  des  Gro/sherzogtums  Hessen  von 
Fr.  Soldan  (Giefsen  1896)  erweiternd  zur  Seite  tritt.  Auch  K.Wag- 
ners Abri/s  der  Geschichte  des  Hessenlandes  (Cassel  1896)  mag 
hier  erwähnt  werden,  ebenso  wie  F.  Münschers  Geschichten  aus 
dem  Hessenlande  oder  Geschichte  von  Hessen  (Marburg). 

Wir  müssen  uns  begnügen,  an  den  beiden  Staaten  kurz  gezeigt  zu 
haben,  wie  durch  diese  und  zahlreiche  andere  Arbeiten  der  unterricht- 
liche Betrieb  der  Heimatsgeschichte  gefördert  werden  kann.  In  den 
meisten  anderen  Bundesstaaten  steht  es  nicht  anders;  es  ist  aber  un- 
möglich auch  nur  einen  Teil  der  Litteratur  anzugeben.  Es  mag  Ver- 
tretern der  einzelnen  Gebiete  überlassen  bleiben,  solche  Zusammen- 
stellungen zu  liefern;  es  wäre  das  sehr  wünschenswert. 

Trotz  des  Reichtums  aber  an  den  verschiedensten  heimatskund- 
lichen  Lehr-  und  Lesebüchern  fehlt  es,  wie  wieder  hervorgehoben 
werden  mufs,  doch  noch  an  vielen  Stellen  namentlich  iiir  die  preufsi- 
schen  Provinzen  an  Arbeiten,  die  für  die  höheren  Schulen  recht  zu 
gebrauchen  wären,  sowohl  an  ausführlichen  Lesebüchern,  wie  an 
kürzeren  zusammenfassenden  Darstellungen.  Es  ist  sehr  zu  wünschen, 
dafs  die  landesgeschichtliche  Forschung  mit  dazu  beiträgt,  diesem 
Mangel  allmählich  abzuhelfen.  Nicht  allein  die  wissenschaftliche  Er- 
forschung der  Vergangenheit,   sondern   auch  die  Verbreitung  der  ge- 


—     235     — 

wonnenen  Resultate  ^)   in  Schule  und  Haus  ist  eine  wichtige  Aufgabe 
namentlich  der  verschiedenen  territorialen  Geschichtsvereine. 


Mitteilungen 

Archive«  —  Die  staatliche  Aufsicht  über  die  Archive  der  Stadt-  und 
Landgemeinden  sowie  der  öffentlichen  Korporationenen  wird  in  den  ver- 
schiedenen Bundesstaaten  verschieden  gehandhabt,  aber  überall  hat  sich  die 
Erkenntnis  Bahn  gebrochen,  dafs  es  höchste  Zeit  ist,  mit  der  alten  Vemach- 
la&igung  der  Archive  aufzuräumen.  Noch  in  bei  weitem  den  meisten  Staaten 
wird  dies  jedoch  der  Privatthätigkeit  der  geschichtlich  interessierten  Kreise, 
wemi  sie  sich  auch  der  empfehlenden  Unterstützung  der  Behörden  fast  durch- 
gängig zu  erfreuen  haben,  überlassen.  Einen  wesentlichen  Schritt  weiter  ist 
die  Königlich  Bayerische  Regierung  der  Pfalz  (Kammer  des  Innern)  zu 
Speyer  gegangen,  indem  sie  unter  dem  30.  August  1900  eine  Verfügung  an 
sämtliche  Bezirksämter  erliefs,  die  allgemeine  Beachtung  seitens  der  Geschichts- 
forscher sowohl  als  auch  aller  staatlichen  Aufsichtsbehörden  verdient.  Für 
erstere  ist  es  von  besonderem  Werte,  dafs  das  Berirksamt  die  Inventare  in 
Abschrift  erhält:  es  ist  mithin  jetzt  möglich,  dafs  sich  der  einzelne  Forscher 
aai  dem  Bezirksamt  verhältnismäfsig  rasch  und  zuverlässig  über  den  Inhalt 
der  Gemeindearchive  im  ganzen  Bezirksamt  unterrichtet! 

Wir  lassen  hier  zunächst  den  von  der  Königlichen  Regienmg  gütigst 
zur  Veriligung  gestellten  Erlafs  in  seinem  vollen  Wortlaut  folgen: 

„Nach  den  ziun  Vollzug  der  Regierungsentschliessung  vom  7.  April  d.  J. 
Xr.  7352  H  von  den  Bezirksämtern  erstatteten  Berichten  befinden  sich  zahl- 
reiche Gemeinden  des  Regierungsbezirks  im  Besitze  von  alten  Akten  und 
Urkunden,  Ratsprotokollen,  Beschlussbüchem,  Rechnungen  u.  s.  w.  von  teilweise 
sehr  hohem  archivalischem  Wert,  für  deren  Sichtung  und  sichere  Aufbewahnmg 
nicht  allerwärts  die  nötige  Vorsorge  getroffen  zu  sein  scheint. 

Das  Bezirksamt  wird  es  sich  daher  angelegen  sein  lassen,  der  Sicherung 
derartiger  wertvoller  Urkunden  gegen  Verlust  und  Verderb  die  grösste  Auf- 
merksamkeit zuzuwenden  und  jede  Gelegenheit  insbesondere  bei  den  periodi- 
schen Gemeindevisitationen  zu  benützen,  die  Gemeinden  in  dieser  Beziehung 
aa£cuklären  und  zur  Beseitigung  bestehender  Missstände  —  event.  im  Wege 
staatsaufsichtlichen  Einschreitens  —  anzuhalten.  (Zu  vergl.  die  EntSchliessung 
des  kgL  Staatsministeriums  des  Innern  vom  18.  Mai  1888  —  M.  Abi.  S.  199.) 

Sofeme  sich  die  Gemeinden  nicht  entschliefsen  können,  ihre  wertvollen 
Urkunden  u.  s.  w.  —  unter  Vorbehalt  ihres  vollen  Eigentums-  und  Verfügungs- 
rechts (zu  vergl.  die  autogr.  Regierungsentschliessung  vom  16.  Februar 
1873,  Nr.  2732  F.)  —  bei  den  Kreisarchiven  zu  hinterlegen  und  sie  auf 
diese  Weise  auch  der  archivalischen  Benützung  zugänglich  zu  machen,  wozu 
bei  jeder  sich  bietenden  Gelegenheit  aufzufordern  ist,  erweist  sich  als  wirksames 
Mittel  gegen  die  Verschleppung  und  den  Verlust  solcher  Urkunden  u.  s.  w. 

I.  die  gesonderte  Aufbewahrung  und 

I)  Vgl.  oben  S.   180. 


—     236     — 

2.  die  Repertorisiening  derselben,  da  hiedurch  die  jederzeitige  rasche 
Kontrole  der  Vollständigkeit  der  Bestände  ermöglicht  wird.  Das  Bezirksamt 
hat  desshalb  die  Bürgermeisterämter  seines  Bezirks  anzuweisen,  binnen  an- 
gemessener Frist  ein  genaues  und  vollständiges  Verzeichniss  aller  im 
Besitz  der  Gemeinde,  des  Standesamts  imd  der  örtlichen  Stiftungen  befind- 
lichen Akten  und  Urkunden  unter  Beifügung  des  Datiuns,  des  Betreffs  und 
einer  kurzen  Inhaltsangabe,  sowie  gegebenen  Falles  des  Ausstellers  der  Ur- 
kunde auf  haltbarem  Papier  in  duplo  anfertigen  zu  lassen  und  ein  Exemplar 
in  der  Gemeinderegistratur,  das  zweite  beim  Bezirksamt  zu  hinterlegen. 

Das  bezirksamtliche  Exemplar  ist  alsbald  dem  kgl.  Kreisarchiv  zur  Ein- 
sichtnahme mitzuteilen. 

In  das  Verzeichnis  sind  aufzimehmen: 

1.  alle  Urkunden  auf  Pergament; 

2.  alle  Urkunden,  Befehls-,  Protokoll-  und  Beschlussbücher,  Flur-  und 
Bannbeschreibungen,  Gemeinde-  imd  Ortspläne,  Bürgerverzeichnisse, 
ViktualienbeschauprotokoUe  undPreisnotinmgen,  Rechnungen  und  Vor- 
anschläge, Steuer-  und  Umlagerollen  u.  s.  w.  aus  der  Zeit  vor  1820» 
welche  entweder  von  allgemeiner  geschichtlicher  Bedeutung  sind 
oder  als  Zeugnisse  über  den  Bestand  und  Umfang  der  Gemeinde, 
den  Gemeindehaushalt  imd  das  Gerichtswesen  in  früherer  Zeit  sowie 
über  die  Herkunft  noch  bestehender  oder  historisch  bedeutsamer 
Familien  das  allgemeine  Interesse  beanspruchen  können; 

3.  Akten  über  das  Eigentum  der  Gemeinden  und  Stiftungen,  über 
Rechtsstreitigkeiten  derselben,  über  Privilegien-  und  wichtige  Erb- 
schaftsangelegenheiten, über  Schenkungen  und  über  Lehens-,  guts- 
\md  gerichtsherrliche  Verhältnisse; 

4.  die  Urteilsbücher  imd  Polizeiakten; 

5.  die  Ortschroniken; 

6.  die  im  Besitz  der  Gemeinden  und  Stiftungen  befindlichen  älteren 
Aktenbestände  anderer  Gemeinden,  Stiftungen  und  Behörden  sowie 
der  Zünfte  und  ähnlicher  Vereinigungen; 

7.  alle  sonstigen  geschriebenen  oder  gedruckten  Mitteilungen  von  allge- 
meinem Interesse,  wie  Sammlungen  von  Zeitungen,  Flugblättern  u.  Ähnl. 

Sofeme  die  Bestände  an  derartigen  Akten  nur  unbedeutend  sind,  genügt 
es,  sie  in  eigenen  Mappen  getrennt  von  den  übrigen  gemeindlichen  Akten 
trocken  und  feuersicher  aufzubewahren. 

Für  grössere  Bestände  sind  besondere  verschliessbare  Schränke  zu  beschaffen. 

Die  auf  diese  Weise  ausgeschiedenen  Archivalien  sind  bei  Amtsübergaben 
dem  neugewählten  Bürgermeister  besonders  zu  extradieren. 

Ueber  den  Vollzug  ist  bis  zum  i.  Juni  1901  Anzeige  zu  erstatten. 

Hinsichtlich  des  Verkaufs  oder  des  Einstampfs  älterer  Akten  wird  auf 
die  autographierte  Regierungsentschliessung  vom  31.  Dezbr.  1894  Nr.  20981 B 
mit  dem  Beifügen  verwiesen,  dass  ein  Verzeichniss  solcher  für  den  Stampt 
bestimmter  Akten  stets  durch  Vermittelung  des  Bezirksamts  dem  kgl.  Kreis- 
archiv in  Vorlage  zu  bringen  und  dessen  Gutachten  abzuwarten  ist." 

Schneller  als  zu  erwarten  war,  hat  die  Verfügung  auch  Früchte  ge- 
tragen. Wenigstens  die  Stadtgemeinde  Frankenthal  hat  1901  das  Ver- 
zeichnis der  im   städtischen  Archiv  hefindlichen  Akten  und  Urkunden,   das 


—     237     — 

Werk  des  ersten  Adjunkten  und  Vorsitzenden  des  Altertumsvereins  Johannes 
Kraus,  im  Druck  erscheinen  lassen.  Als  eigentlicher  Katalog  für  ein  kleineres 
städtisches  Archiv  d.  h.  als  Mittel,  um  sich  darin  zurechtzufinden,  kann 
dieses  Werkchen  aus  Frankenthal  vorbildlich  genannt  werden  ^).  Die  Ur- 
kunden treten  an  Bedeutung  weit  hinter  die  Akten  zurück,  zahlreicher  werden 
die  Bestände  erst  im  XVÜ.  Jahrhundert.  Erwähnung  verdienen  z.  B.  die 
Akten  über  die  Stadtbefestigung  1620 — 22  (Nr.  40),  Beschreibung  des  Zu- 
standes  der  Stadt  nach  dem  30  jährigen  Kriege  (Nr.  41^),  Statistische  Er- 
hebungen XVIII.  Jahrhunderts  (Nr.  45 — 46),  Tabaksbau  1700  —  1752 
(Nr.  430).  Ergänzt  wird  das  Verzeichnis  der  Bestände,  das  sich  an  die 
Aufstellung  anschliefst,  durch  ein  zweites  alphabetisches,  welches  auf  die 
Katalognummem  verweist  Frankenthal  hat  als  Ort  allgemeines  Interesse, 
da  hier  unter  Friedrich  III.  um  ihres  Glaubens  willen  verfolgte  Niederländer 
angesiedelt  wurden  und  zwar  zunächst  60  Familien  auf  dem  Boden  des 
Klosters  Grolsfrankenthal.  Merkwürdigerweise  ist  aus  dem  Katalog  nicht  er- 
sichtlich, ob  Akten  über  die  Porzellanmanufaktur  vorhanden  sind. 

Fnndzeiclicn«  —  Schon  S.  91  dieses  Bandes  ist  kurz  darauf  hin- 
gewiesen worden,  dafs  auf  der  Freiburger  Generalversammlung  des  Gesamt- 
vereins in  Gemeinsamkeit  mit  den  südwestdeutschen  Vereinen  über  einheit- 
liche Bezeichnung  von  Funden  auf  archäologischen  Karten  beraten  worden 
ht.  Bereits  in  Trier  hatte  die  Frage  auf  dem  ersten  Verbandstag  zur  Dis- 
kussion gestanden,  konnte  aber,  weil  in  weiten  Kreisen  nicht  vorher  bekannt 
geworden,  damals  nicht  einer  Erledigung  zugeführt  werden.  Da  der  Gesamt- 
verein sich  schon  lange  mit  der  Sache  befafst  hatte,  so  erschien  eine  gemein- 
same Behandlung  der  allmählich  dringlich  gewordenen  Sache  angezeigt,  und 
die  Hofibung,  man  werde  zu  einer  Einigung  kommen,  hat  denn  auch  nicht 
getrogen.  Es  ist  dies  eine  um  so  erfreulichere  Thatsache,  als  gerade  in  der 
nächsten  Zeit  eine  Anzahl  von  gröfseren  Publikationen  bevorsteht,  auf  denen 
solche  Eintragungen  gemacht  werden  müssen,  so  die  Abteilung  A  des  grofsen 
Limeswerks  und  die  von  Ohlenschlager  vorbereitete  Archäologische  Karte 
von  Bayern,  deren  Herausgabe  durch  das  Kaiserl.  Archäologische  Institut 
gefördert  und  unterstützt  wird  ^.)  Es  ist  dankbar  anzuerkennen,  dafs  der  Herr 
Generalsekretär  des  Instituts  wie  der  Bearbeiter  dieses  grofsen  Unternehmens 
nicht  auf  eigene  Faust  vorgegangen  sind,  sondern  dafs  sie  vorher  ihre  An- 
sichten einem  gröfseren  Kreise  von  Fachleuten  vorzulegen  für  gut  fanden. 
Dafs  die  Sache  drängte,  war  klar;  es  war  so  viel  über  diese  Dinge  hin  und 
her  geredet  worden,  dafs  schliefslich  eine  thüringische  Kommission  von  Ge- 


l)  Vgl.    die  Besprechnng  einiger   ähnlicher  Kataloge   im  I.   Bde.   dieser   Zeitschrift, 

a)  Die  Zahl  der  schon  bearbeiteten  oder  in  Arbeit  befindlichen  Karten  ist  bereits 
nicht  mehr  gering,  wenn  auch  Plan,  Zweck  und  Ausßihrang  im  einzelnen  sehr  verschieden 
sind.  Es  giebt  solche  fiir  Baden  (bearbeitet  von  £.  Wagner,  Karlsruhe  1883),  Bayern 
(bearb.  von  Friede  Ohlenschlager  iSyQff),  Hessen  (bearb.  von  Kofier  1885  ff.). 
Blsafii-LrOthri&gen  (bearb.  von  Forrer,  Strafsborg  1901),  Mecklenburg  (Vier  Karten 
rar  Vorgeschichte  von  M.  von  Robert  Baltz,  Berlin,  Süsserott  1899),  OberlausitSi 
Pfslx  (Mitteilongen  des  historischen  Vereins  der  Pfalz.  1 1.  Bd.  1883,  S.  43 — 56),  Pommern 
(E.  Walter,  PrMhistorische  Fände  zwischen  Oder  und  Rega  mit  einer  Fandkarte.  Programm 


—     238     — 


lehrten  ein  Schema  entwarf  und  herausgab  *) ,  ohne  sich  mehr  um  andere 
zu  kümmern;  sie  verzweifelten  wohl  am  Zustandekommen  einer  einheidichen 
Bezeichnung.  Und  doch  ist  eine  solche  recht  wohl  möglich,  freilich  auch 
nur  bei  gegenseitigem  Entgegenkommen  im  einzelnen.  Von  früheren  Ar- 
beiten mufsten  besonders  die  Zeichen  und  Farben  beachtet  werden,  die  der 
internationale  Kongrefs  in  Stockholm  ')  vorgeschlagen  hatte,  ohne  dafs  sie  indes 
bisher  zu  allgemeiner  Geltung  hätten  durchdringen  können.  —  Die  jetzt  ver- 
einbarten Zeichen  haben,  um  das  sogleich  vorwegzunehmen,  folgende  Gestalt: 

Römisch  Vorrömisch 

Römische  Grenze   (Pfahl) 

mit    eingebaotem  Turm, 

freistehendem  Wachthaus 

nnd  Umgrabang. 
Festgestellte  Strafse. 
Vermutete  Strafse. 


D 

Is) 

■ 
i 

1 
\±/ 


AA 
0 


Lager  ohne  gemauerte  Umwallnng. 
Lager  mit  gemauerter  UmwaUnng. 

Lager  mit  Gebäuderesten  im  Innern. 
Römisches  Gebäude  (Einzelhof). 
Römischer  vicus. 

Meilenstein. 

Flachgrab  mit  Skelett. 

Flachgrab  mit  Brand. 

Einzelfnnd. 

Münze. 

Inschrift  oder  Denkmal. 

j  Wasserleitungen. 
Brücken. 


o 

RingwaU. 

o 

BurgkegeL 

« 

Abschnittswall. 

a^ 

Hügelgrab  mit  Skelett. 

^^ 

Hügelgrab  mit  Brand. 

\±j 

Flachgrab  mit  Skelett. 

\sJ 

Flachgrab  mit  Brand. 

\^ 

Wohngmbe. 

m 

Wohnstätte. 

rm 

Pfahlbau. 

M 

Münze. 

0 

Depotfund. 

♦ 

Werkstätte. 

MUUULa 

Landwehr. 

des  Kgl.  Marienstifts-Gymnasiums  zu  Stettin,  1889),  Provin«  Sachsen  (unternommen  von  der 
Historischen  Kommission  für  Sachsen-Anhalt),  Thurgau  (Thnrganische  Beiträge  zur  vaterländi- 
schen Geschichte  36.  Bd.,  1896),  Westfalen  (Erläuterungen  zum  Gebrauch  der  Tafel  vor-  und 
frtthgeschichtlicher  Altertümer  der  Provinz  Westfalen  von  E.  Zimmmermann,  Arnsberg 
1901),  Westpreufsen  (Vorgeschichtliche  Wandtafel,  entworfen  im  westpreufs.  Provinzial- 
Museum).  — Im  Königreich  Sachsen  ist  eine  Fundkarte  ebenfalls  geplant:  im  Sommer  1901 
hat  Prof.  Deichmüller  (Dresden)  vom  Ministerium  des  Innern  den  Auftrag  erhalten,  zu- 
nächst die  urgeschichtlichen  Altertümer  zu  inventarisieren.  Da  neben  sachlicher  Beschrei- 
bung und  photographischer  Abbildung  jeder  Gegenstand  nach  Möglichkeit,  hinsichtlich  des 
Fundortes  bestimmt  wird,  so  ist  damit  gleich  die  wichtigste  Vorarbeit  für  die  Karte  geleistet 
Die  Photographieen ,  im  Kgl.  Mineralogisch-Geologischen  Museum  zu  Dresden  (Zwinger) 
aufbewahrt,  stellen  gewissermafsen  einen  illustrierten  Katalog  aller  im  Königreich  Sachsen 
gefundenen  Altertümer  dar.  —  Auch   in  Braunschweig   wird   eine  Fundkarte  geplant. 

i)  In  Thüringen  ist  man  unter  der  thätigen  Leitung  des  Sanitätsrat  Dr.  Zschiesche 
(Erfurt)  seit  1895  ^^^  ^^^  Herstellung  einer  Archäologiscfien  Karte  beschäftigt.  Eine 
gröfsere  Zahl  von  Vereinen  und  Korporationen  beteiligt  sich  an  der  Arbeit  durch  finanzi- 
elle Beihilfe  und  sachliche  Leistung.  Die  jährlich  im  Juni  stattfindenden  Beratungen  aller 
Beteiligten,  Über  die  ein  knapper  Bericht  verbreitet  wird,  geben  trefflichen  AufscUnfs 
über  die  Fortschritte  der  Arbeit.  Bei  der  7.  Beratung  (190 1)  wurde  auch  über  Farben 
und  Zeichen  für  die  archäologische  Karte  von  Thüringen  beraten ,  und  das  Ergebnis 
ist  als  Einzeldruckblatt  veröffentlicht  worden.  Die  Karte  selbst  ist  noch  in  der  Bearbei- 
tung, aber  1903  hofft  man  auf  Fertigstellung. 

2)  Sie  sind  u.  a.  abgedruckt  im  10.  Jahrg.  (1898)  der  von  Julius  Naue  in  Mün- 
eben  herausgegebenen  Prähistorischen  Blätter^  Nr.  2  und  3. 


—     239     — 

An  Stelle  Ohlenschlagers  (München),  der  leider  ebenso  wie  Lehner 
(Bonn),  der  in  Trier  das  Korreferat  für  Freiburg  übernommen  hatte,  dienstlich 
am  Kommen  verhindert  war,  trat  Anthes  (Darmstadt)  für  die  Sache  ein;^ 
er  legte  die  ausführlichen  Vorschläge  Ohlenschlagers  zu  Grunde,  die  den  Teü- 
nehmem  an  den  Beratungen  lithographiert  zugesteUt  worden  waren;  von  seitea 
des  Gesamtvereins  hatte  sich  Wolfram  (Metz)  der  Angelegenheit  angenommen 
und  sich  vorher  mit  Anthes  und  beide  zusammen  in  der  Verbandssitzung  mit 
den  Abgeordneten  der  Vereine  in  Gegenwart  auch  des  militärischen  Dirigenten 
der  Reichs-Iimes-Konmiission  £xc.  v.  Sa r  w e y  auseinandergesetzt.  In  knapper 
Form  enthalten  Ohlenschlagers  einleitende  Bemerkungen  die  wichtigsten  Leit- 
sätze ftlr  die  Behandlung  der  nicht  ganz  einfachen  Frage.  Da  sie  allgemei- 
nes Interesse  haben,  lassen  wir  das  Wichtigste  daraus  folgen. 

„Die  Zeichen  in  einer  Karte  sind  nur  Andeutungen  (Symbole,  Weg- 
weiser), sie  können  den  begleitenden  Bericht  nicht  ersetzen  und  dürfen  ihn 
auch  nicht  ersetzen  wollen ;  eine  archäologische  Karte  bildet  zu  den  Berichten- 
nur  ein  gezeichnetes  Register,  das  über  die  örtliche  Verteilung  geschichtlicher 
Reste  Aufischluis  giebt,  ohne  begleitende  Worte  aber  nicht  völlig  verständ- 
lich ist 

EHe  Zeichen  müssen  einfach  sein,  z.  B.  Dreieck,  Viereck,  Kreis,  Halb- 
kreis, die  sich  leicht  erkennen  und  übersehen  lassen;  das  Anbringen  kleiner 
Striche,  Sterne,  Kreuze,  Punkte  an  oder  in  den  Zeichen,  wie  es  manchmal 
für  prähistorische  Karten  vorgeschlagen  wurde,  ist  für  Karten  mit  Höhen- 
zeichnung (Schraffierung)  nicht  verwendbar,  weU  die  Unterscheidungszeichen 
nicht  oder  nur  schwer  sichtbar  sind.  Die  Höhenzeichnung  ist  aber  zum 
Verständnis  der  Anlage  von  Wohnstätten,  Strafsen  und  Befestigungen  un- 
erläfslich. 

Durch  eine  gröfsere  oder  geringere  Dicke  der  Linien  z.  B.  bei  Strafsen 
läfst  sich  gröfsere  oder  geringere  Wichtigkeit  derselben  nur  recht  unsicher 
andeuten  (siehe  Vetters  Karte  der  römischen  Befestigungswerke  und  Strafsen 
in  Baden),  man  wird  daher  am  besten  auf  dieses  Unterscheidungsmittel 
verzichten. 

Bis  jetzt  sind  für  römische  Karten  nur  zwei  Farben  (rot  und  blau)  ver- 
wendet worden  (Wagner,  Paulus,  Hammeran),  denn  jede  neue  Farb- 
platte vermehrt  die  Kosten  bdeutend;  selbst  wenn  das  Prähistorische  auf 
demselben  Blatte  zur  Anschauung  gebracht  werden  soU,  genügt  noch  eine 
dritte  Farbe  (gelb)  zum  Ausdruck  aller  nötigen  Unterscheidungen,  denn  wir 
besitzen  jetzt  mit  Einschlufs  des  Schwarz  vier  Farben,  die  durch  Zusammen- 
stellung und  Verdoppelung  (rot-blau,  blau-gelb,  rot-rot)  mindestens  dreizehn 
verschiedene  Färbungen  ergeben,  eine  Zahl,  die,  mit  den  oben  genannten 
einfachen  Zeichen  multipliziert,  völlig  ausreicht,  um  alle  möglichen  Erschei- 
nungen zur  Darstellung  zu  bringen  und  auseinanderzuhalten. 

Eine  vierte  Farbe,  grün,  empfiehlt  sich  nicht  wegen  der  Kosten,  und 
weü  grün  und  blau  für  viele  Augen  selbst  bei  Tage  schwer  unterscheidbar 
ist,  bei  Licht  aber  auch  gesunde  Augen  irre  geführt  werden  können. 

Die  Namen  der  Fundorte  noch  mit  der  Farbe  der  Fundzeichen  zu 
unterstreichen,  ist  nicht  ratsam;  es  überlastet  die  Karte  und  verringert  die 
DeutUchkeit  und  Übersicht,  wo  viele  Zeichen  zusammenkommen  (z.  B.  Mehlis^ 
Archäologische   Karte   der   Rheinpfalz  zwischen   Worms    und 


—     240     — 

Spei  er);  diese  Unterstreichung  kann  dagegen  sehr  gut  als  eigenes  Zeichen 
verwendet  werden.  Ebenso  beeinträchtigt  eine  zu  grofse  Fülle  von  Zeichen 
die  Deutlichkeit,  welche  doch  ein  Hauptzweck  der  Kartendarstellung  ist  Wo 
die  Zeichen  zu  dicht  beisammen  stehen,  mufs  durch  Nebenkarten  in  gröfserem 
Mafsstab  abgeholfen  werden  (vergl.  Blatt  lo,  Ulm,  der  prähistorischen  Karte 
von  Bayern.) 

£me  Unterscheidung  der  Strafsenzeichen  für  viae  consulares,  viae  vici- 
nales,  viae  militares  wurde  nicht  vorgeschlagen,  i)  weil  die  Straisenforschung 
bisher  eine  allseitige  Unterscheidung  der  Strafsen  noch  nicht  möglich  macht, 
2)  weil  die  Bedeutung  und  Benennung  der  Strafsen  schon  im  Altertum  nicht 
jzn  allen  Zeiten  gleich  war,  manche  Strafsen  im  Lauf  der  Zeit  an  Bedeutung 
gewannen,  andere  verloren,  3)  weil  der  Kundige  aus  der  Nachbarschaft  der 
Lager,  Wohnstätten  etc.  die  Bedeutung  der  Straisen  zu  erkennen  vermag, 
der  Unkundige  durch  Anwendung  eines  technischen  Ausdruckes  häufig  eine 
falsche  Vorstellung  bekommt. 

Funde  von  Waffen,  Gefäfsen,  Inschriftsteinen  und  Bildwerken  durch 
eigene  Zeichen  auf  der  Karte  unterschieden  anzudeuten,  ist  nur  bei  Karten 
in  sehr  grofsem  Mafsstabe,  etwa  bis  1:25  000,  empfehlenswert;  für  Über- 
sichtskarten I  :  400  000  bis  I  :  50  000  scheinen  mir  die  beistehenden  Zeichen 
ausreichend,  die  sich,  wenn  es  nötig  oder  zweckmäfsig  scheint,  leicht  ent- 
sprechend vermehren  lassen.'* 

Im  allgemeinen  erklärte  sich  Anthes  mit  den  Vorschlägen  einverstanden 
und  bezeichnete  sie  als  eine  Grundlage,  auf  der  sich  sehr  wohl  eine  Ver- 
ständigung herbeifuhren  lassen  werde.  Sie  freilich  als  Ganzes  anzunehmen, 
was  ja  das  Wünschenswerteste  gewesen  wäre,  gehe  aber  leider  nicht  an,  da, 
weim  auch  nur  in  Nebenpunkten,  etwas  mehr  Rücksicht  auf  das  bereits  vor- 
handene Material  zu  nehmen  sei.  Wichtig  sind  zunächst  die  Zeichen  fiir 
die  Gebiete  der  Altertumswissenschaft,  auf  denen  überhaupt  schon  solche 
Fundkarien  ausgearbeitet  werden  können,  also  für  die  Prähistorie  im  weitesten 
UmfJEmg,  die  römische  Zeit  und  die  Epoche  der  Völkerwanderung  oder  die 
fränkisch-alamannische.  Wie  es  Wolfram  mit  Recht  vorschlug,  sah  man  bei 
der  Besprechung  von  den  Signaturen  für  das  Mittelalter  und  dessen  einzelne 
Perioden  zunächst  ab,  da  hier  für  die  meisten  Gebiete  noch  keine  ab- 
geschlossenen Ergebnisse  vorliegen.  Man  beschränkte  sich  auf  das  Zunächst- 
liegende ;  kommt  Zeit,  kommt  Rat,  —  um  die  Signaturen  für  spätere  Epochen 
mag  sich  eine  spätere  Generation  die  Köpfe  zerbrechen.  —  Die  Beratungen 
waren,  besonders  im  engeren  Kreise  der  Verbandssitzung,  sehr  eingehend. 
Der  Berichterstatter  hob  als  wichtigste  Abweichung  Ohlenschlagers  von  den 
Thüringern  hervor,  dafs  jener  die  rote  Farbe  für  die  römische,  diese  aber 
sie  für  steinzeitliche  Funde  gewählt  hätten.  Ein  Einverständnis  läfst  sich  da- 
durch erzielen,  dafs  die  Thüringer  Kommission  gebeten  wird,  für  die  Stein- 
zeit statt  rot  die  auch  in  Stockholm  gewählte  braune  Farbe  für  die  Steinzeit 
anzunehmen,  wodurch  dann  die  hervorstechende  Farbe  rot  für  das  Römische 
frei  wird;  die  Farbenfolge  würde  dann  sein:  Steinzeit  braun;  Bronzezeit 
gelb;  Eisenzeit  blau;  römisch  rot;  Völkerwanderungszeit  k  arm  in. 

Aber  können  denn  auch  auf  einer  und  derselben  Karte  wirklich  alle 
diese  verschiedenen  Perioden  mit  verschiedenen  Farben  und  Farbenzusammen- 
stellungen dargestellt  werden  ?  Das  ist  vielleicht  die  allerwichtigste  Frage.    Auch 


—     241     — 

Ohlenschlager  hebt  diese  Schwierigkeit  hervor ;  solche  Karten  in  grofsem  Mafs- 
Stab,  auf  denen  alle  Perioden  unterschieden  werden  können,  dürften  nur  sehr 
selten  zur  Ausführung  gelangen,  schon  der  hohen  Kosten  halber.  Wünschens- 
wert wäre  dies  Verfahren  ja  allerdings,  aber  es  hat  nicht  allzu  viel  Zweck,  über 
Dinge  zu  beraten,  die  doch  schliefslich  nur  auf  dem  Papier  stehen  und  nicht 
in  die  Praxis  übergesetzt  werden  können.  £s  mufs  mit  dieser  Thatsache  ge- 
rechnet werden;  es  kann  nur  das  wirklich  Erreichbare  erstrebt  werden,  und 
das  sind  Karten  in  kleinerem  Mafsstab,  die  Ohlenschlager  als  Übersichts- 
karten bezeichnet,  also  etwa  von  i  :  400000 — i  :  50000.  Gröfsere  Karten, 
besonders  von  i  :  25000  abwärts,  dürften  aus  den  genannten  Gründen  nur 
selten  zur  Verwendung  kommen;  auf  ihnen  kann  aber  alles  eingetragen  imd 
es  kann  in  Farben  und  Zeichen  mehr  differenziert  werden,  als  es  auf  Dar- 
stellungen in  kleinerem  Mafsstab  möglich  und  im  Interesse  der  Deudichkeit 
räüich  ist  Was  da  von  Ohlenschlager  beantragt  ist,  entspricht  durchaus  den 
Bedürfnissen. 

Weitaus  die  meisten  archäologischen  Karten  werden  also  in  gröfserem  Mafs- 
stab erscheinen;  für  Mittel-  und  Norddeutschland  kommen  als  Grundlagen 
die  Thudichumschen  Grundkarten  in  Frage,  für  Bayern  dagegen  eine  andere 
Karte.  Bei  diesem  Mafsstab  verbietet  sich  die  Anhäufung  einer  Menge  von 
einzelnen  Zeichen  von  selbst,  und  die  Kostspieligkeit  der  Herstellung  macht 
in  den  meisten  Fällen  eine  Beschränkung  auch  der  Farbplatten  nötig.  Ohlen- 
schlager gründet  hierauf  seine  Vorschläge  für  die  Karten  in  gröfserem  Mafs- 
stab. Er  braucht  im  ganzen  nur  zwei  Farben:  rot  für  römisch  und  blau 
für  vorrömisch,  d.  h.  für  die  Funde  aus  allen  Perioden  der  sogen.  Prä- 
historie. Nun  wurde  auf  der  Versammltmg  gewifs  mit  Recht  hervorgehoben, 
dafs  eine  wirklich  im  höchsten  Sinne  wissenschaftliche  Eintragung  der  Funde 
unbedingt  alle  Perioden  unterscheiden  müsse ;  aber  die  Karten  sind  ja  inmier 
nur  schematische  Hilfsmittel,  die  ohne  eine  sorgfältige  Benutzung  des  bei- 
gegebenen Textes  mit  Nutzen  nicht  gebraucht  werden  können.  Was  sich  also 
bei  gröfserem  Mafsstab  allenfalls  auch  ohne  Text  erreichen  läfst,  das  ist 
allerdings  bei  kleinem  Mafsstab  ausgeschlossen,  aber  dieser  nicht  abzuleugnende 
Übelstand  wird  durch  die  genauen  Hinweise  des  Textes  ersetzt,  wo  der  richtige 
Platz  ist  für  die  genaue  Scheidung  der  einzelnen  Zeiten  der  Prähistorie. 

Im  einzelnen  wurden  gegen  die  von  Ohlenschlager  gewählte  Farbe  blau 
für  das  Vorgeschichtliche  Einwendungen  erhoben,  da  so  auch  die  Flüsse 
und  Bäche  bezeichnet  würden;  es  erschien  deshalb  der  Mehrheit  der  Ver- 
sammlung wünschenswert,  dafs  dafür  das  ganz  neutrale  Schwarz  gewählt  werde, 
da  ja  doch  eine  Scheidung  dieser  Perioden  nicht  beabsichtigt,  diese  vielmehr 
dem  begleitenden  Text  zugewiesen  sei.  Doch  fand  auch  die  andere  Ansicht 
Vertreter,  dais  gegen  blau  ein  Bedenken  nicht  bestünde. 

Es  wurde  angeregt,  dafs  wegen  der  aufserordentlichen  Wichtigkeit  der 
Sache  statt  der  vorgeschlagenen  einheitlichen  Bezeichnung  der  Gräber  zwischen 
solchen  mit  Leichenbestattung  und  solchen  mit  Brand  auch  äufserlich  unter- 
schieden werden  müsse;  demgemäfs  wurde  beschlossen,  die  oben  abgebildeten 
Zeichen  anzuwenden  statt  eines  einheitlichen;  ob  sich  dieser  Beschlufs  als 
praktisch  erweisen  wird,  mufs  zunächst  dahingestellt  bleiben.  Bei  den  wenigsten 
Gräbern  ist  bis  jetzt  bekannt,  welcher  Gruppe  sie  angehören,  und  die  etwas 
umständlichen  Zeichen,   die  für   einen    gröfseren  Mafsstab   trefflich   zu  ver- 

17 


—     242     — 

wenden  sind,  dürften  bei  geringerem  Mafsstab  zu  viel  Raum  wegnehmen. 
Möglicherweise  dringt  doch  die  einfachere  Bezeichnung  mit  einem  Kreuz  (+) 
durch.  Die  übrigen  Zeichen,  denke  ich,  sprechen  für  sich  selbst;  sie  sind 
einfach  und  lassen  sich  ohne  Überladung  überall  anbringen.  Allenfalls  wäre 
noch  beizufügen  als  Zeichen  für  die  jetzt  überall  massenhaft  beobachteten 
Hüttenplätze  aus  vorrömischer  Zeit  ein  kleiner  Dreiviertelkreis  ((J). 

Wie  im  archäologischen  Anzeiger  1902,  S.  21,  mitgeteilt  wird,  erscheint 
die  Karte  Ohlenschlagers  mit  diesen  Zeichen ;  das  gleiche  ist  von  dem  grofsen 
Limeswerk  zu  hoffen.  Haben  sich  daim  in  zwei  so  bedeutenden  Publikationen 
Zeichen  und  Farben  bewährt,  so  werden  sie  ohne  Zweifel  auch  für  andere 
ähnliche  Veröffentlichungen  typisch  werden.  Zu  wünschen  ist  eine  solche 
Einheitlichkeit  in  hohem  Grade;  hoffen  wir,  dafs  ihr  die  Verhandlungen  in 
Freiburg  dienlich  waren!  A.  D. 

Kommtsslonen.  —  Die  „Konunission  zur  Herausgabe  lothringischer 

Geschichtsquellen'*  ')  hielt  am  26.  April  1902  in  Metz  ihre  zweite  Sitzung 
ab,  und  dem  vom  Archivdirektor  Wolfram  erstatteten  Berichte  sind  folgende 
erfreuliche  Mitteilungen  über  den  Fortschritt  der  Arbeiten  zu  entnehmen. 
Für  die  von  Sauerland  bearbeiteten  Vatikanischen  Urkunden  und  Regesten 
xur  Geschichte  Lothringens  ^)  ist  das  Material  zu  einem  zweiten  Bande  bis 
1352  bereits  gesammelt;  bis  Ende  1902  wird  alles  für  diesen  Notwendige 
(bis  1362)  vorliegen^  damit  aber  wird  vorläufig  diese  Veröffentlichung  in 
Anbetracht  der  zur  Verfügung  stehenden  Mittel  ihren  Abschlufs  finden.  — 
Die  Abschrift  der  Schreinsrollen  des  XUI.  Jahrhunderts  ist  vom  Prof. 
Wichmann  bis  auf  zwei  auswärtige  vollendet,  und  nach  Fertigstellung 
des  bereits  in  Arbeit  genommenen  Registers  wird  der  Druck  beginnen.  — 
Von  den  Chroniken  ist  die  Abschrift  der  des  Philipp  von  Vigneulles  schon 
fast  vollendet,  die  „Chronik  der  Kaiser  aus  dem  luxemburgischen  Hause'* 
ist  unter  Heranziehung  zweier  Handschriften  aus  London  und  Paris  in  Be- 
arbeitung genommen.  —  Das  Wörterbuch  der  devisch- lothringischen  Dialekte 
hat  unter  der  Leitung  von  Prof.  F  oll  mann  und  der  thätigen  Mitarbeit  des 
Direktor  Kahl  und  seines  Seminars  zu  Pfalzburg  eine  überaus  reiche  För- 
derung erfahren:  3300  Zettel  mit  18000  mundartlichen  Ausdrücken  liegen 
bereits  vor.  Im  besonderen  ist  die  von  F ollmann  festgestellte  Überein- 
stimmung des  siebenbürgischen  mit  dem  lothringisch-luxemburgischen  Dialekte 
von  Interesse.  —  Die  Eegesten  der  Bischöfe  von  Metz  bearbeitet  Bibliotheks- 
direktor Paulus,  doch  handelt  es  sich  gegenwärtig  nur  um  eine  Material- 
sanunlung,  da  verschiedene  Fragen  der  Regestentechnik  noch  nicht  gelöst 
sind,  insbesondere  noch  nicht  feststeht,  ob  die  Regesten  in  modernem  Deutsch 
oder  Französisch  abgefafst  werden  sollen.  Zur  Erledigung  der  bisher  noch 
zweifelhaften  Punkte  wurde  eine  Kommission,  bestehend  aus  Brefslau, 
Paulus,  Wiegand,  Wolfram  eingesetzt  —  Als  neue  Mitglieder  sind  in 
die  Kommission  eingetreten  Bischof  Benzler  (Metz),  Prof.  Brefslau 
(Strafsburg)  und  Bezirkspräsident  Graf  von  Zeppelin  (Aschhausen). 


i)  Vgl.  darüber  II.  Band,  S.  142 — 43,  sowie  £LI.  Band,  S.  126  nnd  die  Ergänzung 
dazu  S.   192. 

2)  Vgl.  II.  Bd.,  S.  304  Anm. 


-     243     — 

Die  Gesellschaft  für  Rheinische  Geschichtskunde  hat  nach  ihrem 
TorliegendeD  2 1.  Jahresbericht  im  Laufe  des  Jahres  1901  veröffentlicht:  Das 
Hoehgeriehi  Rhavnen  von  Wilhelm  Fabricius  [==  Erläuterungen  zum  Ge- 
schichtlichen Atlas  der  Rheinprovinz  III.  Bd.,  Bonn«  Behrendt,  1901];  Die 
Regesten  der  Erxbischöfe  von  Köln  im  Mittelalter,  bearbeitet  von  Richard 
Knipping,  II.  Bd.  11 00 — 1205  (Bonn,  Hanstein,  1901);  Rheinische  ur- 
bare y  Sammlung  von  Urbaren  und  anderen  Quellen  zur  rheinischen  Wirt- 
sthaftsgescfiidUe.  Erster  Band :  Die  Urbare  von  S.  Pantaleon  in  Köln,  heraus- 
gegeben von  Benno  Hilliger  (Bonn,  Behrendt,  1902)  sowie  Urkunden  und 
Regesten  zur  Geschichte  der  Rheinlande  aus  dem  Vatikanischen  Archiv. 
Erster  Band :  1294  —  1326,  gesammelt  und  bearbeitet  von  H  e  i  n  r.  V  o  Ib. 
Sauerland  (Bonn,  Hanstein,  1902).  Die  zahlreichen  anderen  Unternehmun- 
gen *)  sind  sämtlich  mehr  oder  weniger  gefördert  worden.  Die  Herausgabe 
der  ältesten  rheinischen  Urkunden  (bis  zum  Jahre  1000),  und  die 
erste  Abteilung  der  erzbischöflich-kölnischen  Regesten  (bis  iioo), 
die  seit  Prof.  Menzels  Tode  (1897)  geruht  hat,  ist  nunmehr  Otto  Opper- 
mann,  der  bereits  eingehende  kritische  Studien  zur  älteren  Kölner  Geschichte 
gemacht  hat,  übertragen  worden.  Die  Bereisung  der  kleineren  Archive 
bat  im  Herbste  1901  Armin  Tille  im  gemeinsamen  Auftrage  der  Kom- 
mission für  die  Denkmälerstatistik  und  der  Gesellschaft  fortgesetzt,  und  seine 
Ergebnisse  sind  in  der  Beilage  zum  Jahresbericht  niedergelegt:  das  zweite 
Heft  (=  Seite  10 1 — 214)  des  II.  Bandes  der  Übersicht  über  den  Inhalt  der 
kleineren  Archive  der  Rheinprovinx  umfafst  die  Kreise  Erkelenz,  Geilen- 
kirchen und  Heinsberg. 

Stifter  zählt  die  Gesellschaft  gegenwärtig  7,  von  denen  3  verstorben  sind, 
Fsttrone  ir5,  Mitglieder  179.  Die  Gesamteinnahme  des  Jahres  1901  belief 
sich  auf  37  592  M.,  die  Ausgabe  nur  auf  14936  M. ;  das  Vermögen  der 
Gesellschaft  beziffert  sich  einschliefslich  der  Mevissen-Stiftung  (40  487  M.)  auf 
115  142   M.,  d.  h.  fast  10  000  M.  mehr  als  im  Vorjahre  (105  790  M.). 

Zwei  der  seitens  der  Gesellschaft  gestellten  Preisaufgaben,  für  welche  aus 
der  Mevissen-Stiftung  3000  M.  ausgesetzt  waren,  hatten  beim  Ablauf  der 
Frist  (31.  Januar  1901)  Bearbeiter  gefunden,  aber  beiden  Bewerbungsschriften 
(die  Gau-  und  Grafschaften  im  Umfang  der  heutigen  Rheinprovinz  und  Auf- 
nahme und  Ausgestaltung  des  gotischen  Baustils  in  der  heutigen  Rbeinprovinz 
bis  1350)  konnte  ein  Preis  nicht  zuerkannt  werden.  Die  neu  gestellten 
drei  Aufgaben,  die  bis  Januar  1904  und  1905  bearbeitet  sein  sollen  imd 
für  die  der  Preis  je  2000  M.  beträgt,  sind  bereits  im  II.  Bande  dieser  Zeit- 
schrift, S.  305,  mitgeteilt  worden. 


Personalien.  —  Am  6.  Februar  starb  zu  Neustadt  (Pfalz)  vierzig 
Jahre  alt  Gymnasialprofessor  Dr.  Alfred  Köberlin,  ein  Geschichtsforscher, 
der  in  weiteren  Kreisen  wohl  kaum  bekannt  war,  aber  dessen  kleine  Arbeiten, 
Vorstudien  zu  einem  gröfseren  Werke,  eine  glänzende  Leistung  erwarten 
Ueisen,  um  die  nun  der  allzu  frühe  Tod  die  Wissenschaft  betrogen  hat 
K.  war  am  31.  Dez.  1861  als  Sohn  des  Realschuldirektors   zu  Schweinfurt 


I)  Vgl.  U.  Band,  S.  304. 

17* 


—     244     — 

geboren,  besuchte  dort  das  Gymnasium  und  studierte  in  Erlangen  klassische 
Philologie.  Als  Lehrer  wirkte  er  an  den  Gymnasien  zu  Ansbach,  Hof,  Wun- 
siedel,  und  Nürnberg  bis  er,  1892  an  das  neue  Gymnasium  zu  Bamberg  be- 
rufen, dort  fest  mit  der  Stadt  verwuchs.  Seine  geschichtlichen  Studien  be- 
fassen sich  vornehmlich  mit  Stadt  und  Bistum  Bamberg,  wenn  sie  sich  auch 
allmählich  auf  ganz  Franken  auszudehnen  begannen.  Mit  Bienenfieifs  hat 
K.  die  Archive  nach  Material  für  eine  Fränkische  Wirtschaftsge- 
schichte durchforscht,  und  nur  ungern  folgte  er  Sommer  1900,  zum  Pro- 
fessor ernannt,  dem  Rufe  an  das  Gymnasium  zu  Neustadt,  den  er  mit  Rück- 
sicht auf  sein  Avancement  annehmen  zu  müssen  glaubte.  Damit  ward  er 
seiner  fränkischen  Heimat  entzogen;  auch  hier  beschäftigte  ihn  der  lieb- 
gewonnene Stoff  noch  immer,  denn  er  hoffte  auf  eine  Rückkehr.  Aber  doch 
nahm  ihn  eine  neue  Arbeit  in  Anspruch,  die  Ordnung  des  städtischen 
Archivs.  Vermutlich  in  dessen  Räumen  hat  er  sich  einen  schweren  Typhus 
geholt,  imd  diesem  ist  er  erlegen.  —  Die  erste  Arbeit,  mit  der  K.  her- 
vortrat, eine  Programmabhandlung  des  neuen  Gymnasiums  in  Bamberg  von 
1893,  trägt  den  für  seine  Arbeitsweise  und  geschichtliche  Anschauung  so 
charakteristischen  Titel  Zur  historischen  Gestaltung  des  Landschaflsbildes  um 
Bamberg  (129  S.  8^).  Die  Schrift,  an  der  Grenze  stehend  zwischen  Topo- 
graphie und  Geschichte,  zeigt  an  einem  konkreten  Beispiele,  wie  in  verhältnis- 
mäfsig  kurzer  Zeit  auch  das  scheinbar  Dauernde  sich  verändert:  es  wird  die 
Umgestaltung  der  Wasserläufe,  die  Waldrodung  und  der  Anbau  der  vormaligen 
Waldflächen  sowie  die  Vegetationsveränderung  durch  Anbau  bisher  unbekann- 
ter Feldfrüchte  geschildert.  Der  Leser  hat  hier  so  recht  das  Gefühl,  dais 
der  Verfasser  aus  dem  Vollen  schöpft,  dafs  er  längst  nicht  alles  sagt,  was 
er  weifs;  auf  einem  bescheidenen  Räume  werden  nicht  nur  weite  geschicht- 
liche Perspektiven  eröffnet,  sondern  es  wird  auch  an  einem  Beispiele  die 
Aufgabe  der  geschichtlichen  Heimatkunde  gekennzeichnet.  ^)  —  Die  späteren 
Arbeiten  K.'s  gehen,  wie  es  bei  dem  immer  tieferen  Eindringen  in  das  Ur- 
material  ganz  natürlich  ist,  mehr  auf  das  einzelne,  und  zwar  erschienen  als 
Früchte  jahrelanger  Arbeit  im  Jahre  1899  drei  ganz  verschiedene  Veröffent- 
lichungen, nämlich  i.  FränhiscJte  Münxverhültnisse  zu  Ausgang  des  Mittel- 
alters (Programm  des  königl.  neuen  Gynmasiums  zu  Bamberg,  52  S.  8  ®}. 
2.  Eifi  Bamberger  Echtbucli  (über  proscriptoruni)  1414  -1444  (60.  Bericht  des 
Historischen  Vereins  Bamberg,  146  S.)  3.  Der  Obermain  als  Handelsstraße 
im  späteren  Mittelalter  (Wirtschafts-  und  Verwaltungsstudien  mit  besonderer 
Berücksichtigung  Bayerns,  herausgegeben  von  Georg  Schanz,  IV.  Erlangen 
und  Leipzig,  A.  Deichert,   70  S.  8  ").     Die  erste  dieser  drei  Abhandlungen 


i)  Es  sei  hier  gestattet  auf  eine  neue  verwandte  Veröfifentlichung  aus  Österreich 
hinzuweisen:  Alfred  Grund,  Die  Veränderungen  der  Topographie  im  Wiener  Walde 
und  Wiener  Becken  [Geographische  Abhandlungen  hggb.  von  Prof.  A.  Penck,  VIII  Bd. 
I.  Heft],  Leipzig,  B.  G.  Teubner,  1901.  239  S.  Lex.  8°.  Diese  Arbeit,  viel  umfang- 
reicher als  die  Köberlins,  ist  ein  Muster  geschichtlich-geographischer  Forschung,  welches 
jeder  Darsteller  einer  Heimatskunde  benutzen  sollte.  Die  Besiedlung  des  Landes  wird 
durch  das  Mittelalter  hindurch  bis  zur  Gegenwart  verfolgt  mit  allgemeinen  Ausblicken, 
die  fUr  die  Kolonisationsgeschichte  wertvolle  Gesichtspunkte  liefern.  Ein  Anhang  be- 
schäftigt sich  mit  der  Wirtschaftsgeschichte  des  XIV.  bis  XVI.  Jahrhunderts  und  verzeich- 
net die  Preise  für  Weizen,  Korn,  Hafer,  Gerste,  Mehl,  Wein,  sowie  den  Feingehalt  der 
Wiener  Pfennige  und  das  Verhältnis  zum  ungarischen  Gulden. 


—     245     — 

stellt  auf  Grund  eines  umfangreichen  Materials  —  namentlich  Rechnungen 
sind  geschickt  ausgebeutet  —  den  Feingehalt  der  fränkischen  Münzen  dar, 
charakterisiert  Münzwesen  und  Münzpolitik  und  liefert  damit  die  unerläfsliche 
Vorarbeit  für  alle  wirtschaftsgeschichtlichen  Studien  in  Franken,  die  leider  in 
so  vielen  Landschaften  noch  fehlt.  Was  in  dieser  Hinsicht  geleistet  werden 
mülste,  das  hat  K.  selbst  in  grofsen  Zügen  in  dieser  Zeitschrift  (II.  Band, 
S.  12 — 17)  in  seinem  Aufsatze  Deutschse  Wirtschafts-  und  Münzgeschichte 
dargestellt  Das  Echtbuch  ist  zunächst  nur  mit  kurzer  Einleitung  vollständig 
veröffentlicht,  aber  aus  den  sachlichen  und  sprachlichen  Erläuterungen  geht 
hervor,  dafs  die  Veröffentlichung  ftir  K.  nicht  Selbstzweck  war,  sondern  dafs 
er  eine  recht  wichtige  wirtschafts-  und  sozialgeschichtliche  Quelle  erschliefsen 
wollte,  wie  er  ja  auch  S.  6 — 7  die  Art  der  Verwertung  andeutet.  Der  Ober- 
mam  aUt  Handelsstraße  giebt  in  der  That  das  beste  Beispiel  daftir,  wie  die 
spröden  Einträge  der  Rechnungen  (Zoll-  und  Forstrechnungen)  sich  geschicht- 
lich ausbeuten  lassen.  Neben  diesem  methodischen  Werte  stehen  die  ge- 
schichtlichen Ergebnisse  nicht  zurück;  sie  sind  einmütig  von  der  Kritik  ge- 
würdigt worden  *),  da  sie  thatsächlich  ftir  die  Geschichte  des  binnenlän- 
dischen Handels,  der  gegenüber  dem  internationalen  arg  vernachlässigt 
worden  ist,  viele  neue  Gesichtspunkte  eröffnen,  aber  auch  die  Geographen 
haben  die  Bedeutung  solcher  Arbeit  ftir  ihre  Wissenschaft  anerkannt,  wie  die 
besonders  treffenden  Bemerkungen  von  W.  Götz  im  Qeographischen  Literatur- 
herieht  1900,  S.  94  Nr.  327,  bezeugen.  —  Auch  in  kleineren  Zeitschriftenver- 
öffentlichungen hat  K.  sein  glänzendes  Geschick,  die  sprödesten  Quellen  reden  zu 
lassen,  öfter  bewährt :  so  schildert  Mne  Heerfahrt  vor  vierhundert  Jahren  und 
ihre  Kosten  (Forschungen  zur  Kultur-  und  Litteraturgeschichte  Bayerns,  3.  Buch 
1895,81  —  11)  den  Verlauf  eines  Kriegszuges  des  fiirstbischöfllich  Bambergischen 
„Heeres",  bestehend  aus  zusammen  63  Mann  —  55  Reisigen,  2  Verwaltungs- 
beamten (Zahl-  und  Futtermeister)  und  6  Rittern  —  im  Jahre  1492;  ein 
nicht  minder  lebendiges  Lebensbild  giebt  Reiserechnung  und  Öesandtschafts- 
bericht  Leonhards  von  Egloff stein  aus  dem  Jahre  1499  (Zeitschrift  für  Kultur- 
geschichte, 5.  Bd.  [1898],  S.  30—42].  In  einen  andern  Quellenkreis  ftihrt 
die  Charakteristik  des  Rausbuches  eines  Nürnberger  Kaufherrn  (Ulrich 
Stare k)  1426  — 1435»  das  im  Bamberger  Kreisarchiv  erhalten  ist  (Beilage 
zur  Allgemeinen  Zeitung,  München,  1901,  Nr.  loi):  hier  thun  wir  einen  Ein- 
blick in  die  Lebensweise  eines  wohlhabenden  Bürgers,  der  in  Nürnberg  lebt, 
seinen  ausgedehnten  Güterbesitz  bewirtschaftet  und  zugleich  Handelsgeschäfte 
in  bedeutendem  Umfange  treibt,  und  gewinnen  einen  bedeutenden  Beitrag 
zur  Kenntnis  des  spätmittelalterlichen  Grofskauftnannes.  Wie  es  K.  verstand, 
fiberall  das  allgemein  Wichtige  zu  erfassen  und  treffend  zu  kennzeichnen, 
das  zeigt  sich  wie  in  den  quellenmäfsigen  Arbeiten  nicht  minder  in  den  Be- 
sprechungen, z.  B.  in  der  des  45.  Bandes  der  Monumenta  Boica,  der  den 
Geschichtsquellen  des  Bistums  Würzburg  gewidmet  ist  (Beilage  zur  Allgemeinen 
2^tung  München,  1900,  Nr.  46).  —  Angesichts  dieser  Leistungen  bedeutet 
der  Tod  K.'s  einen  unersetzüchen  Verlust  für  die  fränkische  Geschichts- 
forschung,  die  einen  so  imermüdlichen  treuen  Arbeiter  verloren  hat,    einen 


i)  Z.  B.  Zeitung  für  Litteratur,  Kanst  und  Wissenschaft  (Beilage  rum  Hamburgischen 
Korrespondenten)  Nr.  4  vom  23.  Februar  1902. 


—     246     — 

nicht  geringeren  Verlust  für  die  lande  sgeschichtliche  Forschung  über- 
haupt, für  deren  Methode  er  schon  in  den  wenigen  Arbeiten,  die  ihm  zu 
schaffen  vergönnt  war.  Bedeutendes  geleistet  hat.  Seit  Frühjahr  1901  be- 
reits hatte  er  versprochen  in  dieser  Zeischrift  das  Thema  Die  Rechnung  als 
Oeschichtsquelle  zu  behandeln,  und  noch  kurz  vor  seinem  Tode  hat  ihn  dieser 
Gegenstand  beschäftigt.  Eine  grofse  Fülle  von  bereits  erforschten  aber  un- 
veröffentlichten Thatsachen  sind  jetzt  für  die  Allgemeinheit  verloren ;  ein  ab* 
schliefsendes  umfassendes  Werk  zu  schreiben,  eine  FSrähkisctie  Wirtschafts- 
geschichte, wie  er  wohl  plante,  ist  K.  nicht  vergönnt  worden,  und  trauernd 
müssen  wir  die  wenigen  trefflichen  Gaben,  die  er  hinterläfst,  würdigen  und 
der  Wissenschaft  nutzbar  machen,  indem  wir  auf  den  von  ihm  betretenen 
Wegen  weiter  vorwärts  dringen.  A.  T. 

Eingegangene  Bficher. 

Schulte,   Wilhelm:    Die    Gründung   des   Bistums    Prag.     [=   Historisches 

Jahrbuch  der  Görresgesellschaft,  22.  Bd.  (1901},  S.   285  —  297.] 
Vogt,  Ernst:  Die  Reichspolitik  des  Erzbischofs  Balduin  von  Trier   in   den 
Jahren    1328 — 13349    ein   Beitrag   zur  Geschichte   ELaiser   Ludwigs  des 
Bayern.     Gotha,  F.  A.  Perthes,   1901.      112  S.    8^.     M.   1.60. 
Wolfart,    Karl:    Die    Augsburger  Reformation    in    den   Jahren    1533/34* 
[=  Studien  zur  Geschichte  der  Theologie  und  der  Kirche,  herausgegeben 
von    N.    Bonwetsch    und    R.    Seeberg,    VIL    Bd.,    2.    Heft]      Leipzig, 
Dieterich*sche   Verlagsbuchhandlung  (Theodor  Weicher),   1901.      156  S. 
80.     M.  3.50. 
Zell,   Th. :  Polyphem    ein   Gorüla,    eine   naturwissenschaftliche   und  staats- 
rechtliche Untersuchung   von  Homers  Odyssee,   Buch  IX,   V.    105  f^e. 
Berlin,  W.  Junk,   1901.     184  S.    8®.     M.  2.50. 
Zeller-Werdmüller,  H. :  Zwingiis  Waffen.     [=  Zwingliana,  Mitteüungen 
zur  Geschichte  Zwingiis   und   der  Reformation,   herausgegeben    von    der 
Vereinigung  für   das  ZwLnglimuseum  in  Zürich     1899.     Nr.   2.     S.    105 
bis   108.] 
Bosch  (t):  Geschichte  des  Klosters  Arolsen  [=  Geschichtsblätter  für  Waldeck 

und  Pyrmont,  Mengeringhausen   1901.     I.  Bd.,  S.   i  — 114]. 
Giemen,  Otto:    Johannes  Sylvius  Egranus  [=  Mitteüungen  des  Altertums- 
Vereins   für  Zwickau  und  Umgegend,   Heft  VI  (1899),    S.   1—39  und 
Heft  VII  (1902),  S.   1—32]. 
Friedlaender,  Ernst :  Berliner  geschriebene  Zeitungen  aus  den  Jahren  1 7 1 3 
bis    17 17   und    1735,   ein    Beitrag  zur   Preufsischen    Geschichte    unter 
König  Friedrich  Wilhelm  I.  [=  Heft  38  der  Schriften  des  Vereins  für 
die  Geschichte  Berlins].  Berlin,  Mittler  und  Sohn,  1902.  720  S.  8".  M  14. 
Hansen,    Reimer:  Johannes  Petreus'   (f  1603)  Schriften  über  Nordstrand 
Mit   einem  Facsimile   und   einer  Karte.    [=  QueUensammlung   der  Ge- 
sellschaft für  Schleswig-Holsteinische  Geschichte,    5.  Bd.]  Kiel,    Kom- 
missionsverlag der  Universitätsbuchhandlung   1901.     314  S.  8'^ 
Hessische  Blätter  für  Volkskunde,    herausgegeben  im  Aufttage  der 
Vereinigung   für    hessische   Volkskunde    von   Adolf  Strack.      i.    Band, 
I.  Heft.     Giefsen,  Otto  Kindt,    1902.     63  S.  8*^.     M.   1,50. 


—     247     — 

Houbea,  Heinrich  Hub. :  Entwurf  zu  einer  Deutschen  Bibliographie.  24  S.  8  ®. 

Jahrzehntbuch,  erstes,  des  Gebirgsvereins  für  das  nördlichste  Böhmen 
1885 — 1895.     Schönlinde  1896.     82  S.  8«. 

Katalog  der  ortsgeschichtlichen  Ausstellung,  veranstaltet  vom 
Krappschen  Arbeiterbildtuigsverem ,  22.  Sept.  bis  15.  Okt.  1901  in 
Essen.     56  S.  8^'. 

Koischwitz,  Otto:  Jauer,  ein  Wegweiser  durch  die  Heimat.  Jauer,  O.  Hell- 
mann,  139  S.   16**. 

Mitzschke,  P. :  Rennsteigerwähnungen  und  Nichterwähnungen  in  der  älteren 
tmd  neueren  Litteratur  [=  Das  Mareile,  Bote  des  Rennsteigvereins. 
Zweite  Reihe  Nr.   10.     Hildburghausen  1901,   i.  September,  S.  3 — 8]. 

Otto,  Eduard:  Das  Butzbacher  Wollwebergewerbe  im  14.,  15.  und  16.  Jahr- 
hundert [=  Mitteilungen  des  Oberhessischen  Geschichcsvereins.  Neue 
Folge,  10.  Bd.  (Giefsen,  J.  Ricker,   1901),  S.  86  — 118]. 

Pazaurek,  Gustav  £. :  Die  Anfange  des  böhmischen  Porzellans.  [=  Mit- 
teilungen des  Nordböhmischen  Gewerbemuseums,  XDC.  Jahrg.  (Reichen- 
berg 1901),  S.  38 — 40]. 

Roth  er  t:  Die  räumliche  Entwickelung  der  Stadt  Soest,  ihre  Hoven  und 
Kirchspiele  [=  Jahrbuch  des  Vereins  für  die  Evangelische  Kirchen- 
geschichte der  Grafschaft  Mark,  vierter  Jahrgang  1902.  Gütersloh, 
Bertelsmann.     S.   16 — 28]. 

Stoll,  Otto :  Die  Erhebungen  über  „Volksmedizin"  in  der  Schweiz  [=  Schwei- 
zerisches Archiv  für  Volkskunde,  5.  Jahrg.  (Zürich  1901),  S.  157—^200]. 

W  ein  zier  l,  R.  R.  von:  Die  im  Teplitzer  Museum  vertretenen  urgeschicht- 
lichen Fundorte  [=  Thätigkeitsbericht  der  Teplitzer  Museums -Gesell- 
schaft im   Verwaltungsjahre   1899.     (Teplitz  1900),  S.   15 — 31]. 

Beck,  Hermann:  Kaspar  Klee  von  Gerolzhofen,  das  Lebensbild  eines 
elsässischen  evangelischen  Pfarrers  um  die  Wende  des  XVI.  und  XVII. 
Jahrhunderts  [=  Schriften  des  Vereins  für  Reformationsgeschichte 
Nr.  71].     Halle,  Max  Niemeyer,   1901.     56  S.  S^. 

Bessert,  Gustav:  Das  Interim  in  Württemberg  [=  Schriften  des  Vereins 
für  Reformationsgeschichte  Nr.  46/47].  Halle,  Max  Niemeyer,  1895. 
204  S.  8".     M.   2,40. 

Brandenburg,  Erich:  Martin  Luthers  Anschauung  vom  Staate  und  der 
Gesellschaft  [=  Schriften  des  Vereins  für  Reformationsgeschichte  Nr.  70]. 
Halle,  Max  Niemeyer,   1901. 

Duhr,  Bernhard:  Die  Jesuiten  an  den  deutschen  Ftirstenhöfen  des  XVI.  Jahr- 
hunderts [=  Erläuterungen  und  Ergänzungen  zu  Janssens  Geschichte 
des  deutschen  Volkes,  herausgegeben  von  Ludwig  Pastor,  II.  Band, 
4.  Heft].     Freiburg  i.  B.,  Herder,   1901.     M.   2,20. 

Eber  lein,  Gerhard:  Die  schlesischen  Grenzkirchen  im  XVII.  Jahrhundert 
[=  Schriften  des  Vereins  für  Reformationsgeschichte  Nr.  70].  Halle, 
Max  Niemeyer,   1901. 

Erdmann,  Georg:  Reformation  und  Gegenreformation  im  Fürstentum  Hildes- 
heim [=  Veröffentlichungen  zur  niedersächsischen  Geschichte,  i.  Heft]. 
Hannover,  M.  &  H.  Schaper,   1899.     34  S.  8^     M.   i, — . 

Erhard,  Otto:  Die  Reformation  der  Kirche  in  Bamberg  unter  Bischof  Wei- 
gand  1522 — 1556.     Erlangen,  Fr.  Junge,   1898.     99  S.  8®. 


—     248     — 

Herrmann,  Fritz:  Das  Interim  in  Hessen,  ein  Beitrag  zur  Reformations- 
geschichte.    Marburg,  N.  G.  Elwert,   1901.     221   S.  8^     M.  4,20. 

Kalt,  Hermann:  Hamburgs  Kampf  um  die  Reformation  1517  — 1561 
[=  Beilagen  zu  den  Jahresberichten  1896/97  imd  1897/98  der  Realschule 
St.  Pauh  in  Hamburg].    Hamburg  1897  und  1898.     34  und  32  S.  4". 

Schmidt,  Jakob:  Die  katholische  Restauration  in  den  ehemaligen  Kur- 
mainzer Herrschaften  Königstein  und  Rieneck  [=  Erläuterungen  und 
Ergänzungen  zu  Janssens  Geschichte  des  deutschen  Volkes,  III.  Band, 
I.  Heft].     Freiburg  i.  B.,  Herder,   1902.      124  S.  8".     M.   1,80. 

Sperl,  August:  Der  Pfalzgraf  Philipp  Ludwig  von  Neuburg,  sein  Sohn  Wolf- 
gang Wilhelm  und  die  Jesuiten  [=  Schriften  des  Vereins  für  Re- 
formationsgeschichte Nr.  48].    Halle,  Max  Niemeyer,   1895.     87   S.  8®. 

Wiese,  Hugo  von :  Der  Kampf  um  Glatz,  aus  der  Geschichte  der  Gegen- 
reformation in  der  Grafschaft  Glatz  [=  Schriften  des  Vereins  ftir  Re- 
formationsgeschichte Nr.  54].    Halle,  Max  Niemeyer,   1896.     84  S.   8®. 

Becker,  Eugen:  Beiträge  zur  Geschichte  Bensbergs.  Elberfeld,  Baedeker» 
1902.     68  S.  8^ 

Bray-Steinburg,  Graf  Otto  von:  Denkwürdigkeiten  aus  seinem  Leben. 
Mit  einem  Vonvort  von  Prof.  Dr.  K.  Th.  von  Heigel  in  München. 
Leipzig,  S.  Hirzel,   1901.     208  S.  8^ 

Brenner,  O. :  Die  lautlichen  und  geschichtlichen  Grundlagen  unserer  Recht- 
schreibung.    Leipzig,  B.  G.  Teubner,   1902.     68  S.  8^. 

Erben,  Wilhelm:  Das  Aufgebot  Herzog  Albrecht  V.  von  Österreich  gegen 
die  Husiten  [=  Sonderabdruck  aus  den  ,^  Mitteilungen  des  Instituts  für 
österreichische  Geschichtsforschung"  23.  Band,  S.  256 — 272]. 

Grund,  Alfred:  Die  Veränderungen  der  Topographie  im  Wiener  Walde 
und  Wiener  Becken  [=  Geographische  Abhandlungen,  herausgegeben 
von  Prof.  Albrecht  Penck  in  Wien,  Band  VIII,  Heft  i].  Leipzig, 
B.  G.  Teubner,   1901.     239  S.  8". 

Heine,  K. :  Nordhausen  imd  Preufsen,  Festbeitrag  zur  Jubelfeier  der  hundert- 
jährigen Zugehörigkeit  Nordhausens  zu  Preufsen  am  6.  Juni  1902. 
Nordhausen,  Hornickel,   1902.      119  S.  8^     M.   1,25. 

Heinemann,  Otto :  Die  ältesten  Stettiner  Zeitungen.  [=  Baltische  Studien, 
herausgegeben  von  der  Gesellschaft  für  Ponmiersche  Geschichte  und 
Altertumskunde.     N.  F.  Bd.  V,  S.   193 — 210]. 

Jellinek,  Arthur:  Internationale  Bibliographie.  Erster  Jahrgang  (1902). 
I.  Heft  (April).     Berlin  W.,  B.  Behr.   1902,  8«. 


Berichtigung 

Meine  Angaben  über  die  Entstehung  des  Vereins  für  Geschichte 
der  Deutschen  in  Böhmen  S.  167  bedürfen  einer  Ergänzung.  Neben 
den  drei  von  mir  genannten  Männern  (Schlesinger,  Lippert  und  Wiechowsky) 
ist  schon  bei  den  ersten  Vorbesprechungen  auch  Hermann  Hall^ch,  der 
bekannte  Wallensteinforscher,  eifrig  thätig  gewesen;  er  mufs  also  imter  den 
Gründern  des  Vereins  genannt  werden,  dessen  ältestes  lebendes  Mitglied  er 
gegenwärtig  ist.  Ottocar  Weber  (Prag) 

Herausgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipzig.   —   Druck  und  Verlag  von  Friedrich  Andreas  Perthes  in  Gotha. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


rar 


Förderung  der  landesgescbichtlichen  Forscbung 

m.  Band  Juli  xgoa  lo.  Heft 


Aus  potnmersehen  Stadtarchiven 

Von 
Georg  Winter  (Osnabrück) 

An  einer  früheren  Stelle  ^)  hat  Martin  Wehrmann  einen  in  den 
Hanptgrundlinien  vortrefflich  unterrichtenden  Überblick  über  den 
gegenwärtigen  Stand  der  landeskundlichen  Forschung  in  Pommern  ge- 
geben, worin  er  mit  Recht  nicht  nur  das  wirklich  Geleistete  hervor- 
hebt, sondern  auch  auf  die  sehr  erheblichen  Lücken  hinweist,  die  sich 
auf  archivalischem  wie  wissenschaftlichem  Gebiete  trotz  reger  Tätigkeit 
im  einzelnen  noch  empfindlich  bemerklich  machen.  Insbesondere  hat 
er  auch  darauf  aufmerksam  gemacht,  dafs  man  in  der  für  die  Förde- 
rung landesgeschichtlicher  Forschungen  so  überaus  wichtigen  Inven- 
tarisierung der  kleineren  Archive,  welche  sowohl  in  anderen 
Forschungsgebieten  *)  wie  von  der  Gesamtorganisation  der  deutschen 
landesgeschichtlichen  Vereine  bereits  mit  Eifer  und  Erfolg  in  Angriff 
genommen  ist,  in  Pommern  über  bescheidene,  rein  zufallige  und  ge- 
legentliche Anfange  noch  nicht  hinausgekommen  ist.  Die  Gründe 
dieses  empfindlichen  Mangels,  der  einen  sehr  grofsen  Teil  des  im 
Lande  zerstreuten  archivalischen  Quellenmaterials  für  die  wissenschaft- 
liche Forschung  einstweilen  noch  völlig  unzugänglich  macht,  sollen 
hier  nicht  untersucht  werden ;  sie  liegen  z.  T.  darin,  dafs  die  beteiligten 
Forscherkreise,  deren  Umfang  in  unserer  Provinz  nicht  allzu  grofs  ist, 
durch  andere,  für  wichtiger  gehaltene  Arbeiten  vollauf  in  Anspruch 
genommen  werden,  z.  T.  auch  in  der  Verständnislosigkeit  vieler  Be- 
sitzer von  archivalischen  Schätzen  für  ihre  Bedeutung.  Wir  begnügen 
uns  dem  gegenüber  mit  der  Feststellung  der  Tatsache,   dafs  Ansätze 

1)  VgL  I.  Bd.,  S.  98—104  und  S.  132—133. 

2)  In  Dentschland  ist  sie  am  weitesten  fortgeschritten  in  Baden,  sie  wird  gefördert 
in  der  Rheinprovinz  and  Westfalen  und  wurde  nen  in  Angriff  genommen  in  Thü- 
ringen und  Prorinz  Sachsen.  Württemberg  läfst  zwar  dieJArchive  bereisen,  aber 
Ton  einer  Veröffentlichnng  wird  abgesehen.  In  Österreich  ist  die  Arbeit  am  meisten  ge- 
fördert in  Tirol,  begonnen  in  Steiermark,  Vorarlberg  and  Kärnten. 

18 


—     260     — 

in  der  bezeichneten  Richtung  nur  von  einzebien  Privatforschern  gemacht 
worden  sind,  während  die  Gesellschaft  für  Pommersche  Geschichte 
und  Altertumskunde  dieser  wichtigen  Au^'abe  in  systematischer  Weise 
näher  zu  treten  bisher  nicht  in  der  Ls^e  gewesen  ist. 

Nur  in  bezug  auf  eine  Gruppe  der  hier  in  Betracht  kommenden 
archivalischen  Quellen  ist  in  jüngster  Zeit  ein  sehr  erheblicher  Fort- 
schritt zu  verzeichnen,  der  seinen  Ursprung  nicht  der  privaten,  sondern 
der  Initiative  der  preufsischen  Archivverwaltung  zu  verdanken  hat^ 
Wehrmann  hat  schon  darauf  hingewiesen ,  dais  das  königliche  Staats- 
archiv in  Stettin  seit  einigen  Jahren  die  Fortsetzung  des  zum  Bedauern 
der  Forscherkreise  seit  längerer  Zeit  unterbrochenen  Po  mm  er- 
sehen Urkundenbuches  ^)  wieder  in  die  Hand  genommen  hat;, 
zwei  umfangreiche  Bände,  von  denen  der  eine  von  Herrn  Archiv- 
assistenten Heinemann,  der  andere  von  dem  Verfasser  dieser  Zeilen 
bearbeitet  wird,  sind  im  Manuskript  druckfertig.  Für  diese  Pu- 
blikation war  es  nun  unumgänglich  notwendig,  die  in  den  Archivea 
der  einzelnen  pommerschen  Städte  erhaltenen  Originalurkunden  zu  be- 
nutzen und  zu  diesem  Zwecke  eine  systematische  Bereisung  dieser 
Städtearchive  vorzunehmen,  wie  sie  iiir  die  früheren  Bände  von  ihrem 
Herausgeber,  dem  jetzigen  Archivdirektor  in  Posen,  Archivrat  Prü  m  ers , 
unternommen  und  hinsichtlich  der  wichtigsten  Ergebnisse  wenigstens 
in  bezug  auf  die  Städte  links  der  Oder  eingehend  geschildert  worden 
ist ').  Diese  erneute  Bereisung  der  pommerschen  Städtearchive  ist 
aber  über  ihren  eigentlichen  Zweck  hinaus  auch  jener  allgemeineren 
Aufgabe  der  Inventarisierung  und  zugleich  der  besseren  und  sach- 
kundigeren Aufbewahrung  der  städtischen  Archivalien  überhaupt  sehr 
erheblich  zu  statten  gekommen. 

Bei  der  Durchsicht  der  städtischen  Archive  stellte  sich  nämlich 
die  auch  in  anderen  Teilen  unseres  Vaterlandes  bedauerlicherweise 
fast  überall  beobachtete  Tatsache  heraus,  dafs  Aufbewahrung  und 
Ordnung  der  Archivalien  nicht  mehr  und  nicht  weniger  als  alles  zu 
wünschen  übrig  liefs.  Die  bei  weitem  überwiegende  Mehrzahl  der 
Städte  verfugt  überhaupt  über  keinen  diesen  Namen  verdienenden 
Archivraum,  vielmehr  waren  die  für  die  laufende  Verwaltimg  nicht  mehr  in 
Betracht  kommenden  Akten  und  zumeist  auch  die  fiir  die  betreffenden 


i)  Die  erste  Abteilung  des  i.  Bandes,  bearbeitet  von  Robert  Klempin,  erschien 
Stettin  1868.  Die  zweite  Abteilnng  (1877)  ist  schon  von  Rndgero  Prüm  ers  be> 
arbeitet  und  ebenso  die  beiden  Hälften  des  zweiten  (1881  und  1885)  und  dritten  Bandes- 
(1888  und  1891). 

2)  Baltische  Studien,  Jahrgang  32  (1882),  S.  73~99. 


—     261     — 

städtischen  Beamten  nicht  entzifferbaren  Urkunden  fast  ausnahmslos  in 
Boden-  und  Dachkammern  untergebracht,  wo  sie  nicht  allein  wegen  des 
mangelnden  Lichts  und  der  noch  mehr  mangelnden  Ordnung  völlig  un- 
benutzbar, sondern  auch  beständ^er  Feuersgefahr  und  den  Einflüssen 
von  Wind  und  Wetter  ausgesetzt  waren.  Da  es  nun  in  der  preuisischen 
Gesetzgebung  ^)  nicht  an  gesetzlichen  Bestimmungen  fehlt,  durch  welche 
die  Städte  zu  einer  zweckentsprechenden  Aufbewahrung  und  Ordnung 
dieser  nicht  allein  für  die  besitzenden  Städte,  sondern  auch  iiir  den 
Staat  und  für  die  wissenschaftliche  Forschung  wichtigen  Archivalien 
verpflichtet  werden,  so  konnte  man  hier  den  Hebel  ansetzen,  um  eine 
dringend  wünschenswerte  Wandlung  zum  Besseren  herbeizuführen. 
Diese  wurde  dadurch  erreicht,  dafs  es  gelang,  den  bei  weitem  gröisten 
Teil  der  pommerschen  Städte  —  ein  anderer  Teil  hatte  schon  früher 
dasselbe  getan  —  zur  Deponierung  ihrer  Archive  im  Stettiner  Staats- 
archiv zu  bewegen ').  Die  Schwierigkeiten ,  die  sich  dieser  Au%abe 
anfangs  entgegengesetzt  hatten,  wurden  von  Jahr  zu  Jahr  geringer,  da 
die  städtischen  Verwaltungen  durch  die  Praxis  sehr  schnell  merkten, 
dais  ihre  Archivalien  durch  diese  Maisregel  auch  iiir  sie  selbst  weit 
leichter  benutzbar  wurden,  als  wenn  sie  in  ihrem  bisherigen  ungeord- 
neten Zustande  in  ihrem  Besitz  geblieben  wären.  So  sind  im  Laufe 
der  letzten  Jahre  eine  groise  Reihe  städtischer  Archive  Pommerns  in 
den,  wenngleich  jederzeit  widerruflichen,  Besitz  des  Staatsarchivs  über- 
gegangen, wo  ihnen  ein  ganzer  groiser  Aktensaal  eingeräumt  werden 
muiste.  Dadurch  ist  nicht  allein  iiir  das  Staatsarchiv,  sondern  für  die 
gesamte  landesgeschichtliche  Forschung  ein  Zuwachs  an  Quellenmaterial 
erzielt  worden,  von  dessen  Umfang  und  Bedeutung  bisher  kaum  irgend 
jemand  eine  wirklich  zutreffende  Vorstellung  gehabt  hat,  da  es  bei 
der  bisherigen  Lage  der  Dinge  wissenschaftlich  so  gut  wie  unbenutz- 
bar war. 

Über  einen  Teil  der  pommerschen  Stadtarchive  hatte  bereits 
der  Aufsatz  von  Prümers  einige  Kunde  verbreitet.  Aber  erstens  er- 
streckte sich  diese  Schilderung  nur  auf  die  vornehmsten  Hauptsachen 
und  gab  über  Inhalt  und  Bedeutimg  der  eigentlichen  Aktenmassen 
nur  ganz  oberflächliche,  dem  augenblicklichen  Zwecke  entsprechende 
Mittolungen;  vor  allem  aber   war  dem   Forscher  nach  wie  vor  die 


i]  U.  m.  anch  in  der  die  kommuDale  Selbstverwaltung  regelnden  Städteordnang. 

2)  Anch  in  der  Prorinz  Posen  sind  die  meisten  Stadtarchive  im  Kgl.  Staats- 
archiv deponiert  (Tgl.  oben  S.  173),  und  in  andern  Staaten  nnd  Provinzen  wird  fihn- 
lieh  vcriahreo.     Vgl.   c    B.    die    in   der   Pfalz  eigangeiie    allgemeine  Anregung,  oben 

S.  a3S/37. 

18* 


—     252     — 

Durchsicht  der  Archive  selbst  unmöglich,  während  diese  jetzt  im  Staats- 
archive der  Forschung  zu  nahezu  unbeschränkter  Verfugung  stehen. 
Sie  enthalten  ein  reiches,  bisher  so  gut  wie  völlig  unbenutztes  Material 
nicht  nur  für  den  Lokalforscher,  sondern  auch  für  Studien  über  die 
typische  Entwickelung  des  deutschen  Städtewesens,  für  welche  oft  die 
Kenntnis  der  Einrichtungen  und  Vorgänge  auch  in  kleineren  Städten, 
namentlich  wenn  die  betreffenden  Quellen  aus  einer  gröfseren  Anzahl 
in  reicher  Fülle  vorhanden  sind,  von  entscheidender  Wicht^keit  werden 
kann  —  ganz  abgesehen  von  der  Bedeutung  so  alter  und  hervor- 
ragender gröCserer  Städte  wie  Stralsund,  Anklam,  Demmin,  Stettin, 
Kolbexg  u.  a. 

Dem  Staatsarchive  ist  durch  diese  umfangreiche  Deponierung 
städtischer  Archive  eine  ebenso  lohnende  als  zeitraubende  neue  Auf- 
gabe gestellt  worden,  welche  natürlich,  da  allein  im  Laufe  der  letzten 
vier  Jahre  13  Städte  ihre  Archive  deponiert  haben,  noch  nicht  an- 
nähernd vollständig  neben  den  anderen  amtlichen  Au^ben  gelöst 
werden  konnte.  Immerhin  sind  wenigstens  die  Urkunden,  deren  sich 
auch  in  mancher  kleineren  Stadt  überraschend  viele  vorfanden,  jetzt 
sämtlich  geordnet  und  nach  den  neueren  wissenschaftlichen  Grund- 
sätzen regestierty  so  dafs  ihrer  Benutzung  durch  die  Forschung  nichts 
mehr  im  Wege  steht,  und  auch  mit  der  Ordnung  der  bei  manchen 
Städten  sehr  grofsen  Aktenmassen  ist  ein  sehr  erheblicher  Anfang 
gemacht :  mehrere  städtische  Archive  sind  in  bezug  auf  Urkunden  und 
Akten  vollständig  repertorisiert ,  und  die  gesamte  Masse  des  neu  er- 
worbenen Stoffes  läfst  sich  bereits  in  den  Haup^rundlinien  genügend 
übersehen,  um  wenigstens  eine  Vorstellung  von  ihrer  wissenschaftlichen 
Bedeutung  zu  gewinnen. 

Es  kann  ntm  nicht  meine  Angabe  sein,  an  dieser  Stelle  über  den 
Inhalt  und  die  wissenschaftliche  Bedeutung  dieser  städtischen  Archive 
ins  einzelne  gehende  Mitteilungen  zu  veröffentlichen ;  ich  muls  mich  viel- 
mehr auf  die  Hauptsachen  und  auf  einige  wichtigere  Städte  beschränken, 
um  so  die  Forschung  auf  diejenigen  Funkte  aufmerksam  zu  machen, 
an  denen  ein  weiteres  Eindringen  ins  einzelne  angezeigt  erscheinen 
dürfte.  Zugleich  aber  werden  viele  Fragen  der  örtlichen  Geschichts- 
forschung, die  für  jede  Landschaft  Bedeutung  haben,  berührt  werden. 

Verhältnismäfsig  am  meisten  bekannt  von  den  pommerschen 
Städtearchiven  ist  das  der  Stadt  Stralsund,  welche  schon  in  den  ersten 
Stadien  des  Hansabundes  eine  hervorragende  Stellung  unter  den 
„wendischen  Städten '*  einnahm  und  daher  in  den  umfassenden  Quellen- 
publikationen und  Darstellungen  zur  Hansischen  Geschichte  eine  nicht 


—     253     — 

unbedeutende  Rolle  spielt.  Ein  grofser  Teil  der  in  ihrem  Archive 
erhaltenen  Originalurkunden  ist  im  Hansischen  Urkundenbuche,  bei 
Fabricius  u.  a.  gedruckt.  Über  den  Gesamtinhalt  des  Archivs  hat 
schon  im  Jahre  1834  A.  Brandenburg  im  ersten  Bande  der  von  Hoefer, 
Erhard  und  von  Medem  herausgegebenen  Zettschrift  für  Archivkunde, 
Diplomatik  und  Geschichte  (S.  76 — 100)  eine  gut  orientierende 
Übersicht  gegeben,  der  dann  50  Jahre  später  die  Mitteilungen  von 
Prümers  in  dem  bereits  wiederholt  angezogenen  Aufsatze  in  den 
Baltischen  Studien  gefolgt  sind.  Die  Stadt  selbst,  welche  in  der 
G^enwart  die  wirtschaftliche  Bedeutung,  die  sie  im  Mittelalter  gehabt 
hat,  bei  weitem  nicht  mehr  besitzt,  hält  viel  auf  ihre  geschichtliche 
Überlieferung  und  hat  zumeist  einen  eigenen  Archivar,  wenn  auch 
nur  im  Nebenamt.  Das  Archiv  ist,  wenn  auch  nicht  mustergültig,  so 
doch  immerhin  in  einer  Weise  aufbewahrt,  gegen  die  ernste  Bedenken 
nicht  zu  erheben  sind,  so  dals  hier  auf  dringende  Mafsregeln,  um  die 
bisher  stets  abgelehnte  Deponierung  des  Archivs  zu  erreichen,  ver- 
zichtet werden  konnte.  Gleichwohl  läfst  die  Ordnung  des  Archivs, 
von  dessen  überraschendem  Reichtum  die  erwähnten  gedruckten  Mit- 
teilungen keineswegs  eine  auch  nur  annähernd  erschöpfende  Vorstellung 
geben,  noch  sehr  viel  zu  wünschen  übrig.  Ein  eigentliches  wissen- 
schaftliches Repertorium  existiert  nicht  einmal  über  die  Original-Perga- 
mentorkunden ,  viel  weniger  über  die  Akten,  so  dals  jeder  Forscher, 
der  das  Archiv  benutzen  will,  die  Durchsicht  der  Bestände  gleichsam 
von  neuem  beginnen  mufs.  Und  wie  wenig  man  sich  dabei  auf  die 
bestehende  Anordnung  verlassen  kann,  ergibt  sich  am  klarsten  aus 
der  Tatsache,  dals  sogar  von  den  ältesten  Urkunden  selbst  dem  Forscher- 
fleiise  eines  Fabricius  eine  ganze  Reihe  entgangen  sind,  so  dafs  von 
den  125  Urkunden,  die  im  4.  und  5.  Bande  des  Pommerschen  Ur- 
kondenbuches  jetzt  nach  Stralsunder  Originalen  gedruckt  werden  sollen, 
sich  inunerhin  mehrere  Inedi^a  befinden.  In  den  späteren  Jahrhunderten 
wird  die  Sachlage  sich  noch  wesentlich  anders  gestalten,  da  hier  die 
Urkunden  noch  nie  einer  ähnlich  systematischen  Durchsicht  unterzogen 
worden  sind.  Wie  wichtig  für  die  landesgeschichtliche  Forschung 
aber  eine  wirklich  erschöpfende  Ordnung  und  wissenschaftliche  Rege- 
stiemng  des  Stralstmder  Urkundenbestandes  sein  würde,  ergibt  sich  schon 
daraus,  dais  derselbe  nach  den  neuesten  Schätzungen  der  Bearbeiter 
des  Pommerschen  Urkundenbuches  sich  auf  etwa  4CXX)  Originale,  ohne 
die  in  Stadtbüchem,  Kopiaren  u.  s.  w.  enthaltenen,  beläuft.  Für  das 
Aktenarchiv  aber  ist  bisher  in  modern -archivalischem  Sinne  noch  so 
gut  wie  gar  nichts  geschehen.     Wenn   dieses   überaus   reiche  Archiv 


—     254     — 

also  wirklich  erschöpfend  von  der  landesgeschichtlichen  Forschung' 
ausgenutzt  werden  soll,  so  wird  sich  die  auf  ihre  geschichtliche  Ver- 
gangenheit mit  Recht  stolze  Stadt  über  kurz  oder  lang  doch  noch 
entschliefsen  müssen,  in  Zukunft  einen  Archivar  im  Hauptamte  anzu- 
stellen, dessen  einzige  Lebensaufgabe  in  der  Ordnui^  und  Zugänglich- 
machung  dieses  überaus  reichaltigen  Archivs  bestehen  müfste. 

Wenden  wir  uns  jetzt  von  der  Hauptstadt  Neuvorpommems  zu 
der  jetzigen  Hauptstadt  der  ganzen  Provinz,  Stettin,  die,  umgekehrt 
wie  Stralsund,  im  Mittelalter  bei  weitem  nicht  eine  so  hervorragende 
Bedeutung  gehabt  hat  wie  in  unserer  Zeit,  so  liegen  dort  die  Verhält- 
nisse in  bezug  auf  den  gegenwärtigen  Zustand  des  Archivs  wie  auf 
die  Aussichten  für  die  Zukunft  erheblich  günstiger.  Stettin  hat  wenigstens 
den  sehr  umfangreichen  Aktenbestand  seines  Archivs  im  Staatsarchive 
deponiert,  wo  ein  stattlicher  Folioband  Repertorium  erschöpfend  ge- 
nauen Überblick  über  die  Bestände  ermöglicht  und  die  Benutzung  in 
hohem  Grade  erleichtert.  Das  darin  enthaltene  reiche  Material  zur 
Handels-,  Wirtschafts-  und  Verfassungsgeschichte  der  Stadt  ist  von 
mehreren  rührigen  und  kenntnisreichen  Forschern,  wie  namentlich  von 
Blümcke,  van  Niessen  u.  a.  bereits  zu  umfangreichen  Forschungen 
verwendet  worden,  und  wird  auch  zur  Zeit  noch  eifrig  benutzt.  Da- 
gegen steht  es  mit  dem  immerhin  recht  bedeutenden,  noch  im  Besitz 
der  Stadt  befindlichen  Urkundenbestande,  der  einige  tausend  Originale 
umfafst,  zur  Zeit  noch  recht  mangelhaft,  denn  die  Stadt  ist  bisher  nicht 
in  der  Lage  gewesen,  irgend  etwas  für  die  Zugänglichkeit  und  Be&utz- 
barkeit  der  Urkunden  zu  leisten,  da  naturgemäfs  keiner  der  städtischen 
Beamten  die  älteren  Urkunden  zu  entziffern  vermag.  Zwar  ist  in 
früherer  Zeit  einmal  von  sachkundiger  Seite  ein  Ansatz  zur  Ordnung 
und  Regestierung  gemacht,  aber  nicht  völlig  durchgeführt  worden,  und 
selbst  die  Ansätze  der  Ordnung  sind  im  Laufe  der  Jahre  wieder  fast 
völlig  verloren  gegangen,  so  dafs  schon  die  Auffindung  der  Urkunden 
zuweilen  nicht  unerhebliche  Schwierigkeiten  macht.  Erfreulicherweise 
ist  aber  eine  völlige  Neuorganisierung  in  Aussicht  genommen.  Bei 
Gelegenheit  der  Gründung  einer  Stadtbibliothek,  für  welche  am  i.  Januar 
1902  ein  Bibliothekar  angestellt  worden  ist,  wurde  zugleich  die  Organi- 
sierung eines  eigenen  städtischen  Archivs  in  Aussicht  genommen, 
welches  in  der  einen  oder  anderen  Weise  mit  der  Stadtbibliothek  ver- 
einigt werden  soll,  ähnlich  wie  das  z.  B.  in  Magdeburg  schon  früher 
geschehen  ist.  Über  die  Frage,  ob  alsdann  neben  dem  städtischen 
Bibliothekar  noch  ein  besonderer  Archivar  erforderlich  sein  wird,  liegt 
ein  endgültiger  Beschlufs  der  städtischen  Behörden  noch  nicht  vor. 


—     255     — 

Von  den  hinterpommeischen  Städten  rechts  der  Oder  —  in  hezng 
auf  die  vorpommerschen  Städte  links  der  Oder  darf  ich  im  allgemeinen 
auf  Prümers  verweisen  —  ist  das  inhaltlich  und  an  Umfang  bedeutendste 
Archiv  das  der  uralten  Salinenstadt  Kolberg,  das  ebenfalls  noch  nicht 
zur  Deponierung  im  Staatsarchive  gelangt  ist,  vornehmlich  gerade 
deshalb,  weil  die  Stadt  viel  Interesse  für  ihre  Vergangenheit  hat  und 
deren  Zeugnisse  deshalb  nicht  gern  aus  den  Händen  geben  will.  Wenn 
nun  aber  die  tatsächliche  Durchführung  der  Ordnung  und  Repertori- 
sierung  des  Archivs  auch  nur  einigermafeen  dem  guten  Willen,  den  die 
Stadt  dabei  an  den  Tag  legt,  entspräche !  Unbedingt  mufs  zugegeben 
werden,  dais  die  Stadt  alles  getan  hat,  was  sie  mit  den  ihr  zur  Ver- 
fügung stehenden  Kräften  und  Mitteln  zu  tun  vermochte :  die  Urkunden 
sind  in  sehr  zweckmä&igen  und  schön  ausgestatteten  Pappkästen  in 
einem  feuersicheren  Schrank  aufbewahrt,  allein  die  Ordnung  und  Ver- 
zeichnung ist  eine  so  mangelhafte,  dafs  es  sich  z.  B.  bisher  als  un- 
möglich herausgestellt  hat,  die  eine  der  für  die  Fortsetzung  des 
Pommerschen  Urkundenbuches  vom  Staatsarchive  erbetenen  Urkunden, 
au&ttfinden.  Die  Zahl  der  Urkunden  ist  nicht  so  grois  wie  in  Strabund 
und  Stettin,  übertrifft  aber  doch  noch  immer  die  der  alten  Hansastädte 
Anklam  und  Demmin  bedeutend;  sie  beträgt  etwa  5 — 600,  darunter 
viele,  die  für  die  Geschichte  des  Ostseehandels,  der  Ostseefischerei 
und  der  Saline  von  sehr  grolser  Wichtigkeit  sind.  Aber  ein  auch 
nur  einigerma&en  brauchbares  Verzeichnis  ist  nicht  vorhanden.  Die  Ur- 
kunden sind  ganz  neuerdings  im  Staatsarchiv  deponiert  worden. 
Ähnlich  li^t  es  mit  den  Akten.  Zwar  sind  auch  sie  so  gut  angestellt,  wie 
es  bei  den  sehr  beschränkten  Raumverhältnissen  nur  irgend  möglich 
war,  fiir  die  wissenschaftliche  Benutzbarkeit  ist  fast  nichts  geschehen. 
Wohl  gibt  es  Verzeichnisse  über  diejenigen  Akten,  welche  hier  und 
da  für  die  praktische  Verwaltung  gebraucht  werden,  aber  über  die 
eigentlich  hbtorischen  Bestände,  zu  denen  u.  a.  ein  unschätzbarer, 
reicher  Vorrat  an  Stadtrechnungen  bis  hinauf  zum  Beginne  des 
XVI.  Jahrhunderts  gehört,  liegen  Repertorien  überhaupt  nicht  vor. 
Auch  hier  also  bleibt  für  die  wissenschaftliche  Benutzbarkeit  noch  viel 
zu  wünschen  übrig. 

Ich  habe  bisher  hauptsächlich  einige  der  gröfsten  pommerschen 
Städte  herausgegriffen,  welche  ihre  Archive  bisher  gar  nicht  oder  nur 
zum  Teil  im  Staatsarchive  deponiert  haben,  um  an  ihnen,  als  bekann- 
teren Beispielen,  klarzulegen,  dafs  hier  im  wissenschaftUchen  Interesse 
noch  mancherlei  geschehen  kann  und  mufs.  Ich  wende  mich  nunmehr 
zu  denjenigen,  in  der  Hauptsache  hinterpommerschen  Städten,  welche 


—     256     — 

sich  zu  der  für  die  wissenschaftliche  Forschung  sehr  erwünschten  Mais- 
regel der  Deponierung  entschlossen  haben.  Es  handelt  sich  dabei 
zumeist  um  kleinere  Städte,  von  denen  man  bisher  wohl  oft  angenommen 
hat,  daCs  ihre  Archive  zur  Förderung  der  landesgeschichtlichen  Forschung 
so  sehr  erheblich  nicht  beitragen  würden.  In  der  Tat  war  ich  selbst 
zuweilen  überrascht  von  der  Fülle  urkundlichen  und  sonstigen  aichi* 
valischen  Materials,  welches  sich  in  vielen  dieser  Städte  erhalten  hat, 
während  freilich  in  mancher  anderen  so  gut  wie  alles  durch  Brände, 
Unglücksfälle  oder  unverantwortliche  Vernachlässigung  zu  gründe  ge- 
gangen ist.  Freilich  würde  sich  derjenige,  der  in  diesen  Archiven 
Quellen  über  grofse  weltbewegende  Ereignisse  suchen  wollte,  meist 
sehr  enttäuscht  finden.  Dazu  haben  die  meisten  dieser  Städte  zu  sehr 
weit  ab  von  dem  gro&en  Weltverkehr  und  den  Mittelpunkten  des 
staatlichen  Lebens  gestanden.  Aber  so  unbedeutend  waren  und  sind 
sie  doch  keineswegs,  dafe  sich  die  Rück-  und  Femwirkungen  des 
grofsen  geschichtlichen  Lebens  nicht  auch  in  ihnen  in  zuweilen  sehr 
charakteristischer  Weise  geltend  gemacht  hätten.  Und  vor  allem, 
gerade  weil  sie  durch  die  grofsen  Umwälzungen  der  geschichtlichen 
Ereignisse  nur  von  ferne  berührt  wurden,  treten  in  ihrer  Entwickelung, 
der  verfassungsrechtlichen  wie  der  wirtschaftlichen  und  allgemein 
kulturellen,  die  typischen  Züge  der  Zustände  oft  überraschend  klar  zu 
Tage.  Aufserdem  aber  haben  alle  diese  Städte,  welche  jetzt  zum 
grofsen  TeU  kleinere  Landstädte  sind,  im  Mittelalter  aber  doch  zum 
Teil  wirtschaftliche  Bedeutung  genug  hatten,  um  in  den  Hansabund 
aufgenommen  zu  werden,  als  Mittelpunkte  des  landschaftlichen  Lebens 
in  Pommern  ihre  unzweifelhafte  Bedeutung  für  die  Landesgeschichte, 
einige  von  ihnen,  die  in  der  Nähe  der  See  gelegen  sind  und  am  Ost- 
seehandel teUgenommen  haben,  auch  für  dessen  Geschichte.  Der 
Kampf  um  das  dominium  maris  baltici  hat  auch  für  sie  seine  Be- 
deutung gehabt  und  hat  in  ihrer  wirtschaftlichen  wie  politischen  Ent- 
wickelung  seine  deutlich  erkennbaren  Merkmale  hinterlassen. 

Von  diesen  hinterpommerschen  Städten,  deren  Archive  jetzt  im 
Staatsarchive  vereinigt  sind,  darf  fuglich  den  ersten  Platz  die  alte 
Bischofisstadt  Camin  beanspruchen,  welche  schon  als  Residenz  des 
einzigen  pommerschen  Bischofs,  aufserdem  aber  durch  ihre  Lage  an 
dem  nach  ihr  genannten  Bodden  für  die  geistige  wie  für  die  wirtschaft- 
liche Geschichte  Pommerns  ihre  unzweifelhaft  erhebliche  Bedeutung 
hat.  Dieser  Bedeutung  entspricht  allerdings  der  erhaltene  Bestand 
ihres  Archivs  nicht  in  vollem  Ma&e;  sie  spiegelt  sich  zum  TeU  aber 
auch  in  dem  weit  umfangreicheren  Archive  des  Bistums  und  des  Dom- 


—     267     — 

kapitels  wieder,  welches  zu  den  alten  Beständen  des  Stettiner  Staats- 
archivs gehört.  An  Urkunden  sind  im  ganzen  ^^  Originale  vorhanden, 
deren  ältestes  von  1308  ist;  aufserdem  entstammen  noch  8  dem 
XIV.,  32  dem  XV.,  die  übrigen  dem  XVI.  und  XVII.  Jahrhundert. 
Die  Urkunden  sind  jetzt  genau  regestiert  und  in  einem  Repertorium 
verzeichnet,  mit  einem  Orts-  und  Personenregister,  in  welchem  nament- 
lich auch  die  pommerschen  Adelsfamilien  zahlreich  vertreten  sind. 
Unter  den  gleichfalls  im  Staatsarchive  deponierten  Akten,  welche  bis 
zum  XVI.  Jahrhundert  zurückreichen,  sind  von  grofeem  Wert  nament- 
lich die  zum  Teil  sehr  alten  Zunft-  und  Gewerbesachen,  die  Finanz-, 
Kirchen-  und  Schul-,  Fischerei-  und  Jagdsachen.  Außerdem  befindet 
sich  unter  denselben  noch  ein  Erbhuldigungs-Register  von  1605  sowie 
mehrere  Kirchenmatrikeln  und  Visitationsprotokolle.  Endlich  sind 
noch  mehrere  der  in  neuerer  Zeit  mit  Recht  so  sehr  geschätzten 
älteren  Stadt-  und  Büxgerbücher  erhalten. 

Ein  wenig  weiter  landeinwärts  von  Camin  liegt  an  der  Divenow 
die  uralte,  in  ihrem  Ursprünge  noch  in  die  sagenumwobene  vorchrist- 
liche Periode  zurückreichende  Wendenstadt  Wollin  (das  alte  Julin), 
jetzt  eine  kleine,  von  dem  eigentlichen  Verkehrsleben  seitab  li^ende 
Landstadt,  deren  einzige  Bedeutung  noch  in  ihrer  Lage  an  dem 
schiffbaren  Flusse  beruht.  Leider  sind  von  ihrem  Archive  nur 
spärliche  Reste  vorhanden.  An  Urkunden,  welche  jetzt  im  Staats- 
archive deponiert  und  in  einem  eingehenden  Repertorium  mit  Orts- 
imd  Personenregister  verzeichnet  sind,  liegen  im  ganzen  35  vor,  deren 
ältestes  Original  —  einige  ältere  sind  in  Transumpten  erhalten  —  von 
1301  stammt.  Im  ganzen  sind  10  Urkunden  aus  dem  XIV.,  8  aus 
dem  XV.,  1 1  aus  dem  XVI.,  7  aus  dem  XVU.  Jahrhundert  vorhanden. 
Eine  willkommene  Ergänzung  und  Vervollständigung  erfahrt  dieser 
Urkundenbestand  durch  einige  erhaltene  und  ebenfalls  im  Staatsarchiv 
deponierte  Kopialbücher. 

Wenden  wir  uns  weiter  ostwärts  an  der  Seeküste  entlang,  so  ist 
die  nächste  mit  der  See  durch  die  R^a  und  das  Treptower  Deep 
in  Berührung  stehende  wichtigere  Stadt  Treptow  an  der  Rega,  einst 
KTitglied  des  Hansabundes  und  in  einer  engen  Vereinigung  mit 
Greifenberg  und  Stargard  eifersüchtig  auf  ihre  städtischen  Gerechtsame 
bedacht,  jetzt  auch  eine  der  kleineren,  im  wesentlichen  in  der  Ent- 
wickelung  stillstehenden  Landstädte,  wie  die  Mehrzahl  der  hinter- 
pommerschen.  Ihr  Archiv,  welches  jetzt  im  Staatsarchive  deponiert 
und  eingehend  repertorisiert  ist,  spiegelt  diese  frühere  geschichtliche 
Bedeutung  der  Stadt,  wenngleich  auch  hier  im  Laufe  der  Jahrhunderte 


—     258     — 

vieles  zu  gründe  gegangen  ist,  noch  immer  in  seinen  reichen  Beständen 
wieder.  Insbesondere  zeichnet  es  sich  durch  einen  vergleichsweise 
grofsen  Vorrat  von  Originalurkunden  aus.  Das  über  dieselben  auf- 
gestellte Repertorium  weist  deren  nicht  weniger  als  151  nach,  darunter 
4  aus  dem  XIII.,  30  aus  dem  XIV.,  74  aus  dem  XV.,  die  übrig-en 
aus  dem  XVI.  und  XVII.  Jahrhundert.  Die  Akten  reichen  bis  ins 
XVI.  Jahrhundert  zurück  und  enthalten  neben  dem  ziemlich  reich- 
haltigen Material  zur  städtischen  Verfassungs-  und  Verwaltungsgeschichte 
auch  wichtige  Nachrichten  über  den  Seehandel  und  die  Seefischerei 
sowie  zur  Geschichte  des  Schiffsbaues,  über  welchen  im  XVIII.  Jahr* 
hundert  von  der  Stadt  besondere,  noch  erhaltene  Tabellen  geführt 
wurden.  Auch  einige  Hafenregister  aus  dem  XVIII.  Jahrhundert  sind 
noch  erhalten.  Bemerkenswert  ist  immerhin,  dais  die  Stadt  sich  im 
XVUI.  Jahrhundert  auch  bemühte,  ihr  Archiv  einigermaisen  wieder 
in  stand  zu  setzen.  Die  darüber  im  Jahre  1797  geführten  Verhand- 
lungen sind  ebenfalls  noch  vorhanden.  Interessant  sind  auch  die  von 
Treptow  und  Greifenberg  über  die  Regulierung  der  Rega  gepflogenen 
Beratungen  aus  dem  XVII.  Jahrhundert.  Leider  sind  von  den  Kämmerei- 
rechnungen und  den  das  Finanz-  und  Rechnungswesen  betreffenden 
Akten  nur  spärliche  Reste  erhalten,  die  gerade  genügen,  um  erkennen 
zu  lassen,  wie  interessante  kulturgeschichtliche  Aufischlüsse  dieses 
Material  ergeben  würde,  wenn  es  in  gfröiserer  Vollständigkeit  vorläge. 
Mit  Bezug  auf  Kolberg  darf  ich  auf  das  bereits  Gesagte  ver- 
weisen und  mich  nunmehr  zu  Cöslin,  dem  Sitz  der  jetzigen  Regie- 
rung des  gleichnamigen  Regierungsbezirks,  wenden.  Die  Stadt  liegt 
nicht  wie  Camin  und  Kolberg  direkt  an  der  See  oder  einer  Ausbuchtung 
derselben,  sondern  gegen  20  Kilometer  von  der  See  entfernt ;  sie  hat 
auch  kernen  eigentlichen  Hafen,  stand  und  steht  aber  durch  den  durch 
ein  Deep  mit  der  offenen  See  zusammhängenden  Jamunder  See  mit 
dem  Ostseeverkehr  in  Verbindung.  Außerdem  hat  sie  wie  die  meisten 
an  Einwohnerzahl  nicht  übermäßig  grofsen  hinterpommerscfaien  Städte 
ihre  Bedeutung  als  Mittelpunkt  eines  weiten  Gebietes  des  platten 
Landes.  Das  Archiv  der  Stadt  ist  in  den  Hauptbeständen  leid- 
lich erhalten,  wenngleich  durch  unbedachte  Kassierungen  manches 
wichtige  Aktenstück  des  XVI.  und  XVII.  Jahrhunderts  verloren  ge- 
gangen ist.  Der  Urkundenvorrat  ist  sehr  viel  gröiser  als  in  Camin. 
Das  älteste  der  212  Originale,  die  Gründungsurkunde  der  Stadt  durch 
Bischof  Hermann  von  Camin,  ist  von  1266;  aufserdem  sind  aus  dem 
XIII.  Jahrhundert  noch  8,  aus  dem  XIV.  37,  aus  dem  XV.  121  Ur- 
kunden vorhanden,  die  übrigen  stammen  aus  dem  XVI.  bis  XIX.  Jahr* 


—     259     — 

hundert.  Die  Urkunden  sind  nach  der  Niederlegung  im  Staatsarchive 
ebenso  wie  die  Caminer  genau  regestiert,  repertorisiert  und  mit  einem 
Namenregister  versehen,  also  der  Benutzung  leicht  zugänglich.  Das- 
selbe gilt  von  den  Akten.  Um  von  dem  reichen  Inhalt  des  Akten- 
archivs  wenigstens  eine  ungefähre  Vorstellung  zu  geben,  seien  aus  dem 
162  Folioseiten  umfassenden  Repertorium  wenigstens  die  Titel  der 
gro&en,  sich  wohl  auch  fiir  andere  Stadtarchive  empfehlenden  Haupt- 
abteilungen angegeben: 
Abteilung  I.  Allgemeine  Verfassungs-  und  Verwaltungsangelegen- 
heiten (mit  7  Unterabteilungen). 

Abteilung  II.     Behördenoiganisation.     Bestallungen  und  Personalia 
(mit  13  Unterabteilungen). 

Abteilung  III.     Das  Eigentum  der  Stadt  (mit  6  Unterabteilungen). 

Abteilung  IV.     Finanzverwaltung  (mit  26  Unterabteilungen). 

Abteilung  V.    Verwaltung  des  Inneren  und  der  Polizei  (mit  23  Unter- 
abteilungen). 

Abteilung  VI.    Militärsachen  (mit  23  Unterabteilungen). 

Aulserdem  sind  noch  2  Kopiare  mit  Urkundenabschriften  von  1266  bis 
1742  und  3  andere  Handschriften  vorhanden,  darunter  ein  Eidbuch 
der  Stadt. 

Im  Zusammenhange  mit  Cöslin  mag  noch  die  benachbarte  Stadt 
Cörlin  erwähnt  werden,  welche  zeitweise  den  Caminer  Bischöfen  zur 
Residenz  diente,  die  von  hier  aus  den  ihnen  gehörenden  Fürstentumer 
Kreis  verwalteten.  Dadurch  hat  die  ganz  kleine  Landstadt  vorüber- 
gehend eine  nicht  unerhebliche  geschichtliche  Bedeutung  gehabt,  die 
ihren  Niederschlag  auch  in  den  in  ihr  entstandenen  Archivalien  ge- 
fanden hat,  welche  zum  Teil  sehr  wunderbare  Schicksale  durchgemacht 
haben.  Eben  weil  die  Stadt  längere  Zeit  Residenz  der  Bischöfe  ge- 
wesen ist,  sind  hier  auch  eine  gröfsere  Anzahl  von  bischöflichen  Akten 
entstanden,  die  dann  von  hier  aus  nach  Cöslin  gelangt  sein  müssen, 
wo  sie  vor  einigen  Jahren  in  den  Räumen  einer  ganz  modernen  Ver- 
waltungsbehörde, des  Bezirksausschusses,  von  Herrn  Professor  Hanncke 
ganz  unvermutet  aufgefunden  worden  sind.  Sie  befinden  sich  jetzt  im 
Staatsarchive  und  enthalten  die  wichtigsten  authentischen  Nachrichten 
über  das  Caminer  Bistum  für  die  entscheidende  Periode  der  Einführung 
der  Reformation  in  Pommern  und  der  letzten  katholischen  Bischöfe. 
Über  Martin  Weier  und  Erasmus  Manteuffel,  den  in  letzter  Zeit  von 
evangelischer  wie  katholischer  Seite  wiederholt  behandelten  Caminer 
Bischof,  sind  in  diesen  Akten  die  wichtigsten  Quellen  erhalten.    Minder 


—     260     — 

bedeutend,  aber  doch  gröfser  als  nach  der  Kleinheit  der  Stadt  ver- 
mutet werden  konnte,  ist  das  Archiv  der  Stadt  selbst.  Ii^end  ein 
Verzeichnis  über  die  älteren  Akten  existierte  nicht,  Urkunden  waren 
angeblich  überhaupt  nicht  vorhanden.  Die  Aktenbestände  lagen  in 
grofsen  Bergen  in  gröfster  Unordnung  auf  dem  Fu(sboden  des  Dach- 
raumes umher.  Die  unter  diesen  Umständen  einigermafsen  schwierige 
Durchsuchung  ergab  zunächst,  dais,  wenn  auch  nicht  viele,  so 
doch  immerhin  lo  Original-Pergamenturkunden  mitten  unter  zum  Teil 
völlig  zerknüllten  und  zerfetzten  Akten  vorhanden  waren.  Diese  Ur- 
kunden, deren  älteste  allerdings  erst  von  1 597  ist,  waren  zum  Teil  an  den 
Rändern  stark  beschädigt  und  wären  sicher  zu  gründe  g^angen,  wenn 
sie  noch  länger  in  diesen  chaotischen  Aktenhaufen  gelegen  hätten. 
Unter  den  Akten  fanden  sich  eine  Anzahl  aus  dem  XVI.  Jahrhundert 
über  den  städtischen  Besitz  und  über  Innungen  und  Zünfte,  aufserdem 
eine  im  XVII.  Jahrhundert  angelegte  Privilegiensammlung,  welche  die 
fehlenden  Urkunden  wenigstens  in  etwas  ersetzt,  ein  Band  Akten  zur 
Stadtgeschichte  des  XVII.  Jahrhunderts,  ein  Band  zur  Geschichte  der 
Schützengilde  von  1690  bis  zur  Gegenwart,  femer  zahlreiche  Akten 
des  XVI.  und  XVII.  Jahrhunderts  über  Zunftsachen,  Kontributions-  u.  a. 
Akten  aus  der  Franzosenzeit  u.  s.  w.  Die  sämtlichen  Bestände  sind  jetzt 
ebenfalls  im  Staatsarchive  vereinigt. 

Ganz  dicht  bei  Cöslin  nach  Osten  zu,  von  Cöslin  nur  durch  den 
bewaldeten  GoUenberg  geschieden,  liegt  das  kleine  Landstädtchen 
Zanow,  jetzt  bekannt  durch  seine  Fabrikation  sogenannter  schwedischer 
Zündhölzer.  Ihr  Archiv  besteht  aus  11  Pergamenturkunden,  die  in 
wenig  zweckentsprechender  Weise  ohne  jede  Umhüllung  in  einem 
Holzkasten  aufbewahrt  wurden,  so  dafs  ein  Teil  der  Siegel  durch  die 
Reibung  der  Urkunden  untereinander  beschädigt  war,  und  aus  einer 
immerhin  nicht  unerheblichen  Anzahl  von  Akten  zur  Stadtgeschichte, 
über  Wahlen  und  Personalien  der  städtischen  Beamten,  Zunft-  und 
Gewerbe-,  Kirchen-  und  Schulsachen  bis  ins  XVII.  Jahrhundert  zurück, 
die  gleich  den  Urkunden  im  Stettiner  Staatsarchive  deponiert  sind. 

Von  Köslin  an  der  Seeküste  weiter  nach  Osten  vorschreitend, 
gelangen  wir  zunächst  nach  dem  jetzt  ziemlich  unbedeutenden  Städt- 
chen Schlawe,  welches  aber  in  früheren  Jahrhunderten,  namentlich 
auch  durch  seine  Verbindung  mit  dem  benachbarten  Hafen  von 
Rügenwalde,  seine  erhebliche  Bedeutung  gehabt  und  in  Verbindung 
mit  Stolp  die  städtischen  Interessen  in  den  Kämpfen  mit  dem  Land- 
adel energisch  verfochten  hat.  Dem  entsprechend  ist  ihr  Archiv 
auch  nicht  unbedeutend,   wenngleich  es  an  die  Archive  von  Köslin 


—     261     — 

und  Stolp  nicht  heranreicht.  Der  Aufbewahrungsort  aber  war  auch 
hier  sehr  wenig  zweckentsprechend.  Die  Urkunden,  deren  die  Stadt 
115  besitzt,  waren  ohne  jede  Umhüllung  in  einem  alten  Kasten  auf- 
bewahrt, auf  dessen  Boden  sich  massenhafte  Siegelbrocken  befanden. 
Das  darüber  vorhandene  Verzeichnis  war  nicht  erschöpfend  und  wenig 
ausreichend.  Die  sehr  umfangreiche  deponierte  Aktenregistratur  ent- 
hält au&er  den  in  allen  Stadtarchiven  mindestbestehenden  Akten  über 
Stadtverfassung,  Handel  und  Gewerbe,  Zünfte  u.  s.  w.  noch  ziemlich 
umfangreiche  Bestände  über  die  im  Eigentum  der  Stadt  befindlichen, 
auf  die  Initiative  Friedrichs  des  Grofsen  zurückgehenden  Kolonisten- 
dörfer. AuDserdem  ist  noch  ein  Sammelband  von  Urkundenabschriften 
des  XVI.  bis  XIX.  Jahrhunderts  vorhanden.  Die  sämtlichen  Bestände 
sind  jetzt  im  Staatsarchive  deponiert.  Über  die  zum  TeU  sehr  interessan- 
ten Urkunden,  deren  älteste,  die  Gründung  durch  Jasco  von  Schlawe, 
Peter  von  Neuenburg  und  Lorenz  von  Rügenwalde  betreffende  von 
13 17  ist,  sind  r^estiert  und  in  einem  mit  Orts-  und  Personenr^ster 
versehenen  Repertorium  verzeichnet.  Das  Gleiche  gilt  von  den  76 
Urkunden  (älteste  von  13 12)  der  benachbarten  Stadt  Rügenwalde. 

(Schlnfs  folgt.) 


Das  Germanische  Museum 

Von 
Annin  Tille  (Leipzig) 

Die  politische  Bedeutung  wissenschaftlicher  Bestrebungen  ist  wohl 
niemals  gröiser  und  die  politische  Tätigkeit  zahlreicher  Vertreter  der 
Wissenschaft  nie  lebhafter  gewesen  als  in  den  Tagen  der  deutschen 
Einheitsbestrebungen,  in  denen  die  Wissenschaft  selbst  vielfach  einen 
politischen  Zug  gehabt  hat.  Mit  der  Verwirklichung  des  Reiches  hat 
dieses  Verhältnis  zeitgemäfse  Wandelungen  erfahren,  aber  die  Ver- 
bindung jener  politisch -nationalen  und  wissenschaftlichen  Bewegung 
hat  manche  Einrichtungen  zur  Förderung  der  auf  die  nationale  Ver- 
gangenheit gerichteten  Studien  ins  Leben  gerufen,  die  heute  noch 
blühen  und  eigentlich  erst  in  den  letzten  Jahrzehnten  als  Organisationen 
rein  wissenschaftlicher  Art  recht  fruchtbar  geworden  sind:  die 
Gründung  der  Gesellschaft  für  ältere  deutsche  Geschichts> 
kunde  1819  und  die  des  Gesamtvereins  der  deutschen 
Geschichts-  und  Altertumsvereine  1852  gehören  hierher, 
aber  nicht  an  letzter  Stelle  ist  das  Germanische  Nationalmuseum 


—     262     — 

zu  nennen,  welches,  schon  von  den  bei  der  Gründung  der  Gesellschaft 
für  ältere  deutsche  Geschichtskunde  beteiligten  Personen  geplant,  nach 
einigen  miisglückten  Versuchen  von  dem  verdienstvollen  Hans  Frei- 
herrn von  und  zu  Aufsefs  am  17.  August  1852  als  gegründet  erklärt 
wurde  und  am  jüngst  verflossenen  15.  und  16.  Juni  in  würdiger  Weise  unter 
der  Anteilnahme  des  gesamten  deutschen  Volkes  und  in  Gegenwart  zahl- 
reicher Fürsten  das  Jubelfest  seines  fünfzigjährigen  Bestandes  gefeiert  hat. 
Freilich  im  einzelnen  hat  in  den  mehr  als  siebzig  Jahren,  die  für 
die  Entwickelung  der  Idee  in  Betracht  kommen,  der  Plan,  nach  dem 
man  arbeiten  wollte  und  gearbeitet  hat,  manche  Wandelungen  erfahren, 
aber  das  grofse  Ziel  ist  immer  das  gleiche  geblieben,  die  Samm- 
lung und  wissenschaftliche  Verarbeitung  der  Denkmäler 
deutscher  Vorzeit,  welcher  Art  und  welchen  Ursprungs  sie  auch 
sein  mögen.  Die  Gedenkfeier  lenkt  gerade  jetzt  die  allgemeine  Auf- 
merksamkeit auf  diese  Anstalt,  welche,  im  wahrsten  Sinne  aus  den 
Beiträgen  des  Volkes  entstanden,  nicht  nur  in  den  weitesten  Kreisen 
gekannt  und  geschätzt  wird,  sondern  auch  für  die  geschichtliche 
Forschung  im  weitesten  Sinne  unentbehrlich  geworden  ist.  Die  Teil- 
nahme für  das  Museum  kann  gleichwohl  noch  eine  bedeutende  Stei- 
gerung erfahren,  die  Zahl  der  Pflegschaften  und  ihrer  Mitglieder,  die 
Zahl  der  Beiträge  beisteuernden  Gemeinden  und  Korporationen  —  alle 
Geschichtsvereine  sollten  es  sich  zur  Ehre  schätzen  dazu  zu  gehören !  — 
darf  noch  wesentlich  wachsen,  ehe  Über  flu  fs  an  Mitteln  herrschen 
wird,  denn  so  viel  auch  geschehen  ist,  weit  mehr  ist  noch  zu  tun,  und 
da  nur  durch  geschulte  Beamte  die  Arbeit  geleistet  werden  kann,  so 
mufs  die  Vqjpiehrung  und  Sicherung  der  Mittel  auch  nach  der  1894 
erfolgten  Neuorganisation  noch  dauernd  im  Auge  behalten  werden. 
Aber  auch  die  wissenschaftliche  Benutzung,  namentlich  seitens  der 
orts-  und  landesgeschichtlichen  Forschung  könnte  noch  viel  r^er 
werden,  denn  nicht  nur  finden  sich  aus  allen  Landschaften  wertvolle 
Zeugen  deutscher  Vergangenheit  vor,  die  bei  Betrachtung  der  heimischen 
Kultur  herangezogen  werden  müssen,  sondern  der  hier  sofort  mc^liche 
Vergleich  jedes  Gerätes  und  jeder  künstlerischen  Schöpfung  mit  vielen 
verwandten  Stücken  verbreitet  auch  ganz  anderes  Licht  als  eine  isolierte 
Betrachtung,  auf  die  der  Lokalforscher  in  der  Regel  angewiesen  ist 
Namentlich  die  Vorstände  der  ortsgeschichtlichen  Museen,  die  in 
neuster   Zeit    erfreulicherweise    auch    an    bescheidenen    Orten  ^)    ent- 

i)  Wiederholt  ist  in  diesen  Blattern  auf  die  Neugründong  und  Ansgestaltang  solcher 
ortsgeschichtlicher  Museen  hingewiesen  worden,  so  Bd.  I,  S.  87,  175,  214 ff.,  248; 
Bd.  U,  S.  114,  186.   —   Von  nen  gegründeten  GeschichtSTereincn  sind  bctrficht- 


—     263     — 

stehen,  würden  grofsen  Gewinn  aus  einer  derartigen  Benutzung  ziehen 
können,  und  die  Vereine  oder  Gemeinden,  denen  jene  Sammlungen 
gehören,  sollten  deshalb  ihren  Sammlungsleitem  die  Möglichkeit  ge- 
wahren, einmal  an  der  grofisen  Sammelstelle  ihre  Beobachtungen  und 
Stadien  anzustellen,  um  sie  daheim  bei  Aufistellung,  Katalogisierung 
und  Beschreibung  zu  verwerten! 

Die  äufseren  Schicksale  des  Germanischen  Museums  sind,  insofern 
sie  die  allgemeine  Entwickelung  geschichtlicher  Sammelarbeit  wieder- 
spiegeln, ebenso  lehrreich  wie  die  Sammlungen  selbst.  Die  Wande- 
lung der  Ansichten  über  Zweck  und  Wesen  eines  Museums  verdienen 
deshalb  wohl  Beachtung,  und  wenn  hier  auch  nur  in  aller  Kürze  das 
gesagt  werden  kann,  was  abgerundeter  und  vollständiger  die  Fest- 
schrift') enthält,  so  werden  diese  Mitteilungen  doch,  namentlich  im 
Vergleich  mit  verwandten  Bestrebungen,  auf  allgemeine  Teilnahme 
rechnen  dürfen. 

Zuerst  interessiert  die  Person  des  Freiherrn  von  Aufsefs 
(1802 — 1872).  Nach  seines  Vaters  Tode  verliefe  er  den  Staatsjustiz- 
dienst und  übernahm  die  Verwaltung  der  Familiengüter,  wohnte  auf 
Schlois  Aufeels  in  Franken  und  beschäftigte  sich  im  Anschlufs  an  das 
überreiche  Familienarchiv  mit  antiquarischen  Studien.  Ihre  Frucht 
war  die  Gründung  einer  familiengeschichtlichen  Sammlung,  welche 
später  den  Grundstock  für  das  Germanische  Museum  abgegeben  hat» 
Der  Plan,  ein  Museum  zu  gründen,  in  welches  Privatleute  unter  Eigen- 
tnmsvorbchalt  ihren  Besitz  abgeben  sollten,  wurde  zuerst  1830  von 
König  Ludwig  I.  von  Bayern  in  einem  Briefe  an  Aufseis  ausgesprochen, 
und  letzterer  ergänzte  ihn  sofort  durch  die  weiteren  Pläne,  systematisch 


liehe  Sammluigeo  za  Donauwörth  und  Grimma  ins  Leben  gerufen  worden,  die 
beide  noch  eben  anfgesteUt  werden.  In  Stadt ilm  hat  der  dortige  Bexirksphjrsikns 
Dr.  med. 's  7  eine  am  8.  Mai  190a  der  öffenÜichkeit  zugänglich  gemachte  Sammlimg  be- 
gründet, die,  falls  die  Stadt  einen  geeigneten  Raum  zur  Verittgnng  steUt,  in  ihren  Besitz 
fibergehen  solL  In  Jülich  hat  jüngst  die  Stadt  selbst  in  einem  alten  Tortnrm  eine 
reiche  ortsgeschichtliche  Sammlung  angelegt  InNordhausen  wurde  kürzlich  das  35  jShrige 
Bestehen  des  städtischen  Museums  festlich  begangen,  und  der  Stadtarchivar  und  Museums- 
leiter Hermann  Heineck  hat  dazu  eine  Urkundliche  Geschichte  des  städtischen 
Uhueums  iS^Ö—igot  (Nordhansen,  Haacke)  Teröffentlicht 

i)  Das  Germanische  Nationalmuseum  von  1852  bis  jgo2,  FesUchrift  zur  Feier  seines 
filnfzigjihiigen  Bestehens  im  Auftrage  des  Direktoriums  verfafst  Ton  Dr.  Theodor 
Hampe.  Druck  von  J.  J.  Weber  in  Leipzig.  150  S.  4^  Das  reich  illustrierte  uad 
glinsend  ausgestattete  Werk  gibt  eine  sehr  lesenswerte  Geschichte  des  Museums,  die  jeder 
lesen  soUte,  der  sich  eingehend  mit  dem  Museum  selbst  beschäftigen  wiB.  Die  tatsäch- 
Uchen  Angaben  im  folgenden  sind  daraus  entnommen. 


—     264     — 

so  für  die  g2nze  deutsche  Verg^angenheit  zu  sammeln,  wie  er  es  für 
sein  Privatmuseum  getan  hatte,  Kopieen  von  nicht  zu  erlangenden 
Originalen  anzufertigen,  ein  grolses  Verzeichnis  sämtlicher  Denkmäler 
deutscher  Baukunst,  Bildhauerei  und  Malerei,  sowie  ein  Repertorium 
sämtlicher  in  Archiven  und  Bibliotheken  ruhender  Geschichts- 
quellen ^)  anzulegen.  Im  Januar  1832  gründete  Aufseis  die  Zeitschrift 
Anzeiger  für  Kunde  des  deutschen  Mittelalters,  siedelte  im  Herbst  nach 
Nürnberg  über,  richtete  hier  im  November  mit  Gesinnungsgenossen 
regelmäßige  Zusammenkünfte  zur  Unterhaltung  über  geschichtliche 
Gegenstände  ein  und  ging  im  Januar  1833  zur  Gründung  emer  „Ge- 
sellschaft für  Erhaltung  derDenkmäler  älterer  deutscher 
Geschichte,  Literatur  und  Kunst''.  Schon  war  ftir  September 
eine  grofse  Versammlung  in  Nürnberg  geplant,  als  Karl  Heinrich 
Ritter  v.  Lang,  der  1830  den  Historischen  Verein  des  Rezatkreises 
(jetzt  Historischer  Verein  ftir  Mittelfkanken)  zu  Ansbach  gegründet 
hatte,  auf  das  Bedenkliche  einer  solchen  Zentralisation  hinwies  tmd 
mit  Berufung  auf  Jakob  Grimm,  wenn  auch  über  das  Ziel  hinaus- 
schielsend,  zur  provinziellen  Beschränkung  in  der  Altertumsforschung 
ermahnte.  Die  Stellungnahme  der  damaligen  Vertreter  strenger  Wissen- 
schaft, welche  die  Folgezeit  nicht  als  gerechtfertigt  erwiesen  hat  und 
die  uns  heute  befremdlich  anmutet,  wenn  auch  die  Aufseisschen  Pläne 
manches  Dilettantenhafte  an  sich  hatten,  brachten  die  Sache  zum 
Scheitern:   nur  sechzehn  Auswärtige  fanden  sich  in  Nürnberg  zu  der 


i)  Das  ist  der  Anfang  zu  dem  noch  oft  zu  erwähnenden  Generalrepertorinm, 
welches  Aufsefs  als  wichtigste  Aufgabe  erschien,  und  das  bis  1650  alle  schrifUichen  und 
körperlichen  Denkmäler  der  Vergangenheit  umfassen  soUte.  Die  nngehenren  Schwierig- 
keiten einer  solchen  Arbeit  wnfste  er  sich  nicht  entfernt  vorzosteUen  ond  ebensowenig 
hatte  er  wohl  von  dem  Umfang  einen  klaren  Begriff.  Erst  Terhültnismäfsig  spät  ist  seine 
Idee  verwirklicht  worden,  nnd  swar  zunächst  flir  die  Kanstdenkmäler«  deren  In* 
ventarisaüon  erfreuliche  Fortschritte  gemacht  hat  (vgL  Polaczeks  Berichte  daraber  in 
dieser  Zeitschrift  Bd.  I,  S.  270—290  nnd  Bd.  lU,  S.  137^144),  aber  die  trotzdem  bis 
zn  ihrer  Vollendung  noch  Jahrzehnte  in  Ansprach  nimmt  Wie  sich  aber  hier  gezeigt 
hat,  dafs  eine  solche  Arbeit  nur  mit  landschaftlicher  TeUung  und  unmöglich  von 
einer  ZentralsteUe  ans  ins  Werk  gesetzt  werden  kann,  so  hat  sich  auch  die  Repertori- 
sierang  der  Archive  und  die  teilweise  Drucklegung  der  Inventare  nur  ganz  allmählich 
in  die  Wege  leiten  lassen  (vgl.  diese  Zeitschrift  Bd.  III,  S.  22).  Die  Handschriften* 
kataloge  der  Bibliotheken  sind  im  Vergleich  dazu  schon  verhältnismäfsig  weit  fort* 
geschritten.  Wenn  die  Inventare  von  Denkmälern  der  Kunst  und  Schrift,  soweit  sie  ge- 
drackt  vorliegen,  sämtlich  an  einer  SteUe  gesammelt  und  der  Benutzung  zugänglich 
wären,  so  würde  dies  die  relativ  gröfste  heute  mögliche  Annäherang  an  die  einst  Aufsefs 
vorschwebende  Idee  bedeuten. 


—     265     — 

VerBammltmg  ein,  die  auftauchenden  Meinungfsverschiedenheiten  lie&en 
keine  Beschlüsse  zu  stände  kommen,  und  Auüsefs  selbst  zog*  sich  mit 
seinen  Sammlungen  zurück.  Ja  entmutigt  gab  er  den  kostspieligen 
aber  doch  allseitig  anerkannten  Anzeiger  auf,  indem  er  die  Heraus- 
gabe 1835  ganz  an  F.  J.  Mone,  der  bereits  den  Jahrgang  1834  mit- 
herausgegeben  hatte,  überliefs :  als  Anzeiger  für  Kunde  der  teutschen 
Vorzeit  sind  1835  bis  1839  i^och  fünf  Jahrgänge  dieser  ersten  zen- 
tralisierenden Zeitschrift  erschienen. 

Den  Bestrebungen,  wie  sie  Aufseis  vertrat,  waren  die  nach  1840 
gegen  früher  wesentlich  veränderten  Verhältnisse  —  die  Verkehrs- 
erleichterung durch  die  Eisenbahnen,  die  Gründung  der  Geschichts- 
vexeine  und  ihre  intensive  Bearbeitung  der  Kulturgeschichte,  sowie 
die  bereits  1846  angeregte  Vereinigung  der  Greschichtsvereine  zu  ge- 
meinsamer Arbeit  —   entschieden   günstig.     Deshalb  entwickelte   er 

1846  dem  in  Frankfurt  zusammentretenden  Germanistentage  seine  Pläne 
au£5  neue,  die  auf  Zuziehung  der  Geschichtsvereine  zu  den  Germanisten- 
veraammlungen,  Gründung  eines  allgemeinen  deutschen  Museums 
für  Geschichts-,  Sprach-  und  Rechtskunde  und  Schaffung 
emes  literarischen  Zentralorgans  für  diese  Wissenszweige  abzielten. 
Die  wichtigsten  Dienste  sollten  dabei  die  Geschichtsvereine  leisten, 
die  Herstellung  des  Generalrepertoriums  wurde  als  wesentlichste  Auf- 
gabe bezeichnet.  Doch  auch  der  Versuch,  die  Germanisten  für  seine 
Pläne  zu  interessieren,  mifsglückte  dem  Freiherm,  das  Revolutionsjahr 
war  für  solche  Dinge  völlig  ungeeignet,  aber  als  die  dritte  anders  ge- 
aztete  Versammlung,   an   den  zweiten  Lübecker  Germanistentag  von 

1847  anknüpfend,  1852  in  Dresden  zusammentrat,  regte  sich  Au&eiis 
—  seit  1850  mit  seinem  Museum  wieder  in  Nürnberg  wohnhaft  — 
aufs  neue,  entwickelte  abermals  seine  Pläne  und  erreichte  am  17.  August 
den  Beschlnls,  dafs  das  Germanische  Museum  als  gegründet 
zu  betrachten  sei.  Aufisefs'  weitere  Bemühungen,  den  ebenfisdls 
in  Dresden  entstandenen  Gesamtverein  eng  mit  dem  Museum  zu  ver- 
binden, schlugen  fehl,  ebenso  sein  weiterer  Plan,  das  Rö  misch - 
germanische  Zentralmuseum  in  Mainz  mit  dem  Nürnberger  zu 
verschmelzen,  gewissermafsen  das  exBtere  zu  einer  lediglich  in  Mainz 
stationierten  Abteilung  des  letzteren  zu  machen.  Die  Verfassung  des 
Germanischen  Museums  gestaltete  sich  nun  so,  dads  aus  den  die  Ober- 
an&ichtsbehörde  bildenden  24  Beisitzern  ein  Lokalausschufs,  der 
alle  in  Nürnberg  wohnenden  Mitglieder  umfafiste,  zur  Beratung  der 
mchtigeren  Aogelegenheiten  gebildet  wurde;  am  9.  November  1853  ist 
er  zuerst  zusammengetreten  und  waltet  -^  durch  die  Neuorganisation 

19 


—     266     — 

des  Jahres  1894  in  seinen  Befiagnissen  allerding^s  wesentlich  beschränkt  — 
noch  heutigen  Tages  seines  Amtes.  Als  Vollziehungsorgan  war  der 
Vorstand  tätig  und  für  die  Erledigung  weiterer  Angelegenheiten  gab 
es  einen  G  e  1  e  h  r  t  e  n  a  u  s  s  c  h  u  fs ,  in  welchem  die  bekanntesten  deutschen 
Geschichtsforscher  anzutreffen  sind.  Aber  für  die  eigentliche  Arbeit 
waren  tüchtige  Beamte  erforderlich,  die  zwar  leicht  gefunden  wurden, 
aber  bei  den  unzulänglichen  Mitteln  ')  nicht  dauernd  an  die  Anstalt  zu 
fesseln  waren.  Manche  heute  bekannte  Männer,  die  heute  noch  leben, 
haben  in  jungen  Jahren  dort  gewirkt,  sind  aber  dann  in  andere  Stel- 
lungen übergegangen,  z.  B.  der  frühere  Direktor  des  Düsseldorfer 
Staatsarchivs  Woldemar  Harlefs,  der  Direktor  des  Grünen  Gewölbes 
in  Dresden  Julius  Erbstein,  der  fürstlich  Thum  und  Taxissche 
Archivrat  Cornelius  Will  in  Regensbuig.  Von  den  schon  ver- 
storbenen sind  Jakob  und  Johannes  Falke,  Karl  Bartsch, 
Reinhold  Bechstein  und  Karl  August  Barack  zu  nennen. 
Nur  wenige  haben  ihre  Arbeitskraft  lange  Zeit  in  den  Dienst  des 
Museums  gestellt:  neben  August  v.  Eye,  der  von  1853  ^^  1875 
tätiger  Beamter  war,  kommt  vor  allem  Georg  Karl  Frommann 
(18 14 — 1887)  in  Betracht,  der  zur  Ordnung  von  Archiv  und  Bibliothek 
sowie  zur  Redaktion  des  neu  begründeten  Anzeigers  für  Kunde  der 
deuischen  Vorzeit^)  1853  nach  Nümbeig  gerufen  wurde  und  von 
1865  bis  zu  seinem  Tode  zweiter  Vorstand  gewesen  ist.  Die  Leitung 
mit  dem  Namen  erster  Vorstand  hatte  Aufsefs  selbst  von  vornherein 
für  zehn  Jahre  unentgeltlich  übernommen,  als  zweiter  Vorstand  unter- 
stützte ihn  Rektor  Beeg,  welcher  1859  vom  Freiherm  Roth  von 
Schreckenstein')  abgelöst  wurde.  Als  dieser  1863  die  Leitung 
des  Fürstlich  Fürstenbelgischen  Archivs  in  Donaueschingen  übernahm 
—  später  wurde  er  Direktor  des  Groisherzoglich  Badischen  General- 
landesarchivs — ,  war  Aufisels  selbst  seinem  Vorsatze  getreu  1862 
schon  zurückgetreten.  Sein  Nachfolger  wurde  Ludwig  Andreas 
Jakob   Michelsen,   ein   für   seine  Heimat  begeisterter   Schleswig- 

i)  Das  Anfangsgehalt  eines  wissenschaftlichen  Beamten  betrag  1853  400  Golden. 
Die  Mittel  worden  ja  nnr  dorch  freiwillige  Beiträge  beschafft,  llir  deren  Zoflofs  „Agenten", 
seit  1860  „Pfleger*'  genannt,  in  nnd  anfserhalb  Deutschlands  tatig  waren. 

2)  Bis  1883  sind  dreifsig  Jahigfinge  dieser  yerdienstlichen  Zeitschrift  in  Quart  er- 
schienen ;  der  letzte  Band  enthält  anch  ein  kones  Register  aber  den  Inhalt  aller  Bände. 
Seit  1884  erscheinen  swei  Veröffentlichoogen  in  Oktav,  nämlich  der  monatliche  Anaeigtr 
des  germanischen  Nationalmuseums,  der  die  Verwaltongsnachrichten  enthält,  und  die 
Mitteilungen  des  germanischen  Nationalmuseums ,  welche  mit  guten  Abbildungen  aas- 
gestattet,  namentlich  Arbeiten  Über  Gegenstände  des  Museums  reröffentlichen. 

3)  Dessen  Gesamtgehalt  betrag  1000  Gulden. 


—     267     — 

Holsteiner,  der  als  Professor  der  Rechte  in  Jena  wirkte;  aber  erst 
Ende  1863  übernahm  er  sein  Amt  wirklich  und  legte  es  schon  1864 
wieder  nieder,  als  ihn  die  Ereignisse  in  seiner  Heimat  voll  in  Anspruch 
nahmen.  Der  an  seiner  Stelle  erwählte  Eisenacher  Gymnasialprofessor 
Wilhelm  Rein  starb,  ehe  er  noch  sein  Amt  angetreten  hatte,  April 
1865,  und  erst  gegen  Ende  dieses  Jahres  wurde  der  als  Architekt  ge- 
bildete Kunsthistoriker  August  Essenwein  (183 1 — 1892),  zuletzt 
Professor  an  der  Technischen  Hochschule  in  Graz,  zum  Direktor  des 
Museums  bestellt,  welches  die  Bedeutung,  die  es  heute  besitzt,  seiner 
unermüdlichen  Tätigkeit  verdankt. 

Zur  Festigung  der  Verhältnisse  trug  es  wesentlich  bei,  dafs  schon 
1853  die  Königlich  Bayerische  Regierung  dem  Museum  die  Rechte 
einer  juristischen  Person  verlieh.  Der  Bundestag  empfahl  es  dem 
Wohlwollen  der  einzelnen  Regierungen;  auf  Zuwendungen  für  die 
Bibliothek  imd  Beiträge  fiir  das  Generalrepertorium  folgten  auch  bald 
Jahresbeiträge:  so  bewilligte  1855  ^^^  Kaiser  von  Osterreich 
jährlich  1000  Gulden,  die  Könige  von  Preuisen  und  Sachsen  ebenso- 
viel, der  Bayerische  Staatsbeitrag  ward  schon  1856  auf  2500  Gulden 
erhöht,  und  Städte,  Korporationen  und  Privatleute  folgten  dem  ge- 
gebenen Beispiele.  Doch  der  Raum  im  „Tiergärnter  Torturm'^  und 
im  „Petersenschen  Haus*',  wo  das  Museum  untergebracht  war,  genügten 
schon  bald  nicht  mehr,  1854  und  1856  wurden  zwei  neue  Gebäude 
in  Benutzung  genommen,  aber  erst  mit  dem  Erwerbe  des  alten  Kar- 
thäuserklosters 1857  ^^^^  ^'^  Sammlung  eine  dauernde,  zunächst 
genügende  imd  erweiterungsfähige  Heimstätte.  Dies  war  um  so  not- 
wendiger, als  bereits  vom  Herzog  Ernst  von  Sachsen -Coburg -Gotha 
die  Feste  Coburg  und  vom  Gro(sherzog  von  Sachsen -Weimar  die 
Wartburg  nebst  dem  am  Fu&e  des  Buigbergs  gelegenen  St. 
Georgenkloster  unentgeltlich  zur  dauernden  Unterbringung  angeboten 
worden  waren.  Die  Sammlungen,  deren  Grundstock  zunächst  aller- 
^ngs  bis  1862  und  dann  bis  1873  ^^^  geliehen  ^)  war,  hatten 
gro&e  Vermehrung  erfahren,  wenn  auch  Aufseis  persönlich  das  Haupt- 
gewicht auf  das  mehrfach  erwähnte  oben  charakterisierte  General- 
repertorium I^te  und  das  Material  durch  den  Anzeiger  nach  Mög- 
lichkeit nutzbar  zu  machen  suchte,  der  als  kulturgeschichtliche  Quellen- 
sammlung  noch  heute  viel  zu  wenig  gewürdigt  wird.  Michelsen  ver- 
warf Aufisels'  Idee  zu  dessen  gröistem  Ärgernis  völlig,  er  wollte  eine 


i)  Erst  1864  warden  sie  Eigeotnin  des  Museums,   als  König  Lndwig  50000  Gulden 
and  andere  Filrsten  ebenfalls  bedeutende  Beiträge  fttr  den  Ankauf  gespendet  hatten. 

19* 


—     268     — 

Bildungsanstalt  fiir  Archivare  und  Bibliothekare  daraus  machen,  aber 
den  zu  diesem  Zwecke  von  ihm  voigeschlagenen  Satzungsänderungen 
versagte  die  Regierung  ihre  Genehmigung.  Die  vorstandslosen  Jahre 
1S64  und  1865  und  ihre  wenig  erbaulichen  Zwiste  unter  der  Beamten- 
schaft machten  natürlich  eine  Weiterentwickelung  oder  selbst  nur  Be- 
hauptung dessen,  was  errungen  war,  unmöglich;  eist  Essenwein  er- 
blickte, als  er  1866  sein  Amt  antrat,  sofort  neben  der  hochnötigen 
Ordnung  der  Finanzen  seine  Hauptau^be  in  der  systematischen 
Anlage  der  Sammlung,  um  sie  zu  einem  Museum  der  deutschen 
Kulturgeschichte  zu  machen.  Systematische  Anlage  der  Sammlungen 
und  Ordnung  der  Finanzen  hing  insofern  eng  miteinander  zusammen, 
als  die  tatsächlich  zusammengebrachten  und  zum  Beschauen  ge- 
eigneten G^enstände  beim  grofeen  Publikum  al^emeinste  Anerken- 
nung gefunden  hatten  und  durch  ihre  Vermehrung  neben  zunehmender 
Teilnahme  auch  eine  Mehrung  der  freiwilligen  Gaben  zu  erhoffen  war, 
ganz  davon  abgesehen,  dafs  sich  aulser  Aufseis  alle  Beteiligten  von 
der  Unmc^lichkeit,  ein  Generalrepertorium  in  seinem  Sinne  herzustellen, 
überzeugt  hatten.  Die  Entwickelung  der  politischen  Verhältnisse  nach 
1866  war  für  das  Museum  recht  günstig:  König  Ludwig  IL,  der 
6.  November  1867  das  Protektorat  angenommen  hatte,  gewährte  1867 
bis  1869  wesentliche  Unterstützungen,  der  Norddeutsche  Bund  be- 
willigte jährlich  6000  Reichstaler,  das  Deutsche  Reich  erhöhte  von  1872  ab 
diese  Summe  auf  8000  und  von  1873  ab  auf  16000  Reichstaler.  Die  sach- 
liche Neuorganisation  begann  Essenwein  mit  der  Entlassung  aller  nicht  fest 
angestellten  Beamten,  von  denen  neben  Frommann  als  zweitem  IMrektor 
und  Vorstand  der  Bibliothek  nur  v.  Eye  (Vorstand  der  Sammlungen), 
Hektor  als  GehUfe  Frommanns,  Alexander  Flegler  (Vorstand  des 
Archivs)  und  Steinbrüchel  (Zeichner)  blieben.  Neu  als  persönlicher 
GehUfe  Essenweins  trat  1867  der  dermalige  zweite  Direktor  Hans 
Boesch  (geb.  1849)  ^i°*  ^^^  durch  die  Verminderung  der  Beamten 
notwendige  Arbeitsbeschränkung  traf  in  erster  Linie  das  Repertorium: 
solange  diese  nur  als  eine  vorläufige  durch  die  notwendige  Finanz- 
lage bedingte  Mafsregel  erschien,  war  auch  der  „Ehrenvoistand"  Auf- 
sefs  damit  einverstanden,  aber  als  Essenwein  auch  eine  Statuten- 
änderung —  die  neuen  Satzungen  traten  i.  Januar  1870  in  Kraft  — 
in  diesem  Sinne  anregte,  entspann  sich  ein  bitterer  Kampf  zwischen 
ihm  und  Aufsefs. 

Nach  der  Reichsgründung  lag  die  Erwägung  nahe,  ob  das  Museum 
nicht  eineReichsanstalt,  ein  Deutsches  Reichsmuseum  werden 
müsse,   doch   die  darauf  abzielenden  Vorschläge   wurden   vom   Ver- 


—     269     — 

waltungsansschnfs  abgelehnt.  Der  Plan,  ans  der  Kriegsentschädigung' 
dem  Mnseum  reichere  Mittel  zuzuführen,  um  die  Schulden  mit 
einem  Male  los  zu  werden,  schlug  fehl,  aber  die  seit  dem  Zu- 
schüsse des  Reiches  immer  reichlicher  flie&enden  Mittel  besserten  all- 
mählich die  Verhältnisse.  Schon  der  1874  aufgestellte  Schulden^ 
tilgungsplan  brachte  gröisere  Klarheit,  aber  noch  mehr  trug  dazu 
Essenweins  Grundsatz  bei,  keine  besondere  Aufwendung  zu 
machen,  ohne  dafs  ein- besonderer  Stifter  da  sei.  In  diesem 
Sinne  appellierte  er  an  die  verschiedenen  Stände  und  Berufe,  um 
durch  sie  die  angemessene  Vertretung  der  auf  sie  bezüglichen  Zeugen 
der  Vergangenheit  systematisch  anzubahnen  und  auf  Grund  der  ein- 
gehendsten Spezialkenntnisse  sachgemäis  aufzustellen:  seit  1883  be- 
steht als  Frucht  dieser  Tätigkeit  das  Historisch-pharmazeutische 
Zentralmuseum,  der  deutsche  Handelsstand  hat  sich  ebenfalls 
eine  besondere  Abteilung  im  Museum  geschaffen,  und  auch  die  Uhr- 
macher und  Brauer  Deutschlands  sind  durch  besondere  Stiftungen 
vertreten.  In  entsprechender  Weise  haben  die  deutschen  Fürstenhäuser 
filr  eine  würdige  Repräsentation  gesorgt:  Es  gibt  eine  HohenzoUem-  und 
Witteisbacher  Stiftung  und  ähnliche  für  Baden,  Braunschweig,  Mecklen- 
burg, Nassau.  Für  die  immer  dringender  werdenden  Neubauten  wufste 
Essenwein  seit  1872  durch  Verlosung  geschenkter  Kunstgegenstände  die 
Mittel  zusammenzubringen,  und  so  hat  für  die  Aufführung  des  Augustiner- 
baues das  Museum  in  der  Tat  nicht  einen  Pfennig  aufzuwenden  brauchen, 
ans  den  1877  bewilligten  Reichsmitteln  (120000  Mk.)  ist  der  Ostbau 
errichtet  worden,  und  1884  konnte  ebenfalls  mit  dem  1886  aus  Reichs- 
mitteln vollendeten  Südbau  brennen  werden.  Die  Aufwendungen 
des  Reiches  regten  auch  wiederum  die  Privatleute  zu  Spenden  an, 
und  so  sank  die  1866  noch  230000  Mk.  betragende  Schuld  bis  1885 
auf  40000  Mk.  Die  1889  für  die  günst^e  Erwerbung  der  grofsen 
Sulkowskischen  Waffensammlung  aufgenommene  Anleihe  von  200 OOO  Mk. 
war  bereits  1896  getilgt. 

Die  innere  Arbeit  ruhte  freilich  im  Verhältnis  zu  den  Erwerbungen, 
weil  sie  sich  —  so  meinte  Essenwein  —  im  Gegensatz  zu  den  letzteren 
nachholen  läist.  Als  v.  Eye  1875  ausschied,  erhielt  er  keinen  Nach* 
folger,  auch  Frommanns  Stelle  wurde  1887  nicht  wieder  besetzt.  Erst 
1890  wurde  Boesch  zum  zweiten  Direktor  ernannt,  da  Essenwein  im 
Herbste  1889  erkrankt  war  und  einer  Vertretung  bedurfte.  Eine  Neu- 
ordnung der  Arbeit  war  nur  durch  eine  Neuorganisation  der  Beamten- 
schaft, diese  aber  nur  durch  eine  Neur^elung  der  Besoldung  möglich. 
Eine  solche  wieder  erforderte  entweder  ein  Stammvermögen  von  etwa 


—     270     — 

zwei  Millionen  Mark  oder  sichere  Zuschüsse  für  die  Zwecke  der  Ver- 
waltung seitens  des  Reiches,  des  bayerischen  Staates  oder  der  Stadt 
Nürnberg.  Ein  gemeinsames  Wirken  dieser  drei  leistungsfähigen  Fak- 
toren war  das  Ziel,  nach  dem  Essenwein  strebte,  aber  noch  ehe  er 
es    erreichte,    ereilte    ihn    13.    Oktober    1892    der   Tod;    erst    1894 

—  am  15.  Juni  wurden  die  Satzungen  vom  Prinzregenten  bestätigt  — 
kam  die  Neuorganisation  zu  stände,  wobei  als  Vorsitzender  im  Lokal- 
und  Verwaltungsausschufs  Justizrat  Freiherr  v.  Krefs  besonders  be- 
teiligt war,  zumal  da  die  Anstalt  eines  ersten  Direktors  entbehrte. 
Ganz  nach  Essenweins  Plane  teilten  sich  Reich,  Staat  und  Stadt  da-- 
mals  in  die  heute  jährlich  105000  Mk.  betragenden  Kosten,  wovon 
das  Reich  70000  Mk.,  Bayern  25876  Mk.  und  Nürnberg  9133  Mk. 
aufbringt.  Die  Oberaufsicht  führt  im  Aufb-age  des  Reiches  die  König- 
lich Bayerische  Regierung;  die  beiden  Direktoren  ernennt  auf  Vor- 
schlag des  Verwaltungsausschusses  die  Krone,  die  übrigen  Beamten 
auf  Vorschlag  des  Direktoriums  das  Königliche  Ministerium  des  Inneren. 
Im  Verwaltungsausschufs  ist  jetzt  das  Reich  und  Bayern  mit  je  drei 
Bevollmächtigten  vertreten,  die  Stadt  Nürnberg  mit  einem,  die  Be- 
deutung des  Lokalausschusses  ist  bedeutend  gemindert.  Die  Stelle 
des  ersten  Direktors  wurde  noch  im  Sommer  1894  neu  besetzt  und 
zwar  mit  Gustav  v.  Bezold  (geb.  1848),  dem  damaligen  Konser- 
vator des  Bayerischen  Nationalmuseums  und  Privatdozenten  am  Poly- 
technikum in  München,  einem  Architekten  und  Kunsthistoriker  —  gleich 
Essenwein.      Kraft    der    neuen    Satzui^en    wurden    beide   Direktoren 

—  V.  Bezold  und  Boesch  —  2.  Oktober  1894  in  ihr  Amt  eingeführt, 
der  Beamtenapparat  wurde  auf  sieben  wissenschaftliche  Hil&kräfte 
(2  Konservatoren,  3  Assistenten,  2  Praktikanten)  vermehrt,  denen  zwei 
Verwaltungsbeamte  zur  Seite  stehen.  Ein  neues  Gehaltsregulativ  mit 
Dienstalterszulagen  ist  1898  in  Kraft  getreten.  Die  Räume  haben  bis 
in  neuere  Zeit  Vergröfserungen  erfahren,  und  mit  der  Jubelfeier  des 
fünfzigjährigen  Bestehens  war  die  Einweihung  des  jüngsten,  ganz  aus 
Mitteln  des  Museums  1897 — 1902  aufgeführten  Gebäudes  verbunden. 

Nur  die  äufsere  Entwickelung  des  Museums  haben  wir  hier  in 
Kürze  vorgeführt.  Über  den  Reichtum,  den  das  Museum  birgt,  läfst 
sich  im  allgemeinen  nichts  sagen,  wenn  man  nicht  mit  Eingehen  auf 
die  Einzelheiten  viel  ausführlicher  werden  will.  Der  Zweck  dieser 
Ausführungen  sollte  es  sein,  wieder  einmal  die  weiten  Kreise  der  Ge- 
schichtsforscher auf  allen  Gebieten  darauf  hinzuweisen,  was  das  Ger- 
manische Museum  ist.  Wenn  es  ihm  heute  noch  an  irgend  etwas 
fehlt,   so  ist  dies   die  wissenschaftliche  Durchdringung  und 


—     271     — 

Verarbeitung  des  gesamten  aufgespeicherten  Stoffes. 
Soviel  in  dieser  Richtung  der  Beamtenschaft  überlassen  bleiben  mufe, 
so  wird  es  ihr  doch  immöglich  sein  alles  zu  leisten:  die  Pflege  der 
gesamten  deutschen  kulturgeschichtlichen  Forschung,  die  ja  neuerdings 
so  erfreulich  an  wissenschaftlichem  Ansehen  gewonnen  hat,  kann  allein 
den  richtigen  Untergrund  und  Mafsstab  für  die  Wertung  aller  Gegen- 
stände abgeben.  Nirgends  in  der  Welt  ist  auf  einer  Stelle  mehr 
Material  fiir  die  Kenntnis  der  deutschen  Vergangenheit  au^espeichert 
als  eben  in  der  Nürnberger  Karthause,  aber  gerade  darum  sollte  die 
Benutzung  jener  Schätze  zu  wissenschaftlichen  Zwecken  noch  wesent- 
lich r^er  werden,  gerade  deshalb  müfsten  die  Vorsteher  sämtlicher 
geschichtlicher  Museen  Deutschlands  —  die  der  kleinen  ebenso  wie 
die  der  g^ofsen  —  in  einer  gewissen  Verbindung  mit  der  gröfsten 
Sammlung  stehen,  so  dafs  das  Germanische  Nationalmuseum,  ohne  es 
äuiserlich  zu  sein,  zugleich  als  Bildungsanstalt  für  Musealbeamte  —  auch 
für  die,  welche  es  im  Nebenamte  sind  —  wirkt  In  den  nächsten 
fünfzig  Jahren  wird  dem  Museum,  wenn  anders  seine  Leitung  auf  der 
einmal  sicher  vorgezeichneten  Bahn  fortschreitet,  u.  a.  auch  die  Auf- 
gabe zufallen,  die  Bewegung  zu  g^nsten  historischer  Museen  zu  fordern, 
in  dem  scheinbaren  Interessen  widerstreit  zwischen  Lokal-  und 
Zentralmuseen,  der  noch  manches  scharfe  Wort  zeitigen  wird,  die 
Beteiligten  aufzuklären,  die  örtlichen  Sammlungen  in  gewissen  Grenzen 
zu  unterstützen  und  die  Gegensätze  zum  HeUe  einer  vertieften  Ge- 
schichtsforschung zu  versöhnen! 


Mitteilungen 

Bingegangene  Bflcher: 

Kaindly  Raimund  Friedrich:  Bericht  über  die  Arbeiten  zur  Landeskunde 
der  Bukowina  während  des  Jahres  1900.  (Zehnter  Jahrgang).  Czemowitz, 
H.  Pardini,  1901,  8  S.  8^ 

Kapper,  Anton:  Mitteüungen  aus  dem  k.  k.  Statthaltereiarchire  zu  Graz 
[=s  Veröffentlichungen  der  Historischen  Landes-Kommission  fUr  Steier- 
mark XVI].  Graz,  Selbstverlag  der  Hist  Landes-Komnussion,  1902. 
108  S.  8®. 

Krone s,  Fr.  v.:  Ergebnisse  einer  archivalischen  Reise  nach  Linz,  Herbst 
1899  [=  Veröffentlichungen   der  Historischen  Landes-Kommission   für 


Stdermark  Xm 


1901.     67  S.  8®. 


Graz,  Selbstverlag  der  Historischen  Landes-Konunission, 


—     272     — 

Loserth,  J.:  Briefe  und  Akten  zur  steiermärkischen  Geschichte  unter  Erz- 
herzog Karl  IL  [=  Veröfifentlichungen  der  Historischen  Landes -Rom- 
mission für  Steiermark  X.]     Graz  1899. 

Loserth  J.:  Die  Gegenreformation  in  Graz  in  den  Jahren  1582 — 1585, 
145  Aktenstücke  aus  zwei  bisher  unbekaimten  Aktensammlungen  vom 
Jahre  1585  [=  Veröfifenttichungen  der  Historischen  Landes-Kommission 
für  Steiermark  XII].  Graz,  Selbstverlag  der  Historischen  Landes-Kom- 
mission,   1900.     62  S.  8^ 

Schmidt,  Georg:  Burgscheidungen.  2.  AufL  Halle,  Max  Niemeyer,  1900. 
143  S.  8^ 

Sembritzki,  Johannes:  Wedeke  und  Hennig,  zwei  Schriftsteller  im  Ober- 
lande vor  hundert  Jahren  [=  Sonderabdruck  aus  den  Oberländischen 
Geschichtsblättem,  Heft  4]. 

Sie  gl,  Karl:  Das  Achtbuch  des  Egerer  Schöffengerichtes  aus  der  Zeit  von 
13 10 — 1390  [=  Sonderabdruck  aus  den  „Mitteilungen  des  Vereins 
für  Geschichte  der  Deutschen  in  Böhmen"  Jahrg.  39 »  S.  227 — 271, 
375 — 427].     Prag,  J.  G.  Calve,  1901. 

Sommerfeldt,  Gustav:  Oehlweiden  und  Grofs-Rominten  in  Urkunden  und 
Akten  des  16.  bis  19.  Jahrhunderts.  Braunsberg,  E.  Skowronski,  1902. 
44  S.  8^ 

Wehrmann,  Martin:  Aus  Pommerns  Geschichte,  sechs  Vorträge  im  Stet- 
tiner Frauenverein  gehalten.     Stettin,  Leon  Satmier,   1902.     loi   S.  8^. 

Welti,  Friedrich  Emil:  Die  Rechtsquellen  des  Kantons  Bern.  Erster  Teil: 
Stadtrechte.  Erster  Band:  Das  Stadtrecht  von  Bern  I  (1218—1539). 
Aarau,  H.  R.  Sauerländer  &  Co.,  1902.     428  S.  8^     M.  14. 

Wenck,  Karl:  Elisabeth  von  Thüringen  (1306 — 1367),  die  Gemahlin  Land- 
graf Heinrichs  IL  von  Hessen,  und  die  Beziehungen  zwischen  Thüringen 
tmd  Hessen  in  den  Jahren  1318 — 1335  [=?  Zeitschrift  für  Hessische 
Geschichte.     Neue  Folge  25.  Bd.  (1901),  S.   163 — 191]. 

Zimmermann,  Ernst :  Material  zum  Gebrauch  der  Tafel :  Vor-  und  früh- 
geschichtliche  Altertümer  der  Provinz  Westfieden.  Amsbeig,  J.  Stahl, 
X901.     10  S.  8^ 

Zwiedineck,  Hans  v. :  Das  gräflich  Lambergsche  Familienarchiv  zu  Schlols 
Feistritz  bei  Hz.  HL  TeU:  Urkunden,  Aktenstücke  und  Briefe,  die 
freiherrliche  tmd  gräfliche  Famüie  Lamberg  betreffend.  [=  Veröffent- 
lichungen der  Historischen  Landes-Kommission  für  Steiermark  XI].  Graz, 
Selbstverlag  der  Historischen  Landes-Kommission,  1899.     ^^^  ^-  ^^• 

Zub,  Felix:  Beiträge  zur  Genealogie  und  Geschichte  der  steirischen  Liediten* 
steine  [=  Veröffentlichungen  der  Historischen  Landes-Kommission  für 
Steiermark  XV].  Graz,  Selbstverlag  der  Historischen  Landes-Kommission, 
1902.     64  S.  8^ 

Das  bayerische  Oberland  am  Inn,  Blätter  für  Gebietsgeschichte,  Hei- 
mat- und  Volkskunde,  Organ  des  „Historischen  Vereins  Rosenheim'', 
hggb.  von  Ludwig  Eid.  i.  Jahrgang,  Heft  i.  Rosenheim  1902. 
XXXn  und  130  S.  8«. 

Gebauer,  Joh.  H. :  Gustav  Adolf  in  Brandenburg  [=  32-/33.  Jahresbericht 
des  Historischen  Vereins  zu  Brandenburg  a.  d.  H.  (1901)  S.  63 — 84]. 

Heraatfeh«r  Dr.  Aimin  Tille  ia  Leipdf .  —  Druck  nnd  Verlag  tob  Friedrick  Aadreai  Pttfhm  ia  Gotka. 


Deutsche  Ceschichtsblätter 

Monatsschrift 


nir 


Förderung  der  landesgeschichtlichen  Forscbung 

in.  Band  August/September  1902  11./ 12.  Heft 


Ortsflur,  politiseher  Getneindebezirk  und 

Kirehspiel 

Ein  Beitrag  zur  Gemarkungsgrenzfrage 

Von 
Rudolf  Kötzschke  (Leipzig) 

Einige  Grundfragen  der  deutschen  Verfassungsgeschichte,  die  zuvor 
mehr  nach  ihrer  rechtlichen  und  wirtschaftlichen  Seite  hin  untersucht  zu 
werden  pflegten,  können  durch  Einführung  geographischer  Betrachtungs- 
weise mancherlei  Förderung  erfahren,  indem  die  räumliche  Anordnung 
der  Erscheinungen,  die  Beschaffenheit  des  Bodenabschnitts,  an  dem 
sie  haften,  in  voller  Anschaulichkeit  klar  erfafst  wird.  So  ist  die  Ent- 
stehung des  deutschen  Städtewesens  durch  das  Studium  der  Siedelung^- 
formen  erfolgreich  geklärt  worden ;  für  das  Problem  der  mittelalterlichen 
Stadtwirtschaft  verspricht  eine  Untersuchung  von  geographischen  Ge- 
sichtspunkten aus  mannigfache  Aufhellung.  Auch  für  die  Geschichte 
der  deutschen  Landgemeinde  hat  eine  lebhafte  Erörterung  über  die 
Fragen  nach  dem  räumlichen  Untergrund,  auf  dem  die  Gemeinde- 
einrichtungen  beruhen,  nach  dem  Gemeindegebiet  und  seinen  Grenzen, 
b^onnen,  zumal  da  diese  für  die  Lösung  gro&er  Aufgaben  der  histo- 
rischen Kartographie  Deutschlands  von  grundlegender  Bedeutung  sind  *) ; 
und  es  ist  in  der  Tat  dringlich,  mehr  als  früher  üblich  war,  von  einem 
Standpunkte  geographischer  Betrachtung  aus  an  diese  Untersuchungen 

heranzutreten. 

L 

Das  Staatsgebiet  ist  heute  überall  im  Deutschen  Reiche  in  die 
Bezirke  der  politischen  Ortsgemeinden  oder,  wie  namentlich  im  Osten 
der  preufsischen  Monarchie,  in  die  als  Träger  der  örtlichen  Verwaltung 
auf  dem  platten  Lande  gleichberechtigten  Gemeinde-  und  Gutsbezirke 
aufjgeteilt;  entweder  so  gut  wie  restlos,  wie  z.  B.  im  Rheinland,  oder 


i)  Vgl.  darüber  die  Bemerkungen  am  Schlo&se  dieses  Aufsatzes. 

20 


—     274     — 

mit  der  Einschränkung,  dafs  daneben  gewisse  nicht  eingemeindete 
Bezirke,  besonders  die  Staatswaidungen ,  gesondert  belassen  worden 
sind ;  wie  z.  B.  in  den  Provinzen  Sachsen  und  Brandenburg,  im  König- 
reich Sachsen,  in  Oberbayem.  Der  Gemeindebezirk  ist  heute  —  mit 
jenen  Ausnahmen  —  nach  dem  Verwaltungsrecht  der  klemste  Gebiets- 
abschnitt des  Staates.  Der  politischen  Geographie  aber  ergeben  sich 
andere  kleinste  Bodenabschnitte  als  die  für  ihre  Betrachtungsweise 
zunächst  wichtigen:  sie  sieht  auf  dem  Boden  des  Staates  eine  Menge 
menschlicher  Wohnplätze  verteilt,  die  nach  Raumgröfse  und  Gestalt 
unterscheidende  Merkmale  aufweisen,  sie  richtet  auf  diese  Wohnorte 
mit  ihrem  Zubehör  an  Boden  zuerst  ihr  Augenmerk. 

In  mannigfaltigem  Wechsel  liegen  Siedelungen  über  das  Staats- 
gebiet hin  verstreut,  wie  Fr.  Ratzel  in  seiner  Anthropogeographie  ^)  sie 
scheidet :  Einzelhäuser,  d.  h.  blo&e  Räume  zu  Wohn-  und  Wirtschafts- 
zwecken; Höfe,  das  sind  Wohn-  und  Wirtschaftsgebäude  nebst  Hof- 
raum —  also  z.  B.  auch  abgesondert  liegende  herrschaftliche  Güter  — ; 
kleine  Gruppen  von  Häusern  und  Höfen,  die  einen  „Weiler"  bilden; 
endlich  „Dörfer",  d.  h.  in  geographischem  Sinne  gröfsere  geschlossene 
Ansammlungen  ländlicher  Wohn-  und  Wirtschaftsgebäude  *).  Neben 
dem  Begriffe  des  einfachen  Wohnorts  müssen  wir  nun  aber  auch 
den  der  „Ortschaft"  verwenden.  Wir  verstehen  darunter  die  als  topo- 
graphische Einheit  gefafsten,  aus  kleinsten  Wohnungseinheiten  zusammen- 
gesetzten Ortsbildungen :  Höfe-  und  Häusergnippen,  Weiler  und  Dörfer 
für  sich  oder  mit  anderen  Wohnplätzen  zusammengefafst. 

Wie  verhält  sich  nun  zu  diesen  Siedelungen  die  Gemeindebildtmg  ? 
Welches  ist  die  Struktur  der  Gemeinde  in  topographischer  Hinsicht? 
Wie  sind  Raumgröfse  und  Raumgestalt  der  Gemeindebezirke  beschaffen? 
Was  für  Siedelungen  sind  zu  einem  Gemeinde  verbände  zusammen- 
geschlossen? Das  sind  alles  Grundfragen  dir  jede  Untersuchung  über 
Gemeindegebiet  und  Gemarkungsgrenzen. 

Vergleicht  man  einmal  die  erschienenen  Blätter  der  „Grundkarte 
von  Deutschland"  *),  so  springen  einem  die  topographischen  Verschieden- 
heiten der  Gemeindebezirke  förmlich  in  die  Augen.  Die  winzigen  Dorf- 
bezirke  des   sächsischen   Hügellandes   zwischen  Meifsen  und  Döbeln, 


i)  Anthropogeographie  II,  S.  405(1.  (1.  Aufl.   1891). 

2)  In  historischen  Quellen  werden  die  Wörter  oft  in  anderem  Sinne  gebraucht:  Hof 
für  eine  Mehrheit  ländlicher  Anwesen;  Dorf  auch  für  die  Ortschaft  bei  zerstreuter  Wohn- 
weise. 

3)  S.  die  Aufzählung  in  meinem  Aufsatz :  „  Die  Zentralstelle  für  Grundkarten  zu  Leipzig '' : 
Korr.  Bl.  d.  Ges.  Vereins  d.  Geschichts-  u.  Altertumsvereine,  1902,  nr.  7. 


—     275     — 

raittelg^rofee  Dorfgemarkung-en ,  wie  sie  besonders  rein  z.  B.  in  der 
Gegend  von  Wetzlar  und  Butzbach  oder  in  der  Rheinebene  nw.  von 
Strafsburg  i.  E.  auftreten,  die  grofsräumigen  Gemeindebezirke  zwischen 
Wesel  und  Dorsten  mit  ihrer  Fülle  zugehöriger  Einzelsiedelungen  er- 
scheinen dem  Geographen,  wie  immer  ihre  staatsrechtliche  Natur  sein 
mag,  als  wesensverschiedene  Gebilde.  Charakteristische  Unterschiede 
der  deutschen  Landschaften  treten  bei  solcher  Betrachtung  hervor, 
aber  in  einer  jeden  von  ihnen,  so  in  Sachsen,  in  Westfalen,  in  Württem- 
berg, im  Elsafs  und  in  Lothringen,  in  Schleswig-Holstein,  lassen  sich 
oft  nahe  beieinander  Verschiedenheiten  der  angedeuteten  Art  beobachten. 

Stellen  wir  die  Hauptformen  solch  topographisch  verschiedener 
Gemeindebezirke  fest.  Zunächst  treten  uns  da  zwei  Gruppen  deutlich 
entgegen:  die  Dorfgemeinden,  d.h.  die  Gemeinden,  die  aus  einer 
gröfeeren  geschlossenen  Siedelung  nebst  zugehöriger  Gemarkung  be- 
stehen, und  die  Höfegemeinden  oder  die  Hof-  und  Weiler- 
gemeinden, die  aus  einer  Anzahl  von  Höfen  oder  aus  Höfen  und 
einem  oder  mehreren  Weilern  nebst  zugehörigen  Bodenabschnitten 
zusammengesetzt  sind.  Daneben  fehlt  es  aber  auch  an  der  Mischform, 
der  Dorf-  und  Höfegemeinde,  nicht.  Es  ist  auch  ohne  weiteres 
klar,  dafs  Einzelsiedelungen  oder  kleine  Siedelungsgruppen  an  sich 
auch  selbständig,  ohne  Zugehörigkeit  zu  einem  Gemeindeverband,  d.  h. 
also  unmittelbar  nnter  der  nächstübergeordneten  Staatsbehörde,  bestehen 
können. 

Ein  paar  Beispiele  mögen  das  Verhältnis  von  Wohnorten  und 
Gemeinden  in  einigen  Gegenden  Deutschlands  nach  der  statistischen 
Seite  erläutern.  Im  Königreich  Württemberg*)  gab  es  im  Jahre 
1880  9820  Wohnplätze,  aber  in  nur  191 1  politischen  Gemeinden  ge- 
lten, nämlich  aulser  142  Städten :  1698  Dörfer,  3242  Weiler,  2587  Höfe 
und  215 1  Häuser,  und  zwar  besteht  dabei  ein  Unterschied  insofern, 
als  im  Neckarlande  die  Dorfgemeinden  weit  vorherrschen,  während  in 
Oberschwaben,  besonders  im  südlichen  Teil,  auf  den  Plateaus  und 
Walddistrikten  des  Jagstkreises  und  in  den  Waldämtem  des  Schwarz- 
waldes sich  die  parzellierten  Gemeinden  besonders  häufig  finden.  Im 
Jahre  1822  —  also  in  dem  Jahre,  in  dem  das  Verwaltungsedikt  vom 
I.  März  erschien  *),  dessen  S  i  besagt:  „Jede  Stadt,  jeder  Marktflecken 
und  jedes  Dorf  bildet  eine  für  sich  bestehende  Gemeinde.  Einzelne 
Weiler  imd  Höfe  haben  sich  an  die  Gemeinde   des  nächstgelegenen 

i)  Das  Königreich  Württemberg,  heraasg.  vom  Kgl.  statistisch-topographischen  Bureau 

n,   I,  S.  351 E  (1884). 

2)  J.  Weiske,  Sammlung  der  neueren  teutschen  Gemeindegesetze,  S.  129  (1848). 

20* 


—     276     — 

Ortes  anzuschliefsen,  oder,  wo  solches  ihre  Lage  erheischt  und  gestattet, 
unter  sich  zu  einer  eigenen  Gemeinde  zu  verbinden"  —  wurden  in 
Württemberg  au&er  132  Städten  175  Marktflecken  und  1575  Dörfer, 
dazu  1878  Weiler,  2333  Höfe  und  3384  einzelne  Häuser  gezählt. 
Freilich  schwindet  die  Vorstellung  eines  völligen  Umsturzes  in  den 
Gemeindeverhältnissen,  den  diese  Zahlen  leicht  erwecken  könnten,  so- 
fort, wenn  man  sich  klar  macht,  da(s  die  Zahl  der  191 1  Gemeinden 
vom  Jahre  1880  die  der  gleichzeitig  vorhandenen  Städte  und  Dörfer 
nur  um  71,  die  der  Städte,  Marktflecken  und  Dörfer  von  1822  aber 
nur  um  29  übertrifft;  d.  h.  also,  da  in  Württemberg  eine  Gemeinde 
nie  mehr  als  ein  Dorf  haben  kann^),  es  gab  im  Jahre  1880  nicht 
mehr  als  71  Gemeinden,  die  nur  aus  Höfen  und  Weilern  ohne  Dorf 
bestanden.  Im  Jahre  1822  aber  können  noch  nicht  halb  soviel  Ge- 
meinden blofs  aus  Höfen  und  Weilern  neu  gebildet  worden  sein. 
Immerhin  können  die  Veränderungen  der  Gemeindegebiete  durch  Ein- 
gemeindung von  Gruppen-  und  Einzelsiedeltmgen  nicht  unbeträchtlich 
gewesen  sein;  die  sonst  vorzüglich  brauchbare  Markungskarte  in 
1 : 3  500000  ermöglicht  keine  Untersuchung  der  Frage;  eine  Vorstellung 
davon  kann  man  sich  mit  Hilfe  der  erschienenen  Grundkartensektionen 
bilden. 

In  Baden*)  waren  im  Jahre  1875  7697  Wohnorte  vorhanden, 
und  zwar  aufser  114  Städten:  1609  Dörfer,  648  Weiler  und  1085  Zinken, 
die  ähnlich  wie  die  Weiler  gestaltet,  nur  mehr  zerstreut  sind,  dazu 
642  Höfe-  oder  Häusergruppen  und  3599  einzeln  gelegene  Höfe,  Häuser 
oder  Mühlen;  im  Jahre  1884  aber  gab  es  aufser  den  114  Stadt- 
gemeinden nur  1469  Landgemeinden,  unter  denen  sich  217  sogenannte 
zusammengesetzte  Gemeinden  mit  217  Haupt-  und  466  Nebenorten 
befanden.  In  einer  Anzahl  dieser  zusammengesetzten  Gemeinden  haben 
nun  wieder  einzelne  Ortsteile  ihre  besonderen  „ Ortsgemarkungen ",  und 
da  das  Gemeindegesetz  von  1831  ')  die  Eingemeindung  von  Waldungen, 
einzelnen  Höfen  und  anderen  Gütern,  die  seither  keinen  Ortsgemarkungen 
zugehört  hatten,  nur  gestattete,  aber  nicht  vorschrieb,  so  gibt  es  auch 
noch  „abgesonderte  Gemarkungen ^^  so  dafs  die  Gesamtzahl  der  Ge- 
markungen auf  2187  steigt.  — Im  Königreich  Bayern*)  waren  1890 
aufser  den  52  wichtigsten  Städten  45  580  Orte  in  7969  Gemeinden 
vereinigt. 

1)  Das  Königreich  Württemberg,  S.  352. 

2)  Das  Grofsherzogtum  Baden  (Karlsruhe   1885),  S.  281  ff. 

3)  J.  Weiske  a.  a.  O.,  S.  201  ff. 

4)  W.  Götz,  Geographisch-Historisches  Handbnch  von  Bayern  I,  32  (München  1895). 


—     277     — 

Diese  Zahlen  sprechen  deutlich.  Gewifs  sind  in  anderen  Teilen 
Deutschlands,  die  mehr  Geschlossenheit  in  der  Siedelungsweise  zeigen, 
die  Unterschiede  zwischen  Wohnplätzen  und  Gemeinden  geringer;  in 
einzelnen  Landstrichen  schwinden  sie  fast  ganz.  So  viel  aber  ist  klar, 
dafe  die  Beachtung  der  topographischen  Struktur  der  Landgemeinde 
fiir  die  Auffassung  des  deutschen  ländlichen  Gemeindewesens  von 
grö&ter  Bedeutung  ist. 

Prüft  man  nun  bei  einer  Durchsicht  der  Grundkarten  mit  Beihilfe 
der  Reichskarte  in  i :  looooo  (der  sogen.  Generalstabskarten)  oder  sonst 
geeigneter  topographischer  Karten  die  räumliche  Gestalt  und  den 
Siedelungscharakter  der  Gemeindebezirke,  so  läfst  sich  zunächst  deren 
mannigfache  Abhängigkeit  vom  Bodenbau  und  der  Bewässerung  des 
Landes  erkennen.  Aber  die  Gemeindebezirke  sind  Menschenwerk.  Das 
Problem  wird  zum  historisch-geographischen:  wie  hat  sich  im  Ablauf 
der  Jahrhunderte  die  Gemeindebildung  unter  der  Einwirkung  natürlicher 
und  sozialer,  wirtschaftlicher  und  politischer  Ursachen  vollzogen? 

Richtet  man  so  sein  Augenmerk  auf  die  geschichtlich  begründete 
Vereinigung  der  Siedelungen  zu  Gemeindeverbänden,  so  ergibt  sich 
zuerst  wieder  die  Notwendigkeit,  von  der  neuesten  Zeit  auszugehen, 
und  es  erhebt  sich  die  Frage:  wie  verhalten  sich  denn  die  Ortsfluren 
im  Sinne  des  gesamten  Arealzubehörs  der  ländlichen  Ortschaften  zu 
den  verschiedenerlei  Gemeindebezirken  der  Gegenwart? 

Nach  Durchfuhrung  der  Gemeindegesetzgebung  des  XIX.  Jahr- 
hunderts gehört  jede  Siedelung  einer  politischen  Ortsgemeinde  oder, 
wie  in  Preufeens  östlichen  Provinzen,  einem  Gutsbezirke  zu.  In  dem 
Gemeindebezirke  übt  die  Gemeinde  die  ihr  zugestandene  Selbstverwaltung 
sowie  die  vom  Staate  ihr  übertragenen  Funktionen  staatlicher  Verwaltung 
aus.  Der  Bezirk  der  politischen  Ortsgemeinde  ist  also  Gemeindeselbst- 
verwaltungsbezirk und  Staatsverwaltungsbezirk,  insbesondere  für  Aus- 
übung niederer  Polizeigewalt,  auch  Armenpflege  und  Schulwesen. 
Zweitens  aber  gibt  es  kleinste  Bezirke  der  Steuerverwaltung  (Grund- 
steuerbezirke) auf  den  Katasterkarten  oder  Flurkarten  mit  genauer  Ein- 
zeichnung  der  einzelnen  Grundstücke  dargestellt.  Diese  Steuerfluren 
pflegen  nach  den  Ortsgemeinden  benannt  zu  sein,  zumal  diesen  häufig 
die  Steuereinhebung  vom  Staate  übertragen  ist ;  tatsächlich  decken  sie 
sich  auch  zumeist  mit  jenen  Ortsgemeindebezirken ;  aber  sie  können 
sich  doch  auch  von  ihnen  in  charakteristischer  Weise  unterscheiden. 

Weiterhin  aber  schliefet  sich  die  Frage  an,  wie  sich  Siedelung 
und  Gemeindebildung,  Ortsflur  und  Gemeindebezirk  in  den  geschicht- 
lichen Zeiten  zueinander  verhalten  haben.    Und  dies  Verhältnis  ist  um 


—     278     — 

so  wichtiger  für  den  Historiker,  als  er  in  seinen  Quellen  oft  blofse 
Ortschaftsbezeichnungen  ohne  Angabe  der  Gemeindezugehörigkeit 
findet ;  die  Aufgabe  ist  dann  gerade  die,  die  Ortslage  womöglich  inner- 
halb eines  heutigen  Gemeindebezirks  festzustellen. 

In  den  Zeiten  des  patriarchalischen  und  absoluten  Staatsregiments, 
die  für  unsere  Fragen  zunächst  mit  der  Gegenwart  verglichen  werden 
müssen,  finden  wir  nun,  wie  bekannt,  eine  Gemeinde  von  anderem 
Charakter  vor,  die  ich  in  Anlehnung  an  den  älteren  Sprachgebrauch 
im  Gegensatz  zur  politischen  Ortsgemeinde  der  neuesten  Zeit  die 
Nachbarschaftsgemeinde  nennen  möchte.  Sie  ist  vor  allem 
Realgemeinde;  ihr  Gebiet  besteht  aus  den  Gehöften,  den  in  der 
Feldmark  belegenen  bäuerlichen  Grundstücken  sowie  den  zugehörigen 
Gemeinheiten;  in  diesem  Gebiete  wird  auch  die  vornehmlich  wirt- 
schaftlich gerichtete  Gemeindeverwaltung  ausgeübt.  Aber  die  länd- 
lichen Gemeinden  sind  doch  schon  seit  dem  späteren  Mittelalter  zur 
Erfüllung  von  Aufgaben  der  landesfürstlichen  Staatsverwaltung  heran- 
gezogen worden,  z.  B.  für  Verteilung  der  Steuern  *) ;  und  in  den  Zeiten 
des  absoluten  Staates  lassen  sich  schon  Anfange  zur  Bildung  von 
politischen  Ortsgemeinden  beobachten,  indem  z.  B.  in  Preufsen  unter 
Friedrich  Wilhelm  I.  das  ,,Dorf**  zum  Schulkommunalverband,  teil- 
weise auch  zum  Armenkommunal  verband  umgearbeitet  wurde  *).  Wie 
verhalten  sich  nun  die  Bezirke  solcher  Staatsverwaltung  mit  Hilfe 
ländlicher  Gemeinden  zu  den  Nachbarschaftsfluren?  Decken  sie  sich 
völlig?  Oder  gehören  vielleicht  zu  jenem  auch  Bodenschnitte  aufeer- 
halb  des  Flurbezirks  der  Nachbarschaft?  Oder  umgekehrt,  sind  etwa 
einzelne  FlurteUe  kein  Zubehör  der  staatlichen  Verwaltungsbezirke? 
Und  weiter,  wie  verhalten  sich  diese  älteren  Bezirke  zu  denen,  die 
nach  Durchführung  der  modernen  Gemeindegesetzgebung  und  Kataster- 
aufhahmen  in  der  Gegenwart  vorhanden  sind? 

Die  Tätigkeit  der  neueren  Staatsgewalt,  der  patriarchalischen  und 
absoluten  so  gut  wie  der  modernen  konstitutionellen,  zur  Abgrenzung 
der  Gemeindebezirke,  etwa  vom  XVI.  Jahrhundert  bis  ins  XDC. ,  auf- 
zuhellen, stellt  sich  so  uns  deutlich  als  die  erste  und  dringendste  Auf- 
gabe dar,  die  zu  lösen  ist,  bevor  die  Gemeindebüdung  der  älteren  Zeit 
in  räumlicher  Hinsicht  ausreichend  klar  erkannt  zu  werden  vermag. 

Neben  solcher  Betrachtung  des  Verhältnisses  zwischen  Ortsflur 
und  politischem  Gemeindebezirk  kommt  nun  aber  noch    ein   weiteres 

i)  Vgl.  z.  B.  G.  V.  Below,    Die  landständische  Verfassang   in  Jülich  und  Berg  III^ 
S.  36flf.,  III,  S.  83  f. 

2)  C.  Bornhak,  Geschichte  des  preofsischen  Verwaltuogsrechts  II,  S.  8 f. 


—     279     — 

in  Betracht,  das  bisher  in  seiner  vollen  Tragweite  für  die  Gemarkungs- 
grenzfrag-e  noch  nicht  gebührend  gewürdigt  worden  ist  ^). 

Die  völlige  Aufteilung  der  Staatsgebiete  in  räumliche  Bezirke, 
wie  es,  mit  den  oben  dargelegten  Einschränkungen  die  politischen 
Gemeindebezirke  sind,  ist  erst  ein  Werk  der  neueren  Staatsgewalt  und 
nur  aus  ihren  Bedürfnissen  zu  erklären ;  einem  Bedürfnis  der  Nachbar- 
schaftsgemeinden älterer  Art  entspricht  sie  nicht.  Aber  schon  von 
altersher  gibt  es  eine  Macht  in  Deutschland,  die  ein  Bedürfnis  nach 
Aufteilung  des  Landes,  soweit  es  überhaupt  angebaut  und  von  Menschen 
bewohnt  war,  für  ihre  Verwaltung  empfunden  hat.  Schon  im  XII.  und 
XIII.  Jahrhundert  ist  der  Ausbau  des  Parochialsystems  im  mutter- 
ländischen Deutschland  so  weit  fortgeschritten,  dafs  auf  lange  hinaus 
dem  Bedürfnis  genüge  geschah  *) ;  und  im  Osten  ist  die  Pfarreiorgani- 
sation der  völligen  Christianisierung  und  Kolonisation  rasch  gefolgt. 
Deutschland  war  mit  einem  Netze  von  Pfarreien  bedeckt,  in  das  auch 
Ejnzelsiedelungen  fernab  von  den  geschlossenen  gröfseren  Ortschaften 
einbezogen  gewesen  sind.  Der  Kirchengemeindeverband  hat  nun  aber 
von  frühe  her  in  engen  Beziehungen  zu  ländlichen  Gemeindeverbänden 
gestanden ;  ja  das  Kirchspiel  hat ,  darin  dem  civil  parish  in  England 
vergleichbar,  auch  für  die  weltliche  Gemeindeverwaltung  Bedeutung  ge- 
habt. Das  Verhältnis  von  Kirchspiel  und  ländlichem  Gemeindebezirk 
mufs  also  bei  Untersuchungen  über  die  Gemarkungsgrenzfrage  von  vorn- 
herein scharf  ins  Auge  gefafst  werden ;  und  es  ist  auch  für  die  welt- 
liche historische  Kartographie  um  so  wichtiger,  als  die  Lageangaben 
von  Ortschaften  in  älteren  Quellen,  z.  B.  Urkunden,  sehr  oft  nach  der 
Püarrei  gemacht  werden  und  die  Überlieferung  der  kirchlichen  histo- 
rischen Geographie  zumal  in  alten  Zeiten  —  man  denke  an  die  libri 
vcUoris  bischöflicher  Diözesen  —  besonders  günstig  zu  sein  pflegt.  — 

Die  Geschichte  des  Gemeindegebiets,  dies  hat  sich  uns  bisher 
ergeben,  ist  die  seiner  Siedelungen  mit  ihrem  Zubehör  an  Grund  und 
Boden.  Das  Gemeindegebiet  aber  ist  aufeen  umrahmt  von  seinen  Grenzen : 
auch  die  Geschichte  der  Gemarkungsgrenzen  mufs  von  der  Betrachtung 
der  zu  Gemeinden  zusammengeschlossenen  Siedelungen  und  ihrer  zugehöri- 
gen Bodenabschnitte  ausgehen ;  auch  sie  ist  auf  das  Studium  der  Siede- 
lungsverhättnisse  zu  gründen.  Politische  wie  kirchliche  Gemeindeverbände 


i)  Schon  Wolfram  hat  in  seinem  Freiburger  Vortrage  (Korr.  Bl.  d.  Ges.  Ver.  1902, 
S.  25)  daraaf  hingewiesen,  dafs  ein  wesentlicher  Faktor  fUr  die  Erhaltung  der  Gemarknngs- 
grcnxen  auch  die  Kirche  sei.  Freilich  mit  dem  Hinweise  anf  das  „  Interesse "  des  Pfarrers, 
sich  seinen  zehntpflichtigen  Grundbesitz  zu  erhalten,  ist  die  Sache  nicht  erklärt. 

2)  A.  Haock,  Kirchengeschichte  Deutschlands  IV,  20  ff. 


—     280     — 

sind  dabei  auf  ihr  gegenseitiges  Verhalten  hin  zu  prüfen:  Ortsflur^ 
politischer  Gemeindebezirk  und  Kirchspiel  müssen  mit  Augen,  die  im 
rechtsgeschichtlichen  wie  geographischen  Sehen  geübt  sind,  in  ihrer 
Übereinstimmung  und  Verschiedenheit  klar  anschaulich  aufgefafst  wer- 
den. Die  Gemarkungsgrenzfrage  ist  nicht  so  „einfach",  wie  dies  wohl 
geglaubt  worden  ist ;  sie  ist  vielmehr  ein  höchst  kompliziertes  Problem, 
das  einmal  mit  allen  Mitteln  der  Wissenschaft  gründlich  untersucht 
werden  mufs,  wenn  man  in  der  Geschichte  der  deutschen  Landge- 
meinde zu  klarer  räumlicher  Anschauung  kommen,  und  ebenso,  wenn 
man  moderne  Gemarkungsgrenzkarten  für  eine  Reihe  von  Aufgaben 
der  historischen  Kartographie,  insbesondere  auch  für  andere  Zwecke 
als  die  Herstellung  territorialgeschichtlicher  Spezialatlanten ,  einwand- 
frei verwerten  will. 

II. 

Untersuchungen  über  das  Verhältnis  der  Ortsfluren  zu  den  Ge- 
meindeselbstverwaltungsbezirken und  den  kleinsten  Bezirken  staatlicher 
Verwaltung  sowie  den  Kirchspielen,  wie  sie  hier  gewünscht  worden 
sind,  können  nur  Landschaft  für  Landschaft  geführt  werden ;  sie  können 
nur  das  Werk  mehrerer  Gelehrten  sein,  die  die  landesgeschichtlichen 
Quellen  sorgsam  durchforschen.  Im  folgenden  soll  daher  nicht  eine 
Lösung  der  Fragen  angestrebt,  vielmehr  soll,  nach  fremden  Forschungs- 
ergebnissen wie  aus  eigenen  Studien,  nur  einiges  beigebracht  werden, 
um  das  aufgeworfene  Problem  möglichst  deutlich  zu  bezeichnen. 

Wertvolle  Aufschlüsse  für  die  hier  behandelten  Fragen  liegen 
heute  bereits  über  die  österreichischen  Alpenländer  vor.  Für  die 
Zeiten  vor  dem  abschlieisenden  Eingreifen  des  Staates  seit  dem  letzten 
Drittel  des  XVIII.  Jahrhunderts  erinnere  ich  zunächst  an  Armin  Tilles 
Ausführungen  über  den  Vintschgau  in  Tirol  ^) ,  wo  auch  die  Grund- 
züge der  Gemeindebildung,  vom  Mittelalter  bis  in  die  neueren  Jahr- 
hunderte hinein,  behandelt  sind.  Den  Grundstock  der  Gemeinden  er- 
blickt er  in  den  Dorfsiedelungen  der  Täler,  in  denen  die  Sonderwirt- 
schaften der  Höfe  zu  einem  Wirtschaftsverbande  zusammengeschlossen 
waren.  Mancherlei  wirtschaftliche  Momente  haben  dann  auf  den  An- 
schlufs  einzelner  Höfe  an  den  Dorfgemeindeverband  hingewirkt  In- 
des „die  zerstreuten  Höfe  inmitten  ihrer  Fluren  behalten  noch  spät 
eine  wirtschaftliche  Selbständigkeit,  die  sie  in  rein  agrarischer  Ent- 
wickelung  ohne  Eingriffe  des  Staates  wohl  nie  aufgegeben  hätten." 
Für  die  Anfänge  der  Einverleibung   scheint   ihm   „die  Zuweisung  ge- 


i)  T  i  1 1  e ,  Die  bänerliche  Wirtschaftsverfassung  des  Vintschgaas  (Innsbruck  1 895),  S.  24 1  ff.. 


—     281     — 

wisser  Höfe  an  Gemeinden  durch  die  Landesherrschaft  zum  Zwecke 
der  Landessteuererhebung''  am  wesentlichsten  zu  sein.  Auch  auf 
die  Einwirkung  der  Gerichtsverbände  sowie  des  Kirchenverbandes  wird 
hingewiesen. 

Die  Entwickelung  der  jüngsten  Zeit  vor  Festlegung  der  gegenwärtigen 
Gemarkungsgrenzen  ist  nun  im  Zusammenhange  mit  den  Vorarbeiten  für 
den  historischen  Atlas  der  österreichischen  Alpenländer  vor  kurzem  be- 
leuchtet  worden  *).  Entscheidend  für  die  Abgrenzung  der  gegenwärtig 
in  Österreich  bestehenden  Gemeinden  in  ihrem  heutigen  Umfang  sind 
eine  Reihe  von  Regierungsmaisnahmen  von  den  2^iten  Maria  There- 
sias bis  zum  Jahre  1849.  ^^^  erste  Grundlage  dazu  ist  durch  die 
Konskription  von  1770  geschaffen  worden;  es  sollte  nämlich  zu 
ihrem  Zwecke  eine  Häusemumerierung  durchgeführt  werden.  Man 
hat  dabei  in  den  Dorfgegenden  an  die  bestehenden  Ortschaften  an- 
geknüpft;  in  Gegenden  aber,  wo  Einzelhäuser  neben  Dörfern  vor- 
kommen, sollten,  wie  eine  besondere  Anordnung  der  Hofkanzlei  be- 
sagt, diese  den  nächsten  Dörfern  zugezählt  werden,  während  in  Gegen- 
den des  reinen  Hofsystems  nach  den  Kirchspielen  zu  numerieren 
sei.  In  Niederösterreich  hat  man  dann  freilich  diese  Vorschrift  nicht 
befolgt,  sondern  sich  an  die  Ortschaften  im  topographischen  Sinn 
von  Wohnstätten  gehalten;  wie  man  in  den  Alpenländern  verfahren 
ist,  ist  noch  nicht  festgestellt.  In  den  Zeiten  Josephs  sind  nun  weiter 
Steuergemeinden  gebildet  worden,  wobei  jetzt  wirklich  die  Einzel- 
siedelungen angegliedert  oder  zusammengeschlossen  wurden,  aber 
auch,  wenigstens  in  einzelnen  Landesteilen,  erhebliche  Einbezirkungen 
vorher  nicht  eingemeindeten  Waldbodens  stattgefunden  haben.  An  diese 
Steuergemeinden,  sei  es  an  die  Hauptgemeinden,  sei  es  an  die  Unter- 
gemeinden, ist  dann  bei  Anlage  des  sogen,  franziskischen  oder  stabilen 
Katasters  seit  18 17,  bezw.  1824  angeknüpft  worden;  damit  sind  die 
gegenwärtigen  Katastralgemeinden  geschaffen  worden.  Die  heutigen 
politischen  Ortsgemeinden  sind  erst  1849  entstanden,  nach  den  Ka- 
tastralgrenzen  reguliert,  doch  so,  dafs  z.  B.  in  Niederösterreich  4062 
Ortschaften  zu  3183  Katastralgemeinden,  aber  nur  zu  1591  Orts- 
gemeinden vereinigt  sind;  in  Oberösterreich  ist  der  Unterschied  noch 
beträchtlicher,   während  in   Tirol  und  Vorarlberg  die   Katastral-   und 


I)  Vgl.  £.  Richter  „Nene  Erörteruogen  zun  historischen  Atlas  der  österreichischen 
Alpenländer",  Mitt.  d.  InsL  f.  österr.  Gesch.  VI,  858 £f.  und  besonders  C.  Giannoni, 
„Zum  historischen  Atlas  der  österreichischen  Alpenländer '<,  Blätter  d.  Ver.  f.  Landeskunde 
von  Niederösterreich  1899  (33)  475 ff. ;  ders. :  „Der  historische  Atlas  der  österreichischen 
Alpenländer  und  die  Gmndkartenfrage*',  Vierteljahreshefte  f.  d.  geograph.  Unterricht!,  17  ff. 


—     282      — 

Ortsgemeinden  ziemlich  identisch  sind.  Fragt  man  also  nach  dem 
Verhältnis  der  gegenwärtigen  Gemeinden  der  österreichischen  Alpen- 
länder zu  den  Ortschaften  (Wirtschaftsgemeinden)  der  alten  Zeit,  so 
ergibt  sich,  dais  die  Bezirke  der  heutigen  politischen  Ortsgemeinden 
ganz  wesentlich  von  den  alten  Ortsgemarkungen  abweichen,  während 
die  Steuergemeinden  jenen  in  viel  höherem  Grade  nahe  kommen  und 
sogar  eine  gewisse  Wahrscheinlichkeit  dafür  besteht,  dafe  wenigstens 
in  den  Gegenden  der  Dorfsiedelung  die  Abweichungen  von  den  alt- 
überlieferten nicht  allzu  grofis  sind.  Ob  nun  diese  Gemeinden,  wie  sie 
vor  Einführung  der  Josephinischen  Steuergemeinden  bestanden,  in  den 
früheren  Zeiten  stärkeren  Wandlungen  unterworfen  gewesen  sind  oder 
nicht,  mufs  vorderhand  noch  zweifelhaft  bleiben. 

Diese  bisherigen  Ermittelungen  der  österreichischen  Forscher  sind 
gewifs  aufserordentlich  lehrreich.  Sie  zeigen  deutlich,  dafe  man  sich  die 
Gemeindegrenzverhältnisse  noch  im  XVIII.  Jahrhundert  nicht  unwesent- 
lich anders  vorzustellen  hat,  als  in  der  Gegenwart.  Ob  freilich  darum 
die  heutigen  Grenzlinien  selbst  für  historische  Zwecke  unbrauchbar 
sind,  scheint  mir  damit  noch  keineswegs  ausgemacht  zu  sein;  ich  bin 
sogar  der  Meinung,  dafs  die  jetzt  gering  geschätzte  „  Übersichtskarte  der 
Steuerbezirke  und  Katastralgemeinden  in  1:115  200*'  für  andere  Zwecke, 
als  die  zur  Zeit  in  Österreich  verfolgten ,  noch  wird  nützlich  sein  können. 

Nach  diesem  Hinweis  auf  die  Forschungsergebnisse  der  österrei- 
chischen Fachgenossen  wende  ich  mich  der  Besprechung  dieser  Ver- 
hältnisse im  Reichsgebiet  zu.  Was  bisher  an  Aufklärung  über  diese 
Fragen  geboten  worden  ist,  ist  spärlich  genug.  Ich  begnüge  mich 
in  diesem  Aufsatze,  das  aufgeworfene  Problem  an  zwei  Beispielen  zu 
erläutern.  Ich  wähle  sie  beide  aus  eigenen,  schon  länger  betriebenen 
Studien  heraus :  das  eine  für  eine  Gegend  der  Dorfsiedelung,  für  Ober- 
sachsen, das  andere  für  das  Gebiet  der  Hof-  und  Weilersiedelung  am 
Niederrhein. 

In  Sachsen  sind  zwei  Siedelungsgebietc  zu  scheiden:  das  höhere 
Gebirge  des  Südens  und  das  im  Norden  vorgelagerte  Hügel-  und 
wellige  Flachland.  In  beiden  herrscht  Wohnweise  nach  Dörfern.  Im 
Norden  aber  liegen  kleine,  geschlossene  Dörfer  dicht  gedrängt  nahe 
beieinander,  meist  Rundlinge  oder  StrafsenzeUendörfer;  schon  von 
slavischer  Zeit  her  ist  das  Land  fest  besiedelt,  und  mit  der  deutschen 
Kolonisation  des  XII.  bis  XIV.  Jahrhunderts  ward  der  Landesausbau 
so  gut  wie  vollendet.  Die  Besiedelung  des  Südens  ist  erst  ein  Werk 
der  Kolonisationszeit,  fortgesetzt  in  den  Zeiten  aufblühenden  Bergbaus 
und   der  neuzeitlichen  Industrie:   hier  dehnen  sich  gro&e  Dörfer,   in 


—     283     — 

aufgelöstem  Anbau  lang  hingestreckt,  in  den  Bodenmulden ;  und  manche 
Einzelsiedelung  liegt  seitab  im  tiefen  Talgrund  oder  waldverloren. 

Will  man  nun  die  Frage,  wie  sich  Ortsflur  und  Gemeindeverwaltungs- 
bezirk nach  ihrer  historischen  Bedeutung  zueinander  verhalten,  für  das 
Königreich  Sachsen  untersuchen,  so  ist  man  ziu:  Zeit  darauf  an- 
gewiesen, die  Grundkarte  zu  Hilfe  zu  ziehen;  gedruckte  Karten  mit 
Gemarkungsgrenzen  gibt  es  nur  für  ganz  kleine  Stücke  des  Landes, 
die  Benutzung  des  ungedruckten  Materials  ist  beschwerlich.  Diese 
Grundkarte  des  Königreichs  Sachsen  bietet  nun  aber,  wie  H.  Ermisch 
in  seinen  „Erläuterungen"  angibt^),  nicht  die  Bezirke  der  politischen 
Ortsgemeinden,  sondern  die  Grundsteuerbezirke.  Ich  will  da  zunächst 
erwähnen,  dafs  mir  bei  eingezogenen  Erkundigungen  der  technische 
Leiter  der  Karte,  Vermessungsingenieur  Ehnert  in  Dresden,  sehr  lehr- 
reich ausführte,  dafs  die  politischen  Gemeindebezirke,  d.  h.  die  Bezirke 
der  Gemeindeselbstverwaltung  und  niederen  Polizeiverwaltung,  aus 
technischen  Gründen  auf  einer  Karte  in  i :  looocx)  überhaupt  öfter 
gar  nicht  darstellbar  seien.  Die  Sache  hat  natürlich  ihren  tieferen 
Grund  und,  wie  sogleich  nachzuweisen  sein  wird,  ihre  historische 
Tragweite. 

Auch  hier  in  Sachsen  ist,  etwa  zwei  Jahrzehnte  nach  dem  öster- 
reichischen, ein  „stabiles  Kataster"  angelegt  worden.  Nach  Erlais  der 
Verfassung  (1831)  ging  man  an  die  Ausarbeitung  eines  neuen  Grund- 
steuersystems, für  welches  seit  1834^)  eine  Katasteraufnahme  des 
ganzen  Landes  mit  Herstellung  von  Flurkarten  durchgeführt  wurde, 
übrigens  in  einer  Zeit,  wo  die  heute  noch  nicht  beendeten  Zusammen- 
legungen und  Gemeinheitsteilungen  seit  dem  Gesetze  von  1832  eben 
erst  begonnen  hatten.  Diese  in  der  Zeit  bis  zum  Erlab  des  Gnind- 
steuergesetzes  von  1843')  geschaffenen,  „in  sich  geschlossene,  zu- 
sammenhängende Komplexe"  bildenden  Flurbezirke  sind  dann  im 
wesentlichen  stabil  geblieben,  obschon  es  an  Ausflurungen,  namentlich 
bei  den  Zusammenlegungen  und  den  Veränderungen  der  Staatsforsten 
nicht  gefehlt  hat.  Von  diesen  Steuerfluren  weichen  nun  die  Land- 
gemeindebezirke ab;  und  zwar  vornehmlich  aus  folgendem  Grunde. 
Jene   Flurbezirke   schlielsen   nämlich   die  Rittergüter   mit  wenig   Aus- 


i)  Erläaterungen   zar   historisch-statistischen  Grandkarte  für  Deatschland  (Königreich 
Sachsen),  S.   12  (Leipzig  1899). 

2)  Sammlung   der   Gesetze   und  Verordnungen   fUr  das   Königreich   Sachsen,    1834, 
S.  325  f, 

3)  Gesetz-  and  Verordnungsblatt  fUr  das  Königreich  Sachsen  (Fortsetzung  der  Samm 

lang)  1843,  ^^s*  S-   103  f- 


—     284     — 

nahmen  in  sich  ein ;  nur  eine  gferinge  Zahl  von  Rittergutsbezirken  sind 
selbständige  Grundsteuerbezirke,  bei  denen  natürlich  ebenfalls  seit  der 
Katasteraufnahme  im  wesentlichen  Stabilität  besteht.  Anders  verhält 
es  sich  bei  den  Landgemeindebezirken.  Im  Jahre  1838  ist  in  Sachsen 
eine  Landgemeindeordnung  *)  ergangen,  in  der  die  moderne  politische 
Ortsgemeinde  geschaffen  worden  ist,  wenn  auch  zunächst  noch  jeweils 
unter  der  Ortsobrigkeit,  welcher  die  Erbgerichtsbarkeit  über  die  Ge- 
meinde zustand.  Es  ward  dabei  bestimmt,  dafs  die  vorhandenen  Land- 
gemeinden „mit  ihren  Flurbezirken",  wie  es  hier  heifst  —  aber  nicht 
im  Sinne  des  Gesetzes  von  1843  —  fortbestehen  sollten;  weiterhin 
aber  ward  die  Beseitigung  von  Ex-  und  Enklaven  und  die  Eingemein- 
dung von  Landgrundstücken,  die  bisher  zu  keinem  Gemeindeverbande 
gehört  hatten,  vorgeschrieben;  ausgenommen  sind  davon:  die  Staats- 
waldungen, die  königlichen  Schlösser  und  Kammergüter;  die  Ritter- 
güter. Damit  sind  also  die  Gutsbezu-ke  als  etwas  räumlich  Selbständiges 
neben  den  ländlichen  politischen  Ortsgemeindebezirken  konstituiert, 
und  es  sind  schliefslich ,  nachdem  die  aus  der  alten  Zeit  stammenden 
engen  Beziehungen  zwischen  Rittergut  und  Landgemeinde,  die  Patri- 
monialgerichtsbarkeit, die  ortsobrigkeitlichen  Rechte,  die  gutsherrliche 
Polizei  beseitigt  waren,  mit  der  revidierten  Landgemeindeordnung  von 
1873  die  beiderlei  Bezirke  zu  gleichberechtigt  nebeneinanderstehenden 
politischen  Ortsbezirken  geworden.  Um  dies  Verhältnis  zu  veranschau- 
lichen, sei  erwähnt,  dafe  im  Jahre  1884  neben  3 118  Landgemeinden 
920  Rittergüter  vorhanden  waren,  von  denen  901  selbständige  Guts- 
bezirke bildeten  *) ;  dieses  Verhältnis  hat  sich  im  Laufe  des  XIX.  Jahr- 
hunderts nicht  erheblich  verschoben.  Die  Zahl  der  ländlichen  Flur- 
bezirke beträgt  3225,  ausschliefslich  der  Kammergüter*) 

Wie  steht  es  nun  mit  der  historischen  Bedeutung  dieser  Bezirke? 
Zunächst  sei  betont,  dafs  die  Wandlungen  in  dem  Verhältnis  zwischen 
Gutsherrschaft  und  Landgemeinde  während  des  XIX.  Jahrhunderts  nur 
die  politischen  Ortsgemeindebezirke,  nicht  aber  die  Flurbezirke  berührt 
haben.  Ahnliches  gUt  indes,  wenn  natürlich  auch  nicht  absolut,  auch 
für  die  Vergangenheit;  die  Generalverordnung  vom  7.  Januar  1835, 
betreffend  die  Aufnahme  von  Flurverzeichnissen,  besagt,  dafs  sämtliche 
in   der  Ortsflur   gelegenen  einzelnen  Grundstücke  aufzuzeichnen  seien, 


i)  a.  O.  1838,  bes.  S.  434  f. 

2)  Alphabetisches  Verzeichnis  der  im  Königreich  Sachsen  belegenen  Stadt-  and  Land- 
gemeinden, bearbeitet  vom  Statist.  Bareau,  Dresden  1884;  vgl-  ^^^^  <^ic  Alphabetische 
Übersicht  sämtlicher  Ortschaften  des  Königreichs  Sachsen,  Statist.  Jahrbnch  1902,  S.  i  ff. 

3)  O.  Sieber,  in  d.  Zeitschrift  d.  Statist.  Bnreans,  42,  S.  221  ff.;  47,  Beil.  S.  2 ff. 


—     285     — 

insbesondere  auch  Ritterguts-,  geistliche  und  solche  Grundstücke,  welche 
zwar  der  Ortsflur,  nicht  aber  dem  Gemeindeverbande  angehören.  Hier 
sehen  wir  also  das  Bestreben,  die  Ortsfluren,  wie  sie  vorgefunden 
worden,  zu  erhalten ;  Abweichungen  sind  in  der  Hauptsache  nur  durch 
Zuweisung  strittiger  Grundstücke  (so  auch  Koppelhutungen)  vorgenommen 
worden. 

Was  nun  die  älteren  Zeiten  betrifft,  so  bietet  sich  für  Sachsen 
die  Möglichkeit,  die  Frage  der  Beständigkeit  der  Ortsflurgrenzen  für 
einige  Jahrhunderte  rückwärts  an  ganz  vorzüglichem  Material  nachzu- 
prüfen. Es  liegt  dies  daran,  dafs  in  Kursachsen  in  den  Zeiten  Kur- 
fürst Augusts  und  seiner  Nachfolger  bis  in  die  ersten  Jahrzehnte  des 
XVII.  Jahrhunderts  hinein  eine  ausgezeichnete  Landesaufnahme  be- 
wirkt worden  ist,  wie  sie  fiir  kein  anderes  deutsches  Territorium  aus 
den  eisten  zwei  Jahrhunderten  der  heimischen  Kartographie  vor- 
handen ist,  ausgeführt  insbesondere  von  Matthias  Oeder').  Es 
ist  das  Verdienst  Mörtzschs  (Dresden),  die  Bedeutung  dieser  Karten 
für  die  Gemarkungsgrenzfrage  erkannt  zu  haben.  Ich  habe  dann  auch 
andere  Karten  jenes  Zeitraums  im  Dresdener  Hauptstaatsarchiv  einge- 
sehen, besonders  auch  Karten  Balthasar  Zimmermanns  um  1620, 
und  bin  zu  folgendem  Ergebnis  gekommen.  Dargestellt  sind  auf 
jenen  Karten  des  XVI./XVII.  Jahrhunderts  Grenzen  der  Guts-  (Gerichts-) 
herrschaften  und  landesherrlichen  Waldungen.  In  den  nördlichen  Teilen 
des  Landes,  wo  Dorfsiedelung  mit  ganz  kleinen  Gemarkungen  herrscht, 
sind  diese  Gerichtsgrenzen  in  den  Steuerflurgrenzen  des  XIX.  Jahrhunderts 
oft  mit  staunenswerter  Treue  erhalten.  Das  Dasein  der  Rittergüter  ist 
hier  kein  Grund  für  erhebliche  Umgestaltung  der  Ortsflurgrenzen,  weil 
überhaupt  seit  den  Konstitutionen  Kurfürst  Augusts  von  1572  die 
bäuerlichen  Besitzrechte  gut  geschützt  waren  und  Eigentumsschiebungen 
zwischen  Rittergutsland  und  Bauemland  nicht  notwendig  eine  Änderung 
der  Ortsfluigrenzen  nach  sich  zog,  jedenfalls  aber  die  Gerichtsherr- 
schaftsgrenzen in  diesem  Zeitraum  nicht  zu  stören  pflegte.  Rittergut 
und  Dorf  erscheinen  in  den  Quellen  der  älteren  Zeit  als  Ortseinheit, 
und  es  konnte  die  Einziehung  von  Bauernland  zum  Rittergutsacker 
bei  der  bestehenden  Flurverfassung  und  der  Streulage  kleiner  Gerichts- 
herrschaften und  landesherrlichen  Ämterzubehörs  in  erheblichem  Mafse 
doch  nur  innerhalb  der  eigenen  Ortschaftsflur  bewirkt  werden.  Einzel- 
siedelungen waren  fast  nur  die  Mühlen ;  diese  aber  werden  in  den  Amts- 


i)  M.  Oeder,  Die  erste  Landesvermessung   des  Karstaates  Sachsen,   herausg.  von 
S.  Rnge  Presden  1889). 


—     286     — 

büchern  und  Steuerregfistern  des  XVI.  Jahrhunderts  trotz  gewisser 
Sonderstellung  neben  der  Nachbarschaft  zum  Dorf,  d.  h.  zum  Bereiche 
der  Ortsflur  gerechnet  ^).  Etwas  anders  steht  es  in  den  südlichen 
gebirgigen  Landesteilen,  wo  die  grofsen  Staatswaldungen  und  zahl- 
reichere Einzelsiedelungen,  Mühlen,  Hämmer  und  verstreute  Häuser 
sich  finden.  Wo  hier  die  grofsen  Dorfgemeinden  der  Kolonisations- 
zeit, die  oft  selbständige  Dingstuhlbezirke  bilden,  aneinandergrenzen, 
gilt  ähnliches,  wie  für  das  nördliche  Flachland;  es  lassen  sich  auch 
Beispiele  finden,  so  bei  Augustusburg  und  Frankenberg  im  mittleren 
Zschopaugebiet,  wo  ein  buntes  Durcheinander  von  Staatsforst,  Kammer- 
gut und  Dorfmark  seit  dem  frühen  XVII.  Jahrhundert  in  seinen  Grenz- 
verhältnissen sehr  gut  erhalten  ist  *).  Aber  die  Neubesiedelung  hat  in 
den  höchsten  Gegenden  des  Landes  auch  in  den  letzten  Jahrhunderten 
noch  manche  neue  Ortsflur  geschaffen  und  andere  erweitert,  und 
Schiebungen  der  Grenzen  zwischen  Staatswald  und  eingeflurtem  Gebiet 
sind ,  bisweilen  nicht  unbeträchtlich ,  nachweisbar  ^) ,  wenn  schon  im 
ganzen  Lande  die  Menge  der  vorhandenen  Staats  waidkomplexe  seit 
dem  XVI.  Jahrhundert  recht  beständig  geblieben  ist. 

Alles  in  allem  darf  für  Sachsen  eine  ziemlich  grofse  Dauerhaftig- 
keit der  Ortsflurgrenzen  angenommen  werden;  insbesondere  soweit 
sie  mit  Gerichtsgrenzen  zusammenfielen,  was  bei  der  räumlichen  Ver- 
breitung der  Gutsherrschaften  im  Lande  für  sehr  beträchtliche  Weg- 
strecken des  Grenzverlaufs  gilt.  Das  höhere  Mafs  historischer  Be- 
deutung und  Verwertbarkeit  kommt  aber  unter  den  in  der  Gegenwart 
kartographisch  aufnehmbaren  Bezirken  unzweifelhaft  den  Steuerfluren 
zu;  damit  wird  für  Sachsen  das  für  die  Alpenländer  vorläufig  ge- 
wonnene Ergebnis  bestätigt.  Als  Grund  erweist  sich  nun  hier  in 
Sachsen  nicht  die  gröfsere  Dauerhaftigkeit  der  Steuerbezirke  an  sich, 
sondern  der  Umstand,  dafs  die  Steuerflur  des  XIX.  Jahrhunderts 
Ortschaftsflur  ist,  also  das  steuerfreie  Rittergutsareal  und  die  zuge- 
hörige Nachbarschafts-  (Dorf-)flur  der  alten  Zeit  in  sich  zusammenschliefet. 

Die  bisherigen  Ausführungen  gelten  für  ein  Gebiet,  wo  Dorf- 
siedelung  herrscht.  Wir  steht  es  nun  mit  dem  Verhältnis  von  po- 
litischem Gemeindebezirk  und  Ortsflur   und   ihrer   historischen  Bedeu- 


i)  Vgl.  die  TabeUen  bei  O.  Hötzsch,  Die  wirtschaftliche  und  soziale  Gliedernng 
vornehmlich  der  ländlichen  Bevölkerung  im  Meifsnisch-Erzgebirgischen  Kreise  Karsachsens 
(Leipzig  1900);  Haan,  Bauer  and  Gutsherr  in  Kursachsen,  S.   120  f. 

2)  Diese  Behauptung  stützt  sich  auf  die  Durchsicht  von  Karten  des  Dresdener  Haupt- 
staatsarchivs. 

3)  z.  B.  bei  Altenberg  und  in  der  Nähe  des  Fichtelberges. 


—     287     — 

tung"  in  Gegenden,  wo  Höfe  und  Weiler  für  sich  oder  untermischt  mit 
Dörfern  zu  Gemeinden  zusammengeschlossen  sind? 

Ich  wähle  als  Beispiel  dafür  das  Herzogtum  Berg  am  Niederrhein, 
für  das  wir  unsere  Frage  mit  Hilfe  gedruckten  Materials  bis  ins 
XVI.  Jahrhundert  zurück  untersuchen  können. 

Haufen-  und  Strafsendörfer,  Höfegruppen,  auch  Einzelhöfe  liegen 
über  das  Land  in  reichem  Wechsel  gestreut.  Nahe  am  Rhein  in  einem 
Streifen  nördlich  und  südlich  von  Deutz,  ist  die  enger  geschlossene  Ort- 
schaft die  Charakterform  des  Wohnplatzes;  im  bergigen  Gelände  des 
Ostens  und  gegen  Westfalen  hin  ist  die  Siedelungsweise  stark  aufgelöst. 

Die  endgültige  völlige  Aufteilung  des  Staatsgebiets  in  die  aus 
zahlreichen  solchen  Siedelungen  zusammengesetzten  politischen  Orts- 
gemeinden, wie  sie  die  moderne  Gemeindegrenzkarte  zeigt,  ist  auch 
hier  erst  eine  Folge  der  Gemeindegesetzgebung  des  XIX.  Jahrhunderts. 
In  der  Gemeindeordnung  von  1845  0  wird  bestimmt,  dafe  alle  die- 
jenigen Orte  (Städte,  Dörfer,  Weiler,  Bauerschaften,  Honnschaften, 
Kirchspiele  u.  s.  w.),  welche  für  ihre  Kommunalbedürfnisse  einen 
eigenen  Haushalt  haben,  fortan  eine  Gemeinde  bilden  sollen,  und  es 
wird  weiter  festgesetzt,  dais  zum  Gemeindebezirke  alle  innerhalb  seiner 
Grenzen  gelegenen  Grundstücke  und  alle  Einwohner  gehören  und  die 
einzeln  gelegenen  Besitzungen  mit  einer  angrenzenden  Gemeinde  zu 
vereinigen  sind.  Eine  völlige  Neugestaltung*  hat  aber  diese  rechtliche 
Bestimmung  nicht  bewirkt.  Schon  zuvor  finden  wir  *)  die  kleineren 
Wohnorte,  Landhäuser,  Rittersitze,  Weiler,  Höfe  in  der  Bedeutung  von 
einzelnen  oder  auch  kleinen  Gruppen  bäuerlicher  Anwesen,  Bauern- 
güter und  wie  sie  sonst  heifsen,  als  Zubehör  von  Dörfern,  Kirch- 
spielen, Gemeinden  oder  wie  die  altüberlieferte  Bezeichnung  lautete. 
Die  Buntheit  der  Namen  ward  verwaltungsrechtlich  beseitigt,  wenn  sie 
auch  im  Volksmund  vielfach  noch  fortlebt;  gewifs  ward  auch  manche 
Eingemeindung  ausgeführt;  die  Abgrenzung  der  politischen  Ortsge- 
meinden mit  dem  neuen  Gemeinderechte  aber  war  im  wesentlichen 
schon  vorgebildet. 

Indes  noch  bevor  der  Grundsatz  völliger  Aufteilung  des  Landes 
nach  Gemeindebezirken  gesetzlich  ausgesprochen  war,  ist  eine  andere 
Bezirksgliederung  durchgeführt  worden.  Nachdem  im  Rheinland  schon 
unter  dem  französischen  Regiment  eine  Katasteraufnahme  zur  Regu- 
lierung  der  Grundsteuer  begonnen  worden   war,   hat   die   preufsische 

i)  }.  Weiske,  Sammlung  d.  Gem.  gts.  S.  39  f. 

2)  F.  T.  Restorf f,  Topographisch-Statistische  Beschreiboog  der  Königl.  Preofs.  Rhein- 
prorinzen  (Berlin  und  Stettin  1830}. 


—     288     — 

Verwaltung"  seit  1820  *)  dies  Werk  fortgesetzt  und  den  Grundbesitz  in 
Flurbüchern  und  auf  Flurkarten  verzeichnet,  und  zwar  nicht  in  willkür- 
licher Zusammenfassung  der  einzelnen  Siedelungen,  sondern  Ortschaft  für 
Ortschaft  im  Anschlufs  an  die  bestehenden  Gemeindeverbände  unter  Ein- 
beziehung bisher  steuerfreien  Besitzes;  1839,  kurz  vor  Erlais  der  Ge- 
meindeordnung, ist  dann  das  erste  Grundsteuergesetz  ergangen.  Es 
wäre  nicht  gleichgültig,  zu  wissen,  wie  sich  die  Grundsteuerbezirke  zu 
den  Bezirken  der  politischen  Ortsgemeinden  verhalten.  In  den  bis- 
herigen Erläuterungen  zur  historischen  Kartographie  der  Rheinlande 
hat  die  Frage  keine  Beachtung  geftinden.  Nur  so  viel  ist  zu  ersehen, 
dafs  für  die  rheinischen  Grundkarten  besonders  die  Gemeindeübersichts- 
karten der  Katasterämter  als  Unterlage  gedient  haben ') ;  auch  sie  be- 
ruhen also  auf  einer  Darstellung  der  Steuerfluren.  Die  Verschiedenheiten 
der  beiderlei  Bezirke  im  Rheinlande  vermag  ich  bei  dem  mir  zur  Ver- 
fügung stehenden  Material  nicht  völlig  festzustellen.  Abweichungen,  die 
durch  Exemtion  von  den  politischen  Gemeinden  bedingt  sind,  wie  bei 
den  Gutsbezirken  Sachsens,  kommen  hier  nicht  in  Betracht.  Hing'eg'en 
finden  sich  Unterschiede  anderer  Art.  Es  bestehen  nämlich  bisweilen 
politische  Gemeinden  aus  mehreren  Ortsfluren  der  Katastralaufnahme ; 
und  es  entsprechen  also  diese  —  ähnlich  wie  in  Österreich  —  den  „  Nach- 
barschaftsgemeinden ''  der  alten  Zeit  besser,  als  die  Verbände  im  Sinne 
der  Landgemeindeordnung  ^). 

Wie  verhalten  sich  nun  aber  die  Ortsgemarkungen  aus  der  Zeit 
vor  den  Revolutionskriegen  zu  den  politischen  Gemeindebezirken  der 
neuesten  Zeit?  Zwischen  den  Mafsnahmen  von  1845  und  dem  aus- 
gehenden XVIII.  Jahrhundert  liegt  das  Eingreifen  der  französischen 
Verwaltung  von  1806  *).  Von  ihr  wurden  als  unterste  staatliche  Ver- 
waltungsbezirke die  Mairien,  im  Oberbergischen  in  Anlehnung  an  die 
Kirchspiele,  geschaflen,  die  dann  später,  in  dieser  Gegend  fast  ohne 
Grenzänderung,  von  der  preufeischen  Verwaltung  als  Bürgermeistereien 
beibehalten  worden  sind  *).     Das  Verfahren   war  ungleichmäfsig-,     Zu- 


i)  Bcrgius,  Ergänzungen  zur  Gesetz-Sammlung  der  Kgl    Preufs    Staaten,  S.  63. 

2)  Erläuterungen  zum  Geschichtlichen  Atlas  der  Rheinprovinz  I,  6;  11,  Einleitung  25  f. 

3)  Z.  B.  enthält  die  Gemeinde  „  Siebenhonnschaften "  bei  Werden  a.  d.  R.  die  fönf 
alten  Bauerschaften  (oder  Honnschaflten)  Holsterhausen,  Heidhansen,  Klein-Umstand,  Hamm 
und  Fischlaken,  die  je  besondere  Ortsfluren  bilden;  zwei  der  einst  mit  jenen  ver- 
bundenen, Rodberg  und  Hinsbeck,  sind  inzwischen  zur  Gemeinde  Kupferdreh  geschlagen, 
aber  als  besondere  Steuerfluren  ebenfalls  erhalten.  Vgl.  die  Gemeinden  Eckenhagen,  Ei- 
torf,  Geistingen,  Stieldorf  u.  a. ;  auch  die  Stadtgemeinde  Düsseldorf. 

4)  Erlänteningen  zum  Gesch.  Atlas  I  (C.  Sc  halt  eil)  S.  87. 

5)  a.  a.  O.  S.  117,  i6Sf. 


—     289     — 

meist  aber  wurden  mehrere  Hoimschaften,  Bauerschaften  oder  Dörfer 
zu  einer  Mairie  zusammengfel^t  ^).  Für  den  Bestand  und  Umfangf 
spaterer  Gemeinden  ist  dies  Vorgehen  nicht  folgenlos  geblieben ;  eine 
Zerreilsung  der  alten  Verbände,  wie  z.  B.  stellenweise  im  Kievischen, 
ist  hier  nicht  festgestellt  worden. 

Versuchen  wir  nun  weiter  in  die  Zeiten  vor  dem  Eingreifen  der 
französischen  Verwaltung  zurückzudringen.  Piier  bietet  sich  uns  aus- 
reichender Stoff  zur  Beurteilung  der  aufgeworfenen  Frage  in  der  von 
W.  Fabricius  bearbeiteten  Karte  der  Rheinlande  von  1789  nebst 
Erläuterungen  *),  sowie  in  der  Gerichtserkundigung  für  das  Herzogtum 
Beig  von  1555  ^).  Wir  finden  in  diesen  Jahrhunderten  die  einzelnen 
Wohnorte  des  Landes  schon  zu  Ortsverbänden  zusammengeschlossen; 
sie  begegnen  vor  allem  unter  dem  Namen  der  Honnschaften^).  Was 
ist  nun  deren  Siedelungscharakter?  In  manchen  Fällen  sind  sie  Dörfer 
im  geographischen  Sinne  *) ;  zumeist  ist  die  Vereinigung  einer  Mehrheit 
gesonderter  Wohnplätze  mit  eigenem  Zubehör  an  Grund  und  Boden 
und  wirtschaftlicher  Selbständigkeit  ihr  Merkmal;  sie  sind  in  dem  oben 
bezeichneten  Sinne  Hof-  und  Weiler  oder  Dorf-  und  Höfegemeinden. 
Was  aber  den  rechtlichen  Charakter  und  ihre  Bedeutung  für  die  Ver- 
waltung betrifft,  so  dürfen  wir  für  jene  Zeit  die  meisten  als  Nachbar- 
schaften, die  ihre  inneren  Angelegenheiten  besorgen,  oder  als  Teile  von 
Landgemeinden  ansehen;  doch  treten  sie  uns  vor  allem  als  kleinste 
raumliche  Abteilungen  innerhalb  der  Landgerichte  entgegen ;  auch  be- 
diente sich  ihrer  die  landesiürsüiche  Steuerverwaltung  schon  seit  dem 


i)  Es  gibt  eine  Vorstellnng,  wie  man  in  der  von  uns  oben  bezeichneten  Gegend 
vorging,  wenn  erwähnt  wird  (bei  Schalteis  a.  O.  S.  87),  dafs  die  13 13  Gemeinden  alter 
Art  ijD  Grofsherzogtum  Berg  za  286  Mairien  zosammengefafst  wurden. 

2)  Geschichtlicher  A.tlas  der  Rheinprovinz  II  (Bonn  1898). 

3)  Heraosg.  von  W.  Harlefs,  Z.  d.  Bergischen  Gesch.  Ver.  XX,  117  fif.  VgL  dazu: 
Rentbnch  der  Kellnerei  Angermund  1634,  heraosg.  vou  H.  F  erb  er  in  den  Beiträgen  zur 
Geschichte  des  Niederrheins,  herausg.  vom  Dtlsseldorfer  Geschichtsverein  V,  112 ff.;  d. 
Steuerbuch  des  Hauptgerichts  Kreutzberg  1734,  a.  O.  VII,   120  ff. 

4)  VgL  Herm.  Schütze,  Bezirk  und  Organisation  der  niederrheinischen  Orts- 
gemeinde mit  besonderer  Rücksicht  auf  das  alte  Herzogtum  Berg  (Marburg  1900,  in  den 
Beitragen  zur  Geschichte  des  Niederrheins,  XV  182  ff ). 

5)  Schütze  betont  S.  5  (und  sonst),  dafs  die  H.  in  den  weitaus  meisten  Fällen  mit 
der  Dorfschaft  räumlich  zusammenfiel.  Die  Behauptung  läfst  sich  insofern  rechtfertigen, 
als  Dorf  und  Dorfschafl  nach  dem  geschichtlichen  wie  volkstümlichen  Sprachgebrauch 
die  zusammengesetzte  Ortschaft  bedeuten  kann.  Aber  das  Charakteristische  kommt  so 
nicht  zu  deutlichem  Ausdruck.  Entscheidend  sind  die  Angaben  „Dorf  und  Honnschaft'% 
die  Zusammensetzung  aus  zwei  „Dörfern",  aber  auch  die  Fälle,  wo  eine  „Dorfschaft"  in 
mehrere  Honnschaften  zerfallt. 

21 


—     290     — 

späteren  Mittelalter  ^).    Jedenfalls  vermag  der  Honnschaftsbezirk  einem 
Orte  (und  seiner  Flur)  benachbarte  Einzelsiedelungen  mit  einzuschlie&en. 

Aaiser  den  Honnschaften  begegnen  unter  den  Gemeindeverbänden 
der  älteren  Zeit  noch  die  Baueischaften  und  die  Kirchspiele.  Die 
Bauer  schaften  entsprechen  den  Honnschaften ;  mehrfach  wechselt  die 
eine  Bezeichnung  mit  der  anderen.  Kirchspiel  aber  begegnet  in  zwei- 
fachem Sinne.  Einmal  fa&t  es  eine  Mehrzahl  von  Honnschaften  zusammen ; 
es  entspricht  also  späteren  Samtgemeinden  und  deckt  sich  mit  der 
Pfarrei.  Aber  vielfach  bezeichnet  es  auch  die  einfache  Gemeinde» 
gleich  der  Honnschaft  oder  Bauerschaft;  freilich  auch  in  diesem  Falle 
besteht  es  oft  aus  einer  grö&eren  Zahl  einzelner  Wohnplätze.  Das 
Kirchspiel  erweist  sich  so  als  wirksam  für  den  Zusammenschluis  zer- 
streuter Einzelsiedelnngen  zu  Gemeindeverbänden;  es  ist  auch  für  die 
Geschichte  der  Gemeindebildung  weltlicher  Art  von  Wichtigkeit. 

Was  läfst  sich  nun  über  die  Bezirke  dieser  ländlichen  Gemeinden 
feststellenf  Von  1555 — 1789  haben  sie  sich,  soweit  sich  die  Angaben 
genau  vergleichen  lassen,  nach  Zahl  und  Namen  nicht  erheblich  ge- 
ändert. Ein  Vergleich  mit  den  Bezirken,  wie  sie  die  Grundkarte  auf- 
weist, zeigt,  daiis  sie  zu  einem  groüsen  Teile  in  diesen  sich  wieder- 
finden *) ;  oft  sind  mehrere  Honnschaften  in  einen  Bezirk  zusammen- 
geschlosseu,  so  namentlich  auch^  wenn  sie  schon  früher  in  einem 
Kirchspiel  miteinander  verbunden  waren  ');  selten  sind  sie  in  zwei  geteUt ; 
es  fehlt  auch  gel^entlich  nicht  an  einer  anderen  Arl  des  Zusammen- 
schlusses, als  sie  früher  bestand.  War  aber  schon  damals  überhaupt 
das  ganze  Land  in  Landgemeindebezirke  au%eteUt?  Besonders  zweierlei 
Ausnahmefälle  sind  wichtig :  die  maikgenossenschaftlichen  Waldung^en  *) 
und  die  Edelleuthäuser  ^)  mit  ihrem  Zubehör  an  Grund  und  Boden; 
sie  sind  nicht  TeUe  des  Gebiets,  in  dem  die  Gemeindeverwaltung  für 
eigene  oder  staatliche  Zwecke  geübt  wird;  auch  die  Mühlen  können 
eine  Sonderstellung  einnehmen.  Das  BUd  der  Gemeindegrenzverhäitnisse 
weicht  also  von  dem  der  neuesten  Zeit  nicht  unerheblich  ab.  Verlaufen 
aber  darum  die  Grenzen  selbst,  die  wir  heute  finden,  anders?  In  einzelnen 
Fällen  allerdings.  Grölsere  Marken  sind  unter  benachbarte  Gemeinden  auf- 
geteilt worden  (so  die  Gelstinger  Mark  bei  Siegburg).    Aber  die  Mehr- 

i)  Ob  sich  die  Bezirke  für  beiderlei  Verwaltnog  röUig  decken,  ist  mit  Rttöksicht  auf 
die  EinbesiehtiDg  aller  Einzelwohnplätze  nicht  nntersncht  worden. 

2)  So  bes.  im  Amt  Angermond  (Honnschaften),  im  Amt  Miselche  (Kirchspiele). 

3)  So  im  Amt  Bomefeld. 

4)  Vgl.  Lacomblet,  ArchiT  fitr  die  Geschichte  des  Niederrheins  III,  283  ff. 

5)  s.  Rentbach  f.  Amt  Angermuid  1634;  a  a.  O.;  vgl.  aach  v.  Below,  Territoriank 
nnd  Stadt,  S.  98  ff.,  S.  116  ff. 


—     291     — 

zahl  der  Maiken  lag'  innerhalb  der  Honnschaflsgrenzen ;  und  erst 
recht  gilt  dies  von  den  Edelsitzen:  noch  1634  werden  sie  im  Amt  Anger- 
mund unmittelbar  unter  den  Gerichten  aufgeführt,  1734  aber  unter  den 
Honnschaften.  Auch  Fabricius  stellt  sie  für  1789  zu  bestimmten  Ort- 
schaften. Die  heutige  Gemarkungsgrenzkarte  darf  uns  also  nicht  zu  einer 
irrigen  Vorstellung  der  Gemeindegrenzverhältnisse  des  XVI.  bis  XVIII. 
Jahrhunderts  verfuhren :  deutlich  müssen  wir  uns  alle  die  mannigfaltigen 
Siedelungen  vergegenwärtigen  und  die  nicht  zu  den  damaligen  Gemeinde- 
verbänden gehörigen  auszuscheiden  suchen.  Aber  die  Umgrenzung, 
zumal  soweit  sie  Gerichtsgrenze  ist  *),  ist  durch  die  Eingemeindung  oft 
gar  nicht  gestört  worden,  hat  selbst  dann  ihre  historische  Bedeutung 
und  durfte  mit  Recht  bei  der  Bearbeitung  des  Rheinischen  Geschichts- 
atlas Verwertung  finden. 

Die  oben  berührte  Bedeutung  des  Kirchspiels  ist  nun  keineswegs 
eine  Eigentümlichkeit  der  niederrheinischen  Lande.  Es  ist  schon  er- 
wähnt worden,  dafs  die  kaiserliche  Hofkanzlei  in  Wien  in  den  Hof- 
siedelungsgegenden  der  Alpenländer  die  Konskription  nach  Kirchspielen 
anordnete.  Ähnliches  wie  für  den  Niederrhein  gilt  für  gro&e  Teile 
Westfalens.  Auch  hier  ist  die  volle  Eingemeindung  erst  spät,  1841  ^), 
angeordnet  worden;  Dörfer,  Bauerschaften  und  Kirchspiele  werden 
dabei  als  Orte  genannt,  die  künftig  eine  Gemeinde  mit  den  Rechten 
einer  öffentlichen  Korporation  bilden  sollten ;  für  landtagsfähige  Ritter- 
güter aber  bestand  kein  Zwang  der  Eingemeindung,  imd  auch  in  der 
Landgemeindeordnung  von  1856  wurde  diese  nicht  ausnahmslos  ver- 
fugt. Es  ist  mir  nun  wenigstens  möglich  gewesen,  für  den  Regierungs- 
bezirk Münster'),  soweit  Grundkarten  erschienen  sind,  die  politischen 
Gemeinden  mit  den  älteren  Bauerschaften  aus  der  Zeit  nach  dem 
Anfall  an  Preufsen  und  für  den  Kreis  Lüdinghausen  auch  bis  ins 
XVn.  Jahrhundert  zurück  zu  vergleichen  *);  dabei  hat  sich  heraus- 
gestellt, dais  sie  je  ein  Kirchdorf  mit  zugehörigen  Bauerschaften 
sowie  den  adligen  Häusern  einschliefsen.  Die  neuen  politischen  Ge- 
meindebezirke beruhen  also  hier,  wenn  vielleicht  auch  unter  einzelnen 
Grenzänderungen,  auf  den  alten  Kirchspielbezirken.  Auch  hier  stellt 
also  die  Gemeindegrenzkarte  der  Gegenwart  nicht  die  Gemeindegrenz- 

i)  Aach  för  Holland  haben  sich  die  GerichUgreozen  als  bes.  dauerhaft  gezeigt 

2)  J.  Weiske,  Sammlung  der  Gemeindegesetze,  S.  11. 

3)  Nach  einer  anf  ofiiziellen  Qnellen  bemhenden  Privatarbeit  des  Königl.  Prenfs. 
Kriegsrats  and  Regienmgssekretärs  C.  O.  Sigismnnd,  Versuch  einer  topographisch- 
statistischen  Darstellimg  des  Bezirks  Münster  (Hamm  18 19). 

4)  s.  bes.  Schwieters,  Nachrichten  über  den  östL  Teil  des  Kr.  Lüdinghausen; 
desgL  über  den  westl.   die  Bauernhöfe  des  ösü.  Teils  (Münster  1886  fL). 

21* 


—     292     — 

Verhältnisse  der  alten  Zeit  dar ;  diese  sind  sogar  ganz  erheblich  andere ; 
und  dennoch  haben  die  Grenzlinien  ihre  historische  Bedeutung,  sogar 
bis  in  hohes  Alter  hinauf. 

In  Oldenburg,  dies  sei  beiläufig  erwähnt  '),  geht  die  gegenwärtige 
Einteilung  des  platten  Landes  ebenfalls  auf  die  alten  Kirchspiele  zurück, 
die  je  eine  Anzahl  von  Bauerschaften  vereinigten.  1831  sind  dort  die 
politischen  Gemeinden  geschaffen  worden,  indem  man  die  Kirchspiels- 
grenzen in  der  Hauptsache  beibehielt;  vorbereitet  war  diese  Neu- 
ordnung dadurch,  dafs  schon  1786  im  Herzogtum  die  Verwaltung  des 
Armenwesens  innerhalb  der  Kirchspielsbezirke  organisiert  worden  war. 
Auch  in  der  holsteinischen  Landschaft  Ditmarschen  *)  sind  als  Ge- 
meinden im  Sinne  der  Landgemeindeordnung  fiir  Schleswig-Holstein 
die  alten,  in  ihrer  Begrenzung  belassenen  Kirchspiele  anerkannt,  die, 
aus  mehreren  Bauer-  und  Dorfschaften  gebildet,  schon  seit  dem 
XVL  Jahrhundert  Gemeindeverwaltungsbezirke  waren. 


Die  Geschichte  der  ländHchen  Gemeindebildung  im  Hinblick  auf 
die  einzelnen  menschlichen  Siedelungen,  deren  Zusammenschlufs  zu 
Gemeindeverbänden  und  die  dabei  wirksamen  natürlichen  und  wirt- 
schaftlichen ,  politischen  und  sozialen  Ursachen  aufzuhellen  und  dabei 
das  gegenseitige  Verhältnis  von  Ortsflur,  politischem  Gemeindebezirk 
und  Kirchspiel  nachzuprüfen  ist,  wie  in  dem  Aufsätze  daigetan  wurde, 
eine  wichtige  und  noch  ihrer  Lösung  harrende  Aufgabe  historischer 
Untersuchung.  Insbesondere  aber  gilt  es,  zunächst  einmal  die 
Tätigkeit  der  Staatsgewalt  des  XVIII.  und  XIX.  Jahrhun- 
derts zur  Entstehung  der  Gemeindebezirke  der  Gegenwart 
und  so  deren  Verhältnis  zu  denen  der  Nachbarschaftsge- 
meinden älterer  Zeit  klarzulegen.  Möge  es  an  Beiträgen 
landes-  und  heimatsgeschichtlicher  Forscher  zur  Förde- 
rung dieses  Problems  nicht  fehlen! 

Soweit  die  bisherigen  Ermittelungen  ein  UrteU  erlauben,  läfet  sich 
etwa  das  Folgende  sagen.  Die  Gemeindegrenzverhältnisse  jener  Zeiten, 
bevor  die  neuere  Staatsgewalt  die  volle  Aufteilung  des  staatlichen 
Bodens  nach  Gemeindebezirken  bewirkte,  weichen,  soweit  es  sich  um 
Bezirke  fiir  die  Ausübung  von  Gemeindeverwaltungstätigkeit  handelt, 
von  denen  der  Gegenwart  nicht  unerheblich  ab.  Wir  würden  irren, 
wollten  wir  jene  uns  nach  einer  modernen  Gemarkungskarte   mit  dem 

i)  S.  darüber  P.K  oll  mann.  Statistische  Beschreibung  der  Gemeinden  des  Herzogtums 
Oldenburg  (Oldenburg  1897),  S.  6  und  12  ff.. 

2)  P.  Schom,  Das  Recht  der  Kommunalrerbände  in  Preufsen,  S.  359  (Leipzig' 1897). 


—     293     — 

Vorbehalt  einiger  unerheblicher  Grenzschiebungen  vorstellen;  viel 
mannigfaltiger  sind  sie  gewesen,  bisweilen  so  sehr,  dafs  dies  bunte 
Liniengewirr  auf  einer  Karte  in  i  :  looooo  gar  nicht  recht  darstellbar 
ist.  Darum  sind  aber  die  Grenzlinien  selbst,  wie  sie  die  modernen 
Karten  zeigen,  noch  nicht  historisch  bedeutungslos.  Diese  umrahmen 
geschlossene  Bezirke ;  sie  schliefsen  manche  Siedelung  ein,  die  vordem 
der  Gemeindeselbstverwaltung  oder  der  staatlichen  Verwaltung  mit 
Hilfe  der  ländlichen  Gemeinden  noch  nicht  unterstand.  Aber  Grenz- 
linien liefen  doch  dort,  freilich  nicht  in  allen  Ausbiegungen,  auch  früher 
schon  annähernd  so,  wie  heute ;  zumal,  wo  sie  mit  Gerichtsgrenzen  zu- 
sammenfielen, scheinen  sie  gut  erhalten  geblieben  zu  sein.  Insbesondere 
erweisen  sich  in  diesem  Sinne  die  Grenzen  der  Flurbezirke,  wie  sie  die 
Katasterkarten  des  XIX.  Jahrhunderts  darstellen,  in  Gegenden  der  Hof- 
siedelung  aber  die  Kirchspielgrenzen  als  historisch  bedeutsam.  Die  Unter- 
scheidung verschiedenartiger  Bezirke  führt  so  zu  der  Auffassung  einer 
relativ  gröfseren  Dauerhaftigkeit  der  richtig  ausgewählten,  gerade  wie 
die  Untersuchung  der  Gemarkungsgrenzen  für  je  eine  Landschaft  eine 
Minderung  der  Grenzänderungsmöglichkeiten  im  Vergleich  mit  den 
allgemein  für  Deutschland  in  Betracht  kommenden  ergibt. 

Es  ist  eingangs  darauf  hingewiesen  worden,  dafs  die  Fragen  nach  der 
Geschichte  der  Gemeindegebiete  und  ihrer  Grenzen  für  die  Lösung  grofser 
Aufgaben  der  historischen  Kartographie  Deutschlands  von  grundlegender 
Bedeutung  sind.  Gerade  in  ^inem  scharfen  Meinungsstreit  über  diese  ist  die 
„Gemarkungsgrenzfrage''  aufgerollt  worden. 

Wie  bekannt,  hat  bei  der  Ausbreitung  des  Unternehmens  auf  Herstellung 
von  Grundkarten  im  deutschen  Reichsgebiet  die  Vorstellung  mitgewirkt,  dafs 
eine  relativ  geringe  Veränderlichkeit  der  Gemarkungsgrenzen  seit  den  spät- 
mittelalterlichen  Jahrhunderten,  d.  h.  seit  Vollendung  des  Landesausbaus,  an- 
genommen werden  dürfte.  Kräftigen  Widerspruch  aber  fand  diese  AufTassimg, 
als  im  März  1900  G.  Seeliger  seine  „ Kritischen  Betrachtungen "  über  die 
historischen  Grundkarten  *)  veröflfentlichte  und  nachzuweisen  suchte,  dafs  Vor- 
gänge der  verschiedensten  Art,  Wandelungen  in  dem  örtlichen  Verhältnis 
bäuerlichen,  herrschaftlichen  und  domanialen  Grundeigentums,  die  Gemeinheits- 
teilungen und  Zusammenlegungen,  Servitutablösungen,  Mafsnahmen  der  Landes- 
melioration und  Kolonisation,  die  Forstpolitik  und  endlich  die  Eingemeindungen 
des  XK.  Jahrhunderts  fortgesetzt  und  nachhaltig  die  Ortsfluren  bis  in  die 
neuesten  Zeiten  hinein  verändert  haben;  mit  aller  Entschiedenheit  glaubte 
SeeUger  dagegen  Einspruch  erheben  zu  sollen,  dafs  die  historische  Karto- 
grap^e  durch  moderne  Vorstellungen  in  irrige  Bahnen  gelenkt  würde.  Es 
hat  natürlich  an  Widerspruch  gegen   seine  Ausfuhrungen   nicht  gefehlt:   von 

i)  Die  hi»L  Grnndkartcn,  Beilage  zur  Münchener  Allg.  Zeitung  1900,  Nr.  52—53; 
dam  Nr.  123.  —  Zustimmung  fand  S.  besonders  bei  den  österreichischen  Forschern, 
£.  Richter  and  Giannoni;  s.  oben  S.  281  Anm.   i. 


—     294      — 

Thudichum'),  der  Schöpfer  der  Gnmdkartenplans,  und  besonders  entschieden 
Wolfram  auf  der  Tagung  des  Gesamtvereins  der  deutschen  Geschichts-  und 
Altertumsvereine  zu  Freiburg  (1901)')  haben  sich  gegen  ihn  gewandt;  und 
auch  Fabricius,  der  Bearbeiter  der  Karte  von  1789  des  Geschichtlichen  At- 
las der  Rheinprovinz,  bei  deren  Ausführung  Grundkarten  verwendet  worden 
sind,  hat  zwar  das  Vorkommen  von  Grenzveränderungen  bestätigt,  aber  doch 
den  Gemarkungsgrenzen  der  Gegenwart  eine  bedingte  Verwendbarkeit  für 
die  historische  Kartographie  zugeschrieben  ').  Meines  Erachtens  haben  nun 
diese  Gelehrten  mit  vollem  Recht  ausgeführt,  dafs  Seeliger  den  praktischen 
Wert  der  Grundkarten  unterschätzt  hat.  Aber  in  der  Gemarkungsgrenzfrage 
steht  doch  die  Sache  so,  dafs  die  Annahme  grofser  Beständigkeit  der  Ge- 
markungsgrenzen ohne  besonderen  Beweis  für  die  einzelnen  deutschen 
Landschaften  nicht  mehr  als  zulässig  anzusehen  ist.  Hierin  haben  Seeligers 
Darlegungen  allerdings  klärend  gewirkt;  wer  künftighin  die  Grundkarten  ein- 
wandfrei benutzen  will,  wird  sich  mit  dem  aufgeworfenen  Problem  gründ- 
licher beschäftigen  müssen,  als  dies  früher  notwendig' zu  sein  schien,  und 
dieses  Seeliger  gebührende  Verdienst  soll  und  darf  voll  anerkannt  werden,  gerade 
auch  wenn  man  den  Schlufs  auf  Unbrauchbarkeit  der  Grundkarten  nicht  zieht. 

Was  folgt  nun  aus  den  obigen  Ausführungen  für  die  Beurteflung  der 
Grundkarten?  Richtet  man  scharf  sein  Augenmerk  auf  das  Verhältnis  von 
Siedelung  und  Gemeinde,  strebt  man  danach,  sich  Ortsflur,  politischen  Ge- 
meindebezirk und  Kirchspiel  in  ihren  gegenseitigen  Beziehungen  klar  zu 
machen,  so  wird  man  davor  bewahrt  sein,  allzu  rasch  anzunehmen,  dafs  Ge- 
meindebezirke verschiedenen  Charakters  und  verschiedener  Zeiten  sich  decken ; 
man  wird  dazu  angeleitet,  die  wirkliche  historische  Bedeutung  der  Grenzen, 
die  die  Grundkarte  bietet,  zu  untersuchen,  zu  tiberlegen,  wo  Grenzverände- 
ningen  möglich  oder  wahrscheinlich  sind.  Man  gewinnt  mit  der  in  diesem 
Aufsatz  behandelten  begrifflichen  Scheidtmg  eine  Handhabe  zu  kritischer  Be- 
nutzung der  Grundkarten.  Eine  Minderung  der  Wertschätzung  von  Grund- 
karten an  sich,  der  praktischen  Dienste,  die  sie  leisten  können,  darf  aber 
daraus  nicht  gefolgert  werden.  Das  Grundkartenuntemehmen  hat  den  Anstofs 
zur  Untersuchung  all  dieser  Fragen  nach  dem  räumlichen  Untergrund  der 
ländlichen  Gemeindeeinrichtungen,  den  Gemeindebezirken  und  ihren  Grenzen, 
gegeben;  die  Grundkarten  sind  ein  vorzügliches  und  unentbehrliches  Hilfs- 
mittel für  alle  Untersuchungen  dieser  Art.  Die  Zeichnung  eines  Netzes  der 
älteren  Gemeindegrenzen  vor  den  kartographischen  Landesaufnahmen  des 
XDC.  Jahrhunderts  ist  nach  dem  Quellenbefund  eine  Unmöglichkeit;  der 
Historiker  sieht  sich,  wie  nun  einmal  die  Entwickelung  der  deutschen  Karto- 
graphie verlaufen  ist,  zur  Benutzung  neuester  Gemarkungsgrenzkarten  gezwungen. 
Die  Klärung  der  Gemarkungsgrenzfrage  ist  demnach  wohl  unerläfsliche  Voraus- 
setzung für  die  methodische  Verwertung  der  Grundkarten ;  deren  Bauchbarkeit 
für  ausgewählte  Zwecke  aber  bleibt  bestehen. 

Auch  die  Erfahrungen  der  österreichischen  Forscher  beweisen  dagegen 
nichts  Durchschlagendes.     Naturgrenzen  sind   in   weiten  Teüen   des  Reichs- 

i)  Beilage  zar  Allg.  Zeitung  1900,  Nr.   74. 

2)  Korr.  Bl.  d.  Ges.  Ver.   1902,  Nr.  2  (Febr.). 

3)  Korr.  Bl.  der  Westdeutschen  Zeitschrift  XIX  (1900),  Nr.  77  (283(7.);  s.  auch  die 
Hemerkungen  H.  Forsts,,  a.  a.  O.  XX  (1901),  Nr.  84  (175  f.). 


—     295     — 

gebietes  nicht  von  so  markanter  Bedeutung  wie  in  den  Alpenländern;  genaue 
Grenzbeschreibungen  von  Landgerichten  und  Ämtern,  wie  sie  A.  Meli  für 
seine  Forschungen  über  Steiermark  benutzt  hat,  stehen  hier  viel  seltener  zur 
Verfügung,  in  Obersachsen  z.  B.  fehlen  sie  so  gut  wie  ganz;  vor  allem  aber 
stellt  die  Gemengelage  politischer  Bildungen  und  Gerichtsherrschaften  den 
historischen  Kartographen  im  Reiche  vor  ganz  andere  Aufgaben ,  als  den 
österreichischen  Fachgenossen.  Die  moderne  Gemarkungsgrenze  ist  für  die 
historische  Kartographie  des  Reiches  von  ungleich  gröfserer  Bedeutung,  als 
sie  dies  für  die  Alpenländer  sein  mag.  Die  Bearbeitung  der  geschichtlichen 
Karten  des  Rheinlandes  hat  sich,  wie  Fabricius  darlegt,  bei  dem  Quellen- 
befund zu  einem  Zusammensetzen  der  darzustellenden  Bezirke  aus  den  Dorf- 
und  Gutsgemarkungen  gestaltet.  Der  historische  Adas  Kursachsens  wird  so 
zu  bearbeiten  sein,  dafs  die  Bezirke  der  Ämter  unter  Benutzung  der  noch 
im  Beginne  des  XIX.  Jahrhunderts  erhaltenen  Amtsgrenzen  aus  den  zu- 
gehörigen landesherrlichen  Wäldern  und  Ortsgemarkungen  zusammengesetzt 
werden.  Ähnliches  gilt  für  die  Mark  Brandenburg  und  auch  für  andere 
deutsche  Territorien. 

Die  historische  Kartographie  Deutschlands  bedarf  möglichst  kleiner,  in 
enger  Beziehung  zu  den  Ortschaften  stehender  Bodenabschnitte ,  in  die 
das  Staatsgebiet  aufgeteilt  ist.  Diese  bieten  sich  in  den  „Ortsgemar- 
kungen" des  XGC.  Jahrhunderts,  richtig  ausgewählt  und  im  geographischen 
Sinne  verstanden.  So  sind  sie  schon  von  älteren  Gelehrten,  von  L.  Ewald 
für  Hessen  1862,  von  Boeckh  und  Kiepert  für  Elsafs-Lothringen  1870,  von 
Rau  und  Ritter  für  die  Pfalz  187 1  verwendet  worden,  so  haben  sie  sich  als 
brauchbare  Grundlage  des  „Geschichtlichen  Atlas  der  Rheinprovinz"  er- 
wiesen; so  werden  sie  auch  in  der  handlichen  und  bequemen  Darbietung 
auf  Thudichums  Grundkarten  für  mancherlei  historische  Aufgaben  nützlich 
sein.  Es  ist  ein  Stück  vom  Wesen  historischer  Kartographie,  die  Errungen- 
schaften des  jüngsten  Zeitalters  geodätischer  Messungen  und  giaphischer 
Reproduktionskunst  für  die  bildliche  Darstellung  der  Erdräume  in  geschicht- 
lichen Zeiten  fruchtbar  zu  machen;  dafür,  dafs  dies  wissenschaftlich  ein- 
wandsfrei  geschieht,  mufs  die  Durchbildung  der  Methode  sorgen. 


.^, — %. 


Aus  pommersehen  Stadtarehiven 

Von 
Georg  Winter  (Osnabrück) 

(Schlufs)  ^) 

Weit  hervorragender  und  g'egenwärtig  eine  der  betriebsamsten 
und  verkehrsreichsten  emporblühenden  Städte  des  pommersehen  Hinter- 
landes istStolp  und  der  mit  ihr  in  Verbindung  stehende  Hafen  Stolpmünde 
(jetzt  auch  Seebad).  Dafs  die  Stadt,  welche  auch  für  die  älteste  Ge- 
schichte Hinterpommems  von  grofser  Bedeutung  ist,  ein  sehr  beträcht- 

I)  VgL  oben  S.  249—261. 


—     296     — 

liebes  Archiv  besais,  war  in  Forscherkreisen  ebenso  bekannt  wie  die 
Tatsache,  dafs  dasselbe  für  die  Forschung  so  gut  wie  unbenutzbar  war. 

Von  den  Urkunden  war  ein  grofser  Teil  der  wichtigsten  infolge 
der  Aufbewahrung  in  völlig  ungenügenden  und  feuchten  Räumen  von 
Moder  so  zerfressen  und  geschädigt,  dafs  ihre  fernere  Erhaltung  nur 
mit  Anwendung  aller  Mittel  archivalischer  und  chemischer  Technik  ge- 
lungen ist;  bei  einigen  versagten  auch  diese.  Noch  schlimmer  stand 
es  mit  den  Akten  und  der  geradezu  unschätzbaren  Sammlung  von 
Ratsprotokollen  und  Stadtrechnungen,  die  hier  in  seltener  Fülle  und 
Vollständigkeit  vom  XV.  Jahrhundert  bis  zur  Neuzeit  erhalten  sind. 
Alle  diese  Schätze  lagen  in  Bretterverschlägen  auf  dem  Boden ,  ein 
grofser  Teil  der  Rechnungen  war  von  Moder  so  zerfressen,  dafs  er  bei 
der  Berührung  sofort  auseinanderfiel.  Trotzdem  stellt  auch  der  Rest, 
den  es  durch  die  Deponierung  im  Staatsarchive  zu  erhalten  gelang, 
eine  der  erfreulichsten  Bereicherungen  unseres  landesgeschichtlichen 
Quellenmaterials  dar  und  wird  als  solche  von  den  Forschem  jetzt  ge- 
schätzt und  vielfach  benutzt. 

In  ihrem  Vorrat  an  erhaltenen  Originalurkunden  zwar  steht  die 
Stadt  Stolp  hinter  ihrer  kleineren  Nachbarstadt  Schlawe  und  noch 
mehr  hinter  Treptow  a.  R.  zurück.  Die  Zahl  derselben  beträgt  nur 
89,  deren  älteste  von  1277  ist;  14  Urkunden  entstammen  dem  XIV., 
33  dem  XV.,  die  übrigen  dem  XVI.  bis  XVIII.  Jahrhundert.  Über 
diese  ist  nunmehr  im  Staatsarchive  ein  eingehendes  Repertorium  auf- 
gestellt. Weit  reicher  aber  als  in  allen  anderen  hinterpommerschen 
Städten  rechts  der  Oder  ist  Stolp  an  Handschriften  und  Akten,  so  vor 
allem  auch  an  Stadt-  und  Bürgerbüchern.  Das  älteste  erhaltene  Stadt- 
buch ist  im  XV.  Jahrhundert  angelegt  und  bis  ins  XVI.  weitergeführt ; 
erhalten  sind  16  Blätter  Pergament  in  Folio,  auf  deren  erstem  eine 
gleichzeitige  historische  Notiz  über  eine  Reise  steht,  welche  die  Her- 
zogin Sophie  im  Jahre  1476  mit  ihrem  Sohne  Bogislaw  X.  nach  Polen 
und  Preufsen  gemacht  hat  und  auf  welcher  Stolp  berührt  wurde;  das 
zweite  erhaltene  Bürgerbuch  ist  im  XVIII.  Jahrhundert  angelegt  und 
bis  ins  XIX.  fortgeführt.  Aufserdem  sind  noch  mehrere  Ackerbürger- 
Bücher,  mehrere  Verzeichnisse  sämtlicher  lebenden  Bürger  aus  dem 
XVIII.  und  XIX.  Jahrhundert,  ein  Bürgerinnenbuch,  ein  Eidbuch,  ein 
Eid-  und  Zunftbuch  der  Brauei^ilde  u.  a.  m.  erhalten.  Unter  dem 
sehr  reichhaltigen  Aktenarchive,  welches  gleich  den  Urkunden  im 
Staatsarchive  deponiert  und  eingehend  repertorisiert  ist ,  stehen 
namentlich  zwei  Gruppen  in  ihrer  Fülle  und  Vollständigkeit  in  Pom- 
mern  nahezu   unerreicht   da:   die   Sammlung   der  Ratsprotokolle   und 


—     297      — 

die  Stadtrechnungen  der  mannigfachsten  Art.  Die  Ratsprotokolle^ 
aus  denen  allein  schon  sich  eine  Geschichte  der  städtischen  Verwal- 
tung in  allen  wesentlichen  Hauptsachen  gewinnen  läfst,  beginnen  mit 
dem  Jahre  1550  und  reichen  in  mehr  als  100  zum  Teil  sehr  starken 
Bänden  in  fast  unimterbrochener  Folge  bis  ins  XIX.  Jahrhundert 
hinein ;  von  den  Rechnungen  aber,  die  mit  dem  XV.  Jahrhundert  be- 
ginnen, sind  an  Kämmereirechnungen,  Etats,  Hospital-,  Armenkasten 
und  Kirchenrechnungen,  Rechnungen  über  den  Stolpmünder  Hafen, 
Listen  über  die  ein-  und  ausgelaufenen  Schiffe  u.  s.  w. ,  mehrere 
hundert  Bände  vorhanden,  die  ein  geradezu  unschätzbares  kultur- 
geschichtliches Material  nicht  allein  für  die  Geschichte  der  Stadt^ 
sondern  auch  fiir  die  des  umliegenden  platten  Landes  und  des  auf 
demselben  begüterten  Adels  enthalten,  der  in  den  mannigfachsten 
freundlichen  und  feindlichen  Beziehungen  zur  Stadt  gestanden  hat. 
Hier  harrt  in  der  Tat  ein  überaus  reiches  und  noch  völlig  jungfräu- 
liches Material  der  Hand  des  kundigen  Forschers.  Dazu  kommen 
dann  noch  tausende  von  Aktenstücken  der  inneren  und  der  Finanz- 
verwaltung, sowie  von  Akten  aus  der  französischen  Kriegszeit. 

* 
Damit  ist  die  Zahl  der  hinterpommerschen  Städte,  welche  ihre  Be- 
deutung ihrer  Lage  in  der  Nähe  der  See  und  ihrer  mehr  oder  minder 
grofsen  TeUnahme  am  Seehandel  und  Verkehr  verdanken,  erschöpft. 
Die  übrigen  mehr  im  Binnenlande  liegenden  Städte  zeigen  einen  weit 
mehr  stationären  Charakter  und  stehen  zumeist  in  Vergangenheit  und 
Gegenwart  an  Bedeutung  hinter  den  bisher  besprochenen  zurück. 
Immerhin  haben  mehrere  von  ihnen  früher  hin  und  wieder  eine  her- 
vorragendere Rolle  gespielt  als  gegenwärtig.  Wir  dürfen  und  müssen 
uns  in  bezug  auf  sie  noch  mehr  als  bisher  auf  die  Hervorhebung  der 
Hauptpunkte  und  auf  kurze  Angaben  über  ihre  Archive  beschränken. 
Ich  beginne  diesen  kurzen  Überblick  mit  den  beiden  oberhalb 
Stettins  beinahe  genau  einander  gegenüberliegenden  Oderstädten,  welche 
zwar  stets  durch  Stettin  stark  in  den  Hintergrund  gedrängt  wurden, 
aber  doch  für  die  Geschichte  des  Oderhandels  nicht  ohne  Bedeutung 
sind,  aufserdem  aber  infolge  ihrer  die  Oderstrafse  beherrschen- 
den Lage  in  den  Grenzkriegen  zwischen  Brandenburg  und  Pommern 
und  später  noch  in  den  Kämpfen  des  Dreifsigjährigen  Krieges  strategisch 
eine  gewisse  RoUe  gespielt  haben,  Gartz  und  Greifenhagen.  Beide  ge- 
hören zu  den  ältesten  städtischen  Gründungen  und  reichen  daher  auch 
in  ihren  archivalischen  Nachrichten  ziemlich  weit  zurück.  Das  kleine 
Städtchen  Gartz  mit  seinen  heute  kauni  5000  Einwohnern  besitzt  immer- 


—     298     — 

hin  einen  Urkundenvorrat  von  20  Originalen,  deren  ältestes  dem  Jahre 
1249  entstammt,  und  die  dann  noch  durch  eine  sehr  wertvolle  Original- 
matrikel ergänzt  werden,  welche,  lange  Zeit  von  der  Forschung 
schmerzlich  vermifst,  jetzt  von  mir  in  Gartz  aufgefunden  worden  und 
gleich  den  Urkunden  im  Staatsarchive  deponiert  ist.  Ein  genaues 
Repertorium  mit  Orts-  und  Personenregister  erleichtert  dem  Forscher 
jetzt  die  Benutzung.  Zur  Deponierung  der,  übrigens  recht  gut  auf- 
bewahrten und  geordneten  Akten  hat  sich  die  Stadt  bisher  nicht  zu 
entschliefsen  vermocht. 

Sehr  erheblich  bedeutender  ist  das  Archiv  der  benachbarten,  auf 
dem  anderen  (rechten)  Oderufer  belegenen  Stadt  Greifenhagen,  welches, 
da  die  Stadt,  abweichend  von  allen  anderen  Städten,  sich  zur  Errich- 
tung eines  feuersicheren  Archivgewölbes  entschlofs,  an  Ort  und  Stelle 
belassen  werden  konnte,  nachdem  ich  in  den  im  wirrsten  Chaos  um- 
herliegenden Akten  wenigstens  einigermafsen  Ordnung  geschaffen  hatte. 
Die  Stadt  besitzt  jetzt  noch  nicht  weniger  als  85  Original-Pergament- 
urkunden; leider  fehlt  unter  denselben  gerade  die  älteste  von  1254, 
welche  noch  im  Jahre  1879  vorhanden  war.  Die  noch  vorhandenen 
sind  jetzt  leidlich  aufbewahrt,  einige  sogar  auch  mit  Regestenzetteln 
versehen.  Aufserdem  besitzt  die  Stadt  ein  sehr  interessantes  und  gut 
erhaltenes  SchöflTenbuch ,  welches  im  Jahre  15 13  angelegt  und  dann 
weitei^efuhrt  worden  ist.  Femer  fand  sich  noch  ein  1724  aufgenom- 
menes Katastrum  und,  ein  in  den  pommerschen  Städten  seltener  Fall, 
ein  im  Jahre  1753  hergestelltes  Repertorium  der  Registratur,  welches 
über  die  älteren  Aktenbestände  des  Archivs  ganz  gute  Auskunft  gibt, 
zugleich  freilich  zeigt,  wieviel  seit  der  Anlegung  des  Repertoriums 
verloren  gegangen  ist.  Immerhin  ist  auch  der  erhaltene  Bestand  noch 
reichhaltig  genug,  um  die  Geschichte  der  Stadt  in  den  Hauptpunkten 
erkennen  zu  lassen. 

Der  Vollständigkeit  halber  erwähne  ich  noch  kurz  das  noch  ein 
wenig  weiter  Oder  aufwärts,  dicht  an  der  Grenze  der  Mark  gelegene, 
schon  im  XII.  Jahrhundert  vorkommende  Städtchen  FHddichow,  das 
zeitweilig  mit  Brandenburg  streitig  war  und  vorübergehend  zur  Hälfte 
diesem  gehört  hat.  Die  1 1  hier  noch  vorhandenen  Originalurkunden, 
deren  älteste  von  1347  ist,  sind  im  Staatsarchive  deponiert,  repertori- 
siert  und  mit  Orts-  und  Personenregister  versehen. 

Von  dem  Archiv  der  ebenfalls  sehr  alten,  Stettin  gegenüber  auf 
dem  rechten  Oderufer  an  dem  nach  ihr  benannten  See  gelegenen 
Stadt  Altdamm  haben  sich  leider  nur  sehr  spärliche  Reste  erhalten, 
da  bei  einem  Brande,   der  die  Stadt  im  Jahre  1592  heimsuchte,  alle 


—     299     — 

älteren  ArchivalieD ,  namentlich  aber  sämtliche  Urkunden  verbrannt 
sind,  so  dafs  man  in  bezug  auf  die  ältere  urkundliche  Geschichte  der 
Stadt  im  wesentlichen  auf  die  Urkunden  von  Stettin,  welches  in  nahem 
geschichtlichem  Zusammenhange  mit  Altdamm  stand,  angewiesen  ist. 
über  die  seit  jenem  Brande  entstandenen  Akten  war  zwar  im  Jahre 
1832  ein  Repertorium  aufgestellt  worden,  allein  die  Akten  selbst  waren 
durch  Vernachlässigung  und  zahlreiche  Kassierungen  so  fragmentarisch 
erhalten,  dafs  nur  noch  dürftige  Reste  zu  der  unter  diesen  Umständen 
dringend  wünschenswerten  Deponierung  im  Staatsarchive  ausgewählt 
werden  konnten.  Der  wichtigste  Bestand  dürfte  unter  denselben  in 
den  Kämmereirechnungen  des  XVII.  und  XVIII.  Jahrhunderts  zu 
suchen  sein. 

Weit  vollständiger  erhalten  ist  das  Archiv  der  benachbarten,  an 
dem  Ihnaflüfschen  gelegenen  Stadt  Gollnow,  welche  ebenfalls  im 
Mittelalter  zum  Hansabunde  gehörte.  Im  allgemeinen  befand  sich 
hier  das  Archiv  in  leidlicher  Ordnung.  Die  Urkunden  waren  vor- 
trefflich in  sauber  und  praktisch  hergestellten  Pappkästen  untergebracht, 
welche  ihrerseits  wieder  in  einem  gut  verschlossenen  Kasten  lagen. 
Hier  machte  sich  überall  bemerkbar,  dafs  der  verstorbene  Staats- 
archivar V.  Medem  sich  des  Archivs  angenommen  hatte:  von  ihm 
stammen  auch  die  Aufschriften  der  Urkunden.  Ein  Grund ,  auf  De- 
ponierung zu  dringen,  lag  also  hier  nicht  vor;  mit  um  *so  größerer 
Freude  mufs  es  begrüfst  werden,  dafe  sich  die  Stadt  in  richtiger  Er- 
kenntnis der  dadurch  ermöglichten  leichteren  Zugänglichkeit  gleichwohl 
zu  dieser  Malsregel  entschlofs.  Urkunden  und  Akten  befinden  sich 
jetzt  im  Staatsarchive.  Über  die  ersteren,  36  an  Zahl,  deren  älteste, 
die  Gründungsurkunde  der  Stadt,  von  1268  stammt,  ist  ein  eingehendes 
Repertorium  nebst  Register  aufgestellt,  welches  aufser  der  Gründungs- 
urkunde IG  Urkunden  aus  dem  XIV.,  6  aus  dem  XV.,  9  aus  dem 
XVI.,  8  aus  dem  XVII.  und  2  aus  dem  XVIII.  Jahrhundert  aufweist. 
Unter  den  Akten  verdient  ein  Band  Privilegienbestätigungen  Hervor- 
hebung, femer  ein  die  St.  Katharinenkirche  betreffender  Pappband 
mit  Urkundenabschriften  von  1334  an,  ein  Kopialbuch  von  1649,  ver- 
schiedene Stadt-  und  Bürgerbücher  u.  s.  w.  Daneben  fanden  sich  die 
überall  vorhandenen  Verwaltungs-,  Finanz-,  Schul-  und  Kirchen-,  Jagd- 
und  Fischereiakten  in  ziemlich  grofser  Menge,  die  ältesten  bis  ins 
XVI.  Jahrhundert  zurückreichend. 

Ein  sehr  umfangreicher  Aktenbestand,  der  jetzt  im  Staatsarchive 
deponiert  ist,  hat  sich  in  Beigard  erhalten,  während  Originalurkunden 
dort   gar   nicht   vorhanden,    wohl    aber   eine   Reihe    von   Urkunden- 


—     300     — 

abschriften  in  den  älteren  Akten  enthalten  sind.  Über  die  ältere 
Registratur  bis  1809  existiert  noch  das  alte,  am  Anfange  des  XIX.  Jahr- 
hunderts angelegte,  recht  gute  Repertorium,  nach  welchem  dieselbe 
im  Staatsarchive  rekonstruiert  werden  konnte,  wobei  sich  natürlich  eine 
grofse  Zahl  der  im  Repertorium  enthaltenen  Bestände  als  fehlend 
herausstellte.  Immerhin  ist  auch  das  Erhaltene  noch  umfangreich  und 
wichtig  genug.  Die  Bestände  füllen  mehrere  Repositorien  im  Depo- 
sitensaale des  neuen  Archivgebäudes.  Unter  den  Generalia  und 
Miscellanea  befinden  sich  mehrere  Bände  mit  Abschriften  von  Pri- 
vilegien und  Statuten  der  Stadt;  die  Akten  selbst  reichen  in  vielen 
Abteilungen  bis  ins  XVI.  Jahrhundert  zurück.  Auch  eine  Anzahl  von 
Ratsprotokollen,  an  Fülle  freilich  den  Stolpern  nicht  entfernt  vei^leich- 
bar,  ist  noch  vorhanden.  Von  grofsem  Interesse  sind  auch  die  über 
die  Kirchen  und  ihre  Geistlichen  erhaltenen  Akten.  Neben  diesei 
älteren  Registratur,  die,  soweit  sie  noch  vorhanden  ist,  in  vollem  Um- 
fange an  das  Staatsarchiv  gelangt  ist,  hat  die  Stadt  auch  die  älteren 
Akten  der  noch  laufenden  Registratur,  welche  für  Verwaltungszwecke 
nicht  mehr  gebraucht  wird,  deponiert.  Sie  sind  als  „Neue  Registratur" 
aufgestellt  und  in  einem  19  Titel  umfassenden  Repertorium  verzeichnet. 

Sehr  viel  schlimmer  steht  es  mit  dem  Archiv  der  Stadt  Greifen- 
berg. Hier  liegt  der  leider  oft  beobachtete  Fall  vor,  dafs  ein  gro&er 
Teü  des  früher  dort  vorhandenen  historischen  Materials  offenbar  durch 
die  Fahrlässigkeit  eines  Lokalforschers  verloren  gegangen  ist.  Fast 
alle  diejenigen  Akten,  welche  Riemann  in  seiner  Geschichte  Greifen- 
bergs in  der  Vorrede  und  in  dem  angehängten  „wissenschaftlichen 
Nachweis"  als  aus  dem  Stadtarchive  stammend  aufzählt,  sind  nicht 
mehr  vorhanden  und  nach  den  Versicherungen  der  städtischen  Beamten 
eben  durch  Riemann  verloren  worden.  Leider  haben  sie  sich  auch 
nach  dessen  Tode  in  seinem  Nachlasse,  in  welchem  die  Stadt  danach 
suchen  liefs,  nicht  gefunden.  Die  Originalurkunden  sind  gar  schon 
seit  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  sämtlich  verschwunden.  So  konnten 
hier  nur  dürftige  Fragmente  der  reponierten  Registratur,  welche,  übrigens 
in  leidlicher  Ordnung,  auf  einer  Dachkammer  untergebracht  war,  ins 
Staatsarchiv  zur  Deponierung  übergeführt  werden. 

In  Freienwalde  fanden  sich  von  den  drei  Originalurkunden,  welche 
dort  1879  noch  vorhanden  gewesen  waren,  nur  noch  zwei,  eine  von 
1338  (die  Gründungsurkunde)  und  eine  von  1455  vor.  Diese  wie  das 
alte  Stadtbuch  und  die  wichtigsten  Teile  der  reponierten  Registratur 
sind  von  mir  ins  Staatsarchiv  übergeführt  worden.  Von  der  letzteren 
verdienen  namentlich   eine    Reihe  bis   ins  XVI.   Jahrhundert    zurück- 


—     301      — 

reichender  Akten  über  das  Sankt-Georgs-Spital  und  eine  grofse  Anzahl 
alter  Kämmereirechnungen  Erwähnung. 

Ebenso  dürftig  war  die  Ausbeute  in  dem  benachbarten  kleinen 
Städtchen  Wangerin.  Urkunden  waren  hier  nicht  vorhanden,  dagegen 
eine  ziemlich  grofee  Anzahl  von  allerdings  nicht  sehr  wichtigen  Akten 
aus  dem  XVII.  und  XVIII.  Jahrhundert,  welche  in  wirrem  Chaos  auf 
einer  Bodenkammer  aufgestapelt  waren  und  jetzt  im  Staatsarchive  de- 
poniert sind. 

Etwas  gröfser  war  das  Ergebnis  in  Rummelsburg,  wo  sich  unter 
der  von  der  Stadt  für  völlig  wertlos  erklärten  und  zur  Vernichtung 
bestimmten  älteren  Registratur  bei  systematischer  Durchsicht  immerhin 
eine  ziemlich  grofse  Menge  historisch  wichtiger  Materialien  fand,  welche 
zum  Teil  bis  ins  XVI.  Jahrhundert  zurückreichten.  Von  Interesse 
sind  darunter  aufser  den  Rat  und  Stadtverordnete,  Verwaltung,  Finanzen, 
Kirche  und  Schule  betreffenden  namentlich  die  ziemlich  zahlreichen 
Akten  über  Gewerbe  und  Zünfte,  welche  u.  a.  auch  ausführliche  Nach- 
richten über  die  Versuche,  Maulbeerbäume  anzupflanzen  und  den 
Seidenbau  zu  fördern,  enthalten.  Aufserdem  fand  sich  ein  gröfseres 
Aktenstück  mit  vielen  Urkundenabschriften  zur  Stadtgeschichte.  Da- 
gegen sind  Originalurkunden  nicht  mehr  vorhanden.  Auch  dieses 
Archiv  ist  nunmehr  im  Staatsarchive  deponiert. 

Ahnlich  war  die  Lage  der  Dinge  in  dem  kleinen  Städtchen  Bär- 
walde. Urkunden  sind  dort  nicht  mehr  vorhanden.  Dagegen  fand 
sich  ein  seit  längerer  Zeit  vermifstes  Bürgerbuch  von  1694  vor.  Die 
reponierte  Registratur  war  äufserlich  leidlich  aufgestellt,  entbehrte  aber 
jeder  inneren  Ordnung.  Es  fanden  sich  darin  interessante  Akten  des 
XVIII.  Jahrhunderts  über  die  Streitigkeiten  der  Stadt  mit  den  benach- 
barten Adelsfamilien,  ferner  Akten  über  die  Verfassung  der  Stadt  und 
die  Wahl  der  Magistrate,  Innungsachen  freilich  erst  aus  dem  XVIII.  Jahr- 
hundert, und  u.  a.  eine  nicht  unerhebliche  Zahl  von  Stadtrechnungen, 
die  indes  gleichfalls  nicht  über  den  Anfang  des  XVIII.  Jahrhunderts 
zurückreichen.    Auch  hier  ist  die  Deponierung  im  Staatsarchive  erfolgt. 

In  Pollnow  waren  Urkunden  ebenfalls  nicht  vorhanden.  Von  den 
Akten  der  nicht  sehr  umfangreichen  reponierten  Registratur  wurden 
die  wichtigsten  zur  Deponierung  ausgewählt  und  in  einem  Repertorium 
verzeichnet. 

Die  Stadt  Schivelbein  hat  nur  ihre  Urkunden,  22  an  Zahl,  de- 
poniert, deren  älteste  von  1386  ist;  aufserdem  6  aus  dem  XV.,  8  aus 
dem  XVI.,  7  aus  dem  XVII.  Jahrhundert.  Repertorium  mit  Register 
ist  im  Staatsarchive  aufgestellt. 


—     302     — 

Von  Nörenberg  sind  5  Originale,  deren  ältestes  aus  dem  Jahre 
1567  stammt,  erhalten,  jetzt  ins  Staatsarchiv  übergeführt  und  re- 
pertorisiert. 

Von  Massow  sind  13  Urkunden,  die  älteste  von  13 10,  aufserdem 
noch  6  aus  dem  XIV.  Jahrhundert,  deponiert  und  repertorisiert ;  von 
Lreba  5  Originale  aus  der  Zeit  von  1499 — 1693,  von  Lassan  6,  deren 
ältestes  von  13 18  ist,  von  Callies  12  Zunfturkunden  aus  der  Zeit  von 
1635— 1772,  von  Lauenburg  15  Urkunden,  deren  älteste  von  1507  ist. 

In  Dramburg  sind  Urkunden  nicht  mehr  vorhanden,  dagegen 
hat  sich  ein  Stadtbuch  erhalten,  welches,  nach  dem  grofsen  Brande 
von  1620  aufgestellt,  Eintragungen  bis  zum  Jahre  1698  enthält.  Das 
Archiv  ist  hier  sonst  durch  wiederholte  Brände  und  andere  Unglücks- 
falle bis  auf  dürftige,  jetzt  im  Staatsarchive  deponierte  Reste  der  Ver- 
nichtung anheimgefallen.  Kleinere  Aktenbestände  sind  aufserdem  de- 
poniert von  den  Städten  Bublitz,  Bütow,  Daher,  Falkenbui^,  Labes, 
Neu-Stettin,  Plathe,  Polzin,  Pyrttz,  Ratzebuhr  und  Tempelburg. 

Von  einer  der  wichtigsten  Städte  Hinterpommerns,  von  Stargard, 
sind  bisher  sichere  Nachrichten  über  den  archivalischen  Bestand  nicht 
bekannt.  Bis  vor  kurzem  wurde  auf  Grund  verschiedener  Angaben 
und  Nachrichten  angenommen,  dafs  auch  hier  durch  Brände  des 
XVII.  Jahrhunderts  alle  älteren  Bestände  zu  gründe  gegangen  seien, 
^ach  Nachrichten  aber,  die  das  Staatsarchiv  neuerdings  durch  die  Güte 
des  Herrn  Landgerichtsdirektors  Böhmer  in  Stargard  erhalten  hat, 
sollen  doch  einige  nicht  unerhebliche  Bestände  die  Brände  glücklich 
überstanden  haben,  außerdem  aber  in  der  dorügen  Marienkirche  noch 
zahlreiche  Archivalien,  darunter  auch  Urkunden,  vorhanden  sein,  die 
dringend  einer  sachkundigen  Prüfung  bedürfen,  welche  bei  nächster 
Gelegenheit  durch  das  Staatsarchiv  erfolgen  und  demselben  wahr- 
scheinlich auch  von  dort  eine  erwünschte  Bereicherung  seiner  Be- 
stände zufuhren  wird,  welche  mit  um  so  gröfeerer  Freude  zu  begrüdsen 
sein  wird,  als  Stargard  bis  zu  der  Zeit,  in  der  Stettin  in  preuisischen 
Besitz  gelangte,  Sitz  der  obersten  Regierungsbehörden  und  des  Hof- 
gerichts gewesen  ist. 

Während  so  von  den  hinterpommerschen  Städten  die  bei  weitem 
überwiegende  Mehrzahl  sich,  zumeist  im  Laufe  der  letzten  Jahre,  zur 
Deponierung  ihrer  Archive  im  Staatsarchive  entschlossen  hat,  ist  bei 
den  vorpommeischen  Städten  links  der  Oder  eben  erst  ein  Anfang 
dazu  zu  verzeichnen.     Im   allgemeinen  darf  hier  auf  den  oben  ^)  er- 


i)  S.  250,  Anm.  2. 


—     303     — 

wähnten  Prümersschen  Aufsatz  verwiesen  werden,  zu  dem  hier  nur  noch 
einige  Eigänzungen  Raum  finden  mögen,  welche  sich  auf  die  inzwischen 
stattgehabten  Veränderungen  und  Anfange  von  Deponierungen  be- 
ziehen. 

In  hohem  Grade  erfreulich  ist  es  da  zunächst,  dais  eine  der  beiden 
wichtigen  alten  Hansastädte  an  der  Peene,  Demmin,  wenigstens  ihren 
verhältnismäisig  reichen  Urkundenbestand  im  Staatsarchive  deponiert  hat; 
er  umfaist  172  Originale.  Die  älteste  erhaltene  Urkunde  ist  von  1264; 
aoiserdem  stammen  noch  9  aus  dem  XIII.  Jahrhundert,  97  aus  dem 
XIV.,  41  aus  dem  XV.,  16  aus  dem  XVI.,  der  Rest  aus  dem  XVII. 
Jahrhundert.  Au&erdem  sind  noch  ältere  Kopiare  vorhanden,  in 
denen  eine  weitere  nicht  unerhebliche  Zahl  von  Urkunden  erhalten 
ist  Aufserdem  hat  die  Stadt  Loitz  ihre  22  erhaltenen  Urkunden, 
deren  älteste  von  1267  stammt,  deponiert;  von  Neuwarp  sind  4  Ur- 
kunden, die  älteste  von  1442,  von  Usedom  9  Urkunden,  die  älteste 
von  1342,  im  Staatsarchive  deponiert  und  dort  in  eingehenden  Re- 
pertorien  mit  Orts-  und  Personenregistern  verzeichnet.  Akten  sind  von 
allen  diesen  Städten  bisher  nicht  deponiert  worden. 

Um  auch  hierin  zu  einem  Anfange  zu  gelangen,  habe  ich  auf 
meiner  letzten  Dienstreise  in  städtische  Archive  wenigstens  zwei  der 
vorpommerschen  Städte  mit  besucht,  Treptow  a.  d.  Tollense  und 
Wolgast.  In  der  ersteren  Stadt  sind  Originalurkunden  allerdings  nicht 
mehr  vorhanden,  die  beiden  ältesten  von  1325  und  1476  liegen  viel- 
mehr nur  noch  in  Abschriften  vor.  Dagegen  ist  die  reponierte  Re- 
gistratur (vgl.  Prümers  a.  a.  O.  S.  97)  ziemlich  umfangreich,  geht 
aber  freilich  zumeist  nur  bis  ins  XVIII. ,  vereinzelt  aber  auch  bis  ins 
XVIL  und  XVI.  Jahrhundert  zurück  und  enthält  neben  Verwaltungs-, 
Finanz-  und  Personalsachen  namentlich  auch  interessante  Zunftakten. 
Ein  besonderes,  offenbar  einmal  zu  historischen  Studienzwecken  an- 
gelegtes, mit  Titel  IV  Sectio  2  bezeichnetes  Aktenstück  enthält  neben 
den  erwähnten  Urkundenabschriften  noch  eine  ganze  Reihe  für  die 
Stadtgeschichte  wichtiger  Akten.  Eine  Deponierung  des  im  allgemeinen 
in  leidlicher  Ordnung  befindlichen  Archivs  ist  hier  nicht  erfolgt. 

In  Wolgast  sind  bei  Uberweistmg  des  Aktenarchivs  an  das  Staats- 
archiv die  20  Pergamenturkunden ,  welche  dort  im  ganzen  die  ver- 
schiedenen Brände  überdauert  haben  und  noch  vorhanden  sind,  auf 
Wunsch  der  Stadt  belassen  werden,  da  ihre  Aufbewahrungsart  eine 
zufriedenstellende  war  und  keine  Gefahr  für  die  Erhaltung  der  Ur- 
kunden in  sich  schlols.  Die  reponierte  Registratur,  welche  jetzt  im 
Staatsarchive  deponiert  ist  und  zur  Zeit  verzeichnet  wird,  stellte  sich 


—     304     — 

als  weit  inhaltreicher  dar,  als  nach  den  früher  dem  Staatsarchive  zu- 
gänglichen Nachrichten  darüber  vermutet  werden  konnte.  Eine  grolse 
Anzahl  dieser  Akten  reicht  bis  ins  XVI.  Jahrhundert  zurück  und  ist 
historisch  von  erheblichem  Werte.  Sehr  zahlreich  sind  namentlich 
die  noch  erhaltenen  Zunft-  und  Gewerbe-,  Finanz-  und  Verwaltungs- 
akten.  Dagegen  waren  Rechnungen  leider  nur  noch  aus  dem  XIX.  Jahr- 
hundert vorhanden.  Mitten  unter  den  in  ungeordneten  Haufen  umher- 
liegenden Akten  fanden  sich  aber  u.  a.  noch  ein  sehr  merkwürdiges 
Acker-  und  Bürgerbuch  der  Stadt  auf  Pergament  aus  dem  XV.  und 
XVI.  Jahrhundert,  femer  Grundbücher  und  Kataster  aus  dem  XVII. 
und  XVIII.  Jahrhundert  und  ein  altes  Repertorium  der  alten  Registratur, 
welches  der  Ordnung  der  freilich  fragmentarisch  erhaltenen  Bestände 
zu  gründe  gelegt  werden  kann. 

Überblickt  man  die  Gesamtheit  der  in  diesem  kurzen,  auf  die 
Hauptsachen  sich  beschränkenden  Überblicke  aufgeführten  Bestände 
der  städtischen  Archive,  so  stellen  dieselben  eine  sehr  wesentliche 
Bereicherung  unserer  historischen  Kenntnis  von  der  Landes-  und  Orts- 
geschichte Pommerns  dar,  die  nur  des  sachkundigen  Forschers  harrt, 
^m  eine  ganze  Reihe  neuer  wissenschaftlicher  Ergebnisse  zu  zeitigen. 
Mit  der  Deponierung  derselben  im  Staatsarchive,  welche  die  bei  weitem 
überwiegende  Mehrzahl  der  hinterpommerschen  und  einen  immerhin 
bedeutsamen  Anfang  der  vorpommerschen  Städte  umfafst,  und  mit  der 
nach  Maisgabe  der  übrigen  Amtsgeschäfte  des  Staatsarchivs  allmäh- 
lich fortschreitenden  genauen  Repertorisierung  ist  für  die  Inventarisie- 
rung der  nichtstaatlichen  Archive  der  Provinz  ein  erster  wichtiger 
Schritt  geschehen,  der  hoffentlich  nun  von  Seiten  der  privaten  For- 
schung und  namentlich  von  selten  der  Gesellschaft  für  pommersche 
Geschichte  und  Altertumskunde  Nachahmung  in  bezug  auf  die  übrigen, 
im  Lande  verstreuten  Archivalien  nichtstaatlichen  Ursprungs  finden 
wird.  Hierfür  würden  zunächst  und  vor  allem  die  Archive  der  zum 
TeU  uralten  Adelsfamilien  des  Landes  und  die  der  einzelnen  Kirchen 
in  Betracht  kommen.  Für  eine  Inventarisierung  der  ersteren  ist  trotz 
der  mächtigen  Stellung,  welche  der  pommersche  Adel  geschichtlich 
und  auch  noch  in  der  Gegenwart  einnimmt,  noch  merkwürdig  wenig 
geschehen.  Nur  ganz  vereinzelt  haben  pommersche  Adelsfamilien 
ihre  Archive  im  Staatsarchive  deponiert,  und  die  Aufbewahrung  der- 
selben durch  die  Besitzer  selbst  lä&t,  abgesehen  von  den  Familien, 
welche  ihr  historisches  Interesse  durch  die  Veranlassung  oder  Ab- 
fassung umfassenderer  Geschichtsdarstellungen  ihres  Geschlechtes  be- 
tätigt haben,  im  allgemeinen  noch  recht  viel  zu  wünschen  übrig.    Als 


—     305     — 

ein  charakteristischer  Beweis  dafür  darf  angeführt  werden,  dafs  das 
Staatsarchiv  in  der  Lage  gewesen  ist,  eine  ganze  Reihe  wichtiger 
Familienpapiere  eines  der  gröisten  pommerschen  Geschlechter  von 
einem  Schneider  in  Hinterpommem  zu  kaufen,  der  sie  käuflich  er- 
worben hatte.  Soll  einem  allmählichen  Verschwinden  dieser  wissen- 
schaftlich wertvollen  Bestände  vorgebeugt  werden,  so  gilt  es  vor  allem, 
in  den  Kreisen  des  pommerschen  Adels  das  Interesse  an  seiner  stolzen 
Vergangenheit  zu  erwecken  und  dafür  zu  sorgen,  dais  dasselbe  sich 
vor  allem  in  einer  genauen  Inventarisierung  der  Familienarchive  äufsere, 
für  die  die  geeigneten  Kräfte  gewiis  unschwer  zu  finden  sein  würden. 
Ich  zweifle  nicht,  dafs,  wenn  die  Sache  erst  einmal  angeregt  und  in 
Gang  gebracht  ist,  die  pommersche  Gesellschaft  diese  wichtige  Auf- 
gabe mit  demselben  Eifer  und  Interesse  durchführen  würde,  mit 
welchem  sie  auf  allen  Gebieten  historisch -antiquarischer  Forschung 
mit  grö&tem  Erfolge  tätig  ist. 

Fast  noch  schlimmer  als  mit  den  Adelsarchiven  steht  es  mit 
denen  der  Kirchengemeinden,  obwohl  dieselben  zum  TeU  im  Besitz 
der  allerwertvollsten  Quellen  zur  Kirchen-  und  Reformationsgeschichte 
sich  befinden.  Über  die  Verwahrlosung  dieser  Archivalien  hat  so 
mancher  Forscher  schon  die  betriibendsten  Erfahrungen  gemacht.  In 
gioüsem  Ma&stabe  ist  das  bei  einer  umfassenden  Arbeit  geschehen, 
welche  ein  jüngst  verstorbener  tüchtiger  kirchengeschichtlicher  For- 
scher unternommen  hat,  der  sich  von  den  Kirchenarchiven  die  noch 
erhaltenen  Akten,  Kirchenvisitations-ProtokoUe  u.  s.  w.  der  Reihe  nach 
erbat.  Vorhanden  war  noch  merkwürdig  viel,  aber  oft  in  so  desolatem 
Zustande,  dafs  der  gänzliche  Untergang  vieler  dieser  unschätzbaren 
Archivalien  nur  als  eine  Frage  der  Zeit  betrachtet  werden  kann.  Meist 
sind  keine  auch  nur  irgendwie  geeigneten  Räume  zur  Aufbewahrung 
vorhanden :  die  Akten  und  Urkunden,  welche  zum  Teil  von  ihren  Be- 
sitzem  naturgemäfs  gar  nicht  gelesen  werden  können,  sind  auf  Kirchen- 
böden oder  in  Kellern  untergebracht,  wo  sie  der  allmählichen  Ver- 
nichtung durch  Moder  anheimfallen.  Aber  obwohl  so  von  den  Ge- 
meinden so  gut  wie  nichts  für  die  Erhaltung  dieser  archivalischen 
Schätze  getan  wird,  erwacht  doch  meist  ein  sehr  lebhaftes  Interesse 
an  denselben,  wenn  die  Frage  einer  Abgabe  derselben  an  eine  zu- 
ständigere und  sachkundigere  Stelle  angeregt  wird.  Auch  hier  hat 
das  Staatsarchiv  die  Deponierung  wiederholt  und  dringend  angeregt 
und  bei  der  staatlichen  Kirchenbehörde,  dem  Konsistorium,  die  freund- 
lichste  und   verständnisvollste  Unterstützung  gefunden.     Die  dringend 

wünschenswerte,  ja  im  Interesse  der  Erhaltung  dieser  Archivalien  ab- 

22 


—     306     — 

solut  notwendige  Mafsregel,  ist  bisher  stets  an  dem  Widerstände  der- 
selben lokalen  kirchlichen  Instanzen  gescheitert,  welche  diese  Archive 
in  der  unverantwortlichsten  Weise  verwalten  und  zu  gründe  gehen 
lassen.  Hier  ist  in  der  Tat  Abhilfe  dringend  geboten,  fiir  die  es 
schon  ein  wichtiger  erster  Schritt  wäre,  wenn  es  dem  vereinigten 
Streben  des  Staatsarchivs,  der  vorgesetzten  Kirchenbehörden  und  der 
organisierten  wissenschaftlichen  Forschung  gelänge,  durch  eine  syste- 
matische Inventarisierui^  wenigstens  festzustellen,  was  von  diesem  für 
die  pommersche  Kirchengeschichte  unschätzbar  wichtigem  Material 
denn  zur  Zeit  noch  vorhanden  ist.  Die  Ergebnisse  würden  über- 
raschend reich  sein:  sind  doch  in  sehr  vielen  pommerschen  Gemein- 
den trotz  aller  Vernachlässigung,  deren  sich  meist  erst  die  jüngste 
Zeit  schuldig  gemacht  hat,  die  Visitationsprotokolle  noch  bis  ins 
XVI.  Jahrhundert  zurück  vorhanden,  die  eine  kirchen-  und  kultur- 
geschichtlich gleich  reiche  Fundgrube  der  wissenschaftlichen  Forschung 
bilden  würden.  Möge  es  den  vereinigten  staatlichen  und  privaten 
Kräften  gelingen,  diese  reichen  Schätze  in  der  einen  oder  anderen 
Weise  dem  sicheren  Verderben,  dem  sie  sonst  geweiht  sind,  zu  ent- 
reifsen,  wie  es  der  Archivverwaltung  gelungen  ist,  einen  grolsen  Teil 
der  städtischen  Archive  für  gegenwärtige  und  zukünftige  Geschlechter 
durch  sichere  und  zweckentsprechende  Aufbewahrung  und  Ordnung 
zu  retten! 


Mitteilungen 

Tersammlnilgeil.  —  Die  diesiährige  Hauptversammlung  des  Gesamt- 
Vereins  der  deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine  ')  wird  in 
den  Tagen  vom  22.  bis  25.  September  in  Düsseldorf,  welches  gerade 
jetzt  durch  seine  Ausstellimg  doppelte  Anziehungskraft  besitzt,  stattfinden. 
An  der  Spitze  des  Ortsausschusses  steht  Archivar  Redlich,  die  Verhand- 
lungen finden  in  den  Räumen  der  städtischen  Tonhalle  statt  Am  Abend 
des  24.  Sept.  wird  die  Stadt  Düsseldorf  den  Versammlimgsteilnehmem  ein 
Fest  geben,  am  25.  Sept.  wird  eine  Sonderüihrt  nach  Aachen  unternommen. 
Für  die  Hauptversammlungen  sind  folgende  Vorträge  angemeldet:  Prof.  Del- 
brück (BerHn)  über  Römerfeldzüge  in  Germanien,  Museumsdirektor 
Schuchhardt  (Hannover)  über  Frühgeschichtliche  Burgen  und 
Wohnsitze  in  NordwestdeutschlandundDr.Opp  ermann  (Köln)  über 


i)  Ober  die  Versammliiog  zu  Freibnrg  i.  6.  190X  vgl.  oben  S.  85 — 91. 


—     307     — 

die  Entstehung  des  mittelalterlichen  Bürgertums  in  den  Rhein- 
landen. In  den  Abteilungssitzungen  werden  u.  a.  folgende  Gegenstände 
zur  Beratung  gelangen:  Beschlufsfassung  über  die  Fortsetzung  des  Walther- 
Konerschen  Repertoriums ;  der  gegenwärtige  Stand  der  historischen  Karto- 
graphie Deutschlands  (Kötzschke);  Anregimg  zur  Schafiung  historischer 
Karten,  besonders  für  die  Jahre  1789,  1654  und  1525  durch  die  Vereine 
und  Konunissionen  aller  Landschaften  (Thudichum);  Erschliefsung  und  Aus- 
beutung der  kleineren  Archive  (Tille);  Mittelalterliche  Glasmalerei  (Schnüt- 
g  e  n) ;  Antike  Gläser  (B  o  n  e) ;  die  Ära  Ubiorum  und  die  Anfange  Kölns 
(Klinkenberg);  vorgeschichtliche  und  römische  Anlagen  bei  Butzbach 
(Sold an);  Entstehung  der  Ortsnamen,  die  zugleich  Flufsnamen  sind  (F.  von 
und  zu  Gilsa);  die  Theorie  vom  Ureigentum  (v.  Below);  die  Kölner  Erz- 
bischöfe und  das  Stift  Essen  1243  — 1288  (Ribbeck);  Chronologie  alter 
Burganlagen  in  der  Rheinpfalz  (Mehlis);  Schlofs  Burg  (Schell);  Königin 
Luise  und  die  preufsische  Politik  im  Jahre  18 10  (Bai Heu);  die  Aufgaben 
der  wissenschafÜichen  Volkskunde  (Brenner). 

Diese  Darbietungen  sind  gewifs  verlockend  genug,   um  die  Geschichts- 
forscher aus  allen  Gauen  nach  Düsseldorf  zu    rufen.     Die  Zahl  der  aus- 
wärtigen Versammlungsteilnehmer  wird  sicher  wesentlich  über  das  in  Frei- 
burg erreichte  Mafs  (159)  hinausgehen,   aber  so    erfreulich   dieses  Interesse 
der  Einzelpersonen   ist,   die  Hauptsache   ist  und  bleibt  die  Mitwirkung 
der  Vereine,  denn   Glieder  des   Gesamtvereins   sind   eben   diese.      Nicht 
eindringlich  genug  kann  deshalb  der  bereits   oben  ')  an   die  Vorstände   der 
verbundenen  Vereine  gerichtete  Appell  wiederholt   werden:   Entsendet  be- 
vollmächtigte Abgeordnete,  die  dann  daheim  über  das  Erlebte  be- 
richten und  neue  Anregungen  zu  gedeihlicher  Arbeit  im  heimischen 
Verein  mitbringen   mögen!     149   Vereine    sind   jetzt   im   Gesamtverein 
vertreten,  aber  von  diesen  haben  viele  seit  Jahren  keinen  Abgeordneten  ge- 
sandt, denn  1898  in  Münster  wurden  nur  31  Vereinsvertreter  gezählt,   1899  in 
Stra&burg  55,  1900  in  Dresden  sogar  64,  aber  1901  in  Freiburg  ist  leider 
die  Zahl  auf  43  herabgesunken.     Es  ist  dringend  notwendig,  wenn  der  Ge- 
samtverein seine  Aufgabe  voll  erfüllen  soll,  dafs  alle  Glieder  sich  tätig  be- 
teiligen: mögen  sich  alle  Vereinsvorstände  ihrer  Pflicht  erinnern! 

Die  neu  gegründete  5.  Abteilung  (für  Volkskunde)  wird  bei  dieser 
Versanmilung  zum  ersten  Male  in  Tätigkeit  treten;  die  vereinigte  i.  und  2. 
Abteilung  ist  zugleich  Versammlung  des  Verbandes  west-  und  süddeut- 
scher Vereine  für  römisch-germai^ische  Altertumsforschung, 
welcher  seine  geschäftlichen  Angelegenheiten  bereits  am  22.  Sept.  erledigt. 

In  Verbindung  mit  dieser  Zusammenkunft  findet  bereits  am  22.  Sep- 
tember der  dritte  deutsche  Archivtag  *)  statt.  Bei  dieser  Gelegenheit  soll 
verhandelt  werden  über:  Städtische  Archivbauten  (Heydenreich),  Der  Neu- 
bau des  Staatsarchivs  Düsseldorf  (Bongard),  Die  Bestände  des  Düsseldorfer 
Staatsarchivs  (II gen),  Das  Provenienzprinzip  und  dessen  Anwendung  im 
Geb.  Staatsarchive  zu  Berlin  (Bai Heu),  Zur  Kassationsfrage  (Grotefend), 
Zapon  in  der  Archivpraxis  (Sello),  Wert  und  Bedeutung  der  Archivgeschichte 

1)  S.  86. 

2)  Über  den  Zweiten  Archivtag  1900  in  Dresden  vgl.  diese  Zeitschrift  2.  Bd.,  S.  60 — 61. 

22* 


—     308     — 

(Wieg and).  Wenn  diese  Versammlungen  den  rechten  Nutzen  haben  sollen, 
dann  ist  es  vor  allem  nötig,  dafs  alle  Archiveigentümer,  namentlich  Standes- 
herren und  Städte,  ihie  Archiworsteher  zu  der  Tagung  entsenden.  Es  be- 
finden sich  ja  auch  unter  den  Vorstehern  namentlich  städtischer  Archive 
recht  viele  Autodidakten,  die  im  Nebenamte  oft  recht  grofse  Archive  ver- 
walten: gerade  diese  werden  durch  die  Teilnahme  an  Beratungen  über  archiv- 
technische  Fragen  für  ihre  eigene  Anstalt  recht  viel  lernen  können,  zumal 
da  sie  hier  Gelegenheit  finden  in  zweifelhaften  Punkten  sich  fachmännischen 
Rat  zu  holen. 

Nach  Schlufs  der  Gesamtvereinstagung  findet  am  25.  und  26.  September 
im  Sitzungssaale  des  Provinziallandtages  im  Ständehaus  der  Dritte  Tag  für 
Denkmalpflege  *)  statt.  Es  wird  hier  verhandelt  werden  über  Mafsregeln 
zur  Erhaltung  der  Baudenkmäler  (Cornelius  Gurlitt),  über  Pflege  und 
Erhaltung  plastischer  Kunstwerke  (Borrmann),  über  Bemalung  von  Bild- 
hauerarbeiten (Haupt  imd  Geiges).  Über  Denkmälerarchive  werden 
V.  Bezold  und  Ehrenberg  sprechen,  die  Aufgaben  der  Kommunal- 
verwaltungen auf  dem  Gebiete  der  praktischen  Denkmalpflege  werden  Struck- 
mann und  Giemen  behandeln,  und  über  die  Angelegenheit  des  Handbuchs 
der  deutschen  Kunstdenkmäler  ^)  wird  Dehio  berichten.  Im  Anschlufs  an 
die  stattgehabte  Beseitigung  des  bisherigen  Westportals  am  Metzer  Dom  und 
dessen  Ersatz  durch  ein  gotisches  sollen  einige  grundsätzliche  Fragen 
der  Denkmalpflege  erörtert  werden.  Auch  hier  stehen  also  den  Interessenten 
wichtige  Besprechungen  in  Aussicht,  und  da  erfreulicherweise  die  geschichdichen 
Sonderwissenschaften  sich  immer  mehr  einander  nähern ,  die  Ergebnisse  der 
Nachbardisziplinen  sich  nutzbar  machen  und  diese  wieder  befiiichten,  so  ist 
es  ein  doppelt  glücklicher  Gedanke,  die  Fachversammlungen,  welche  Ver- 
treter der  sich  so  nahe  berührenden  Gebiete  aus  allen  Teilen  des  deutschen 
Sprachgebietes  zusammenflihren ,  in  engem  zeitlichen  Anschlufs  in  derselben 
Stadt  abzuhalten  —  ganz  abgesehen  davon,  dafs  diese  Düsseldorf  heifst. 

Vereine.  —  Am  25.  November. 1 851  erliefsen  die  Jenaer  Professoren 
Droysen,  Göttling,  Michelsen,  H.  Rückert,  Schwarz,  B.  Stark  und  Wegele 
eine  gedruckte  Einladung  zmn  Beitritt  in  einen  zu  gründenden  Verein  ftlr 
die  Geschichte  und  Altertumskunde  der  thüringischen  Lande.  An  dem  für 
die  Konstituierung  des  Vereins  anberaumten  2.  Januar  1852  fand  sich  im 
Saale  des  Bürgervereins  zu  Jena  eine  Versanmilung  von  60 — 70  Personen 
ein,  und  der  Vorsitzende  konnte  bereits  den  Beitritt  von  etwa  100  Mit- 
gliedern feststellen.  Der  Verein  für  Thüringische  Geschichte  und 
Altertumskunde  mit  dem  Sitze  in  der  Universitätsstadt  Jena  schlols  eine 
laAge  von  den  Forschem  und  Freunden  der  Geschichte  empfundene  Lücke, 
da  der  1819  in  Naumburg  begründete  und  1823  nach  Halle  übergesiedelte 
Thüringisch-Sächsische  Verein  für  Erforschung  des  vaterländischen 
Altertums  und  Erhaltung  seiner  Denkmale  nur  wenig  in  das  eigentliche 
Thüringen  eingedrungen  war,  die  seit  1838  bestehende  Geschichts-  und 


i)  Hierzu  vgl.  Über  den  zweiten  diese  Zeitschrift,  oben  S.  61 — 63. 
2)  Vgl.  daza  oben  S.   143  —  144. 


—     309     — 

altertumsforschende  Gesellschaft  zu  Altenburg  sich  auf  das  Oster- 
land  beschränkte,  und  der  1832  gegründete  Hennebergische  alter- 
tumsforschende Verein  zu  Meiningen  yomehmlich  die  Geschichte 
fränkischer  Gebiete  behandelte:  es  galt,  jetzt  das  gesamte  Gebiet  des 
thüringischen  Stammes  seiner  historischen  Stellung  gemäfs  in  die  ganz 
Deutschland  umfassenden  historischen  Studien  aufzunehmen.  In  einer  sehr 
schönen  Rede  wies  Prof.  Rückert,  ein  Sohn  des  Dichters,  auf  die  be- 
sondere Bedeutung  der  thüringischen  Landesgeschichte  hin,  die  wie  in  einem 
Mikrokosmos  alle  Gestaltungen  des  deutschen  Lebens  in  engen  Grenzen  ent- 
halte. Die  von  dem  vorbereitendeii  Ausschufs  entworfenen  Statuten  wurden 
hierauf  mit  wenigen  Änderungen  von  der  Versammlung  angenonmien. 

Mit  grofsem  Eifer  ging  der  Verein  sogleich  an  die  Lösung  der  Auf- 
gabe, die  er  sich  gestellt  hatte:  „durch  Sammlung  und  wissenschaftiiche 
Benutztmg  der  heimischen  Denkmäler  die  Geschichte  Thüringens  in  allen 
seinen  früheren  und  jetzigen  Bestandteilen  allseitig  zu  erforschen  imd  zu 
verwerten *^  Die  Seele  des  Ganzen  war  der  Holsteiner  Mich  eisen,  einer 
jener  fleifsigen,  genauen  tmd  dabei  formgewandten  norddeutschen  Historiker 
vom  Schlage  des  Kaspar  Sagittarius,  die  für  die  thüringische  Wissenschaft 
so  fruchtbar  geworden  sind.  Er  leitete  die  Zeitschrift  des  yereins,  die  so- 
gleich mit  wertvollen  Beiträgen  von  Rückert,  Schwarz,  Joh.  Voigt  und 
Michelsen  selbst  ins  Leben  trat  Daneben  hat  er  den  Plan  eines  thüringischen 
Urkundenbuches  aufgestellt  und  sofort  mit  Veröffentlichung  der  Urkunden 
des  Klosters  Kapelle  begozmen.  ^)  Jahr  für  Jahr  erschien  eine  Abhandlung 
über  wichtige  Fragen  der  thüringischen  Geschichte  aus  Michelsens  Feder  ^). 
Für  die  weitere  Bearbeitung  des  Urkundenwerkes  scheinen  sich  jedoch  keine 
Mitarbeiter  gefunden  zu  haben,  denn  dieser  Teü  des  Arbeitsplanes  geriet 
völlig  in  Vergessenheit.  Dagegen  konnte  der  Verein  die  Ausgabe  der 
Reinhardsbrunner  Aimalen  von  Wegele,  der  Rotheschen  Chronik  von 
Freiherrn  v.  Lilienkron  und  der  des  Nikolaus  von  Siegen  von  Wegele 
veröffentlichen.  ')  An  der  Herausgabe  der  Reehtsdenkmäler ,  die  namentlich 
wertvolle  Stadtrechte  enthalten,  war  Michelsen  1853 — 1863  allein  tätig. 
Zum  Unglück  für  den  Verein  ging  er  im  Jahre  1863  nach  Nürnberg,  mn 
die  Leitung  des  Germanischen  Museums  zu  übernehmen,  und  bald  darauf 
kehrte  er  in  seine  nordische  Heimat  zurück,  an  deren  politischem  Leben  er 
einen  bedeutenden  Anteil  hatte.  Er  ist  am  11.  Februar  i88x  zu  Schleswig 
gestorben. 

Nach  seinem  Weggange  erlahmte  die  Tätigkeit  des  Vereins  und  schlief 
aOmählich  ganz  ein;  187 1  hörte  auch  die  Zeitschrift  zu  erscheinen  auf. 
Um  die  Mitte  der  siebziger  Jahre  begann  dann  ein  neuer  Aufschwung  der 
landesgeschichtlichen  Studien  in  Jena.  Auf  Einladung  des  alten  Verlags- 
buchhändlers Frommann   versammelten   sich   am    12.  Mai  1876    einige  alte 

i)  Coilex  Thun'ngiae  diplomaticus.  Erste  Liefernng:  Diplomatar  des  Klosters 
Kapelle  anter  dem  Amsberge  [bei  Frankenhansen].     Jena,  Fr.  Frommann,   1854. 

2)  Der  Mainzer  Hof  zu  Erfurt  1853,  Ehrenstückc  und  Rautenkraoz  1854,  Die  Rats- 
Tcrüassnng  von  Erfurt  1855,  Urkundlicher  Ausgang  der  Grafschaft  Orlamünde  1856,  Die 
ältesten  Wappeoschilde  der  Landgrafen  v.  Th.  1857,  Joh.  Friedrichs  d.  Gr.  Stadtordnung 
Tür  Jena  1858. 

3)  Unter  dem  Titel  „Thüringische  Geschichtsquellen«*,  Bd.  1—3,  Jena,  Frommann, 
1854— 1859. 


—     310     — 

und  neue  Mitglieder  des  Vereins  und  konstituierten  den  Vorstand  von  neuem. 
Der  erste  Vorsitzende  des  wiedererweckten  Vereins  war  der  Oberappellations- 
gerichtsrat  Mu  the  r ,  an  dessen  Stelle  Ende  des  Jahres  1878  Kirchenrat  L  i  p  s  i  u  s 
trat  Der  bekannte  Theologe  hat  auf  diesem,  seinen  eigentlichen  Studien  ziemlich 
fem  liegenden,  Gebiete  vornehmlich  durch  Aufrechterhaltung  des  Zusammen- 
hanges der  Mitglieder  und  Pflege  der  äufseren  Beziehungen  wertvolle  Dienste 
geleistet  und  in  seinen  Jahresberichten  die  Entwickelung  des  Vereins  der 
Nachwelt  getreu  überliefert.  In  die  leitende  Rolle,  die  einst  Michelsen  ge- 
spielt hatte,  teilten  sich  jetzt  der  Direktor  des  neugegründeten  Gymnasiums 
Gustav  Richter  und  der  Geschichtsprofessor  Dietrich  Schäfer.  Jener 
gab  die  Zeitschrift  heraus,  für  die  er  selbst  eine  Reihe  bedeutungsvoller 
Aufsätze,  vornehmlich  zur  Geschichte  der  Stadt  Jena  schrieb,  dieser  stand 
an  der  Spitze  des  wieder  aufgenommenen  Urkundenwerkes,  zu  dessen 
Durchführung  der  Verein  eine  jährliche  Unterstützung  von  einigen  der  be- 
teiligten Staaten  erhielt.  Seitdem  kann  eine  gewisse  Summe  zur  Honoriening 
der  Herausgeber  verwendet  werden,  während  Michelsen  ohne  Entgelt  ge- 
arbeitet hatte;  die  Mitarbeiter  an  der  Zeitschrift  erhalten  auch  heute  noch 
keinen  klingenden  Lohn,  denn  die  Beiträge  der  Mitglieder  (jährlich  3  Mk., 
wofür  die  Zeitschrift,  oder  20  Mk.,  wofür  sämtliche  Publikationen  geliefert 
werden)  decken  nur  die  Druckkosten  der  Zeitschrift. 

Die  Inventarisation  der  thüringischen  Kunstdenkmäler,  wofür  Friedrich 
Klop fleisch  im  Auftrage  des  Vereins  einen  Plan  ausgearbeitet  hatte, 
schied  aus  der  Zahl  der  Aufgaben  wieder  aus,  nachdem  die  Regierungen  im 
Jahre  1883  von  sich  aus  eine  Kommission  für  diesen  Zweck  eingesetzt  hatten. 
Von  dem  Urkundenwerk  erschien  im  Jahre  1883  der  i.  Band,  das  Urkunden- 
buch  der  Stadt  Arnstadt  von  C.  A.  H.  Burkhardt,  im  Jahre  1885 
folgte  der  i.  Teil  des  Urkimdenbuches  der  Vögte  von  Weida,  Gera  und 
Plauen  von  Bertold  Schmidt,  1889  ^^^  i.  Teil  des  Urkundenbuches 
der  Stadt  Jena  und  ihrer  geistlichen  Anstalten  von  I.  E.  A.  Martin  und 
das  I.  Heft  des  Urkundenbuches  des  Klosters  Paulinzella  von  Ernst 
Anemüller,  1892  der  2.  Teil  des  Schmidtschen  Urkundenbuches  der 
Vögte  von  Weida.  Seitdem  ist  auf  diesem  Gebiet  eine  gewisse  Stockung  ein- 
getreten, namentlich  mufste  die  lange  geplante  Herausgabe  der  Reinhardsbrunner 
Urkunden  ganz  zurückgestellt  werden.  Auf  mehrere  Jahre  wurden  die  Mittel 
des  Vereins  in  Beschlag  genommen  durch  das  grofse  Werk  der  Reper- 
torisierung  der  bisher  gedruckten  Urkunden  zur  thüringischen  Geschichte, 
das  Otto  Dobenecker  übertragen  und  von  diesem  in  grofsem  Stil  auf- 
genommen worden  war.  Die  Ausführung  hat  in  der  Tat  gehalten,  was  der 
Vorstand  in  seinem  Geschäftsbericht  vom  Jahre  1885  ausgesprochen  hat: 
Thüringen  ist  durch  diese  Leistung  in  die  vorderste  Reihe  der  deutschen 
Landschaften  zu  stehen  gekommen.  Der  erste  Band  der  Eegesta  diplomatiai 
n^cnon  epistoUxria  historiae  Tkuringiae  (Jena,  G.  Fischer,  1896)  umfafst  den 
Zeitraum  500 — 1151,  der  zweite  (1900)  reicht  bis  1210;  der  dritte,  der  die 
Landgrafenzeit  zum  Abschlufs  bringen  soll,  ist  in  Vorbereitung.  Seit  Schäfers 
Weggang  1884  leitet  Dobenecker  das  Urkundenwerk  und,  nachdem  an  die 
Stelle  des  im  Jahre  1892  verstorbenen  Geh.  Kirchenrates  Lipsius  der 
bisherige  Herausgeber  der  Zeitschrift,  Gustav  Richter,  erster  Vorsitzender 
geworden  war,  hat  er  auch  die  Redaktionsgeschäfte  übernommen. 


r 


—     311     — 

Die  Mitgliederzahl  des  Vereins  beträgt  zur  Zeit  541.  Obgleich  grund- 
sätzlich alle  Teile  Thüringens  bei  den  Arbeiten  des  Vereins  berücksichtigt 
werden,  und  namentlich  das  Regestenwerk  allen  am  I.Ande  beteiligten  Staaten 
zu  gute  kommt,  so  sind  doch  nicht  alle  Teile  Thüringens  gleichmäfsig  an 
den  Leistungen  für  die  Sache  beteiligt.  Eine  Reihe  partikularistischer  Vereine, 
zum  Teil  erst  in  den  letzten  Jahrzehnten  entstanden,  nehmen  viel  Kräfte  und 
Mittel  in  Anspruch,  die  der  gemeinsamen  Sache  verloren  gehen.  Zwar  ist 
im  Jahre  1897  zur  Zusammenfassung  der  Kräfte  die  Thüringische 
historische  Kommission  ^)  gegründet  worden;  in  Wahrheit  ist  da- 
durch wohl  die  Arbeit  des  Vereins  gewachsen,  aber  eine  Unterstützung 
seitens  der  kleinen  Vereine  ist  ihm  nicht  zu  teil  geworden;  die  preufsische 
Hälfte  Thüringens  ist  zudem  in  der  Kommission  gar  nicht  vertreten.  Die 
Entwickelung  wird  künftig  dahin  geleitet  werden  müssen,  dafs  die  Vereine 
mit  beschränktem  Arbeitsgebiet  sich  zu  Ortsgruppen  des  thüringischen  Vereins 
umbilden,  und  die  historische  Kommission  der  preufsischen  Provinz  Sachsen 
fiir  den  thüringischen  Teil  sich  beteiligt.  Damit  müfste  wohl  eine  Um- 
gestaltung der  Zeitschrift  zusammengehen. 

Die  wachsende  Teilnahme  der  Behörden  hat  neuerdings  die  Fortftihrung 
der  „Geschichtsquellen''  ermöglicht  Im  laufenden  Jahre  erschien  der 
I.  Band  der  Emestinischen  Landtag sakten  (i486  — 1532),  herausgegeben 
von  C.  A.  H.  Burkhardt;  das  2.  Heft  des  Urkimdenbuches  von  Paulin - 
zella  (AnemüUer)  wird  demnächst  erscheinen;  der  2.  Band  des  Jenaer 
Urkundenbuches  (1406— 1525),  mit  Benutzung  von  Martins  Nachlafs  be- 
arbeitet von  Devrient,  ist  im  Druck.  Mit  Unterstützung  der  Kommission 
erschien  das  Werk  Stiedas,  Die  Anfänge  der  ParxeUanindustrie  auf  deni 
Thürmgerwalde  (Jena,  Fischer  1902).  Eine  Geschichte  der  Universität  Jena 
nebst  Urkundenbuch  ist  in  Angriff  genommen  worden.  Den  Vorsitz  des 
Vereins  und  der  Kommission  führt  jetzt  Prof.  Ed.  Rosenthal,  die  Geld- 
geschäfte Verlagsbuchhändler  Gust  Fischer  in  Jena. 

Das  50jährige  Bestehen  des  Vereins  wurde  am  22.  Juni  festlich  be- 
gangen ;  möge  des  zweite  halbe  Jahrhundert  dem  Vereine  glückliches  Ge- 
deihen bringen!  Ernst  Devrient  (Jena). 


Die  Deutsch-Amerikanische  Historische  Gesellschaft  von  Illinois 

wurde  am  6.  April  1900  gegründet.  Der  erste  Aufruf  zur  Gründung  war 
auf  Anregung  £.  Mannhardts,  welcher  Jahre  lang  dem  Redaktionsstabe  der 
„Illinois  Staatszeitung"  angehört  hatte,  von  den  Herren  W.  Vocke,  Dr.  G. 
A.  Zimmermann  und  Max  Eberhardt  am  27.  Februar  erlassen  worden.  Es 
wurde  die  sofortige  Konstituierung  der  Gesellschaft  beschlossen  und  als  ihr 
besonderer  Zweck  bezeichnet  „die  Geschichte  der  Deutschen  in 
Illinois  und  im  Nordwesten  zu  erforschen,  zur  Erforschung 
derselben  aufzumuntern  und  das  von  ihr  gesammelte  Material 
sicher  aufzubewahren,  zu  veröffentlichen  und  in  sonst  geeig- 
neter Weise  zu  verwerten." 

Der  Verem,  der  nicht  blos  eine  wissenschaftliche  Bedeutung  beanspruchen 


I)  Vgl.  darüber  diese  ZeiUchrift  i.  Bd.,  S.  105,  2.  Bd.,  S.  238  und  3.  Bd.,  S.  313/14. 


—     312     — 

darf,  sondern  auch  für  die  Erlangung  einer  grofsen  Machtstellung  des  Deutsch- 
tums von  praktischem  Werte  ist,  hat  von  Anfang  an  eine  lebhafte  Tätigkeit 
entfaltet.  Der  Jahresbeitrag  der  Mitglieder  beträgt  drei  Dollars,  Vereine 
zahlen  jährlich  zehn  Dollars  und  können  sich  durch  drei  Abgeordnete  vertreten 
lassen.  InderVieiteljahrsschriftjDeu^^cli-^ineriiSMini^cfce  Geschicht9' 
hlätter  hat  der  Verein  ein  Organ  geschaffen,  worin  die  Ergebnisse  seiner 
Forschtmgen  niedergelegt  werden.  Die  Zeitschrift  wuide  sehr  beifällig  ange- 
nommen und  den  Bemühungen  des  Sekretärs  gelang  es,  Mitarbeiter  in  vielen 
Teilen  des  Landes  zu  gewinnen.  Die  erste  Jahresversammlung  der  Gesellschaft 
fand  am  12.  Februar  1901  statt,  zugleich  das  erste  Stifhmgsfest,  indem  schon 
bei  der  Gründung  beschlossen  wurde,  dasselbe  alljährlich  am  Geburtstage  des 
Sklavenbefreiers  Lincoln  zu  begehen.  Von  den  zur  Feier  geladenen,  jedoch 
an  der  Teilnahme  verhinderten  Herren  Karl  Schurz  (New- York),  Emil  Preeto- 
rius  (St  Louis)  und  H.  A.  Rattermann  (Cincinnati)  waren  Schreiben  ein- 
gelaufen, welche  den  Bestrebungen  der  Gesellschaft  hohe  Anerkennung  zoll- 
ten. Die  Bamten  des  Vereins  waren  1901 :  W.  Vocke,  Präsident;  Alex.  Klappen- 
bach, Schatzmeister;  Max  Eberhardt,  x.  Vizepräsident;  Dr.  G.  A.  Zimmer- 
mann, 2.  Vizepräsident;  Emil  Mannhardt,  Sekretär.  Letzterer  ist  auch 
Redakteur  der  Geschichtsblätter.  Das  Direktorium  hält  seine  Sitzungen  am 
I.  jeden  Monats.  Die  Versammlungen  der  Gesellschaft  finden  am  ersten 
Montag  der  Monate  Mai,  Oktober  und  Januar  statt,  die  Jahresversammlung, 
wie  schon  gesagt,  am  12.  Februar.  Oscar  H.  Kraft. 


Kommissloneil.  —  Aus  den  Berichten  über  die  27.  und  28.  Sitzung 
(1901  und  1902)  in  Dessau  und  Wernigerode  der  Historischen  Kom- 
mission für  Sachsen-* Anhalt  ^)  ist  über  den  Fortgang  der  Wissenschaft* 
liehen  Unternehmungen  folgendes  mitzuteilen.  Vom  Urkundenbuche  der  Stadt 
Goslar  ist  der  dritte,  von  Landgerichtsdirektor  Bode  bearbeitete  Teil 
(1301 — 1335)  erschienen,  der  vierte  Teil  (1336 — 1364)  soll  bald  vollendet 
werden.  Die  erste  Abteilung  des  Urkundenbuches  des  Klosters  Pforta  bis 
1350,  bearbeitet  von  Prof.  Böhme,  befindet  sich  im  Druck.  Ausgegeben 
wurde  femer  die  von  Gynmasialdirektor  Thiele  besorgte  Neuausgabe  der 
Erfurter  Chronik  des  Konrad  Stolle  und  das  vom  Gewerbeverein  in  Langen- 
salza  mit  Unterstützung  der  Kommission  herausgegebene  Werk  Orabdenk- 
mäler  der  Bergkirehe  zu  Langensalza.  Eine  grofse  Reihe  anderer  Arbeiten, 
die  in  den  Geschichtsquellen  veröffentlicht  werden  sollen,  schreiten 
rüstig  fort;  die  Besorgung  einer  Ausgabe  des  Briefwechsels  des  Humanisten 
Eoban  Hesse  imd  die  Bearbeitung  eines  Eichsfddischen  Urkundenbuches 
wurde  aus  der  Liste  der  Arbeiten  gestrichen,  da  von  den  Beauftragten  seit 
längerer  Zeit  Berichte  nicht  emgegangen  sind.  —  Als  Neujahrsblatt  erschien 
1901  Ausfeld,  Die  Hof-  und  Haushaltung  der  letzten  Grafen  von  Herme' 
herg  und  1902  Kawerau,  Die  Rückkehr  Luthers  von  der  Wartburg,  — 
Von  der  Beschreibimg  der  Bau-  und  Kunstdenkmäler  sind  die  Kreise  Ziegenrück 
tmd  Schleusingen  erschienen,  Stadtkreis  Aschersleben  und  Stadt-  und  Land- 
kreis Halberstadt  sind   druckfertig.  —  Behufs  Sammlung  aller  vorgeschicht- 

i)  Vgl.  darüber  2.  Bd.,  S.  213—214. 


—     313     — 

liehen  Veröffentlichungen  im  Arbeitsgebiete  wurde  1901  die  Umwandlung 
der  vom  Frovinzialmuseum  in  Halle  herausgegebenen  Mitteilungen  in  eine 
von  der  Konmiission  unterstützte,  regelmäfsig  jährlich  mindestens  15  Bogen 
staik  erscheinende  Jahressekrift  für  die  Vorgeschichte  der  sächsisch-thüringischen 
Länder,  herausgegeben  von  dem  Frovinzialmuseum  der  Provinz  Sachsen  in 
Halle  a.  S.«  beschlossen,  wovon  der  erste  Band  bereits  erschienen  ist.  —  Die 
Arbeit  an  den  geschichtlichen  und  vorgeschichtlichen  Karten  ist  rüstig  fort- 
geschritten, von  den  Grundkarten  sind  5  Sektionen  ganz  fertig,  2  werden 
es  demnächst  und  bei  weiteren  10  Sektionen  ist  die  Situation  (Ortschaften 
und  Flufsläufe  ohne  Namen)  vollendet.  —  Das  von  Prof.  Hertel  bearbeitete 
Wüstungsverxeiehnis  des  Nordthüringgaues  mit  Karte  von  Oberlehrer  R  ei  s  c  h  e  1 
ist  erschienen,  auch  die  entsprechenden  Verzeichnisse  für  die  Kreise  Heiligen- 
stadt, Worbis,  Mühlhausen  und  Duderstadt,  bearbeitet  von  Freiherm  vonWint* 
zingerode-Knorr,  sind  bis  auf  das  Register  im  Drucke  fertig  gestellt.  — 
Die  nach  dem  westf^schen  Vorbild  auszuführende,  von  Archivdirektor  A  u  s  - 
feld  geleitete  Verzeichnung  der  in  der  Provinz  Sachsen  und  detn  Herzog^ 
turne  Anhalt  vorhandefien  nichtstcuülidun  Archive  und  ihres  Inluüts  hat  be- 
gonnen; der  Kreis  Wolmirstedt  ist  fast  vollendet.  —  Im  Jahre  1903  wird 
die  Versammlung  in  Erfurt  stattfinden. 


Dem  fünften  im  Mai  1 902  erstatteten  Jahresbericht  der  Historischen 
Kommission  für  Hessen  und  V^^aldeck ')  ist  über  den  Fortgang  der 
Arbeiten  folgendes  zu  entnehmen.  Ausgegeben  konnte  im  Berichtsjahre  eine 
Publikation  nicht  werden,  aber  der  Druck  des  i.  Bandes  des  Fuldaer  Ur- 
kundenbuches ,  den  Prof.  Tan  gl  bearbeitet,  und  der  des  Friedberger  Ur- 
kundenbuches  hat  begonnen.  Die  übrigen  Arbeiten  sind  zwar  sämtlich  er- 
heblich gefordert  worden,  aber  es  haben  sich  doch  viele  Schwierigkeiten  er- 
geben, welche  längere  Verzögerungen  veranlafsten :  Dr.  Jürges,  der  die 
Waldecker  Chroniken  bearbeitet,  ist  nach  Wiesbaden  übergesiedelt,  Prof. 
Brandi  nach  Göttingen,  wodurch  es  unmöglich  geworden  ist,  die  Urkund- 
lichen Quellen  zur  Geschichte  Landgraf  Philipps  des  Qrofsmütigen,  wie  ge- 
plant, bis  1904,  wo  die  vierte  Zentenarfeier  der  Geburt  Philipps  stattfindet, 
fertig  zu  stellen.  Dagegen  soll  eine  Schrift  über  die  bildlichen  Darstellungen 
des  Landgrafen  zu  dieser  Feier  erscheinen,  deren  Bearbeitung  Prof.  vonDrach 
und  Geh.  Archivrat  Könnecke  übernommen  haben.  Für  das  Münzwerk 
hat  Dr.  Buchenau  im  Winter  1901  — 1902  eine  halbjährige  Reise  unter- 
nonunen.  Für  das  Ortslexikon  hat  Archivrat  Reimer  einige  Proben  be- 
arbeitet, die  dem  Jahresberichte  beiliegen.  —  Der  stattlichen  Einnahme  von 
1 7  93 1  Mk.  steht  nur  eine  Ausgabe  von  5  1 1 1  Mk.  gegenüber,  den  Vorsitz 
fiüirt  Prof.  Freiherr  G.  von  der  Ropp. 

Die  Thüringische  Historische  Kommission')  hielt  1902  ihre 
Jahressitzung  am  21.  Juni  zu  Jena  ab.  Der  i.  Band  der  Sachsen-Emesti- 
nischen  Landtagsakten  ist  im  Berichtsjahre  ausgegeben  worden,  ebenso  das 
mit  Unterstützung  der  Kommission  bearbeitete  Werk  von  Stieda,  Die  An- 


i)  Vgl.  2.  Bd.,  S.  301 — 302. 
2)  Vgl.  2.  Bd.,  S.  238. 


—     314     — 

fange  der  Parzellanvidustrie  auf  dem  Thüringerwalde,  Die  Stadtrechte 
von  Saalfeld  und  Eisenach,  die  Koch  und  Kühn  bearbeiten,  sind 
noch  nicht  zum  Drucke  fertig,  sollen  es  aber  im  laufenden  Jahre  werden 
und  werden  als  Einleitung  eine  Darstellung  der  verfassungsgeschichtlichen 
Entwickelung  der  betreffenden  Städte  erhalten.  Die  Bearbeitung  einer  neuen 
Biographie  Ernsts  des  Frommen  (1601 — 1675)  wurde  Stoy  übertragen,  der 
bis  zum  Universitätsjubiläum  1908  auf  Grund  des  von  Devrient  begonnenen 
Urkundenbuches  der  Universität  Jena  auch  eine  Geschichte  der  Universität 
schreiben  wird.  Archivinventansationsberichte  sind  seit  der  letzten  Sitzung 
im  November  1900  leider  gar  nicht  eingegangen.  Geldmangel  verhindert 
eine  Herstellung  der  Grundkarten  und  der  Matrikel  der  Universität  Jena. 
Das  Verzeichnis  der  thüringischen  Wüstungen  hat  keine  Fortschritte  gemacht.  — 
Als  neue  Unternehmung  beantragte  Archivrat  Mitzschke  die  Schafiung  einer 
historischen  Bibliographie  Thüringens;  Dobenecker,  der  bisher  nur  einen 
Stadtplan  im  Mafsstabe  i  :  2000  (Gera)  erhalten  hat,  wies  aufs  neue  auf  die 
Wichtigkeit  der  Sache  hin.  —  Bezüglich  der  Organisation  ist  zu  bemerken, 
dafs  an  Stelle  Dobeneckers  Prof.  Mentz  die  Stelle  eines  Sekretärs  über- 
nommen hat.  Die  wissenschaftliche  Abteilung  des  Thüringerwald-Vereins  ist 
der  Kommission  beigetreten  und  wird  durch  Archivrat  Mitzschke  (Stell- 
vertreter Sanitätsrat  Zschiesche)  vertreten.  Hauptpfleger  im  Herzogtum  Coburg 
wurde  Archivar  Krieg.  Für  ausgeschiedene  Pfleger  hat  bisher  noch  nicht 
überall  ein  geeigneter  Ersatz  gefunden  werden  können. 

Die  Franzoscnkrankhelt.  —  Die  Geschichte  der  Krankheiten  und 
der  Arzeneikunst  hat  schon  seit  geraumer  Zeit  Bearbeitung  durch  tüchtige 
medizinische  Fachleute  erfahren  *),  aber  wie  auf  der  einen  Seite  die  Verfasser 
nicht  geschulte  Geschichtsforscher  waren,  so  hat  auf  der  anderen  die  zünftige 
Geschichtsforschung  nur  in  recht  bescheidenem  Mafse  von  jenen  Arbeiten 
Gebrauch  gemacht,  obwohl  darin  viele  Fragen  berührt  werden,  die  wie  die 
Geschichte  der  grofsen  Epidemieen  —  Schwarzer  Tod,  Pest,  Cholera  — 
grofses  allgemeingeschichtliches  Interesse  beanspruchen  und  durch  geschicht- 
liche Behandlung  seitens  der  Ärzte  dem  ärztlichen  Laien  vielfach  in  wich- 
tigen Einzelfragen  verständlicher  erscheinen  müssen.  Trotzdem  wird  selbst 
eine  Arbeit  wie  Die  grofsen  Volkskrankheiten  des  Mittelalters  von  Heck  er 
(gesammelt  und  in  erweiterter  Bearbeitung  herausgegeben  von  AugustHirsch, 
Berlin  1865),  deren  Titel  bereits  darauf  schliefsen  läfst,  dafs  sie  ftir  einen 
gröfseren  nichtärztlichen  Leserkreis  bestimmt  ist,  recht  selten  verweitet.  Die 
Geschichte  der  Heilkunde  im  engeren  Sinne,  so  interessant  sie  dem  Arzte 
sein  mag,    hat  ftir  den  Historiker  zunächst  geringere  Bedeutung;   viel  wich- 

i)  E^  seien  hier  nur  die  grolsen  zusammenfassenden  Werke  von  Heinrich  Haeser, 
Lehrbuch  der  Geschichte  der  Medizin  und  der  epidemischen  Krankheiten  (Dritte  Be- 
arbeitung, Jena  1 882),  J.  K  Proksch,  Geschichte  der  venerischen  Krankheiten  (Bonn  1 895) 
und  Th.  Pnschmann,  Handbuch  der  Geschichte  der  Medizin  (Von  dreifsig  verschie- 
denen Forschern  bearbeitet,  beginnt  Jena  1901  zu  erscheinen)  genannt,  die  für  den 
Historiker  wichtiges  Material  enthalten,  aber  ihm  auch  viel  Gelegenheit  zur  Kritik  bieten, 
sei  es,  dafs  die  Quelleninterpretation  nicht  sorgfaltig  genug  erscheint,  sei  es,  dafs  wichtige 
soziale  Einrichtungen,  die  aas  dem  Geiste  der  Zeit  heraus  beurteilt  sein  wollen,  diese 
Beleuchtung  nicht  erfahren. 


—     315     — 

tiger  ist  für  ihn  die  Geschichte  der  Krankheiten  selbst,  namentlich  wenn 
sie  weite  Kreise  ergriffen  haben,  wie  der  Aussatz,  und  sich  mithin  eine 
Menge  sozialer  Folgeerscheinungen  daran  anknüpfen.  Andrerseits  gibt  die 
Geschichte  der  Krankheiten  und  ihrer  Heilung  auch  manchen  Aufschlufs 
über  den  ärztlichen  Beruf  und  Stand  in  seiner  geschichdichen  Entwickelung, 
und  da  von  allen  gelehrten  Bemfen  der  des  Arztes  im  Abendlande  am 
frühesten  einen  welüichen  Charakter  angenommen  hat,  so  bietet  auch  in 
dieser  Hinsicht  die  krankheitsgeschichtliche  Spezialuntersuchung  wichtige  Bau- 
steine für  die  Sozialgeschichte  '). 

Aber  neben  diesen  allgemeinen  Ergebnissen  der  medizingeschichtlichen 
Forschung  sind  auch  die  medizingeschichtlichen  Probleme  im  besonderen  von 
Interesse;  denn  eine  nicht  unbeträchtliche  Reihe  von  Krankheiten  müssen 
m  jeder  deutschen  Geschichte  Erwähnung  finden  :  es  sind  dies  zum  wenigsten 
der  Aussatz  und  der  Schwarze  Tod  im  Mittelalter,  an  der  Wende  von  Mittel- 
alter und  Neuzeit  Franzosenkrankheit,  Englischer  Schweifs  und  Pest,  während 
in  der  neuesten  Zeit  zum  wenigsten  Blattern  und  Cholera  berührt  werden 
müssen.  Von  allen  diesen  ist  wohl  bisher  die  Franzosenkrankheit  von  der 
Geschichtsforschung  —  höchstens  die  Pest  könnte  den  Vergleich  aushalten  — 
am  aufinerksamsten  verfolgt  worden,  war  doch  gerade  bei  ihr  das  Auftreten 
um  1495  so  plötzlich,  die  ganze  Erscheinung  so  neu  und  unerhört  und  die 
Wirkung  so  schrecklich,  dafs  selbst  die  zeitgenössischen  Chronisten  eine 
solche  Merkwürdigkeit  nicht  mit  Schweigen  übergehen  konnten.  Da  zugleich 
die  Verbreitung  in  allen  Gesellschafbschichten  auf  den  sittlichen  Lebens- 
wandel der  Behafteten  schüefsen  läfst,  so  ist  die  Beobachtung  dieser  Dinge 
von  allgemeinstem  Interesse  für  die  noch  so  wenig  bearbeitete  Geschichte 
der  Sittlichkeit  *);  d.  h.  weniger  die  Tatsache  der  Erkrankimg  als  die  naive 
Weise  und  Selbstverständlichkeit,  mit  der  die  Erkrankten  selbst  davon  sprechen, 
ist  es,  was  geschichtlich  gewürdigt  sein  wiU.  Wie  unendlich  reich  die 
Literatur  über  die  Syphilis,  wie  gegenwärtig  die  Franzosenkrankheit  wissen- 
schaftlich heifst,  geworden  ist  und  wie  zahlreich  selbst  tmmittelbar  nach  ihrem 
Bekanntwerden  die  Schriften  darüber  waren,  das  zeigt  ein  Blick  in  die  Biblio- 
gn4>hie  von  Proksch^).  Aber  auch  schon  die  zeitgenössischen  Berichte 
über  ihr  Auftreten  sind  1843  ^^^  Fuchs  ^)  zusammengestellt  worden,  so 
dafs  es  verhältnismäfsig  einfach  ist,  davon  Kenntnis  zu  nehmen. 

Das  Problem,   welches  die  Mediziner    seit  langer  Zeit  beschäftigt   hat, 

i)  Von  diesem  Standpunkte  aus  betrachtet  den  Gegenstand  Hermann  Peters,  Der 
Artt  umd  die  Heilkunst  in  der  deutschen  Vergangenheit  [=  Monographieen  zur  deutschen 
Kalturgeschichte,  herausgegeben  von  Steinhansen,  Dritter  Band].  Leipzig,  Eugen 
Diederichs   1900. 

2)  Im  Zusammenhange  hat  meines  Wissens  bisher  nur  Wilhelm  Rudeck,  ein  Arzt, 
sich  mit  diesem  Gegenstande  beschäftigt,  aber  seine  Geschichte  der  öffentlichen  Sittlichkeit 
in  Deutschland  (Jena,  Costenoble  1897),  so  fleifsig  das  Material  gesammelt  ist,  läfst  doch 
eine  tiefere  allgemeingeschichtliche  Bildung  vermissen  und  läfst  sich,  da  der  Verfasser 
vielfach  an^  abgeleiteten  Quellen  schöpft,  oft  recht  treffende  Bemerkungen  der  Quellen 
entgehen. 

3)  Die  Literatur  Ober  die  venerischen  Krankheiten  (3  Bände,  Bonn  1889-.1891, 
mit  einem  Autorenregister  in  einem  besonderen  Bande  und  einem  starken  Snpplement- 
band,  1900). 

4)  Die  ältesten  SchriftsUller  über  die  Lustseuche  in  Deutschland  von  149$  bis 
iSfo  nebst  mehreren  Anecdotis  späterer  Zeit  (Göttingen   1843). 


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ist  die  Frage  nach  dem  Ursprünge  der  Syphilis:  die  einen*)  meinten, 
dafs  die  Seuche  aus  dem  neu  entdeckten  Amerika  von  den  ersten  Besuchern 
eingeschleppt  worden  sei,  die  anderen,  besonders  Proksch,  waren  der  An- 
sicht imd  erklärten  mit  Bestimmtheit,  dafs  sie  bereits  im  Altertum  und 
Mittelalter  vorhanden  gewesen  sei  und  sich  nur  gegen  £nde  des  XV.  Jahr- 
hunderts allgemeiner  ausgebreitet  habe.  Soviel  auch  darüber  debattiert 
worden  ist,  eine  Entscheidung  war  bisher  nicht  gefisdlen;  und  es  war  von 
vornherein  klar,  dafs  sich  die  Frage  nur  von  demjenigen  würde  gründlich 
imd  überzeugend  beantworten  lassen,  der  mit  den  Grundsätzen  der  historischen 
Kritik  völlig  vertraut  ist  und  zugleich  die  älteren  medizinischen  Fachschrift- 
steiler  ab  Arzt  genügend  zu  würdigen  versteht  In  viel  höherem  Mafse  als 
die  früheren  Bearbeiter  des  Gegenstandes  genügt  diesen  Anforderungen  Iwan 
B 1  o  c  h  ^) ,  der  neuerdings  den  Ursprung  der  Syphilis  wieder  untersucht  hat. 
An  seinen  Ergebnissen  darf  auch  der  Geschichtsforscher  nicht  achtlos  vorüber- 
gehen, zumal  da  eine  Reihe  naheliegender  Fragen,  die  von  früheren  un- 
beantwortet gelassen  waren,  hier  beleuchtet,  nicht  wenige  neue  Quellen  zum 
ersten  Male  herangezogen  tmd  angeblich  zuverlässige  geschichtliche  Nachrichten 
kritisch  zerpflückt  werden.  Die  Untersuchung  hätte  leicht  etwas  knapper  ge- 
halten und  dadurch  ein  Drittel  des  Umfanges  erspart  werden  köimen,  aber 
dafür  sind  dankenswerterweise  die  Quellenstellen  sämtlich  im  Wortlaut  mit- 
geteilt und  der  Verfasser  war  sicherlich  der  Ansicht,  zunächst  für  Mediziner 
zu  schreiben  und  wollte  deswegen  seine  kritischen  Urteile  bis  ins  einzelnste 
begründen.  Die  Ergebnisse,  soweit  sie  für  die  Geschichtsforschung  von  Belang 
sind,  lassen  sich  etwa  folgendermafsen  charakterisieren: 

Die  Tatsache,  dafs  die  Verbreitung  der  Seuche  durch  Italien  und  femer 
das  übrige  westliche  Europa  während  und  nach  dem  Zuge,  den  der  fran- 
zösische König  Karl  VUI.  im  Winter  1494  auf  1495  nach  Italien  unter- 
nahm, stattgefunden  hat,  ist  durch  eine  ganz  aufserordentlich  grofse  Zahl 
zeitgenössischer  Zeugnisse  erhärtet  und  ebenso,  dafs  die  bei  weitem  ver- 
breitetste  unter  den  vielen  ^)  für  die  neue  Krankheit  verwendeten  Bezeich- 
nungen (morbus  gallicus,  mala  franzosa,  Franzosen)  ihren  Ursprung  eben 
darauf  zurückführt,  dafs  man  in  Italien  die  Soldaten  des  französischen 
Heeres  als  die  Einschlepper  der  Krankheit  ansah.  Weiter  erweist  Bloch, 
der  den  Verlauf  des  französischen  Kriegszuges  mit  Bezug  auf  die  Zusammen- 
setzung und  die  Geschicke  des  Heeres  bis  ins  einzelne  verfolgt  (S.  138 — 152), 
dafs  sich  alle  diejenigen  Zeugnisse,  welche  ausdrücklich  mit  Neimung  von 
Jahreszahlen  vor  dieser  Zeit  von  Syphilisf^en  berichten,  tatsächlich  irren, 
und  zwar  wird  zu  diesem  Zwecke  die  innere  Glaubwürdigkeit  der  Quelle 
selbst  untersucht  und  der  darin  enthaltene  Widerspruch  festgestellt 
Am    wichtigsten    ist    der   Nachweis,    dafs    die   von   Bodmann    aufgedeckte 


i)  In  neuerer  Zeit  vor  allem  der  Bonner  Fharmakolog  Binz  in  der  Deutschen  Medi- 
zinischen Wochenschrift  1893,  ^^-  44>  S.   1057  fl 

2)  Der  Ursprung  der  Syphilis  ^  eine  medizinische  und  kulturgeschichtliche  Unier» 
suchung  (Jena,  Gustav  Fischer,  1901.  313  S.  8<>).  Eine  zweite  Abhandlung  ttber  die 
angeblich  schon  im  Altertum  bezeugte  Syphilis,  die  B.  als  nicht  vorhanden  ei  weisen  will, 
soll  folgen. 

3)  Eine  Zusammenstellung  aller  ihm  bekannt  gewordenen  Namen  der  Syphilis  gibt 
Bloch  S.  297 — 305. 


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Erwähnung  in  Mainz  wohl  an  sich  richtig,  aber  dafs  die  Beifügung  der 
Jahreszahl  1472  seine  willkürUche  Beigabe  ist  (S.  47).  Unter  eingehendster 
Feststellung  der  Umstände,  die  mit  des  Kolumbus  Entdeckungsfahrten  im 
Zusammenhange  stehen  (S.  174 — 252),  und  unter  genauester  zeitlicher  Fixierung 
der  Krankheitsfälle,  wird  ferner  festgestellt,  dafs  sicher  schon  die  von  der 
ersten  im  März  1493  beendeten  Seereise  heimkehrenden  Seeleute  die  neue 
Krankheit  mi^ebracht  haben.  Ihre  Existenz  in  Amerika,  besonders  auf 
Haiti,  in  Zentral-  und  Südamerika,  vor  dem  Erscheinen  des  Kolumbus  ist 
ebensowenig  zu  widerlegen,  und  diese  Tatsache  erfahrt  eine  Stütze  dadurch, 
dais  das  den  Eingeborenen  als  Heilmittel  bekannte  Guajakholz  sehr  bald 
nach  Europa  gebracht  wurde  und  sicher  schon  1504  (S.  183)  hier  bekannt 
war.  Die  Ausbreitung  der  Syphilis  in  Europa  und  femer  in  Afrika,  Asien  und 
Australien  wird  schliefslich  im  Überblick  vorgeführt  und  somit  über  Ursprung 
und  erste  Verbreitung  wohl  alles  dasjenige  beigebracht,  was  sich  im  wesent- 
lichen auf  Grund  des  heute  vorliegenden  Quelleiunaterials  überhaupt  sagen  läfst. 

Damit  mögen  die  vom  Standpunkte  der  Medizingeschichte  interessantesten 
Probleme  gelöst  sein,  aber  für  die  Allgemeingeschichte  ist  doch  erst  eine 
verhältnismäfsig  untergeordnete  Frage  beantwortet,  denn  für  diese  ist  nicht 
nur  die  geographische  Verbreitung  im  grofsen,  sondern  die  Fortpflanzung 
Ton  Ort  zu  Ort  und  vor  allem  die  soziale  Ausbreitung,  die  Art,  wie  davon 
Notiz  genonunen  wird,  die  Form  der  sozialen  Folgeerscheinungen  —  Ein- 
wirkung auf  die  Organisation  der  Prostitution,  Gründung  von  Anstalten  zur 
Isolienmg  und  Heilung  der  Kranken  —  von  Wichtigkeit.  Alle  diese  Dinge 
werden  zwar  von  Bloch  gestreift,  aber  sie  sind  noch  längst  nicht  genügend 
dorch  örtlich  und  zeitlich  beschränkte  Einzeluntersuchungen  beleuchtet  als  dafs 
eine  abschliefsende  Zusammenfassung  möglich  wäre.  Hier  ist  der  Punkt,  wo 
zunächst  die  Lokal forschung  einsetzen  müfste:  es  wäre  von  grofsem Interesse, 
wenn  wir  durch  besondere  Arbeiten  über  das  Auftreten  der  Franzosenkrankheit 
zum  wenigsten  in  einem  Dutzend  Städten  während  des  XVI.  Jahrhunderts 
unterrichtet  würden !  Jeder  Ort  wird  in  diesem  Falle  einiges  Material  liefern 
können,  die  gröfseren  Städte  natürlich  voraussichtlich  das  meiste,  aber  nur 
auf  einer  so  breiten  Grundlage  wird  es  möglich  werden,  die  Wirkungen  der 
Seuche  ganz  zu  würdigen.  Neben  den  schon  bezeichneten  Punkten  ist  die 
Frage  nach  der  Sterblichkeit  der  Erkrankten  von  Wichtigkeit,  denn  Zeug- 
nisse dafür,  dafs  recht  viele  daran  gestorben  seien,  und  solche,  die  das 
Gegenteil  feststellen,  liegen  vor.  Für  die  Geschichte  des  ärztlichen  Standes 
wurde  die  Ausbildung  des  Spezialistentums,  die  durch  eine  so  besondere 
Krankheit  natürlich  gefördert  wird,  von  Interesse  sein:  in  Deutschland  gab 
es  einen  solchen  Spezialarzt  15 16  in  Ravensburg,  er  hiefs  Maihiaa  Ile  und 
war  als  weüberüempter  doctor  besonders  wegen  seiner  Erfolge  bei  Behandlung 
der  Franzosenkrankheit  bekannt '). 

Einige  andere  Notizen,  die  mir  gerade  bekannt  geworden  sind,  mögen 
hier  im  Zusammenhange  aufgeführt  werden  —  sie  mögen  andere  zur  Nach- 
ahmung anspornen,  bei  der  Quellenlektüre  derartige  Dinge  anzumerken  und 
zugänghch  zu  machen! 

i)  Zimm£rtsche  Chronik,  herausgegeben  von  Barack  (2.  Anfl.,  Tübingen  1882),  U, 
S.  228,  Z.  14.  Bloch  erwähnt  S.  249,  259,  275  einige  Spezialisten,  legt  aber  keinen 
besonderen  Wert  darauf. 


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Da  Bodmann  als  Fälscher  in  Blochs  Untersuchung  eine  bedeutende 
Rolle  spielt,  wird  es  von  Interesse  sein,  auf  zwei  urkundliche  Mitteilungen 
hinzuweisen ,  die  aus  seinem  Nachlafs  veröffentlicht  worden  sind  ') :  hier  er- 
wecken die  Jahreszahlen  1522  und  1542  nicht  das  geringste  Bedenken, 
geben  aber  vielleicht  selbst  noch  eine  Handhabe  zur  Kritik  der  Zahl  1472 
aus  Bodmanns  eigenem  Material.  Sachlich  scheint  mir  darin  von  Belang 
die  Wendung  vis  holz  legen  lassen  für  die  Behandlung  mit  Guajakholz.  — 
Zwei  bildliche  Darstellungen  aus  der  frühesten  Zeit  der  Fraozosenkrankheit 
teilt  Peters  ^)  mit:  das  erste  ist  ein  Holzschnitt  mit  einem  Gebetstexte,  an 
St.  Dionysius  um  Heilung  von  der  mala  franzos  gerichtet,  der  um  1500  an- 
gesetzt wird,  das  zweite,  äufserlich  dem  ersten  verwandt,  bittet  St  Minus 
um  Befreiung  von  den  blättern  in  welsch  genant  mala  frantxosa;  aber  bei 
diesem  wird  Wolfgang  Homer  in  Nürnberg  als  der  Künstler  genannt  und 
als  Entstehungszeit  1470 — 80  angegeben,  eine  Angabe,  die  sich  unmöglich 
wird  halten  lassen,  da  vor  1495  eine  derartige  Darstellung  in  Deutschland 
unmöglich  sein  dürfte.  —  Eine  ganze  Reihe  wichtiger  Angaben  enthält  die 
schon  oben  erwähnte  Zimmerische  Chronik;  von  Schenk  Erasmus  von  Erbach 
wird  (II,  S.  200)  erzählt,  dafs  er  sich  fünf  bis  sechs  Jahre  vor  seinem 
Tode  —  er  starb  1503,  Sept.  i  —  vor  den  Franzosen  geekelt  habe; 
Schenk  Eberhard  von  Erbach,  der  sich  die  Krankheit  in  seiner  Jugend  als 
Kriegsmann  in  Italien  und  Frankreich  geholt  hat  und  15 16  den  Ravens- 
burger Spezialisten  aufsucht,  hat  auch  seine  Gemahlin  Maria  geb.  Gräfin 
von  Wertheim  angesteckt  (II,  S.  212);  Landgraf  Wilhelm  von  Hessen  ^),  der 
das  tjoildhad  —  also  irgend  ein  Bad  —  dafür  aufsucht  (II,  S.  381),  stirbt 
schliefslich  am  11.  Juli  1509  daran  (II,  S.  213).  —  Die  Erkrankung  von 
Geistlichen  an  der  Lustseuche  ist  wiederholt  —  so  von  Bloch  S.  27,  38, 
118,  168,  260  —  festgestellt  worden,  aber  die  naive  Erzählung  des  Pforz- 
heimer Kanonikus  Dietrich  Wyler  in  seinem  um  1530  verfafsten  Testa- 
mente verdient  doch  eine  besondere  Erwähnung;  er  schreibt  nämlich:  als 
Margret  min  mögt  mir  treulich  gedient  lud  by  dryssig  fünf  jaren  und  sie 
vil  geschmack  und  unreinigkeit  von  der  frantzosen,  die  ich 
gehapt  han,  ingenommen,  oueh  in  minen  krankheiten  mein  trüwHeh  ge- 
nnrt,, .,  so  setz  ich  ir . . .  **).  —  Eine  geschichtliche  Anekdote,  die  besser  als  alles 
andere  zeigt,  in  wie  hohem  Grade  die  Gemüter  der  Ärzte  durch  die  Ratlosigkeit, 
mit  der  man  der  Krankheit  gegenüberstand,  erregt  wurden,  berichtet,  dafs 
im  letzten  Grunde  der  wissenschaftliche  Streit  zwischen  zwei  Leipziger  Medi- 
zinern über  die  Bekämpftmg  der  Franzosenkrankheit  schliefslich  zur  Gründung 
der  Universitäten  Wittenberg  (1502)  und  Frankfurt  a.  d.  Oder  (1506)  geführt 
habe  ^).  —  In  Leipzig  ist  1530  ein  Ziehkind  mit  den  Franzosen  behaftet 
und  steckt  seine  Pflegemutter  an;  im  folgenden  Jahre  wird  berichtet,  dafs 
einer  anderen  Frau,  weil  sie  die  frantz/osen  uberkommen,   die  überwiesenen 


i)  Anseiger  für  Kunde  der  deutschen    Vorzeit^  28.  Bd.  (1881),  S.  334* 

2)  Der  Arzt  und  die  Heilkunst  in  der  deutschen   Vergangenheit^  S.   lo  und   12. 

3)  Vgl.  Hans  Glagan,  Anna  von  Hessen^  die  Mutter  Philipps  des  Gro/sfnütigen 
(Marburg,  Elwert  1899),  S.  5 — 9. 

4)  Korth,   Urkunden  des  Stadtarchivs  zu  Pforzheim  (Pforzheim  1899),  S.  41. 

5)  Gastav  Bauch,    Geschichte  des  Leipziger  FrOhhumanistnus  [^  Beihefte   zum 
Zentralblatt  fUr  Biblioüiekswesen,  7.  Bd.  (1899)],  S.  335. 


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Ziehkinder  genommen  werden  ^).  —  Von  besonderen  Syphilisspitälern 
weüs  Bloch  neben  Sevilla  (S.  233),  wo  1501  ein  solches  entsteht,  nachdem 
schon  seit  1497  ein  anderes  auch  zur  Aufnahme  Syphilitischer  verwendet 
worden  war,  in  Bamberg  und  £rfurt  (beide  1497  errichtet,  S.  269/70)  sowie 
in  Prag  1500  (S.  275)  solche  namhaft  zu  machen.  In  Augsburg  hat  Jakob 
Fugger  für  32  Kranke  ein  „Holz-  oder  Blattemhaus'*  errichtet^),  in  Ham- 
burg wird  das  Hospital  für  Syphilitische  St  Hiob  1505  gegründet  %  in  Würz- 
bar s^  wird  das  längst  bestehende  franlxosenhaus  1542  zugleich  mit  dem 
Amienbaus  von  einem  Wohltäter  mit  einer  Stiftung  von  70  Gulden  bedacht  ^). 
Schon  1520  wird  in  Zwickau  das  ältere  Franziskushospital,  das  in  diesem 
Jahre  Franzosenhaus  heifst,  neu  gebaut  ^).  In  Leipzig  ist  1536  von  einer 
neu  erbauten  Kapelle  für  mit  Aussatz  un